Sebastian Vettel - Karin Sturm - E-Book

Sebastian Vettel E-Book

Karin Sturm

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Beschreibung

Der jüngste Weltmeister in der Geschichte der Formel 1 – hautnah! Er ist 27 Jahre alt, dominiert bereits den gesamten Rennsport und ist der ganzen Welt bekannt: Sebastian Vettel. Viermal hintereinander holte er den Weltmeistertitel der Formel 1. 2010, 2012 und 2013 war er Europas Sportler des Jahres. Was für ein Mensch steckt hinter diesem erfolgreichen und sympathischen Spitzensportler? Ist es die Nähe zu alten Freunden, die ihn trotz seines immensen Erfolgs nie den Boden unter den Füßen verlieren lässt? Karin Sturm gewährt neue Einblicke in Vettels Leben und Karriere, seine Rolle als liebevoller Vater und Partner. Das faszinierende Porträt von einem, der in jungen Jahren bereits unglaublich viel erreicht hat – und dem noch die ganze Welt offensteht.

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Seitenzahl: 475

Veröffentlichungsjahr: 2016

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© 2015 F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Wolfgang Heinzel

Umschlagmotiv: getty images

eBook-Produktion: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten

ISBN 978-3-7766-8199-4

Inhalt

Vorwort

von Ex-Formel-1-Pilot und TV-Kommentator Christian Danner

1. Auf dem Weg zu Ferrari

Eine neue Ära für den ganz besonderen Champion

2. Sebastian Vettel

Persönlich

3. Die Anfänge

Vom Kart bis in die Formel 3

4.2006–2007

BMW – die ersten Schritte in der Formel 1

5. Dr. Mario Theissen (ehem. BMW-Motorsportchef)

Sebastian Vettel zu Beginn – eine junge Parallele zu Michael Schumacher

6. 2008

Toro Rosso – der erste Sieg

7.Franz Tost (Toro-Rosso-Teamchef)

Am Skilift stellt sich Sebastian ganz brav in die Schlange

8. 2009

Red Bull – die Geburt eines Traumteams

9. Der Vettel-Clan

Die wichtigsten Menschen im Hintergrund

10.2010

Ein Weg mit Hindernissen zum ersten Titel

11. Dr. Helmut Marko (Red-Bull-Motorsportdirektor)

Kurz vor Weihnachten kam Sebastian zu Red Bull

12. 2011

Ein Traumjahr – Weltmeister schon in Japan

13. Wahlheimat Schweiz

Ein Rückzugsraum

14. 2012

Schwieriger Beginn – Herzschlagfinale in Brasilien

15. Guillaume Rocquelin (Red-Bull-Renningenieur)

Sebastian hat sich nicht verändert

16. 2013

Allein auf weiter Flur – Mark Webber gibt auf

17. Stimmen zu Sebastian Vettel und seinen vier WM-Titeln

18. Die größten Gegner

Alonso, Hamilton und Co.

19. Christian Horner (Red-Bull-Teamchef)

Sebastian ist ein perfekter Rennfahrer und ein fantastischer Mensch

20. Endlich Vater

Der private Sebastian Vettel

21. 2014

Ein schwieriges Jahr – und ein neuer Teamkollege

22. Zukunftsperspektiven

Die neue Welt Ferrari

Bildteil

Register

Vorwort

von Ex-Formel-1-Pilot und TV-Kommentator Christian Danner

Sebastian Vettels Karriere ist beeindruckend. Er ist ja schon sehr früh in die Red-Bull-Familie gekommen, eigentlich noch als Kind, und hat es von dort aus geschafft, sich zur absoluten Führungspersönlichkeit zu entwickeln. Es ist ihm gelungen, sein Leistungsniveau immer höher zu schrauben, dabei aber trotzdem seinen eigenen Stil, seine Lockerheit und Natürlichkeit beizubehalten, nie abzuheben. Stargehabe und dicke Goldketten, wie bei dem ein oder anderen sonstigen Top-Piloten damals und heute, wird man bei ihm nie sehen.

Was ich an ihm ganz besonders bewundere, ist seine Konzentrationsfähigkeit. Das Erfolgskonzept von Red Bull war ja technisch über Jahre hinweg darauf ausgelegt, dass man mit dem Auto vornewegfährt. Das heißt, Sebastian musste es schaffen, möglichst immer auf der Pole-Position oder zumindest in der ersten Startreihe zu stehen. Wie er immer wieder geschafft hat, im entscheidenden Moment das dafür Notwendige abzurufen, auch unter schwierigen Bedingungen, selbst dann, wenn er manchmal nur eine einzige Runde zur Verfügung hatte, das ist schon etwas ganz Besonderes. Und diese Perfektion kann er dann meistens auch in den Rennen optimal umsetzen. Das ist ein ganz spezielles Merkmal, seine eigene, persönliche Handschrift – genauso wie seine Entschlossenheit, auch neben der Strecke seine Linie durchzuziehen. »Aber als Weltmeister muss er doch …« – dieser Forderung entzieht er sich immer wieder, ob es nun um Ansprüche der Boulevardmedien oder auch mal einen Sonderwunsch von Bernie Ecclestone geht.

Es wird sehr interessant sein zu beobachten, wie er sich jetzt nach seinem Wechsel zu Ferrari in seiner neuen Umgebung durchsetzt. Bis jetzt hat er sich ja immer, von frühester Jugend an, mit Intelligenz, Talent und auch einer gehörigen Portion gesundem Menschenverstand immer weiterentwickelt und im entscheidenden Moment immer noch etwas aus dem Hut zaubern können. Dass er jetzt, als »Erwachsener« und viermaliger Weltmeister aus seiner gewohnten Umgebung ausbricht und sich einer neuen, sehr großen Herausforderung stellt, das finde ich persönlich ganz toll!

1. Auf dem Weg zu Ferrari

Eine neue Ära für den ganz besonderen Champion

Am Samstag in Suzuka darf Sebastian Vettel es noch nicht offiziell sagen, dass er ab 2015 für Ferrari fahren wird. Die formal korrekten Abläufe müssen eingehalten werden, erst einmal muss Ferrari sich mit Fernando Alonso darüber abstimmen, wie man die Trennung kommuniziert. Vettels Noch-Chefs bei Red Bull, Christian Horner und Dr. Helmut Marko, werden da schon deutlicher, lassen keinen Zweifel daran, dass der viermalige Weltmeister in Zukunft die roten Farben vertreten wird. Und auch Vettel selbst lässt ja indirekt keine Zweifel. Auf eine Frage, die unterschwellig unterstellte, dass der Ferrari-Vertrag noch nicht unterschrieben sei, antwortete er: »Das habe ich nicht gesagt, ich habe nur gesagt, dass ich noch nichts verkünden kann.«

Kaum war der Abschied von Sebastian Vettel von Red Bull offiziell, da krochen schon die Kritiker aus ihren Löchern: Es mache einen schlechten Eindruck, nach einem Jahr des Misserfolgs »davonzulaufen«. Vettel habe Angst davor, auch nächstes Jahr von Daniel Ricciardo geschlagen zu werden und an Marktwert zu verlieren – all das warfen vor allem einige englische Medien dem viermaligen Weltmeister sofort an den Kopf. Wenn, dann hätte er schon 2013 auf dem Höhepunkt des Erfolges gehen müssen …

Realistisch gesehen steht die Sache wohl ein bisschen anders. Genau jetzt, in diesem Moment, ergab sich für Vettel die Chance, das zu tun, was für ihn bei allem bisherigen Erfolg immer noch ein Traum war. Einmal für Ferrari zu fahren, Teil dieses Mythos zu werden, der das italienische Team immer umgab und bis heute umgibt. Dass es dazu kommen wird, wissen in der Formel 1 alle – auch wenn die offizielle Bestätigung aus Italien noch aussteht, weil noch ein paar Formalitäten mit Fernando Alonso über dessen Abschied zu klären sind. Jahrelang hatte Vettel als Kind ein riesiges Poster von Michael Schumacher im Ferrari über seinem Bett hängen, dieses Bild war es, das seine Jugend, seine Träume prägte – und das Bild, selbst einmal in diesem Auto zu sitzen, hat ihn seitdem nie wirklich verlassen. Und auch wenn Vettel sicher weiß, dass es mit neuen großen Erfolgen bei Ferrari ein bisschen länger dauern könnte: Er ist schließlich erst 27, kann sich also ruhig ein oder zwei echte Aufbaujahre leisten – und Michael Schumacher brauchte schließlich auch fünf Jahre, ehe er mit den Italienern seinen ersten Titel holte.

Die Chance für den Neubeginn ist genau zu diesem Zeitpunkt, im Herbst 2014, optimal: Fernando Alonso, der heimliche Herrscher bei Ferrari in den letzten fünf Jahren, hat sich mit dem Team zerstritten, der alte Chef, Luca di Montezemolo, den Alonso mehr oder weniger »in der Tasche« hatte, ist auch weg. Und Vettel konnte Red Bull verlassen, ohne dort vertragsbrüchig zu werden. Denn eine Ausstiegsklausel in seinem eigentlich bis Ende 2015 laufenden Kontrakt besagte: Wenn er am 30. September 2014 nicht unter den ersten drei in der Fahrerwertung liegt, darf er vorzeitig wechseln.

Für Vettel, dem Loyalität gegenüber denen, denen er viel verdankt, grundsätzlich sehr wichtig ist, war das sicher ein nicht unwichtiger Faktor, der ihm seine Entscheidung, zu gehen, seiner inneren Stimme zu folgen, etwas Neues zu machen, sicherlich leichter machte. Und auch wenn er sagt, man trenne sich in absoluter Freundschaft, gab es doch einige interne Entwicklungen bei Red Bull, von denen Vettel in dieser Saison sicher nicht begeistert war: dass man ein paar Mal in diesem Jahr nach außen nicht wirklich hinter ihm stand, Teamfehler erst einmal nicht auch als solche eindeutig kommuniziert wurden, gewisse persönliche Differenzen mit Teamchef Christian Horner über dessen privates Verhalten, die Tatsache, dass der seine Frau mit dem gerade erst geborenen Baby sitzen ließ, um von nun an mit Ex-Spice-Girl Geri Halliwell durch die Welt zu ziehen, zum Schluss auch noch der fristlose Rauswurf seines langjährigen Chefmechanikers Kenny Handkammer. Verständlich, dass sich der loyale Vettel da wohl manchmal so seine Gedanken über die Loyalität der anderen Seite machte … Die nicht zufriedenstellenden Ergebnisse des Jahres 2014 »spielten keine Rolle«, wie er immer betont – und tatsächlich wäre es für die Zukunft wohl auch der einfachere Weg gewesen, bei Red Bull weiterzumachen, als bei Ferrari etwas komplett Neues aufzubauen. Leicht fiel ihm der Abschied sicher nicht, schließlich arbeitete er mit Red Bull 15 Jahre lang zusammen. Bereits mit zwölf, in seinen Kart-Zeiten, prangten die ersten Red-Bull-Aufkleber auf seinem Helm.

Allerdings: Die neue Führungsmannschaft mit dem großen FIAT-Boss Sergio Marchionne an der Spitze hat einen Strukturwandel angekündigt, einige Teampositionen sind schon vielversprechend besetzt. Mit Vettel als neuem Zugpferd könnten andere Top-Leute sich auf den Weg nach Maranello machen. Für Sebastian Vettel ein »Nest« zu bauen, in dem er sich wirklich wohlfühlt, das muss das Ziel von Ferrari sein, wenn das klappen soll, was alle Beteiligten natürlich im Hinterkopf haben: rund um Vettel einen kompletten Neuaufbau zu schaffen, wie es damals in den Neunzigern rund um Michael Schumacher gelang, ein neues Erfolgsteam auf die Beine zu stellen, das eine Epoche in der Formel 1 beherrschen kann.

Sebastian Vettel mit seiner lockeren, unkomplizierten Art, seinem Talent, auf Menschen zuzugehen, bringt jedenfalls alle Voraussetzungen mit, bei den Ferrari-Fans in Italien gut anzukommen. Nicht zuletzt spricht er schon jetzt, noch aus seiner Toro-Rosso-Zeit, recht gut Italienisch. Und er weiß auch: Wenn er mit Ferrari Erfolg hat, dann kann das sein eigenes Standing noch einmal weit über alles Bisherige hinausheben. Der Reiz, das zu versuchen, sich dieses neue Ziel zu setzen, war für ihn jetzt wohl unwiderstehlich. Und was irgendwelche Kritiker dazu sagen, dürfte ihm dabei relativ egal sein …

Das war es ihm eigentlich schon immer – diese Einstellung ist Teil der Persönlichkeit Vettel. Bis zu einem gewissen Grad zumindest. Denn wenn er das Gefühl hat, dass seine eigene Leistung öffentlich nicht entsprechend anerkannt wird, dann beschäftigt ihn das schon – daher ja auch der Ärger über ein paar Äußerungen von Red-Bull-Verantwortlichen 2014, die ihn nicht gerade in gutem Licht dastehen lassen.

Auch 2013, als er gerade in der zweiten Saisonhälfte alles in Grund und Boden fährt und dennoch öfter Pfiffe und Buh-Rufe bei Siegerehrungen erntet, beschäftigt ihn das, sodass er es beim Interview nach dem Gewinn seines vierten WM-Titels in Indien selbst anspricht. »Das war für mich schon sehr schwierig, ausgebuht zu werden, obwohl man doch alles richtig gemacht hatte … Das dann zu überwinden und auf der Strecke die richtige Antwort zu geben, um dann am Ende doch die Anerkennung zu bekommen, die jeder Rennfahrer sucht …« Andererseits will er das Thema nicht zu groß machen, wohl auch, um sich selbst vor etwas zu schützen, was er nur sehr schwer beeinflussen kann. So spielt er die Sache dann wieder ein bisschen herunter, als sich ein italienischer Journalist in der Pressekonferenz bei ihm für die Pfiffe der Ferraristi in Monza entschuldigt. Er verstehe die Leute ja, meint er da, in unserer schnelllebigen Welt sei es nun mal so, »dass die Leute erst mal nicht genau zuhören, was ich sage, oder nicht lange überlegen … In der Hitze des Gefechts fängt dann einer an zu pfeifen, andere stimmen ein … Wenn man Fan eines bestimmten Teams oder Fahrers ist, gefällt einem halt erst mal nicht, wenn immer ein anderer gewinnt. Das hat gar nicht unbedingt direkt etwas mit mir zu tun. Ich denke, ich bin reif genug, das zu verstehen.«

Dass Vettel weltweit vor allem beim breiten Publikum immer noch nicht die Anerkennung und den Stellenwert genießt wie früher ein Ayrton Senna oder ein Michael Schumacher, das hat verschiedene Gründe. Auch den, dass die Formel 1 heute insgesamt im Welt-Sportgeschehen nicht mehr ganz den Stellenwert hat wie noch vor einigen Jahren: In Zeiten von Finanzkrise, Rezession in vielen Ländern, aber auch von Nachhaltigkeit, Umweltschutz und »politischer Korrektheit«, die sich oft sehr »grün« gibt, tut sie sich schwer, gerade in etwas gehobener-intellektuellen Kreisen noch die entsprechende positive Resonanz zu finden. Gerade dieses Publikum wäre es aber, das ein Sebastian Vettel mit seinem Background und seinen durchaus sehr weit über den Rennsport hinausreichenden Interessen eigentlich ansprechen müsste …

Genauso wie seine Fähigkeiten auch abseits der Rennstrecke. Zum Beispiel die, sich ganz schnell auf völlig verschiedene Menschen einstellen zu können. Etwa, wenn ihm für eine Geschichte einer Boulevardzeitung Kinder Fragen stellen dürfen – und er das so locker macht, dass die richtig ihren Spaß haben und sich zu fragen trauen: »Was machst du denn, wenn du im Auto mal Pipi machen musst?« Da muss er dann richtig lachen: »Anhalten geht ja schlecht – dann würde ich ja Letzter werden …« Andere Fahrer würden da auch schon mal in die Hose machen, was die Kiddies eklig finden, aber Sebastian kann sie beruhigen: »Ich hab’s bis jetzt immer geschafft, trocken zu bleiben. Der Trick ist, dass man halt kurz vorher in der Garage noch mal aufs Klo geht.«

Oder aber, wenn er nach einem langen PR-Tag eigentlich gleich wegmüsste, aber noch auf Pressesprecherin Britta Roeske warten muss, die noch kurz etwas zu erledigen hat. »Warte doch in dem kleinen VIP-Zelt auf sie, da vorne Richtung Auto sind so viele Leute«, schlägt jemand vor. Aber Sebastian sieht das anders: »Na und, wo ist das Problem?«, fragt er, geht auf die Fans zu, schreibt fleißig Autogramme, hat für alle ein nettes Wort, nimmt sich besonders viel Zeit, um sich mit einer Rollstuhl-Fahrerin zu unterhalten, ein gemeinsames Foto zu machen …

»Im Job ist er der Perfektionist, ganz akribisch und hart. Aber sonst ist er ein total netter Kerl, der sich auch mit der Welt und sich selbst, mit allen anderen und mit dem Umfeld beschäftigt. Er ist total aufgeschlossen. Das sehen viele Formel-1-Medien nicht so, da sie in der schnellen Berichterstattung stecken, ihre eigenen Interessen haben und deshalb auf menschliche Details oft gar nicht wirklich achten. Aber in Wirklichkeit ist er ein total netter, junger Mensch«, sagt sein österreichischer Ex-Fahrer-Kollege Alexander Wurz – und erinnert sich besonders gern an ein ganz spezielles Erlebnis: »Wir haben gemeinsam eine super Bergtour auf den Fuji gemacht. Das war 2008, bevor er durchgestartet ist. Wir sind ganz am Anfang seiner Karriere in den Freitagstrainings immer gegeneinander angetreten und haben uns immer gemessen. Da sprechen wir heute noch davon. Aber der Mount Fuji war ganz nett, denn da haben wir den ganzen Tag miteinander verbracht. Das war typisch: Er war sehr nett, wollte aber auch da immer einen halben Schritt vorne sein. Dann haben wir uns natürlich ein Rennen geliefert. Das war lustig …« Und typisch für Typen wie Vettel: Verlieren ist nicht angesagt – in keinem Bereich. Nach einer Badminton-Niederlage gegen Kimi Räikkönen musste ja auch schon mal Vettels Schläger dran glauben.

Der Mensch Sebastian Vettel – ein ganz besonderer Charakter, besonders deshalb, weil er in einer Welt der Markenmarionetten und Selbstdarsteller so erfrischend normal daherkommt. Vettel vermittelt schon in jungen Jahren den Eindruck einer sehr bodenständigen, gefestigten Person. Und er pflegt in vielen Dingen eine sympathische Individualität: ob durch seinen für sein Alter eher ungewöhnlichen Geschmack als Beatles-Fan oder durch seinen trockenen Humor, der so gut zum britischen passt, was ihm im Red-Bull-Team von Anfang an viele Freunde einbrachte. So zum Beispiel seine Vorliebe für Programme à la Monty Python statt etwa plumper deutscher Comedy. Auch charakteristisch sind seine Offenheit und Freundlichkeit, woran sich auch über die Jahre, mit dem immer höheren Aufstieg in die Region der Superstars, nichts geändert hat. So ist es kein Wunder, aber trotzdem vielleicht die höchste, größte Auszeichnung, dass alle, die ihn schon länger kennen, immer wieder betonen: »Starallüren – das ist etwas, was Sebastian gar nicht kennt.«

Ehrgeiz dagegen schon – überall, nicht nur in der Formel 1. »Das will ich bei allem sein, was ich mache – nur der Erste, der Beste, zählt wirklich.« Deshalb probiert er auch alles Mögliche aus: »Fußball, Beachvolleyball, Tennis, Tischtennis – und habe alles wieder aufgegeben, weil ich nirgendwo gut genug war.« Nur gut, dass er dann den Rennsport fand – und damit den Weg dorthin, wo er heute steht. Wobei er sich selbst immer noch als den gleichen Menschen sieht wie den, der einst aus Heppenheim in die Kartwelt und dann in die Nachwuchsformeln aufbrach, auch wenn er sicher reifer, älter und erwachsener geworden sei. »Schnell gealtert«, wie er schon in Singapur 2011 auf die Frage flachst, wie er denn eine so routinierte Gelassenheit ausstrahlen könne. »Auch wenn mir das an der Kinokasse und beim Bierkaufen keiner glaubt und ich da immer noch meinen Pass zeigen muss …«

Das passiert ihm heute sicher nicht mehr – denn auch äußerlich haben die Jahre in der Formel 1 inzwischen schon ein paar Spuren hinterlassen.

Dazu kommt seine Entschlossenheit, sein Arbeitseifer, sein Fleiß, seine Detailversessenheit – er gehört abends meistens zu den Allerletzten, die das Fahrerlager verlassen. Aber er schaffte es auch, auf eine sehr positive Art zu einer absoluten Führungspersönlichkeit in seinem Team zu werden: Nicht mit Druck und Politik – wie vielleicht ein Fernando Alonso –, sondern durch seine Fähigkeit, andere Menschen zu motivieren und für sich einzunehmen.

2.Sebastian Vettel

Persönlich

Um den »anderen« Sebastian Vettel besser kennenzulernen, trifft man ihn am besten außerhalb der Formel-1-Welt: locker und entspannt, bei einem großen Red-Bull-Showevent, einem Seifenkistenrennen, wo es nicht um viele PS, sondern vor allem um viel Einfallsreichtum geht. Was dem viermaligen Weltmeister auch durchaus Spaß macht – ob nun im direkten Kontakt mit den Fans oder als »Super Mario« verkleidet selbst in einer Seifenkiste …

Sebastian Vettel ausnahmsweise mal in einer Welt, die zwar etwas mit Rädern, aber nichts mit Hightech zu tun hat. Macht dir so etwas eigentlich Spaß?

Sebastian Vettel: Sicher, so ein Event ist schon toll – vor allem, wenn so viele Leute da sind. Und ich habe mir dann ja auch die ganzen wilden Konstruktionen mal angeschaut. Eines muss ich sagen, auf solche Ideen, was da zum Teil konstruiert und gebastelt wurde, käme ich nie.

Du bist ja aus dem Formel-1-Auto eine Menge Knöpfe und Elektronik gewöhnt. Wenn du privat mal nicht einen Infinity fährst, sondern zum Beispiel einen »unbekannten« Leihwagen, passiert es dir da auch mal, dass du erst mal eine Weile brauchst, um zu verstehen, wie alles in diesem »fahrenden Computer« funktioniert?

Vettel: Doch, schon. Da sind oft wirklich so viele Knöpfe, dass man erst einmal gar keine Ahnung hat. Ich finde das einerseits ein bisschen schade, auch wenn es natürlich sehr viele Dinge gibt, die man heute nicht mehr missen möchte, das Navigationssystem, die Möglichkeit, sein Telefon zu verbinden, und Ähnliches. Aber das eigentliche Autofahren wird dadurch ein bisschen in die zweite Reihe gestellt. Und wenn man heute die Haube von einem modernen Auto aufmacht, sieht man von dem eigentlichen Kernstück, dem Motor, vor lauter Abdeckungen überhaupt nichts mehr. Wenn man zur Werkstatt fährt, dann kommt einer und steckt ein Kabel rein, um zu sehen, was das Problem ist … Früher hat man noch selbst reingeschaut und konnte sehen, wo es klemmt. Aber so ist nun mal die Entwicklung …

Weißt du denn dann eher, wie dein Red Bull in der Formel 1 im Detail funktioniert, auch in der gesamten Elektronik?

Vettel: Ganz ehrlich gesagt, auch nicht. Lustigerweise habe ich gerade heute Vormittag darüber nachgedacht, denn früher haben die Fahrer ja da auch noch selbst mit angepackt. Ich glaube, einerseits erlauben der Zeitplan und das Leben in der heutigen Formel 1 es gar nicht mehr, da selbst mit anzupacken, und zweitens ist auch da alles viel zu komplex geworden. Man sieht es ja schon daran, wie viele Leute heute am Auto schrauben. Früher war das eine Handvoll und der Fahrer war ein fester Teil davon. Heute kann er das gar nicht mehr sein, weil es für jeden Bereich einen Spezialisten gibt.

Würde man sich als Rennfahrer manchmal wünschen, dass die Technik wieder mehr Richtung Seifenkiste als Richtung Spaceshuttle ginge?

Vettel: Ja und nein, denn über die Zeit war es auch die Technik, die es uns erlaubt hat, so schnell zu sein, diese Kurvengeschwindigkeiten zu erleben, die es früher nicht gab. Freiwillig gibt keiner nach und geht zurück. Deswegen ist die Entwicklung eine ganz normale, wie in jedem anderen Sport auch. Beim Skifahren sind die Kurvengeschwindigkeiten auch so hoch wie nie zuvor. Es ist natürlich dann die Frage, ob das die gesündeste Entwicklung für die Sportler selbst ist, auch für uns im Auto. Aber man gewöhnt sich natürlich an den Kick und steigt genau deswegen wieder ein.

Diesen ganz besonderen Kick, die speziellen Gefühle beim Formel-1-Fahren, hast du einmal mit dem Fliegen verglichen, manche beschreiben diesen »Flow«, in den sie manchmal kommen, auch fast als Rausch. Gibt es solche Situationen für dich eher in einer einzelnen perfekten Qualifying-Runde oder kann das auch im Rennen, in einem direkten harten Kampf, passieren?

Vettel: Beides – aber es ist ein bisschen unterschiedlich. Eine Qualifying-Runde ist sehr kurz, am absoluten Limit. Im Rennen kann man dafür in einen gewissen Rhythmus kommen, um sich Runde um Runde nicht direkt zu steigern, aber sich anzupassen, um wirklich in jeder Situation das Beste herauszuholen, sich zu überlegen, welche Linie wähle ich, was macht Sinn, dabei auch auf die Reifen achtzugeben, wie es ja heute nun mal ist. Dabei kommt man natürlich auch in einen gewissen Fluss hinein …

Kannst du dich an bestimmte Rennen erinnern, wo diese Erfahrung extrem war?

Vettel: 2013 der Nürburgring war schon extrem, weil wir absolut keinen Raum hatten für Fehler, wir das ganze Rennen über, bis auf die Safety-Car-Phase, wirklich versucht haben, alles zu geben, um die Führung zu behaupten. Aber es gibt auch noch ein paar andere Rennen, die da herausstechen. Das heißt nicht, dass die anderen Rennen schlecht waren, aber man hat natürlich schon auch mal ein bisschen bessere oder ein bisschen schlechtere Tage. Mein erster Sieg in Monza 2008, der war etwas ganz Besonderes. Einfach von vorneweg habe ich da versucht, mein Rennen zu fahren. Und auch wenn man jetzt zurückschaut, dann ist das immer noch etwas sehr Besonderes, dass es gereicht hat.

Wie lange braucht man, um aus dieser Extremwelt nach einem Rennen wieder wirklich in die normale Welt zurückzukommen?

Vettel: Man bekommt schon mit, was um einen herum passiert, kommt deshalb schon relativ schnell wieder zurück. Aber es ist einfach ein schönes Gefühl, wenn man alles gegeben hat und zumindest aus seiner Sicht an dem Tag alles richtig gemacht hat.

Wenn man sich in einer Welt bewegt, in der es um Tausendstelsekunden geht, hat man dann außerhalb davon ein ganz anderes Gefühl für Zeit?

Vettel: Außerhalb eines Formel-1-Wochenendes, außerhalb der Rennstrecke habe ich wohl ein Zeitgefühl wie jeder andere Mensch auch.

Hast du dann manchmal das Gefühl, dass die Zeit langsamer vergeht?

Vettel: Nein, ich glaube, es kommt immer auf die Situation an. Wenn man das Gefühl hat, dass man zu wenig Zeit hat, dann hat man wohl einfach zu viel Stress und muss daran etwas ändern. Es ist immer gut, für sich selbst zu wissen, wann man den Punkt erreicht hat, dass man mehr Zeit für sich selbst braucht, um dann wieder den Kopf frei zu haben für die wesentlichen Dinge.

Wie wichtig ist dir Ruhe?

Vettel: Sehr wichtig. Ich denke, man muss immer die richtige Balance finden, nicht nur in der Formel 1, sondern auch im Leben allgemein. Wenn man viel Trubel hat, ist es wichtig, dann auch wieder seine Zeiten zu haben, wo es etwas ruhiger ist.

Du hast sozusagen zwei Heimatorte – deinen neuen in der Schweiz, nicht so weit weg vom Bodensee – und Heppenheim. Was magst du besonders in der Schweiz?

Vettel: Alles in allem ist es einfach eine schöne Gegend. Man hat alles, was man braucht, die Berge sind ziemlich nah. Einen größeren See als den Bodensee gibt es auch nicht, zumindest nicht in der Nähe. Gerade im Sommer, wenn das Wetter toll ist, ist es wunderschön dort.

Und was vermisst du dort, was es in deiner Heimat an der Bergstraße gibt?

Vettel: Den Kochkäs, die Leut, das Gebabbel. Auch wenn es nicht so weit weg ist, vermisst man es doch. Die Gegend, in der man aufgewachsen ist, den Freundeskreis, der größtenteils dort ist. Wenn man viel unterwegs ist, macht es aber nicht den Unterschied, wo man wohnt. Man hat heute genug Möglichkeiten, in Kontakt zu bleiben. Und es ist verrückt: Mittlerweile steht die Stadt kopf, wenn man zurückkommt. Ich bin nicht der Mensch, der das so braucht. Ich genieße es eher, wenn ich unerkannt um die Häuser ziehen darf.

In deiner Wahlheimat, der Schweiz, geht es ja auch auf den Straßen ziemlich ruhig zu. Macht dir dort, bei dem strengen Tempolimit, das Autofahren überhaupt Spaß?

Vettel: Die meisten Leute haben da wahrscheinlich ein etwas falsches Bild, die denken immer, wenn man Formel-1-Fahrer ist, dann muss man auch auf den Straßen fahren wie ein Gestörter. Aber das ist ja gerade das Gute an meinem Job, dass ich mich da in dem besten Auto, das es überhaupt gibt, austoben kann. Da kommt ja selbst ein guter Sportwagen für die Straße nicht annähernd ran. Ich würde nicht sagen, dass ich jedes Tempolimit absolut einhalte. Ich glaube, dass das jeder, der ehrlich zu sich selbst ist, kaum von sich behaupten kann. Aber ich würde mich schon eher als passiven Autofahrer einschätzen. Ich glaube, mit dem Alter bin ich da auch ein bisschen weiser geworden: Die zwei, drei Minuten, die das im Endeffekt ausmacht, spielen normalerweise wirklich keine Rolle …

Die Formel 1 macht Station in 19 Ländern – wie weit kannst du diese Länder dabei auch kennenlernen, gibt es da Freiräume?

Vettel: Sicher, ich bin doch nicht eingesperrt. Und solange ich pünktlich an der Rennstrecke bin, gibt es da auch keinen Ärger. Es ist schön, dass man herumkommt, viele verschiedene Länder sieht, versucht, jedes Jahr ein bisschen was anderes mitzunehmen. Natürlich hat man dann allmählich auch in jeder Stadt, in jeder Gegend, so seine Plätze, die einem am besten gefallen. In den Städten gibt es dann bestimmte Restaurants, die man immer wieder besucht, oder bestimmte Dinge, die man immer wieder unternimmt. In Kanada laufen wir zum Beispiel immer den kleinen Hügel, den Mont Real, hoch und schauen dann auf die Stadt … Andererseits ist es, wenn man so viel unterwegs ist, dann aber auch schön, wieder nach Hause zu kommen und seine Ruhe zu haben.

Wenn man so viel unterwegs ist – was ist dann für dich typisch deutsch?

Vettel: Typisch deutsch ist gutes Brot, da bin ich auch ein absoluter Fan davon, Tatort schauen, typisch deutsch ist auch, freitags sein Auto zu waschen, um es dann am Wochenende in der Garage stehen zu haben … Das ist bei mir weniger der Fall, ich fahre ja eher am Wochenende raus …

Du bist ja bekannt für deinen absoluten Siegeswillen. Gibt es denn außerhalb der Formel 1 die ein oder andere Niederlage, über die du dich besonders ärgerst?

Vettel: Ich verliere – immer noch – konstant gegen den Kimi [Räikkönen] beim Badminton. Wir spielen jetzt nicht so oft und ich bin auch nicht wirklich im Training, um das zu ändern, und mit etwas Abstand nimmt man das auch gelassen. Aber in dem Moment regt es einen tierisch auf und man setzt sich das Ziel, Trainerstunden zu nehmen, um besser zu werden. Aber bis jetzt wurde es dann doch noch nie so ernst …

Wie äußert sich solcher Ärger dann – muss da auch mal ein Schläger dran glauben?

Vettel: Das ist auch schon passiert, aber daraus habe ich gelernt. Denn danach war das Spiel ja erst mal ganz fertig und ich konnte es überhaupt nicht mehr probieren … Man schreit dann schon mal, ist einfach nicht zufrieden mit seiner eigenen Leistung. Aber das geht relativ schnell vorbei, wenn man danach zusammen was trinkt, dann ist das schon wieder verflogen.

Wenn du dir eine andere Sportart aussuchen könntest, um Weltmeister zu werden – welche wäre das?

Vettel: Jede Sportart hat ihren Reiz. Aber nicht in jeder Sportart gibt es Weltmeisterschaften. In vielen sind die Olympischen Spiele das Highlight. Im Tennis gibt es keine WM im klassischen Sinn. Fußball ist etwas Besonderes, weil die Begeisterung weltweit so groß ist. Weil es so viele Leute gibt, die Fußball schauen, sich für Fußball begeistern. Auch im Stadion ist es ein ganz besonderes Gefühl, wenn man einläuft und 80 000 jubeln einem zu.

Du bist oft auf dem Rennrad unterwegs. Könntest du dir vorstellen, wie die Tour-de-France-Fahrer auf diese Weise dein Geld zu verdienen – das ist ja schon eine unheimlich harte Sache?

Vettel: Ich verbringe einfach am liebsten meine Zeit im Formel-1-Wagen. Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, dass da einer im Sattel sitzt, der nicht Lust hat, Rad zu fahren, und den Sport nicht liebt. Die Trainingsstunden für Radprofis sind natürlich extrem. Wenn man selbst Rad fährt, bekommt man ja ein bisschen Gespür dafür, das Tempo und die Leistungen sind schon extrem.

Jenson Button betreibt ja sehr erfolgreich Triathlon – hast du das auch schon mal probiert?

Vettel: Ich habe vor ein paar Jahren mal so einen ganz kurzen mitgemacht, eine Sprintdistanz. Das ist schon lustig, es macht Spaß, mit allen zusammen ins Wasser zu springen. Aber an eine olympische Distanz oder gar noch mehr habe ich mich bis jetzt noch nicht herangewagt. Vielleicht irgendwann später mal …

Du hast mal gesagt, manchmal machen Niederlagen die Sehnsucht nach Siegen noch größer. Welche Niederlage in der Formel 1 hat denn da deine Sehnsucht besonders gesteigert?

Vettel: Jeder hat in seiner Laufbahn Zeiten, in denen viele Rennen gut laufen, und andere, in denen viele nicht so gut laufen. Es ist normal, dass man immer wieder gewisse Durststrecken hat, aber gerade dann sind das Zeiten, die einen prägen können, in denen man viel lernen kann, um dann beim nächsten Mal nicht so in ein Loch zu fallen und gleich weiter nach vorne zu schauen, damit man sich gar nicht erst erlaubt, zu sagen, jetzt bin ich in einem Tief, sondern immer in der Lage ist, das Beste aus sich herauszuholen.

Du erwähnst öfter deine alten Freunde aus der Schulzeit. Wenn du die heute triffst, fühlst du dich dann manchmal viel älter und reifer als sie, durch deine vielen Erfahrungen?

Vettel: Nein, eigentlich nicht. Klar komme ich mehr herum als sie, aber sonst ist alles wie immer. Wir unterhalten uns wie alte Freunde.

Wie schaffst du es, eine gemeinsame Basis über doch recht lange Zeit aufrechtzuerhalten, obwohl ihr doch in sehr verschiedenen Welten lebt?

Vettel: Man darf nie den Boden unter den Füßen verlieren.

Hast du in den letzten Jahren überhaupt noch mal jemanden kennenlernen können, mit dem du völlig unbefangen eine neue Freundschaft schließen konntest? Vielleicht mit jemandem, der dich gar nicht kannte (eventuell im Ausland)? Gibt es das überhaupt noch, dass du Leute triffst und näher kennenlernst, denen du vorher kein Begriff warst?

Vettel: Das ist zugegebenermaßen schwierig. Aber das ist auch nicht schlimm, weil ich meine Freunde von früher ja alle noch habe.

Was bedeutet echte Freundschaft für dich überhaupt, was ist das Wichtigste dabei?

Vettel: Dass jeder dem anderen total vertraut und man dem anderen gegenüber ehrlich ist und füreinander da ist.

Du hast einmal gesagt, du könntest dir vorstellen, nach deiner Karriere noch einmal zu studieren. Wäre das Fach dann auch etwas Technisches – oder hast du inzwischen, durch deine vielen Erlebnisse, auch ganz andere Impulse bekommen?

Vettel: Ich glaube schon, dass ich im technischen Bereich bleiben würde. Früher hatte ich ja mal angestrebt, Richtung Maschinenbau zu gehen – bevor dann alles mit dem Rennsport so gut geklappt hat. Wenn ich mich heute entscheiden müsste, ginge es wohl wieder in diese Richtung …

3. Die Anfänge

Vom Kart bis in die Formel 3

Sebastian Vettels Interesse am Rennsport weckt sein Vater Norbert. Der fährt 13 Jahre lang aktiv Bergrennen mit einem Golf GTI, den er in einer kleinen Garage selbst vorbereitet. Und er ist natürlich Formel-1-Fan. So sitzt er zusammen mit dem Junior bei den TV-Übertragungen immer vor dem Fernseher – und nimmt ihn auch 1992 mit zum deutschen Grand Prix auf dem Hockenheimring, nur gut 30 Kilometer vom heimatlichen Heppenheim entfernt. Es ist ein Freitag, Trainingstag – und es regnet in Strömen. »Wir hatten Stehplatzkarten, standen im Matsch – und ab und zu kam einmal ein Auto vorbei und verschwand dann schnell wieder«, erinnert sich Sebastian. Trotzdem ist er fasziniert – weiß da schon ganz genau: Irgendwann einmal will er auch so ein Auto fahren …

Ein kleines Kart hat er da schon. Das schenkt ihm der Papa, als er drei Jahre alt ist. Im Sommerurlaub hat sich die ganze Familie mit solchen Gefährten die Zeit vertrieben und viel Spaß gehabt – und daraufhin will Sebastian so ein »Spielzeug« auch für zu Hause. Er bekommt es – allerdings eigentlich nicht für sich allein, sondern zusammen mit seinen etwas älteren Schwestern Stefanie und Melanie. »Ich wollte, dass die Kinder eine Beschäftigung haben, die sie von der Straße weg hält«, sagt Norbert Vettel heute. »Es war nichts wirklich Besonderes, ein recht einfaches Kart, mit 60-Kubikzentimeter-Motor …« Vielleicht zwei PS habe es gehabt, lacht Sebastian später einmal, als er schon Weltmeister ist …

Im Hof der Vettels wird mit alten Autoreifen eine kleine Rennstrecke aufgebaut, auf der Vettel Junior von nun an mit Begeisterung seine Runden dreht. Damit es schwieriger wird, »bewässert« der Vater immer wieder mal die ein oder andere Kurve. Für Sebastian kein Problem, er lernt sehr schnell, wie man im Drift optimal auch um die nassen Ecken kommt. Nur das mit der Beschäftigung für die ganze Familie funktioniert nicht so, wie sich der Papa das vorgestellt hatte. Denn Sebastian beansprucht das Kart mehr und mehr für sich alleine, will seine Schwestern nicht mehr fahren lassen. Dabei hat vor allem Stefanie auch viel Spaß an der Sache und durchaus auch Talent. Aber irgendwann gibt sie das Streiten mit dem kleinen Bruder um die »Kartzeit« auf und hört auf: »Er hat mich nicht fahren lassen, weil er immer selber wollte, und irgendwann hat es dann für mich keinen Sinn mehr gemacht.«

Rennen fahren darf er da noch nicht, dafür ist er noch zu jung, erst 1995 probiert er es zum ersten Mal. Auf der Kartbahn in Walldorf, nicht weit weg von Heppenheim. Er ist mit Abstand der Jüngste im Feld, wird aber gleich Dritter. Schnell werden die Ausflüge zu den Rennen regelmäßige Wochenendbeschäftigung, die Anfahrtswege weiter. Das »Unternehmen Vettel« ist ein Familienbetrieb. Man ist gemeinsam mit einem Wohnwagen unterwegs, der Vater kümmert sich ums Kart – mit seinem handwerklichen Geschick ist er ein ganz wichtiger Baustein des Teams: »Ich habe mir alles Wissen irgendwo beschafft, konnte gut beobachten, logisch denken – und ich habe auch keine zwei linken Hände.« Mutter Heike ist für die Verpflegung zuständig – und Schwester Stefanie entwickelt sich zur absoluten Zeitnahme-Spezialistin. Mit einer ganz normalen Stoppuhr schafft sie es, die Rundenzeiten von sechs Fahrern gleichzeitig festzuhalten.

Eine Fahrt führt auch nach Kerpen-Manheim, auf die Kartbahn der Familie Schumacher. Norbert Vettel hat in der Zeitung von einem wichtigen Rennen dort gelesen, dem »NRW-Cup«. Aber damit, dass dort dann in der »Bambini B«-Klasse, in der Sebastian antritt, an die hundert andere Kinder am Start sein werden, dass sie durch eine Qualifikation müssen, um unter die 34 Teilnehmer am Finale zu kommen, damit hat er nicht gerechnet. Warum so viele da sind, ist aber auch klar: Michael Schumacher, schon Weltmeister und großes Vorbild für all die Kart-Kids, ist da – und alle wollen ihn einmal treffen.

Sebastian, wieder einmal der Kleinste im Feld, schafft die Qualifikation natürlich. Kurz vor dem Finale beginnt es zu regnen, fast alle wechseln sofort auf Regenreifen. Sebastian Vettel will das anders machen – aber er holt sich Expertenrat. Er geht zu Michael Schumacher und fragt den, ob man denn bei diesen Bedingungen auch mit den profillosen Trockenreifen, den Slicks, fahren könne. »Ja, schon, aber einfach wird das nicht«, sagt ihm der Meister. Sebastian versucht es – und es klappt. Die Belohnung: Platz zwei – und bei der Siegerehrung ein Pokal, den ihm Schumi persönlich überreicht.

Die Erfolge kommen schnell: Im Laufe der nächsten Jahre gewinnt er verschiedene Landesmeistertitel, schafft den Aufstieg in die Kategorien der Älteren mühelos. 2001 ist ein besonderes Jahr: Im Kart gewinnt er den vom DMSB, dem Deutschen Motorsport Bund, ausgeschriebenen Deutschen Junioren Pokal, wieder einmal den NRW-Cup und auch den Titel des Kart-Junioren-Europameisters.

Aber er sitzt auch zum ersten Mal in einem echten Rennauto – in Österreich. Er ist noch 13, darf das also eigentlich nicht wirklich, 14 ist die Altersgrenze. Aber sein Vater und der österreichische Motorrad-GP-Pilot Gustl Auinger, dem der 120 PS starke Formel König gehört, trauen es ihm zu. Und viel fehlt zu der 14 ja auch nicht mehr: nur drei Wochen. 2014, als die Formel 1 an den Ort dieses historischen Ereignisses zurückkehrt – auch wenn der damalige A1-Ring jetzt Red-Bull-Ring heißt –, erinnert sich Sebastian Vettel genau, wie es damals war: »Das erste Mal vergesse ich nie. Es war ein riesiger Schritt für einen Jugendlichen, vor allem dann, wenn er bis dahin nur Kart gefahren ist. Ich musste mich erst mal an alles gewöhnen: so eng angeschnallt zu sein und dass dieses Gefährt gleich um so viel größer war. Am Anfang war ich echt langsam, aber die Auingers hatten viel Geduld mit mir. Es hat mir viel geholfen, dass ich den vollen Tag Zeit zum Ausprobieren hatte.«

So langsam kann er eigentlich nicht gewesen sein – denn am gleichen Tag testet dort auch ein gewisser Nico Rosberg einen noch etwas größeren und leistungsstärkeren Formel BMW. Und kommt mit dem Auto nicht so richtig zurecht. Sein Ingenieur steht an der Strecke, beobachtet Vettel, der, wie Rosberg sich zu erinnern glaubt, »eine Superzeit nach der anderen hinlegt«. Jedenfalls bekommt er von seinem Ingenieur zu hören, er müsse sich mal anschauen, wie dieser Vettel das mache, was für Linien der fahre, wie er bestimmte Kurven angehe …

Erst einmal bleibt der Ausflug ins Auto freilich genau das – ein Abstecher. Noch muss sich Sebastian auf seine Kart-Karriere konzentrieren. Auch das ist nicht so einfach, denn je weiter er kommt, desto teurer wird der ganze Spaß. Und so reich, dass sie das alles locker finanzieren könnten, sind die Vettels auch nicht. Kam man ganz am Anfang noch mit weniger als damals 10 000 D-Mark pro Saison aus, braucht man im Laufe der Zeit auch in der Kartszene in den höheren Klassen schon ein Mehrfaches davon. Ohne Förderer und Sponsoren geht es nicht – auch wenn Vater Vettel inzwischen seinen Bergrenner verkauft hat, um das Geld in Sebastians Karriere zu stecken. »Wir haben zehn Jahre lang für Sebs Karriere gelebt, auf den Urlaub verzichtet« – und es geht sogar noch weiter: »Ich habe einst im VW-Bus einen Extratank eingebaut, damit wir von Deutschland nach Italien ohne Benzinstopp in der teuren Schweiz durchfahren konnten.« Auch wenn der kleine Sebastian, seinen Gegnern oft körperlich unterlegen, in dieser Zeit schon manchmal von Zweifeln geplagt war: »Oft sagte Seb, dass er gegen die viel größeren Gegner keine Chance habe«, erinnert sich der Vater: »Da sagte ich: Dann bremse eben später.«

Die Geldsuche ist schon ganz am Anfang ein Thema: Als Sebastian neun Jahre alt ist, fährt er mit seinem Vater zur Essener Motorshow: »Der Kleine ist von Stand zu Stand gelaufen und hat alle gefragt, ob sie ihn unterstützen könnten. Die meisten wissen das heute wahrscheinlich gar nicht mehr. Irgendwann kam er dann zurück und meinte: ›Papa, die haben ihr Budget alle schon verplant.‹ Später haben wir dann aber doch den ersten Sponsor gefunden, einen Hersteller von Alu-Felgen. 10 000 Mark haben wir damals bekommen. Davon haben wir uns einen Anhänger für das Kart gekauft. Mann, was waren wir stolz. Eine schöne Zeit war das damals«, schwelgt der Papa in Nostalgie – an dem Wochenende, als sein Filius in Suzuka zum zweiten Mal Weltmeister wird.

Obwohl es damals, in der Vergangenheit, garantiert auch sehr viel Stress bedeutet. Aber zum Glück gibt es da ja einen Mann im Hintergrund, der das Talent des Kleinen früh erkannt hat und hilft. Es ist Gerd Noack, der auch schon in der Anfangsphase der Karriere von Michael Schumacher eine entscheidende Rolle gespielt hat und bei dem inzwischen viele Fäden der Kartszene zusammenlaufen. Zum ersten Mal sieht er Sebastian bei dessen Auftritt in Kerpen 1995 – ab 1997 unterstützt er ihn und seine Familie. »Er hat mich da zwar schon sofort beeindruckt, aber ich habe ihn trotzdem erst einmal noch eine Weile beobachtet.« Dann ist er sich sicher: Dieser Junge hat das Zeug dazu, ein ganz Großer zu werden. Bei seiner Einschätzung verlässt er sich dabei auf sein Bauchgefühl, lässt sich weniger von bestimmten einzelnen Siegen oder besonderen Manövern beeindrucken. Er habe viele Talente kommen und gehen sehen, sagt er später einmal, aber in Sebastian Vettel habe er eben einen neuen Michael Schumacher gesehen, »und ich wollte den Traum noch einmal erleben«.

Er spricht mit den Eltern – und schaut sich dabei auch das familiäre Umfeld ganz genau an. Was er sieht, Vater Norbert mit seinem kleinen Zimmermannsbetrieb, der große Zusammenhalt innerhalb der ganzen Familie, das gefällt ihm gut. Er fängt an, Sponsoren zu suchen, nutzt seine Kontakte. Sebastian fährt ja auch für das KSN-Team von Peter Kaiser, einem guten Freund von Michael Schumacher – es sind bewährte Strukturen, um ein junges Talent nach oben zu bringen. Vettel nützt seine Chancen optimal, zahlt seinen Unterstützern ihr Engagement mit Erfolgen zurück – für Noack die »schönste Belohnung überhaupt!«.

Ende 2001 wird Sebastian vom DMSB als »Junior-Motorsportler des Jahres« ausgezeichnet – Sportpräsident Ulrich Canisius sagt ihm dabei eine große Zukunft voraus. Der Gewinn des Kart-EM-Titels bringt den Vettels noch ein besonderes Erlebnis, das Vater Vettel nie vergessen wird. »Danach wurden wir nach Monaco ins Hotel Mirage – oder wie das hieß – eingeladen. 500 Euro hat da ein Hotelzimmer gekostet, das hätten wir uns vorher niemals träumen lassen. Sebastian meinte damals zu mir: ›Papa, da haben wir doch schon was hingebracht‹ – da erinnere ich mich heute noch dran.«

2002 wird ein Übergangsjahr. Einerseits startet Vettel noch in der Deutschen Kart-Meisterschaft und auch bei den Europameisterschaften, andererseits schaut er schon sehr stark auf die Formel BMW. Dort will er hin, das ist sein nächstes Ziel – er bewirbt sich für das Auswahlverfahren, verpasst dadurch auch gegen Saisonende einige wichtige Kartrennen, wodurch die Saisonbilanz rein statistisch nicht so toll aussieht wie in der Vergangenheit.

Doch das ist ziemlich egal – wichtiger ist das Unternehmen Formel BMW. Ende September 2002 treten 23 Bewerber bei einem Sichtungslehrgang im spanischen Valencia an, um einen der acht Plätze als Förderkandidaten in der Formel BMW ADAC Meisterschaft 2003 zu ergattern. Eine Riesenchance, denn das BMW-Nachwuchsförderungsprogramm deckt damals alles ab, was junge Piloten brauchen – weit über das reine Fahren und auch die finanzielle Förderung hinaus. »Technik, Marketing, Medienarbeit, Englisch, Fitness, das alles gehört dazu«, sagt BMW-Motorsportchef Dr. Mario Theissen.

Sebastian Vettel schafft es, sich durchzusetzen, einen der acht begehrten Plätze zu ergattern. Aber ein großes Fragezeichen gibt es trotzdem noch: das Geld. Denn BMW bezahlt bei Weitem nicht alles – und so eine Saison kostet gut 150 000 Euro. Da reichen die bisherigen Sponsoren nicht mehr aus, auch nicht die kleineren Beträge, die Red Bull Deutschland bis dahin zahlt. Wieder hilft Gerd Noack weiter, fädelt dort einen größeren Fördervertrag ein. »Sonst hätten wir uns die Formel BMW nicht leisten können und meine Karriere wäre zu Ende gewesen«, weiß Sebastian ganz genau.

So kann er im April 2003 in Hockenheim zu seinem ersten Autorennen antreten. Die Formel BMW fährt damals im Rahmenprogramm der sehr populären DTM und Sebastian Vettel startet für das Eifellandteam von Albert Hamper, das schon vielen deutschen Formel-1-Stars eine Startrampe in die große Karriere bot, von Michael und Ralf Schumacher über Heinz-Harald Frentzen bis Nick Heidfeld. Die Stimmung dort ist von Anfang an gut, Sebastian fühlt sich in der familiären Atmosphäre, in der aber trotzdem sehr professionell gearbeitet wird, sehr wohl. »Das Team hatte immer gute Laune, wir hatten immer etwas zu lachen, es war eine richtig schöne Zeit dort«, erinnert er sich.

Im ersten Rennen am Samstag hat er wenig zu lachen, auch wenn er sofort zeigt, wie gut er mit dem 455 Kilo schweren, 140 PS starken Auto zurechtkommt. Aber ein Getriebedefekt wirft ihn, auf Platz zwei liegend, aus dem Rennen. Am Sonntag läuft es besser: Er liefert sich mit dem schon erfahreneren Unterfranken Maximilian Götz einen spannenden Kampf um die Spitze. »Ich wollte keinen Abflug riskieren, deshalb gab ich mich am Ende mit Platz zwei zufrieden«, sagt er nachher – und das Siegertreppchen gefällt ihm so gut, dass er in den nächsten Rennen unbedingt wieder dort stehen möchte. »Aber am liebsten ganz oben.«

Lange warten muss er nicht. Zwei Wochen später, auf dem neu gebauten Adria International Raceway, siegt der erst 15 Jahre alte Rookie in beiden Rennläufen. »Das war ein perfektes Wochenende für mich«, sagt Vettel überglücklich. Nach der Zieldurchfahrt am Sonntag lässt er seinen Gefühlen freien Lauf, immer wieder reißt er die Arme hoch und jubelt – Teamchef Hamper hat schon vor dem zweiten Rennen eine Flasche Champagner kalt gestellt. Und Sebastian schaut hoffnungsvoll in die Zukunft. »Von mir aus kann es so weitergehen«, sagt er keck.

Das tut es zwar nicht ganz – aber im Spitzenfeld hält er sich auch bei den nächsten Rennen fast immer auf. Und dann, Mitte der Saison, kommt der nächste Sieg – auf dem traditionsreichen Norisring in Nürnberg. Und auf das nächste Rennen freut er sich besonders: Der Start im Rahmenprogramm des Großen Formel-1-Preises von Europa am Nürburgring, vor kompletter Formel-1-Kulisse, stellt für die Youngster schließlich die größte Herausforderung der Saison dar. »Ich freue mich auf die riesige Zuschauerkulisse«, sagt er – und sichert sich dann auch prompt für beide Rennen die Pole-Position. In den Rennen läuft es dann nicht ganz so gut – im ersten bringt ihn ein Frühstart mit folgender Boxendurchfahrtsstrafe um alle Chancen, im zweiten reicht es immerhin für Platz zwei, aber Maxi Götz gewinnt wieder und baut seine Tabellenführung etwas aus.

Dass die Meisterschaftsentscheidung zwischen diesen beiden fallen wird, ist bald klar – es ist ein Auf und Ab –, aber am Ende hat der routiniertere Maximilian Götz doch die Nase vorne, Sebastian muss sich mit dem Vizemeistertitel begnügen, ist aber nicht unzufrieden: »Insgesamt war es für mich als Neuling doch eine gute Saison.« Außerdem gewinnt er die Rookie-Wertung souverän. Das bedeutet unter anderem 50 000 Euro Fördergeld von BMW – eine gewisse Beruhigung für die Zukunft.

Auf eines legt die Familie Vettel in dieser ganzen Zeit großen Wert – die Schule wird zugunsten des Rennsports nicht vernachlässigt. Nur ab und zu versucht man, vor allem zu Kartzeiten, beim Gymnasium Starkenburg in Heppenheim eine Befreiung zu erwirken. »Wenn wir erst am späten Freitag anreisten, weil Seb noch in der Schule war, fragten mich einige Väter: Will dein Sohn eigentlich Professor oder Rennfahrer werden? Heute kennen die Neider alle die Antwort!«, sagt Norbert Vettel. »Sebastian war ein ganz normaler Schüler, aber er hat schnell gelernt, musste nicht allzu lange über den Büchern sitzen. Und zum Glück gab es zu der Zeit bei uns schon keinen Samstagsunterricht mehr.« Jetzt, in der Formel BMW, hat man sich mit der Schule abgesprochen. Der Direktor stellt klar: »Okay, er kann ab und zu mal fehlen – aber das, was er dabei versäumt, muss er dann halt nachlernen.« Das System funktioniert, auch deshalb, weil die Vettels die eingeräumten Freiheiten nicht über Gebühr ausnutzen.

Im Winter 2003/2004 ändert sich manches: Vettel wechselt das Team, startet jetzt für die Berliner Mücke-Mannschaft. Die finanziellen Sorgen sind Vergangenheit: Denn sein Talent hat Red Bull jetzt auch über den deutschen Ableger hinaus überzeugt: Ab der Saison 2004 ist er endgültig Mitglied des großen, offiziellen Red-Bull-Nachwuchsförderungskaders. Dr. Helmut Marko hat ihn unter seine Fittiche genommen, der österreichische »Brause-Hersteller«, wie es so gern ein bisschen despektierlich heißt, bezahlt jetzt alles.

Der Wechsel zu Mücke hat auch noch einen anderen Hintergrund als die Hoffnung auf noch größere Erfolge in der Formel BMW im Jahr 2004: Mücke ist auch recht erfolgreich in der nächsthöheren Kategorie unterwegs, in die Sebastians Weg bald einmal führen soll, in der Formel 3. Ein Aufstieg ohne Teamwechsel, in schon gewohnter Umgebung, würde sich dann anbieten.

Aber erst einmal meistert er die Aufgabe Formel BMW mit Bravour – so gut wie kein anderer Fahrer in der Geschichte der Serie. Am Ende stehen 18 Siege in 20 Läufen auf seinem Konto, schon nach dem 17. Saisonrennen steht er als Meister fest.

Was ihm dabei hilft: die Professionalität, mit der er von Anfang an an den Rennsport herangeht. Schon 2003 legt er – als 16-Jähriger – an jedem Rennwochenende genaue Aufzeichnungen an: Fahrzeugabstimmung, Reifentemperaturen, Reifendruck, Wetter – alles wird genauestens notiert. Daten, auf die er jetzt zurückgreifen kann … Trotzdem ist er nicht nur der kühle Rennprofi, sondern auch weiterhin ein ganz normaler Teenager, immer wieder für einen Spaß zu haben: Am Nürburgring zum Beispiel steigt er mit schwarzer Afro-Perücke und dunkler Sonnenbrille aufs Siegerpodest …

Der nächste Schritt erfolgt dann wie geplant: 2005 bleibt Vettel bei Mücke Motorsport und wechselt in die Formel-3-Euroserie, sein Teamkollege wird der Brasilianer Átila Abreu, im Jahr zuvor hinter ihm Vizemeister in der Formel BMW. Dass mit diesen jungen Piloten der Angriff auf den Meistertitel wohl auf Anhieb kaum möglich sein würde, ist Teamchef Peter Mücke klar, die Konkurrenz in der Formel 3 ist extrem stark und hart, vor allem das französische ASM-Team mit einem gewissen Lewis Hamilton und Adrian Sutil hat nicht nur sehr starke Fahrer, sondern ist der Konkurrenz auch technisch meistens ein bisschen voraus. »Aber der ein oder andere Podestplatz sollte möglich sein«, hofft Mücke. Nicht umsonst – sechs davon schafft Sebastian, den ersten davon, als er ausgerechnet beim prestigeträchtigen Norisring-Rennen auf Platz zwei fährt. Seinen Teamkollegen stellt er im Laufe der Saison immer klarer in den Schatten, die Rookie-Wertung für den besten Neuling in der Formel 3 gewinnt er souverän, auch wenn es mit einem Sieg in der ersten Saison noch nicht ganz klappt. In der Gesamtwertung bedeutet das Platz fünf – den Titel holt sich Lewis Hamilton …

Beim letzten Saisonrennen sickert aber auch schon durch: Genau dessen Platz wird Vettel in der kommenden Saison einnehmen, dann in der F-3-Euroserie für ASM an den Start gehen. Wobei er auf seine Premiere bei den Franzosen gar nicht so lange warten muss: Beim Formel-3-Klassiker in Macao, einem Rennen, bei dem auch schon Superstars wie Ayrton Senna, Michael Schumacher und Mika Häkkinen brillierten, tritt er im November 2005 erstmals für sein neues Team an – und wird auf Anhieb Dritter, hinter Lucas di Grassi und Robert Kubica, denen er später in der Formel 1 auch wieder begegnen wird …

Ein besonderes Geschenk darf sich Sebastian aber zwischendurch 2005 auch noch abholen: Als Belohnung für den souveränen Formel-BMW-Titel im Vorjahr gibt es von BMW-Sportchef Dr. Mario Theissen den ersten Formel-1-Test – in Jerez im 800 PS starken BMW-Williams FW27! »Sebastian Vettel hat mit seinem überlegenen Gewinn der Formel BMW bei der ADAC-Meisterschaft im vergangenen Jahr sein großes Talent unterstrichen. Er fährt in diesem Jahr in der Formel-3-Euroserie und hat auch hier sein Potenzial unter Beweis gestellt. Jetzt geben wir ihm in Jerez Gelegenheit, zum ersten Mal Formel-1-Luft zu schnuppern«, kündigt Theissen das Ereignis an.

Sebastian kann es kaum erwarten: »Als ich erfahren habe, dass ich den Formel-1-Test bekomme, ist mir echt die Luft weggeblieben. Seitdem trainiere ich andauernd meine Nackenmuskulatur, damit ich die enormen Kräfte aushalte. Ich bin besonders auf die Leistung des BMW V10-Motors gespannt. So viel Power kann ich mir noch gar nicht vorstellen. Mich überkommt jedes Mal Gänsehaut, wenn ich daran denke, dass ich kommende Woche tatsächlich den FW27 fahren darf!«

Am 28. September ist es in Südspanien, in Jerez, so weit. Sebastian schlägt sich gut und ist hinterher begeistert: »Das war eine unglaubliche Erfahrung. Diese Verzögerung der Karbonbremsen, diese unglaubliche Kurvengeschwindigkeit durch den Abtrieb, die Motorpower – das kann man alles gar nicht beschreiben. Danke noch mal an BMW und an Williams, das Team hat sich ganz toll um mich gekümmert und ich habe auch viel gelernt.«

Und noch eines kann er im Jahr 2005, mit 18, endlich erledigen: den Führerschein zu machen. Dass er in der Fahrschule, zumindest was die Praxis angeht, so gut wie nichts lernen muss, ist auch klar. »Im Gegenteil, er hat mir manchmal gezeigt, wie man bestimmte Kurven auf den Bergstraßen von der Umgebung von Hockenheim optimal nimmt«, erinnert sich sein Fahrlehrer Harald Meyer, als sein Schützling schon Formel-1-Rennen gewonnen hat.

2006, bei ASM, ist die Zielsetzung jetzt eine andere. Vettel ist kein Neuling mehr, er fährt im besten Team der Serie – das heißt, jetzt soll natürlich der Titel her. Was er gleich einmal beim Saisonauftakt in Hockenheim schafft, ist endlich der erste Formel-3-Sieg, vier Tage nach seiner letzten schriftlichen Abiturprüfung. Im ersten Lauf wird er noch Fünfter, das bedeutet nach einer in diesem Jahr in der Formel-3-Euroserie neu eingeführten Regel Startplatz vier für das zweite Rennen am Sonntag. Denn die ersten acht des Samstagsrennens starten nach dem neuen Reglement jetzt im zweiten Lauf in umgekehrter Reihenfolge.

Vettel geht bereits in der ersten Runde in Führung, doch nur einen Umlauf später verbremst er sich in der Spitzkehre und sein Teamkollege Paul di Resta geht vorbei. Doch zwei Runden später leistet sich der Schotte einen noch gröberen Fehler, dreht sich ohne Fremdeinwirkung in die Leitplanken. Damit ist der Weg frei für Sebastian, der sich riesig freut: »Mein erster Sieg in der Formel-3-Euroserie ist ein tolles Gefühl. Die Strecke war sehr kühl, sodass es extrem schwierig war, die Reifen auf die nötige Betriebstemperatur zu bringen. Deshalb passierte mir auch ganz am Anfang der wohl heftigste Verbremser meiner bisherigen Karriere. Durch Paul di Restas Ausfall konnte ich wenig später die Führung wieder übernehmen. Ich musste hart kämpfen, um sie bis ins Ziel zu verteidigen.«

Auch aus der Schule kommen gute Nachrichten – das Abitur hat er mit dem Notendurchschnitt von 2,8 bestanden. Wobei es daran eigentlich nie Zweifel gab – besonders auf seine Lieblingsfächer kann er ja immer bauen: »Mathematik, Physik habe ich immer gemocht. Alles, was man sich logisch erklären kann. Sport natürlich auch …«

Der Kampf in der Formel-3-Meisterschaft spitzt sich im Laufe der Saison immer mehr auf ein Duell zwischen ihm und seinem Teamkollegen Paul di Resta zu. Aber zwischendurch macht Vettel auch einen Abstecher in eine andere Rennserie mit noch schnelleren, leistungsstärkeren Autos. Für das britische Carlin-Team bestreitet er im Juli im italienischen Misano zwei Läufe in der Renault Formula 3,5 World Series – und gewinnt auch gleich zweimal, setzt sich auf Anhieb auf Platz sechs in der Meisterschaftswertung, obwohl er ja zuvor seit Saisonbeginn noch nie gefahren war.

Kurz darauf soll es in Spa so weitergehen. Dort regnet es schon fast traditionsgemäß. Die Eau Rouge, die Mutkurve aller Rennfahrer, ist rutschig. Vettel, der in diesem Jahr neben der Formel 3 auch zwei Rennen der Renault-World-Serie fährt, hält drauf, fliegt mit seinem Renault ab, knallt rückwärts in die Leitplanken. Ein Splitterteil schneidet ihm fast die ganze Fingerkuppe ab – der Knochen ist komplett durch. Im Krankenhaus in Malmedy wird der auch noch gebrochene Finger zusammengeflickt. Richtig zusammengewachsen ist er nie. »Ich hatte plötzlich starkes Übersteuern, bin ausgangs der Eau Rouge ins Rutschen gekommen und habe dann wohl etwas zu stark korrigiert«, glaubt Sebastian. »Dadurch bin ich dann auf den Kunstrasen neben der Streckenbegrenzung gekommen, habe da natürlich erst recht die Kontrolle verloren und bin rückwärts eingeschlagen.«

Viele vermuten eine längere Pause für Sebastian, aber der sitzt entgegen aller Prognosen schon eine Woche später in Zandvoort beim Formel 3 Marlboro Masters, einem Saisonhöhepunkt, wieder im Auto, stellt das Auto trotz Schmerzen auf den fünften Startplatz und hält auch im Rennen durch – als Sechster, zwei Wochen später am Nürburgring, wieder zurück in der normalen Formel-3-Euroserie, gewinnt er sogar zweimal, hat nur noch sechs Punkte Rückstand auf di Resta. Aber eine Spätfolge, für alle sichtbar, hat der Unfall: Seitdem ist der Vettel-Finger krumm. Jener zum Himmel gereckte rechte Zeigefinger, der in der Formel 1 nach jedem Sieg schnell sein Markenzeichen wird – so wie die berühmte »Becker-Faust« von Tennisidol Boris Becker …

Bald tanzt Sebastian Vettel auf sehr vielen Hochzeiten. Inzwischen ist er ja auch zum offiziellen Freitagsfahrer bei BMW in der Formel 1 aufgestiegen, muss deswegen auch mehrfach nach Übersee. Auch wenn er sagt, der Reisestress mache ihm nichts aus und der Formel-3-Titel bleibe weiterhin sein großes Ziel – ein bisschen scheint die Situation schon ihren Tribut zu fordern. Im letzten Meisterschaftsdrittel passiert in der Formel 3 der ein oder andere kleine Fehler, der nicht unbedingt Vettel-typisch ist. Und noch etwas kommt möglicherweise dazu: Im Vettel-Lager wundert man sich in dieser Zeit hin und wieder über ein bisschen fehlende Motorleistung, fehlenden Top-Speed auf der Geraden im Vergleich zu di Resta. Nun ja, AMS fährt mit Mercedes-Motoren, der Schotte ist auch ein echtes »Eigengewächs« der Marke mit dem Stern, während Vettel ja inzwischen eigentlich komplett mit BMW identifiziert wird … Ein Schelm, wer Böses dabei denkt …

So oder so, den Titelkampf verliert er. Ins letzte Wochenende der Saison in Hockenheim geht er mit 15 Punkten Rückstand auf di Resta – das ist schon nur noch eine theoretische Chance. Sein Ziel: »Ich will natürlich beide Rennen gewinnen, alles Weitere werden wir sehen.« Als er aber schon im ersten Lauf »nur« Dritter wird, ist die Meisterschaft zugunsten des Schotten entschieden – obwohl der als Zehnter keinen einzigen Punkt holt. So ganz zufrieden ist Sebastian nicht, das gibt er zu: »Der zweite Platz in der Gesamtwertung war nicht mein Ziel, deshalb bin ich etwas enttäuscht.« Und er sagt jetzt auch selbst, was viele denken: »Der Wechsel von der Formel 1 zurück in das Formel-3-Auto in den letzten Wochen war nicht immer leicht.«

4.2006–2007

BMW – die ersten Schritte in der Formel 1

25. August 2006, ein Freitag: Am Vormittag, kurz vor 12 Uhr, in den letzten Minuten des ersten freien Trainings in Istanbul, da sind sie zum ersten Mal gemeinsam auf der Strecke. Sebastian Vettel, mit gerade mal 19 Jahren der neueste und jüngste deutsche Vertreter in der Formel 1 – und Michael Schumacher, siebenmaliger Weltmeister, dessen Poster Vettel vor ein paar Jahren noch in seinem Zimmer hängen hatte. Auch wenn sie sich auf dem Kurs noch nicht direkt begegnen, es ist ein Moment, über den Vettel vor seinem Debüt als dritter Fahrer bei BMW-Sauber schon nachgedacht hatte. »Das wird schon ein komisches Gefühl sein, da ich noch nie gegen Michael gefahren bin. Vor zehn Jahren hat er noch die Zielflagge geschwenkt, als ich in Kerpen Kart gefahren bin, und jetzt fahre ich in einem Auto, das ähnlich schnell ist wie seines und kann mich direkt mit ihm messen – das wird sicher ein tolles Gefühl.«