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Aldo Vincento war der größte und einflussreichste Weinbauer eines kleinen Dorfes im Piemont. Nun ist er tot, offenbar von seinem eigenen Sohn Manlio ermordet. Da somit die Herstellung des von Kennern geschätzten »Barbaresco« gefährdet ist, bittet man Aurelio Zen, den Fall rasch zu klären und allen Hinweisen nachzugehen, die Manlio entlasten könnten – zumal dieser die Tat hartnäckig bestreitet. Der Kommissar stochert in einem Nebel aus falschen Anschuldigen, sorgsam gehüteten Geheimnissen und alten Feindschaften, während sich ihm die Wahrheit immer weiter zu entziehen scheint.
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Seitenzahl: 422
Veröffentlichungsjahr: 2015
Aurelio Zen soll einen Fall in einem Trüffel- und Weindorf im malerischen Piemont aufklären: Die gesamte Produktion des von Kennern geschätzten »Barbaresco« steht auf dem Spiel, denn Winzer Aldo Vincenzo wurde ermordet. Der Kommissar stößt auf sorgsam gehütete Geheimnisse rund um Wein, Trüffel und alte Feindschaften.
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Michael Dibdin (1947–2007) studierte englische Literatur in England und Kanada. Vier Jahre lehrte er an der Universität von Perugia. Bekannt wurde er durch seine Figur Aurelio Zen, einen in Italien ermittelnden Polizeikommissar.
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Martin Hielscher (*1957) studierte Neuere Deutsche Literatur und Philosophie. Er arbeitet als Übersetzer, Lektor und Dozent.
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Michael Dibdin
Schwarzer Trüffel
Aurelio Zen ermittelt im Piemont
Kriminalroman
Aus dem Englischen von Martin Hielscher
Aurelio Zen ermittelt (6)
E-Book-Ausgabe
Unionsverlag
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Die Originalausgabe erschien 1998 unter dem Titel A Long Finish im Verlag Faber and Faber, London.
Die deutsche Erstausgabe erschien 1999 im Goldmann Verlag, München.
Originaltitel: A Long Finish (1998)
© by Michael Dibdin 1998
© by Unionsverlag, Zürich 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: birillo 81
Umschlaggestaltung: Martina Heuer
ISBN 978-3-293-30887-9
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Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
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Inhaltsverzeichnis
SCHWARZER TRÜFFEL
Später – als die Nachricht von dem …Barolo, Barbaresco, Brunello. Ich bin Purist, Doktor Zen …Als sie mit ihrer Mahlzeit fertig waren …Mit zitternden Fingern entblätterte Aurelio Zen das Heilmittel …Als die Hündin das erste Mal auftauchte und …Er erwachte nackt und mit Blut befleckt …Mit diesen Worten ging Tullio Legna davon und …Das folgende Essen bot Aurelio Zen keineswegs zum …MOMBARUZZO, BUBBIO COAZZOLO. Sommariva fello fontanile?«Als Aurelio Zen zwei Stunden später das Gut …Nachdem Minot Aurelio Zen in Palazzuole abgesetzt hatte …Als sie noch lebte, hat meine Mutter immer …Oh, nicht übel«, antwortete Minot auf die rhetorische …Es war dunkel, als Aurelio Zen wieder in …Als er am nächsten Morgen das Hotel verließ …Zen kehrte an jenem Nachmittag erst spät in …Und so fing ohne Vorwarnung alles wieder von …Minot lag unter seinem Lastwagen und war gerade …Wir wollen einen Anwalt«, sagte Gianni FaiganoDas Telefon weckte ihn, eine Rettungsaktion, so grausam …Als sie kamen, um ihn zu holen …GEGENSTAND: Vernehmung von Faigano, Gianni EdoardoAurelio Zens nächster Kunde saß in diesem Augenblick …Als es zehn Uhr schlug – in vielerlei …Aurelio Zen war schon in der Drehtür des …Das wird nicht klappen«, sagte Tullio Legna und …Wie manche Kinder kam der folgende Tag mild …Minot genoss den Zustand, den er am liebsten …DankMehr über dieses Buch
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Später – als die Nachricht von dem, was passiert war, die Runde machte und eine Zeit lang, in den unterschiedlichsten Versionen, zum Gesprächsthema der ganzen Nation wurde – errichtete ein Fernsehteam eine Satellitenschüssel auf einer Lichtung am Hang hinter dem Anwesen der Faiganos, wobei man ein kleines Vermögen, zumindest in den Augen der Hiesigen, für die vorübergehenden Nutzungsrechte von ein paar Quadratmetern Land bezahlte, das so öde, so unfruchtbar, ja so ganz und gar nutzlos war, dass es auf der geistigen Landkarte der Einheimischen praktisch nicht mehr existierte. Die Leute kratzten sich am Kopf und murmelten: »Das haben sie bezahlt? Für il Bric Liserdin?«, wobei sie diese Absurdität nicht weniger zu schockieren schien als die Sache selbst.
Die Sache. So sprach man über die Ereignisse, als ob das alles nicht mehr mit ihnen zu tun hätte als die Metallschüssel, die die Fremden aus Mailand anschleppten und gegen eine dicke Gebühr im Gestrüpp dieses steilen Hanges aufstellten, wo sich unentwegt Felsbrocken an die Oberfläche arbeiteten wie Maulwürfe und den Boden immer noch unbrauchbarer machten, auf den die Vorfahren von Gianni und Maurizio so viel vergebliche Mühe verwendet hatten: Seine einzige Frucht waren und blieben die Steine, mit denen man die Terrassen auf der anderen Seite des Hügels anlegte, Weinberge in guter Lage.
Die Fernsehleute jedoch bevorzugten anscheinend – jedem Naturgesetz zuwider – genau die Lage jenes dürren Streifens Ödland mit Blick auf irgendeinen himmlischen Körper, der, für das nackte Auge unsichtbar, angeblich dort im Raum schwebte wie die Engel auf den Fresken der Dorfkirche, bewegungslos über dem rotierenden Erdball verharrte und den ganzen Klatsch der Dorfbewohner sammelte, ihr Geschwätz und ihre Ausflüchte, um alles wieder hinabzusenden, sodass sie sich später selbst dabei zusehen konnten, wie sie live am Ort der Tragödie interviewt worden waren.
Er selbst konnte natürlich nicht gefragt werden, auch später nicht. Der Mann, dem sie weit mehr bezahlt hätten als den Faigano-Brüdern, um ihn nach seinen Erlebnissen und entsprechenden Empfindungen zu fragen, musste zusehen bei dieser Farce, musste sich jeden Kommentar verkneifen und so tun, als wisse er nicht mehr als das, was er auf der Straße gehört und im Fernsehen gesehen hatte. Er war frustriert, und das nagte an ihm, quälte ihn wie Bauchschmerzen, verdarb ihm jede Freude und legte sich wie eine schwere Last auf all den anderen Kummer. Hätte irgendjemand etwas von seinem Zustand geahnt, so hätte das vielleicht helfen können, die späteren Ereignisse zu erklären – vielleicht sogar zu verhindern –, die, wenn auch auf ganz andere Art und Weise als la Cosa, trotzdem zur einmaligen, traurigen Berühmtheit beigetragen hatten, zu der die Gemeinde inzwischen gelangt war.
Aber all das kam später. Damals nahm er nichts wahr als das schwache, trübe Licht im Osten, die fetten Lehmklumpen unter den Füßen, den Dunst, der aus dem Flusstal heraufquoll, und das eifrige Hecheln des Hundes, der gehorsam bei Fuß blieb. Er nahm dies und auch alles andere in seiner unmittelbaren Umgebung sehr intensiv wahr, als er zwischen den Rebstöcken den Hang hinaufging, in einer Hand einen großen Strauß weißer Blumen. Er hielt sich geduckt, um nicht über das rotbraune und goldene Laubwerk hinauszuragen, das aus uralten, durch intensives Beschneiden kurz gehaltenen Stümpfen spross. Mit all dem Geld, das die Vincenzos verdienten, konnten sie die traditionellen Stangen für die Spalierdrähte durch Betonpfeiler ersetzen, die fein säuberlich über den ganzen Hang gesetzt waren wie die Reihen der Grabkreuze auf dem Soldatenfriedhof am Rande des Dorfes.
Er hatte seine Route sorgfältig gewählt. Zwar schützten ihn die Weinstöcke nur auf zwei Seiten vor Blicken, doch waren die entscheidend. Zu seiner Rechten lag die Straße, die den Hügelkamm entlang nach Alba führte. Seit er durch ein gut verborgenes Loch, das er in den Zaun geschnitten hatte, aufs Feld geschlüpft war, war nur ein einziger Wagen vorbeigekommen, der aber weitergefahren war, ohne die Geschwindigkeit zu drosseln. Die größere Gefahr lag auf der anderen Seite, wo auf einem Nachbarhang in etwa einer Meile Entfernung die Vincenzo-Villa mit den dazugehörigen Nebengebäuden lag. Wäre ihr Besitzer zu dieser Stunde schon wach gewesen und hätte beobachtet, wie der Dunst durch seine Weinstöcke trieb wie der Rauch einer Zigarre, so hätte er gut und gerne dort draußen etwas ausmachen können, das sich bewegte, und er wäre nach drinnen gegangen, um Fernglas und Gewehr zu holen. Selbst in fortgeschrittenem Alter war Aldo Vincenzos Sehschärfe noch ebenso legendär wie sein Misstrauen und seine Unnachgiebigkeit. Doch der Eindringling war ziemlich sicher, dass an diesem Morgen noch niemand auf den Beinen war, denn er hatte nicht nur seinen Weg, sondern auch den Zeitpunkt sorgfältig bedacht.
Der Preis, den er für den Sichtschutz auf beiden Seiten durch die Rebstöcke zahlte, war die fast vollständige Schutzlosigkeit in die beiden anderen Richtungen, doch hatte er hier noch weniger Bedenken, unbeobachtet passieren zu können. In seinem Rücken fiel das Gelände ab zu einer Schneise für die Bahngleise, die so tief lag, dass in dieser Richtung nichts zu sehen war, mit Ausnahme der schwachen Silhouette von Palazzuole, das sich in der Ferne oben auf seinem Hügel aus dem Dunst erhob. Vor ihm, auf dem Bergkamm, lag ein kleiner, dicht bewaldeter Abhang, den man sich selbst überließ, ein kümmerliches, nach Norden gelegenes Stück Land voller Gestrüpp, das selbst Aldo für unkultivierbar hielt. Die Straße von Alba nach Acqui war eine einzige befestigte Kurve über diesen Hügel, so steil und eng, dass die Fahrer auch heute noch vom Gas gehen, herunterschalten und sich ernsthaft auf das Lenkrad konzentrieren mussten. Damals, 1944, hatte die Steigung die schwachen, überladenen und schwerfälligen Lastwagen beinahe zum Stehen gebracht, meist noch bevor der Fahrer den Baum bemerkt hatte, der quer über der Straße lag …
Damals, während sie warteten, hatte Angelin den Trüffel entdeckt. Sie beide waren an dieser Straßenseite stationiert worden, während sich die anderen tief im Wald versteckt hielten, der damals noch der Cravioli-Familie gehört hatte. Nun war auch er Teil von Aldos Reich, genau wie die dichten, ausgedehnten Weinberge jenseits der Straße.
Es war ein einfacher Plan gewesen. Die Mannschaft des republikanischen Konvois verließ Alba in aller Eile, nachdem es von den Partisanen eingenommen worden war. Sobald sie ausgestiegen waren, um die umgestürzte Birke aus dem Weg zu räumen, sollten die Männer auf dem Abhang darüber mit einem aufgebockten Maschinengewehr, das man vor einigen Wochen einer deutschen Einheit abgenommen hatte, einfach von rechts nach links alles niedermachen. Er und Angelin sollten jeden Fascisti erschießen, der versuchte, sich auf ihrer Seite in die Wälder zu schlagen.
In der Zwischenzeit hatten sie nichts anderes zu tun, als zu warten. Die Menschen heutzutage hatten keine Ahnung, wie viel Zeit man damals mit Warten verbrachte. Sie dachten, Krieg sei immer bloß Gewehrfeuer und Explosionen, Sirenen und Schreie, aber in seiner Erinnerung waren es lange Phasen von Langeweile, die, wie eine Sommernacht durch einen Blitz, von Augenblicken heftigster Erregung unterbrochen wurden, die er bis dahin nie für möglich gehalten hätte. Damals war er fünfzehn gewesen und unsterblich. Der Tod war etwas, das anderen Menschen widerfuhr. Der Gedanke, getötet zu werden, kam ihm ebenso wenig in den Sinn wie der, dass er schwanger werden könnte.
Wie sich herausstellte, hatte er recht. Alles ging nach Plan, außer dass Angelin von einem Querschläger erwischt wurde, der das bisschen, was er an Gehirn gehabt hatte, über Mulch und Moos des Unterholzes verspritzte. Aber obwohl es niemand so direkt sagte, war Angelin entbehrlich, und in jeder anderen Hinsicht war der Hinterhalt lehrbuchmäßig geglückt. Mussolinis zähe Kämpfer waren in Sekundenschnelle niedergemäht worden – alle bis auf einen Jugendlichen, der seine Waffe wegwarf, stammelnd um sein Leben flehte und aus kurzer Entfernung liquidiert werden musste.
Aber alles, was er während jener endlosen Wartezeit wahrgenommen hatte, war das fahle Licht gewesen, das durch die Bäume fiel, und die rauschende Stille, die nur durch das kratzende Geräusch gestört wurde, das sein Kamerad beim Graben machte. Angelin hatte ein kleines Messer mit einer kurzen Klinge angesetzt und höhlte gewissenhaft den Hang vor der Eiche aus, hinter der sie sich versteckt hielten. Schließlich ging ihm das Schaben auf die Nerven. »Was machst du da?«, flüsterte er gereizt.
Angelin lächelte ausdruckslos, beinahe spöttisch. »Ich rieche was.«
Als Antwort hatte er einen Fluch gemurmelt. Es war nicht nur das Geräusch, das ihm auf die Nerven ging, es war die ganze Situation. Jeder wusste, dass Angelin gleich nach dem Dorftrottel kam, und es war Strafe genug, dass er dazu abgestellt worden war, ihm auf der anderen Straßenseite Gesellschaft zu leisten, wo sowieso nichts passierte. Er konnte sich schon vorstellen, was die anderen gesagt hatten, damals bei dem Vorbereitungstreffen, zu dem er nicht eingeladen worden war. »Stecken wir den Kleinen zu Angelin. Da kann er wenigstens keinen Schaden anrichten.« Sie hatten nie vergessen, dass er irgendwann einmal vor lauter Aufregung das Feuer bereits eröffnet hatte, noch bevor der Befehl dazu ergangen war, und dadurch beinahe die ganze Aktion gefährdet hatte. Letztlich war nichts schiefgegangen, aber einer der älteren Männer hatte einen groben Witz über vorzeitigen Samenerguss gemacht, und seitdem hatten sie ihn immer auf Distanz gehalten, wenn es um bewaffnete Einsätze ging. Niemand stellte seinen Mut infrage, aber sie trauten seinem Urteilsvermögen nicht mehr.
Angelin hatte weitergegraben, hatte gekratzt und geschnüffelt, bis er einen Graben von etwa 30 Zentimetern Breite in der weichen Erde am Fuß eines der Bäume ausgehoben hatte. Schließlich grub er einen dreckigen Klumpen aus, ein Knochen oder ein Stück Kreide vielleicht, säbelte eine Ecke davon ab und präsentierte sie, aufgespießt auf seine Messerspitze. »Weißer Diamant!«, flüsterte er, so rührend auf Lob bedacht wie ein Trüffelhund auf die trockene, altbackene Brotkruste, mit der man ihn abspeisen würde, nachdem er dieselbe Arbeit verrichtet hätte.
In diesem Augenblick hörten sie die Geräusche des Konvois in der Ferne, hochtourige Motoren, die sich den Hügel aus dem Tanarotal hochkämpften. Später war natürlich keine Zeit mehr für Erklärungen gewesen. Die Lastwagen mussten gewendet werden, und Kisten voller Dokumente und Akten aus der Questura in Alba mussten aus- und wieder eingeladen werden, zusammen mit all den Waffen und der Munition, die sie der Eskorte hatten abnehmen können. Sie hatten Angelins Leichnam einfach zurückgelassen. Man konnte beim besten Willen nichts mehr für ihn tun. Es gab auch keine Möglichkeit mehr, die Kugel zu identifizieren, die sich durch seinen Hinterkopf gebohrt und sich dann irgendwo im Mulch eingegraben hatte. Sie alle wussten, dass Kugeln völlig außer Kontrolle querschlagen konnten. Vor allem aber wussten sie, dass der Lärm der Schießerei weithin hörbar gewesen sein musste und dass sehr bald ein feindliches Sonderkommando anrücken würde, um die Lage zu klären.
Er kehrte erst im folgenden Jahr an den Ort des Überfalls zurück. Zu dem Zeitpunkt war der Krieg vorbei, und seine Opfer hatten allmählich den zu Stein gewordenen, vorbildhaften Status von Märtyrern und mythischen Helden angenommen. In der Kurve, dort, wo Angelin gestorben war – wenn auch auf der anderen Seite, als ob er am eigentlichen Kampfeinsatz teilgenommen hätte –, war ein Sockel errichtet worden, auf dem sein Name, ein Datum und die Worte standen: »Hier fiel er für Italien durch die Kugel eines barbarischen Feindes.« Ein verblichener Kranz in den Nationalfarben zierte das steinerne Mahnmal. Angelins Exkamerad hatte die Inschrift ohne jede Regung gelesen. Dann, nachdem er sich vergewissert hatte, dass ihn niemand beobachtete, stieg er in den Wald hinunter und begann zu graben.
Und das ging so über mehrere Jahre hinweg. In mancher Saison war die Ernte reichlich, in manchen nur spärlich, oder sie blieb ganz aus. So waren Trüffeln eben: kapriziös wie eine Frau und einfach unberechenbar. Es war ein Teil ihres großen Geheimnisses. Da er nicht die Nase des verstorbenen Angelin für ihren stechenden Geruch besaß – womit die Natur ohne Zweifel seine Mängel auf anderen Gebieten kompensiert hatte –, nahm er sich einen Tabui zu Hilfe, einen der sorgfältig gezüchteten und abgerichteten Köter, die im Umkreis von zehn Metern jedes Exemplar eines tuber magnatum Pico auf Anhieb ausmachen können.
Die Ader, die Angelin auf diesem vernachlässigten Streifen Ödland am Rande des Gutes der Vincenzos entdeckt hatte, war nicht sein einziges Jagdgebiet, dennoch waren die Gewinne in den ersten Jahren gering. Er behielt ein paar der kleineren Knollen für den eigenen Gebrauch und verkaufte den Rest entweder an Zwischenhändler auf dem inoffiziellen Markt in den Seitenstraßen von Alba oder direkt an verschiedene Restaurants und Gourmets vor Ort. Wenn man bedenkt, dass die Kosten nur aus seiner Zeit bestanden, die im Grunde keinen Wert besaß, dann war der Verdienst ganz ordentlich. Zusammen mit dem einen oder anderen Gelegenheitsjob, Teilzeit-Transportarbeit und allen möglichen »Mädchen für alles«-Einsätzen brachte das genug ein, um bescheiden davon zu leben.
Dann trat, zunächst unmerklich, eine Veränderung ein. Eines der ersten Anzeichen dafür – und von seinem Standpunkt aus das schwerwiegendste – war der Stacheldrahtzaun, den Aldo Vincenzo um seinen Besitz herum errichtet hatte. Die Weine der Region hatten inzwischen einigen Ruhm erlangt und erzielten plötzlich Preise, die alles bislang Dagewesene übertrafen; die Trauben, aus denen man sie gewann, stiegen entsprechend im Wert. Man erzählte sich sogar, Aldo Vincenzo würde dem Beispiel einiger anderer Winzer der Gegend nacheifern, indem er seinen Sohn Manlio ein Fach namens »Weinbau« studieren ließ, was den meisten in der Gemeinde ebenso absurd vorkam, wie einen Jungen zur Universität zu schicken, um dort das Leben zu lernen.
Zur gleichen Zeit etwa, als die Weine der Langhe begannen, internationales Ansehen zu erlangen, und es ihm entsprechend schwer machten, an seinen geheimen Schatz weißer Trüffeln zu gelangen, hob der Markt für dieselben in noch überwältigenderem Maße und im buchstäblichen Sinne geradezu ab. Da Trüffeln ihren Geschmack schon nach wenigen Tagen verlieren, war bis dahin der größte Teil der Ernte vor Ort verbraucht worden. Nur kleine Mengen wurden mit der Bahn zu Hotels und Restaurants in anderen Gegenden Italiens exportiert, eine Handvoll auch nach Österreich, Frankreich und in die Schweiz. Dann begann die Ära der Luftfracht. »Weißer Diamant!«, hatte Angelin gesagt, aber diese sprichwörtliche Metapher war bald schon Schnee von gestern. Gramm für Gramm ließ la Trifola ungeschliffene Diamanten geradezu billig erscheinen. Internationale Händler wetteiferten miteinander, um an die kostbaren Knollen zu kommen und sie an ihre ungeduldigen Kunden in London, New York und Tokio zu versenden.
Es war ein Weltmarkt, aber die Versorgung war ausschließlich durch eine Region gewährleistet. Irgendein unerforschter russischer Hügel oder ein kambodschanisches Tal mochte vielleicht ähnliche Schätze bergen, aber weiße Trüffeln konnte man nicht züchten, und derzeit war die einzig verlässliche Quelle ein kleines Gebiet im südlichen Piemont rund um die Stadt Alba. Die Preise schossen in die Höhe, und die Trifolai wurden noch zurückhaltender, was die genaue Lage ihrer bevorzugten Fundstelle betraf. Angelins Entdeckung wurde somit nur noch wertvoller. Denn niemand vermutete, dass dieses vergessene Stückchen Wald am Rande des Vincenzo-Anwesens eine Mine für den so begehrten weißen Diamanten sein könnte. Wie der Hang, den die Faigano-Brüder später für ein kleines Vermögen an die Medien vermieteten, war es von der Landkarte gerutscht.
Sollte ihn allerdings irgendjemand dort graben sehen oder bemerken, dass der Stacheldrahtzaun, der eigentlich zum Schutz der Weinstöcke dort errichtet worden war, aufgeschnitten war, würde sich das alles blitzschnell ändern. Deshalb war er auch nicht während der Dunkelheit gekommen, der traditionellen Jagdsaison für die »Phantome der Nacht«, wie man die Trüffeljäger nannte. Nachts hätte er eine Fackel mitführen müssen, weithin sichtbar. Und die Leute in dieser Gegend waren von Natur aus neugierig. Alles geschah nach altehrwürdiger Ordnung und Regel. Jegliche Ausnahme war eine potenziell interessante Anomalie, die man zu beachten und an andere weiterzugeben hatte. Daher auch der Umweg, den er gewählt hatte, um sich der bewussten Stelle zu nähern, daher vor allem sein Timing.
Am Vorabend hatte die Festa della Vendemmia stattgefunden, die alljährlich am ersten Samstag im Oktober in Palazzuole gefeiert wurde. Der Tag der eigentlichen Weinlese variierte von Jahr zu Jahr und von Weinberg zu Weinberg, je nachdem, wie das Wetter gewesen war und welches Risiko der Erzeuger einzugehen bereit war für eine möglicherweise noch reifere Frucht. Aber das Datum der Festa im Dorf war fest, wie die Exzesse und Rituale, die man damit verband. Am Samstag aßen und tranken alle und tanzten und tranken und flirteten und tranken und verfielen in Erinnerungen und tranken und wurden dann rührselig und nostalgisch und schwärmerisch. Das gesamte Dorf war bis weit nach Mitternacht auf den Beinen, man schlief bis spät in den nächsten Morgen hinein und hievte sich dann widerstrebend aus dem Bett, klammerte sich an seinen dicken Schädel, als wäre man tatsächlich krank im Kopf, und stolperte in die Kirche, um zum Gottesdienst zu gehen, der den göttlichen Segen auf das Ereignis herabflehen sollte, von dem praktisch ihr ganzes Leben auf die eine oder andere Weise abhing.
Und so wusste er, als er sich seinen Weg auf dem schlammigen Pfad zwischen den zwei Rebzeilen suchte, dass die Chance praktisch gleich null war, dass irgendjemand, wie wachsam und misstrauisch er auch immer sein mochte, an diesem besonderen Sonntagmorgen in dem diesigen Zwielicht vor Sonnenaufgang schon auf den Beinen war. Und während er sich bei der Feier am Vortag hatte sehen lassen – es nicht zu tun, hätte ihn unausweichlich ins Gerede gebracht –, hatte er dafür gesorgt, dass ein paar Gläser Wein sehr viel länger vorhielten, als es den Anschein hatte. Frisch und hellwach war er also um fünf Uhr morgens aufgestanden, bereit für seine jährliche, aber ganz private Zeremonie.
Er nannte dies in Gedanken »Blumen auf Angelins Grabstein legen«, obwohl das angebliche Opfer eines barbarischen Feindes natürlich nicht dort begraben war, wo es getötet worden war. Aber die Blumen waren echt: ein rührend kunstloser Strauß von weißen Chrysanthemen, den er am vorhergehenden Tag vor den Augen mehrerer Zeugen gekauft hatte. Er hatte ihnen erzählt, die Blumen wären für seine Mutter, hatte jedoch das Gespräch mit einem verlegenen Achselzucken beendet, an das man sich bestimmt erinnern würde, sollte man ihn tatsächlich erwischen und fragen, aus welchem Grund er sich an diesem Morgen auf dem Grundstück der Vincenzos aufgehalten habe. »Ich wollte lediglich meinem gefallenen Kameraden eine Ehre erweisen«, würde er sagen, und seine Stimme würde wegen der so lang unterdrückten Gefühle brechen. »Die Leute sagten, er sei einfältig, für mich aber war er ein Freund …«
Niemand, so glaubte er, würde es danach noch wagen, ihn weiter auszufragen. Seine offensichtliche Trauer würde für sich selbst sprechen, denn – so merkwürdig das auch scheinen mochte – er glaubte inzwischen selbst an diese Version. Und so war er eigentlich, als er an diesem Herbstmorgen durch den Weinberg schlich, gleichzeitig zwei ganz verschiedene Personen, die nach ganz unterschiedlichen Dingen suchten: Zum einen war er ein wachsamer und skrupelloser Trüffeldieb, zum anderen war er ein ältlicher Veteran der Widerstandsbewegung, der einen toten Waffenbruder ehrte.
Da plötzlich bemerkte er, wie sich etwas vor ihm zwischen den Weinstöcken bewegte, an denen schwer die fetten blutroten Trauben hingen, aus denen der Barbaresco, für den diese Gegend berühmt war, gewonnen wurde. Und doch hätte auch jetzt noch alles gut gehen können. Er war immer schon ein Meister des schnellen und lautlosen Rückzugs gewesen, und er hätte sich leicht linker Hand durch die Weinstöcke schlagen und auf dem Weg, den er gekommen war, wieder davonmachen können. Aber Anna hatte die Witterung des Fremden bereits aufgenommen. Da sie angeleint war, konnte sie nicht vorpreschen, um auszumachen, was es war, und so begann sie – wie Hunde nun einmal sind – zu bellen. Die Gestalt, die sich zwischen den Weinstöcken versteckt gehalten hatte, richtete sich auf und wandte sich ihm zu.
»Was zum Teufel machst du denn hier?«
Er gab keine Antwort.
»Hast du nicht die Schilder am Zaun gesehen? Da steht ›Für Unbefugte Zutritt verboten‹. Weißt du, was das bedeutet, oder bist du obendrein auch noch Analphabet?«
Die Hündin stand zwischen ihnen und blickte von einem zum anderen, als ob sie unsicher wäre, auf welche Seite sie sich schlagen, wen sie verteidigen oder auf wen sie losgehen sollte. Da ergriff der Mann, der sie mitgeführt hatte, die Initiative und ging mit langsamen, selbstsicheren Schritten weiter, in seiner rechten Hand die Sapet, die deichselförmige Breithacke, mit der man Trüffeln ausgräbt.
Und so fing alles an.
Barolo, Barbaresco, Brunello. Ich bin Purist, Doktor Zen. Ich bin außerdem zufällig in der Lage, mir diese klassische Schlichtheit leisten zu können, ein absoluter Luxus der Menschen, die alles haben können, was sie wollen. Beim Wein genügen mir die drei Bs ebenso wie in der Musik.«
»Ich verstehe«, sagte Aurelio Zen, der nichts verstand oder sah außer den Kisten voller Flaschen, die weit in das Dunkel des riesigen, kalten, feuchten Weinkellers hineinreichten, dessen Deckengewölbe mit einem weißen Geflecht aus Salpeter überzogen war.
»Barolo ist der Bach unter den Weinen«, fuhr sein Gastgeber fort. »Kräftig, strukturiert bis ins Äußerste, ein bisschen streng, aber absolut elementar. Der Barbaresco ist wie Beethoven, der diese Eigenschaften übernimmt und sie in die einzigartigen Höhen subjektiver Leidenschaft und persönlichen Schmerzes erhebt. Und der Brunello ist wie Brahms, ein weicher, voller und romantischer Ausklang nach derart kraftvoller Intensität.« Aurelio Zen blieb die Notwendigkeit einer Antwort durch einen Hustenanfall erspart, der ihm im richtigen Moment die Sprache raubte.
»Wie lange haben Sie diesen Husten schon?«, fragte der andere Mann mit allzu offensichtlich geheuchelter Besorgtheit. »Kommen Sie, lassen Sie uns wieder hochgehen.«
»Nein, nein, nur ein leichter Anflug von Grippe. Das bisschen Husten wird mich schon nicht umbringen.«
Zens Gastgeber warf ihm einen stechenden Blick zu. Auf jemanden, der ihn nicht sofort erkannte – von so jemandem hatte man allerdings noch nie gehört –, hätte er vielleicht unscheinbar wirken können: Er war sehr gepflegt und fit für seine etwas über sechzig Jahre und fiel hauptsächlich auf durch die teuren Stoffe, die ihn wie eine zweite Haut umhüllten, und durch ein Gesicht, dessen Runzeln und Falten nicht so sehr das tatsächliche Alter als vielmehr ein Erbe zu verraten schienen, als sei es bereits von zahllosen anderen berühmten und mächtigen Familienmitgliedern getragen worden, bevor es dem gegenwärtigen Besitzer vermacht worden war.
»Sie umbringen?«, rief er. »Natürlich nicht!«
Mit einem unvermittelten Lachen ging er weiter voran in das Labyrinth unterirdischer Höhlen. Das einzige Licht kam von der kleinen Fackel, die er trug und die von rechts nach links schaukelte und dabei Stapel dunkelbrauner Flaschen beleuchtete, die von Schimmel und Staub überzogen waren.
»Ich bin auch in der Auswahl ein Purist«, verkündete er in dem gleichen belehrenden Tonfall. »Conterno und Giacosa für Barolo, Gaja und Vincenzo für Barbaresco. Und bis vor Kurzem, ja bis sich all diese Unerfreulichkeiten ereigneten, Biondi Santi für Brunello. ›Poco, ma buono‹ war schon immer mein Motto. Ich besitze ausgezeichnete Bestände von unschätzbarem Wert jeden Jahrgangs seit 1961, wahrscheinlich die beste Sammlung des legendären ’58er und ’71er im ganzen Land, ganz zu schweigen von solchen Verstiegenheiten wie einem Brunello aus meinem Geburtsjahr. Unter diesen außergewöhnlichen Umständen nehmen vertikale Proben eine geradezu klassische Strenge und Bedeutung an.«
Er drehte sich um und leuchtete Zen mit seiner Fackel ins Gesicht. »Sie sind Venezianer. Sie trinken fruchtigen, frischen Vino sfuso aus dem Friaul, der nicht länger als ein Jahr liegen darf. Sie müssen mich für verrückt halten.«
Ein weiterer, massiver Hustenanfall, der mit einem lauten Niesen endete, war die einzige Antwort. Der andere Mann fasste Zen am Arm. »Kommen Sie, Sie fühlen sich nicht gut! Wir gehen zurück.«
»Nein, nein, nicht der Rede wert.«
Aurelio Zen gab sich ersichtlich Mühe, seine Probleme in den Griff zu bekommen. »Sie sagten gerade, dass ich nichts vom Wein verstehe. Das ist natürlich wahr. Was ich jedoch wirklich nicht verstehe, ist der Grund, warum ich überhaupt hierherzitiert worden bin.«
Sein Gastgeber lächelte und zog eine Augenbraue nach oben. »Aber das ist doch ein und dasselbe!«
Er drehte sich um und schritt den gefliesten Gang zwischen den Kisten davon. Da es um ihn herum immer dunkler wurde, hatte Zen keine andere Wahl, als ihm zu folgen.
Die Anweisung zu diesem Besuch in der römischen Villa des weltberühmten Film- und Opernregisseurs, dessen künstlerischem Ruhm lediglich die hartnäckigen Gerüchte über sein Privatleben das Wasser reichen konnten, war in Form einer Hausmitteilung zu ihm gelangt, die vor ein paar Tagen auf seinem Schreibtisch im Innenministerium gelegen hatte. »Im Hinblick auf eine mögliche parallele Ermittlung, die der Minister im Falle Vincenzo erwägt (siehe beiliegende Akte), werden Sie ersucht, am nächsten Freitag um 10.30 Uhr im Palazzo Torrozzo, Via del Corso, zu einer informativen Lagebesprechung bezüglich der Hintergründe zu erscheinen. Die Unterredung wird geleitet von …«
Der Name, der dann folgte, tat seine volle Wirkung. Giorgio De Angelis, der einzige Freund, den Zen bei der Kriminalpolizei noch hatte, pfiff anerkennend, als er ihn über Zens Schulter hinweg las. »Mamma mia! Darf ich auch kommen? Kriegen wir Autogramme? Damit könnte ich ein ganzes Jahr lang zum Essen gehen!«
»Ja, aber wer bezahlt die Rechnung?«, hatte Zen gemurmelt, als würde er mit sich selbst sprechen.
Und genau das war die Frage, die sich auch jetzt wieder stellte, nun allerdings mit mehr Nachdruck. Jene fragwürdige Berühmtheit hatte Zen sicher nicht in seinen Palazzo geladen, an diesen Ort unzähliger Feste, über die immer ausführlich berichtet wurde und die »zeigten, dass die uralte Tradition der Orgie noch nicht erloschen war«, nur um ihm seine Weinsammlung zu präsentieren. Irgendwann würde man zum Kern der Sache kommen, und in der Regel handelte es sich dabei immer um eine Drohung.
»Ich kann Ihren Standpunkt nachvollziehen«, dröhnte die Stimme seines Gastgebers aus der Dunkelheit vor ihm. »Ich bin an der Mündung des Po aufgewachsen, und wir haben den Fusel aus dieser Gegend – reichlich verdünnt, um ihn genießbar zu machen – als eine Art Medizin gegen unerwünschte Bakterien und als Verdauungshilfe getrunken. Aber vielleicht kann ich es Ihnen in einer anderen Form verständlich machen. Sie haben sicher irgendwann mal etwas gesammelt. Briefmarken, Schmetterlinge, Erstausgaben, Waffen, Abzeichen, Streichholzschachteln …«
»Was hat denn das mit Wein zu tun?«
Der berühmte Regisseur, der von seinen ebenso berühmten Freunden Giulio genannt wurde, blieb stehen und drehte sich um, wodurch Zen wieder ein wenig von dem schwachen Lichtstrahl gegönnt war. »Der Gegenstand einer Sammlung ist so unwichtig wie die Mengen, auf die man eine Algebraformel anwendet. Für den Sammler zählen einzig und allein die Auswahl und die Vollständigkeit. Es ist eine fast ausschließlich männliche Obsession, ein Ausdruck unseres Drangs, die Welt zu beherrschen. Frauen sammeln selten etwas anderes als Schuhe oder Schmuck. Und Liebhaber natürlich.«
Zen antwortete nicht. Sein Gastgeber wies mit der Fackel auf die gewölbte Decke aus Steinplatten. »Salpeter! Wächst wie Moos auf den Gewölben. Wir befinden uns im Moment unter der Via del Corso. Junge Männer, vielleicht auch mein Sohn, rasen da mit ihren Autos herum, wie man es früher mit Pferden getan hat, aber nicht das leiseste Rauschen dieser sinnlosen Raserei kann uns hier unten erreichen. Der Wein schläft den Schlaf der Toten.«
»Ich hatte früher mal eine Eisenbahnkartensammlung«, bemerkte Zen.
Ein Lächeln huschte über Giulios Gesicht. »Ich wusste es doch!«
Ein knisterndes Rascheln zwischen den Flaschen links von ihm ließ Zen zusammenzucken.
»Ratten«, sagte der berühmte Regisseur. »Was sagten Sie gerade?«
»Mein Vater …«
Zen zögerte, als hätte er den Faden verloren, und setzte dann noch einmal an. »Er war bei der Bahn und brachte sie mir immer mit, kleine Pappfahrkarten, auf die das Fahrziel, die Klasse und der Preis gedruckt waren. Am Ende hatte ich eine von jeder Strecke, sogar nach Verona, Rovigo, Udine und Triest …«
Er stockte wieder, schnippte dann mit den Fingern. »Von allen bis auf Bassano del Grappa! Ich weiß noch, dass jemand einen Witz machte, ich müsste mit Grappa noch warten, bis ich älter wäre. Ich habe das damals nicht verstanden. Ich war bloß ärgerlich darüber, dass in meiner Sammlung diese Lücke klaffte. Es schmerzte wie ein gezogener Zahn.«
»Ausgezeichnet! Perfekt! Dann werden Sie zweifelsohne verstehen, wie ich mich gefühlt habe, als ich von dieser schrecklichen Geschichte mit Aldo Vincenzo hörte.«
Zen runzelte die Stirn, wandte sich widerstrebend wieder der Gegenwart zu. »Mit wem?«
Der berühmte Regisseur leuchtete mit seiner Fackel auf die Kisten in ihrer Nähe, griff nach einer Flasche und hielt sie Zen hin. Auf dem verblichenen Etikett stand: BARBARESCO 1964. VINIFICATO ED IMBOTTIGLIATO DAL PRODUTTORE A. VINCENZO.
»Aldo Vincenzo war einer der Winzer, dessen Weine ich vor mehr als dreißig Jahren dazu auserkoren habe, einen Platz in dem Weinkeller einzunehmen, den ich damals anzulegen beschloss«, erklärte er feierlich und legte die Flasche wieder so sorgfältig zu den anderen wie ein Baby in seine Wiege. »Und jetzt ist er tot, und sein Sohn ist im Gefängnis, und das alles kurz vor einer Weinlese, die vermutlich einen der besten Jahrgänge des Jahrhunderts hervorbringen wird! Das ist der Grund, warum man Sie ›hierherzitiert‹ hat, wie Sie es genannt haben.«
»Sie möchten Ihre Sammlung vervollständigen.«
»Ganz genau!«
»Um Ihre horizontalen Proben fortzusetzen.«
Sein Gastgeber warf Zen einen scharfen Blick zu, als wolle er aus seinem Gesicht ablesen, ob diese Bemerkung ironisch gemeint war.
»Das wäre durchaus denkbar«, antwortete er, »wenn man wirklich alle angebotenen Weine trinkt. Man geht natürlich bei einer vertikalen Probe ganz anders vor. Doch wie dem auch sei, sollten Sie die Vorstellung hegen, ich persönlich könnte in den Genuss unseres diesjährigen Jahrgangs kommen, sobald er seine volle Reife erlangt hat, dann vertrauen Sie auf die Langlebigkeit eines Methusalem – des Patriarchen, nicht der Flasche.«
Zen führte einen stummen Kampf mit einem krampfartigen Anfall in seinem Inneren, dann nieste er laut, wobei er seinen Speichel wie aus einer warmen Dusche über die Kisten um sich herum versprühte. Der berühmte Regisseur packte ihn wiederum am Arm und führte ihn nun endgültig auf demselben Weg zurück, den sie gekommen waren. »Genug! Wir werden dieses Gespräch oben fortsetzen.«
»Mir gehts gut«, protestierte Zen. »Es ist nur diese Erkältung, die ich schon spüre seit …«
»Ich sorge mich nicht um Sie! Aber in einem Weinkeller zu niesen kann zur Folge haben, dass die Hälfte der Flaschen nach Kork schmeckt. So sagt man jedenfalls. Dasselbe gilt für die Anwesenheit einer menstruierenden Frau – schlichtweg unmöglich! Das ganze Geschäft mit Wein strotzt nur so von solchem Aberglauben. Ich glaube es und glaube es auch wieder nicht, aber bei einer Investition wie dieser kann ich es mir nicht leisten, ein Risiko einzugehen.«
Giulio verriegelte die wuchtige Tür, die in das Gewölbe führte, und ging voraus, eine lange Wendeltreppe hoch und schließlich durch einen Bogengang, der ins Erdgeschoss des Palazzo führte. Sie kamen über eine ganze Reihe von Zimmern endlich ins Arbeitszimmer, dessen Wände bis unter die Decke voll mit Büchern waren und wo er Zen bei dessen Ankunft begrüßt hatte. Er bedeutete ihm, sich in den Sessel zu setzen, den er ihm bereits vorher zugewiesen hatte.
»Wie ich schon sagte, die Vorstellung, ich wollte den Vincenzo-Wein dieses Jahres – sollte es tatsächlich einen solchen geben – zu meinem eigenen Wohl sammeln, ist natürlich absurd. Wenn dieser Jahrgang auch nur halb so gut ist, wie ihm prophezeit wurde, darf man ihn die nächsten zehn Jahre nicht anrühren, erst nach weiteren zehn Jahren erreicht er seine Spitze. Dann werde ich, wenn ich nicht schon tot bin, ›ohne Zähne, ohne Augen, ohne Geschmack, ohne alles‹ sein, wie Shakespeare sagt.«
»Was kümmert es Sie dann?«, fragte Zen und zündete sich eine Zigarette an, was einen weiteren heftigen Hustenanfall zur Folge hatte.
Der andere Mann schaute ihn scharf an. »Haben Sie Kinder, Dottore?«
»Nein. Das heißt … doch. Eins.«
»Junge oder Mädchen?«
»Ein Junge. Carlo.«
»Wie alt?«
Es blieb lange still.
»Er ist noch ein Baby«, erwiderte Zen schließlich.
»Herzlichen Glückwunsch! Aber sie werden furchtbar schnell groß. Daher auch mein Interesse an den Vincenzo-Weinen aus diesem Jahr. Ich habe zwei Söhne, beide in der widerlichsten Phase ihrer Jugend. Im Moment halten sie mein Interesse an Wein für ein weiteres Beispiel für die Senilität ihres Vaters. Wenn sie überhaupt etwas trinken, dann irgendein obskures Importbier, obwohl zumindest Luca einige vielversprechende Anzeichen des echten Collezionista zeigt, wenn er Trappistenbier mit limitierter Auflage und solchem Zeug nachjagt.«
Er machte sich an die umständliche Prozedur, eine mächtige Zigarre zu schneiden und anzuzünden. »Ich glaube – ich muss glauben –, dass sie mit der Zeit mein Erbe schätzen, meine Weinsammlung vielleicht ins nächste Jahrtausend weiterführen und den Keller ausbauen werden, um ihn dann wiederum ihren Kindern zu hinterlassen.«
Eine triumphierende Wolke aus blauem Rauch.
»Aber das hieße, zu weit in die Zukunft zu schauen. Alles, was mich im Moment beschäftigt, ist diese Ernte! Wenn wir jetzt nicht handeln, werden die Trauben entweder an irgendeinen Konkurrenten verkauft oder so primitiv gekeltert, dass wir bloß einen billigen Abklatsch dessen bekommen, was ein Vincenzo-Wein sein kann und sein sollte.«
Aurelio Zen bemühte sich, angesichts dieser düsteren Prognose entsprechend betroffen auszusehen.
»Aber was kann ich denn da machen?«, fragte er. »Wenn der Sohn schon verhaftet ist …«
»Ich glaube nicht eine Sekunde daran, dass er es getan hat«, entgegnete der berühmte Regisseur aufgebracht.
Zen holte ein zerknülltes Taschentuch aus seiner Tasche und putzte sich die Nase. »Dennoch hat man mir zu verstehen gegeben, die Carabinieri hätten ihre Ermittlungen abgeschlossen. Man hat gegen Manlio Vincenzo Anzeige erstattet, und der Fall ist an das Gericht gegangen. Ich sehe keine Möglichkeit für mich, noch irgendwie in das Verfahren einzugreifen, ja überhaupt nur reinzukommen.«
Sein Gastgeber stieß eine dicke Rauchwolke aus. »Vielleicht sollten Sie sich mehr Sorgen darüber machen, wie Sie rauskommen«, sagte er.
Zen runzelte die Stirn. »Raus? Sie meinen, raus aus diesem Haus hier?«
Zum ersten Mal schien Giulio anscheinend wirklich amüsiert zu sein. »Nein, nein! Allem Anschein zum Trotz habe ich nicht vor, Sie in irgendeinem verborgenen Winkel meines Weinkellers einzukerkern. Dennoch könnte Sie ein durchaus vergleichbares Schicksal erwarten.«
Er musterte Zen scharf. »Ich beziehe mich auf Ihre nächste Versetzung.«
»Das ist doch Sache des Ministeriums«, erwiderte Zen und zog an seiner Zigarette.
Wieder ein Lächeln, diesmal etwas vielsagender. »Genau. Und im Hinblick darauf möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf einige Fakten lenken, die Ihnen bereits bekannt sind, sowie auf einen weiteren Tatbestand, der bislang vertraulich ist. Ich werde mich kurz fassen. Zum Ersten ist der derzeitige Minister ein Mann der Linken. Viele seiner Freunde und Gefährten in der früheren kommunistischen Partei haben ihr Leben dem Kampf gegen das organisierte Verbrechen gewidmet. Einige wurden dabei ermordet.«
Ihre Blicke kreuzten sich.
»Außerdem sind Sie erst kürzlich wieder zur Kriminalpolizei zurückversetzt worden, nach Ihrer brillanten Heldentat in Neapel, wo Sie, wie das ganze Land erfahren konnte, daran beteiligt waren, die terroristische Vereinigung namens Strade Pulite zu zerschlagen.«
»Aber das war …«
»Ein großartiger Coup! Wirklich. All das ist Ihnen bekannt, Dottore. Was Sie nicht wissen – was niemand außerhalb der unmittelbaren Umgebung des Ministers weiß –, ist die Tatsache, dass er im Begriff ist, einen Elitestab von altgedienten Beamten einzurichten, die nach Sizilien versetzt werden sollen, als Speerspitze für einen geplanten Feldzug gegen die Gruppe, die für den Tod seiner Kameraden verantwortlich ist.«
Giulio wedelte lässig mit der Hand. »Das haben wir natürlich alles schon mal gehört, jedes Mal, wenn ein Richter oder Polizeibeamter erschossen oder von einer Bombe zerfetzt wurde. Aber das war zu der Zeit, als die Mafia noch ihre Leute hier in Rom hatte, in den Kreisen der obersten Machthaber. Alle wussten, wie das System funktioniert. Jeder übereifrige Beamte, der so wirkte, als könnte er irgendetwas Effektives leisten, wurde versetzt oder getötet, die Regierung tat so, als würde sie durchgreifen, die Mafia tat so, als würde sie sich abschrecken lassen, und nach ein paar Monaten lief alles wieder wie gehabt.«
Er warf einen kurzen Blick auf Zen, der seinen Husten unterdrückte.
»Aber diesmal, so hat man mir versichert, wird es anders sein. Kampf bis zum bitteren Ende, ohne jedes Zugeständnis. Die Verbindungen der Mafia nach Rom sind alle abgeschnitten, und die neue Regierung will unbedingt zeigen, dass sie das einlösen kann, was ihre Vorgänger immer wieder versprochen haben. Mit dem Ergebnis, dass man begonnen hat, in den eigenen Reihen nach Beamten zu suchen, die bewiesen haben, dass sie erfahren sind, fähig und – sagen wir mal – unabhängig.«
Er unterbrach sich, um seine Zigarre wieder anzuzünden, wobei er die Spitze in respektvollem Abstand zur Flamme hielt. »Ihre Akte, Dottore Zen, lässt erkennen, dass Sie in den Augen der früheren Regierung schwer kompromittiert sind. Unnötig, zu erwähnen, dass diese Tatsache dazu geführt hat, dass Sie bei der neuen Führung ganz oben auf der Liste stehen. Berücksichtigt man außerdem Ihren offensichtlichen Scharfsinn und Ihre Effektivität, dann sind Sie der erste Kandidat für die neue Truppe.«
»Die wollen mich nach Sizilien schicken?«, keuchte Zen.
Sein Gastgeber nickte. »O ja. Ich fürchte, da kann man gar nichts mehr machen. Natürlich ist das auch ein gewaltiger Karrieresprung und bedeutet eine kräftige Gehaltserhöhung, aber Sie müssen auf jeden Fall in den Süden gehen. Die Frage ist nur noch, wann und wohin.«
Ein Augenblick lang sah Zen so aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen, aber alles, was er von sich gab, war ein weiteres gewaltiges Niesen.
»Salute!«, sagte sein Gastgeber. »Da wir gerade davon sprechen, Sizilien ist erwiesenermaßen ein unbekömmliches Pflaster, besonders für frisch dorthin versetzte Polizeibeamte, die unter Umständen direkt in die Hauptstadt geschickt werden. Trifft man andererseits dagegen erst ein bisschen später ein, und die Kommandozentrale und alle Posten in Palermo sind bereits besetzt, dann wäre es durchaus möglich, sich eine Stelle in einem relativ angenehmen Ort zu sichern. Kennen Sie Syrakus? Eine antike griechische Siedlung in dem am wenigsten heimgesuchten Teil der Insel, die all den Charme und die Schönheit Siziliens besitzt, ohne so ermüdend … nun ja, sizilianisch zu sein.«
Zen sah auf, um den Blick seines Gesprächspartners einschätzen zu können. »Welche Garantie können Sie mir geben?«
Ein schmerzgeplagter, fast schockierter Ausdruck erschien auf dem Gesicht des berühmten Regisseurs. »Sie haben die Garantie meines Wortes, Dottore.«
»Und welches Interesse haben Sie daran?«
»Ich dachte, ich hätte das schon hinreichend erklärt. Ich möchte, dass Manlio Vincenzo rechtzeitig aus dem Gefängnis entlassen wird, um den diesjährigen Wein machen zu können.«
»Auch wenn er seinen Vater ermordet hat?«
Ein Achselzucken. »Wenn sich herausstellt, dass er unschuldig ist, umso besser. Aber nehmen wir einmal an, dass er Aldo wirklich umgebracht hat. Es ist absurd zu glauben, dass Manlio Vincenzo für irgendjemanden sonst im Dorf eine Bedrohung ist. In der Zwischenzeit aber geht es um einen möglicherweise großartigen Wein – vielleicht den Wein des Jahrhunderts –, der all das Können und alle Aufmerksamkeit braucht, die nur Manlio gewährleisten kann.«
Er zuckte wieder mit den Achseln, diesmal etwas kräftiger. »Was danach aus ihm wird, ist mir egal. Im Laufe eines Jahres können die Erben den Besitz neu organisieren, einen anderen Winzer einstellen oder an Gaja oder Cerretto verkaufen, die beide nur allzu froh wären, sich die Vincenzo-Weingärten unter den Nagel zu reißen. Aber zurzeit ist Manlio mein einziger Ausweg. Und ich der Ihre.«
Zen saß da und versuchte, durch den Schleim hindurch zu atmen, der sich bis in seine Lunge gelegt hatte. »Warum ich?«, fragte er rundheraus.
Der berühmte Regisseur wedelte mit der Hand, die die Zigarre hielt, sodass verschlungene Rauchschwaden in der unbewegten Luft standen. »Ich habe verschiedene Nachforschungen angestellt, innerhalb derer Ihr Name und Ihre Leistungen erwähnt wurden. Sehr vielversprechend, dachte ich. Sie scheinen intelligent zu sein, gerissen und effektiv, und störend erscheint mir lediglich Ihre bedauerliche Neigung, in bestimmten entscheidenden Momenten auf konventionelle Moralvorstellungen zu beharren – eine Schwäche, die – ich bedaure, das sagen zu müssen – Ihre Karriere behindert hat. Kurz gesagt, Dottore, Sie brauchen jemanden, der Sie von sich selbst befreit.«
Zen sagte nichts.
»Als Gegenleistung für die Dienste, die ich angedeutet habe«, fuhr sein Gastgeber nahtlos fort, »biete ich mich selbst in dieser Eigenschaft an. Mir ist bekannt, dass Sie in der Vergangenheit von einer sehr einflussreichen Person protegiert wurden, die man mit der politischen Partei um den Palazzo Sisti in Verbindung bringt. Sein Name genießt nun unglücklicherweise längst nicht mehr den Respekt von einst. Das ist die Gefahr, wenn man sich zu sehr dem Schutz von Politikern ausliefert, besonders im gegenwärtigen Klima. Sie kommen und gehen, aber Geschäft bleibt Geschäft. Wenn Sie mir diesen Dienst erweisen, Dottore Zen, dann tue ich dasselbe für Sie. Und nicht zuletzt auch für Ihren Sohn. Wie hieß er noch mal?«
»Carlo.«
Der berühmte Regisseur beugte sich vor und starrte Zen so intensiv an, als würde er eine seiner typischen Kameraeinstellungen ausprobieren. »Sind wir im Geschäft?«
Zen war vorübergehend außer Gefecht gesetzt durch einen weiteren Anfall. »Unter einer Bedingung«, sagte er.
Der Mann, den seine Freunde Giulio nannten, runzelte die Stirn. Für gewöhnlich ließ er sich angeheuerten Handlangern vom Niveau eines Zen gegenüber nicht auf Bedingungen ein. »Und die wäre?«, fragte er mit bedrohlich samtiger Stimme.
Aurelio Zen schniefte laut und putzte sich erneut die Nase. »Dass ich zur nächsten Party, die hier stattfindet, eine Einladung bekomme.«
Einen Augenblick lang herrschte Schweigen, dann brüllte der berühmte Regisseur vor Lachen, ein Lachen, das sich tatsächlich echt anhörte. »Angenommen!«
Als sie mit ihrer Mahlzeit fertig waren, schoben die drei Männer die Stühle zurück und begaben sich wieder an die Arbeit. Auf den ersten Blick wirkten sie so austauschbar wie Steinchen auf einem Brett. Gianni war eine Spur stämmiger als die anderen, Maurizio war bedeutend kahler, während Minot, der kleiner und zierlicher als die beiden Brüder war, einen pfiffigen Schnurrbart über seinen zynischen Lippen und den herabgezogenen Mundwinkeln trug. Doch ging ihre Ähnlichkeit noch viel weiter. Sie alle waren irgendwo zwischen fünfzig und achtzig, verbraucht von nicht enden wollender Arbeit und der ständigen Bedrohung zu verarmen, und sie alle trugen denselben stolzen, reservierten Ausdruck im Gesicht, der einen gemeinsamen Wesenszug verriet: die grimmige Entschlossenheit, sich nie wieder zum Narren halten zu lassen. Auch ihre Kleidung war mehr oder weniger identisch – dunkle, haltbare Strick- und Websachen, oft gestopft und geflickt, als ob die Kleidungsstücke neu beschrieben worden wären mit Geschichten, die nie erzählt werden würden.
Sie hatten schweigend gegessen, und die einzige Frau im Hause, Maurizios Tochter Lisa, ein Teenager, hatte sie bedient. Ihr Schweigen hielt an, als sie wieder im Weinkeller waren. Es war nicht jenes leere Schweigen, das bleibt, wenn alles gesagt ist, es war aber auch nicht jene entspannte Stille, die Intimität oder Vertrautheit voraussetzt und jedes Wort überflüssig macht. Ihr Schweigen war angespannt, voll unausgesprochener Gedanken, Tatsachen und Meinungen, auf die nicht angespielt wurde, eine gegenseitige Zurückhaltung gegenüber Dingen, die besser ungesagt blieben. Eine Situation, die nur durch ständige Aktivität entschärft werden konnte – indem man sich den Mund füllte. Oder Flaschen.
Das einzige Licht, das es hier gab, spendete eine Vierzigwattbirne, die an einem riesigen Balken mitten an der Decke hing, und auch das starb einen langsamen Tod, je tiefer man in den Keller vordrang, als ob es von all der Dunkelheit ringsumher erstickt werden würde. Die drei Männer arbeiteten dort unten wie am Fließband, und abgesehen von den entsprechend monotonen Geräuschen, die durch die Holzfässer an den Wänden gedämpft wurden, herrschte absolute Stille. Da es nichts gab, was ihn ablenken konnte, entfaltete sich der Geruch ungehindert – eine überwältigende Fülle von Duftnoten, die wie Pflanzen im Dschungel um die Vorherrschaft kämpften: Hefe, Schimmel, Alkohol, Feuchtigkeit, Obst, Fäulnis, Gärung. Ihr verschwenderischer Reichtum schuf ein olfaktorisches Klima, dessen Dimensionen die des Kellers offenbar sprengten. Die Konzentration dieses modrigen Gestanks war selbst für diesen Raum so hoch angereichert mit Gasen, dass man glaubte, jedermann müsse ersticken, und doch hielten die Lungen des Trios, das schweigend in dem düsteren Licht arbeitete, ihr stand.
Die Arbeitsteilung, zu der sie sich bereits vor Jahren entschlossen hatten, war seither unverändert geblieben. Gianni Faigano, der ältere der beiden Brüder, nahm die Flaschen vom Regal mit den Holzzapfen, auf die sie gesteckt wurden, um zu trocknen, nachdem sie gewaschen und sterilisiert worden waren. Er füllte jede mit einem Schwall Rotwein aus einem Plastikschlauch, der mit einem der Fässer verbunden war, dann reichte er sie an seinen Bruder weiter, der sie unter einen Metallhebel mit einem Korken schob, den er in die Öffnung rammte. Maurizio reichte die Flasche schließlich an Minot weiter, einen Nachbarn, der jedes Jahr um diese Zeit kam, um bei der Arbeit zu helfen, und der die Etiketten und Kapseln anbrachte.
»Ich habe gehört, dass Bruno einen neuen Wagen hat«, sagte Gianni.
Seine Worte verhallten so schnell, dass sich ein paar Sekunden später schon keiner mehr sicher war, ob er tatsächlich etwas gesagt hatte oder ob nur ein Korken geknallt, vielleicht aber auch ein Magen geknurrt hatte. Mehr als ein Dutzend Flaschen ging von Hand zu Hand und wurde entsprechend abgefüllt, verkorkt und mit einem Etikett versehen. Über ihnen im Dunkeln saßen riesige Spinnen, zusammengekauert in ihren Netzen, und beobachteten die Männer.
»Einen von diesen Geländewagen«, erwiderte Maurizio. »Und noch dazu knallrot.«
Weitere sechs oder acht Flaschen wurden vom Trockenregal über den Einfüllschlauch zur Etikettierbank weitergereicht, bevor sein Bruder antwortete: »Er ist grün.«
Eine Weile ging alles seinen gewohnten Gang. Dann krabbelten die Spinnen plötzlich in die hinterste Ecke ihrer Spinnweben, rollten sich ein und waren ganz klein und still. Eine Flasche war zu Bruch gegangen, und spitze braune Glasscherben lagen verstreut auf dem ganzen Boden, auf den der vergossene Wein zungenförmige Landschaften malte.
»Jetzt habe ich aber von dieser dämlichen Streiterei die Nase voll«, sagte Minot.
Lange herrschte Schweigen. Niemand sprach oder bewegte sich. Dann füllte Gianni Faigano wieder eine Flasche ab, die Maurizio verkorkte und Minot reichte, der das Etikett draufklebte. Die Spinnen über ihnen krochen zu ihren Aussichtspunkten zurück und nahmen erneut ihre achteckige Observationsstellung ein, während die Flaschen wieder ihren geregelten Gang von einem Ende des Kellers zum anderen aufnahmen.
»Weißt du, was mich dabei am meisten aufregt?«, fragte Maurizio. »Aldo Vincenzo ist inzwischen eine nationale Berühmtheit! Es gibt von hier bis nach Kalabrien niemanden mehr, ob Mann, Frau oder Kind, der nicht schon mal seinen Namen gehört hat. Dabei hätte er verdient, wie ein Hund zu sterben – unbekannt, unbegraben und unbetrauert.«
