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Der Parmesan-Industrielle und Fußball-Tycoon Lorenzo Curti wird tot aufgefunden – mit einer Kugel im Körper und einem Käsemesser in der Brust. Kommissar Aurelio Zen wird nach Bologna beordert, um den Mord an dem verhassten Manager aufzuklären. Während Zen erfolglos versucht, Licht in die Sache zu bringen, treibt ein zwielichtiger Privatdetektiv sein Unwesen, und der Starkoch und Publikumsliebling Lo Chef scheint sich nicht nur über neue Rezepte den Kopf zu zerbrechen. Je länger der Kommissar ermittelt, desto tiefer gerät er in ein Netz aus Korruption und gekränkten Eitelkeiten.
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Seitenzahl: 327
Veröffentlichungsjahr: 2015
Der Parmesan-Industrielle und Fußball-Tycoon Lorenzo Curti wird tot aufgefunden – mit einer Kugel im Körper und einem Käsemesser in der Brust. Kommissar Aurelio Zen wird nach Bologna beordert, um den Mord an dem verhassten Manager aufzuklären. Je länger Zen ermittelt, desto tiefer gerät er in ein Netz aus Korruption und gekränkten Eitelkeiten.
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Michael Dibdin (1947–2007) studierte englische Literatur in England und Kanada. Vier Jahre lehrte er an der Universität von Perugia. Bekannt wurde er durch seine Figur Aurelio Zen, einen in Italien ermittelnden Polizeikommissar.
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Ellen Schlootz arbeitet als Übersetzerin aus dem Englischen. Sie hat u. a. Werke von Ian Rankin und David Hosp ins Deutsche übertragen.
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Michael Dibdin
Tod auf der Piazza
Aurelio Zen ermittelt in Bologna
Kriminalroman
Aus dem Englischen von Ellen Schlootz
Aurelio Zen ermittelt (10)
E-Book-Ausgabe
Unionsverlag
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Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel Back to Bologna im Verlag Faber and Faber, London.
Die deutsche Erstausgabe erschien 2006 im Goldmann Verlag, München.
Originaltitel: Back to Bologna (2005)
© by Michael Dibdin 2005
© by Unionsverlag, Zürich 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: zodebala
Umschlaggestaltung: Martina Heuer
ISBN 978-3-293-30889-3
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Cover
Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
Unsere Angebote für Sie
Inhaltsverzeichnis
TOD AUF DER PIAZZA
1 – Man sollte ihn umbringen!«2 – Etwa zur gleichen Zeit, als der blaue Audi …3 – Als Vincenzo ins Zimmer hereinplatzte, lag Rodolfo gerade …4 – Gemma Santini stand im Nachthemd vor dem Spiegel …5 – Eingerahmt von zwei strahlenden Häschen, die mit kaum …6 – Ja, ja! Gibs mir! Gibs mir heiß und …7 – Für Aurelio Zen hatte es immer Aspekte des …8 – Mattioli, würden Sie noch kurz hierbleiben?«, bemerkte der …9 – Barfuß und nur mit ihrem Regenmantel als Morgenrock …10 – Die Frage nach Romano Rinaldis Privatleben hatte zu …11 – Als Retourkutsche auf Zens Ankündigung, dass er Lucca …12 – Ein greller Blitz13 – Die Tür flog krachend auf, und ihr Aufpasser …14 – Aurelio Zens Gedanken schweiften ab, und er ließ …15 – Nervoso? Macché? Für mich das Kochen ist das …16 – Die ganze Sache ist also offensichtlich manipuliert …17 – Am nächsten Morgen beschloss Aurelio Zen, einen Überraschungsangriff …18 – Gemma Santini betrat vierzig Minuten vor Beginn der …19 – Tony Speranza ging beschwingt die Via Oberdan entlang …20 – Wenn ich vom Nachahmen der Mimesis spreche …21 – Schwankend und vor Schmerzen keuchend stand er auf …22 – Während Edgardo Ugo mit dem Fahrrad nach Hause …23 – Romano Rinaldi lief rast- und ziellos durch die …24 – Sobald sich die automatischen Türen des Policlinico Sant’Orsola …25 – »… der ursprünglich ausgehandelte Vertrag legt ausdrücklich fest …26 – Die dreißig Minuten, die es schätzungsweise hätte dauern …27 – Es war bereits unangenehm dunkel, als Romano Rinaldi …28 – Tja, Aurelino mio, da hast du uns mal …29 – Rodolfo Mattioli saß auf einem unerbittlich harten Stuhl …30 – Nach seiner bedingten Freilassung aus den Klauen der …31 – Aber das ist doch Wahnsinn!«, protestierte der Friseur …32 – Flavia blickte von ihrem zerlesenen Taschenbuch auf und …33 – Da man ihn im La Carrozza nicht kannte …34 – Einmal Penne all’arrabbiata«, rief der Kellner dem Koch …35 – Es war den intensiven, wenn auch etwas kruden …36 – »… und tu den Knoblauch rein. Jetzt das …37 – Hab ich nicht gesagt, dass wir nun genügend …38 – Draußen auf der Straße hatte sich die Situation …39 – Tony Speranza wachte auf und fühlte sich hundeelend …Mehr über dieses Buch
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Man sollte ihn umbringen!«
Bruno schwieg.
»Das hab ich natürlich nicht wirklich gemeint«, fuhr Nando fort.
»Nicht wortwörtlich.«
»Nein.«
»Nicht im Sinne von ›Messer ins Herz‹.«
»Zum Beispiel.«
»Du hast das allegorisch gemeint.«
»Ähm … ja.«
»Mein Mandant hat die angebliche Äußerung ›Man sollte ihn umbringen‹ rein euphemistisch gemeint, um nicht zu sagen parabolisch.«
»Genau. Allerdings, wenn dieser schmierige Dreckskerl einfach tot umfallen würde …«
»Was Gott verhüten möge.«
»… dann würde das all unsere Probleme lösen.«
»Wer sagt das? Der Nächste könnte noch schlimmer sein.«
»Schlimmer als Curti? Das soll wohl ein Witz sein.«
»Außerdem scheinst du zu glauben, dass einer bei klarem Verstand bereit wäre, einen Verein zu kaufen, bei dem die Hälfte der Spieler von anderen Mannschaften ausgeliehen ist und der Rest am Ende der Saison verkauft wird, um das Loch in der Kasse zu stopfen. Es würde Jahre dauern, vom Geld ganz zu schweigen, aus i rossoblù wieder eine gute Mannschaft zu machen.«
»Na schön, also keinen Herzinfarkt und keinen Schlaganfall. Was dann? Noch so eine Saison wie diese, und ich …« Nando verstummte, als der Scheinwerfer des Wagens auf zwei umwerfende schwarze Beine fiel, die bis hinauf zu dem weißen Seidendreieck im Schritt zu sehen waren.
»Guck auf die Straße«, brummte Bruno verärgert.
»Fick dich doch.«
»Von der da? Jederzeit.«
»Oder von ihm.«
»Bei den Beinen wär das auch egal. Gott, ist das öde.«
Nando drehte das Radio wieder lauter.
»… ergaben sich mehrere gute Möglichkeiten, besonders in der zweiten Halbzeit, doch das unterstrich lediglich erneut die Tatsache, über die Bologna-Fans bereits die ganze Saison reden und, um ganz ehrlich zu sein, auch schon in früheren Spielzeiten, dass es nämlich an einem Weltklassestürmer fehlt, der endlich einmal die vielen Gelegenheiten nutzt, die jetzt auf dem Rasen verstreichen, und den Ball im Tor versenkt. Das Spiel auf den Flügeln und im Mittelfeld ist immer ordentlich und manchmal sogar hervorragend, doch wenn es um den Abschluss geht, ist es Woche für Woche das gleiche Trauerspiel …«
Bruno gähnte heftig.
»Wie gehts denn den Kids?«, fragte er und drehte die Lautstärke des Radios wieder runter.
»Allen gut bis auf Carmelo. Er hat eine Art Geschwür an den Rippen, direkt unterm Flügel. Das scheint ihn zu stören, denn er knabbert ständig daran herum.«
»Kannst du da nicht irgendein Pflaster drauftun? Oder ihn anbinden, bis es geheilt ist?«
Sie fuhren gerade an einer der wenigen Erhebungen in dieser zweidimensionalen Landschaft vorbei, an einem der ausgedehnten Grabhügel nämlich, in denen der Müll der Stadt beerdigt wurde. Die brennenden Ausdünstungen schwebten darüber wie ein ewiges Licht.
»Die drehen durch, wenn man sie in ihrer Bewegungsfreiheit einschränkt. Morgen geh ich mit ihm zum Arzt. Er braucht Antibiotika.«
»Ich hab kürzlich gehört, man solle es mit diesem Zeug nicht übertreiben. Senkt die Immunität gegen Grippe oder so.«
»Vögel kriegen keine Grippe.«
»Kriegen sie wohl. Erinnerst du dich noch an die Hysterie wegen dieser chinesischen Hühner?«
»Carmelo ist aber kein Huhn.«
Nando war ein ansehnlicher Kerl aus irgendeinem Dorf in den Abruzzen, von dem Bruno noch nie gehört hatte. Sein jüngster zum Scheitern verurteilter Traum war es, das 500 PS starke Gallardo-Coupé mit Zehn-Zylinder-Motor und einer Höchstgeschwindigkeit von 300 Stundenkilometern in die Finger zu kriegen, das die Firma Lamborghini kürzlich der Polizia di Stato zu beiderseitigen PR-Zwecken gestiftet hatte. Er war gebaut wie ein Ringer, hatte einen gepflegten schwarzen Bart und ein vages, aber liebenswürdiges Lächeln. Aus irgendeinem Grund hatte er es geschafft, eine dürre, neurotische Xanthippe aus Ferrara zu heiraten. Vermutlich als Ausgleich dafür, dass ihre Ehe kinderlos war und auch bleiben würde, hielt das Paar in seiner Dreizimmerwohnung insgesamt elf Papageien und Kakadus. Die Vögel flogen dir auf die Schulter, knabberten dir am Ohr und schissen dir auf die Jacke, und die ganze Wohnung stank. Bruno war mal zum Abendessen dort gewesen. Einmal.
Er und Nando waren auf dem Rückweg zur Polizeizentrale, nachdem sie wegen eines angeblichen Einbruchs hinaus nach Villanova gerufen worden waren. Der Bestohlene war ein verschlagen und streitlustig wirkender Elektriker, der gerade von seiner Frau verlassen worden war. Sie war wieder zu ihrer Mutter gezogen und hatte den gemeinsamen sechsjährigen Sohn mitgenommen. Er behauptete, er wäre von der Arbeit nach Hause gekommen und hätte die Wohnung völlig leer geräumt vorgefunden bis auf die fest installierte Waschmaschine. Da die ausgeklügelte Alarmanlage, die er selbst eingebaut hatte, nicht losgegangen war, konnte nur seine Frau, die als Einzige außer ihm wusste, wie man die Anlage ausschaltete, die Schuldige sein.
Über drei Stunden hatte es sie gekostet, die Aussage des Mannes aufzunehmen und die Nachbarn zu befragen, von denen niemand etwas Ungewöhnliches bemerkt hatte. Bruno hatte den starken Verdacht, dass der Elektriker selbst die Wohnung über mehrere Tage hinweg ausgeräumt und die Sachen irgendwo unter falschem Namen untergestellt hatte und nun eine offizielle denuncia erhob, um bei der Versicherung Ansprüche geltend machen zu können und so dafür zu sorgen, dass das »undankbare Miststück«, das sein Leben zur Hölle gemacht hatte, ebenfalls seinen Teil abbekam. Aus Sicht der Polizei würde sich das Ganze mit größter Wahrscheinlichkeit als absolute Zeitverschwendung erweisen. Stapel von Formularen müssten ausgefüllt werden, Berichte wären zu schreiben, man würde sich endlos mit den Behörden in Ferrara auseinandersetzen müssen, und das alles würde zu nichts führen.
Bruno kümmerte das nicht, auch wenn er aufgrund der Tatsache, dass er an diesem Abend Dienst hatte, das Lokalderby des FC Bologna in Ancona versäumt hatte – das Spiel war kurz vor Weihnachen abgebrochen und verschoben worden, weil etliche Fans das Spielfeld gestürmt hatten. Jetzt langweilte er sich, war hungrig und müde und freute sich darauf, endlich Feierabend zu haben, sobald sie wieder in der Questura waren. Doch im Grunde seines Herzens war er immer noch überglücklich, obwohl bereits Monate seit dem Wunder vergangen waren, das seine »Härtezeit« hoch oben im Norden des Landes verkürzt und ihn zurück nach Bologna gebracht hatte. Der junge Streifenpolizist war nicht mehr in die Messe gegangen, seit er zu Hause ausgezogen war, doch in letzter Zeit hatte Bruno mehrfach die Kirche San Domenicò in seiner Nähe aufgesucht und jedes Mal für zehn Euro Kerzen vor dem Bildnis des Heiligen in einer Seitenkapelle angezündet, wo es immer noch echte, wohlriechende Bienenwachskerzen gab und nicht diese elektrischen Birnchen auf Plastikständern, die heutzutage fast überall die Kerzen verdrängten und die Bruno immer an eine Spielhalle denken ließen. Vielleicht waren es beim ersten Mal sogar fünfzehn Euro gewesen. Jedenfalls hatte er die Kerzen im Gegensatz zu manch anderen Leuten bezahlt, wie man an den vielen falschen Geldmünzen im Kerzenautomaten sah.
Rein rational wusste er natürlich ganz genau, wie seine vorzeitige Heimkehr aus dem deutschsprachigen Südtirol zustande gekommen war, doch das änderte nichts an der Tatsache, dass irgendein Wunder definitiv mit im Spiel gewesen sein musste. Man brauchte sich doch nur die merkwürdigen Umstände anzusehen. Erstens wird da so ein hohes Tier namens Aurelio Zen aus dem Dezernat Criminalpol in Rom nach Bozen geschickt, um in einem dubiosen Fall zu ermitteln, der wichtige politische Auswirkungen hat, die Bruno allerdings nie so ganz verstanden hatte. Zweitens wird er, Bruno, abkommandiert, diesen Abgesandten des Ministeriums, oder was auch immer er war, auf einer Nebenstrecke nach Cortina zu einem trostlosen Gasthaus auf einer gottverlassenen Passhöhe in den Bergen zu fahren. Drittens dreht er, Bruno, nachdem er den Rest des Tages in besagtem Gasthaus festsaß, während sein Fahrgast in Begleitung eines jungen Zeugen aus Österreich irgendwelche Ermittlungen anstellte, unter dem verdrießlichen Schweigen, das wie eine düstere Wolke in der Luft hing, und den hasserfüllten Blicken der Einheimischen, die sich wie Laserstrahlen in ihn bohrten, allmählich durch und rastet schließlich in einem Café, wo er und Zen auf dem Rückweg haltmachen, völlig aus und beschimpft diese feisten, sturen teutonischen Dummköpfe, die ihm und seinen Kameraden endlose Monate lang das Leben zur Hölle gemacht haben, auf ausfälligste Art und Weise. Viertens, statt ihn wegen groben Fehlverhaltens zu belangen, weil er in einer Gegend, die berüchtigt ist für ihre politischen Empfindlichkeiten und separatistischen Bestrebungen, für erhebliche Unruhe gesorgt hat, bietet ihm dieser Vice-Questore Zen an, ohne auch nur im Geringsten darum gebeten worden zu sein, sich dafür einzusetzen, dass Bruno sofort zurück nach Bologna versetzt wird, obwohl er eigentlich noch über drei Monate auf seinem Posten hätte ausharren müssen. Fünftens und am allererstaunlichsten, dieser Wohltäter erfüllt sein Versprechen. War das nun ein Wunder oder nicht?
Die beiden Polizisten waren auf dem kürzesten Weg unterwegs ins Stadtzentrum, nämlich über die Landstraße, die parallel zur Autostrada A14 von Ancona und der Adriaküste verläuft, sich durch die hässlichen Schlafstädte nördlich von Bologna windet und schließlich in die A1 mündet. Es herrschte nur wenig Verkehr, deshalb war es schon eine ziemliche Dreistigkeit, als ein riesiger Sattelschlepper sie aggressiv überholte, indem er an einer Kreuzung noch bei Orange durchfuhr.
»Das Arschloch knöpfen wir uns vor«, sagte Nando und wollte schon Blaulicht und Sirene anschalten.
Bruno legte ihm die Hand auf den Arm. »Beruhig dich. Da vorne stand irgendein deutscher Name drauf, und der Auflieger hatte ein griechisches Nummernschild. Der kommt vermutlich von Bari rauf, ist mit Amphetaminen vollgedröhnt und mal kurz von der Autobahn abgefahren, um sich von einer Kollegin der jungen Schönheit, die wir vorhin gesehen haben, seine persönlichen Bedürfnisse befriedigen zu lassen. Okay, er hat sich uns gegenüber absolut unverschämt verhalten, aber willst du dir wirklich den Abend damit um die Ohren hauen, einen Dolmetscher aufzutreiben, mit der zuständigen Botschaft zu telefonieren und dich dann mit dem Anwalt auseinanderzusetzen, den seine Firma einschalten wird, ganz zu schweigen von dem ganzen Papierkram, den so etwas mit sich bringt? Wir hatten heute doch schon genug Ärger.«
»Ist ja schon gut!« Nando hörte sich verärgert an.
»In Bezug auf Curti hast du allerdings recht«, fügte Bruno in beschwichtigendem Tonfall hinzu.
»Dieser stinkende parmigiano! Für den ist Bologna doch nur ein weiteres glitzerndes Spielzeug, ein weiteres Statussymbol, wie seine Jachten und seine Huren und seine Villa in Costa Rica. Das Einzige, was er nicht kaufen konnte, war der Club seiner Heimatstadt. Tut uns leid, Lorenzino, aber der FC Parma ist nicht verkäuflich. Kein Problem, da springt er halt in seinen Mercedes, fährt ein Stückchen auf der A1 nach Süden und kauft stattdessen die Rot-Blauen. Aber interessieren tun wir ihn einen Dreck!«
»Da hast du recht. Fast alles andere könnten die Fans ja verzeihen, aber da ist keine Leidenschaft zu spüren, kein Engagement.«
»Und vor allem kein Geld.«
Bruno gähnte erneut und starrte mit leerem Blick auf die identischen sechsstöckigen Wohnblocks, die nun in Reih und Glied wie verpackte Waren auf einem Fließband an ihrem Auto vorbeiglitten.
»Jedenfalls hat er in dieser Hinsicht Probleme.«
»Wie meinst du das?«
»Dieser Steuerskandal.«
»Das ist wirklich hart. Warum muss der Verein unter seinen Finanzproblemen leiden? Und jetzt heißt es auch noch, dass sich die Hälfte der Sponsoren zurückzieht, um nicht in Verruf zu geraten, sollte der Fall je vor Gericht kommen.«
»Was nicht passieren wird.«
»Natürlich nicht, aber das hilft uns auch nicht weiter. Der Schaden ist bereits angerichtet. Wir sind einfach …«
In diesem Moment sahen sie das Auto, das mit blinkender Warnlichtanlage am Straßenrand parkte. Nando trat heftig auf die Bremse, zog scharf nach rechts, ohne jedoch die Kontrolle über das Fahrzeug zu verlieren, und hielt hinter dem Wagen.
»Der lässt sich einen blasen«, sagte er.
»Oder er hat ’ne Panne«, erwiderte Bruno. »Ich geh mal nachsehen.«
Er trat in die eiskalte Februarnacht hinaus. Aus irgendeinem Grund erschien ihm die Kälte hier kälter als in Bozen, härter und unerbittlicher. Vielleicht lag das an der Feuchtigkeit, die vom Podelta hereinströmte, dachte er, oder sogar an der Umweltverschmutzung. Die durchschnittlichen Wintertemperaturen waren im Norden gut zehn Grad niedriger, aber dort war die Luft knochentrocken und kristallklar. Bald jedoch würde Frühling sein, und er war zu Hause. Das war das Einzige, was zählte.
Das verkehrswidrig geparkte Fahrzeug war eine blaue Audi-A8-Luxuslimousine. Bruno notierte sich ganz automatisch das Kennzeichen. Das war so ziemlich alles, was er im Licht der Scheinwerfer des Streifenwagens hinter ihm erkennen konnte. Wegen der Kopfstützen auf den Vordersitzen war nicht zu sehen, ob jemand im Auto saß. Bruno ging auf die Beifahrerseite und blickte durchs Fenster, dann klopfte er laut auf die Scheibe. Auf dem Fahrersitz saß offenbar ein Mann, doch er reagierte nicht, und die Tür war verschlossen.
Bruno wollte schon zum Streifenwagen zurückkehren und eine Taschenlampe holen, als die Scheinwerfer eines entgegenkommenden Kleinbusses den Innenraum des Audi in gleißendes Licht tauchten. Die Helligkeit hielt zwar nur wenige Sekunden an, doch das reichte. Der Fahrer des Audi saß völlig reglos da. Sein Gesichtsausdruck erweckte den Anschein, als bemühe er sich, irgendeine banale, aber unmögliche Aufgabe zu erledigen, wie zum Beispiel den Verschlusslaut »p« in ein langes, ersterbendes Murmeln auszudehnen.
Bruno trat von dem Wagen zurück und sprach in sein Funkgerät. Er sagte nicht viel, hörte aber aufmerksam zu und schützte sein linkes Ohr mit der Hand vor dem Verkehrslärm einer stark überhöhten Kurve der Autobahn über ihm. Mit ausdruckslosem Gesicht kehrte er zum Streifenwagen zurück.
»Es ist kein Mercedes«, sagte er, knallte die Tür zu und fing an zu zittern.
Nando sah ihn entsetzt an. »Ich weiß, dass das ein Audi ist. Na und?«
»Dieses Gespräch, das wir gerade geführt haben.«
»Über Curti?«
Bruno sah ihn nicht an, sondern starrte unverwandt geradeaus auf den blauen Audi. »Sag nichts davon, okay? Wenn sie kommen.«
»Wenn wer kommt?«
Bruno schlug mit der flachen Hand auf das Armaturenbrett. »Wir haben nie über diese Sache gesprochen, ja? Für Fußball interessieren wir uns einen Scheiß.«
»Aber das ist doch das Einzige, wofür ich mich interessiere! Das und meine Vögel. Ach ja, und Wanda natürlich.«
»Ist das eine neue Errungenschaft?«
»Wanda ist meine Frau!«
»Ja, natürlich.«
Natürlich! Arbeitete als Sekretärin bei einem Anwalt in der Innenstadt. Nando ließ sich nicht einmal zu einer Antwort herab. Tiefes Schweigen breitete sich aus.
»Dieser Wagen da ist auf Lorenzo Curti zugelassen«, bemerkte Bruno schließlich ganz leise. »Auf dem Fahrersitz sitzt ein Mann. Es ist zwar bei dieser Beleuchtung schwer zu sagen, aber für mich sieht er ziemlich genauso aus wie auf den Fotos und den Fernsehbildern, die ich von Curti gesehen habe. Ziemlich groß, schlank, ordentlich geschnittener Bart, grau melierte Haare.«
»Hast du mit ihm gesprochen? Warum hat er dort angehalten?«
Bruno kurbelte das Fenster einen Spalt hinunter und hielt den Kopf schräg, als würde er lauschen.
»Kennst du diese Messer, mit denen man große Blöcke Parmesankäse teilt? Das sind eigentlich keine Messer, eher so was wie dreieckige Meißel. Dick, scharf und sehr fest.«
»Verdammt noch mal, Bruno, du hörst dich langsam an wie dieser singende Koch im Fernsehen. Was erzählst du mir denn hier von Parmesanmessern?«
»Dem Mann in diesem Auto ragt etwas, das so aussieht, aus der Brust. Ganz im Sinne von Messer ins Herz.«
Durch das offene Fenster war aus der Ferne ein lautes, unverkennbares Geräusch zu hören. Bruno öffnete die Tür.
»Hilf mir, die Signalleuchten rauszustellen und eine Fläche zu markieren, wo der Hubschrauber landen kann.«
Etwa zur gleichen Zeit, als der blaue Audi A8 – von einer Plane bedeckt und immer noch mit der Leiche des Fahrers hinter dem Lenkrad – auf einen Tieflader gehoben wurde, um ihn in die Polizeiwerkstatt zu transportieren, befanden sich Aurelio Zen und sein Phantomdouble irgendwo in der Toskana tief unter der Erde.
Es war ein langer Tag gewesen, ein langer Monat und überhaupt ein langes Leben, dachte Zen. Oder vielleicht waren das auch die Gedanken seines Doppelgängers. Zwar war immer noch ungeklärt, ob dieser überhaupt denken konnte, aber im Grunde war die Frage nicht von Bedeutung. Entscheidend war, dass er im Gegensatz zu Zen, dem er rein äußerlich bis ins kleinste Detail glich, keine Gefühle hatte. Vielleicht erklärte das, warum er so widerlich gesund und munter aussah. Es mochten zwar einige silbrige Streifen in seinem glänzenden schwarzen Haar sein, die Haut hier und da über einem Knochen etwas stärker gespannt, doch das alles trug nur zu dem allgemeinen Eindruck von Reife und Distinguiertheit bei. Man hatte das Gefühl, hier war ein Mann, der viel erlebt und viel gelernt hatte und nun aufgrund dieser angehäuften Erfahrung sein Leben im Griff hatte wie ein erprobter Reiter sein Ross, und der nicht krampfhaft darum bemüht war, die Dinge zu kontrollieren und zu beherrschen, sondern allen Eventualitäten heiter und gelassen begegnete.
Es war schwer, einen solchen Mann nicht zu beneiden, obwohl er ebenso wie das Matterhorn in keiner Weise erkennen ließ, dass er sich überlegen fühlte – oder überhaupt irgendwelche Gefühle hatte. Für Zen, der derzeit nur noch aus Gefühlen zu bestehen schien, war diese Tatsache allein schon äußerst beneidenswert. Ob nun physischer (Pochen, Kribbeln, Stechen) oder psychischer Natur (Niedergeschlagenheit, Schwindelgefühl, Angstzustände), Gefühle hatten sein Bewusstsein so sehr in Besitz genommen, dass selbst die Erinnerung an andere Möglichkeiten daraus verbannt war. Einst war er ein anderer Mensch gewesen. Das schien plausibel, auch wenn es natürlich nicht bewiesen werden konnte. Die Tatsache jedoch, dass er nicht mehr jene Person war, war hingegen unbestreitbar. Alle persönlichen Eigenschaften, Meinungen, Fähigkeiten, Ideen, Gewohnheiten, Vorlieben und Abneigungen, zusammen mit weiteren Merkmalen, die unter den Worten »ich« und »mir« subsumiert werden – kurz gesagt, alles an Zen bis auf seine Gefühle –, waren anscheinend wie durch einen elektronischen Download auf den Doppelgänger übertragen worden, der im Augenblick jenseits des dunklen Zugfensters zu sehen war. Was die zurückgebliebene Hülle und ihre Zukunftsaussichten betraf: Je weniger man darüber sagte, desto besser.
Allerdings muss zugegeben werden, dass der Spezialist, den Zen in Rom konsultiert hatte, die Sache ganz anders sah.
»Sie haben sich gut erholt«, hatte sein Urteil gelautet, nachdem er die Röntgenaufnahmen betrachtet und Zen einen einäugigen Katheter, der wie ein riesiger tropischer Wurm aussah, in die Speiseröhre geschoben und das Fleisch um die Operationsnarbe kräftig durchgeknetet hatte, als ob er es später grillen wollte.
»Aber ich fühle mich schrecklich«, hatte Zen leise geantwortet.
»Haben Sie Schmerzen?«
»Zurzeit nicht so sehr. Aber ich fühle mich ständig völlig erschöpft. Schon nach der kleinsten Anstrengung muss ich mich eine halbe Stunde hinlegen, um mich zu erholen. Wenn ich nur eine Treppe hinaufsteige, bin ich außer Puste, und mir ist schwindlig. Selbst Reden strengt mich an.«
Seine Stimme verflüchtigte sich wie Rauch.
»Das ist nicht weiter verwunderlich«, erwiderte der Arzt mit herzloser Nonchalance. »Ihr Körper befindet sich noch im Heilungsprozess. Deshalb bleibt ihm weniger Energie für andere Aufgaben.«
»Ich weiß, aber da ist noch mehr. Ich fühle mich einfach nicht mehr wie ich selbst. Ich fühle mich nicht mehr. Und vielleicht bin ich es auch gar nicht mehr.«
Der Arzt klappte Zens Akte schwungvoll zu, dann klopfte er mehrfach auf das Deckblatt, als ob er die professionelle Bedeutung dieser Geste hervorheben wollte.
»Vom medizinischen Standpunkt sind, wie ich bereits erklärt habe, die Aussichten auf eine vollständige Genesung sehr gut. Wie viel Zeit dieser Prozess in Anspruch nimmt, hängt von zu vielen Variablen ab, um eine genaue Prognose abzugeben.«
Er sah demonstrativ auf die Uhr. Sein Interesse an dem Fall war eindeutig erloschen. Wie ein Polizist, der weiß, dass er nichts Sinnvolles mehr tun kann, dachte Zen. In früheren Zeiten hatte auch er oft Leuten auf brutale Weise klargemacht, dass er keine Zeit zu verplempern hatte, doch heutzutage würde eine solche Bemerkung hohl klingen. Tatsache war nämlich, dass er nichts anderes tat, als seine Zeit zu verplempern.
Vielleicht hatte sich der Arzt vom Gesichtsausdruck seines Patienten anrühren lassen, vielleicht war er aber auch sensibler, als Zen ihn eingeschätzt hatte. Wie dem auch sei, als sie sich an der Tür die Hand schüttelten, stellte er eine unerwartete Frage.
»Ist Ihre Frau Ihnen eine Unterstützung?«
Zen zögerte so lange mit der Antwort, dass das Schweigen schließlich peinlich wurde. Zunächst musste er sich klarmachen, dass mit seiner »Frau« Gemma gemeint sein musste, die den Termin für ihn zu einem Zeitpunkt gemacht hatte, als er sich zu schwach fühlte, um sich mit knallharten römischen Arztsekretärinnen auseinanderzusetzen, die dazu neigten, einen bis in alle Ewigkeit hinzuhalten. Und die Frage selbst schien ihm unmöglich zu beantworten. Es war eine zu lange und komplizierte Geschichte, um sie in wenigen Worten zusammenzufassen. Man würde Stunden brauchen, um die Situation auch nur in groben Umrissen zu erklären.
»Unterstützung?«, brachte er schließlich heraus.
Der Arzt wünschte eindeutig, er hätte den Mund gehalten. »Nur so generell«, sagte er wegwerfend. »Sie dürfen nicht vergessen, dass die ganze Sache für sie auch belastend gewesen sein muss. Merkwürdigerweise ist es sogar häufig für Familienangehörige schwieriger als für den Patienten selbst.«
Zen dachte nach, aber es kamen keine Worte.
»Sie war …«, begann er schließlich und verstummte.
Der Arzt nickte mit offenkundig vorgetäuschter Begeisterung, murmelte »Sehr gut!« und ging rasch davon.
Eine weitere Merkwürdigkeit seines Zustands hatte Zen unerwähnt gelassen, dass nämlich Teile seines Körpers, über die er sich nie Gedanken gemacht hatte, nun seine ständige Aufmerksamkeit verlangten, während andere, auf die er sich ganz unbewusst verlassen hatte, nun durch Abwesenheit glänzten. So überraschte es ihn nicht sonderlich, als das dumpfe Dröhnen in seinen Ohren plötzlich zu einem leisen Raunen abflaute, während das schrille Signal seines Handys einen Augenblick später für ihn völlig normal klang. Fünf Klingeltöne lang betrachtete er den durchsichtigen Plastikstreifen, wo die Nummer des Anrufers aufgeführt war, bevor er sich meldete.
»Ich sitze im Zug. Wir waren gerade in einem Tunnel.«
»Und wie wars?«
Zen brauchte einige Zeit, um zu antworten.
»Es war ein ganz normaler Tunnel«, sagte er schließlich. »Vielleicht ein bisschen länger als die meisten.«
»Nun erzähl schon, was der Arzt gesagt hat.«
»Hab ich doch gerade.«
»Gehts dir gut?«
»Der Arzt sagt, es ist alles in Ordnung. Bloß dass ich in einem langen Tunnel bin.«
»Aber es gibt ein Licht am Ende des Tunnels?«
»Nein, jetzt ist es dunkel. Aber es ist bestimmt da.«
Es folgte ein Geräusch, wie manche Kissen es von sich geben, wenn man sich darauf setzt.
»Um wie viel Uhr kommst du hier an?«
»Das weiß ich nicht.«
»Soll ich dich abholen? Eigentlich wollte ich ins Kino gehen.«
»Geh ruhig! Ich nehm mir ein Taxi. Oder geh zu Fuß.«
»Was ist mit Abendessen?«
»Ich hab reichlich zu Mittag gegessen und hab keinen Hunger. Geh du nur in deinen Film. Ich geh in die Wohnung und …«
Er verstummte, weil er an den lauter werdenden Hintergrundgeräuschen und dem Luftdruck bemerkte, dass der Zug durch einen weiteren Tunnel fuhr und das Gespräch zwischen ihm und Signora Santini unterbrochen war.
Dazu gehörte dieser Tage allerdings nicht viel. Immer häufiger gab es während ihrer Gespräche Unterbrechungen, Abbrüche, roboterhafte Akustik, Phantomstimmen oder tödliches Schweigen, als ob das gesamte Netzwerk gestört wäre und unaufhaltsam zusammenbräche. Außerdem hätte er schwören können, dass ihre Stimme – ausgerechnet die Stimme, in die er sich in jenem denkwürdigen Sommer am Strand von Versilia verliebt hatte – härter und schriller geworden war, als würde sie ein unausgesprochenes »Mach, was du willst« selbst an die trivialste Bemerkung anhängen. Und er spürte, dass direkt unter der Oberfläche alltäglicher Banalität, verborgen wie der bohrende Schmerz in seinen eigenen malträtierten Eingeweiden, echter Ärger lag, fest verwurzelt und sich selbst, zumindest derzeit, immer weitere Nahrung liefernd. Kurz gesagt, die liebevolle, ruhige und zuverlässige Frau, in die er sich verliebt hatte, war distanziert, launisch und sehr reizbar geworden. So kam es ihm zumindest vor, doch Zen musste zugeben, dass er hierfür ein äußerst unzuverlässiger Zeuge war. Wenn er sich selbst schon fremd geworden war, wie sollte er da etwas über andere wissen?
Der durch das Telefonat ausgelöste Gedanke an Essen ließ ihn von seinem Sitz aufstehen und durch den Wagen gehen, wobei er sich an jeder einzelnen Rücklehne festhielt, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, das dieser Tage ständig instabil war. Im Speisewagen kaufte er sich ein in Plastikfolie verpacktes Schinkenbrötchen und eine Dose Bier und trug beides zu der schmalen Ablage am Fenster, wo sein Double ihn bereits erwartete. Vielleicht hatte sie, während er im Krankenhaus lag, jemanden kennengelernt. Oder sogar schon vorher, als er im Rahmen seines letzten Falls längere Zeit unterwegs gewesen war. Das war durchaus denkbar. Beide Partner sind sich zumindest unterschwellig immer über die Machtverhältnisse in ihrer Beziehung im Klaren, und es war eine Tatsache, dass Gemma jünger war als er und immer noch sehr gut aussah. Außerdem wusste er, dass man ihr, bevor sie sich kennenlernten, eine gewisse Flatterhaftigkeit nachgesagt hatte.
Heißhungrig aß er sein Brötchen. Dass er »reichlich zu Mittag gegessen« hätte, wie er Gemma erzählt hatte, war gelogen gewesen. In seiner gegenwärtigen Verfassung brachte Zen nur etwas zustande, indem er eine Aufgabe in kleine, überschaubare Schritte aufteilte, sich dann voll und ganz auf deren Ausführung konzentrierte und alles andere ignorierte. Heute hatte er sich die Aufgabe gestellt, rechtzeitig zur Untersuchung bei dem Arzt in Rom zu sein. Das hatte er zwar geschafft, aber alles andere darüber völlig vergessen, wie zum Beispiel sich im Ministerium sehen zu lassen oder sich eventuell mit seinem Freund Gilberto zu treffen. Er hatte sogar vergessen zu essen. Es gab Momente, wo er sich beinahe sehnsüchtig an seinen Aufenthalt in der Klinik erinnerte. Damals war alles so einfach gewesen. Niemand erwartete, dass man etwas leistete oder Initiative zeigte. Ganz im Gegenteil, ein solches Verhalten war eher unerwünscht. Das Personal sagte einem, was man tun sollte und wann man es tun sollte, und man gehorchte. Man brauchte nicht zu planen oder selbstständig zu handeln. Im Nachhinein betrachtet, war das alles sehr erholsam gewesen.
Er aß den letzten Bissen von dem ziemlich trockenen Brötchen und spülte ihn mit dem restlichen Bier hinunter. Wenn er ganz ehrlich war, musste er sich eingestehen, dass der Besuch bei dem Arzt ein Vorwand gewesen war. In Wirklichkeit hatte er einfach nur mal fortgewollt, um aus den engen Mauern von Lucca herauszukommen. Dieser massive Steinwall hatte zu Anfang beruhigend auf ihn gewirkt, doch nachdem er einen Monat lang bettlägerig gewesen war und einen weiteren die Wohnung in der Via del Fosso nicht hatte verlassen können, war diese Mauer in seiner Vorstellung genauso erdrückend geworden, wie sie es im Hochsommer im wahrsten Sinne des Wortes wurde, wenn sie jeden freien Blick versperrte und keine erfrischende Brise in die Stadt ließ. Das war zweifellos auch der Grund, weshalb er Stunden vor seinem Termin in Rom eingetroffen war und die Zeit in Cafés totgeschlagen hatte, wo er jeden stumpfsinnig anstarrte, der kam oder ging, ganz wie ein Tourist. Und nach dem Arztbesuch hatte er, statt den ersten Zug Richtung Norden zu nehmen, weitere Stunden in einem Kino auf einem Sitz verplempert, der so nahe an der Leinwand war, dass der Film nur aus verschwommenen, unverständlichen Bildern bestand. Jetzt war er allerdings auf dem Heimweg, und sein Kurzurlaub ging zu Ende. Er könnte noch ein wenig verlängert werden, wenn Zen in Florenz absichtlich den Anschlusszug verpasste, sodass Gemma mit einigem Glück bereits schlief, wenn er zurück in die Wohnung kam.
Aber da waren immer noch morgen und übermorgen und all die Tage danach. Früher hätte er sich zur Ablenkung in die Arbeit stürzen können, doch so wie er sich jetzt fühlte, zweifelte er selbst daran, ob er so einen routinemäßigen Verwaltungsjob hinkriegen würde wie jenen, den man ihm vor Jahren aufs Auge gedrückt hatte, zu einer Zeit, als er in Misskredit geraten war, und wo er nichts weiter tun musste, als die Polizeidienststellen in der Provinz abzuklappern und dafür zu sorgen, dass sich die kleinen Diebstähle und Veruntreuungen in einem einigermaßen akzeptablen Rahmen hielten. Mit einem Wort: Seine Karriere war vorbei. Nachdem das Ausmaß seiner gesundheitlichen Probleme festgestellt worden war, hatte man ihm unbefristeten Genesungsurlaub gewährt, und nun war die Versuchung groß, diesen so lange wie möglich auszudehnen und dann in den vorzeitigen Ruhestand übergehen zu lassen. Schließlich hatte er einen mächtigen Protektor im Ministerium und war eindeutig niemandem von Nutzen. Eine gute Abfindung schien ihm für alle Beteiligten die einfachste Lösung dieser peinlichen Situation zu sein, und er sah keinen Grund, weshalb man ihm die verweigern sollte.
Blieb noch die Frage seines Privatlebens. Natürlich hatte Zen schon das Scheitern von Beziehungen erlebt und war überrascht, bestürzt und ratlos gewesen, doch diesmal traf es ihn viel härter, vielleicht weil er nie mit dieser Möglichkeit gerechnet hatte. Weder Zen noch Gemma hatten sich die Mühe gemacht, sich von ihren früheren Partnern scheiden zu lassen, und so war die Frage, noch einmal zu heiraten, nie aufgekommen. Doch im Grunde hatten sie sich so verhalten – und anscheinend auch gefühlt –, als ob sie tatsächlich Mann und Frau wären. In letzter Zeit allerdings glichen sie oft eher zwei Boxern, die sich misstrauisch umkreisten, gelegentlich Hiebe austeilten, dann in den Clinch gerieten und aus nächster Nähe aufeinander einschlugen, und das alles ohne einen Schiedsrichter, der sie hätte trennen können. Dabei gab es nie einen Sieger, nur zwei Verlierer, und der Kampf endete unweigerlich damit, dass Gemma wütend hinausrauschte und die Tür hinter sich zuknallte.
Zen wandte den Blick zum Fenster und betrachtete sein geisterhaftes Gegenstück, das so unsäglich gesund und substanziell wirkte. Er kam sich vor, als wäre er selber das Spiegelbild und das Bild das Original. »Ein Schatten seiner selbst«, wie man so sagte. Ein hoffnungsloser Invalide. Ein trauriger Fall. Der lange, schnittige Zug verließ den letzten Tunnel und fuhr klappernd über die Brücke über den Arno. Früher, bei seinen wöchentlichen Besuchen im Ministerium, hatte Zen in diesem Augenblick immer eine freudige Erregung im Herzen gespürt, weil er das Gefühl hatte, fast zu Hause zu sein. Nun erfüllte ihn das aus demselben Grund mit einem unguten Gefühl.
Als Vincenzo ins Zimmer hereinplatzte, lag Rodolfo gerade nackt auf dem Bett und genoss einen der seltenen Momente, wo, um einen deutschen Dichter zu zitieren, den Professor Ugo neulich angeführt hatte, »ein Glückliches fällt«. Was hatte er getan, um das zu verdienen? Die Antwort lautete: anscheinend nichts. Im fortgeschrittenen Alter von dreiundzwanzig musste sich Rodolfo allmählich mit der Tatsache abfinden, dass er nicht zu den strebsamen Menschen dieser Welt gehörte, kein Mann der Tat war, kein Erfolgsmensch und auch kein Frauenheld. Wenn er Flavia für sich gewonnen hatte, zumindest für den Augenblick, dann nur, weil sie ihm praktisch in den Schoß gefallen war. Intellektuell haperte es bei ihm zwar nicht, doch in allem anderen war er offenbar ein zu wenig motiviertes, wenn auch wohlmeinendes Leichtgewicht, das immer den Weg des geringsten Widerstands gewählt hatte und dies zweifellos auch weiterhin tun würde.
Ein Glückliches war gefallen, und er hatte den Dusel gehabt, im richtigen Augenblick da zu sein, um es aufzufangen, aber auf solche glücklichen Zufälle würde man sich nicht immer verlassen können. Normalerweise ging etwas, das fiel, kaputt, oder es erschlug einen, wenn man unwissentlich darunter stand. Rodolfos Vater hatte sich unablässig bemüht, seinem Sohn diese grundlegenden Tatsachen einzuschärfen, und das mit einer Stimme, die zu verstehen gab, ja beinahe stolz verkündete, dass ihm zwar bewusst sei, wie vergeblich seine Bemühungen waren, aber es sollte ihm niemand nachsagen, er hätte seine väterlichen Pflichten nicht erfüllt.
Der Gedanke an seinen Vater rief ihm nach und nach sein Elternhaus, das kleine Marktstädtchen und die ganze wohlvertraute Umgebung seiner Jugend ins Gedächtnis. Apulien! Deshalb kam er sich, als sein Mitbewohner Vincenzo wie ein Errol-Flynn-Verschnitt nach einer besonders hart durchzechten Nacht ins Zimmer hereinplatzte, in mehr als einer Hinsicht nackt vor.
»Siamo in due«, fauchte er wütend und zerrte die Decke über Flavias Körper und über seine Genitalien.
Der Eindringling lehnte am Türrahmen wie ein Betrunkener an einem Laternenpfahl. »Wo zum Teufel ist meine verdammte Jacke, du Arschloch?«
Wie immer staunte Rodolfo darüber, wie widerwärtig gut aussehend Vincenzo doch war mit seinem glatten schwarzen Haar, den adlerhaften Gesichtszügen, den durchdringenden Augen, der schlanken Figur und seiner unschlagbar unbekümmerten Art.
»Jacke?«, wiederholte er, während er aus dem Bett stieg und seine Jeans überzog.
»Meine Fußballjacke! Sie ist verschwunden!« Vincenzo fasste sich mit beiden Händen an die giftgrüne Polyesterjacke, die er völlig unpassend über einem modischen Hemd trug. »Ich musste mir dieses beschissene Teil von Michele leihen. Ich will mit meiner eigenen Jacke zum Fußball gehen, verdammt noch mal! Der Jacke mit den ganzen Unterschriften!«
Rodolfo bugsierte seinen Mitbewohner ins Wohnzimmer und machte leise seine Schlafzimmertür hinter ihnen zu.
»Du meinst die schwarze Lederjacke mit dem FC-Bologna-Emblem auf dem Rücken?«
»Natürlich meine ich die! Die habe ich zu jedem Spiel getragen seit … seit zig Jahren. Schon ewig! Sie bringt der Mannschaft Glück! Wenn ich sie nicht anhabe, verlieren wir, so wie heute Abend.«
Rodolfo machte eine entschuldigende Geste. »Tut mir leid, Vincenzo. Man hat mir in der Uni den Mantel gestohlen. Es ging mir nicht so gut, wie du weißt, und draußen war es eisig kalt, da hab ich mir halt eine von deinen Jacken geliehen. Weil du nicht da warst, konnte ich dich nicht fragen, also hab ich mir einfach die schäbigste genommen, die ich finden konnte. Mir war nicht klar, dass sie dir so viel bedeutet. Du hast ja schließlich tonnenweise Klamotten.«
Vincenzo Amadoris teure und eklektische Garderobe war in der Tat einer der Hauptgründe, weshalb er und Rodolfo sich diese relativ luxuriöse Wohnung teilten.
