Silvia-Gold 103 - Liebesroman - Wera Orloff - E-Book

Silvia-Gold 103 - Liebesroman E-Book

Wera Orloff

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1,49 €

Beschreibung

Dr. Alexander von Klippstein ist auf dem morgendlichen Weg in seine Kanzlei, als das Unfassbare geschieht: An einer roten Ampel in der Innenstadt muss er stoppen, doch als er auf das Bremspedal tritt, passiert - nichts! Verzweifelt reißt er an der Handbremse, doch bis die greift, ist es schon passiert. Er hört einen dumpfen Aufprall und weiß: Er hat einen Menschen überfahren! Was dann geschieht, kann Alexander von Klippstein später gar nicht mehr genau sagen. Nur ein Satz brennt sich in sein Gedächtnis: "Das Unfallopfer hinterlässt eine junge schwangere Frau ..."

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Seitenzahl: 139

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Inhalt

Cover

Impressum

Viel mehr als Mitleid

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Bastei Verlag / Anne von Sarosdy

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7325-9335-4

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Viel mehr als Mitleid

Ein Mann trifft eine schwere Entscheidung

Von Wera Orloff

Dr. Alexander von Klippstein ist auf dem morgendlichen Weg in seine Kanzlei, als das Unfassbare geschieht: An einer roten Ampel in der Innenstadt muss er stoppen, doch als er auf das Bremspedal tritt, passiert – nichts!

Verzweifelt reißt er an der Handbremse, doch bis die greift, ist es schon passiert. Er hört einen dumpfen Aufprall und weiß: Er hat einen Menschen überfahren!

Was dann geschieht, kann Alexander von Klippstein später gar nicht mehr genau sagen. Nur ein Satz brennt sich unauslöschlich in sein Gedächtnis: „Das Unfallopfer hinterlässt eine junge schwangere Frau …“

»Ist der Wagen in Ordnung?«, fragte Dr. Alexander von Klippstein, als der Mechaniker ihm die Wagenschlüssel reichte.

»Tipp-topp, Herr Doktor.« Der Mann grinste erwartungsvoll. Aus Erfahrung wusste er, dass der Rechtsanwalt mit Trinkgeldern nicht knauserig war.

Auch diesmal enttäuschte Dr. von Klippstein ihn nicht. Er drückte dem Mann einen Schein in die Hand. »Haben Sie auch an die Bremsen gedacht?«

»Selbstverständlich. Sie können ganz beruhigt sein. Gute Fahrt!«

Alexander fädelte sich in den Morgenverkehr ein. Mit seinen Gedanken war er schon im Büro. Um zehn Uhr hatte er einen wichtigen Termin wahrzunehmen. Im Geiste ging er noch einmal alle Punkte durch, die er vorbringen wollte. An einer Ampel musste er bremsen. Sein rechter Fuß trat das Pedal durch – aber die Bremsen fassten nicht.

»Nein!«, schrie er. Verzweifelt riss er an der Handbremse, aber bis die griff, war es schon geschehen. Er hörte ein scheußliches Krachen, und dann stand der Wagen.

Totenbleich saß der Rechtsanwalt hinter dem Lenkrad, dann wischte er sich automatisch den Schweiß von der Stirn. Er hatte rechtzeitig gebremst – und trotzdem einen Fußgänger erfasst …

Sofort hatte sich eine Menschentraube um sein Auto herum gebildet.

»Immer diese Mercedesfahrer!«, schrie ein junger Typ und zeigte Alexander drohend die Fäuste. »Glauben, für sie gäbe es eine extra Straßenverkehrsordnung.«

Alexander öffnete die Tür des Wagens und stieg aus.

»Ein Arzt … Ist ein Arzt unter Ihnen?«, fragte er. Er kannte seine eigene Stimme nicht wieder.

»Ich habe alles gesehen! Er ist einfach über Rot gefahren, ohne zu bremsen! Dieser Hund!« Eine alte Frau wurde von zwei anderen zurückgehalten, als sie Anstalten machte, sich auf den Rechtsanwalt zu stürzen.

Alexander kniete neben dem Verletzten nieder und drehte ihn behutsam auf den Rücken. Er schloss die Augen, als er sah, wie das Gesicht des Verletzten zugerichtet war.

»Bitte, zur Seite treten, machen Sie doch Platz!«

Alexander hob den Kopf. Gott sei Dank, dachte er, Polizei.

Die Menschen wichen nur widerwillig zurück. Der Streifenwagen hielt mitten auf der Straße, ein Beamter lenkte den Verkehr an der Unfallstelle vorbei.

»Ist das Ihr Wagen?«, fragte der Polizist sachlich.

Alexander nickte. »Der Verletzte …«

Der Polizist tastete nach dem Puls. Dann schüttelte er leicht den Kopf.

»Es sieht so aus … Der Notarzt muss jeden Augenblick hier eintreffen. Darf ich einmal Ihren Früherschein sehen?«

»Der Mann … ob er schwer verletzt ist?«

»Bestimmt. Da kommt auch schon der Rettungswagen. Machen Sie Platz, meine Herrschaften!«

Aber die Gaffer standen wie eine Mauer.

Die beiden Männer mit der Trage mussten sich fast mit Gewalt ihren Weg zu dem Verunglückten bahnen. Handys wurden gezückt, als sie ihn auf die Trage legten.

Doch dann nahm einer eine Decke und verhüllte die regungslose Gestalt.

»Er … bekommt keine Luft«, stieß Alexander von Klippstein hervor.

Einer der Krankenträger warf ihm einen eisigen Blick zu. »Braucht er nicht. Er ist tot.«

Die Umherstehenden begannen drohend zu murmeln. Es war Alexanders Glück, dass die Polizei rechtzeitig eingetroffen war. Vielleicht wären sie sonst tätlich geworden.

»Ihren Führerschein«, verlangte erneut der Beamte.

Alexander zog automatisch die Brieftasche hervor. »Ich habe gebremst …«, murmelte er.

»Das ist nicht wahr!«, schrie die Frau von vorhin. »Er ist über Rot gefahren! Gebremst hat er erst hinterher.«

»Keine Bremsspuren, Willi«, erklärte ein anderer Wachtmeister aus dem Streifenwagen. »Am besten ist es, Sie kommen mit zur Wache. Steigen Sie bei uns ein. Fahr du den Mercedes.«

»Nein. Die Bremsen«, rief Alexander. »Ich habe den Wagen gerade eben aus der Werkstatt geholt. Die Bremse zieht nicht.« Der Anwalt hatte etwas von seiner Selbstbeherrschung wiedergefunden. »Sie dürfen den Wagen nicht fahren.«

Der Beamte stieg wortlos in den Mercedes und trat die Bremse durch. »Keine Bremsflüssigkeit.«

»Ich wusste nicht … ich ahnte nicht …«

»Sie hätten es merken müssen.«

Alexander nickte mechanisch.

♥♥♥

»Papi kommt, Papi kommt!«, schrie Frauke und stürmte aus der Küche. Sie hatte aus dem Fenster gesehen und ihn sofort erkannt.

Kopfschüttelnd erhob sich Berthilde von Klippstein. Was mochte das lebhafte Kind da nur wieder gesehen haben? Aber ihre Augen wurden groß, als sie tatsächlich ihren Sohn erkannte.

Ein Streifenwagen hatte ihn nach Hause gebracht. Mein Gott, wie sah er nur aus!

»Papi, toll, dass du schon so früh kommst!« Frauke stürmte mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu. »Brauchst du heute nicht mehr weg?«

Alexander hob sie empor und presste sie an sich. Er trug sie ins Haus und setzte sie erst in der Diele behutsam wieder nieder.

»Ich habe einen Menschen totgefahren«, sagte er leise, als seine Mutter ihn anschaute. Sie war aus der Küche getreten, die Schürze noch umgebunden.

»Hattest du Schuld?«, kam die rasche Gegenfrage.

»Nein. Das heißt, ich weiß es nicht … Die Bremse hat versagt. Der Mann war sofort tot. Er hinterlässt eine Frau. Kinder hat er nicht.«

»Aber dir ist nichts zugestoßen?« Das war für die Mutter die Hauptsache. »Setz dich zu mir in die Küche, Alexander, und erzähle mir alles.«

Der Mann nickte. Er setzte sich auf einen Stuhl und starrte vor sich hin. Noch immer sah er das entsetzte Gesicht des anderen. Es klagte ihn an.

»Ich hätte vorher merken müssen, dass die Bremsen nicht in Ordnung waren«, sagte er. »Ich hätte sie ausprobieren müssen.«

»Du kamst doch gerade aus der Werkstatt?«

»Ja, sicherlich … aber vor Antritt einer jeden Fahrt ist der Fahrzeughalter verpflichtet, sich vom ordnungsgemäßen Zustand …«

»Aber das ist doch Unsinn!«, fiel Frau Berthild ihm ins Wort.

Alexander schüttelte den Kopf. »Es gibt da Vorschriften, Mutter …«

»Spielst du jetzt mit mir, Papi?« Frauke gab ihm einen Knuff. »Bis Oma die fertig gekocht hat, dauert es noch was. Ich hole rasch meinen Teddy.«

Sie lief davon, ohne seine Antwort abzuwarten.

»Seine Frau … sie fahren jetzt hin, um es ihr zu sagen. Wie wird sie es aufnehmen? Heute Morgen ist er fortgegangen, gesund, und … sie bereitet vielleicht genau wie du das Mittagessen für ihn vor. Sie glaubt jetzt, er sitzt sicher in seinem Büro oder wo er sonst gearbeitet hat …«

»Junge, hör auf, dich zu quälen. Sie wird darüber hinwegkommen. Die Hauptsache ist doch, dass du keine Schuld hast! Aber das hätte ich mir auch nicht vorstellen können. Du bist ein sicherer und vorsichtiger Fahrer …«

»Ich hätte vorher merken müssen, dass die Bremsen nicht in Ordnung sind. Aber ich war mit meinen Gedanken bei dem Termin … Ich rufe eben noch im Büro an und sage, dass ich heute nicht kommen kann.«

»Warum willst du nicht ins Büro gehen?«, fragte Frau Berthilde. »Ruf ein Taxi und lass dich hinfahren. Du brauchst jetzt Ablenkung. Es hat keinen Zweck, dass du dasitzt und grübelst. Es ist nun einmal geschehen.«

»Du magst recht haben …«

»Ich habe recht«, erklärte Frau Berthilde überzeugt. »Glaub nicht, der Mann täte mir nicht leid oder seine Frau … Aber man kann es nicht ungeschehen machen.«

Sie war seine Mutter, sie wollte, dass er sich nicht mit Vorwürfen herumplagte. Und sie hatte den Mann ja nicht gesehen, nicht sein entsetztes Gesicht, die weit aufgerissenen Augen, sie hatte nicht gesehen, wie er hinterher verkrümmt auf dem Pflaster lag.

»Teddy sagt, er würde sich ganz toll freuen, wenn wir einen Ausflug machen«, verkündete Frauke strahlend. Sie hielt ihrem Vater das Stofftier hin. »Nun komm doch schon.«

Alexander von Klippstein schaute sein Töchterchen an, aber er sah durch sie hindurch. Wie leicht konnte so etwas auch Frauke zustoßen! Irgendein Autofahrer, der einen Moment nicht aufpasste …

»Was hast du den bloß, Papi?«, fragte die Kleine beunruhigt. »Du bist so komisch.«

»Dein Vater hatte nur etwas vergessen. Er muss gleich wieder ins Büro. Wir fahren am Sonntag im Auto spazieren, Frauke.« Frau Berthilde legte ihre Hand leicht auf den Kopf des Kindes.

»Aber ich will, dass Papi jetzt mit uns fährt.«

»Das Auto deines Vaters … ist noch nicht in Ordnung.«

»Stimmt das?«, fragte Frauke grenzenlos enttäuscht.

»Ja«, bestätigte der Mann. »Vielleicht … können wir am Sonntag … wenn der Wagen bis dahin fertig ist …«

Das Blech war eingebeult gewesen. Und der rechte Scheinwerfer war kaputt. Oder der linke? Nein, ich glaube, es war der rechte, dachte Alexander. Er war von rechts gekommen …

»Trink einen Schluck.« Frau Berthilde hatte ihm ein Glas Wasser eingegossen. »Wann hast du deinen ersten Termin?«

»Ich kann heute nicht. Lass mich doch in Ruhe!«

»Reiß dich zusammen! Das Herumsitzen ändert nichts. Junge, ich meine es doch nur gut mit dir.«

»Jetzt weiß sie es wohl schon«, murmelte der Mann.

»Es ist gar nicht so weit von hier. Ob sie weint? Oder vielleicht steht sie unter Schock.«

»Die Polizei wird sich ihrer annehmen. Die haben Erfahrung in solchen Angelegenheiten, Alexander. Denk nicht mehr an die Frau! Du kannst ihr doch nicht helfen.«

»Ich habe ihren Mann getötet. Wenn sie nun niemanden hat?«

»Sie wird schon jemanden haben. Und wenn nicht, dann ist es nicht deine Sache, Alexander. Hättest du Schuld an dem Unfall …«

»Vielleicht, wenn ich früher gebremst hätte … Ich ahnte ja nicht, dass die Bremsflüssigkeit ausgelaufen war. Vielleicht wäre es dann nicht passiert. Oder hätte ich gehupt.«

»Du brauchst dir keine Vorwürfe zu machen. Du hast getan, was du tun konntest. Niemand wird dich schuldig sprechen«, rief die Mutter energisch.

»Ein Richter vielleicht nicht … aber ich selbst …«

»Deshalb sage ich dir ja, fahr ins Büro. Konzentriere dich auf etwas anderes.«

»Papi soll bleiben«, mischte sich Frauke trotzig ein. »Wenn er doch gar nicht ins Büro will, Oma.«

»Sei still jetzt!«, fuhr Frau Berthilde ihre Enkelin an.

Es war das erste Mal, dass sie in diesem Ton zu ihr sprach, und er hatte die gewünschte Wirkung.

Frauke zog den Kopf zwischen die Schultern und wich zurück.

»Ich rufe jetzt das Taxi für dich. Wenn du dich beeilst, kommst du vielleicht noch gerade zum Termin zurecht. Was soll man denn im Gericht von dir denken, wenn du unentschuldigt ausbleibst?«

»Ich habe einen Menschen getötet.«

»Nicht du, irgendein Mann aus der Werkstatt. Man wird feststellen, wer dafür verantwortlich ist, und man wird ihn zur Rechenschaft ziehen.«

Alexander von Klippstein stand auf. Mutter ist eine vernünftige Frau, dachte er.

Und alle vernünftigen Menschen würden ihm den gleichen Rat geben wie sie: Tu, als wäre nichts geschehen. Die Verhandlung wird in einigen Monaten sein. Selbst wenn man dich verurteilt, wirst du mit einer kleinen Geldstrafe davonkommen.

♥♥♥

Alexander fuhr mit dem Taxi in die Meinkenstraße. Hier hatte der Verunglückte gewohnt.

Ein hübsches Haus, freistehend, weiß gestrichen, es konnte erst ein paar Jahre alt sein. Die Bäume im Garten waren noch jung, der Rasen saftig grün und kurz geschnitten.

Vielleicht hat er ihn gestern Abend … Er wird ihn nie wieder mähen. Nie wieder in dieses Haus zurückkehren.

Der Taxifahrer schüttelte den Kopf, bevor er in seinen Wagen stieg und weiterfuhr. Der reinste Schlafwandler, dachte er, als er im Rückspiegel sah, dass sein Fahrgast noch immer unbeweglich auf der Straße stand und das Haus anstarrte.

Mutter würde mich nicht verstehen, könnte sie mich jetzt sehen, dachte Alexander von Klippstein. Es ist verrückt, dass ich selbst mit der Frau sprechen will. Am besten wäre es, ich ginge schnellstens ins Büro. Wenn ich ihr Gesicht kenne, werde ich sie nicht so schnell vergessen können.

Aber etwas in ihm war stärker als die Stimme seiner Vernunft. Und vielleicht brauchte sie ja Hilfe. Menschliche Hilfe. Für das Finanzielle würden Versicherungen sorgen.

Er gab sich einen Ruck und ging entschlossen auf die Haustür zu. Im Gehen stellte er unbewusst fest, dass die Scheiben frisch geputzt waren.

Die Gardinen an den Fenstern sahen schneeweiß aus. Sie hat wohl gerade ihren Frühjahrsputz fertig, dachte er. Mutter ist noch dabei.

Dort stand der Name: von Milau. Noch einmal zögerte Alexander, bevor er den Zeigefinger gegen den Klingelknopf drückte.

Er hörte die Klingel im Haus anschlagen und zog den Finger rasch zurück. Unwillkürlich wandte er den Kopf zur Straße. Noch konnte er davonlaufen. Selbstverständlich tat er es nicht, obwohl der Wunsch dazu einen Augenblick fast übermächtig groß in ihm war.

Er hörte einen leichten Schritt, dann wurde die Tür geöffnet. So also sieht sie aus, dachte der Mann. Viel jünger, als er gedacht hatte. Ihr Gesicht wirkte mädchenhaft. Jetzt war es im Schmerz allerdings wie versteinert.

Aber nicht das war es, was ihm als erstes ins Auge sprang. Die junge Frau erwartete ein Kind. Es war ihm, als presse jemand seine Kehle unbarmherzig zu.

Sie schaute ihn stumm an. Sie stellte keine Frage und machte auch keine Geste, die ihn einlud, ins Haus zu kommen. Sie stand einfach da und starrte, und Alexander fragte sich, ob sie ihn überhaupt wahrnahm.

Er räusperte sich. » Alexander von Klippstein «, stellte er vor. Ob mein Name ihr etwas sagt? Ihr Starren wurde dem Mann unheimlich. »Darf ich eintreten?«

Die junge Frau trat einen Schritt zur Seite. Alexander fasste es als Aufforderung auf.

»Ich wollte Ihnen nur sagen … wie leid mir alles tut.«

Wenn sie doch nur sprechen würde, dachte er, als sie weiterhin in ihrer unbeweglichen Starrheit verharrte. Warum weint sie nicht? Die Polizei musste schon dagewesen sein. Er sah ihr an, dass sie die furchtbare Wahrheit kannte.

Wieder räusperte er sich. Er war ein gewandter Redner, dessen Plädoyers im Gerichtssaal zu Recht berühmt waren. Aber jetzt fehlten ihm einfach die Worte.

»Ich bin Rechtsanwalt.«

Die junge Frau senkte den Kopf. Gott sei Dank, dachte Alexander von Klippstein. Er konnte freier atmen, als sie ihn nicht mehr anschaute.

»Ich wollte fragen, ob ich Ihnen helfen kann. Wenn Sie Rat brauchen … oder Hilfe … Bis die Versicherung bezahlt … Machen Sie sich um Ihre nächste Zukunft keine Sorgen.«

»Von wem kommen Sie?« Ihre Stimme klang tonlos, ohne jeglichen Ausdruck.

»Ich … Sie wissen also nicht, wer ich bin? Ich dachte, die Polizei hätte es Ihnen gesagt.«

»Man hat mir nur gesagt, dass mein Mann tot ist.«

»Es ist furchtbar für Sie …« Alexander fuhr sich mit der Zunge über seine trockenen Lippen. »Ich … habe den Wagen gesteuert, durch den es geschah.«

Der Kopf der jungen Frau ruckte empor.

»Sie?!«, fragte sie so entsetzt, als sei er der Leibhaftige persönlich.

»Ja. Es tut mir sehr leid …« Was für ein unpassender Ausdruck, dachte er. »Ich wollte sagen …« Aber ihm fiel nicht ein, wie er formulieren konnte, was ihn ganz und gar ausfüllte. »Die Bremsen funktionierten nicht. Ich hatte keine Ahnung … Der Wagen kam gerade aus der Werkstatt. Ich hatte ihn dort zur Inspektion.«

»Sie haben ihn getötet.«

Jetzt war ein Ausdruck in ihrer Stimme, der ihn frösteln ließ.

Er begriff, dass sie ihm gar nicht zugehört hatte. Für sie war nur das eine wichtig: dass ihr Mann nicht wiederkam. Heute Morgen hatte er fröhlich das Haus verlassen, war in Eile gewesen, und dann war ein Polizist gekommen und hatte ihr gesagt …

»Wollen wir uns nicht setzen?«, fragte Alexander bittend. »Ich möchte Ihnen alles erklären. Sind Angehörige zu benachrichtigen?«

»Angehörige?«, wiederholte Frau von Milau, als wisse sie nicht, was das sei.

»Eltern, Geschwister. Oder auch Freunde … Menschen, die Ihnen jetzt beistehen können.«

Es dauerte einen Moment, bis die junge Frau begriff, was er meinte. Es fiel ihr entsetzlich schwer, etwas in sich aufzunehmen.

»Nein«, sagte sie dann und schüttelte den Kopf. »Er hatte keine Eltern. Und auch keine Geschwister. Und Freunde … in seinem Betrieb … Bekannte, aber Freunde nicht. Wir leben sehr zurückgezogen.«

»Es tut mir leid. Und von Ihrer Seite? Haben Sie keine Eltern?«

»Nein.«

»Sie können in Ihrem jetzigen Zustand unmöglich allein bleiben.«

Die junge Frau antwortete ihm nicht darauf.

»Haben Sie … schon gefrühstückt?«

»Gefrühstückt?«, wiederholte sie. Sie wusste es nicht mehr. Alles, was vor dem Augenblick lag, in dem der Polizist bei ihr geklingelt hatte, lag eine Ewigkeit zurück.

»Zeigen Sie mir die Küche. Ich mache Ihnen eine Tasse Kaffee.«

»Sie sind schuld daran«, murmelte sie.

»Nein. Nicht direkt. Ich wusste nicht …«

»Sie haben ihn überfahren. Heute Abend wollten wir ins Theater gehen. Er hat zwei Karten besorgt. Für den Figaro. Er liebt Mozart so sehr.«

Alexander senkte den Blick. Er brachte es nicht fertig, diese junge Frau noch länger anzuschauen. Sie hatte noch gar nicht im vollen Umfang begriffen, was der Tod ihres Mannes für sie bedeutete.

»Zeigen Sie mir die Küche.«