Sterben auf Italienisch - Michael Dibdin - E-Book

Sterben auf Italienisch E-Book

Michael Dibdin

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Beschreibung

Aurelio Zen, Sonderermittler der italienischen Polizei, wird nach Cosenza, Kalabrien, gerufen. Dort ist der Amerikaner Robert Newman verschwunden, und alles sieht nach einer klassischen Entführung aus. Doch wenig später findet man Newmans übel zugerichtete Leiche, und einem kleinen Jungen, der Newman zuletzt gesehen hat, wird die Zunge herausgeschnitten. Aurelio Zen kommt mit seinen Ermittlungen nicht voran, überall stößt er auf eine Mauer des Schweigens. Doch anstatt einen Täter zu finden, provoziert der Kommissar mit seinen Untersuchungen nur weitere Morde.

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Seitenzahl: 512

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Über dieses Buch

In Cosenza, Kalabrien, verschwindet der Amerikaner Robert Newman, und alles sieht nach einer klassischen Entführung aus. Doch wenig später findet man Newmans übel zugerichtete Leiche. Kommissar Aurelio Zen kommt mit seinen Ermittlungen nicht voran. Anstatt einen Täter zu finden, provoziert der Kommissar mit seinen Untersuchungen nur weitere Morde.

Zur Webseite mit allen Informationen zu diesem Buch.

Michael Dibdin (1947–2007) studierte englische Literatur in England und Kanada. Vier Jahre lehrte er an der Universität von Perugia. Bekannt wurde er durch seine Figur Aurelio Zen, einen in Italien ermittelnden Polizeikommissar.

Zur Webseite von Michael Dibdin.

Ellen Schlootz arbeitet als Übersetzerin aus dem Englischen. Sie hat u. a. Werke von Ian Rankin und David Hosp ins Deutsche übertragen.

Zur Webseite von Ellen Schlootz.

Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: Taschenbuch, E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)

Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.

Michael Dibdin

Sterben auf Italienisch

Aurelio Zen ermittelt in Kalabrien

Kriminalroman

Aus dem Englischen von Ellen Schlootz

Aurelio Zen ermittelt (11)

E-Book-Ausgabe

Unionsverlag

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Impressum

Die Originalausgabe erschien 2007 unter dem Titel End Games im Verlag Faber and Faber, London.

Die deutsche Erstausgabe erschien 2007 im Goldmann Verlag, München.

Originaltitel: End Games (2007)

© by Michael Dibdin 2007

© by Unionsverlag, Zürich 2024

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag: Tomas Marek

Umschlaggestaltung: Martina Heuer

ISBN 978-3-293-30892-3

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Version vom 28.05.2024, 15:46h

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Inhaltsverzeichnis

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Inhaltsverzeichnis

STERBEN AUF ITALIENISCH

1 – Der Tote parkte sein Auto am Ortsrand neben …2 – Eine volle Gabel in der Hand, die zwischen …3 – Neuneinhalbtausend Kilometer weiter nordwestlich wachte Jake Daniels auf …4 – Sind Sie mit dem Drehbuch zufrieden?«5 – Sie wollen mir also nicht sagen, worüber Sie …6 – Jake und Martin trafen sich im SooChic …7 – Der Flug von Mailand hatte wegen eines Streiks …8 – Seit er in Cosenza war, schlief Aurelio Zen …9 – Der Beobachtungsposten vor Nicola Mantegas Kanzlei auf dem …10 – Die Rotorblätter liefen langsam aus, als die drei …11 – Die abgelegene Scheune aus Stein wurde offenbar schon …12 – I calabresi non sanno fare squadra. Tutto lì …13 – Jake und Madrona fuhren in die Berge und …14 – Um Punkt sieben Uhr wachte Claude Rousset aus …15 – Aurelio Zens Anreise zum Tatort war in mancher …16 – In Martin Nguyens Weltsicht bestand eins der Kriterien …17 – Zwei Minuten vor Ablauf seiner Deadline tauchte Natale …18 – Die alte Frau wälzte sich auf der klumpigen …19 – Tom Newman streckte genüsslich die Beine aus …20 – Nicola Mantega war kein besonders dummer oder leichtsinniger …21 – Die vier Männer kamen kurz vor drei Uhr …22 – Martin Nguyens Fahrer war zwar unschlagbar darin gewesen …23 – Es war wieder so ein perfekter Morgen in …24 – Die an eine stachelige Rückenflosse erinnernde Küste glitt …25 – Tom Newman war wütend. Obwohl er normalerweise ein …26 – Für jemanden, dessen religiöse Überzeugungen, theologisch betrachtet …27 – Als die Papiere am frühen Abend auf Zens …28 – Hinter zwei Lagen geschlossener Vorhänge fläzte sich Martin …29 – Nachdem er sein Büro ungewöhnlich spät verlassen hatte …30 – An diesem Abend blieb Aurelio Zen bis zehn …31 – Tom verbrachte den größten Teil des Vormittags mit …32 – Der Fahrzeugkonvoi hielt an einer entlegenen Stelle am …33 – Nachdem ihn seine Arbeit bis zum frühen Abend …34 – Jetzt reichte es, dachte Emanuele Pancrazi, während er …35 – Tom Newman saß vorne neben dem Fahrer in …36 – Drei Uhr, hatte der Polizeichef gesagt. An der …37 – Da sein Sohn für diesen Tag seine eigenen …38 – Abgesehen von der Anwesenheit Natale Arnones, der in …39 – Martin Nguyen versteckte sich in seinem Zimmer …40 – Nicola Mantega brach kurz nach vier Uhr morgens …41 – Am nächsten Tag machte sich Achille Pancrazi kurz …42 – Als seine umgebaute 737 in dem Scheißkaff landete …43 – Man könnte die italienische Republik – res publica …44 – Angesichts der beschränkten Zeit, die Tom zur Verfügung …45 – Jake war von einem Anruf von Madrona geweckt …46 – In den frühen Morgenstunden, gegen zehn nach vier …47 – Etwas Furchtbares war passiert. Zum ersten Mal in …48 – Der Wagen fährt in dreißig Minuten los« …49 – Der Anruf, auf den Nicola Mantega gewartet hatte …50 – Gheorghe Alecsandri traf an diesem Abend kurz nach …51 – Ein Habicht wurde von einer Schar Krähen gejagt …52 – »… bedauerlicherweise, aber es gibt viele andere antike …53 – Herzlichen Glückwunsch zu deiner Degradierung!«, rief Giovanni Sforza …54 – Der Überfall ereignete sich, als Tom und Mirella …55 – Als er am nächsten Morgen auf der Terrasse …56 – Rocco Battista hatte nur einen Fehler gemacht …57 – Der Flug mit dem Hubschrauber war vielleicht der …58 – Tom lag im Bett und starrte auf das …59 – Die Falle war gestellt. Es waren keine Anrufe …60 – Jake träumte, er würde fliegen. Zuerst war es …61 – Entlegene Bahnhöfe haben in den langen Pausen zwischen …Dank

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Ihre Wildheit offenbarten die Barbaren beim Leichenbegängnis eines Helden, dessen Mut und Glück sie mit trauervollen Lobpreisungen feierten.

Sie zwangen eine große Menge ihrer Gefangenen zur Umleitung des Flüsschens Busentinus, das die Mauern von Cosentia bespült. Das mit den prächtigen Beutestücken und Trophäen Roms geschmückte Königsgrab wurde im leeren Fluss angelegt, das Wasser anschließend wieder in sein natürliches Bett zurückgelassen und der geheime Ort, an dem Alarichs Gebeine ruhen, durch die grausame Abschlachtung der Gefangenen, die das Werk ausgeführt hatten, für immer verborgen.

EDWARD GIBBONVerfall und Untergang des römischen Imperiums

1

Der Tote parkte sein Auto am Ortsrand neben einer bröckeligen Mauer, die die Grenze eines steinigen, mit verkrüppelten Eichen und staubigem Gestrüpp überwucherten Ödlands markierte, über dessen Besitz seit mehr als drei Jahrzehnten ein Rechtsstreit geführt wurde und das für die Einheimischen im Laufe der Zeit zur inoffiziellen Müllkippe geworden war.

Die Ankunft des glänzenden silbergrauen Lancia wurde von mehreren Augenpaaren beobachtet, und die Nachricht verbreitete sich rasch im ganzen Dorf, doch obwohl die Luxuslimousine unbewacht und unverschlossen abgestellt wurde, machte sich niemand daran zu schaffen, weil der Fahrer ein toter Mann war.

Die Einzigen, die ihn aus der Nähe sahen, waren drei Jungen im Alter von fünf bis zehn Jahren, die im dichten Gebüsch unter der steilen Felswand Wildschweinjagd spielten. Der Fünfjährige, der das Beutetier war, war gerade gefangen worden und sollte erlegt werden, als ein Mann wenige Meter unter ihnen auf dem Pfad auftauchte. Er war Ende fünfzig oder Anfang sechzig, von mittlerer Statur, hatte blasse Haut und dichtes Haar, das tiefschwarz war. Er trug einen schwarzen Anzug aus einem billigen synthetischen Material, und ein breiter Stehkragen, der etwas Klerikales an sich hatte, aber matt und schwarz war, umschloss seinen Hals. Gleich darunter hing ein großes metallenes Kruzifix. Im Übrigen waren Oberkörper und auch die Füße des Mannes nackt. Er schleppte sich schweigend den steilen Pfad zum alten Dorf hinauf, blickte starr vor sich auf den Boden und ließ durch nichts erkennen, ob er die drei Zuschauer bemerkt hatte.

Sobald er außer Sichtweite war, wollten die beiden kleineren Jungen ihm unbedingt folgen, als eine Art Mutprobe. Sabatino, der Älteste, verwarf die Idee mit einer einzigen Kopfbewegung. Zwar hatte ihn niemand über dieses Ereignis in Kenntnis gesetzt, doch die Gemeinschaft, in der die drei lebten, war wie ein gewaltiger Resonanzboden, wenn es um Nachrichten ging, die ihre Mitglieder betreffen könnten. Auch wenn Sabatino nicht den ersten Ton gehört hatte, der irgendwo angeschlagen worden sein musste, so hatte er doch unbewusst die sekundären Schwingungen dieses komplexen Instruments aufgenommen, die von anderen Stellen widerhallten. »Gefahr!«, hatten sie geflüstert. »Halt dich bedeckt, misch dich nicht ein, wisse von nichts!« Kurzerhand tauschte er seine Rolle als der berühmte, furchtlose Wildschweinjäger gegen die des verantwortungsbewussten älteren Jungen, schnappte sich seinen Freund Francesco und den anderen Jungen und führte sie über einen Seitenpfad in die Sicherheit des Dorfes zurück.

Der einzige Zeuge, der mitbekam, was dann geschah, war eine Gestalt, die auf einem Bergkamm etwa einen Kilometer entfernt auf der anderen Seite des Tals das Geschehen durch ein Fernglas beobachtete. Der Tote folgte dem Pfad, bis dieser oberhalb der letzten verbliebenen Bäume keine gerade Linie aus festgetretenem Boden und struppigem Gras mehr war, sondern zu einer aus der Felswand herausgeschlagenen steinigen Rampe wurde, in die die eisernen Beschläge der Wagenräder früherer Zeiten tiefe Furchen gegraben hatten. Mittlerweile litt il Morto deutliche Qualen, doch er kämpfte sich weiter voran, blieb häufig stehen, um nach Luft zu schnappen, bevor er ein weiteres Stück des glühend heißen Felsens in Angriff nahm, auf dem seine Fußsohlen blutige Abdrücke hinterließen. Über seinem bloßen Haupt schwebte die Sonne wie ein Habicht am wolkenlosen Himmel.

Der einsame Hügel, den er bestieg, war beinahe rund und bis auf seinen vulkanischen Kern erodiert, und danach war er als Steinbruch für Baumaterial benutzt worden, sodass er fast flach wirkte, als ob er mit einer Säge gestutzt worden wäre. Als der Tote endlich flachen Boden unter den Füßen hatte, brach er zusammen und blieb eine Zeit lang reglos liegen. Um ihn herum war alles völlig verfallen. Die Überreste eines mächtigen Torbogens, dessen Steinblöcke zu groß und zu widerspenstig für den Abtransport gewesen waren, lagen noch am Rand des Abgrunds, wo die primitive Straße in das einstige Dorf geführt hatte, doch wenn man zum ehemaligen Ortskern blickte, standen dort nur noch die Ruinen von Häusern und eine kleine Kirche und gegenüber dieser Kirche ein imposantes Mauerfragment, das einen prunkvollen Eingang umrahmte, zu dem fünf Marmorstufen hinaufführten. Überall lagen Geröllhaufen, auf denen Unkraut und kleine Büsche wuchsen. Die abgerundeten Pflastersteine der Hauptstraße waren jedoch noch deutlich zu sehen, und der Tote folgte ihnen, vor Schmerzen stöhnend, bis das Kopfsteinpflaster auf eine kleine Piazza mündete.

Dort ging er auf die Kirche zu, senkte den Kopf und bekreuzigte sich auf der Schwelle. Zehn Minuten vergingen, bevor er wieder auftauchte. Er blieb einen Augenblick stehen und starrte auf die massiven Überreste der Steinfassade, die den Platz beherrschte, dann ging er zu der Treppe, die zu dem klaffenden Eingangsloch hinaufführte, kniete nieder und kroch langsam auf den Knien die Stufen hinauf, eine nach der anderen, bis er die oberste erreicht hatte. Ein wilder Feigenbaum hatte sich in der verkohlten Ödnis des ehemaligen Gebäudes von alleine gepflanzt und nährte sich von einer verborgenen Wasserquelle tief im Boden. Der Tote beugte sich über den Baum und küsste eines seiner Blätter, dann neigte er sich so weit herab, bis er mit der Stirn die leicht erhöhte Eingangsstufe berührte.

Der Mann, der von dem Bergkamm gegenüber die Szene beobachtete, senkte sein Fernglas, nahm etwas, das wie ein übergroßes Handy aussah, vom Armaturenbrett des Jeep Grand Cherokee, der neben ihm parkte, zog die lange Antenne heraus und drückte eine der Tasten im Bedienfeld. Das Geräusch, das daraufhin eine Zeit lang von den Felswänden des Tals widerhallte, hätte man durchaus für ein fernes Donnern halten können.

2

Eine volle Gabel in der Hand, die zwischen Teller und Mund verharrte, saß Zen da und beobachtete den Mann am Nebentisch. Dessen hageres, kantiges Gesicht sah aus, als wäre es mit einer Kettensäge aus einem knorrigen Holzklotz geschnitten worden, doch Zen wartete darauf, dass dem Mann der Kopf platzte. Beide hatten das Tagesgericht der Trattoria bestellt, doch Zens Nachbar hatte außerdem Pepe verlangt. Dieser wurde auch gebracht, in Form von drei frischen Chilischoten in der Größe von Gewehrpatronen. Der Mann hackte sie in grobe Stücke und verteilte diese samt Kernen über seine Pasta, rührte alles gut um und langte zu.

Wie schon so oft seit seiner Versetzung nach Cosenza fühlte sich Zen absolut fremd. Er wusste, wenn er auch nur ein winziges Stück von einer dieser Pfefferschoten gegessen hätte, hätte er sich nicht nur die Geschmacksknospen im Mund verbrannt, sondern heftiges Herzklopfen bekommen, verbunden mit Schweißausbrüchen wie kurz vor einem Herzstillstand, und wäre mindestens fünfzehn Minuten lang nicht in der Lage gewesen, zu essen, zu trinken und zu reden oder auch nur zu denken. Sein Nachbar hingegen mampfte die Schoten, ohne eine Miene zu verziehen, in sich hinein. Ein so grimmiges Gesicht würde zwar vermutlich nie eine Regung zeigen, doch er schien mit seinem Mittagessen zufrieden zu sein.

Zen stocherte noch ein bisschen in seinem Essen, dann schob er den Teller beiseite. Kleine Stückchen Hammelhaxe lugten zwischen den pampigen Nudeln hervor, die in Tomatensauce ertränkt waren. Nicht zum ersten Mal fragte er sich, wie diese fade und doch so penetrante Frucht weltweit zum Inbegriff der italienischen Küche hatte werden können, obwohl noch bis vor etwa einem Jahrhundert nur wenige Italiener eine Tomate überhaupt gesehen hatten, geschweige denn sie als Grundbestandteil in jedem Essen betrachteten. Noch während seiner Kindheit in Venedig waren sie eher selten gewesen. Seine Mutter hatte in ihrem ganzen Leben nie mit Tomaten gekocht. »Roba del sud«, hätte sie verächtlich gesagt. Südländischer Kram.

Was natürlich Zens Frage beantwortete. Die Spanier hatten die Tomate aus den amerikanischen Kolonien mitgebracht und in ihren Herrschaftsgebieten in Süditalien eingeführt, wo sie wie Unkraut wuchs.

Die italienischen Emigranten, die in historischen Wellen den Süden verließen, hatten praktisch von diesem billigen und reichlich vorhandenen Nahrungsmittel gelebt, das im Aussehen passenderweise an die Bilder vom Herzen Jesu erinnerte, die sie an ihre Wände hängten, sowie von der in Flaschen abgefüllten Sauce, die man daraus herstellen konnte, sodass man das ganze Jahr damit versorgt war. Diese Sauce hatten sie zu einem Symbol ihres kulturellen Erbes und ihrer Identität hochstilisiert und dann den leichtgläubigen Ausländern, unter denen sie nun lebten, als Quintessenz der italienischen Küche verkauft.

Zen gab dem Kellner ein Zeichen. Zwangsvorstellungen waren ein Berufsrisiko in Kalabrien, aber zwanghaftes Nachdenken über Tomaten war absurd. Er zahlte den vereinbarten Preis und antwortete mit einem kurzen Nicken, als der Kellner sich wie stets in einem Tonfall bedankte, der in der Grauzone zwischen widerwilligem Respekt und unverhohlener Aufsässigkeit lag. In dem Moment, als er aus dem klimatisierten Speisesaal in die unerträglich drückende Hitze auf der Straße kam, spürte er, wie seine Poren sich weit öffneten wie das Maul des Goldfischs, den er als Kind gehabt hatte. Er zündete sich eine Zigarette an und betrachtete das kleine Stück Himmel, das zu sehen war. Es war von einem strahlenden Blau, das langsam von bauschigen, leicht dunkel getönten Wolken verdrängt wurde, von deren Unterseite durchsichtige Fallstreifen herabhingen. Hinter ihm ging die Tür auf, und Nicodemo, der Besitzer des Restaurants, kam heraus und zündete sich ebenfalls eine Zigarette an.

»Hat Ihnen Ihr Essen nicht geschmeckt?«, fragte er mit besorgter Miene.

Zen wählte seine Worte mit Bedacht. »Es war sehr authentisch.«

Nicodemo strahlte. Er hatte Zen bereits ausführlich erzählt, dass er un Immigrante war. Nachdem er fast dreißig Jahre als Bauarbeiter in einer kanadischen Stadt namens Tronno verbracht hatte, war er nun in seine Heimat Kalabrien zurückgekehrt und hatte ein Restaurant eröffnet, das sich der Aufgabe widmete, die ursprüngliche Küche seiner Jugend zu erhalten und neu zu beleben.

»Meine Mutter hat dieses Gericht zu ganz besonderen Anlässen gekocht und schon im Morgengrauen mit der Zubereitung begonnen«, vertraute er Zen in ehrfürchtigem Tonfall an. »Die Sauce braucht Stunden, aber das Aroma von am Knochen gekochtem Hammel und von dem Fett ist unvergleichlich.«

»Es gibt sicher nicht viel, womit man es vergleichen kann. Ich habe wohl heute einfach keinen großen Hunger.«

»Sie sind doch nicht etwa krank, Dottore?«

»Nein, nein. Bloß ein bisschen überarbeitet, nehme ich an.«

Nicodemo nickte weise. Es würde ihm natürlich nicht im Traum einfallen weiterzubohren – schließlich fragte man den örtlichen Polizeichef nicht aus, aber ein verständnisvolles Wort war nie verkehrt. »Ah, diese furchtbare Geschichte.«

Ein Schweigen breitete sich aus, welches der Gastwirt vielleicht nur deshalb brach, damit nicht etwa der Eindruck aufkam, er wäre indiskret gewesen.

»Und wenn man sich vorstellt, dass er sogar mal hier gegessen hat!«

»Hat ihm das Essen geschmeckt?«, erwiderte Zen mit einem Hauch von Sarkasmus, der bei seinem Gegenüber allerdings nicht ankam.

»Aber natürlich! Auch er war gerade dabei, seine Ursprünge wiederzuentdecken, genau wie ich, als ich nach all den Jahren zurückgekehrt bin.«

Zen warf seine Zigarette in den Rinnstein. »Entschuldigung, ich dachte, Sie hätten von dem amerikanischen Anwalt gesprochen.«

»Das habe ich! Als ich sein Bild im Fernsehen sah, hab ich ihn sofort erkannt.«

»Signor Newman hat hier gegessen?« Zen klang nicht mehr als höflich interessiert.

»Nur einmal. Es hatte ganz plötzlich angefangen zu regnen. Er stellte sich eine Weile im Eingang unter, und als es immer noch nicht aufhörte, kam er herein. Er ließ sich von mir beraten, was er bestellen sollte, und nachdem er gegessen hatte, kamen wir ins Plaudern. Zuerst auf Italienisch, dann im Dialekt. Dem rauen von oben aus dem Sila-Gebirge. Er hatte ihn seit Jahren nicht mehr gesprochen, aber allmählich kam alles wieder. So wie man feststellt, dass man immer noch Fahrrad fahren kann, meinte er.« Nicodemo schüttelte den Kopf. »Er schien froh zu sein, dass er wieder zu Hause war, genau wie ich. Und nun passiert so etwas! Kalabrien kann hart sein zu seinen Söhnen.«

Er fasste Zen leicht am Arm. Zen mochte es nicht, wenn Fremde ihn anfassten, doch er hatte gelernt, dass dies eine gängige dramatische Geste im Süden war, und unterdrückte das Verlangen, den Arm zurückzuziehen.

»Ich sollte Sie das eigentlich nicht fragen, Dottore, aber glauben Sie, es wird alles gut mit ihm?«

Zen befreite seinen Arm mit einer weiteren dieser dramatischen Gesten, mit denen Männer ihren ausschweifenden Darlegungen in den Disputen auf der Straße Nachdruck verliehen, einer Angewohnheit, die im städtischen Leben Cosenzas genauso normal, häufig und bedeutsam war wie in der athenischen Agora.

»In diesen Dingen gibt es keine Gewissheit. Doch der Sohn des Opfers soll in Kürze hier eintreffen, und mit ein bisschen Glück sollten wir bald anfangen können, ernsthaft zu verhandeln.«

Nicodemo nickte servil und nahm Zens Hand. »Danke, danke! Vielleicht hätte ich ja nicht fragen sollen, aber obwohl wir uns nur kurz begegnet sind, mochte ich den Mann. Außerdem sind wir beide Immigranten.« Zen wandte sich ab.

»Kommen Sie morgen wieder?«, rief der Gastronom hinter ihm her. »Es gibt Spaghetti mit Venusmuscheln.«

Zen hielt inne. Der Name dieses unschuldigen Gerichts hatte die gleiche Wirkung auf ihn, als würde man ein vertrautes Gesicht in der Menge entdecken. Es war ein Gericht, mit dem er aufgewachsen war: das an weibliche Geschlechtsorgane erinnernde weiche, leicht knorpelige Muschelfleisch in den aufklaffenden Porzellangehäusen, die harte, unverfälschte Pasta umschmeichelt von dieser feinen Sauce, ein Hauch Knoblauch, ein Tropfen Öl, ein Schuss Wein …

»Ich fahre morgen früh ans Meer, um die Muscheln ganz frisch direkt von den Booten zu kaufen«, fügte Nicodemo ermutigend hinzu.

»Werden sie in Tomatensauce gekocht?«, wollte Zen wissen.

»Ma certo! Genau so, wie meine Mamma sie immer gemacht hat.«

Zen neigte respektvoll den Kopf. »Möge sie in Frieden ruhen.«

An der nächsten Ecke ging er in ein Café, wo er zwei Tassen Kaffee trank und ein halbes Döschen Tic Tacs kaute, um den penetranten Geschmack von in Hammelfett gedünsteten Tomaten loszuwerden. Er war gerade beim zweiten Espresso, als etwas Merkwürdiges geschah. Plötzlich wurde es düster wie bei einer Sonnenfinsternis, durch die offene Eingangstür wehte der Wind herein, und die Zeitung, die verlassen auf einem Tisch lag, wurde Seite für Seite umgeblättert wie von der Hand eines unsichtbaren Lesers. Von draußen auf der Straße hörte man abgehackte Rufe durch das brodelnde Geräusch, das sich in die bleierne Stille geschlichen hatte. Tausende Eiskörnchen prasselten hüpfend auf das Pflaster, dann riss der Himmel auf und entließ Schallwellen, die die Erde erschütterten und in Zens Wasserglas kleine Wellen erzeugten. Im nächsten Moment verwandelte sich der Hagelschauer in einen sintflutartigen Regen, und innerhalb von Sekunden liefen alle Abflüsse über. Das Wasser staute sich und überflutete die Straße, wo die Leute, die von dem Unwetter überrascht worden waren, Aktentaschen und Zeitungen über ihre Köpfe hielten, um sich zu schützen, und zu den Lichtern des Cafés am anderen Ufer des unpassierbaren reißenden Stroms starrten, während diejenigen, die sicher und trocken drinnen saßen, es sich dort lachend und spottend behaglich machten.

Und genauso plötzlich war alles vorbei. Der Regen hörte auf, die Wassermassen liefen ab, und es wurde wieder hell. Als Zen bezahlt hatte und das Café verließ, trockneten die Straßen bereits dampfend in der Sonne. Das Gemisch von Gerüchen aus den überforderten Abflüssen erzeugte zusammen mit dem Wasserdampf einen bleichen Dunstschleier, durch den er den Hügel hinauf zur Questura ging.

3

Neuneinhalbtausend Kilometer weiter nordwestlich wachte Jake Daniels auf. Morgenlicht sickerte durch die Holzjalousien. In aller Ruhe überprüfte Jake zunächst die Funktion des Hauptprozessors und ließ ein Defrag-Programm durchlaufen, dann rollte er sich von der Matratze und stand auf. Das kaum hörbare Atmen von der anderen Seite des riesigen Betts behielt seinen gleichmäßigen Rhythmus bei. Er umschiffte die Untiefen des Schlafzimmers, trat hinaus in den Flur und schloss leise die Tür hinter sich. Madrona war zwar klasse, aber jetzt brauchte er seine Ruhe.

Er machte Kaffee und lauschte der legendenumwobenen All-Girl-Band der Stadt, den Westward Hos, als das Telefon zum Leben erwachte. Wie zu erwarten, war es Martin. Martin war zwar auch klasse, aber er kannte keine Ausfallzeiten.

»Yo.«

»Wir müssen reden, Jake.«

»Schieß los.«

»Peter Newman, dieser Anwalt, der nach Europa geschickt wurde, um sich um logistische Unterstützung für die Filmkiste zu kümmern. Er wird vermisst.«

»Er vermisst was?«

»Nein, er ist vor drei Tagen verschwunden, wahrscheinlich gekidnappt. Deshalb müssen wir alternative Strategien entwickeln, um die negativen Auswirkungen zu minimieren, die dieser Zwischenfall auf unsere Mission haben könnte.«

»Wann denn?«

»Sofort. Wichtige Fragen der Granulation müssen geklärt werden, die Ergebnisse sind unseren restlichen Leuten hier zu übermitteln und anschließend an die Typen weiterzugeben, mit denen wir am Standort zusammenarbeiten.«

»Was?«

»Irgendwer muss sich mit dem Kleinkram rumschlagen. Vielleicht muss ich selbst mal hin. Mittagessen für dich okay?«

»Meinetwegen.«

Jake schenkte sich einen Becher Kaffee ein, nahm seinen BlackBerry in die andere Hand und ging hinaus auf die Terrasse. Die Sonne zeigte sich gerade über den Hügeln hinter dem Haus. Zum See hin hatte eine dicke schmierige Dunstschicht die teure Aussicht auf üppige Nadelbäume und morastiges Wasser in ein völlig verschwommenes Panorama verwandelt. Irgendein dunkler Agent in Gestalt einer Krähe landete mit unbeholfenem Flügelschlagen auf dem anderen Ende des Zedernzauns und tauchte dann ab, um ein Stück Wiener Würstchen oder Marshmallow von der gestrigen Grillparty zu ergattern. Jake lag zurückgelehnt in einem Schaukelstuhl, atmete die salzige Luft ein und zog Bilanz. Insgesamt sah er diese jüngste Entwicklung ganz cool. Ein absolut notwendiges Feature jedes geilen Spiels war, dass immer dann irgendwas echt Beschissenes passierte, wenn man glaubte, man hätte alles unter Dach und Fach. Und wenn man bedachte, wer bei diesem speziellen Abenteuer der Gamemaster war, würde es immer klasse Überraschungen geben. Was ganz okay war. Jake hatte selbst ein paar Überraschungen in petto.

Spiele waren so ziemlich sein einziger Lebensinhalt gewesen, seit er auf dem College frühe Klassiker wie Mario und Pac-Man entdeckt hatte. Schlicht und primitiv, wie diese Pionierversuche im Nachhinein betrachtet gewesen waren, hatten sie ihn dennoch angesprochen wie nie etwas zuvor. Der Drang, den verfügbaren Spielen weitere Ebenen und Features hinzuzufügen, und das auf elegante Weise, ohne die schwachsinnige Software, auf der diese Spiele basierten, zum Absturz zu bringen, hatte ihn bewogen, im Hauptfach von Maschinenbau zu Informatik zu wechseln. Es stellte sich heraus, dass er ein absolutes Naturtalent im Programmieren war, und zwei Jahre nach dem Examen bekam er einen Job am Redmond Campus. Jake hatte zwar nicht zu den legendenumwobenen Gründervätern gehört, doch er besaß einen nicht unbedeutenden Anteil, und Ende der Neunzigerjahre beliefen sich seine Aktienoptionen, nachdem sie sich mehrfach verdoppelt hatten, auf ein ganz hübsches Vermögen. Dann hatte er Glück gehabt oder war vielleicht einfach nur clever gewesen.

An einem Tag im Sommer 1998 war er in einem Restaurant in der Innenstadt, das ein Wettspiel veranstaltete, wie der Dow-Jones-Index am Ende des Jahres stehen würde, mit seiner Börsenmaklerin verabredet gewesen. Die Tipps wurden auf einer Tafel im hinteren Teil der Bar angezeigt, und als Jake auf die Zahlen starrte, spürte er ein vertrautes Kribbeln im Bauch, wie wenn man weiß, dass irgendwo in dem Programm, das man gerade geschrieben hat, dieses Monster Fatal Error lauert. Als seine Maklerin schließlich auftauchte, beauftragte er sie, seine sämtlichen Aktien zu verkaufen, womit er möglicherweise zu dem spektakulären Zusammenbruch des NASDAQ wenige Wochen später beitrug. Anstatt jedoch zu versuchen, sich als Finanzgeier neu zu erfinden, oder sein Kapital für irgendein junges Dotcom-Unternehmen zu verpulvern, das sich der Revolutionierung des amerikanischen Kaufverhaltens bei Toilettenpapier widmete, hatte er alles gerade rechtzeitig in Immobilien gesteckt, um beim größten Häuserboom, den die Stadt je erlebt hatte, kräftig abzusahnen. Das hatte ihm ein noch größeres Vermögen eingebracht, doch das Beste von allem, es hatte ihm Madrona eingebracht, die bei der Firma, die sein Investment-Depot verwaltete, die Kunden begrüßt hatte. Okay, er war fünfundvierzig und sie dreiundzwanzig, aber was solls? Altern war eine Option, und Jake hatte sich anders entschieden.

Erst als sie verheiratet waren, fand er heraus, dass Madrona aus einer christlich-fundamentalistischen Familie stammte und glaubte, wenn die Endzeit gekommen sei, würden die Gläubigen in der Rapture, der Entrückung, in den Himmel versetzt, während sich Jesus und der Antichrist unten auf dem verbrannten Ödland die Köpfe einschlagen würden. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich Religion ziemlich weit außerhalb von Jakes Radarsystem befunden, doch je mehr er von der nahenden Apokalypse hörte – und Madrona hatte ihm, besonders in der Anfangszeit, reichlich davon erzählt –, desto mehr interessierte ihn das. Zwar hatte er die Verkaufsgespräche und Bettelbriefe des schmierigen Pfarrers aus der Glas-und-Laminat-Kirche, die Madrona besuchte, nicht ernst genommen, aber das Werbematerial der Kirche und ein bisschen Surfen im Internet machten ihm klar, wo es langging und dass Millionen von Amerikanern, einschließlich des Präsidenten, daran glaubten.

Das God Game war sicher die größte immersive Herausforderung aller Zeiten, und diese Fundis standen einfach nur dumm rum und versuchten, ihre Sache zu verteidigen, anstatt die Initiative zu ergreifen und an die Öffentlichkeit zu gehen. Das war immer eine Loser-Strategie, und die meisten von denen waren tatsächlich Loser, die sich darauf verließen, dass ihr Freifahrschein in die Ewigkeit schon funktionieren würde, wenn die Zeit gekommen war. Vielleicht konnten sie tatsächlich nicht mehr tun, aber Jake war reich und langweilte sich. Um ganz ehrlich zu sein, selbst der ausgefeilteste interaktive Massive-Multiplayer-Rollenspielkram konnte ihn nicht mehr vom Hocker hauen. Es ging um zu wenig, und er war zu gut. Warum sollte man innerhalb der Grenzen der gegenwärtigen Technologie rumwursteln, wo es doch dieses universelle Spiel gab, das schon seit Tausenden von Jahren lief, mit geilen Grafiken, ohne Sharding und Instanzierungen und mit unbegrenzter Bandbreite? Ganz zu schweigen von einem Gegner, der sich völlig verrückte Züge ausdenken konnte, wie zum Beispiel sich diesen Anwalt zu schnappen, den Martin zur Unterstützung der Schatzsucher nach Cosenza geschickt hatte.

Als er in die Küche ging, um sich einen weiteren Becher Kaffee zu holen, war Madrona aufgestanden. Sie trug das Retro-Babydoll, das Jake ihr zum Geburtstag geschenkt hatte. Es endete etwa zwei Zentimeter unter ihrem Po und war aus einem durchsichtigen rosafarbenen Material mit applizierten Kaninchen. Doch eigentlich spielte es keine Rolle, ob sie etwas anhatte oder nicht.

»Schmusen«, sagte sie.

Das war ein Befehl. Das einzige Problem mit Miezen, die so jung waren, dass sie die eigene Tochter sein könnten, war, dass sie so verdammt viel Energie hatten. Als Jake in ihrem Alter war, konnte er um nichts in der Welt eine Frau zum Bumsen finden. Nun bestand sein Problem darin, das verfügbare Material so zu rationieren, dass er Madronas Ansprüchen gerecht wurde. Dennoch war das Verhältnis zwischen Mühe und Erfolg pro Stich noch gut, auch wenn Jake das unbehagliche Gefühl hatte, dass es irgendwann ins Negative umschlagen könnte.

Er zog an seinem Spitzbart und zeigte sein perfektes Gebiss. »Bist du entrückungsbereit?«, fragte er. »Ein bisschen Rapture?«

4

Sind Sie mit dem Drehbuch zufrieden?«

»Es kommt aus allerhöchster Quelle.«

»Wer ist der Drehbuchautor?«

»Ich meinte das Grundmaterial, beziehungsweise die Bibel, wenn Ihnen das lieber ist. ›Von göttlicher Inspiration‹, wie einige Kritiker freundlicherweise bemerkt haben.«

»Allerdings ein bisschen lang und weitschweifig. Hitchcock hat einmal gesagt, um einen Roman zu verfilmen, muss man ihn erst auf eine Kurzgeschichte zusammenstreichen.«

»So haben alle Romane angefangen, und da hätten die meisten auch enden sollen. Und im Übrigen hat Truffaut das gesagt.«

Annalise Kirchner starrte nervös auf ihre Notizen. »Ziehen Sie einen Berater für theologische Fragen hinzu, Maestro?«

»Bisher haben noch keine Silbermünzen den Besitzer gewechselt, doch das Thema kommt selbstverständlich zur Sprache, wenn ich einen meiner vielen Freunde aus dem Vatikan treffe.«

»Wie sieht es mit alternativen Szenarien für das Ende unserer Zeit aus? Beabsichtigen Sie, dazu irgendwelche Wissenschaftler zu konsultieren?«

»Dazu habe ich überhaupt keine Lust. Atheisten sind solche Langweiler. Sie reden die ganze Zeit über Gott.«

»Dient Ihnen dieser Film dazu, eine bestimmte Aussage zu machen, und wenn ja, welche?«

Luciano Aldobrandini seufzte. Die junge Frau war ja ganz dekorativ, wenn man auf so etwas stand, aber eindeutig eine Idiotin. Es wurde Zeit, dass er die Dinge in die Hand nahm.

»Fräulein Kirchner, ich habe viele Filme gemacht. Zu viele, haben einige Leute gesagt. Die meisten davon waren gut, ein paar vielleicht sogar ausgezeichnet. Aber ich habe noch nie vor einer Herausforderung wie dieser gestanden.«

Die Interviewerin nickte emphatisch. Hinter ihr überwachte das österreichische Fernsehteam konzentriert, aber gleichgültig seine Geräte.

»Selbstverständlich ist die Heilige Schrift wohl kaum ein neues Thema für dieses Medium«, fuhr Aldobrandini weitschweifig fort. »Doch die meisten Versuche, die auf diesem Gebiet gemacht wurden, von DeMille bis Mel, haben das Leben und Sterben Christi zu ihrem Thema gemacht, da dies ein menschliches Drama darstellt, mit dem die Zuschauer sich leicht identifizieren können. Andere haben Episoden aus dem Alten Testament behandelt, die auch relativ einfach für die Leinwand adaptiert werden können, da sie Aspekte des großen menschlichen Epos des jüdischen Volkes darstellen.« Er zog an seiner Zigarre. »Doch weder die Lehren und das Leiden Jesu noch die Drangsale des jüdischen Volkes machen an und für sich das Wesen der biblischen Botschaft aus. Wie alle großen Religionen hat das Christentum sowohl ein menschliches als auch ein übermenschliches – man könnte sogar sagen, unmenschliches – Gesicht. Seine Mysterien werden in der natürlichen Welt, die uns umgibt, offenbar, doch ihr fons et origo ist übernatürlich und entzieht sich per definitionem jedem Verständnis.«

»Wie können denn dann derartige Mysterien auf die Kinoleinwand übertragen werden?«, fragte die Interviewerin.

Luciano Aldobrandini mochte es nicht, wenn man ihn mitten im Redefluss unterbrach.

»Alles zu seiner Zeit. Wie ich gerade sagte, haben sich die bisherigen filmischen Umsetzungen der Bibel auf deren menschliche Aspekte konzentriert. Die beiden großen Säulen der Heiligen Schrift, ihr Alpha und ihr Omega, sind natürlich die Genesis und die Offenbarung.« Er lachte. »Als ein Freund von Dino war ich am Rande in John Hustons Bemühungen in den Sechzigerjahren involviert, die erste der beiden Säulen filmisch umzusetzen, und in sentimentalen Momenten bedaure ich immer, dass ich nicht freundlicher über das Ergebnis urteilen kann. Doch an die zweite Säule hat sich noch niemand herangewagt, zweifellos, weil es immer unmöglich schien, einen solchen Text für die Kamera in Szenen zu zerlegen.«

Ein junger Mann tauchte im Hintergrund direkt hinter den Scheinwerfern auf und winkte hektisch. Die Interviewerin gab dem Kameramann ein Zeichen, das Band anzuhalten.

»Ja?«, fragte Aldobrandini kurz angebunden.

»Marcello ist am Telefon. Er sagt, es sei dringend.«

»Sag ihm, er soll warten.«

Der junge Mann verschwand, und das Interview wurde fortgesetzt.

»Der heilige Johannes von Patmos ist verschiedentlich als inspirierter Visionär, als verstörter Drogenabhängiger oder als unter Wahnvorstellungen leidender Psychotiker beschrieben worden«, fuhr Aldobrandini unbeirrt fort. »Das Werk, für das er berühmt ist, wurde nur gegen großen Widerstand in den Kanon der Bibel aufgenommen und war seitdem immer ein Thema von Kontroversen. Doch die minutiösen theologischen Aspekte interessieren mich nicht. Unbestreitbar ist jedoch, dass in unserer Welt nach dem 11. September die Offenbarung des Johannes in unserer Gesellschaft viele blankliegende Nerven trifft. Wir alle wissen, wenn Terroristen Zugang zu nuklearen oder biologischen Waffen bekommen, wird das im wahrsten Sinne des Wortes das Ende der Welt bedeuten. Wir wissen außerdem, dass eine solche Aussicht diese Leute keine Sekunde zögern lassen würde und wir somit möglicherweise vom baldigen Aussterben bedroht sind. Und dieses Wissen stellt das notwendige menschliche Element dar, das die eschatologischen Fantastereien des heiligen Johannes heutzutage nicht nur relevant, sondern sogar realistisch erscheinen lässt.«

Der junge Mann tauchte erneut auf. »Marcello ist schon wieder dran, Maestro. Er sagt, es ist eine Angelegenheit von höchster Priorität, und er muss Sie unbedingt sprechen.«

Luciano Aldobrandini sank angewidert auf seinem Stuhl zusammen. »Bei aller Liebe, Pippo, ich hab dir doch gesagt, ich will nicht gestört werden! Was glaubst du eigentlich, wofür ich dich bezahle? Nun ja, die Antwort kennen wir wohl beide. Mein Agent sollte allerdings für mich arbeiten, und nicht umgekehrt. Sag ihm, ich ruf ihn an, wenn ich so weit bin.«

Er drehte sich wieder zur Kamera, doch diesmal hatte der Zwischenfall ihn eindeutig verunsichert, und er schien den Faden verloren zu haben.

»Dennoch ist nur schwer vorstellbar, wie der eigentliche Inhalt der Offenbarung erfolgreich verfilmt werden kann«, versuchte die Interviewerin, ihm auf die Sprünge zu helfen. »Der Text liest sich eher wie ein brutales Fantasy-Videospiel. Man könnte sich vielleicht eine japanische Anime-Version vorstellen, doch wie ich gehört habe, sollen die Außenaufnahmen für Ihr Werk in Kalabrien gedreht werden.«

»Das Rohmaterial, ja. Und einiges wird auch im Rohzustand bleiben. Andere Segmente erscheinen vielleicht als Standbild, in Zeitlupe oder stark beschleunigt. Im apokalyptischen Erleben wie in der einsteinschen Physik werden Zeit und Raum völlig relativ. Der größte Teil des Filmmaterials wird radikal geschnitten und nachträglich mit allen Mitteln moderner Computergrafik bearbeitet, und das Ergebnis, das kann ich Ihnen versichern, wird etwas noch nie Dagewesenes sein, etwas, das sich bisher niemand selbst im Traum hat vorstellen können! Einige Neider erzählen schon seit Jahren, dass ich nie wieder einen Film machen würde, dass ich ausgebrannt sei. Glauben Sie mir, denen werden die Augen übergehen, wenn sie diesen Film sehen, den ultimativen und krönenden Abschluss meines Lebenswerks!«

Er verharrte einige Sekunden regungslos, um den Kameraleuten Zeit für einen Schnitt zu geben, dann klatschte er laut in die Hände, stand auf und erklärte: »Mehr Zeit kann ich Ihnen leider nicht opfern.«

Er eilte auf eine Tür am anderen Ende des riesigen Raums zu, und die Interviewerin folgte ihm dicht auf den Fersen.

»Nur noch eine Sache!«, rief sie. »Wann werden die eigentlichen Dreharbeiten beginnen?«

Aldobrandini ignorierte sie. Er schloss die Tür hinter sich, dann durchquerte er die beiden Vorzimmer, die in seinen privaten Bereich am äußeren Ende des Gebäudes führten. Drinnen trat er seine Schuhe von den Füßen und warf sich ausgestreckt auf das Sofa. Pippo erschien.

»Beulah, schäl mir eine Grapefruit«, befahl sein Herr. »Nein, mach mir einen Whisky mit Soda.«

»Ich hab immer noch Marcello am Apparat.«

Aldobrandini kicherte. »Dann drück ihn nicht zu fest, Caro, sonst spritzt er gleich durch den Hörer. Mein Gott, bin ich kaputt! Weshalb gebe ich mich überhaupt mit diesen Interviews ab?«

»Weil das in deinem Vertrag steht, und weil du geil auf Applaus bist.«

»Ah ja. Und morgen?«

»Spanische, französische, schwedische und russische Presse, plus Fox, CNN, die BBC, irgendein japanischer Kabelsender und drei sehr einflussreiche Medienblogger.«

»Du lieber Gott. Okay, gib mir Marcello. Und den Drink.«

Pippo reichte ihm das schnurlose Telefon und ging tänzelnd zum Barschrank.

»Marcello, wie schön, von dir zu hören. Was gibts Neues auf der Rialto?«

»Red keinen Scheiß, Luciano. Wir haben ein Problem. Jeremy ist aus dem Film ausgestiegen.«

Pippo kehrte mit einem randvollen Glas zurück, das Aldobrandini in einem Zug zur Hälfte leerte.

»Das ist doch absurd. Ich hab erst neulich mit ihm gesprochen.«

»Ja, aber da wusste Jeremy noch nicht, dass sein Agent üble Gerüchte über das Projekt gehört und beschlossen hatte, ein bisschen zu recherchieren. Was er dabei herausfand, gefiel ihm nicht, und er hat seinem Klienten geraten abzusagen, was der inzwischen auch getan hat. Morgen wird es bekannt gegeben, deshalb solltest du vorbereitet sein, wenn du dich mit Medienleuten triffst. Diese Österreicher hatten hoffentlich noch nichts davon gehört?«

»Sie haben jedenfalls nichts gesagt, aber ich hab sie den ganzen Tag im Palazzo warten lassen, weil ich einfach zu überwältigt war, um mit irgendwem zu reden.«

»Nun ja, es wird auf jeden Fall zur Sprache kommen. Ich würde vorschlagen, du stellst es als künstlerische Meinungsverschiedenheit dar. Du und Jeremy, ihr seid beide große Künstler und könnt euer volles Potenzial nur dann ausschöpfen, wenn ihr völlig im Einklang seid. Leider habt ihr diesmal unterschiedliche Auffassungen und seid deshalb mit größtem Bedauern übereingekommen, dass eine weitere Zusammenarbeit nichts bringen würde. Du wünschst Jeremy alles erdenklich Gute für die Zukunft und freust dich darauf, wieder einmal mit ihm zusammenzuarbeiten. Es würden bereits Verhandlungen mit diversen anderen großen Hollywood-Stars laufen, aber zu diesem Zeitpunkt sei es nicht angebracht, irgendwelche Namen zu nennen.«

Aldobrandini saß schweigend da, trank und dachte nach. Das war zweifellos ein schwerer Schlag. Der Verfasser der Offenbarung spielte eine wichtige Rolle in dem anspruchsvollen Konzept, das er für den Film im Auge hatte. Der heilige Johannes hatte nicht nur erklärt, dass sein Werk auf einer mystischen Erfahrung beruhe, sondern hatte diese fest auf der Insel Patmos verankert. Diese Insel könnte ohne Weiteres mit ein paar Aufnahmen von der kalabrischen Küste sowie einiger Höhlen heraufbeschworen werden, aber die Gestalt des Propheten war von zentraler Bedeutung. Die Zuschauer sollten im Unklaren gelassen werden, ob die Visionen eine objektive Heimsuchung oder eine subjektive Halluzination gewesen waren, doch das visuelle Bild des Johannes musste sie davon überzeugen, dass die Geschichte ihr Interesse verdiente. Dafür war ihm der schlanke, düstere und äußerst talentierte britische Schauspieler perfekt erschienen. Aldobrandini konnte dessen melancholische, merkwürdig zerbrechliche Gestalt, bekleidet mit einem einfachen Umhang, regelrecht vor sich sehen, wie er mit durchgeistigtem Gesicht, dessen Ausdruck zwischen ekstatisch und dämonisch schwankte, zum Himmel blickte. Der El-Greco-Look.

»Was hat Jeremys Agent denn herausgefunden?«, fragte er schließlich Marcello.

»Nun ja, das ist die andere Sache, über die wir reden müssen. Ich muss schon sagen, es ist ein wenig beunruhigend. Bisher noch nicht dramatisch, aber wir müssen vorsichtig sein.«

»Jetzt red auch du keinen Scheiß, Marcello.«

»Er hat mir nicht alle Details genannt, aber im Wesentlichen geht es um Folgendes. Er war letzte Woche in L. A. und hat natürlich unser Projekt erwähnt. Die Reaktion war, ist ja toll, dass Luciano wieder im Geschäft ist, aber wer ist denn Rapture Works? Von dem Verein hatte noch nie jemand was gehört.«

»Ich auch nicht.«

»Die finanzieren die ganze Sache. Hollywood-Leute gucken immer auf das Entscheidende, nämlich dahin, wo das große Geld steckt, für den Fall, dass man einen Prozess anstrengen muss.«

»Warum wusstest du das denn nicht vorher, Marcello?«

»Ich wusste es schon, aber es schien mir nicht wichtig. Unsere Produktionsfirma hat einen ausgezeichneten Ruf für leicht schräge Low-Budget-Filme, die weltweit bei einem größeren Nischenpublikum sehr gut ankommen. Die kriegen immer gute Besprechungen, und wir haben noch nie mit einem Projekt Verluste gemacht. Und ehrlich gesagt, Luciano, deine Karriere war nicht gerade auf einem wahnsinnigen Höhepunkt, als dieses Angebot kam. Es hörte sich rundum nach einem guten Deal an.«

Aldobrandini seufzte theatralisch. »Von diesem ganzen geschäftlichen Scheiß bekomm ich Kopfschmerzen. Das weißt du doch. Schließlich kriegst du deinen Anteil dafür, dass du mir so was vom Hals hältst.«

»Okay, ich werd mich kurzfassen. Die Leute, die sich für Jeremys Agenten umgehört hatten, haben berichtet, dass die Firma Rapture Works erst vor sieben Monaten gegründet wurde und dass ihre Gelder anscheinend über eine Strohfirma auf den Bermudas fließen. Wie ich bereits sagte, das muss nicht unbedingt ein Grund zur Sorge sein. Du hast deinen Vorschuss erhalten, um den Drehplan zu prüfen und andere Vorbereitungen zu erledigen, und falls es sich als schwierig erweist, einen passenden Ersatz für Jeremy zu finden, kannst du diese Szenen immer noch am Schluss drehen. Doch nachdem ich das gehört hatte, habe ich mir noch einmal den Vertrag angesehen. Finanziell ist jetzt bis zum Beginn der eigentlichen Dreharbeiten alles in der Schwebe. Deshalb würde ich dir raten, die Sache voranzutreiben und so schnell wie möglich anzufangen.«

»Wozu denn diese Eile? Wenn sie ihre Verpflichtungen nicht einhalten wollen, könnten sie das doch jederzeit tun.«

»Weil die Möglichkeit bestehen könnte, dass das ganze Projekt ein Schwindel ist.«

»Was?«

»Irgendein cleverer Steuertrick oder vielleicht Geldwäsche. Ich hab Gerüchte gehört, dass der Film vielleicht überhaupt nicht zustande kommt. Um das herauszukriegen, solltest du so schnell wie möglich die Kameras zum Laufen bringen. An dem Tag, an dem die Dreharbeiten beginnen, sind sie nämlich vertraglich verpflichtet, eine beträchtliche Summe von einem Anderkonto auf dein Konto zu überweisen. Wenn sie das nicht tun, werden wir uns nach einer anderen Finanzierungsmöglichkeit umsehen. Wenn sie es tun, kannst du dieses Gespräch vergessen und endlich anfangen, das große Kunstwerk zu schaffen, von dem ich weiß, dass es immer noch in dir steckt, Luciano, was auch immer deine Kritiker behaupten. Doch als Profi in diesem Geschäft rate ich dir, den Drehbeginn zu beschleunigen und damit diese Leute zu zwingen, Farbe zu bekennen oder zu verschwinden.«

Luciano Aldobrandini stellte das Telefon aus und brüllte nach Pippo. »Noch einen Drink, Darling!«

»Aber der Arzt hat doch gesagt …«

»Ich weiß, was der Arzt gesagt hat. Und ich weiß auch, dass ich mich jetzt betrinken muss. Wo ist die Narcisso?«

»Zuletzt hieß es, sie kriegt gerade den Hintern geschrubbt.«

»Red nicht so unanständig, Pippo. Ruf im Jachthafen an und sag ihnen, sie sollen sie seetüchtig machen. Dann treib ein paar Matrosen auf. Ich verspüre den Drang nach südlichen Gefilden.«

5

Sie wollen mir also nicht sagen, worüber Sie gesprochen haben.«

»Ich kann mich nicht im Einzelnen erinnern! Außerdem waren das nur geschäftliche Dinge, die mit dem Filmprojekt zu tun haben. Nichts, was auch nur den geringsten Bezug zu diesem tragischen Ereignis haben könnte.«

Zen schlenderte zum Fenster, sah eine Weile hinaus, dann zündete er sich eine Zigarette an. Das offizielle Rauchverbot in allen staatlichen Gebäuden gab dieser Geste eine besondere Pikanterie und machte sie praktisch zu einem Teil des Verhörs.

»Welche Sprache haben Sie gesprochen?«, fragte er und drehte sich wieder zu Nicola Mantega um.

»Italienisch natürlich.«

»Nicht kalabrischen Dialekt?«

Der Zeuge zögerte kurz. »Dialekt? Signor Newman ist ein amerikanischer Anwalt. Woher soll so ein Mann diesen Dialekt können?«

»Beantworten Sie die Frage.«

»Wir haben Italienisch gesprochen.«

»Newman sprach es fließend?«

Mantega zuckte die Schultern. »Für einen Ausländer.«

»Wo hat er denn Italienisch gelernt?«

»Keine Ahnung.«

»Sie haben nicht darüber gesprochen?«

»Natürlich nicht.«

»Fanden Sie es nicht ungewöhnlich? Und haben es vielleicht erwähnt? Irgendeine schmeichelhafte Bemerkung …«

»Ich habe mir wirklich keine Gedanken darüber gemacht. Schließlich hatte ich keine persönliche Beziehung zu ihm! Wie ich bereits mehrfach sagte, es war eine rein geschäftliche Angelegenheit. Vielleicht hat er einen Sprachkurs gemacht, bevor er herkam. Was weiß ich denn schon?«

Zen starrte ihn einen Moment schweigend an. »Genau das versuche ich herauszufinden.«

Nicola Mantegas Äußeres entsprach dem klassischen kalabrischen Typus. Er hatte dichte, glänzende schwarze Haare, ein zerknittertes ovales Gesicht, dem all die schrecklichen Dinge abzulesen waren, die es mit angesehen hatte, und einen ausufernden Schnurrbart; und er strahlte etwas abgrundtief Depressives aus.

»Lassen Sie uns noch einmal zu diesem letzten Telefongespräch zurückkehren«, sagte Zen. »Sie haben Signor Newman am Dienstagmorgen um zehn Uhr zweiunddreißig angerufen …«

»Irgendwann an diesem Morgen, ja.«

»Es war zu der Uhrzeit, die ich genannt habe. Newman hatte ein Handy gemietet, und wir haben eine Kopie der Rechnungsunterlagen. Wir haben zwar keine Mitschrift von dem, was gesagt wurde, doch Sie haben erklärt, Sie hätten ihm gesagt, dass sich einige neue Faktoren im Zusammenhang mit der Genehmigung des Filmprojekts ergeben hätten und Sie sich deshalb noch einmal mit ihm treffen müssten. Sie haben vorgeschlagen, dass er um sieben Uhr zu Ihnen zum Abendessen kommen sollte, doch er ist nie erschienen.«

»Genau.«

»Noch ist er an jenem Abend in sein Hotel zurückgekehrt. Kurz gesagt, er wurde mit größter Wahrscheinlichkeit auf dem Weg zu dem Treffen in Ihrer Villa entführt, Signor Mantega. Einer Verabredung, von der nur er und Sie etwas wussten.«

»Man muss ihn verfolgt haben. Wenn die Kidnapper Profis sind, dann hatten sie ihn sicher schon seit Tagen beobachtet.«

»Vielleicht. Aber woher wussten sie, dass er ein lohnenswertes Objekt war? Woher wussten sie, wer er war und wie viel er wert sein könnte? Und wieso wussten sie eigentlich, dass er überhaupt hier war?«

An einer Wand in Zens Büro hing ein elegant gestaltetes Plakat, das das visionäre Credo der modernen italienischen Polizei verkündete. Darauf wimmelte es von Schlagworten wie la nostra missione, i nostri valori, competenza professionale, integrità, creatività e innovazione. Wie schon so oft in der Vergangenheit beschloss Zen auch diesmal, sich an die beiden Letzteren zu halten.

»Auf meine Anweisung hin hat einer meiner Beamten heute Morgen, während Sie in der Arbeit waren, mit Ihrer Frau gesprochen«, sagte er. »Sie wusste angeblich nichts von einem Gast, der am fraglichen Abend zum Essen kommen sollte.«

Mantega starrte Zen mit einer Mischung aus Verblüffung und Empörung an. »Ich habe ihr nichts davon erzählt«, sagte er schließlich.

Zen nickte, als ob dieses kleine Missverständnis damit geklärt wäre. »Natürlich! Sie hatten vor, selbst zu kochen. Sicher irgendeine regionale Spezialität, die Ihren Gast an seine Ursprünge erinnern sollte. Gedünstete Kutteln in Tomatensauce vielleicht.«

»Was sollen diese Anspielungen?«, fragte Mantega wütend. »Signor Newman ist Amerikaner. Es wäre mir nicht im Traum eingefallen, ihm eins unserer traditionellen kalabrischen Gerichte vorzusetzen. Uns ist nur allzu bewusst, dass sie von Fremden häufig nicht geschätzt werden.« Er starrte Zen demonstrativ an. »Ich habe meiner Frau deshalb nichts von der Einladung gesagt, weil ich nicht wollte, dass sie dabei ist. Wie ich Ihnen schon die ganze Zeit klarmachen will, war das kein geselliges Beisammensein. Die Angelegenheit, über die ich mit Signor Newman reden musste, war extrem vertraulich. Ich wollte ihn auf der Terrazza empfangen. Von da oben hat man eine wunderbare Aussicht auf die Stadt, und dort hätten wir ganz offen reden können. Und was das Essen anbelangt, im Kühlschrank standen noch Reste von einer Parmigiana di melanzane, die ich hätte aufwärmen können.«

Mantega war jetzt richtig in Fahrt gekommen. »Ich hab es meiner Frau im Übrigen doch gesagt, als ich am Abend von der Arbeit nach Hause kam, aber es kann gut sein, dass sie mir nicht zugehört hat. Das ist häufig der Fall. Ich werde sie daran erinnern, wenn ich nach Hause komme. Falls sie irgendwann eine eidesstattliche Aussage machen muss, wird ihre Geschichte ganz bestimmt mit meiner übereinstimmen.«

»Da bin ich mir sicher«, bemerkte Zen ironisch. »Und sie wird vermutlich abstreiten, dass sie je mit meinem Untergebenen gesprochen hat. Na schön, Sie können gehen.«

Mantega runzelte die Stirn und stand mit einem unbeholfenen Achselzucken auf. »Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich weiß«, erklärte er in defensivem Tonfall.

»Sie waren ein vorbildlicher Zeuge«, entgegnete Zen. »Ich werde Sie allen Personen, die ich noch vernehmen muss und von denen einige vielleicht weniger hilfsbereit sein werden, als leuchtendes Beispiel vorhalten. ›Warum können Sie nicht so hilfsbereit sein wie Signor Mantega?‹, werde ich fragen. ›Das ist ein Mann, der keine Angst davor hat, mir alles zu sagen, was er weiß.‹«

Mantega schien noch etwas sagen zu wollen, doch in diesem Augenblick kam Natale Arnone herein und begleitete ihn hinaus. Zen ging ans Fenster und wartete, bis der Notar unten auf der Straße auftauchte. Als Mantega etwa zehn Meter gegangen war, stieg einer der Beamten, die Zen von der Elite-Antiterror-Einheit Digos abgestellt hatte, aus einem parkenden Auto und nahm die Verfolgung auf. Sein Kollege startete den Wagen und fuhr vor, um sich an die Spitze zu setzen.

Zens vorübergehende Versetzung auf seinen derzeitigen Posten als Polizeichef der Provinz Cosenza war rein zufällig zustande gekommen und hatte nicht den geringsten Anspruch an seine beruflichen Fähigkeiten erwarten lassen und bis vor wenigen Tagen auch nicht gestellt. Auf der Karte Italiens war eine neue Verwaltungseinheit aufgetaucht, die Provincia di Crotone, die man aus den Nachbarprovinzen Cosenza und Catanzaro herausgeschnitten hatte. Natürlich brauchte sie einen komplett ausgestatteten Verwaltungsapparat, der für sie verantwortlich war, und der musste von Grund auf neu geschaffen werden. Eine der zu besetzenden Stellen war die des Polizeichefs, und man hatte sich schließlich für Pasquale Rossi entschieden – der bisher dieses Amt in Cosenza innegehabt hatte –, weil er mit einem großen Teil der neuen Provinz vertraut war und somit seine umfangreiche berufliche Erfahrung einbringen konnte. Sein Posten war wiederum an den stellvertretenden Polizeichef von Catanzaro gegangen, einen gewissen Gaetano Monaco, doch leider war Letzterer nicht in der Lage, seine Pflichten aufzunehmen, da er sich beim Reinigen seiner Dienstpistole in den Fuß geschossen hatte.

Sind solche Ernennungen erst einmal ausgesprochen, sind sie nur sehr schwer rückgängig zu machen, weil sie das Stellenkarussell in Bewegung setzen und jeder Kandidat von allen beteiligten Seiten gründlich auf seine Eignung hin geprüft werden muss, bevor die Zustimmung erfolgt. Das Ministerium in Rom hatte es deshalb für zweckdienlich gehalten, den Posten vorübergehend mit einer Vertretung zu besetzen, bis der eigentlich dafür Vorgesehene sich von seiner selbst zugefügten Verletzung völlig erholt hatte, und die Wahl war auf Zen gefallen. Dieser war zwar durchaus höflich vom Questore und von den anderen höheren Beamten in Cosenza empfangen worden, doch man hatte ihm diskret zu verstehen gegeben, dass er eine reine Repräsentationsfigur sei, die den Posten nur dem Namen nach einnehme und sich um die alltäglichen Abläufe in der Dienststelle nicht allzu sehr zu kümmern brauche. Das war ihm auch ganz recht gewesen, bis zum Verschwinden des amerikanischen Anwalts, das alle Charakteristika einer professionellen Entführung mit Lösegeldforderung aufwies.

Es klopfte an der Tür, und Natale Arnone trat ein. Er war Ende zwanzig, untersetzt, hatte einen kahl geschorenen Schädel, keinen Hals und ein ziemlich rowdyhaftes Benehmen, was durch die unrasierten Wangen und das Banditenbärtchen noch unterstrichen wurde. Zen selbst begann sich nach zwei Monaten in Kalabrien nackt im Gesicht zu fühlen.

»Das ist gerade gekommen, Sir«, sagte Arnone und legte ein Blatt Papier auf den Schreibtisch. Es war ein Fax vom amerikanischen Konsulat in Neapel, mit dem sich Zen gleich nach dem Mittagessen in Verbindung gesetzt hatte, und enthielt Folgendes:

PETER NEWMAN Pass-Nr.: 733945610

Geburtsdatum: 28. 11. 1944

Geburtsort: Spezzano della Sila, Italien

Bemerkungen: Geburt beurkundet unter dem Namen PIETRO OTTAVIO CALOPEZZATI.

Name am 30. 5. 1966 in San Francisco gesetzlich geändert. US-Staatsangehörigkeit am 19. 4. 1968 erworben,

Bürge: Roberto Marcantonio Calopezzati, VS-NfD, Aktenzeichen 48294/AVP/0006

Daran angehängt waren mehrere Passfotos von Newman sowie eine digitalisierte Aufnahme seiner Fingerabdrücke, die ihm abgenommen worden waren, als er die amerikanische Staatsangehörigkeit erhielt. Zen reichte die Dokumente kommentarlos Arnone. Der junge Mann las sie durch und stieß einen leisen Pfiff aus.

»Das ändert die Sache erheblich, nicht wahr?«, bemerkte Zen.

Der junge Beamte brach in ein flegelhaftes, arrogantes Lachen aus, das er sofort unterdrückte. »In mehr als einer Hinsicht.« Arnone klopfte auf das Blatt Papier. »Bis zu der Bodenrechtsreform in den Fünfzigerjahren waren die Calopezzatis die reichste Familie in dieser Provinz und weit darüber hinaus. Denen gehörte halb Kalabrien.«

Die beiden Männer beäugten sich schweigend.

»Lassen Sie alles stehen und liegen, was Sie gerade tun, und besorgen Sie mir eine beglaubigte Kopie von dieser Geburtsurkunde«, sagte Zen.

Nachdem Arnone gegangen war, rief er beim Konsulat in Neapel an und bat um eine Erklärung der Abkürzung VS-NfD vor dem Aktenzeichen von Peter Newmans Einbürgerungsvorgang.

»Verschlusssache, nur für den Dienstgebrauch«, lautete die Antwort.

»Also kann ich keine weiteren Details von Ihnen erwarten?«

»NfD-Daten sind auch immer NAUST. Nicht für ausländische Staatsbürger. Weitergabe auf US-Bürger beschränkt. Tut mir leid, dass wir Ihnen nicht helfen können.«

»Das haben Sie bereits getan«, erwiderte Zen.

6

Jake und Martin trafen sich im SooChic, einem japanisch-peruanischen Crossover-Lokal mit Akzenten aus dem tiefen Süden. Die Einrichtung war Fünfzigerjahre skandinavisch, angenehm fürs Auge, aber hart für den Hintern. Ein Kellner erschien am Tisch und verabreichte ihnen eine intensive kulinarische Redetherapie.

»Also?«, sagte Jake.

»Yeah«, sagte Martin.

Martin Nguyens Vater war einer der größten Folterknechte des südvietnamesischen Diem-Regimes gewesen, und sein Sohn hatte von ihm das maskenhaft starre Gesicht und die kratertiefen Augen geerbt, die einen in Todesängste versetzten, noch bevor der Strom eingeschaltet wurde.

»Grundsätzlich sind wir im grünen Bereich«, sagte Martin. »Newman ist ein unabhängiger Unternehmer, der mit Rapture Works absolut nichts zu tun hat. Wenn man ihn entführt hat, ist das ein Problem der Familie. Der Sohn ist inzwischen auf dem Weg nach Kalabrien. Pete wusste, worauf er sich da einließ. Schließlich stammt er von dort, verdammt noch mal.«

Das Essen kam. Jake spießte ein Stück Sushi auf und tunkte es in das höllisch scharfe Maispüree. »Pete Newman?«

Martin nickte. »Typischer Fall von Analphabetismus auf Ellis Island, nehm ich an. Der Papa hieß vermutlich Novemano oder irgend so ’n Scheiß.« Er kaute mürrisch auf seiner Kutteln-Tamale herum. »Ich hasse Italiener.«

»Ausländer sind echt scheiße«, bemerkte Jake.

Martin sah ihn scharf an. Obwohl er den größten Teil seines Lebens in den Staaten verbracht hatte, kam er sich häufig immer noch ziemlich fremdländisch vor. Seit Jake ihn für das Unternehmen Rapture Works als Projektmanager engagiert hatte, hatte er gelernt, den Jargon der Software-Community der Stadt zu entschlüsseln und sogar zu sprechen, in der Geeks Nerds heirateten und die höchste Autismusrate im ganzen Land herrschte.

Jake war nicht unbedingt ein Autist, auch wenn er vielleicht an einem leichten Asperger-Syndrom litt. Allerdings war Martin schon der Gedanke gekommen, dass Jake durchaus im CAPTCHA-Test versagen könnte, der entwickelt worden war, um menschliche von künstlicher Intelligenz zu unterscheiden, vielleicht sogar in beiden Kategorien. Zu blöd, um ein Mensch zu sein, und zu verkorkst für eine Maschine. Aber unbestrittener Fakt war, dass jemand, der so ging, redete, aussah und sprach wie Jake, in diesem Moment mehr Geld besaß, und das sogar in bar, als irgendwer im Restaurant in seinem ganzen Leben verdienen würde. Martin eingeschlossen.

»Ich meine als Geschäftspartner«, sagte er. »Immer heißt es: ›Klar, yeah, kein Problem, ganz genau‹, und dann kommt nichts. Und die entschuldigen sich noch nicht mal, tun einfach so, als wärst du der Idiot, weil du ihnen überhaupt geglaubt hast, was sie gesagt haben. Du musst mich umgehend rüberschicken, Jake. Aeroscan hat alle Anlagen aufgebaut und eingerichtet und kann heute Abend gegen elf nach unserer Zeit loslegen. Die örtlichen Behörden haben ihnen eine unbeschränkte Genehmigung für Flüge unterhalb von hundert Metern erteilt.«

Jake sah ihn mit einem seiner typischen Blicke an.

»Dreihundert Fuß«, sagte Martin. »Newman hat erzählt, die Bürgermeisterin hätte fast ein feuchtes Höschen gekriegt. Cosenza ist offenbar ein absolut hoffnungsloses Kaff, und das ist der größte Aufschwung, den die je erlebt haben. Ich meine, wäre es, wenn es echt wäre.«

Er grinste abscheulich. Jake verzog minimal die Lippen, als wäre ihm ein Witz eingefallen, den er irgendwann mal komisch gefunden hatte. »Sie haben die Filmkiste also geschluckt?«

Martin brachte seine entgleisten Gesichtszüge wieder in eine ordentliche Form. »Total. Da gibts noch so eine Stadt in der Gegend – Matera? Ein noch kleineres Drecknest und noch weiter ab vom Schuss. Jetzt stauen sich da die Touristenbusse, die Hotels sind rappelvoll, die Restaurants zocken die Leute ab, und die Souvenirläden sind am Mittag ausverkauft. Und weißt du, warum? Weil Mel Gibson dort Die Passion Christi gedreht hat.«

»Verdammt«, murmelte Jake.

»Also hat Pete den Leuten in Cosenza erzählt, wenn ihr meint, die Kreuzigung war eine große Sache, dann wartet erst mal, bis ihr die Apokalypse seht.«

Noch mehr Essen wurde gebracht, und sie bestellten eine zweite Runde Cola light mit Limonenscheiben. Plötzlich herrschte ein Riesenlärm. Die junge Frau, die am Tisch auf der anderen Seite des Ganges saß, griff nach ihrem Handy und begann, ihrem Freund die beste Strecke zum Restaurant zu erklären. Martin betrachtete sie genüsslich. Seine Devise lautete, wenn sie volljährig waren, waren sie passé. Die da sah grenzwertig aus.

»Babe«, bemerkte er.

Jake hakte sie mit einem Blick ab. »Der Klingelton ist scheiße. Also, warum musst du dorthin?«

»Wenn Aeroscan den Schatz findet, müssen wir rasch handeln. Die Filmkiste reicht für die Suche, aber wenn wir erst mal anfangen zu graben, ist das eine ganz andere Sache. Alles, was wir finden, ist, juristisch betrachtet, Eigentum des italienischen Staates. Von wegen Kulturerbe und so ’n Scheiß. Schon der erste Spatenstich stellt eine Straftat dar, deshalb brauchen wir einen Trupp Arbeiter, bei denen wir uns darauf verlassen können, dass die den Mund halten. Ich hab da einen Plan, aber jetzt, wo Pete von der Bildfläche verschwunden ist, muss ich dort sein, um das Team persönlich zu leiten. Außerdem brauche ich dein Okay bezüglich der Hilfskräfte.«

»Was ist denn abgemacht?«

»Ein Kontaktmann von mir arbeitet bei einem der großen US-Unternehmen im Irak. Er hat mir ein paar kräftige Männer besorgt, die noch nie im Leben im Ausland waren, und gegen eine kleine Entschädigung arrangiert, dass sie Pässe bekommen und nach Jordanien geschickt werden. Von Amman fliegen sie mit Touristenvisa nach Italien und kommen zum Fundort, um die Ausgrabung durchzuführen und den Schatz in einen Lagerraum zu transportieren, den die Filmgesellschaft angemietet hat. Rapture Works bleibt dabei außen vor.«

Jake stocherte in seinem ausgelösten Meerschweinchenfleisch in Teriyaki-Sauce. »Und danach?«