Silvia-Duett - Folge 17 - Marion Alexi - E-Book

Silvia-Duett - Folge 17 E-Book

Marion Alexi

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Beschreibung

Am Meer, wo sie die Liebe fand. Ich war blöd! Einfach nur blöd!", ruft Kristiane wütend und atmet tief durch. In der letzten Viertelstunde hat sie sich allen Zorn und allen Schmerz von der Seele geschimpft. Jetzt geht es ihr besser. So ein einsamer Strand ist offenbar ideal, wenn einem ein Mann das Herz gebrochen, oder besser gesagt angebrochen hat. Kristiane seufzt abgrundtief. Der nächste Seufzer bleibt ihr allerdings geradezu im Halse stecken, denn plötzlich klingelt ein Telefon. Ein Telefon? Hier am Strand? Dabei ist doch keine Menschenseele weit und breit zu sehen! Einen Moment sitzt Kristiane wie erstarrt im warmen Sand, während das Klingeln fröhlich weitergeht, dann springt sie auf und sieht sich entschlossen um ... Der Zauber zwischen dir und mir. Eine einzige Nacht voller Leidenschaft und uneingeschränkter Hingabe ... Zwischen der Studentin Eva-Maria und dem jungen Arzt Jan Ulrich hätte es alles werden können, aber ein unglücklicher Zufall hat ein Wiedersehen verhindert. Zwölf Jahre liegt das zurück, zwölf Jahre, in denen Eva-Maria dieser Mann an jedem Tag gegenwärtig gewesen ist - in Martin, seinem Sohn. In Jan jedoch scheinen diese zwölf Jahre jede Erinnerung gelöscht zu haben, denn für ihn ist Eva-Maria, als sie einander gegenüberstehen, eine Fremde. Und doch ist sie ihm auf eine gewisse Weise vertraut, weil eines die Zeit überdauert hat: diese unglaubliche Anziehungskraft zweier Herzen, die das Schicksal füreinander bestimmt hat ...

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Seitenzahl: 216

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Inhalt

Cover

Impressum

Am Meer, wo sie die Liebe fand

Der Zauber zwischen dir und mir

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: shutterstock / Subbotina Anna shutterstock / StockLite

Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

ISBN 978-3-7325-1643-8

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Am Meer, wo sie die Liebe fand

Ich war blöd! Einfach nur blöd!«, ruft Kristiane wütend und atmet tief durch. In der letzten Viertelstunde hat sie sich allen Zorn und allen Schmerz von der Seele geschimpft. Jetzt geht es ihr besser. So ein einsamer Strand ist offenbar ideal, wenn einem ein Mann das Herz gebrochen oder besser gesagt angebrochen hat. Kristiane seufzt abgrundtief. Der nächste Seufzer bleibt ihr allerdings geradezu im Halse stecken, denn plötzlich klingelt ein Telefon. Ein Telefon? Hier am Strand? Dabei ist doch keine Menschenseele weit und breit zu sehen! Einen Moment sitzt Kristiane wie erstarrt im warmen Sand, während das Klingeln fröhlich weitergeht, dann springt sie auf und sieht sich entschlossen um …

»Papi, das sind die tollsten Osterferien von der ganzen Welt!«, schrie Jakob mit einer Stimme, die sich vor Begeisterung fast überschlug, und sein schmales Gesicht strahlte und war schon gar nicht mehr so blass wie gestern bei der Ankunft.

Der Siebenjährige sprang entschlossen in die mit großem Getöse auf den Strand brechenden Brandungswellen und stampfte mit den Stiefeln im weißen Schaum herum. Der Wind zauste an Jakobs dunklem Haar und fuhr in seine gesteppte Daunenjacke, die eigens für diese Reise zur Nordseeinsel Amrum angeschafft worden war.

»Du wirst dich noch erkälten. Mach die Jacke zu, Jakob!« Auch Axel von Graven musste schreien, um verstanden zu werden.

»Ich friere aber nicht, Papi!« Jakob wirbelte herum und lachte ihm zu. Die Aprilsonne schien ihm leuchtend ins Gesicht. »Mir ist warm, wirklich!«, beteuerte er. »Und die Insel ist supertoll! Findest du nicht auch?«

»Klar.« Axel nickte bestätigend.

Jakob hörte das Kreischen einer Möwe über sich und bog sofort den Kopf zurück, um neugierig nach dem Vogel Ausschau zu halten.

»Das ist eine Heringsmöwe«, stellte Axel fest. Und gleichzeitig erinnerte er sich daran, wie er es früher gehasst hatte, ständig belehrt zu werden.

»Wieso heißt sie so?«, wollte Jakob wissen. »Weil sie Heringe am liebsten mag?«

Axel hob die Schultern. »Vielleicht hieß der Ornithologe, der ihr diesen Namen gab, so«, spekulierte er.

»Herr Hering?« Jakob lachte los.

»Sie hat gelbe Beine, sieh doch mal.«

»Jetzt lenkst du ab, weil du es nicht weißt, stimmt es?«

»Ist das so wichtig?« Axel ließ sich in den Sand fallen und streckte sich aus. Die Hände faltete er hinter dem Kopf.

»Du siehst aus wie eine Robbe«, kommentierte Jakob.

»Seit wann tragen Robben Wachsjacken?« Axel fühlte sich trotz der herrlich frischen Luft fürchterlich müde. Der Scheidungskrieg hatte an seinen Nerven gezerrt. Nicht nur einmal hatte er sich während jener grauenvollen Zeit gefragt, womit er diese Prüfungen eigentlich verdiente.

Sein Sohn lachte, weil er sich gerade eine Robbe in einer gewachsten Jacke vorstellte.

»Tante Bea weiß bestimmt, warum die Heringsmöwe so heißt. Ich werde sie fragen.«

Axel nickte. »Mach das«, sagte er und schloss erneut die Augen.

»Wir wollten doch Muscheln sammeln, Papi!«

Axels Lippen schmeckten salzig. »Mmmh.«

»Ich hab schon eine gefunden!« Jakob war ganz entzückt, wie seine helle Stimme verriet. »Sie ist rosa, guck mal!«

»Eine Plattmuschel«, murmelte Axel automatisch.

»Du siehst ja gar nicht her, Papi«, kam es vorwurfsvoll. Aber der Siebenjährige war rasch abgelenkt und beugte sich interessiert über ein Büschel grünlich schillernden Seetangs auf dem nassen Sand, dem ein intensiver Geruch entströmte.

Axels Blick verlor sich gerade im unglaublichen Blau des Nordseehimmels, über den hoch aufgetürmte Wolkengebilde getrieben wurden, als sein Mobiltelefon sich mit den ersten Takten des berühmten Harry-Lime-Themas aus dem Film »Der dritte Mann« meldete.

»Mein Gott, du lässt dir Zeit wie ein Superstar!«, rief eine gereizte Frauenstimme am anderen Ende der Leitung, als es ihm endlich gelungen war, das Handy aus der Gesäßtasche zu ziehen. »Oder ist das eine neue Schikane? Also, das würde mich überhaupt nicht wundern!«

»Elisabeth«, murmelte Axel und schloss wieder die Augen, obwohl seine schläfrige Stimmung wie fortgeblasen war, seit er ihre Stimme erkannt hatte. Er fragte sich, wieso ihm nicht schon viel früher aufgefallen war, wie scharf diese Stimme klang.

»Ich warte«, sagte Elisabeth, die unendlich genervt klang.

»Worauf?«, fragte er unbedacht zurück.

»Dass du mir sagst, was du von meinem Entschluss hältst.«

Von welchem Entschluss sprach sie?, fragte sich Axel irritiert.

»Du hast mir keine Sekunde lang zugehört, Axel, gib es zu!« Elisabeth wollte gerade zu einer ihrer brillanten und gefürchteten Grundsatzreden ansetzen, als ein Schwarm Küstenseeschwalben über den Strand flog und dabei kurze, helle Schreie ausstieß. »Wo bist du eigentlich?«, wollte sie wissen.

Elisabeth war bildschön, unglaublich ehrgeizig und seit dreiundzwanzig Tagen offiziell von Axel geschieden. Ihr, der erfolgreichen, höchst anspruchsvollen Juristin, war es vom ersten Tag ihrer Ehe an gelungen, Axel das unerfreuliche Gefühl zu vermitteln, ein hoffnungsloser Fall zu sein.

»An der Nordsee, auf der Insel Amrum.«

»Bei Bea«, folgerte sie in einem Ton, als handele es sich um eine gegen sie gerichtete Verschwörung. Elisabeth war schon immer entsetzlich eifersüchtig auf Beate Jordan gewesen. Kein gutes Haar hatte sie an ihr gelassen und ihr sogar unterstellt, es auf Axel abgesehen zu haben.

Axel schmunzelte unwillkürlich. Elisabeth war völlig auf dem falschen Dampfer. Bea und er kannten sich seit Ewigkeiten, sie standen sich nahe wie Geschwister, und sie waren weitläufig verwandt. Bea war seine Freundin, eine von der Sorte, mit der man über alles reden konnte. Sie war ein prima Kumpel, wie sich Axel sagte, und er gehörte verprügelt, wenn er sich diese grundsolide Freundschaft von Elisabeth madigmachen lassen würde.

»Natürlich, wir wohnen bei ihr. Schließlich gehört ihr dieses große Friesenhaus, in dem genug Platz für uns alle ist. Außerdem …«

»Wir sind kaum geschieden, und schon mutest du Jakob eine Stiefmutter zu«, warf Elisabeth ihm an den Kopf.

»Jakob und ich sind lediglich über die Festtage hier. Wir wollen nur ein paar Tage Urlaub machen. Herrgott, Elisabeth, der Junge hat Ferien …«

»Ich lasse nicht zu, dass mein Sohn von dieser Hexe erzogen wird!«, fiel sie ihm erneut ins Wort.

Bea war keine Hexe, darauf konnte Axel jeden Eid schwören. Allerdings würde er keinen Versuch machen, Elisabeth davon zu überzeugen. Es war sinnlos, sie von einer einmal gefassten Meinung abbringen zu wollen. Wozu also aufregen?

»Jakob hat dringend einen Tapetenwechsel benötigt. In letzter Zeit war sein Leben ziemlich stressig.«

»Und wer ist dafür verantwortlich? Ich bestimmt nicht! Ich wollte ihn von Anfang an in dieses fabelhafte Internat geben, von dem man nur Ausgezeichnetes hört.«

Axel krampfte sich allein beim Gedanken daran das Herz zusammen.

»Jakob bleibt bei mir, Elisabeth«, beharrte er mit einer Stimme, die längst nicht so fest klang, wie er hoffte.

»Bei dir und dieser durchgeknallten Modetussi?« Sie lachte ihr nervöses Lachen. »Ich könnte das Jugendamt anrufen …«

»Bitte sehr.« Axel wurde jetzt so warm, dass er sich aus seiner Jacke schälte.

»Du bist und bleibst unmöglich, Axel«, zischte Elisabeth empört.

»Hast du mich angerufen, um mir das mitzuteilen?«

Elisabeth holte tief Luft. »Ich wollte dich lediglich wissen lassen, dass ich mich entschlossen habe, Yves’ Angebot anzunehmen. Es ist einfach unwiderstehlich.«

Verhielt es sich nicht eher so, dass sie Yves unwiderstehlich fand? Axel hatte schon immer den Verdacht gehabt.

»Und wann fliegst du?«, fragte er knapp. Ihre Eröffnung war überraschend gekommen, er fühlte sich seltsam überrollt, und er war noch immer genervt, wenn Elisabeth Superman Yves St. Clair erwähnte und alles andere als diskret durchblicken ließ, wie unglaublich großartig er war, wie smart und souverän.

Es ist vorbei, besänftigte Axel sich. Du befindest dich in deinem neuen Leben, mein Lieber, also, bleib ganz ruhig.

»Heute Abend. Es musste alles ganz schnell gehen.« Sie lachte auf. »Ich schreibe Jakob aus New York, sagst du ihm das?«

»Wie lange wirst du voraussichtlich drüben bleiben?«

»Mindestens ein halbes Jahr …« Elisabeth entging nicht, wie Axel die Luft einsog. »Du machst mir doch hoffentlich keine Schwierigkeiten, Axel. Also, das fände ich extrem unfair. Schließlich habe ich wegen unserer Ehe ganze sieben Jahren verloren.«

»Ich dachte eben an Jakob …«

»Du wirst es ihm schon erklären, das wenigstens kannst du ja. Ich verlasse mich ganz auf dich. Und ich melde mich, sobald ich Zeit dafür habe … Grüß Jakob schön von mir, okay?«

Axel starrte sein Handy an, bis alles vor seinen Augen verschwamm. Dann holte er aus und schleuderte es weit weg.

***

Kristiane Kadow blinzelte in die Sonne, dann zog sie sich kurz entschlossen den grob gestrickten, weißen Pullover über den Kopf, krempelte die Ärmel ihrer Baumwollbluse hoch und schlang sich den Pullover um die Schultern. In der Sonne war es herrlich warm. Und wie angenehm der sanfte Wind war!

Nach wenigen Metern blieb Kristiane erneut stehen, um sich umzuschauen. Mehrmals atmete sie tief ein und wieder aus, bis sie meinte, von dieser herrlich frischen, klaren Luft ganz erfüllt zu sein. Sie hatte sich die Insel Amrum ausgesucht, um einmal gründlich auszuspannen, um sich auszulüften und alles Belastende loszuwerden.

Weil das Wetter zum Strandleben noch nicht so recht taugte und weil es Mittagszeit war, hielt sich außer ihr kaum jemand an diesem Dünenabschnitt auf. Spontan ließ sich Kristiane rückwärts in den sonnenwarmen Sand fallen. Da lag sie nun ausgestreckt und rührte sich nicht mehr. Ihre Finger fuhren durch den feinen, weißen Sand, und ihre Gedanken bemühten sich tapfer, nicht mehr um Benjamin zu kreisen.

Aber es nutzte nichts. Vor allem wenn sie die Augen fest schloss, sah sie sein Bild ganz deutlich vor sich. Benjamin, wie er ihr zulächelte. Benjamin, wie er mit ausgebreiteten Armen auf sie zukam, um ihr zu versichern, dass sie seine Einzige sei, seine große Liebe.

Kristiane seufzte tief auf und öffnete die Augen, um den Lügner Benjamin nicht mehr sehen zu müssen. Es tat so weh, und dumm war es noch dazu, denn es war pure Energieverschwendung, an einer Beziehung zu leiden, die nicht mehr existierte.

»Ich war schön blöd!«, stieß sie hervor und richtete sich auf. Sie umschlang die angezogenen Beine mit den Armen und starrte auf die Wellen, die mit gleichmäßigem Rauschen auf den Strand klatschten. Überall war das leuchtende Licht, es funkelte auf dem Wasser und flirrte auf dem Sand.

Ich hätte ihm von Anfang an nichts glauben dürfen, kein Wort, sah Kristiane ein und wusste doch, dass das nicht funktioniert hätte. Ihr Problem war, dass sie Benjamin hatte glauben wollen, und sie hätte jedem, der versucht hätte, ihr diesen Mann auszureden, ins Gesicht gelacht und behauptet, er müsse sich irren. Denn ihr Benjamin, der wunderbarste aller Männer, sei ehrlich und gradlinig, er wisse gar nicht, was lügen sei.

Kristiane sagte sich, dass sie guten Gewissens behaupten konnte, noch nie bewusst die Unwahrheit gesagt zu haben, denn das war etwas, was sie von Herzen verabscheute. Und nun war ausgerechnet sie von dem Menschen, an den sie sich verloren hatte, dem sie hundertprozentig vertraut hatte, nach allen Regeln der Kunst belogen worden.

Kristiane hob die Hand und wischte ein paar Tränen fort. Gleichzeitig wünschte sie sich, sie könnte ihre Erinnerungen, die süßen wie die bitteren, ebenso fortwischen. Wieso konnte man in seinem Leben gewisse Passagen nicht einfach zurückspulen und dann für immer löschen?

»Verdammt!«, sagte sie sich. Und dann fluchte sie lauthals, denn sie war ja an diesem einsamen Strandabschnitt ganz allein. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand sie hören könnte, war gering. »Verdammt, verdammt, verdammt!«, schrie sie, denn es war ungerecht von der Liebe, sie so leiden zu lassen. Anschließend war sie atemlos, aber nichts war besser geworden. Sie fühlte sich unverändert hundeelend.

Sollte womöglich auch die Idee, hier auf der Insel Abstand von ihrer Vergangenheit, von ihrer grandiosen Enttäuschung in Sachen ewige Liebe, also von dem ganzen »Wahnsinn Benjamin« Abstand zu gewinnen, ein Flop gewesen sein? Wäre sie auf Mallorca, wo es jede Menge Ablenkung gab, besser zurechtgekommen? Der Mensch im Reisebüro hatte von Mallorca geschwärmt und nur den Kopf geschüttelt, als sie auf Amrum bestanden hatte.

Jetzt hörte Kristiane ein seltsames Geräusch und sah sich erstaunt um. War das ein Telefon? Quatsch! Weit und breit war niemand zu sehen. Also konnte sie auch nicht das Klingeln gehört haben. Aber es läutete noch immer. Und sie kannte die Melodie sehr gut, es handelte sich um das Thema aus dem berühmten Film »Der dritte Mann«.

Der nächste Verlust, stellte die schlanke junge Frau lakonisch fest. Erst verschwindet Benjamin aus meinem Leben, und nun verliere ich auch noch meinen Verstand. Wirklich klasse!

Das Telefon klingelte, vielmehr dudelte weiter, und da entdeckte Kristiane es. Es lag zwischen Sand und grauen Kieseln und war auf den ersten Blick schwer auszumachen. Es handelte sich um ein ziemlich neues und sehr nobles Modell, soweit sie das einschätzen konnte.

Sie hob es auf, holte tief Luft und drückte zaghaft auf die Taste mit dem grünen Telefonhörer-Symbol.

»Hallo?«

»Super!«, meldete sich eine sympathische Männerstimme.

»Wie bitte?« Kristiane fand das einigermaßen bizarr.

»Ich kann das alles erklären«, fuhr die sympathische Männerstimme fort. »Das Telefon gehört nämlich mir.«

»Ach. Und Sie rufen sich gelegentlich gern selbst an?«

»Ich wollte wissen, wo das Ding ist.«

Schusselig, aber clever, stellte Kristiane fest.

»Sie haben Ihr Handy offenbar verloren«, folgerte die junge Frau.

»Verloren?« Er hörte sich überrascht an, bestätigte dann aber hastig: »Ja, am Strand. Etwa auf der Höhe des Kniepsands.«

»Ja, so ungefähr dort habe ich es gefunden«, bestätigte Kristiane.

»Danke schön.«

»Wofür?«

»Weil Sie die glückliche Finderin sind.«

Glücklich? Ich bin alles andere als glücklich, dachte Kristiane und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

»Hallo, sind Sie noch dran?«

»Ja. Soll ich das Handy irgendwo deponieren?«

Sie hörte eine Kinderstimme im Hintergrund. Ein verheirateter Mann also. Schade. Seine Stimme klang nämlich sehr nett, und Kristiane konnte sich vorstellen, dass der Mann, dem die Stimme gehörte, auch nett war. Aber er war verheiratet und hatte ein Kind. Mindestens eins. Und zu dem Kind gehörte eine Ehefrau, die garantiert mit Argusaugen über den teuren Gatten wachte, damit er bloß nicht vom Pfad der Tugend abkam.

Kristiane hoffte, dass er den bekümmerten Seufzer, den sie ausstieß, nicht hören konnte. Sollte er dennoch eine diesbezügliche Bemerkung machen, würde sie alles auf die Brandung schieben.

»Kennen Sie die Teestube ›Norddorf‹?«, erkundigte er sich.

Kristiane erstarrte leicht. Das ist ja ein Zufall!, dachte sie.

»Mein Sohn Jakob schwärmt von den leckeren Pfannkuchen bei ›Norddorf‹», setzte er rasch hinzu.

»Okay. Ich werde das Handy dort abgeben.«

»Und wenn wir alle miteinander dort Tee trinken?«, fragte er überraschend schnell.

»Alle miteinander?«, kam es zögernd von Kristiane. In ihrer Verfassung war ein trautes Eheglück kaum zu verkraften.

»Jakob, Sie und ich.«

Seine Frau hatte er nicht erwähnt. Das fand Kristiane interessant. Trotzdem zögerte sie. Oder gerade deshalb? Hatte sie sich nach der Pleite mit Benjamin nicht geschworen, sich auf nichts mehr einzulassen, was Männer betraf? Andererseits war die Sache mit dem Handy ziemlich originell, es reizte sie sogar, herauszufinden, was für ein Typ dieser Mann war, der sein Handy vielleicht beim Herumtoben mit seinem Sohn verloren hatte. Ein hübsches Bild, wie sie fand.

»Würde Ihnen vier Uhr passen?«, erkundigte er sich.

»Ja. Aber …Ähm, wie soll ich Sie erkennen?«

»An Jakob. Er ist sieben Jahre alt und trägt eine Brille.«

»Eine Harry-Potter-Brille!«, rief die Kinderstimme dazwischen.

Kristiane musste spontan auflachen. »Er liest Harry Potter?«

»Jakob liebt Harry Potter!«

»Okay«, gab sie nach. »Um vier Uhr in der Teestube ›Norddorf‹.«

»Fein.« Man konnte richtig hören, wie er lächelte. »Ich freue mich. Und …«

»Ja?«, fragte Kristiane ein wenig nervös.

»Vergessen Sie das Handy bitte nicht.«

Nun lächelte auch Kristiane und fand die Möwen, die heiser kreischend über dem Wasser segelten, gar nicht mehr so zickig.

***

»Es ist gerade so spannend, Papi«, maulte Jakob und konnte sich von seinem Buch nicht losreißen. Es handelte sich ausnahmsweise nicht um einen der Harry-Potter-Bände, sondern um ein schmales Taschenbuch.

»Was liest du denn da?«, wollte Axel wissen.

»Kennst du ja doch nicht.« Jakob schaute nicht auf. »Aber es ist ein tolles Buch und superspannend!«

»Ein Märchenbuch?«

Statt einer Antwort warf ihm Jakob einen sehr ausdrucksvollen Blick über den Brillenrand zu.

Axel hob beide Hände. »Entschuldige!«

»Ich bin doch kein Baby mehr, Papi.« Der Siebenjährige blätterte die Seite um.

»Wir sind verabredet«, erinnerte Axel mit deutlicher Ungeduld in der Stimme.

»Du bist verabredet«, stellte Jakob richtig. »Außerdem ist es dein Handy.«

»Heute früh hast du dich darüber beschwert, dass hier nichts los ist.«

Jakob presste die Lippen aufeinander und klappte das Buch zu. Das hätte er von Tante Bea nicht gedacht, dass sie ihn verpetzt. Die Enttäuschung flog ihn an wie ein böses Insekt. Bei Frau Imbeck hätte es ihn überhaupt nicht überrascht, denn die ließ sich keine Gelegenheit entgehen, ihn fertigzumachen. Das schien ihr ein richtiges Bedürfnis zu sein. Aber wenigstens wusste man bei Frau Imbeck, woran man war …

»Nimm den dicken Pulli mit, für alle Fälle.« Axel warf einen prüfenden Blick durch das kleine Sprossenfenster in der Eingangshalle des schmucken Friesenhauses. Es war weiß lackiert wie alle anderen Fenster. Einzig die Haustür hatte Bea von dem Insel-Maler ihres Vertrauens kornblumenblau streichen lassen. »Das Wetter scheint sich zu halten«, stellte Axel fest.

Eigentlich hoffte er es, denn ihm graute vor einem verregneten Urlaub, selbst wenn es sich bei diesem nur um einige Tage handelte. Lag es daran, dass er sich dann intensiver um seinen Sohn kümmern müsste? Er erinnerte sich ungern daran, was seine unglaublich ehrgeizige und bildschöne Exfrau ihm kürzlich diesbezüglich an den Kopf geworfen hatte.

»Du kennst deinen eigenen Sohn ja gar nicht!«, hatte Elisabeth mit kühl klingender Stimme festgestellt. Und mit diesem gnadenlos herablassenden Blick, der spielend vermochte, sein Selbstbewusstsein in winzige Atome zu zertrümmern, hatte sie hinzugefügt, dass er sich gewaltig wundern würde, wenn er sich mal für längere Zeit mit Jakob beschäftigen müsste …

Bisher war allerdings alles bestens gelaufen. Axel konnte nicht feststellen, dass Jakob ein anstrengendes Kind war. Er las sehr gern und verstand sich mit Bea. Er fand die Insel Amrum super, das Friesenhaus sogar richtig cool, und der Strandspaziergang am Vormittag war von ihm als großartig bezeichnet worden. Allerdings sollte man bekanntlich den Tag nie vor dem Abend loben.

Axel holte tief Luft und legte den Arm um Jakobs Schultern.

»Wir schaffen das schon«, murmelte er fast trotzig.

»Glaubst du, wir finden nicht hin?« Der Siebenjährige warf ihm einen erstaunten Blick zu. »Ich hab mir den Weg gemerkt, es ist überhaupt nicht kompliziert.«

Da schmunzelte Axel und zog seinen Sohn kurz, aber liebevoll an sich.

Die beiden Fahrräder, das große und das kleine, lehnten am niedrigen Pförtchen. Einen Zaun rund um das recht große Grundstück gab es nicht, dafür eine Mauer aus Feldsteinen. Das war üblich auf der Insel und passte gut zu dem schon jetzt üppig wuchernden, vorderen Bauerngarten. Im Sommer fanden die vielen Rosen kaum noch Platz und erfreuten selbst die Spaziergänger mit ihren leuchtenden Farben und süßen Düften.

»Du weißt nicht, wie die Frau heißt, die dein Handy gefunden hat?« Jakob warf seinem Vater einen verdutzten Blick zu, ehe sie losfuhren. »Papi, wie willst du sie denn erkennen, wenn du nicht weißt, wie sie heißt?«

»Sie erkennt mich, Jakob.«

»Und woran?«

»Ich habe ihr gesagt, dass ich dich mitbringe.«

»Aber hier gibt es massenhaft Kinder, Papi.«

Axel fand Jakobs Einwand beeindruckend intelligent. Sein Vaterstolz blähte sich im warmen Inselwind.

Jakob sah ihn flüchtig an, und plötzlich hatte er große Ähnlichkeit mit seiner Mutter, was, Gott sei Dank, höchst selten vorkam. Denn auch Elisabeth konnte ihm mit einem Blick klarmachen, dass sie sich für überlegen hielt.

»Sie hat mein Handy«, schickte Axel rasch hinterher.

»Und daran willst du sie erkennen?« Jakobs Miene zeigte deutlich, dass er das für keine geniale Idee hielt.

Nach kurzer Fahrt erreichten sie die Teestube »Norddorf«. Jakob stieg von seinem Fahrrad und kettete es an den hierfür vorgesehenen Ständer. Axel folgte seinem Beispiel. Ihm fiel auf, dass die meisten der Tische, die vor dem weißen Haus mit dem tief heruntergezogenen Reetdach standen, besetzt waren. Und auf den meisten Tischen lagen Handys griffbereit.

»Sie ist bestimmt allein gekommen«, murmelte Axel.

Jakob sah zu ihm auf. »Und wenn nicht?«

»Wir werden sie schon finden«, entgegnete Axel unbestimmt.

Jakob gluckste. »Du kannst dich ja noch mal anrufen. Und wenn es klingelt, weißt du, wo dein Handy ist.«

»Super!« Axel fand den Vorschlag großartig. »Wenn alle Stricke reißen, machen wir das.«

Jakob zupfte ihn auf einmal am Pullover.

»Da ist sie«, sagte er und deutete zu einem Tisch.

Axel warf einen Blick in die bezeichnete Richtung. Er sah eine dunkelblonde junge Frau mit freundlichem Gesicht, in dem blaue Augen dominierten. Hübsch war sie, wenn auch etwas blass, aber das würde sich nach ein paar Tagen auf der Insel sicherlich ändern. Sie trug eine marineblaue Jacke, darunter eine weiße Bluse. In ihrem Ausschnitt glänzte ein goldener Anhänger an einer dünnen Kette.

Elisabeth hatte bei ihrer ersten Begegnung ein bordeauxrotes Samtkleid getragen. Es hatte sich auf eine unerhört sinnliche Art wie eine zweite Haut um ihre hervorragende Figur geschmiegt …

Axel schüttelte den Kopf. Es war ihm, als erwache er aus einem Albtraum. Wie absurd, am hellerlichten Tag an Elisabeth zu denken! Hieß das womöglich, dass er die Scheidung bereute?

»Nein, dreimal nein!«

Aus der Art, wie Jakob ihn erstaunt ansah, schloss er, dass er offenbar laut gedacht hatte. Oh Gott. Er räusperte seine Verlegenheit weg.

»Auf dem Tisch liegt kein Handy«, sagte er schnell.

»Sie ist es trotzdem«, beharrte Jakob eigensinnig, und bevor Axel ihn zurückhalten konnte, wozu er größte Lust hatte, schlängelte sich sein Sohn geschickt an den besetzten Tischen vorbei, um sich vor der jungen Frau aufzubauen.

***

Oh Gott, dachte Axel von Graven noch einmal und fragte sich, wie er einigermaßen anständig aus dieser Nummer herauskommen sollte. Wenn er Pech hatte, unterstellte sie ihm noch, mit Jakobs Hilfe fremde Frauen anzusprechen.

Die junge Frau machte auf ihn allerdings nicht den Eindruck, als gehörte sie zu der Sorte, die darauf wartete. Auch gingen von ihr überhaupt keine Signale aus, die dazu aufforderten. Es schien vielmehr so zu sein, dass sie an Männerbekanntschaften nicht interessiert war. Nicht die geringste Flirtbereitschaft war in ihren Augen zu entdecken, und ihre Lippen blieben auch dann noch geschlossen, als sie zufällig Axels Blick auffing.

Sie wirkte aufmerksam, aber nicht neugierig, und ihre Ausstrahlung durfte getrost als herb bezeichnet werden, denn an ihr war nichts Werbendes, nichts Kokettes zu entdecken. Sie war eine ungewöhnlich ernste junge Frau, die für Spielchen zweifellos keine Vorliebe hatte.

Jakob begrüßte sie mit einem entwaffnenden »Hallo.«

Es blieb Axel nichts anderes übrig, als Jakob zu folgen. Als er bereits zu einer Entschuldigung ansetzte, lächelte die junge Frau Jakob zu und nickte.

»Ich habe das Handy mitgebracht.«

Axel war fassungslos. Wieso hatte nicht er, sondern sein siebenjähriger Sohn sie unter all den Menschen entdeckt? Jakob hatte nicht einmal mit ihr telefoniert, das war er, Axel, gewesen. Und ihm war es nicht gelungen, sich ein Bild von ihr zu machen!

Sie öffnete ihre große Schultertasche und zog das Handy heraus, während sie Jakob zulächelte.

»Bitte sehr«, sagte sie mit einer hellen Stimme. Auch ihr Lächeln hatte etwas Helles, jedenfalls kam es Axel so vor.

»Danke schön«, entgegnete Axel und war interessanterweise verlegen, weil er eben feststellte, dass ihre Augen ihn an Vergissmeinnicht erinnerten. Nie hätte er für möglich gehalten, dass es eine Augenfarbe gab, die so blau wie Vergissmeinnicht war.

Die junge Frau blieb sitzen. Auch Axel rührte sich nicht. Jakob stand zwischen ihnen und drehte den Kopf hin und her wie bei einem Tennisturnier.

Kristiane Kadow hätte sich am liebsten eine Hand fest auf die Brust gepresst, um ihr Herz daran zu hindern, derart stürmisch zu pochen. Hatte es denn seine Lektion in Sachen Verrat, Lügen und Untreue noch immer nicht gelernt?

Sie war fasziniert von diesem Mann, der wunderbare braune Augen hatte und einen Mund, der bestimmt unwiderstehlich lächeln konnte. Dieser Fremde war exakt ihr Typ.

Kristiane stellte es niedergeschmettert fest und war entschlossen, sich sofort zurückzuziehen. Noch einmal wollte sie sich den Jammer einer enttäuschten Beziehung nicht antun. Sie war ja noch immer nicht mit Benjamin fertig, ihrer vermeintlich großen Liebe!

Sie erhob sich und ergriff ihre Schultertasche.

»Möchten Sie nicht wieder Platz nehmen?«

Kristiane hörte die warme, tiefe Stimme und fand, dass sie zu dem Mann mit den wunderbaren braunen Augen passte. Ihr Pech, dass sie für braune Augen und Grübchen im Kinn schwärmte.

Jakob suchte sich einen Stuhl aus und griff nach der Karte.

»Mal sehen«, überlegte er genießerisch. »Vielleicht nehme ich wieder Pfannkuchen.« Sein Blick fiel auf zwei prächtige, bunt mit Früchten dekorierte Eisbecher, die eben vorbeigetragen wurden. »Vielleicht aber auch nicht.«

»Jakob«, sagte Axel mahnend und gab seiner Stimme einen erzieherischen Unterton.

Kristiane blieb stehen. »Der Kakao ist sehr zu empfehlen.«

Axel warf einen Blick auf ihre Tasse. »Sie haben ihn ja gar nicht ausgetrunken.«

»Ich habe noch etwas vor«, schwindelte sie und versuchte, ihn nicht anzusehen.

»Und das kann nicht warten?« Axel sah sie bittend an. Plötzlich war ihm sehr daran gelegen, diese Frau kennenzulernen.

»Ist der noch frei?« Ein junges Mädchen beugte sich über den Stuhl neben Jakob. »Kann ich ihn haben?«

Jakob schüttelte den Kopf. »Nee, leider nicht.«

»Aber es sitzt doch niemand darauf«, argumentierte sie.

»Doch«, sagte Jakob ungnädig.

»Machen Sie uns die Freude«, bat Axel leise. »Bitte!«

Kristiane nickte und nahm erneut Platz. Dem jungen Mädchen lächelte sie bedauernd zu. Es war kaum verschwunden, als Jakob sich an sie wandte, und zwar so vertrauensvoll, als würde er sie seit Jahren kennen.

»Hast du hier schon mal Eis gegessen?«, wollte er wissen.

Axel räusperte sich warnend, doch Kristiane lachte auf.

»Das nützt nichts«, sagte sie.

»Was denn?« Axel sah sie erstaunt an.

»Das.« Sie räusperte sich ebenfalls und suchte dann Jakobs Blick. »Oder?«

»Nö«, stimmte Jakob grinsend zu.

»Ich werde mir auch Kakao bestellen«, murmelte Axel verlegen. »Und du möchtest einen Eisbecher, Jakob?«

Der Junge nickte und sah Kristiane weiterhin unverwandt an.

»Jakob«, ermahnte ihn sein Vater halblaut. »Das tut man nicht. Man starrt fremde Menschen nicht an.«

»Fremd ist sie nicht. Ich kenne sie«, erklärte Jakob.

Axel zog die Brauen hoch. Ironischer konnte er nicht blicken.

»Bestimmt«, beteuerte Jakob.

Axel gab die Bestellung bei der Bedienung auf. Dann stellte er sich und seinen Sohn formvollendet vor.