Sizilianisches Finale - Michael Dibdin - E-Book

Sizilianisches Finale E-Book

Michael Dibdin

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Beschreibung

Polizeikommissar Aurelio Zen erhält den Auftrag, vor dem er sich immer gefürchtet hat: Er muss nach Sizilien, wo er auf Geheiß des Innenministeriums die Arbeit der erst kürzlich ins Leben gerufenen Anti-Mafia-Einheit der Staatspolizei überwachen soll. Da das Innenministerium mit der Staatspolizei rivalisiert, steht Aurelio Zen von Anfang an zwischen den Fronten. Obendrein gerät auch noch das Privatleben des Kommissars völlig aus den Fugen – Zen gerät an seine Grenzen.

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Seitenzahl: 384

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Über dieses Buch

Kommissar Aurelio Zen erhält den Auftrag, vor dem er sich immer gefürchtet hat: Er muss nach Sizilien, wo er auf Geheiß des Innenministeriums die Arbeit der erst kürzlich ins Leben gerufenen Anti-Mafia-Einheit der Staatspolizei überwachen soll. Da das Innenministerium mit der Staatspolizei rivalisiert, steht er von Anfang an zwischen den Fronten.

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Michael Dibdin (1947–2007) studierte englische Literatur in England und Kanada. Vier Jahre lehrte er an der Universität von Perugia. Bekannt wurde er durch seine Figur Aurelio Zen, einen in Italien ermittelnden Polizeikommissar.

Zur Webseite von Michael Dibdin.

Ellen Schlootz arbeitet als Übersetzerin aus dem Englischen. Sie hat u. a. Werke von Ian Rankin und David Hosp ins Deutsche übertragen.

Zur Webseite von Ellen Schlootz.

Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: Taschenbuch, E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)

Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.

Michael Dibdin

Sizilianisches Finale

Aurelio Zen ermittelt in Sizilien

Kriminalroman

Aus dem Englischen von Ellen Schlootz

Aurelio Zen ermittelt (7)

E-Book-Ausgabe

Unionsverlag

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Impressum

Die Originalausgabe erschien 1999 unter dem Titel Blood Rain im Verlag Faber and Faber, London.

Die deutsche Erstausgabe erschien 2001 im Goldmann Verlag, München.

Originaltitel: Blood Rain (1999)

© by Michael Dibdin 1999

© by Unionsverlag, Zürich 2024

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag: tiero/123rf

Umschlaggestaltung: Martina Heuer

ISBN 978-3-293-30890-9

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Version vom 28.05.2024, 16:27h

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Inhaltsverzeichnis

Cover

Über dieses Buch

Titelseite

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Inhaltsverzeichnis

SIZILIANISCHES FINALE

Erster TeilWorauf am Anfang, als die Sache angeblich so …Die Frau stand an einer Ecke der Theke …Die tägliche Fahrt zur Arbeit kam ihr wie …Um vier Uhr verließ Aurelio Zen das Restaurant …Sie kreuzten bei Corinna Nunziatella auf, kurz nachdem …Wenn das mit dem Skateboarder nicht passiert wäre …Neunzehn Minuten nach sieben, hatte Corinna Nunziatella gesagt …Zen hatte Angst vorm Fliegen. Das gehörte genauso …Meine Mutter …«Nach Zens Erfahrung gab es in Rom nur …Carla Arduini hatte geschätzt, dass sie ungefähr zwei …Sechs Männer saßen um einen Metalltisch im Schatten …Carla?«Zweiter TeilEin Kollege bei der Criminalpol hatte Aurelio Zen …Der Lastwagen parkte in einer Kurve auf einer …Die Bar an der Piazza Carlo Alberto war …Packt den Lkw voller Dynamit und stellt ihn …Obwohl er einen Schlüssel hatte, betrat er Carlas …Als Aurelio Zen nach der Affäre Moro offiziell …Er war noch drei Straßen von seinem Wohnblock …Wenige Minuten nachdem es von der wuchtigen Kirche …Es war schon fast Mitternacht, als die mürrische …Wenn sich Diebe streiten, lautete die Unterzeile in …Erst als er das winzige einmotorige Flugzeug sah …Da sind die also mit Ihnen gelandet …Diesmal wurden ihm die Augen mit einem dicken …Dank

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Erster Teil

Worauf am Anfang, als die Sache angeblich so klar war wie das Meer bei Sonnenaufgang, alles hinauszulaufen schien, war die Frage, wo, wie und wann genau der Zug »zusammengestellt« worden war. Erst sehr viel später erkannte Aurelio Zen, dass der Zug in einem ganz anderen Sinne zusammengestellt worden war, dass er nämlich eigentlich gar nicht existiert hatte.

Die Sache selbst schien jedoch zunächst so handfest zu sein wie dieser Zug, der zurzeit mit seinen vierzehn Güterwaggons auf einem Abstellgleis in dem Gewirr von Gleisen um die Lokomotivschuppen auf der Piazza delle Americhe nahe der Nordküste von Catania sozusagen unter Quarantäne stand. Der Ort, an dem die Leiche gefunden worden war, gehörte zur Provincia di Catania und fiel deshalb in den Zuständigkeitsbereich der Behörden dieser Stadt. So weit, so gut. Der aus bürokratischer Sicht entscheidende Faktor war jedoch, wo und wann das Verbrechen – wenn es sich denn um ein Verbrechen handelte – stattgefunden hatte. Wie die Betroffenen allerdings sehr bald erfahren sollten, gab es auf keine dieser Fragen eine rasche oder einfache Antwort.

Selbst wenn man davon ausging, dass die Aufzeichnungen, die die Staatliche Eisenbahngesellschaft zur Verfügung gestellt hatte, vollständig und glaubwürdig waren – und niemand, der bei einigermaßen klarem Verstand war, würde so etwas annehmen –, ergaben sich nur wenige unstrittige Tatsachen. Eine davon war, dass der Zug am 23. Juli um 14 Uhr 47 Palermo verlassen hatte. Zu diesem Zeitpunkt bestand er aus sieben Waggons, von denen drei leer waren und die lange Rückreise zu ihrem Depot in Catania antraten. Die übrigen waren mit den unterschiedlichsten Gütern beladen, von leeren Weinflaschen bis zu Säcken mit Kunstdünger. Es war unklar, ob die »Todeszelle«, wie der Waggon später von den Medien getauft wurde, einer von diesen sieben gewesen war.

Nachdem der Zug bis zur Anschlussstelle Aci Castello die Nordküste entlanggezockelt war, bog er dort ab und fuhr durch ein Flusstal ins entlegene und weitgehend unbewohnte Innere der Insel. Von da an hatte ihn die Aufsichtsbehörde – immer unter der Voraussetzung, dass man den spärlichen Aufzeichnungen der Ferrovie dello Stato trauen konnte – fast eine ganze Woche aus den Augen verloren.

Als er am 29. Juli wieder auftauchte, und zwar an der Anschlussstelle Caltanissetta – Xirbi, bestand der Konvoi aus insgesamt zwölf Waggons, darunter einige – oder möglicherweise alle – von den sieben Waggons, mit denen er ursprünglich die Hauptstadt der Insel verlassen hatte. Während der langen, langsamen Fahrt über die eingleisige Strecke durch das trostlose Innere Siziliens hatte man anscheinend häufig angehalten, viel rangiert und ab- und angekoppelt. Niemand hatte es eilig, irgendwo hinzukommen, und das zuständige Personal neigte ohnehin dazu, spontane und rein pragmatische Entscheidungen über Zusammensetzung und Fahrtzeiten solcher Güterzüge zu treffen, ohne die Vorgesetzten mit allen Einzelheiten zu behelligen. Wenn ein leerer Waggon irgendwann abgekoppelt wurde, um das Gewicht zu verringern, damit die uralte Diesellokomotive die enormen Steigungen im Landesinnern schaffte, betrachtete man das nicht als eine Angelegenheit, die man den Beamten in Palermo mitteilen musste. Diese wären auch nicht besonders erfreut über solche pedantischen Details gewesen. Wie allgemein bekannt war, hatten sie wichtigere Dinge zu erledigen als ihre Arbeit.

Jedenfalls war der so entstandene Zug – wie auch immer seine genaue Zusammensetzung ausgesehen haben mag – über Caltanissetta und Canicattì zur Südküste gefahren und dann nach Osten abgebogen. Dabei hatte er drei (oder möglicherweise vier) weitere Waggons aufgenommen und einen (oder vielleicht zwei) verloren, bis sich die Waggonfolge ergab, in der er nun auf diesem entlegenen Abstellgleis in Catania ruhte, das von Anfang an sein Ziel gewesen war.

Der späteren Aussage des Lokführers und seines Gehilfen zufolge war der Zug allerdings in der Nähe des stillgelegten Bahnhofs von Passo Martino, etwas südlich von Catania, von einem Mann mit einer Flagge angehalten und für mehrere Stunden auf ein Rangiergleis umgeleitet worden. Der Grund dafür, so hatte man ihnen angeblich erklärt, seien dringliche Reparaturarbeiten an einer Brücke Richtung Norden. Schließlich hatte der Flaggenmann ihnen das Zeichen zur Weiterfahrt gegeben, und der Güterzug hatte seine Reise ohne weitere Zwischenfälle beendet. Am 1. August kam er gegen acht Uhr abends in Catania an.

Zwei Tage später erhielt die Staatliche Eisenbahngesellschaft in Catania einen Anruf. Der Anrufer klang höflich und gebildet, sprach jedoch mit einem Akzent, der dem diensthabenden Beamten nicht bekannt war. Offenbar wollte er einen Güterwaggon mit faulender Ladung, der auf einem Rangiergleis in Rosso Martino abgestellt war, als öffentliches Ärgernis melden. Der Gestank, so behauptete er, sei fürchterlich, und bei dieser Hitze und dem üblichen Gestank von dem umliegenden Sumpfland würde das die Leute ganz wahnsinnig machen. Irgendetwas müsse geschehen, und zwar bald.

Der Bahnbeamte gab die Meldung vorschriftsmäßig an seine Vorgesetzte weiter. Normalerweise hätte Maria Riesi den Anruf als dummen Streich von irgendeinem Verrückten abgetan, doch wie es sich ergab, war sie nur zu froh über den Vorwand, ihr stickiges Büro verlassen zu können und – mit heruntergekurbelten Fenstern, während aus den Lautsprechern das neue Album von Carmen Consuela dröhnte – über die Autostrada nach Piano d’Arci zu fahren und dann weiter die Landstraße entlang, die im Zickzack über den Fluss und die Bahngleise verlief bis zu dem Weg, der zu dem entlegenen Bahnhof führte. Sie glaubte keine Sekunde daran, dass dort etwas sein würde, aber das spielte keine Rolle. Der Anruf war ordnungsgemäß eingetragen, und wenn sie nun hinausfuhr, um nachzusehen, tat sie lediglich ihre Pflicht.

Zu ihrer großen Verblüffung stand dort tatsächlich ein Waggon auf einem verrosteten Gleis, das fast völlig von stark riechendem wildem Thymian überwuchert wurde, aus dem hier und da struppige Kakteen aufragten. Es waren auch andere, weniger angenehme Gerüche in der Luft. Außerdem schwirrten massenhaft Fliegen herum. Die Sonne brannte unbarmherzig vom Himmel, und die sengende Hitze wurde selbst vom kleinsten Stein gnadenlos reflektiert. Maria Riesi ging über den bröckeligen Bahnsteig auf den großen rostroten Güterwagen zu.

Rein routinemäßig sah sie sich als Erstes den Frachtbrief an, der neben der Tür in einem Halter steckte. Diesem Dokument zufolge kam der Waggon aus Palermo und sollte nach Catania. Die Schrift war ein ziemliches Gekrakel, doch der Inhalt des Waggons war irgendwie als »Zitronen« zu entziffern, und auf dem Frachtbrief prangte ein roter Stempel mit der Aufschrift Verderbliche Ware. Nach dem Schwarm von Fliegen und dem ekelhaften Gestank zu urteilen, war das, was auch immer der Waggon enthielt, nicht bloß verderblich, sondern längst verdorben. Das überraschte Maria nicht, die nur zu gut wusste, dass verderbliche Ware normalerweise nicht in dieser Art Waggon transportiert wurde. Nun musste sie nur noch herausfinden, um was es sich handelte und – wenn möglich – wo das Zeug herkam, dann einen harmlosen Bericht schreiben und die ganze Angelegenheit der Zentrale in Palermo übergeben. Sollten die doch entscheiden, wessen Kopf hierfür rollen sollte.

Selbst auf Zehenspitzen konnte Maria Riesi den Griff nicht erreichen, mit dem man den Waggon öffnete. Doch sie mochte zwar klein sein, aber sie war einfallsreich und stark. Obwohl der Bahnhof seit Jahren außer Betrieb war, stand in einer von Unkraut überwucherten Ecke des Bahnsteigs immer noch einer dieser Gepäckwagen mit großen Rädern, die Deichsel gegen die Wand eines Schuppens gelehnt. Maria ging zu dem Gepäckwagen, setzte ihn vor Anstrengung ächzend in Bewegung und zog ihn zu dem abgestellten Waggon. Dann stieg sie auf den Lattenboden des Wagens – ihre Seidenbluse war bereits voller Schweißflecke –, und indem sie sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen den Hebel stemmte, der die Schiebetür verriegelte, gelang es ihr schließlich, diese zu öffnen.

Alle waren sich hinterher einig, dass sie mehr getan hatte, als man unter den gegebenen Umständen von ihr erwarten konnte, und dass man ihr keinen Vorwurf machen konnte, weil sie den Gepäckwagen und sich selbst vollgebrochen hatte. Die Autopsie wurde noch am gleichen Abend durchgeführt, und zwar in einem Armeezelt, das man eilig an einem Ende des Bahnsteigs aufgestellt hatte, in gehörigem Abstand von der versammelten Gruppe aus Polizisten, Richtern und Reportern. Die sterblichen Überreste waren zuvor von Krankenhausangestellten, die in Plastikoveralls gekleidet und mit Sauerstoffgeräten ausgestattet waren, aus dem Waggon geholt worden. Wenn das Ergebnis der Obduktion nicht sehr informativ war, so lag das mehr am Zustand der Leiche als an dem durchaus verständlichen Wunsch des Pathologen, die Prozedur so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Aufgrund einer vorläufigen Untersuchung der mit dem bloßen Auge erkennbaren Fliegenlarven konnte er nur feststellen, dass das Opfer seit mindestens einer Woche tot war.

Obwohl die Leiche in der Provinz Catania gefunden worden war, fielen die anschließenden Ermittlungen rein theoretisch in den Verantwortungsbereich der Polizeikräfte der Provinz, in der der Tod eingetreten war. In dem vorliegenden Fall war das natürlich eine äußerst fragwürdige Sache. Bei seiner Irrfahrt durch Sizilien hatte der Zug die Provinzen Palermo, Caltanissetta, nochmals Palermo, Agrigento, zum zweiten Mal Caltanissetta, Ragusa und Syrakus passiert und war schließlich in Catania stehen geblieben. Also konnten sechs Gerichtsbarkeiten Anspruch darauf erheben, in der »Limina-Gräueltat« zu ermitteln, um eine weitere Bezeichnung zu nennen, mit der Journalisten die Angelegenheit schon bald bedachten. Der Waggon, in dem die Leiche gefunden wurde, konnte nicht mit Sicherheit einem der vielen und nur teilweise dokumentierten Haltepunkte zugeordnet werden, die der Zug eingelegt hatte, und selbst wenn das möglich gewesen wäre, hätte man immer noch nicht gewusst, wann und wo genau er zur »Todeszelle« geworden war.

Das alles hätte natürlich niemanden sonderlich gekümmert, wäre da nicht die vorläufige Identifizierung des Opfers gewesen. Im Gegenteil, jeder wäre nur zu froh gewesen, einen derart unangenehmen Fall mit so wenig Aussicht auf Klärung an die nächstbeste Nachbarprovinz weiterzugeben. Da war irgendein Landstreicher irgendwo auf der Strecke auf einen Güterzug aufgesprungen. Er könnte ein ganz bestimmtes Ziel gehabt oder einfach nur weitergewollt haben. Eine andere Möglichkeit war, dass er vor jemandem oder vor etwas auf der Flucht gewesen war und deshalb im Verborgenen reisen musste.

Leider hatte er das Pech, dass die Tür des Waggons, den er sich ausgesucht hatte, irgendwann, nachdem er eingestiegen war, zufiel. Vielleicht hatte er sie sogar selber geschlossen, weil er sich dadurch sicherer fühlte, und ihm war nicht klar gewesen, dass man sie von innen nicht öffnen konnte. Oder vielleicht war sie bei einem heftigen Bremsmanöver zugefallen oder einfach durch die Schwerkraft an einem der starken Gefälle, die der Zug auf seiner Reise durch die Berge bewältigen musste.

Jedenfalls war die Tür zugegangen und hatte den Eindringling eingesperrt. Um diese Jahreszeit erreichten die Tagestemperaturen Werte von über dreißig Grad, selbst an der Küste. In dem fest verschlossenen Waggon aus Metall, der manchmal tagelang in der brütenden Sonne auf einsamen Abstellgleisen stand, hätte ein Thermometer, so vorhanden, sicherlich Temperaturen von weit über vierzig Grad gemessen.

In diesem sich langsam erhitzenden Ofen gefangen, hatte das Opfer keinerlei Hilfsmittel als seine bloßen Hände gehabt. Seine Füße waren ebenfalls nackt gewesen, und beide waren noch nackter, als die Leiche entdeckt wurde – sozusagen nackt bis auf die Knochen. Bei den Versuchen des Mannes, durch Hämmern gegen die Wände des Waggons auf sich aufmerksam zu machen, und, als das nichts nützte, die Tür mit Gewalt aufzuzwingen, hatte er sich die Nägel an Händen und Füßen abgerissen und die Haut so weit abgeschürft, bis alles schließlich nur noch eine blutige Masse gewesen war. Also gab es keine Fingerabdrücke. Vom Gesicht war auch nicht mehr viel übrig, da der Mann es offenbar mehrmals gegen einen metallenen Stützbalken geknallt hatte in dem verzweifelten Bemühen, sich selbst zu töten, um seinen furchtbaren Qualen ein rasches Ende zu bereiten.

Die Taschen des Opfers waren völlig leer, und auch seine Kleidung gab keinerlei Aufschluss über seine Person. Da es keine weiteren Anhaltspunkte gab, wäre es fast unmöglich gewesen, ihn zu identifizieren, hätte man nicht schließlich herausgefunden, dass dieses mysteriöse Gekrakel auf dem Frachtbrief, das den Inhalt des Waggons bezeichnete, nicht »limoni« – »Zitronen« –, sondern »Limina« hieß. Das führte letztlich dazu, dass den Behörden in Catania die Gerichtsbarkeit für den Fall übertragen wurde, denn die Familie Limina herrschte über einen der wichtigsten Mafiaclans der Stadt, und Tonio, der älteste Sohn und mutmaßliche Erbe, wurde angeblich seit über einer Woche vermisst.

Die Frau stand an einer Ecke der Theke unter einem Schränkchen, in dem diverse goldene und silberne Fußballpokale ausgestellt waren sowie Fotografien vom Schrein der heiligen Agatha und ein Spiegel mit der englischen Aufschrift: »Delicious Coca-Cola in the World the Most Refreshing Drink.« Sie trank einen Cappuccino und biss kleine, mundgerechte Happen von einem mit gesüßtem Ricotta gefüllten Teilchen. Sie war Anfang zwanzig, trug ein hellgrünes Leinenkleid und teure offene Schuhe mit hohen Absätzen. Ihr braunes, von blonden Strähnchen durchsetztes Haar lag – gehalten von einem weißen Band – glatt am Hinterkopf und fiel dann in einer üppigen Mähne über ihre Schultern.

Nirgendwo anders in Italien hätte irgendwer auch nur eine Sekunde etwas Bemerkenswertes an dieser Szene gefunden, doch hier schien sie Anlass zu einiger Beunruhigung zu sein, wenn nicht sogar regelrecht ein Skandal. Denn obwohl die Bar gut gefüllt war mit Händlern und Käufern von dem Markt, der draußen auf der Piazza stattfand, war diese Frau die einzig anwesende Vertreterin ihres Geschlechts.

Nicht dass irgendwer ihr durch bissige Kommentare, unverschämte Blicke oder schlechten Service zu verstehen gegeben hätte, dass sie fehl am Platz sei. Ganz im Gegenteil, sie wurde mit fast erdrückender Höflichkeit und einem Respekt behandelt, der in krassem Gegensatz zu der ruppigen Art stand, in der man mit den Stammgästen umging. Während diese gleichberechtigt in die abgehackten Rhythmen der Männergespräche einstimmten und untereinander um die Gelegenheit kämpften, ein Solo zu übernehmen, wurde die Frau in einer Weise behandelt, die nach außen hin respektvoll war, sie aber in Wahrheit von allem ausschloss. Der Bitte, ihren lauwarmen Kaffee noch einmal heiß zu machen, wurde mit einem eilfertigen »Subito, signorina!« begegnet. Als sie sich eine Zigarette in den Mund steckte, tauchte vor ihr ein brennendes Feuerzeug auf, noch bevor sie die Chance hatte, ihr eigenes zu finden – wie die Parodie einer Verführungsszene aus einem alten Film.

Doch obwohl das Verhalten ihr gegenüber fast erdrückend ehrerbietig war, hätte man es keineswegs als herzlich bezeichnen können. Die anderen Gäste drängten sich samt und sonders am anderen Ende der Bar oder wichen Richtung Fenster und Tür aus und schufen somit einen regelrechten Bannkreis um dieses einsame weibliche Wesen. Auch sprachen sie ungewöhnlich leise, und ihre Münder wurden häufig von einer Hand verdeckt, die locker eine Zigarette hielt oder zwanghaft über einen Schnurrbart strich. Aus irgendeinem Grund schien diese Frau, die niemandem etwas tat, als das soziale Äquivalent einer tickenden Bombe betrachtet zu werden.

Als der Mann auftauchte, ließ die offensichtliche, aber undefinierbare Spannung ein wenig nach. Es war, als ob eines der Probleme, das die Anwesenheit der Frau darstellte, entschärft worden wäre, während andere immer noch fortbestanden. So war der Neuankömmling ganz gewiss kein Einheimischer, auch wenn seine markante, hakenförmige Nase eines dieser Relikte aus dem griechischen Genpool hätte sein können, die hier immer mal wieder auftraten, so wie die Lava aus dem schneebedeckten Vulkan floss, der über der Stadt aufragte. Doch sein Akzent, der blasse Teint, die steife Haltung und vor allem seine Größe – er überragte alle anderen im Raum um gut einen Kopf – schlossen eindeutig aus, dass er Sizilianer war.

Auf den ersten Blick hätte man den Mann und die Frau für Berufskollegen oder Geschäftsrivalen halten können, die sich zufällig bei ihrem frühmorgendlichen Kaffee trafen. Doch diese These wurde abrupt widerlegt durch eine Geste, die so rasch und beiläufig war, dass sie durchaus unbemerkt hätte bleiben können, als nämlich der Mann eine Hand ausstreckte und das Etikett am Kleid der Frau, das in ihrem Nacken klebte, nach unten klappte.

»A lei, Dottor Zen!«, verkündete der Barmann in einer Lautstärke, die genauso gut als ironischer Kommentar zu dieser Höflichkeitsfloskel gemeint sein mochte. Mit einer triumphierenden und doch lässigen Geste stellte er einen doppelten Espresso und ein mit Sultaninen, Pinienkernen und Marzipan gefülltes Teilchen auf die Theke. Zen trank einen Schluck von dem Kaffee, der so glühend heiß war, dass er unwillkürlich den Kopf in den Nacken warf, dann zog er die Zeitung, in der die Frau gelesen hatte, zu sich heran. Todeszellen-Waggon kam aus Palermo lautete die Überschrift. Aurelio Zen tippte dreimal mit dem Zeigefinger seiner linken Hand auf die Zeitung. »Und?«, fragte er und sah seiner Begleiterin in die Augen.

Die Frau machte eine Geste mit beiden Händen, als wöge sie einen schweren Sack mit etwas Losem ab, wie zum Beispiel Mehl oder Salz. »Nicht hier«, sagte sie.

Und tatsächlich war es in der Bar plötzlich erstaunlich still geworden, so als ob sämtliche Diskussionen, in denen die jeweiligen Gesprächspartner vehement versucht hatten, ihr Revier abzustecken, ganz zufällig im selben Augenblick geendet hätten. Aurelio Zen wandte sich den übrigen Gästen zu und betrachtete jeden Einzelnen mit einem Ausdruck, der diesen daran zu erinnern schien, dass er äußerst dringende Angelegenheiten mit seinem Nachbarn zu besprechen hatte. Nachdem der Lärm wieder eingesetzt hatte, begann Zen, sich seinem Frühstück zu widmen. »Du verhältst dich ja schon wie eine Einheimische«, sagte er, ein Stück Teilchen kauend.

»Das ist nur vernünftig«, antwortete die Frau leicht schnippisch. »Die wissen alles über uns, aber wir wissen nicht das Geringste über sie.«

Zen trank seinen Kaffee aus und bestellte ein Glas Mineralwasser, um das klebrige Teilchen herunterzuspülen. »Wenn du anfängst, so zu denken, dann wirst du verrückt.«

»Und wenn du es nicht tust, wirst du irgendwann umgebracht.«

Zen schnaubte verächtlich. »Mach dir doch nichts vor, Carla. Keiner von uns beiden wird umgebracht. Dazu sind wir nicht wichtig genug.«

»Nicht um jemandem zu drohen, nein. Aber wir sind wichtig genug, um jemandem eine Botschaft zukommen zu lassen.«

Sie deutete auf die Zeitung. »So wie er.«

»Wie meinst du das?«

Die Frau antwortete nicht. Zen aß den letzten Bissen von seinem Teilchen und wischte sich den Mund mit einer Papierserviette aus einem Metallspender ab. »Sollen wir?«, sagte er und legte mehrere Geldscheine auf die Theke.

Draußen auf dem Fera-’o-Luni-Markt, der auf der Piazza Carlo Alberto abgehalten wurde, herrschte reges Treiben. Zen und seine Adoptivtochter Carla Arduini trafen sich regelmäßig in dieser Bar, seit Carla vor einem Monat im Auftrag ihrer Turiner Computerfirma nach Sizilien gekommen war, um ein Computersystem in der Zweigstelle der Direzione Investigativa Anti-Mafia in Catania zu installieren. Die Bar lag ungefähr auf halbem Weg zwischen dem Polizeipräsidium, wo Zen arbeitete, und dem Palazzo di Giustizia, wo Carla mit den Schwierigkeiten kämpfte, ein Netzwerk einzurichten, das einerseits total sicher war und andererseits interaktiv mit den übrigen DIA-Abteilungen in Sizilien und anderswo kommunizieren konnte.

Seit er in Catania war, hatte Zen es sich zur Gewohnheit gemacht, bei offenem Fenster zu schlafen, sodass er gegen fünf Uhr von den ersten Vögeln und dem Bellen der Nachbarhunde geweckt wurde. Gerade rechtzeitig, um den atemberaubenden Sonnenaufgang über der Bucht von Catania zu betrachten, ein entferntes, intensives Glühen, als ob das Meer in Flammen stünde wie Öl in einer Bratpfanne. Dann duschte er, zog sich an, trank eine Tasse selbst gebrauten Kaffee und verließ das Haus. Unter hängenden Gärten, aus denen Zitronenbäume, riesige Kakteen und Palmen neckisch herausragten, ging er Richtung Norden.

Gegen sieben Uhr trat er an eins der Büdchen mit den kegelförmigen Dächern auf der Piazza Carlo Alberto, das Softdrinks verkaufte, und bestellte eine Spremuta d’arancia. Das heißt, er brauchte sie gar nicht zu bestellen. Sobald der Büdchenbesitzer Zens große Gestalt über den Platz schreiten sah, begann er bereits, blutrote Orangen zu halbieren, warf sie in seine uralte Bronzepresse und füllte ein Glas mit dem blässlichen orange-rosa Saft. Zen trank ihn gierig, dann ging er hinüber zu dem Café, wo er wusste, dass Carla auf ihn warten würde. Das alles gab ihm ein Gefühl der Sicherheit, wie die Rituale einer Familie, die er nie gehabt hatte.

Als er und Carla das Café verließen, sandte der Himmel völlig ungerührt sein grelles Licht aus, das nur ein Vorgeschmack auf das Inferno war, das sich im Laufe des Tages entwickeln würde, wenn jede Fläche ihren ganz persönlichen Beitrag zu der unerträglichen Hitze zusteuern würde, indem sie die Energie wieder abgab, die sie während der glühend heißen Mittagsstunden gespeichert hatte.

Eine Frau, die aussah, als wäre sie ungefähr hundert Jahre alt, grillte rote und gelbe Paprikaschoten über einem Holzkohlenfeuer und murmelte dabei irgendeine Verwünschung oder einen Fluch vor sich hin. Die Händler standen im Schutz von ausgeblichenen Sonnenschirmen aus Acryl hinter ihren Ständen, die in Reihen auf dem Platz aufgestellt waren. Mit zu rituellen Masken verzogenen Gesichtern priesen sie ihre Ware in Form einer ständigen Litanei an oder sporadisch in heftigen rhetorischen Ausbrüchen, wie der Bote in einem antiken Theaterstück, der eine Katastrophe ankündigt, die nicht in normale Worte zu fassen ist. Nachdem sie ihre Rede gehalten hatten, überließen sie die Bühne einem ihrer Nachbarn und verwandelten sich wieder in die unauffälligen mittelalten Männer, die sie eigentlich waren. Dann starrten sie traurig auf die Ware, deren Lob sie gerade gesungen hatten, bis es Zeit wurde, erneut die tragische Maske anzulegen und mit einem Geschrei, das einem das Blut in den Adern gerinnen ließ, zu verkünden, dass dicke junge Artischocken für 750 Lire das Kilo zu haben waren.

Und nicht nur Artischocken. Beinah jedes erdenkliche Produkt oder Erzeugnis wurde irgendwo auf der Piazza zum Verkauf angeboten, und was nicht ausgestellt war – wie zum Beispiel Frauen oder AK-47-Gewehre in Originalverpackung –, konnte ganz diskret in einer der umliegenden Straßen erworben werden. Zen und Carla schlenderten durch die Fleischsektion des Markts, eine schamlose Zurschaustellung, die im Grunde besagte: »Das hier sind tote Tiere. Wir ziehen sie auf, wir töten sie, dann essen wir sie. Und wenn sie flauschig sind oder eine schöne Haut haben, dann machen wir auch noch Kleidungsstücke daraus, aber die gibts am anderen Ende der Piazza.«

Und diesen Teil des Marktes betraten sie gerade, fort von den Oliven- und Paprika-, Fenchel- und Blumenkohl-, Tomaten- und Salat-Händlern. Hier gab es massenhaft Kleidung, Haushaltswaren und allen möglichen Nippes und Kitsch. Ein großer Teil der Händler waren illegale Extracommunitari, Einwanderer aus Libyen, Tunesien und Algerien. Auf dem Markt herrschte eine allgemein bekannte und akzeptierte Form von Rassismus: Die Einheimischen würden niemals Lebensmittel aus schwarzen Händen annehmen, aber sie kauften bereitwillig Strümpfe, Dosenöffner und Schraubenzieher von ihnen, solange der Preis stimmte.

»Was wolltest du über die Leiche in dem Zug sagen?«, fragte Aurelio Zen, als er mit seiner Begleiterin den Markt verließ und in die erstaunlich leere Straße dahinter bog.

Carla sah sich um, bevor sie antwortete. »Auf der Damentoilette erzählt man sich, es wäre gar nicht der Sohn von den Liminas.«

Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinanderher, bis sie zur Via Umberto kamen, wo sie sich üblicherweise trennten.

»Welcher Richter leitet den Fall?«, fragte Zen.

»Eine Frau namens Nunziatella. Vorname Corinna.«

»Kennst du sie?«

»Wir sind uns einige Male begegnet, und sie scheint mich zu mögen. Aber natürlich versuche ich, ihr aus dem Wege zu gehen. Eine einfache Technikerin sollte sich nicht mehr in die Arbeit der Richter einmischen als unbedingt notwendig.«

Zen lächelte, dann küsste er die Frau flüchtig auf beide Wangen. »Buon lavoro, Carla.«

»Dir auch, Dad.«

Zen ging die Via Umberto bis zur nächsten Ecke und bog dort in die Via Etnea, die Hauptstraße der Stadt. Als er diese überquerte, blickte er wie immer nach rechts auf das schneebedeckte Massiv des Ätna, der wie ein albtraumhafter Aknepickel über der Stadt aufragte. Von dort war es nur noch ein kurzer angenehmer Spaziergang durch eine ruhige Seitenstraße zu der kleinen Piazza, an der die Questura lag.

Zen nickte dem bewaffneten Wächter in der kugelsicheren Loge neben der Tür zu, betrat das Gebäude und ging die Treppe hinauf zu seinem Büro. Es war ein kühler, großzügiger Raum auf der zweiten Etage dieses eleganten Palazzo aus dem 18. Jahrhundert, der vorher eine Bank gewesen war und nun das Polizeipräsidium von Catania beherbergte. Fenster, die bis zum Boden reichten, führten auf einen Balkon, von dem aus man die Straße überschauen konnte. Die Wände waren mit Fotografien von Carla Arduini und Signora Zen geschmückt sowie mit einem gerahmten Poster, das unter dem Titel Venezia forma urbis eine große Collage aus verschiedenen Luftaufnahmen zeigte, die ein genaues und anschauliches Bild von Zens Heimatstadt wiedergaben.

Bisher hatte er sich noch nie die Mühe gemacht, seinen vorübergehenden Arbeitsplatz persönlich zu gestalten, und dass er es diesmal getan hatte, lag daran, dass er – wenn auch widerwillig – akzeptiert hatte, dass es diesmal keine vorübergehende Sache sein würde. Ganz im Gegenteil, Zen hatte allen Grund zu der Annahme, dass er bis ans Ende seiner beruflichen Laufbahn in Catania festsitzen würde.

Das Angebot, das Zen von dem berühmten Filmregisseur, der unter dem Namen Giulio bekannt war, in Rom gemacht worden war, bevor er ins Piemont reiste, war zwar schmeichelhaft gewesen, hatte sich aber als völlig falsch erwiesen. Giulio hatte ihm unter vier Augen eröffnet, dass eine Eliteeinheit zusammengestellt werden sollte, um die Mafia endgültig zu zerschlagen, und dass Zen aufgrund seines »triumphalen Schlags gegen den Terror« in Neapel auserwählt worden sei, dieser handverlesenen Truppe zuzugehören, trotz all der Unbequemlichkeiten und – gelegentlich tödlichen – Risiken, die eine Versetzung nach Sizilien bekanntermaßen mit sich brachte. Der Deal mit dem Regisseur hatte darin bestanden, dass als Gegenleistung für Zens Hilfe bei der Aldo-Vincenzo-Affäre Giulios Kontaktpersonen im Innenministerium dafür sorgen würden, dass Zen nicht an einen der Krisenpunkte der Insel geschickt würde, sondern in irgendein hübsches Provinznest am Rande des eigentlichen Geschehens. Es war unter anderem von Syrakus die Rede gewesen, einer Stadt, »die all die Schönheit und den Charme Siziliens besitzt, aber nicht dessen Schattenseiten«, wie Giulio es so verlockend formuliert hatte.

Beinah jeder Aspekt dieser Geschichte hatte sich als unwahr erwiesen. Zunächst einmal existierte diese neue »Eliteeinheit« überhaupt nicht, beziehungsweise es gab sie bereits in Form der Direzione Investigativa Anti-Mafia, die 1995 von dem Richter Giovanni Falcone in Zusammenarbeit mit dem damaligen Justizminister Claudio Martelli aufgebaut worden war. Außerdem war Aurelio Zen nicht aufgefordert worden, dieser Abteilung beizutreten, was auch nicht weiter erstaunlich war, da sie sich aus jungen, ehrgeizigen und energiegeladenen Freiwilligen aus den drei separaten Polizeiverbänden des Landes zusammensetzte. Dennoch wurde er tatsächlich nach Sizilien versetzt, wie er kurz nach seiner Rückkehr nach Rom erfuhr, nachdem er die Vincenzo-Affäre zu einem falschen Abschluss gebracht hatte. Welche Rolle er dort übernehmen sollte, blieb allerdings vorläufig vage.

»Im Wesentlichen sollen Sie als eine Art Vermittler fungieren«, hatte Zens direkter Vorgesetzter ihm kurz vor seiner Abreise aus Rom erklärt. »Zweifellos leistet die DIA im Großen und Ganzen ausgezeichnete Arbeit. Dennoch entsteht im Ausland immer mehr der Eindruck, dass die DIA, wie jede Eliteeinheit, manchmal eine bedauerliche und möglicherweise gefährliche Tendenz zeigt zu einer … Wie soll ich es ausdrücken? Einer gewissen Betriebsblindheit. Es hat einige Fälle gegeben, ein paar davon in jüngster Zeit, wo leider bekannt wurde, dass sie, ohne entsprechenden Rat einzuholen, und in offensichtlicher Unkenntnis des größeren Zusammenhangs gehandelt hat.«

Der Beamte hielt inne und wartete auf Zens Reaktion. Als er merkte, dass keine kommen würde, fuhr er schließlich fort: »In Anbetracht der eben erwähnten Faktoren wurde auf ministerieller Ebene der Beschluss gefasst, einen Stab von reifen und erfahrenen Beamten, so wie Sie, dorthin zu schicken, um direkt mit den Angehörigen der Polizia Statale, die DIA abgeordnet sind, in Kontakt zu treten. Ihre Aufgabe wird erstens darin bestehen, uns hier im Viminale über Art und Umfang von laufenden und geplanten Projekten der DIA Bericht zu erstatten, zweitens die Reaktionen sämtlichen Personals vor Ort auf Anweisungen der Regierung zu beobachten und drittens diese wiederum nach Rom weiterzuleiten. Das alles im Hinblick darauf, die effiziente und unproblematische Durchsetzung der offiziellen Politik zu erleichtern. Verstehen Sie, was ich meine?«

Zen verstand nur zu gut. Er sollte Spion spielen. Die Leitung der einzelnen DIA-Büros wurde turnusmäßig einem Vertreter eines der drei beteiligten Polizeiverbände übertragen, die jeweils einem anderen Ministerium in Rom unterstellt waren, nämlich dem Verteidigungs-, dem Finanz- und dem Innenministerium. Das Neue an der DIA war, dass sie von Anfang an als Gemeinschaftsunternehmen dieser drei Kräfte eingerichtet wurde und ausdrücklich unabhängig von jeder ministeriellen Einmischung arbeiten sollte.

Damals, im Anschluss an das Blutbad, für das der Corleone-Clan die Verantwortung trug, und an die Ermordung des Generals Dalla Chiesa und der Richter Falcone und Vorsellino wäre es politisch völlig undenkbar gewesen zu versuchen, diese Unabhängigkeit in irgendeiner Weise einzuschränken. Doch die Zeiten hatten sich geändert. Bis auf wenige Ausnahmen saßen alle oberen Capi im Gefängnis oder hielten sich irgendwo versteckt, und es hatte seit mehreren Jahren keine größeren Gewaltakte mehr gegeben. Ganz eindeutig hatte irgendwer in Rom, möglicherweise mehrere Leute, das Gefühl, dass der richtige Zeitpunkt gekommen sei, diese übereifrige und quasi autonome Organisation ein wenig an die Kandare zu nehmen. Selbst in der Öffentlichkeit schien sich die Ansicht breitzumachen, dass es nun reiche. Wo sollte das noch hinführen? Wollten wir etwa die Inquisition wieder einführen?

In diesem neuen Klima unterschwelliger Übereinstimmung wurde Aurelio Zen also in den Süden geschickt, und zwar nicht nach Syrakus, sondern nach Catania, der zweitgrößten Stadt der Insel und Sitz mehrerer Mafiaclans, denen schon seit Langem Macht, Ruhm und Einfluss ihrer Rivalen – und gelegentlichen unsicheren Verbündeten – in Palermo ein Dorn im Auge war. Das DIA-Büro, das für die Provincia di Catania zuständig war, wurde derzeit von einem Oberst der paramilitärischen Carabinieri geleitet, dessen Loyalität – sollte es zu einem interministeriellen Disput kommen – letztlich bei seinen Dienstherren im Verteidigungsministerium lag. Die neuen politischen Amtsinhaber im rivalisierenden Innenministerium wollten ihren eigenen Mann an Ort und Stelle haben, und ihre Wahl war auf Aurelio Zen gefallen – einen Mann ohne Ehrgeiz und stark kompromittiert.

Rein äußerlich betrachtet, musste Zen zugeben, war es gar kein schlechter Job. Jede Woche schickte jedes DIA-Büro einen streng vertraulichen Bericht über seine derzeitigen Aktivitäten an die Zentrale in Rom. Dank einer hochgestellten Kontaktperson dort wurden Kopien dieser Berichte an das Innenministerium auf dem Viminale-Hügel weitergegeben – wie auch zweifellos an die beiden anderen interessierten Ministerien. Am nächsten Montag tauchte dann eine Abschrift von dem Teil des Berichts, der für die Provinz Catania relevant war, auf Zens Schreibtisch auf. Seine offizielle Amtsbezeichnung war Verbindungsoffizier, und angeblich fungierte er als eine Art Ersatzonkel, den das neue »fürsorgliche« Ministerium in Rom entsandt hatte. Seine tatsächliche Aufgabe bestand darin, den Auszug aus dem nüchtern-neutralen Dokument der DIA mit weiteren Informationen auszuschmücken, die er aus zwanglosen Gesprächen mit den sieben Beamten der Polizia Statale bezog, die bei der DIA in Catania tätig waren.

Er lud diese zum Kaffee ein, zu einem Bier, manchmal sogar zum Essen, angeblich um sich mit ihnen über ihre persönlichen Probleme zu unterhalten und sie über Fragen der Krankenversicherung und der Altersversorgung, über eventuelle Aufstiegsmöglichkeiten und Ähnliches zu informieren. Dann, an einem gewissen Punkt, ließ er eine Bemerkung über irgendeine Sache fallen, die er dem letzten DIA-Bericht entnommen hatte, und zwar in einer Weise, die suggerierte, dass er großen Respekt vor seinen jüngeren Kollegen hatte, weil sie eine so wichtige und gefährliche Arbeit leisteten, und dass er gerne mehr darüber wüsste. Im Allgemeinen waren sie sehr entgegenkommend. Wie die meisten Menschen liebten es Zens Kontaktpersonen, über ihre Arbeit zu plaudern, zu lästern und zu tratschen, nur dass das in ihrer Situation nicht möglich war, weil sie sich mitten im Feindesland befanden. Doch hier war ein höherer Beamter aus ihrer eigenen Truppe, ein Mann von Weisheit und Diskretion, handverlesen von den Vorgesetzten in Rom, der sich um ihr berufliches und privates Wohlergehen kümmern sollte. Wenn man ihm nicht trauen konnte, wem dann?

Heute aß Zen mit Baccio Sinico zu Mittag, einem Inspektor Anfang dreißig, der seit fast drei Jahren in Sizilien war, erst in Trapani und dann in Catania, und der nun wieder in seine Heimatstadt Bologna zurückversetzt werden wollte. Das machte Zens Position noch prekärer, als sie ohnehin schon war. Sinicos Antrag war absolut in Ordnung und wäre längst bewilligt worden, wenn Zen nicht interveniert hätte. Von all seinen Kontakten innerhalb der DIA hatte sich Sinico als derjenige erwiesen, der weitaus am besten informiert war und die wenigsten Skrupel hatte. Deshalb wollte Zen ihn nicht verlieren. Gleichzeitig hatte er absolutes Verständnis für den Wunsch des Mannes, nach Hause zurückzukehren.

Der Grund dafür war, wie er erkannt hatte, nicht so sehr die physische Gefahr, obwohl diese real genug war. Im Verlauf eines ihrer Gespräche hatte Zen gespürt, dass Sinico an etwas litt, das einerseits viel vager, aber deshalb auch viel beunruhigender war. Obwohl Sizilien ein Teil von Italien und also auch von Europa war, bekam man dort unten einen anderen Eindruck. Bei allem, was man tat, sah oder hörte, hatte man das Gefühl, irgendwie von der Hauptsache abgeschnitten zu sein, von il continente, wie die Sizilianer das Festland bezeichneten. Das führte zu einer ganz speziellen insularen Arroganz, die eine natürliche Reaktion auf die vielen Jahrhunderte war, in denen man von den jeweils Mächtigen in den bedeutenden Metropolen entweder ignoriert oder ausgebeutet worden war.

Baccio Sinico litt an den Rückwirkungen dieser Mentalität, wie vielleicht auch Zen selbst, wenn er häufig morgens irgendwann zwischen drei und vier ohne erkennbaren Grund in seiner dunklen Wohnung aufwachte und nicht wieder einschlafen konnte. Das wird böse enden, dachte er, wenn er dann am offenen Fenster stand und der Rauch seiner Zigarette sanft im Seewind verwehte, der nachts aufkam, um die Glut der südlichen Sonne zu lindern. Alles war friedlich und still, trotzdem ließ sich ein uralter Instinkt, der tief in sein Hirn eingebrannt war, nicht täuschen. Das wird böse enden, erklärte ihm dieser mit der ganzen Autorität eines Informanten, der kein persönliches Interesse verfolgt, aber bestens informiert ist. Das wird böse enden.

Die tägliche Fahrt zur Arbeit kam ihr wie immer wie eine überzeichnete Parodie ihrer gesamten Existenz vor, wie ein Trickfilm, der das Leben, das sie jetzt lebte, treffend darstellte und gleichzeitig verspottete.

Um fünf vor acht waren die Sirenen bereits in der Ferne zu hören. Sie klangen heiser in der morgendlichen Brise, die vom Ionischen Meer herüberwehte, wurden immer lauter, während sie scheinbar automatisch auf ihr Ziel zusteuerten. Genau in dem Augenblick, als von der nahe gelegenen Kirche die volle Stunde schlug, erreichte der Lärm seinen Höhepunkt, und im nächsten Augenblick verstummten die Sirenen vor dem Mietshaus, in dem sie wohnte. »Eins, zwei, drei, vier, fünf …«, zählte sie leise vor sich hin. Bei zehn klingelte das Telefon.

»Tu proverai sì come sa di sale lo pane altrui«, verkündete eine Stimme.

»E com’è duro calle lo scendere e’l salir per l’altrui scale«, antwortete Corinna Nunziatella und hängte ein.

Wie jedes Mal fragte sie sich auch heute, welcher geniale Witzbold Dantes berühmte Zeilen über die Bitterkeit des Exils diese Woche als Codespruch für die Ankunft ihrer Bodyguards ausgewählt hatte: »Du wirst feststellen, wie salzig anderer Menschen Brot schmeckt und wie schwer es ist, über anderer Menschen Treppen auf- und abzusteigen.«

Vor ihrer derzeitigen Anstellung hatte Corinna ein Jahr lang in Florenz gearbeitet, wo ihr klar geworden war, dass der Dichter das ganz wörtlich gemeint hatte. Toskanisches Brot wurde ohne Salz hergestellt und war für ihren Geschmack fade. Der arme Dante hingegen, der nördlich des Apennin im Exil gelebt hatte, hatte offenbar entsetzt jeden Tag aufs Neue festgestellt, dass das absolut grundlegende menschliche Nahrungsmittel dort anders war. Auch wenn sie sich nicht in Selbstmitleid erging, musste Corinna doch über ihre eigene, noch tragischere Situation nachdenken. Sie war in Sizilien geboren und aufgewachsen, trotzdem lebte sie in ihrer Heimat nicht nur wie eine Verbannte, sondern konnte nicht mal ihre eigene Treppe ohne einen bewaffneten Wächter auf- und absteigen.

Ein Klopfen kündigte die Ankunft des Letzteren an. Corinna warf einen Blick durch den Spion in der gepanzerten Tür, dann öffnete sie diese mit einem Seufzer. Ihr persönlicher Begleiter an diesem Morgen war Beppe, ein schlaksiger, halbwegs attraktiver Mistkerl, der wie immer versuchte, sie anzumachen, während sie zusammen die Treppe hinuntergingen, sie in ihrem dunklen maßgeschneiderten Kostüm und den flachen Schuhen, er in seinem tarnfarbenen Kampfanzug und mit der Maschinenpistole, die an einem Ledergurt über seiner Schulter hing.

Mit »Schöner Tag heute!« begann er das Gespräch.

»Ja.«

»Aber nicht so schön wie Sie, Signorina Nunziatella.«

»Das reicht, Beppe.«

»Tut mir leid, Dottoressa, aber was erwarten Sie denn von mir? Hier hänge ich, 500 Kilometer weg von zu Hause, mit den ganzen anderen Trotteln, die ihren Militärdienst leisten, in einer elenden Kaserne herum und riskiere jeden Tag mein Leben, um die schönste Frau zu beschützen, die ich je gesehen habe! Haben Sie schon mal vom ›Stockholm-Syndrom‹ gehört, wo Opfer sich in ihre Kidnapper verlieben? Das hier ist so etwas Ähnliches. Denn wenn Sie es genau bedenken, dann bin ich von dem System gekidnappt worden, das Sie vertreten, Dottoressa, also ist es nicht erstaunlich, dass ich mich mit Haut und Haaren in Sie …«

Doch inzwischen hatten sie die Haustür erreicht, und Beppe musste seinen Pflichten nachkommen. Er aktivierte das Funkgerät, das in einer Tasche an seinem Gürtel befestigt war, und wechselte einige kryptische und von Rauschen verzerrte Sätze mit seinen Kollegen. Dann zählte er langsam bis fünf, stieß die Tür auf und führte Corinna eilig nach draußen. Die beiden anderen Wächter hatten inzwischen auf jeweils einer Seite der drei Fiat-Limousinen Posten bezogen, die hintereinander vor dem Haus standen – wo kein anderes Fahrzeug, nicht mal kurzfristig, parken durfte –, und beobachteten aufmerksam die Straße nach beiden Seiten, die automatischen Waffen im Anschlag. Corinna lief das kurze Stück bis zum mittleren Wagen, dessen hintere Tür bereits für sie offen stand. Beppe, der ihr gefolgt war, knallte die Tür zu und schlug mit einer Hand auf das Dach. Sofort fuhr der Konvoi mit Richterin Nunziatella und ihren schwer bewaffneten Wächtern mit hoher Geschwindigkeit los. Kreischende Sirenen und Blaulicht machten die Bürger darauf aufmerksam, dass schon wieder ein zum Tode verurteilter Regierungsfunktionär vorbeifuhr, ausgestattet mit all der ohnmächtigen Macht des italienischen Staates.

Der Justizpalast an der Piazza Verga war ein eindrucksvoller Bau aus der faschistischen Ära, der einen ganzen Häuserblock einnahm. Vor dem Haupteingang stand eine riesige Frauenstatue mit einer Krone als Symbol für die Gerechtigkeit, die angeblich drinnen geübt wurde. Auf einer ihrer ausgestreckten Hände stand ein jubilierender nackter Mann, während auf der anderen eine ebensolche Figur stand, die jedoch ihr Gesicht aus Furcht oder Scham verbarg. Diese beiden Figuren waren in etwa lebensgroß, während Justitia selbst mindestens 10 Meter hoch war. Ihre römisch angehauchten Gewänder fielen fließend auf den steinernen Sockel unter ihr.

Die klassischen Anspielungen setzten sich in den vierundzwanzig kantigen Säulen des dekorativen Vorbaus fort, der bei dem gegenwärtigen politischen Klima die Assoziation weckte, als befände sich das Gebäude selbst in Gefangenschaft und blickte durch die Stangen seines Käfigs auf die Stadt. Doch der beruhigendste Effekt dieses Vorbaus war, dass – abgesehen von etwa einer Stunde um die Mittagszeit – die Säulen zu beiden Seiten der Statue dunkle längliche Schatten auf sie warfen, die das Bildnis der Justitia in die obskure, gesichtslose Darstellung irgendeiner heidnischen Göttin verwandelten, die vollkommen gleichgültig gegenüber dem Glück oder Leid der armseligen menschlichen Kreaturen war, die sie in ihren Händen hielt.

Das Gelände um das Gebäude wurde in eindrucksvoller Weise von mit Planen abgedeckten Lastwagen voller Soldaten in Kampfanzügen und einem Panzerwagen bewacht, der mit einer 4,5-Kanone in einem schwenkbaren Gefechtsturm ausgestattet war. Das Militär wurde auf den Straßen Catanias und anderer sizilianischer Städte eingesetzt, seit man gemerkt hatte, dass die Aufgabe, Präfekten, Richter, hohe Beamte und andere Staatsbedienstete zu schützen, die Polizeikräfte dermaßen in Anspruch nahm, dass nicht mehr genügend Beamte übrig waren, um die Ermittlungen und Verhaftungen durchzuführen, die von den Richtern angeordnet wurden, die die Attentate überlebt hatten, die von Totò Riina geplant und von seinem Corleone-Clan ausgeführt wurden.

Nun schien jedoch das politische Pendel wieder zurückzuschwingen. Im Parlament waren Stimmen laut geworden, dass eine solche massive Zurschaustellung von Macht die demokratische Kultur Italiens unterwandere und das Land in den Augen seiner Partner in der Europäischen Union in ein schlechtes Licht rücke. Ein Abgeordneter war sogar so weit gegangen, dieses Machtgehabe mit den brutalen Maßnahmen zu vergleichen, die Cesare Mori einleitete, Mussolinis »Eiserner Präfekt«, der die Mafia in den Zwanzigerjahren praktisch zerschlug, bloß damit die einmarschierenden Alliierten die Capi und ihre Anhänger gerade rechtzeitig aus dem Gefängnis entließen, damit sie sich an dem leicht verdienten Geld und dem unkontrollierten Wachstum im Italien der Nachkriegszeit bereichern konnten. In Regierungskreisen hatte bisher niemand derartige Ansichten verlauten lassen, doch Corinna Nunziatella war keineswegs die Einzige, die glaubte, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis Beppe und seine Rekrutenkollegen wieder bei ihren Familien und Freundinnen waren und die Situation in Sizilien zu dem zurückkehrte, was man immer für »normal« gehalten hatte.