Sieben Tage Sterben und ein ganzes Leben - Karin Hoisl-Schmidt - E-Book

Sieben Tage Sterben und ein ganzes Leben E-Book

Karin Hoisl-Schmidt

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Beschreibung

Sieben Tage am Sterbebett des Vaters, sieben Tage, die alles verändern. Karin Hoisl-Schmidt erzählt eindringlich und zugleich mit zartem Humor von der letzten gemeinsamen Zeit mit ihrem Vater. Es ist eine berührende Erzählung über Familie, persönliche Entwicklung, Abschied, Vergebung und die kostbare Erkenntnis, dass sich das Leben immer neu verstehen lässt, gerade angesichts seiner Endlichkeit. Ein Buch, das nicht nur berührt, sondern auch begleitet. Mit hilfreichen Hinweisen, ausgewählten Literaturempfehlungen und Links für alle, die sich dem Thema Sterben und Abschied bewusst nähern wollen.

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Seitenzahl: 263

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Buchbeschreibung

Sieben Tage am Sterbebett des Vaters – sieben Tage, die alles verändern.

Karin Hoisl-Schmidt erzählt eindringlich und zugleich mit zartem Humor von der letzten gemeinsamen Zeit mit ihrem Vater. Es ist eine berührende Erzählung über Familie, persönliche Entwicklung, Abschied, Vergebung und die kostbare Erkenntnis, dass sich das Leben immer neu verstehen lässt – gerade angesichts seiner Endlichkeit.

Über die Autorin

Karin Hoisl-Schmidt ist Psychologin, Liedermacherin und Autorin. Mit offenem Blick für die Menschlichkeit und die leisen Zwischentöne des Lebens verbindet sie psychologische Tiefe mit Musik und Sprache. Ihr Anliegen ist es, Menschen zu ermutigen, ihre Stärken zu entfalten und im Bewusstsein der Endlichkeit ein erfülltes Leben zu gestalten. Weitere Informationen: www.karinhoislschmidt.de

Inhaltsübersicht

Ich erinnere mich

Vorwort

Tag 0 - Freitag

Die Nachricht

In Krankenhaus und Pflegeheim

Ausblick

Wird alles gesagt sein

Das Schweigen nach dem Krieg

Das Überraschungskind

Von Neugier getrieben

Tag 1 - Samstag

Reisevorbereitung

Wie im Märchen

Fahrt ins Ungewisse

Düstere Prophezeiung

Ankunft im Elternhaus

Besuch eines Freundes

Unterschlupf

Tag 2 - Sonntag

Bassd scha

Gut, dass ich da bin

Alte Freunde

In Opas Stübchen

Der Anruf

Wechselbad der Gefühle

Wut im Bauch

Geschwisterbesprechung

Tag 3 - Montag

Dialoge

Klarheit zieht ein

Da klingt ein Lied in mir

Abschiedsparty am Sterbebett

Drei Aufträge

Xaverl fehlt

Soll ich, oder soll ich nicht

Tag 4 - Dienstag

Morgenglanz

Ich und die Kirche

Die letzte Hostie für Papa

Im gewohnten Takt

Das Leben ist schön

Das große Aufbäumen

Ich muss kurz mal weg

Tag 5 - Mittwoch

Frühstück im Garten

Stadtbummel auf bekannten Pfaden

Die Karin in der Bank

Im Schatten des Doms

Im Fluss der Zeit

Ist alles geregelt

Ein Raum tut sich auf

Tag 6 - Donnerstag

Der Weg wird steil

Die Frage meines Lebens

Unruhe bricht über uns herein

Die letzte Nacht

Tag 7 - Freitag

Der letzte Morgen

Besuch vom SAPV-Team

Ein Tropfen Honig für die letzte Reise

Das letzte Versprechen

Verspäteter Besuch

Die Sanduhr zerbricht

Es ist vollbracht

Überwältigt

Auf Papa

Segensfeier

Der Tag danach

Papa zieht aus

Alle an einem Tisch

Metamorphose

Zeit, nach Hause zu fahren

Zwischen Tod und Alltag

Die große Erschöpfung

Die Abschiedsfeierlichkeiten beginnen

Eine Beerdigung wie bestellt

Tiefblauer Himmel

Die Trauerfeier

In der Wirtschaft

Ein schöner Tag und ein trauriger Anlass

Zwischen Trauer und Dankbarkeit

Nachbilder

Das Versprechen

Das Mobile richtet sich neu aus

Leben, Tod und Sterben

Epilog

Links zu hilfreichen Portalen

Broschüren und Bücher

Worte des Dankes

Über die Autorin

Und noch eine Lücke - Nachruf

Ich erinnere mich ...

Ich erinnere mich an den Duft von Mamas Flanellnachthemd, wenn ich nachts zu ihr ins Bett schlüpfte.

Ich erinnere mich an das Knarren der schmalen Holztreppe, wenn ich in mein Zimmer schleichen wollte.

Ich erinnere mich an das Klappern von Opas Gebiss auf dem Fliesenboden, wenn er es beim Niesen verlor.

Ich erinnere mich an den Geschmack von Bienenwachs und Honig, wenn ich mit Papa zerbrochene Waben naschen durfte.

Ich erinnere mich an das angespannte Schweigen bei meinen Besuchen, wenn uns die Worte ausgingen, aber nie das Essen.

Ich erinnere mich an die Träne, die über Papas Wange lief, nachdem er seinen letzten Atemzug getan hatte.

Vorwort

Was hat nicht alles Platz in einem Leben.

Erlebnisse, Begegnungen, leuchtende Momente.

Die uns glitzernd im Gedächtnis hängen bleiben, wie schaukelnde Lampions an festlich geschmückten Bäumen.

Schatten, die uns zusammenzucken lassen.

Die uns ins Wanken bringen, frösteln lassen, bis ein wärmender Sonnenstrahl sie wieder vertreibt.

Erinnern, Erkennen, Vergeben, Abschied und Tod. Sieben Tage Sterben und ein ganzes Leben. Was für eine Erfahrung.

In diesem Buch habe ich Erinnerungen mit frei erfundenen Geschichten verwoben. Ich habe etliches weggelassen, aber nicht vergessen. Reale Personen wurden durch fiktive Charaktere ersetzt, um ihre Privatsphäre zu schützen. Ich habe eine authentische Erzählung niedergeschrieben, doch auf keinen Fall die ganze Wahrheit. Denn es gibt sie nicht, die eine Wahrheit. Jede und jeder von uns trägt seine eigene Geschichte in sich. Jede und jeder geht ihren oder seinen ureigenen Weg. Und in jeder dieser Geschichten, auf all den Wegen, spielt früher oder später der Tod eine Rolle.

Darum wollte dieses Buch geschrieben werden.

Am Ende wird alles gut!

Und wenn es noch nicht gut ist,ist es noch nicht das Ende.

Verfasser unbekannt

Tag 0 - Freitag

Die Nachricht

Wie in Zeitlupe sank meine Hand, die das Smartphone hielt, auf die Schreibtischplatte. In meinem Kopf hallten die Worte der Sprachnachricht nach. Mir war, als explodierte in meinem Kopf mit einem Knall ihre Bedeutung. Sie dröhnte in meinen Ohren und erschütterte mich durch Mark und Bein.

Papa hatte sich entschieden zu sterben. Es blieb nicht mehr viel Zeit.

Papa war krank, solange ich mich erinnern konnte. Auch Mama sorgte für so manchen alarmierenden Anruf. Aber mit einer erstaunlichen Zähigkeit hatten sich die beiden stets wieder zurückgekämpft. Mit Schreckensnachrichten umzugehen, wurde mir im Lauf der Jahre beinahe zur Routine. Dennoch war klar: Irgendwann würde der Tag X kommen. Der Tag, an dem es einem der beiden nicht mehr gelingen würde, dem Tod von der Schippe zu springen.

Der Gedanke daran ließ in manchen Stunden die unbequemen Fragen hervorkriechen. Die von der Sorte, die in den hintersten Gehirnwindungen schlummern. Im Alltag sind sie nicht zu hören. Da werden sie vom Rattern des Hamsterrads, in dem wir Tag für Tag unser Bestes geben, übertönt. Doch in den stillen Momenten, in denen das Wesentliche an die Oberfläche drängelt, steigen sie langsam in unserem Inneren empor. So unbequem zu denken. Verängstigend, schmerzhaft.

Wie wird es sein, wenn ein Elternteil stirbt? Wie werde ich die Situation erleben und bewältigen? Werde ich zusammen mit meinen Geschwistern am Sterbebett stehen können? Wird alles gesagt sein, was zu sagen war? Wird Zeit für einen guten Abschied bleiben, oder bricht der Tod wie ein unangekündigter Besucher mitten in der Nacht in unser Leben?

In den letzten Jahren waren es vor allem das geschwächte Herz und die kaum noch arbeitenden Nieren, die Papa zu schaffen machten. Durch das regelmäßige Prozedere der Dialyse1 konnte er überleben. Drei Jahre lang war er dreimal pro Woche zu Gast im Dialysezentrum. Morgens um sechs Uhr fuhr er mit dem Taxi die fünfundzwanzig Kilometer zur Einrichtung. Dort wurde über einen Zugang am Unterarm sein Blut in eine Maschine geleitet, die es von Abfallstoffen und überschüssigem Wasser befreite.

Eigentlich der Job der Niere. Vier Stunden später wurde er dann, geschwächt und matt, mit dem Taxi wieder nach Hause gebracht. Eine anstrengende Prozedur, die ihm aber drei Jahre Lebenszeit schenkte.

An jenem Tag hatte er sich laut meiner Schwester Claudia nun entschieden, ein letztes Mal ins Nierenzentrum zu fahren und dann die Dialyse zu beenden. Und mit ihr sein Leben.

Mein Blick wanderte ziellos durch mein Büro, bis er sich an einem Gegenstand im Bücherregal verfing. Ich stand auf und machte ein paar Schritte auf das Regal zu. Seit Jahren lag er da. Dieser Stein. Größer als meine Faust. Ich hob ihn auf. Kühl und schwer lag er in meiner Hand. Mit dem Zeigefinger fuhr ich über die geheimnisvolle Maserung. Die Linien und Erhebungen der Oberfläche erinnerten an Holz, seine Form an ein anatomisches Herz.

Ich erinnerte mich daran, wie er zu mir kam. Es war an einem Abend vor mehr als vierzig Jahren. Ich wartete ungeduldig darauf, dass mein Papa endlich von der Arbeit im Betonwerk heimkehrte. Dann würde sich die ganze Familie zum gemeinsamen Abendessen um den Esstisch versammeln.

Als er an diesem Abend in die Wohnküche trat und lächelnd in seine dunkelbraune Tasche griff, freute ich mich auf ein Papa-Brot. Denn manchmal kam es vor, dass er die Brotzeit, die er morgens eingepackt hatte, wieder mit nach Hause brachte. Das geschah meist dann, wenn ein Kollege Geburtstag hatte und etwas spendierte. Solche Tage waren Festtage für mich. Nichts schmeckte so köstlich wie dieses durchgezogene belegte Brot. Ein kräftig gewürztes Roggenbrot mit dunkel gebackener Kruste. Zwei dicke Scheiben, reichlich mit Butter bestrichen und mit Salami belegt. Papa-Brot. Ein Festmahl für mich.

Auch heute?

An jenem Tag sollte es noch besser kommen. Als er seine Hand wieder aus der Tasche zog, hielt er ein seltsames Ding in seiner Hand.

„Schau mal, was ich heut’ in einem Kieshaufen gefunden habe. So einen Stein habe ich noch nie gesehen. Ich schenk’ ihn dir.“

Erstaunt blickte ich auf den Gegenstand in seiner Hand.

„Pass auf, er ist schwer!“

Mit beiden Händen griff ich nach dem Stein. Papa hatte recht, er war schwer. Nein, so etwas hatte ich noch nie gesehen. Es war ein besonderer Stein. Und er hatte ihn mir geschenkt. Mir. Seiner jüngsten Tochter. Mir. Seinem fünften Kind.

„Danke“, flüsterte ich ehrfürchtig. Dann setzte ich mich auf die Couch und legte das Geschenk auf meinen Schoß. Staunend erkundete ich mit meinen Fingern die auffälligen Linien und Vertiefungen. Mochte es auch nur ein Stein sein – für mich war er kostbarer als jeder Juwel.

Jahre später schleppte ich ihn mit in den Erdkundeunterricht. Fragte in Mineraliengeschäften, welches Schmuckstück ich da bekommen hatte. Niemand konnte mir mit Gewissheit sagen, ob er aus versteinertem Holz bestand oder ein Stein war, der im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende durch die Strömung des Wassers diese einzigartige Oberfläche erhalten hatte. Er sollte sein Geheimnis für sich behalten.

Wie ich so mit dem Stein in meiner Hand dastand, musste ich an die Zeit denken, als ich erwachsen wurde und meine eigenen Wege ging. Da glich die Beziehung zwischen Papa und mir mehr und mehr diesem Stein. Die Oberfläche wirkte warm wie das Holz – und war darunter doch oft kühl wie der Stein.

Mein Vater war mir oft ein Rätsel und das, was in ihm vorging, war sein Geheimnis. Die Sehnsucht, diesem Mann näher zu kommen, ihm wirklich zu begegnen, sie wog oft so schwer wie dieser Stein. Ich legte ihn wieder zurück ins Regal.

Tausend Fragen ratterten durch meinen Kopf, während ich ziellos durch die Wohnung lief. Ich fragte mich, wie es ihm ging. Wie war er zu der Entscheidung gekommen, die Dialyse zu beenden? War er im Krankenhaus? Was sagte Mama dazu?

Mit zitternden Fingern nahm ich mein Smartphone zur Hand und tippte auf das Hörersymbol neben dem Namen meiner Schwester Claudia. Sie hatte mir die Nachricht geschickt und wusste bestimmt noch mehr.

Ich hörte das regelmäßige Tuten im Ohr. Einmal. Zweimal. Dreimal. Der Anrufbeantworter ging an. Verdammt. Sie war nicht erreichbar. Ob sie bei meinen Eltern war?

Was mach ich? Soll ich bei Mama anrufen? Und dann? Was soll ich denn sagen? Hallo Mama, ich habe gehört, Papa wird sterben?

Keine gute Idee.

Erschöpft setzte ich mich auf die Couch. Die Tränen bahnten sich ihren Weg und ich ließ sie laufen. Phanni, meine Retriever-Hündin, hob den Kopf. Sie stand von ihrem Kissen auf, trottete langsam zu mir und legte ihre Schnauze auf meinen Oberschenkel, während sie mit dem Schwanz wedelte. Ach, diese feine Seele – sie spürte meine Angst. Ich kraulte ihr weiches Fell im Nacken und knuddelte ihre samtigen Ohren. Fellnasen sind einfach die besten Therapeuten.

Es war schon seltsam. Noch ein paar Minuten zuvor war meine Welt eine andere gewesen. Alles hatte sich um einen verkorksten Projektantrag gedreht, um die Termine der nächsten Woche und die Frage, ob ich es vor dem Wochenende schaffen würde, den Posteingang abzuarbeiten. Mit einem Schlag war alles unbedeutend geworden. Schreibtisch, Termine, Arbeit.

Als die Tränen langsam wieder versiegt waren, atmete ich tief ein, und mit einem Seufzen ließ ich mich in die Kissen zurücksinken. Ich machte die Augen zu, tauchte in den Moment ein. In die Wahrheit, die nicht wegzudrücken war.

Papa wird sterben.

Das war alles, was mich jetzt beschäftigte. Und auch wenn ich noch keine Details kannte – ich musste etwas tun. Ich brauchte einen Plan.

In Krankenhaus und Pflegeheim

Vor mehr als dreißig Jahren war ich mit gerade mal zwanzig Jahren, zusammen mit meinem damaligen Mann und unserem einjährigen Sohn, berufsbedingt von Niederbayern in die Nähe von München gezogen.

Weg von der Familie und der vertrauten Umgebung. Ein Weg, den viele Menschen aus meiner Generation und den Generationen vor mir gegangen waren. Auch Menschen aus unserer Familie. Ein Cousin und eine Tante meiner Mutter waren in den Nachkriegsjahren nach München gezogen, um dort Arbeit zu finden.

Jetzt lebte ich also in Oberbayern. Eine Strecke von zweihundert Kilometern war nicht dazu geeignet, um mal eben auf einen Sprung bei den Eltern vorbeizuschauen. Familienfeste waren zu gesetzten Besuchsterminen geworden. An Weihnachten, Ostern und zu besonderen Geburtstagen reiste ich in die Heimat. Zusätzliche Sonderfahrten ergaben sich oft spontan. Etwa, wenn ein Elternteil ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Dann machte ich mich mit wehenden Fahnen auf den Weg ans Krankenbett. Mit klopfendem Herzen und der Angst im Nacken.

Die letzten Besuche in Niederbayern lagen erst wenige Wochen zurück. Bei einem Sturz hatte sich Papa einen doppelseitigen Beckenbruch zugezogen. Er war darin trainiert, Schmerzen auszuhalten und zu überspielen. Seit jeher hatte er still gelitten, sich möglichst nichts anmerken lassen. Schmerzen zu zeigen war für ihn gleichbedeutend mit Schwäche zeigen.

Drei Wochen lang hatte er sich mit einem zuerst unerkannten Bruch durch den Alltag gequält. Dann war er mit seiner Kraft am Ende gewesen.

Durch den mit Glas überdachten Zugang waren mein Mann Tom und ich an jenem Sonntag auf das Klinikum zugegangen. Es war einer der ersten warmen Tage im Mai. Die Bänke vor dem Gebäudekomplex waren alle mit Patienten in Bademänteln und Kompressionsstrümpfen besetzt. Infusionsständer leisteten Gesellschaft. Katheter und Drainagebeutel lugten unter Jogginganzügen hervor. Raucher, manche mit Sauerstoffgerät, waren ins Gespräch vertieft. Andere starrten still vor sich hin.

Durch die Drehtür betraten wir die Eingangshalle. Der typische Krankenhausgeruch weckte Erinnerungen an die vielen Besuche zuvor. Besucher und mobile Patienten bewegten sich hier zielstrebig durch den Raum. Ärzte und Pflegekräfte eilten in weißen Kitteln von A nach B. Sie alle mischten sich zu einem bunten Durcheinander.

Wir erkundigten uns an der Pforte nach Papas Zimmernummer. Über lange Gänge, Treppen und Aufzüge gelangten wir zur richtigen Station. Zimmer 26.

Wir waren da. Ich zögerte kurz, bevor ich an die Tür klopfte. Was würde uns wohl erwarten?

Wir hörten ein „Herein“ und betraten das Zweibettzimmer. Es war hell und überraschend geräumig. Das Bett an der Türseite stand leer. Papa hatte einen Sonnenplatz am Fenster bekommen. Blass und mit schmalem Gesicht hob er seinen Kopf und lächelte uns zu.

„Da seid ihr ja! Ich dachte schon, ihr kommt nicht mehr.“ Er begrüßte uns mit einer vertrauten Mischung aus Freude und Vorwurf. Ich hatte ihm am Telefon gesagt, dass wir nach einem Auftritt in der Nähe bei ihm vorbeikommen wollten. Ich könne aber nicht sagen, zu welcher Uhrzeit. Für ihn, der am Sonntag allein in diesem Zimmer lag, war vermutlich jeder Zeitpunkt zu spät.

„Hallo Papa, jetzt sind wir ja da. Na, wie geht’s dir denn?“

„Gut geht’s mir, es muss ja gehen.“

Wie oft hatte ich diesen Satz schon gehört. Wie oft war ich darüber gestolpert. Ich wollte keine Floskeln hören, ich wollte einfach wissen, wie es ihm wirklich ging.

Ich atmete tief durch und ließ meinen Blick über Papas Nachttisch wandern. Zwei Wecker standen da. Wie zu Hause. Auch bei seinen Krankenhausaufenthalten stand er in der Regel überpünktlich auf, um nach Möglichkeit fertig gekämmt und gewaschen zu sein, bevor die Pflegekräfte kamen. Hilfe anzunehmen, war ihm zutiefst zuwider. Wie vielen Menschen seiner Generation. Dieses Mal ging es nicht ohne.

Im zweiten Fach des Schränkchens lag griffbereit sein Geldbeutel. Wenn schon Hilfe, dann wenigstens gegen ein ordentliches Trinkgeld. Daneben der Kamm. Der musste immer in Reichweite sein. Ich kannte Papa nur mit perfekter Frisur. Zusammen mit dem bereitliegenden Stofftaschentuch war die Grundausstattung des stolzen Mannes komplett.

„So, Papa, und jetzt nochmal ernsthaft. Wie geht’s dir wirklich?“, bohrte ich hartnäckig nach.

Zögernd begann er, von seinen qualvollen Tagen zu erzählen. „Niemand hat mir geglaubt, was für Schmerzen ich habe. Ich hab’s nicht mehr ausgehalten. Da habe ich selber beschlossen, dass ich ins Krankenhaus gehe.“ Immer und immer wieder wiederholte er diesen letzten Satz. Kopfschüttelnd. Als würde er es nicht fassen können, sich freiwillig für einen Klinikaufenthalt entschieden zu haben. Als müsse er es sich selbst immer und immer wieder erklären. Er, der sich schon so oft auf eigene Verantwortung aus dem Krankenhaus entlassen hatte. Voller Ungeduld. Weil er wieder nach Hause wollte. Weil er wieder nach Hause musste. Zu Mama, zu seinem Garten und zu den Katzen und Hühnern.

Jetzt lag er seit einigen Tagen im Krankenbett und jede Bewegung schmerzte. Der Bruch müsse von selber heilen, denn eine OP sei aufgrund seiner massiven Herz- und Nierenschwäche nicht möglich, hatten ihm die Ärzte erklärt. Diese Option gefiel ihm nicht. Er wollte wieder nach Hause. Er war davon überzeugt, dass er kurz nach einer möglichen OP wieder schmerzfrei und aktiv sein könne. Man solle es doch einfach versuchen. Er habe verhandelt und gedrängelt. Die Ärzte hätten sich jedoch nicht von seinem Optimismus anstecken lassen und ihn vor die Wahl gestellt: Entweder würde er seinen Bruch in einem Pflegeheim auskurieren oder zu Hause.

Und so trieb ihn an diesem Nachmittag die Entscheidung um: Konnte er seiner Frau die Pflege zu Hause zumuten? Sie war selber wackelig auf den Beinen. Oder sollte er lieber für ein paar Wochen in ein Pflegeheim gehen? Würde er dann am Ende für immer im Heim bleiben müssen?

Hilflos saß ich auf dem Stuhl neben seinem Bett. Ich konnte nur zuhören. Einen Rat vermochte ich ihm nicht zu geben. Er musste die Entscheidung zusammen mit den Menschen treffen, die seinen Alltag mit ihm teilten und kurzfristig für ihn da sein konnten.

Ich war das aufgrund der Entfernung nicht.

„Das wird schon wieder, das muss wieder werden.“ Mit gewohnter Überzeugung und eiserner Zuversicht verabschiedete sich Papa später von uns.

Meine Zuversicht stieg an diesem Nachmittag blass und zittrig mit mir ins Auto.

Drei Wochen danach, der Besuch im Pflegeheim.

Als ich zusammen mit Tom und meinen Söhnen auf das Gebäude zuging, staunte ich über den renovierten Gebäudekomplex. Der üppig blühende Garten erinnerte mit seinen Beeten und dem gepflegten Rasen an einen Park. Seit der Zeit, in der ich hier vor vielen Jahren mein Praktikum absolviert hatte, schien sich viel verändert zu haben.

Neben meiner Ausbildung in der Sparkasse hatte ich damals an einer Schulung zur Schwesternhelferin beim BRK teilgenommen. An mehreren Wochenenden lernten wir in der Basisschulung die Grundlagen der Pflege kennen. In Theorie und Praxis. Wir übten eifrig das Anlegen von Verbänden, wir schnitten Pflaster zu und lernten die richtige Lagerung von Patienten. In diesem Pflegeheim hatte ich dann anschließend die Möglichkeit, in den Pflegealltag hineinzuschnuppern. Ich erinnerte mich an die Ordensschwestern, die das Haus damals geführt hatten, an den festen Händedruck und das herzliche Lachen der Oberin, die mich in meine Arbeit eingewiesen hatte. Der Gedanke, ein Elternteil könnte hier eines Tages in einem Pflegebett liegen – er lag zu jener Zeit für mich hinter dem Horizont des Vorstellbaren.

Aber heute war es so weit. Erst einen Tag zuvor war Papa aus dem Krankenhaus hierher zur Kurzzeitpflege verlegt worden. Eine Pflegekraft, die unsere suchenden Blicke aufgegriffen hatte und uns mit einem Lächeln begrüßte, beschrieb uns den Weg zum richtigen Zimmer. Über das Treppenhaus, das noch so war, wie ich es in Erinnerung hatte, gingen wir in den ersten Stock und öffneten die Tür zum Wohnbereich. Der Geruch von Franzbranntwein und Desinfektionsmitteln schlug uns entgegen. Die letzte Tür links sollte es sein.

Ich zögerte, als wir vor dem Zimmer standen. Auf dem Schild an der Tür stand ein fremder Name. Franz Wagner. Ob wir hier richtig waren? Mit fragendem Blick schauten wir uns um. Die Dame, die uns den Weg gewiesen hatte, huschte am anderen Ende des Ganges gerade durch eine Tür und nickte uns bestätigend zu. „Ja genau. Das ist das richtige Zimmer“, rief sie über den Gang in unsere Richtung. Vermutlich war der Bewohner erst kürzlich verstorben und nur noch das Schild erinnerte daran, dass er hier seine letzte Lebenszeit verbracht hatte, schlussfolgerte ich. Am Ende bleibt nur ein Name.

Ich streifte den Gedanken an den Unbekannten ab und klopfte beherzt an die Tür. „Herein“, hörten wir eine vertraute Stimme sagen und wir traten ein. Ich erschrak. Papa war in den letzten Wochen wieder schmäler geworden. Er wirkte zerbrechlich und ein wenig verloren in diesem Zimmer, wie er da auf seinem Bett lag. Mit einer Jeans und einem violetten Hemd schick gekleidet, ordentlich gekämmt und bereit für Besuch.

Mit leiser Stimme, die so zittrig war, als hielte der Schmerz seine Stimmbänder umklammert, begrüßte er uns: „Wie schön, dass ihr da seid. Ich freu mich. Ihr seid der erste Besuch hier. Und meine Enkelsöhne sind auch dabei!“ Seine Augen strahlten und ein Leuchten zog über sein Gesicht. Er liebte seine Enkelsöhne, die inzwischen erwachsene Männer waren. Beim Händeschütteln stöhnte er auf. Die Schmerzen mussten nach wie vor unerträglich sein.

Im Raum lag an diesem Nachmittag eine seltsame Schwere. Die Luft schien zäh wie Leder zu sein. Als würde der Alltag hier in Zeitlupe ablaufen, war jede Bewegung, jede Beobachtung intensiv und laut.

Das war nicht der Mann, der mir vor drei Wochen noch erzählt hatte: „Es muss einfach wieder werden.“

„Karin, hilfst du mir bitte aus dem Bett? Ich muss auf die Toilette.“

Ich hielt den Atem an. Papa hatte mich um Hilfe gebeten?

Mein Puls beschleunigte sich. Okay. Ich war ausgebildete Schwesternhelferin, hatte hier im Haus ein Praktikum gemacht und später ein Jahr in der Demenzbetreuung gearbeitet. Allerdings war das etwas anderes: Die Betreuten waren nicht mit mir verwandt gewesen.

Kann ich das? Schaff ich das? Ohne dass Papa stürzt? Ohne dass ich ihm unnötig Schmerzen zufüge?

Vor meinem inneren Auge tauchten Bilder auf. Ich erinnerte mich an einen Vormittag vor zehn Jahren. Ich war als Betreuerin mit einer Gruppe von Seniorinnen und Senioren im Aufenthaltsraum der Einrichtung, in welcher ich damals arbeitete. Wir unterhielten uns, sangen und lachten. Ich sah, wie Frau Bäumler mit dem Rollator lächelnd auf uns zusteuerte. Sie wendete ihr Gefährt und wollte sich zu uns setzen. Wenige Augenblicke später stürzte sie krachend zu Boden. Die Bewohner, meine Kollegin und ich, wir starrten im ersten Moment erschrocken auf die Gestürzte, bevor wir ihr halfen. Wenig später wurde sie ins Krankenhaus eingeliefert.

Alles war so schnell gegangen. Bis heute weiß ich nicht, wie das geschehen konnte, und ich frage mich oft, ob ich den Sturz hätte verhindern können.

Seit dieser Erfahrung springe ich jedem Menschen, der etwas wacklig unterwegs ist, sofort zur Seite. Ein wenig nach dem Motto: Ich helfe Ihnen über die Straße – ob Sie wollen oder nicht.

Jetzt war ich also gefordert. Da half nur eine humorvolle Flucht nach vorne. Meine bewährte Strategie in solchen Fällen. „Na, Papa, du bist aber ganz schön mutig. Aber wenn du dich traust, packen wir es an.“

Alle meine Muskeln waren angespannt und meine Hände zitterten. Ich stützte Papa und half ihm, sich im Bett aufzurichten. Mit einer sanften Drehung brachte ich ihn auf dem Bettrand zum Sitzen. Er stöhnte. Ich schwitzte.

„Gleich haben wir es geschafft, Papa“, sprach ich ihm und mir Mut zu.

Er schlüpfte mit meiner Unterstützung in seine Hausschuhe. Den Rollator schob ich, so nah es ging, an das Bett heran und mit vereinten Kräften stand Papa schließlich im Zimmer. Wackelig und erschöpft. Dennoch, wir hatten es geschafft!

„Kannst du mich jetzt bitte zur Toilette bringen?“

Kurz schwankte der Boden unter meinen Füßen. Er bat mich nicht, eine Pflegekraft zu holen, sondern er traute es mir zu. Mir. Seiner jüngsten Tochter.

„Ja freilich, Papa, haben wir das Erste so gut miteinander geschafft, werden wir das auch noch hinkriegen“, sagte ich mit mehr Überzeugung in der Stimme als mit Trittsicherheit in den Beinen. Aber wir schafften auch das und schließlich saßen wir uns – als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt – auf der Toilette gegenüber. Ich auf dem weißen Kunststoffhocker, er auf dem WC-Sitz. Wir redeten. Über seine Schmerzen, über das Essen im Heim, über die netten Schwestern und wie sehr er sich über unseren Besuch freute. Wir redeten, und ich staunte über die Leichtigkeit, die da, trotz der Umstände, in unserem Gespräch lag. Sie war mir bislang nicht oft begegnet.

In diesem hellen, rollstuhlgerechten Bad glaubte ich, den Knall zu hören, mit dem sämtliche Masken auf dem Fliesenboden zerschellten und alte, eingefahrene Rollen und Muster sich in Luft auflösten. Hier wurde das Leben wesentlich.

Es war mir, als klärte sich der Nebel und ich könnte plötzlich einen Blick in das Innerste dieses Menschen werfen, der mir so vertraut – und doch oft fremd war. Da saß er. Nahbar und verwundbar. Dieser Augenblick würde sich tief in mir einbrennen.

Ich half Papa sich wieder anzuziehen, sich die Hände zu waschen, und langsam, mit kleinen Schritten, führte ich ihn zurück ins Zimmer, wo das Mittagessen schon auf ihn wartete.

Zittrig und mit schwerem Atem aß Papa, mehr pflichtbewusst als genussvoll, das liebevoll angerichtete Sonntagsessen. Ich erinnere mich, dass es Blaukraut gab, denn es hatte nahezu die gleiche Farbe wie das violette Hemd, das er trug. Und wie seine Lippen.

Der Sauerstoffgehalt im Blut schien deutlich zu niedrig zu sein. Oft ein Vorbote seiner nächtlichen Atemnot. In der Vergangenheit war sie mehrmals der Grund für eine Krankenhauseinweisung gewesen. Durch seine Herzschwäche sammelte sich immer wieder Wasser in der Lunge an und erschwerte ihm die Atmung. Er wehrte sich dennoch oft, das Sauerstoffgerät zu benutzen. „Wie sieht das denn aus?“

Betroffen und hilflos sahen wir dem gebrechlichen Mann zu, wie er tapfer Bissen für Bissen in den Mund schob. Mit sichtlich wenig Appetit, aber voll des Lobes für das Essen und die Küche.

Der Teller war noch mehr als halb gefüllt, als Papa mich nach kurzer Zeit bat, ihm wieder ins Bett zu helfen. Als ich ihm schließlich auch noch diese Bitte erfüllt hatte, konnten wir uns darauf einigen, dass es Zeit war, das Sauerstoffgerät zu aktivieren. Eitelkeit hat ihre Grenzen. Auf dem Weg zum Ausgang würde ich die Pflegekraft bitten, für die Sauerstoffzufuhr zu sorgen.

„Das wird schon wieder. Das muss wieder werden“, sagte Papa auch heute mit schwacher Stimme, während er meine Hand hielt. Wie oft hatte ich ihn diese Worte zum Abschied sagen hören.

Heute war es anders. Heute hatte die Zuversicht ihre Rüstung abgelegt und stand durchsichtig und zittrig neben seinem Bett.

Ausblick

Die Sonne wärmte uns auf, an diesem Ort nahe dem Pflegeheim. Er bedeutete mir viel. Nachdem wir uns von Papa verabschiedet hatten, stimmten alle meine Begleiter dem Vorschlag zu, einen Spaziergang hierher zu machen.

Ein Rundumblick über den Bayrischen Wald breitete sich vor uns aus und nahm unsere Gedanken mit in die Weite. Der sanfte Windhauch umwehte uns und ließ uns die frische Luft bis tief in die Lungenspitzen einsaugen. Über uns zog ein Bussard seine Kreise. Majestätisch ließ er sich von der Thermik tragen. Höher und höher.

Kein Platz für große Worte.

Wir alle spürten an diesem Nachmittag die Zeichen der Zeit und waren damit beschäftigt, die Eindrücke zu verarbeiten und der Ahnung Raum zu geben.

Nein.

Es wird nicht wieder werden.

Wird alles gesagt sein

Ich hatte mir in den letzten Jahrzehnten fern der Heimat ein neues Leben aufgebaut. In der ersten Zeit hatten mir oft die unmittelbare Anbindung an das Familiennetzwerk und der regelmäßige, direkte Kontakt zu meinen Freunden gefehlt. Während der Alltag in der Heimat für alle in den gewohnten Gängen weiterlief, stand ich mit meiner kleinen Familie vor einem kompletten Neuanfang.

Lächelnd denke ich heute noch an meine Fassungslosigkeit zurück, nachdem ich damals festgestellt hatte, dass es an meinem neuen Wohnort nicht üblich war, sich auf der Straße zu grüßen. Wie sollte ich mich in dieser Anonymität zurechtfinden und mich wohlfühlen?

Es dauerte. Aber mit der Zeit konnte ich mehr und mehr Kontakte knüpfen und Wurzeln schlagen. Ich war in meiner neuen Umgebung angekommen, lernte die Vorzüge des Ballungsraumes schätzen, entdeckte neue Möglichkeiten und lernte neue Freunde kennen.

Die Kinder ohne Oma und Opa aufzuziehen, war nicht immer einfach. Gute Babysitter waren rar und teuer. Heute denke ich oft staunend an die Zeit zurück und frage mich, wie wir das alles geschafft haben.

Zu den Geburtstagen gab es keine Feste mit Verwandten, aber wenn der Postbote das liebevoll gepackte Päckchen von Oma und Opa brachte, strahlten die Augen der Enkel. Die Telefonate mit den Großeltern waren ein Highlight, und die Besuche an den Wochenenden oder in den Ferien genossen Großeltern und Enkelkinder gleichermaßen. Über die Jahre entstand trotz der Entfernung ein festes Band zwischen ihnen.

Als die Kinder groß und Mama und Papa älter wurden, lebte ich längst mein eigenes Leben – und meine Eltern ihres. Aber mehr und mehr brauchten sie nun Unterstützung. Wenn ein Arzttermin nötig war, Kleidung oder Lebensmittel eingekauft werden mussten, war ich nicht da. Meine Geschwister vor Ort übernahmen das. Manchmal über ihre Kräfte hinaus.

Meine Rolle entwickelte sich mehr und mehr hin zur „Besuchstochter“. Diese Position hatte ihre Tücken. War ich bei mir zu Hause, plagten mich Gewissensbisse.

Mir war zu jedem Zeitpunkt bewusst, dass ich fein raus war, während die zunehmende Unterstützungsarbeit an meinen Geschwistern hängen blieb. War ich vor Ort, konnte ich dennoch kaum helfen. Mir fehlte das Wissen über das Einmaleins des Alltags meiner Eltern. Und ihnen fehlte das Vertrauen in meine Kompetenzen. Ich hatte mich dem unmittelbaren Einblick in mein Leben entzogen, als ich als 20-Jährigevon zu Hause weggegangen war. Mein Alltag gab ihnen Rätsel auf. Ich blieb „die Kleine“.

So entfernten wir uns nicht nur räumlich voneinander. Manchmal fehlten bei meinen Besuchen die Worte, manchmal verletzten sie – und manchmal kamen sie später auf Umwegen zu mir. Dafür mit ungebremster Kraft.

Das Schweigen nach dem Krieg

Mein Vater wurde 1935 geboren, meine Mutter 1939. Der Zweite Weltkrieg und die schrecklichen familiären sowie wirtschaftlichen Folgen waren nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen. Sie trugen dasselbe Schicksal auf ihren Schultern wie viele andere Kinder des Krieges, für die es galt, mit Fleiß und Ordnung Stabilität zu schaffen. Eine ganze Generation hatte gelernt, Gefühle zu verdrängen und zu schweigen. Durchhalten und funktionieren war die Devise.

Keine großen Worte, keine Diskussionen.

Alles andere wäre zu gefährlich gewesen, hätte den Zusammenhalt und das Vorankommen ins Wanken bringen können. Und vielleicht auch den guten Schein.

Dort, wo Menschen mit dieser Prägung zusammenkamen und diese weitervererbten, konnte es passieren, dass zwar viel geredet, aber wenig gesagt wurde. Es kam vor, dass genickt, aber nicht verstanden wurde. Es konnte geschehen, dass ein Raum für Missverständnisse und feine Kratzer entstand, die über die Zeit zu schmerzhaft eiternden Wunden reifen konnten. Nur nichts sagen.

Was für ein Erbe.

Deshalb hatte mich in den letzten Jahren immer wieder die Angst überkommen, es könnten manche Dinge unausgesprochen bleiben, wenn eines Tages der Tod an die Tür klopfen würde. Wie oft hatte ich im Umfeld erlebt, dass Menschen mit offenen Fragen und ungelösten Knoten am Grab der Eltern standen. Wie ein Stein vermochte das Ungesagte, Unversöhnte oft Jahre, jahrzehntelang auf der Brust der Hinterbliebenen zu liegen. Das Bedauern, den richtigen Zeitpunkt verpasst zu haben, trübte oft den klaren Blick nach vorn ein und raubte die Leichtigkeit.

Ich bin Psychologin. Zu meinem Beruf gehört es auch, Menschen durch Konflikte und Trauerprozesse zu begleiten. Ich bin darin geübt, Brücken zu bauen und Ratsuchende dabei zu unterstützen, die richtigen Worte und die nötigen Schritte zu finden. Aber was im Arbeitsalltag oft mit Bravour gelingt, kann in der eigenen Familie zur Stolperfalle werden. So gärte in mir über die Jahre hinweg die Frage, wie es gelingen könnte, Versöhnung zu finden, Wunden zu heilen. Woher sollten plötzlich die Worte dafür kommen? Wohin mit dem Wunsch, gesehen und gehört zu werden? Der Wunsch, der in uns allen lebendig ist. Egal wie jung oder alt wir sind. Diese Sehnsucht in mir, meinen Eltern wirklich