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Jerome Oster

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Beschreibung

»Dirty Cops« biete wieder, so Peter M. Hetzel, Lektor von Jerome Oster bei der Erstausgabe im Rowohlt Verlag, seine typische Mischung aus Action und intellektuellem Tiefgang gepaart mit profunden Kenntnissen der populären Musik. Und wieder gibt es "brillante Dialoge" (Stuttgarter Zeitung) aus einer pulsierenden und keuchenden Großstadt: Nach dem brutalen Mord an zwei New Yorker Detectives,m auf den sich sofort die Medien stürzen, gerät Joe Cullen schnell in einen Sumpf aus Gewalt und Korruption, die vor Polizei und Politik nicht Halt macht.

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Seitenzahl: 555

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Sorry

Ein Joe Cullen–Roman #3

Jerome Oster

Übersetzt vonJürgen Bürger

Inhalt

Sorry

Impressum

Widmung

1.Winterwunderland

2.Was Neues über Quintana?

3.Medienrummel

4.Samantha

5.Kopf ab

6.Rücksichtnahmen

7.Redundante Aktenführung

8.Anschlüsse

9.Stille Nacht

10.Bämmm!

11.Todesfälle I

12.Todesfälle II

13.Yo

14.Una más

15.Vorsicht, Joe!

16.Am Arsch vom Kennedy

17.Auftritt

18.Scheiß auf die Verstärkung

19.Quintana

20.Fröhliche Weihnachten!

21.Undertaker, undertaker …

22.Vermutungen

23.Immer noch der 24.

24.Außer Betrieb

25.… und auch das Pferd

26.Ganoven

27.Respekt

28.Weihnachten allein

29.Super–Joe

30.Showtime

31.Mach’s gut

32.Sorry

Über den Autor

Weitere Bücher von Jerome Osdter

Wenn es Nacht wird

St. Patrick’s Day I

St. Patrick’s Day II

Testis unus testis nullus

Sorry

Erste eBook–Ausgabe 2016, v1.0

Titel der amerikanischen Originalausgabe »Fixin’ to Die«, erschienen 1992 bei Bantam Books, New York.Copyright © 1992, 2016 by Jerome Oster

Unter dem Titel »Dirty Cops« zuerst auf Deutsch erschienen 1994 im Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg.

Copyright © 1994, 2016 der deutschen Übersetzung by Jürgen Bürger

Überarbeitete und neu lektorierte deutsche AusgabeRedaktion Giacomo Borghese

Copyright © dieser Ausgabe 2016 bei

spraybooks Verlag Bielfeldt und Bürger GbR, Januar 2016

2016 1

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werks darf in irgendeiner Form ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

spraybooks Verlag

Bielfeldt und Bürger GbR

Remigiusstr. 20, 50999 Köln

www.spraybooks.com

ISBN: 978–3–945684–03–0

für Trisha Lester

1Winterwunderland

Jenny Swale hörte sich zweimal hintereinander die Eurythmics–Version von Winter Wonderland an, drückte dann gleich noch mal den Rückspulknopf des Autoradios. Sie wusste genau, wie lange es bis an den Anfang des Stückes dauerte (sechsmal Mississippi). Als Jenny sich zurücklehnte, um das Stück zum dritten Mal zu genießen, schoss Elvis Polk ihr durch den Kopf.

Diese Version von Winter Wonderland hatte Elvis in seinem ganzen Leben noch nicht gehört, aber sie gefiel ihm immer besser. Das war also nicht der Grund, warum er Jenny abknallte. Für viele Homeboys war Weihnachten ein Feiertag für »Weißbrote«, so interessant wie zweimal Fingerschnippen, aber Elvis fand’s irgendwie gut; er mochte die Kälte, dass es so früh dunkel wurde, und die Bäume und den Schmuck und die Lichter und die ganze Scheiße, es erinnerte ihn an alte Filme, Fernsehsendungen, Zeugs, das er sich reingezogen hatte, damit er nicht dran denken musste, dass es ziemlich kalt war und so früh dunkel wurde und er selbst nie die Bäume und den Schmuck und die Lichter und die ganze Scheiße gehabt hatte, also war auch das nicht der Grund, warum er Jenny abknallte.

Und, echt, eigentlich mochte Elvis Jenny sogar irgendwie: Sie hatte ihm die Handschellen neu angelegt, vorne, sobald sie aus dem Knast raus waren, damit er die zwei beschissenen Stunden im Auto nicht auf den Händen sitzen musste; sie hatte ihm ein Mittagessen spendiert, ein Käse–Schinken–Sandwich auf Roggenbrot und dazu eine Coke; sie hatte ihm den ganzen Nachmittag und auch wieder auf der Rückfahrt die Hände vor dem Bauch gefesselt. Nein, es war einfach an der Zeit, das war auch schon alles, und hier war’s so gut wie an jedem anderen Ort, also blies Elvis ein Loch in Jennys Hinterkopf, dann ballerte er Luther Todd mitten in die Stirn, als Luther beim Knall der handlichen kleinen .22er den Kopf herumriss.

»All’s klar, Luther«, sagte Elvis. »All’s klar, Jenny.«

Elvis verstaute die .22er in seiner Triple Fat Goose und rutschte über den Rücksitz. Trotz der Handschellen bekam er seine Arme über Luthers Kopf und erwischte das Lenkrad gerade noch rechtzeitig, bevor die Karre die Leitplanke entlangschrammelte. Luthers großer Fuß, mit dem Reebok Twilight Zone Pump sogar noch größer, stand immer noch auf dem Gas, und das Gewicht seines Körpers ließ den Volare weiter beschleunigen. Hätte man sich ja denken können: als Luther noch lebte, klebte er wie ne Oma in der Fahrschule an der Geschwindigkeitsbegrenzung; tot trat er das Pedal bis zum beschissenen Anschlag durch.

Elvis rüttelte Luther hin und her, und Luthers Reebok rutschte vom Gas. Der Volare wurde langsamer und langsamer. Elvis lenkte die Karre auf den Seitenstreifen und ließ sie ausrollen. Er hob die Arme über Luthers Kopf zurück und rutschte auf der Rückbank hinter Jenny, die den Schlüssel zu den Handschellen hatte.

Luther sackte nach vorn auf die Hupe und jagte Elvis damit einen Scheißschrecken ein.

Auf der Straße war nicht viel Verkehr, und in den wenigen Autos, die unterwegs waren, saßen Leute, die sich praktisch den Arsch aufrissen, um so schnell wie möglich nach Hause zu kommen, bevor der große Schnee kam – zwanzig bis dreißig Zentimeter laut Wetterbericht, den sie gehört hatten, bevor Jenny fragte, ob einer von ihnen was dagegen hätte, wenn sie WINS abschaltete und die Weihnachtskassette reinschob, aber bei Elvis Polks Geboren–unter–einem–schlechten–Stern–und–wenn’s–nicht–Unglück–wär–dann–hätte–er–überhaupt–kein–Glück–Glück kam noch irgend so ein beschissener Samariter auf die Idee, hier würde um Hilfe gehupt, und daher anhalten, und, zack, müsste er den auch noch umlegen.

Elvis packte den Kragen von Luthers Ice–T–Jacke und zog ihn von der Hupe zurück. Er fischte den Schlüssel aus der Seitentasche von Jennys Lederjacke und öffnete die Handschellen.

Nachdem er das leichte Kribbeln aus den Handgelenken massiert hatte, als er über den Sitz zum Armaturenbrett gegriffen und den Zündschlüssel gedreht hatte, die Scheinwerfer und den Motor und das Weihnachts-Tape ausgemacht hatte, das ihn nun doch langsam echt fertigmachte, als er ruhig und gleichmäßig durchatmete, da überlegte Elvis beiläufig, später irgendwo von der Straße runterzufahren und Jenny Swale zu bügeln, tot oder nicht. Jenny war absolut nicht Elvis’ Typ von She–ra – sie hatte winzig kleine Titten und dürre O–Beine; Elvis stand auf richtige Mammas und einen breiten Hintern –, aber sie war nun mal die einzige She–ra weit und breit. Und Elvis hatte schon lange keine She–ra mehr gebügelt, sein Typ oder nicht sein Typ, er hatte’s sich nur selbst gemacht oder von irgendeinem Grünschnabel im Knast Mund oder Arsch gekriegt. Seit er das letzte Mal auf der Straße gewesen war, nachdem er für irgendwas sitzen musste, an das er sich nicht mal mehr erinnern konnte, Sommer war’s jedenfalls gewesen, als die Miniröcke angeblich ihr großes Comeback feierten, die Nutte, die er auf der Forty–deuce aufgegabelt und in einem Motel auf der Twelfth Avenue gebügelt hatte, die hatte einen an, der gerade mal ihren Schlitz bedeckte, und jetzt waren Minis wieder out, hatte er zumindest gehört, She–ras trugen die Kleider heute praktisch bis zum Boden, und bei Elvis’ Geboren–unter–einem–schlechten–Stern–und–wenn’s–nicht–Unglück–wär–dann–hätte–er–überhaupt–kein–Glück–Glück hatte er die ganze beschissene Sache verpasst.

Das Problem war, Elvis würde Jenny nicht bügeln können, solange Luther dasaß, tot oder nicht. Das würde Luther beleidigen, genauso wie’s Luther beleidigen würde, Luther einfach raus auf den eiskalten Boden zu kippen, während Elvis hier drinnen Jenny bügelte. Elvis sollte Jenny draußen auf die kalte Erde kippen, denn dann würd’s Luther nicht ganz so beleidigen, wenn er sie bügelte, aber, echt jetzt, dabei würde er sich doch todsicher seinen Louisville Slugger abfrieren.

Elvis kannte Luther zwar kaum, aber Luther war für ihn was ganz Besonderes: Er wollte Luther sein. Ein blondes, blauäugiges Weißbrot, das den Namen des berühmtesten Weißbrots aller Zeiten trug (oder damit geschlagen war, so sah er die Sache), so ungefähr, ein Mann, dessen Fans ihn nicht sterben lassen wollten, trotz der fotografischen Beweise (denn Bilder lügen gottverdammt nicht), wie er da tot lag, um seine beschissene Kommode gewickelt, weil, Elvis Polk war den größten Teil seines Lebens mit Homeboys rumgezogen (und vor weißen Bullen abgehauen), im Knast und auf der Straße. Elvis ging wie ein Homeboy, redete wie ein Homeboy, dachte wie ein Homeboy, fühlte wie ein Homeboy. Das Problem war nur, im Knast und auf der Straße, Elvis hatte es ganz klar an vernünftigen Homeboy–Vorbildern gefehlt – mit dem Ergebnis, dass er am Ende so viel Zeit im Knast und auf diesen besonders miesen Straßen verbracht hatte, wie er eben dort verbracht hatte.

Elvis kannte Luther kaum, aber Luther war ein Homeboy, den er sich zum Vorbild nehmen konnte; Luther war ein Homeboy, den Elvis bewundern konnte; Luther war ein Homeboy, den Elvis fast sogar lieben konnte.

Auf der Fahrt runter vom Knast war Elvis total drauf abgefahren, wie Luther von seiner Jugend in East New York quatschte: mit einer Posse rumziehen (nur dass man damals noch nicht Posse sagte, erklärte Luther, es war schlicht und einfach eine Gang), sich mit anderen Gangs um Reviere prügeln, Juden und Spaghetten und Iren aufmischen, 45er–Platten und Comics und Limos und Twinkies und Kools klauen, und wie ihm dann eines Tages die Augen aufgingen, als ein cooler Bulle vom Drogendezernat in Luthers Schule einen Vortrag hielt, und wie er Luther tief beeindruckte, als er sagte, eine Nummer auf einer Polizeimarke stehen zu haben wäre erheblich besser, als eine vor sich zu halten, wenn man fürs Verbrecheralbum geknipst wird, oder als ne Nummer auf dem Schildchen am dicken Zeh im Leichenschauhaus. Wenn Elvis Luther vielleicht ein bisschen früher getroffen hätte, wenn er nicht unter einem schlechten Stern geboren wäre, wenn er nur ein bisschen Glück außer immer nur Un–Glück gehabt hätte, vielleicht wäre Elvis dann ja auch Bulle geworden. Er hoffte, es würde Luther nicht beleidigen, er hoffte, es wär so was wie R–e–s–p–e–k–t, was Luther vielleicht sogar verstehen und schätzen könnte, wenn Elvis die Latschen auszog, die er an den Füßen hatte, und stattdessen Luthers echt geile Reebok Twilight Zone Pumps anzog, damit er sich immer an Luther erinnern würde.

Und außerdem, Elvis hätte kein gutes Gefühl dabei, Jenny Swale zu bügeln, wo sie doch so nett zu ihm gewesen war, wo sie ihm die Handschellen bequemer angelegt hatte, ihm ein Mittagessen spendiert hatte, ihm die ganze Rückfahrt die Hände vor dem Bauch gefesselt hatte, wie sie Luther und ihn gefragt hatte, ob sie was dagegen hätten, wenn sie WINS ausmachte und dafür die Weihnachtskassette reinschob. Elvis hatte echt Probleme, She–ras zu bügeln, die nett zu ihm waren: bei denen kriegte er nie einen Ständer, alles blieb ganz weich und schrumpelig. She–ras, die ihn wie Scheiße behandelten, die konnte er bügeln, bis sie wund waren und er auch, er konnte sie bügeln, bis ihm sein Louisville Slugger abfiel.

Also stieg Elvis aus, streckte sich, ging um den Volare und stieg auf der Fahrerseite ein. Er schubste Luther solange mit der Hüfte, bis er genug Platz hatte, den Hebel der altmodischen Lenkradschaltung zu bearbeiten. Er drehte den Zündschlüssel, die Scheinwerfer flammten auf, der Motor sprang an und die Eurythmics legten schon wieder los, über klingelnde Schlittenglöckchen und glitzernden Schnee und all die ganze Scheiße zu nölen. Elvis wollte diesen beschissenen Song nie wieder hören, und gerade rechtzeitig zu den Fünf–Uhr–Nachrichten auf WINS schaltete er von Kassette auf Radio um.

Die übliche Scheiße: irgendwo war irgendein Flieger abgeschmiert; woanders hatte’s ein Erdbeben gegeben; irgend so ein großer Kaffeeröster behauptete, es sei eine beschissene Lüge, in ihrem kolumbianischen Kaffee fände man schon mal Rattenkötel; der Bürgermeister sagte, er hätt’s nicht so gemeint, dass der Gouverneur ein Waschlappen ist; der Gouverneur sagte, er hätt’s nicht so gemeint, dass der Bürgermeister ein Arschloch ist.

So ne Scheiße musste sich Elvis wirklich nicht anhören. Was er jetzt brauchte, war Frankie Crocker! Wie Frankie gern sagte: Ist Frankie Crocker nicht in deinem Radio, dann ist dein Radio nicht an. Elvis switchte auf 107.5, aber auch da nur Nachrichten. Irgend so eine She–ra quasselte davon, ein ehemaliger Cop wünsche allen Cop–Killern im Empire State ein ausgesprochen unglückliches und ungesundes Neues Jahr.

»State Senator Steven Jay Poole aus Manhattan«, sagte die She–ra–Ansagerin, »ein ehemaliger Undercoveragent des New York Police Department, der seit einer Schießerei mit Drogengangstern im Jahre 1978 von der Taille an abwärts gelähmt ist, äußerte sich optimistisch, was die Chancen einer Wiedereinführung der Todesstrafe in New York State betrifft. Wie allgemein bekannt, wurde seit 1963 keine Hinrichtung mehr vollstreckt. Bei einer Pressekonferenz vor dem Polizeipräsidium sprach Poole eine eindeutige Warnung an jeden aus, der eine Waffe auf einen Polizeibeamten richtet …«

Dann eine sanfte Männerstimme. Nicht so sanft wie Frankie Crocker. Wenn Frankie Crocker etwas sagte wie, also, wenn er sich, direkt bevor er Moody’s Mood spielte, Nacht für Nacht für Nacht auf immer die gleiche Art verabschiedete – »Das war super, und wie immer wart ihr dabei, jeder von euch soll hundert werden, und ich hundert weniger einen Tag, damit ich nie erfahre, dass so nette Leute wie ihr nicht mehr unter uns sind« –, da wusste man, dass er wusste, dass es nur Gerede war, wenigstens zum Teil. Dieses bescheuerte Arschloch Poole war einfach nur Eis, mehr nicht, nur Eis: glatt und gleichzeitig schartig und scharf und kalt und tödlich.

»… lebenslange Inhaftierung für ein Tier, das einen Cop umbringt oder einen Sheriff, einen Deputy, einen Gefängniswärter, einen State Trooper, irgendeinen Hüter von Recht und Ordnung, das ist eine merkwürdig luxuriöse Strafe für Mord. Wie erklären wir den Hinterbliebenen nach einem Mord an einem Cop oder einem Sheriff, einem Deputy, einem Gefängniswärter, einem State Trooper, irgendeinem Hüt–«

Elvis musste sich so ne Scheiße wirklich nicht anhören. Er schaltete das Radio aus. Erstens: immer wenn irgendwer New York den Empire State nannte, musste Elvis an seine Moms denken, die es so beschissen süß fand, wenn Klein–Elvis dachte, die Leute würden New York den Vampire State nennen, dass sie es dauernd von ihm hören wollte; sie zeigte dann auf das Empire State Building, das sie von ihrer Wohnung im beschissenen Corona sehen konnten, und fragte: »Wie heißt dieses große Haus da vorn, Elvis?« Und er antwortete: »Das ist das Vampire State Building, Moms«, sogar noch, als er längst wusste, dass es nicht das Vampire State Building war. An seine Moms zu denken war fast noch schlimmer, als bescheuerten Arschlöchern zuhören zu müssen, die Cop–Killern ein besonders unglückliches und ungesundes Neues Jahr wünschten.

Elvis rechnete nach. Nicht mehr ganz eine Stunde, bevor sie eigentlich wieder im Knast sein sollten, bevor alle durchgezählt wurden und bevor sie merkten, dass einer fehlte. In einer knappen Stunde schaffte er locker fünfzig Meilen; und falls er keinen Smoky reizte, einen Bullen von der Highway Patrol, dann konnte er in einem anderen Staat sein. Also tat sich ja vielleicht doch mal was mit seinem Geboren–unter–einem–schlechten–Stern–und–wenn’s–nicht–Unglück–wär–dann–hätte–er–überhaupt–kein–Glück–Glück. Vielleicht hatte Elvis Polk diesmal Glück.

Er schaltete das Radio gerade rechtzeitig wieder ein, um den Rest der Nachrichten zu verpassen und stattdessen Frankie Crocker eine andere Sache sagen zu hören, die er immer wieder gern sagte: »There ain’t no other like this brother«, und wie er den Sendernamen durchgab – »WBL Kicking S.« Dann legte Frankie Foxy Browns Cover von Tracy Chapmans Baby Can I Hold You auf.

Elvis sang mit:

»Sorry, is all that you can’t say.Years gone by and still words don’t come easily.Like sorry, like sorry.Forgive me, is all that you can’t say.Years gone by and still words don’t come easily.Like forgive me, forgive me.«

Die ersten Schneeflocken wirbelten in den Lichtkegeln der Scheinwerfer, auf dem Sitz neben ihm zwei tote Hüter von Recht und Ordnung, ihr Blut und ihr Hirn auf dem Armaturenbrett, auf dem Fahrersitz, auf der Windschutzscheibe.

2Was Neues über Quintana?

»Könntest du den Deejay bitten, einen langsamen Schmusesong aufzulegen?«, sagte Ann Jones.

Joe Cullen konzentrierte sich darauf, das zu halten, was er für den Takt von Kyzes Stomp (Jump Jack Your Body) hielt. »Fühlst du dich alt?«

»Altmodisch. Ich berühre meinen Partner gern so alle vierzig oder fünfzig Nummern. Frag ihn mal, ob er nicht As Time Goes By auflegen kann.«

»Ich glaube kaum, dass diese Sorte Deejays Plattenwünsche erfüllt. Er ist so was wie ein Künstler auf Erfolgskurs.«

»Ist das so was wie Schinken auf Roggenbrot? Maria hat erzählt, Quincy wollte eigentlich Frankie Crocker als Deejay engagieren.«

»Frankie wär toll gewesen«, erwiderte Cullen.

Ann verdrehte die Augen und ging von der Tanzfläche, ließ Cullen beim Powackeln allein. Eine Zeitlang tat er so, als würde er lieber solo tanzen, als aufzuhören, dann folgte er ihr. Er presste eine Hand auf die linke Hüfte, die ihm durch das ungewohnte Drehen und Winden richtiggehend wehtat.

Ann lehnte am Geländer der Wendeltreppe, die sich ins Erdgeschoss schraubte. Als Cullen zu ihr ging, drehte sie sich abrupt um. »Jesus, es ist schon wieder passiert! Ich dachte, du würdest von vorne auf mich zukommen, nicht von hinten. Ein merkwürdiges Haus.«

Zu den Merkwürdigkeiten gehörte unter anderem: Es sah aus wie eine gigantische Bowlingbahn oder vielleicht auch wie ein Discounter für Haushaltsgeräte, irgendwo draußen, wo die Queens und Nassau Counties fließend ineinander übergehen. Außen – mindestens tausend Zementmischerladungen Stahlbeton, die harten Winkel kaum geglättet unter den gut fünfzehn Zentimetern Schnee, der über Nacht gefallen war und den der Verkehr bereits von jungfräulich in schlampig verwandelt hatte; und innen – eine zarte Faust in einem derben Handschuh, Meilen um Meilen Spiegel. Wände, Decken, Türen, Flure – alles, was nicht mit Teppich ausgelegt war, war verspiegelt. Und in allen Spiegeln spiegelten sich die anderen – und spiegelten alles und jeden, der in ihnen gespiegelt wurde. Und warf die Spiegelbilder zurück und noch mal zurück, und so ging’s endlos weiter. Dieser Mann, der da auf einen zukam (oder ging er von einem fort?), war man das selbst oder war es jemand anderer? Diese kokette Frau da – lächelte sie dich an oder jemand anderen oder vielleicht auch nur … sich selbst? In manchen schmaleren Korridoren entfernte sich eine ganze Phalanx von einem selbst nach rechts in die Unendlichkeit, zurück in die Vergangenheit, während auf der linken Seite eine andere Phalanx der Zukunft entgegenmarschierte. Oder war’s genau andersherum?

Allein (dachte er) auf einer Herrentoilette, hatte Cullen leise, aber doch hörbar Tracy Chapmans Baby Can I Hold You gesungen. Als er aus der Kabine heraustrat und an seinem Einstecktuch fummelte, war er rot geworden, als er bemerkte, dass er von einem Dutzend Männern umgeben war, die ebenfalls an ihren Einstecktüchern fummelte, und hatte dann gegrunzt, als ihm klar wurde, dass sie er waren und er sie.

Das Haus hatte einen Namen, Boulevard Manor, aber genauso gut hätte es keinen haben können, denn Boulevard Manor gab keinerlei Hinweis auf Zweck und Daseinsberechtigung des Gebäudes: Hochzeiten. Power–Hochzeiten mit Brautjungfern und Trauzeugen und Blumenmädchen; mit der Cousine der Braut (oder war es die Tante des Bräutigams?), die mal für Star Search vorgesungen hatte und jetzt a cappella Both Sides Now oder The First Time Ever I Saw Your Face trällerte; mit (in diesem Fall) königsblauen Plastik–Sektquirlen – Maria & Quincy 14. Dez. 1991 – gekrönt von Figürchen einer archetypischen weißen Braut mit Schleier und Schleppe und, einen halben Kopf größer, im Cutaway, einem archetypischen weißen Bräutigam – kein Problem, dass die echte Braut eine Latina war, ein schulterfreies Minikleid trug und genauso groß war wie der afroamerikanische Bräutigam in taubenblauem Smoking, und das auch nur, weil er einen zehn Zentimeter hohen Fade Haircut hatte.

Die Hochzeit von Maria Esperanza, Detective in der Internal Affairs Unit des New York City Police Department, und Stacy Ladislaw, Gerichtsdiener beim Bronx County Criminal Court, im Tristan–und–Isolde–Raum war nur eine von einem ganzen Haufen Hochzeiten, die an diesem Nachmittag stattfanden. Einen Spiegelkorridor hinunter nach links heirateten Tamara und Nathan im Dante–und–Beatrice–Raum. (Cullen, ebenfalls Cop, Maria Esperanzas Partner und stets auf dem Laufenden, was Spuren betraf, hatte diese Information von einem Sektquirl, den einer der jungen Angestellten des Hauses fallen gelassen hatte, die der Feier eine Weile entfliehen konnten und sich nun auf dem Flur mit den Quirlen als Degen duellierten.) Rechts lag der Romeo–und–Julia–Raum, in dem Lourdes Jaime ehelichte. In Hero–und–Leander auf der anderen Seite des Foyers im zweiten Stock heirateten Antonia und Antonio (»Klingt wie Shakespeare«, meinte Ann, als sie und Cullen die Anschlagtafel im Foyer studiert hatten). In Orpheus–und–Eurydike heirateten Poppy und Barry.

Und das waren nur die Frühveranstaltungen. Lourdes’ und Jaimes Zeremonienmeister warf einen Blick auf seine Uhr und zwirbelte seine Stirnlocke, da die Hochzeit den Regeln der Latino–Zeit gehorchte – was hieß, sie begann zwei Stunden zu spät –, und der Maître d’ (ein Gringo) hatte für sechs Uhr noch Amy und Nguyen im R–J eingeplant. Sharon und Neil, Melanie und Don (auf gar keinen Fall Griffith und Johnson), Latifa und Sharif sowie Ye–Mei und Shi Jei hatten ihre Sprünge in den heiligen Stand der Ehe für diesen Abend geplant, und zwar jeweils im Pygmalion–Galatea, Cupido–Psyche, Apollo–Daphne, Echo–Narcissus. »Eine Menge von diesen Pärchen haben’s nicht geschafft zusammenzubleiben«, hatte Ann gesagt. »Meinst du, die wissen das?« Und: »Die haben einen Raum für Bonnie und Clyde vergessen.«

Ann hatte sich aufs Geländer gesetzt, womit sie Cullen nervös machte, der unter leichter Höhenangst litt, und beobachtete Antonia und Antonio, die auf einer Bank für einen Fotografen mit einer Hasselblad posierten, der ein unerschütterliches Gespür dafür zu haben schien, welche Haltungen Glückseligkeit suggerierten und welche nicht. Die angespannten Lippen der schwarzäugigen Antonia und ihre energisch verschränkten Ellbogen verrieten, dass ihrer Meinung nach der Fotograf voller Scheiße war; Antonio, der von seinen etwas abseits stehenden Freunden und den Kellnern aufgezogen wurde und Angst vor Antonias Mutter mit ihrem schwarzen Schnurrbart hatte, die Hüfte an Hüfte neben dem Fotografen stand und versuchte, durch schiere körperliche Präsenz einen Blick durch den Sucher zu erhaschen, grinste dümmlich und tat, was man ihm sagte.

»Ich hab beschlossen, Vegetarier zu werden«, meinte Ann.

Cullen lächelte – erleichtert. Er war ziemlich sicher gewesen, sie würde eine Bemerkung über Hochzeiten machen, speziell über die eigene, da sie jetzt schon viereinhalb Jahre zusammen waren. »Ja. Das Roastbeef war ziemlich grausig.«

»Den Ausschlag gegeben haben Calamari«, sagte Ann. »In Restaurants esse ich gern Calamari, aber ich hatte nie daran gedacht, sie auch mal zu Hause zu machen. Neulich abends bin ich dann nach der Arbeit noch auf einen Sprung in dieses Fischgeschäft am Broadway, das rund um die Uhr geöffnet hat. Mir war nach Shrimps – also, eigentlich wollte ich ja nur eine Cocktail–Sauce –, aber Calamari gab’s gerade im Angebot, also habe ich welche gekauft. Ich dachte mir, ich wende das Zeug in Panade und frittiere es einfach, aber nur so zum Spaß hab ich dann doch einen Blick in Freude am Kochen geworfen. Da stand – und das werde ich nicht vergessen, solange ich lebe – da stand: Bevor Sie Tintenfisch oder Kraken kochen, vergewissern Sie sich unbedingt, dass sie tot sind.

Da stand noch mehr: irgendwas über einen finalen Schlag, aber das habe ich nur überflogen. Finaler Schlag, Salz nach Geschmack, sautieren in extra–unverbleitem Olivenöl – extra vergine.«

Cullen lachte.

Ann rutschte vom Geländer. »Wie steht’s damit? Ist Maria extra vergine?«

Er trat einen Schritt zurück – um sie besser sehen zu können, und einfach nur für alle Fälle. Manchmal, wie ein auf Irrwege geratener Pingpongball, manchmal, wie ein Querschläger, arbeitete ihr Verstand auf äußerst verschlungenen Wegen. »Mit dir alles okay?«

»Ach, komm … Ihr müsst doch schon mal über solche Sachen geredet haben, wenn ihr in eurem alten Streifenwagen durch die Gegend kutschiert. Wenn ihr gerade mal keine Ganoven einlocht, keine Katzen von alten Damen aus Bäumen rettet, Luxuslimousinen, die in zweiter Reihe parken, keine Strafzettel verpasst oder von pakistanischen Zeitungsverkäufern Schmiergeld kassiert: Wo hast du deine Jungfräulichkeit verloren, und falls noch nicht, warum nicht? Ist Maria extra vergine oder extravertiert«

Cullen wollte schon spitzfindig herumkritteln – dass sie mit ihren Privatwagen fuhren, mit seinem Valiant oder Marias Taurus, nicht mit Streifenwagen; dass sie nichts mit normalen Verbrechen oder in Lebensgefahr schwebenden Haustieren oder ruhendem wie fließendem Straßenverkehr zu tun hatten; dass Schmiergelder graue Steinzeit waren, und moderne Cops Kriminelle in die Mangel nahmen, die reichlich Bares parat hatten, und sowohl unfähig als auch unwillig waren, Cops zu verpfeifen, wollte kritteln und sich fragen, welcher Teufel Ann jetzt wieder ritt. Maria Esperanza rettete ihn, als sie genau in diesem Augenblick auftauchte – mit ihrer spektakulären Figur sowohl Magnet für die Blicke von Antonios Freunden und auch Antonio selbst, als auch Zielscheibe für Pfeile abgeschossen von der schwarzäugigen Antonia und ihrer schnurrbärtigen Mutter. »Hallo, Leute.«

»Selber hallo«, erwiderte Ann. »Du siehst aus wie eine Göttin. Ich wollte Joe gerade fertigmachen, weil er eine beschissene Göttin als Partnerin hat.«

War es das, was sie beschäftigt hatte? Nein, das glaubte Cullen nicht.

Maria lächelte, aber ihre Miene war finster. »Maslosky hat angerufen und wollte dich sprechen, Joe. Man hat dich nicht gefunden, also bin ich rangegangen. Er hat sich entschuldigt – Maslosky –, er war höflich wie nur was, das war er wirklich.«

»So höflich wie eine Boa constrictor?«

»War er wirklich. Er wollte mir nicht sagen, um was es geht, er hat einfach nur gesagt, du sollst s. b. w. m. anrufen.«

Sofort begann Cullens Hüfte wieder zu pochen. Er versuchte, unbekümmert zu wirken, und legte beruhigend eine Hand auf Anns Arm, wollte, dass sie sich keine Sorgen machte. »Maslosky kann einfach nicht mit dem Computer umgehen. Er braucht immer Hilfe, wenn er was sucht. Das ist wahrscheinlich alles.«

Anns Arm war eiskalt und hart, seiner durchsichtig: er tauchte in keinem der zahlreichen verfügbaren Spiegel auf. Wie bei einem Vampir. »Manchmal denke ich«, hatte Ann das letzte Mal gesagt, als sie mitten im Spaß vom Klingeln des Telefons gestört wurden, oder vielleicht war’s auch das Mal davor gewesen, »dass du gern Staatsdiener bist, weil es dich so oft aus deinen privaten Verpflichtungen herausreißt.«

»Vergiss nicht, wir sind mit deinem Wagen hier. Ich habe keine Lust, bei dem Schnee hier draußen mitten im Nirgendwo festzusitzen. Tut mir leid, Maria. Es ist nicht mitten im Nirgendwo, ich will nur einfach nicht hier draußen festhängen.«

Maria berührte Anns Hand. »Ich wüsste auch nicht, wie ich wieder nach Hause kommen sollte.« Mit rauer Stimme fügte sie hinzu: »Scheiß–Maslosky.«

Ann pflichtete ihr bei. »Genau, Scheiß–Maslosky.«

»Ich komme zurück«, sagte Cullen und ging mit einem leichten Humpeln nach unten.

»Er kommt zurück«, brummte Ann.

»Er kommt zurück«, sagte Maria. »Sie kommen immer zurück … Was ist los, Annie? Reagierst du immer so gereizt, wenn einer seine Freiheit aufgibt?«

»Das sagen doch Männer, Typen sagen das, wenn einer von ihnen heiratet.«

»Was sagst du denn, wenn eine Schwester heiratet?«

»Mazel tov. Wie sagt ihr das auf spanisch?«

»Felicidades.«

»Felicidades.«

»Sagst du das wirklich? ¿De veras?«

Ann zuckte mit den Achseln. »Was immer ich sage, manchmal denke ich: Hey, leck mich. Ich will sowieso nicht heiraten, also: Leck mich. Joe hat diese … diese Bedingung gestellt. Er will mit der Hochzeit warten, bis seine beiden Kids auf dem College sind. James hat dieses Jahr auf dem Rutgers angefangen, Tenny hat noch zwei Jahre Highschool vor sich. Ich fürchte, wenn sie aufs College geht, will er noch warten, bis beide ihr Studium abgeschlossen haben, und dann, bis beide ihren Doktor haben, dann, bis sie einen Job finden, und dann, bis sie heiraten.«

»Quincy hatte auch eine Bedingung«, sagte Maria. »Er wollte warten, bis er genauso viel verdient wie ich. Ich hab zu ihm gesagt: Du kannst mich mal. Männer sind unzuverlässige Waschlappen. Es ist unsere Aufgabe, sie zu neuen Erfahrungen zu führen, sie an die Hand zu nehmen und ihnen gleichzeitig ordentlich in den Arsch zu treten.«

»Sie tun immer so smart«, sagte Ann, »so fähig. Sie tun so, als wüssten sie alles über uns. Und sie wissen einen Scheißdreck. Das hasse ich so an Frankie Crocker.«

Maria lachte. »Du hasst Frankie Crocker wirklich!«

»Nicht seine Aint’t–no–other–like–this–brother–Einstellung. Damit kann ich leben. Es ist schillernd, es ist harmlos. Ich hasse seine herablassende Art. Das Schaumbad. Kennst du das Schaumbad?«

Maria machte ihre Stimme Frankie–Crocker–sanft und schwarz. »Stress–Killer. Die Chance für arbeitende Mädels im ganzen Land, sich zu entspannen und die Sorgen des Tages abzustreifen … Normalerweise ist Quincy immer rechtzeitig fürs Schaumbad zu Hause«, fuhr sie mit normaler Stimme fort. »Manchmal, wenn ich nach der Arbeit zu ihm gekommen bin, hatte er es für mich aufgenommen. Die Musik ist geil, Annie, das kannst du nicht bestreiten. Frankie hat Geschmack. «

»Es ist seine Arroganz. Wie er sich vorstellt, in die Badewanne zu gleiten, unsere Rücken zu schrubben, unsere Hälse zu massieren, uns abzutrocknen, uns mit Cremes und Puder zu verwöhnen. Er will nur seinen Schwanz vor unseren Gesichtern baumeln lassen. Genau das sagt er nämlich wirklich, nur dass er es eben nicht sagt.«

Maria hörte, wie jemand ihren Namen rief, und antwortete mit einer Handbewegung, dass sie gleich da sei. »Meine Mutter hat wahrscheinlich Angst, Quincy und ich hätten uns schon gestritten. Reg dich wegen Frankie Crocker nicht auf; er ist auch nur ein Typ. Ich drück dir und Joe die Daumen. Er ist ein sehr anständiger Mann. Und muy guapo.«

»Joe nennt mich immer guapa – das hat er übrigens von dir –, wenn es zwischen uns kriselt. Er glaubt, wenn er wie ein Mambo–King quatscht, würde ich nachgiebiger.«

Maria drehte sich zum Gehen um, nahm dann aber Anns Hände und drückte sie. »Ich möchte mal was mit dir unternehmen, Annie – nur wir beide. Wenn Quincy und ich von den Inseln zurück sind. Aber ich möchte dir noch sagen, dass ich dich in deinem neuen Job richtig super finde. Ich weiß, dass du gemischte Gefühle gegenüber dem Fernsehen hattest. Ich weiß, es ist bestimmt ganz schön hart, mit einer Frau wie Samantha Cox zusammenarbeiten zu müssen …«

Ann lachte. »Hart? Samantha?«

»… aber ich finde, was du jetzt machst, ist viel direkter als deine Kolumnen. Wichtiger, für mehr Menschen. Deine Quintana–Davidoff–Reportagen mag ich ganz besonders. Das ist mitreißend.«

»Quintana Davidoff. Jedermanns Lieblingsopfer. Meinst du, es liegt an ihrem Namen?«

»Es liegt an ihrem Versprechen.«

Ann nickte. Sie drückte der Braut einen Kuss auf die Wange. »Danke, dass du das alles gesagt hast. Tut gut, so was zu hören. Felicidades. Und jetzt geh wieder rein.«

»Hi.«

Ann sah Cullens Spiegelbild in einem Spiegel, drehte sich aber nicht zu ihm um. »Und? Computerneurose?«

»Zwei Detectives wurden erschossen. Luther Todd und Jenny Swale von der Air Cargo Hijacking. Der Täter ist wahrscheinlich ein Knacki namens Elvis Polk. Letzten Monat ist auf dem Kennedy ein Ding nach dem gleichen Muster durchgezogen worden, wie eine andere Geschichte vor ein paar Jahren. Polk hat gesessen, weil er versucht hat, Diebesgut aus diesem älteren Ding zu verhökern. Die Detectives haben ihn aus Wallkill in die Stadt geholt. Sie wollten mal hören, ob er ihnen vielleicht ein paar Namen vorträllert.«

Cop–Sprache. Normalerweise redete er außer Dienst nicht wie ein Cop. Wer einen Cop erschoss, traf jeden Cop persönlich. »Tut mir leid. Kanntest du sie?«

»Nein.«

»Musst du weg?«

»Nicht sofort. Um fünf ist eine Besprechung.«

»Waren sie korrupt?«

»Soweit ich weiß, nicht. Aber es ist Standard, sie zu überprüfen.«

»Das wird sicher kein Spaß.« Er war guapo, verdammt. Bis fünf war noch jede Menge Zeit, mit ihm nach Hause zu fahren und ihn um den Verstand zu vögeln, und genau das wollte sie jetzt. Aber sie wusste, so würde es nicht laufen. Seine linke Hand war zur Faust geballt, und sie bohrte sich in seine rechte Hüfte. Was bedeutete, dass ihm die Hüfte wehtat, und sie tat weh, weil er vor hundertdreiundvierzig Tagen (aber wer zählte schon mit?) einen Schuss genau in diese Hüfte bekommen hatte. Genau genommen tat ihm die Hüfte immer weh; das war oft genug der Grund, warum er keinen hochbekam oder hochhalten konnte; jetzt würde er wieder in einem Meer aus Schmerzen schwimmen, hart und angespannt sein – nur nicht da, wo sie ihn hart haben wollte. »Woher hatte Elvis Polk die Kanone?«

»Sie gehörte weder Todd noch Swale. Polk hat die beiden auf einer kleinen Landstraße im Rockland County aus dem Wagen geworfen. Ihre Kanonen hatten sie noch. Er hat das Auto von Swale und die Schuhe von Luther mitgenommen.«

»Seine Schuhe?«

»Ja, du weißt schon – seine Power–Turnschuhe.«

Ann nahm seinen Arm und drückte ihn an sich. »Es tut mir leid. Und es tut mir auch leid, dass ich vorhin so miesepetrig war.«

»Hochzeiten …«

»Arbeit. Das ist jetzt nicht der richtige Augenblick, darüber zu reden.«

»Reden wir drüber. Denn ich möchte lieber nicht über tote Cops reden.«

Ann drehte sich zu ihm, damit sie sich in jedem Spiegel sehen konnte. »Die Leute glauben, mich würde die Arbeit mit Samantha fertigmachen. Aber Samantha ist schon in Ordnung. Sie ist eben, wie sie ist. Sie ist der Star, und ich spiele nur eine kleine Nebenrolle, und das ist schon okay so. Was mich aber wirklich fertigmacht ist, Abend für Abend zu den Leuten nach Hause zu gehen. Man muss sich dafür anziehen, man muss präsent sein. Es ist nicht so, wie damals bei der Zeitung, keine Jeans, T–Shirts und Turnschuhe mehr, nicht mehr die Beine auf den Schreibtisch legen, den Laptop auf dem Schoß, eine Tüte Fritos in der Schublade, in der Nase bohren, wenn mir danach ist, an meinem Slip zupfen, wenn er zwickt, sich den ganzen Nachmittag, den ganzen Tag, mehrere Tage Zeit lassen können, um sich einen Anreißer, ein Wort einfallen zu lassen. Wenn mir ein guter Anfang für einen Artikel einfiel, habe ich mir einfach den Rest des Tages freigenommen – habe mir einen Film im Thalia angesehen, als es noch ein Thalia gab, oder im Theatre 80. Heute gehe ich auf Sendung und muss meinen Einfall mit Millionen wildfremder Menschen teilen.

Ich habe noch nie etwas geschrieben, das für so viele so unmittelbar war wie die Reportagen, die ich über Quintana Davidoff gemacht habe. Als ich gerade bei der News anfing, hat mal ein alter Hase zu mir gesagt, wenn ich je zwei Leserbriefe wegen eines Artikels bekäme, den ich geschrieben hatte, dann könnte ich guten Gewissens behaupten, ich bekäme körbeweise Post. Und er hatte recht. Aber das Fernsehpublikum steht in einer direkten Beziehung zu dir, du kannst dieses Kribbeln spüren. Die meisten Abende sind wir noch auf Sendung, und schon klingeln die Telefone. Die Leute wollen dir ihre Meinung sagen zu dem, was du gerade gesagt hast. Sie wollen dir widersprechen, sich streiten, dich korrigieren oder dir zustimmen. Es ist anstrengend.« Ann sah auf ihre Uhr. »Können wir noch was tanzen, bevor du wegmusst? Oder wäre das grausam?«

»Ich hatte noch keine Gelegenheit, mit Quincy zu sprechen«, sagte Cullen. »Das sollte ich noch. Gibt’s was Neues über Quintana?«

Ann schüttelte den Kopf. »Nein. Quintana ist immer noch tot.«

3Medienrummel

»Wenn ich Präsident bin, werden die Leute einmal im Jahr in Badekleidung zur Arbeit gehen müssen. Jeder: der Chef und der Junge aus der Poststelle, der Schuldirektor und der Hausmeister, der Bürgermeister und die Politesse. Nicht, um zu provozieren, nicht aus Spaß, sondern um Bescheidenheit auszudrücken und Gleichheit zu zeigen. Jeder wird die Unvollkommenheiten der anderen die eigenen sehen. Den Rest des Jahres wird dann jeder netter sein, netter zueinander.«

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