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Geld ist sexy. Und davon hat David Bolton genug, deshalb hält sich der Tycoon für unwiderstehlich. Bolton leistet sich den Luxus, Menschen zu kaufen wie andere Rennpferde. So begehrt er auch Cameron Cornell, den das Finanzmagazin »Fortune« zum besten Manager der Welt kürte. Zudem ersteht Bolton mit dem Zahlenjongleur auch dessen hinreißend schöne Ehefrau Faith. Doch pure Geilheit ist nicht der Antrieb des Hightech-Unternehmers. Für ihn sind Menschen Material, Wachs in seinen Händen, das er beliebig formen kann. Er kann sexuelle Begierden mit Macht stillen, während seine Frau Helen der Wollust frönt.
Wenn vier Menschen in jeder Beziehung voneinander abhängig sind, entsteht nicht nur ein erotisches Spannungsfeld. Heimtückische Energien werden eruptiv freigesetzt, die alle Beteiligten an den Rand des existentiellen Abgrunds manövrieren.
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Seitenzahl: 192
Veröffentlichungsjahr: 2021
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Erste eBook-Ausgabe 2021
Titel des amerikanischen Originalmanuskripts LUST, 1999
Copyright © 1999, 2021 by Jerome Oster
Copyright der deutschen Übersetzung © 1999, 2021 by Jürgen Bürger
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werks darf in irgendeiner Form ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
ISBN: 978-3-945684-25-2
eBook v1.0, September 2021
Copyright © dieser Ausgabe 2021 bei spraybooks Verlag Köln
Redaktion: Doris Engelke
Korrektorat: Ute Luers
spraybooks Verlag Bielfeldt und Bürger GbR, Remigiusstr. 20, 50999 Köln
www.spraybooks.com
David Bolton sah sie vom Rücksitz seines Lexus, als er am Seineufer entlangfuhr – nicht auf der Seite des Flusses, wo Prinzessin Dianas Fahrer versagt hatte, sondern auf der anderen. Er wollte sie, er musste sie haben.
Er unterbrach sein Telefonat mit dem Direktor einer südafrikanischen Diamantmine und rief per Kurzwahl Markson an. Während es klingelte, betrachtete er sie eingehend durch das Fernglas, das er aus dem Netz an der Rückenlehne des Vordersitzes genommen hatte. »Setzen Sie sich mit Lloyd’s in Verbindung, Michael, und lassen Sie sich die Funk-Rufnummer einer Ketsch (Kennt jeder den Namen eines solchen Bootes?) namens Mistral geben. Heimathafen Cannes. Schicken Sie mir die Nummer per E-Mail.«
Markson fragte nicht nach dem Grund. Er wurde dafür bezahlt, den Grund zu kennen, und nicht zu fragen, falls er ihn doch nicht kennen sollte.
Bolton beendete die Verbindung und betätigte die Gegensprechanlage. »Wenden Sie bei der nächsten Gelegenheit, Rudi, und halten Sie an einem dieser Aussichtspunkte.«
Rudi neigte aufmerksam lauschend den Kopf zur Seite und nickte.
Bolton beobachtete noch einen Moment die Ketsch, dann klappte er sein MacBook auf und aktivierte einen Browser. Er klickte auf sein Dow-Jones-Lesezeichen und rief verschiedene aktuelle Börsennotierungen ab. Dann öffnete sich ein Popup-Fenster, das den Eingang einer E-Mail ankündigte. Er klickte auf das entsprechende Icon und wählte die Nummer, die Markson ihm geschickt hatte.
»Mistral.« Eine Stimme mit britischem, vielleicht auch australischem Akzent. Bolton besaß ein gewisses Geschick darin, Menschen einzuordnen, selbst wenn ihm dazu nur ein Wort zur Verfügung stand. Aber hier in Frankreich …
»Passez-moi le capitaine, s’il vous plait.«
»Un instant, monsieur.«
Es dauerte länger als einen Augenblick, aber Rudi hatte inzwischen die Straße an einer Abzweigung verlassen und gewendet. Bolton hatte sie wieder im Blick und sah durchs Fernglas, dass sie gerade eine etwas stärkere Strömung passierte.
»Roche«, stellte sich der Kapitän vor. Eindeutig australisch.
»Mein Name ist Bolton.«
»… ich habe schon von Ihnen gehört.«
»Ich will sie kaufen. Es ist eine Lovellette, ’37er Baujahr, richtig?«
»Achtunddreißig. Bessere Auslegung der Winsch. Wusste gar nicht, dass sie zu haben ist.«
»Oh, sie ist zu haben. Die ganze Welt ist zu haben. Rufen Sie ihren Besitzer an. Ich bleibe dran.«
»Das ist wohl unmöglich, oder?« Beinahe hätte Roche noch ein Kumpel angehängt. »Geben Sie mir Ihre Nummer. Er wird Sie zurückrufen.«
»Nicht nötig. Wählen Sie einfach die Nummer. Ich werde den Anruf koordinieren. Wir können alle drei in der Leitung bleiben.«
Roche sinnierte kurz über dieses kleine Wunder der Technik, fragte aber nicht nach, wie es funktionierte. Er tippte eine Nummer ein. Beide hörten die typischen Geräusche des Impulswahlverfahrens.
Nach dem zweiten Klingeln wurde der Hörer von einer Frau abgenommen. »Ja«, war alles, was sie sagte. Es war keine Frage; es war eine Bestätigung.
»Kapitän Roche hier, Ma’am. Könnte ich bitte kurz Mr. Shepherd sprechen?«
»Ist etwas nicht in Ordnung? Sie werden doch Freitag in Sardinien sein, oder?« Eine offensichtlich im Ausland aufgewachsene Amerikanerin.
Roche beantwortete ihre Fragen der Reihe nach. »Nein, Ma’am. Und, ja, wir liegen im Zeitplan. Ich habe hier einen Gentleman am Funktelefon, der gern mit Mr. Shepherd sprechen würde.« Roche hasste sie – hasste es, ihr überhaupt etwas sagen zu müssen, ihren Mann Mister nennen zu müssen. Er hasste auch Bolton, aber das lag in der Natur der Sache.
»Liebling, es ist Roche.« Sie bedeckte die Sprechmuschel nicht, als sie ihren Mann rief. Genauso gut hätte sie sagen können: Es isteinKakerlak!
»Roche?«, antwortete ein Mann ganz in der Nähe. »Sag jetzt nicht, bitte sag nicht, dass er gegen irgendwas gedonnert ist.« Er stammte aus Texas und war offensichtlich stolz darauf.
Es folgte ein Krachen und Scheppern, als hätte sie ihm den Hörer vielleicht zugeworfen, dort am Pool, denn da waren sie jetzt mit Sicherheit, oder sie hockten im Whirlpool.
»Was zum Kuckuck gibt’s denn, Roche? Sagen Sie jetzt bloß nicht, sagen Sie bitte nicht, dass Sie gegen irgendwas gedonnert sind.«
»Sir, Mister Bolton möchte gern mit Ihnen sprechen.«
Das durchdrang Shepherds Egozentrik wie ein Stachel. »Verbinden Sie mich mit ihm.«
»Er hört mit.«
»Guten Nachmittag, Shepherd«, sagte Bolton. »Ich will die Mistral. Achthunderttausend.« Er schaltete mit einem Tastaturkürzel auf die Homepage seiner Bank um und klickte auf die mit »Transaktion« beschriftete Schaltfläche. »Ich stelle Ihnen im Augenblick einen E-Scheck aus. Der vollständige Name lautet William Shepherd, richtig?«
»Moment, mein Freund, Moment. Gehen wir noch mal zwei Schritte zurück und holen erst mal ganz tief Luft. Was wollen Sie womit tun, um was zu erreichen?«
»Verplempern wir doch nicht unsere kostbare Zeit. Mir ist klar, dass es Ihnen klar ist. Roche und die Crew bleiben natürlich auf dem Schiff, und ich zahle der Mannschaft, was Sie ihr zahlen. Haben Sie eine faire Gehaltsregelung, Roche?«
Roche räusperte sich. »Es gibt vielleicht den einen oder anderen Punkt, über den man noch verhandeln müsste.«
»Gottverdammt, jetzt mal langsam!« schimpfte Shepherd »Erstens – befinden Sie sich im Moment auf der Mistral?« Er sprach es Miss-TRÄLL aus.
»Ich bin in Paris, und zwar in einer Parkbucht an der Seine. Ich habe das Vergnügen, Sie zu beobachten. Der Wind kommt gerade von achtern.«
»Ja, schön, was weiß ich. Das hier ist also eine Konferenzschaltung, oder was?«
»Worldlink. Es läuft über meinen Laptop. Ich habe Roche angerufen, Roche hat Sie angerufen. Herzlichen Glückwunsch, Sie erleben gerade das Modernste, was die Telekommunikationstechnik zu bieten hat.«
»Worldlink? Woher zum Teufel haben Sie denn das?«
»Meine Leute haben es entwickelt. Falls Sie auch gern ein System hätten, veranlasse ich, dass sich ein Vertreter mit Ihnen in Verbindung setzt, sobald wir hier fertig sind. Sind wir fertig, Shepherd?«
Shepherd versuchte Zeit zu schinden. »Woher weiß ich denn, dass Sie wirklich Bolton sind?«
Bolton wartete einfach. Er füllte den E-Scheck aus und bewegte den Mauszeiger über die »Absenden«-Schaltfläche.
Shepherd ließ weitere Worthülsen los. »Ich … ich … Ach, Scheiße. Klar. Wir sind fertig. Verdammt, ich hab den Kahn sowieso satt.«
Bolton drückte auf die Maustaste. »Die Überweisung ist auf Ihrem Konto. Roche, drehen Sie bei und laufen Sie in den Club Nautique ein. Ich komme um halb neun mit meiner Frau an Bord. Nur Cocktails, wir essen woanders zu Abend, aber wir werden eine etwa halbstündige Fahrt machen.«
»Jawohl, Sir.«
»Jetzt warten Sie aber gottverdammt mal eine Sekunde«, sagte Shepherd. »Ich habe Ihnen noch nicht meine Bankverbindung gegeben.«
»Der E-Scheck wird Ihre Bank schon finden«, meinte Bolton. »Ich werde veranlassen, dass sich auch deswegen ein Vertreter mit Ihnen in Verbindung setzt.«
»Ja, schön, notieren Sie sich trotzdem meine Nummer«, sagte Shepherd. »Oder nimmt Ihnen das Ihr Spielzeug auch ab?«
Bolton las ihm die Nummer vor. »Guten Tag, Shepherd«, verabschiedete sich Bolton und legte auf. Er sah Rudi im Rückspiegel an und nickte. Rudi startete den Lexus und fädelte sich in den Verkehr ein.
Sie waren noch keine fünf Minuten gefahren, als das Telefon klingelte.
»Hallo, Mrs. Shepherd«, sagte Bolton.
Sie lachte trocken. »Woher wussten Sie, dass ich es bin?«
Weil sie eine Frau war, die Wert darauf legen würde, sich sofort von ihrem Mann zu distanzieren, wann immer er gedemütigt wurde – was recht häufig geschah.
»Zu schade, das mit Sardinien«, meinte Bolton. »Vielleicht lässt sich ja noch etwas anderes arrangieren. Falls ich Ihnen irgendwie dabei behilflich sein kann …«
»Wenn Sie mal nach Charlotte kommen, Mister Bolton, rufen Sie mich an. Worldlink wird mich sicher finden.«
Es gefiel ihm, dass sie sich den Namen des Systems gemerkt hatte. Es gefiel ihm, dass sie sich nicht genötigt fühlte, ihm unbedingt den ihren verraten zu müssen. Es gefiel ihm, dass sie nichts über Ehegatten oder Beziehungen sagte. Er würde sie anrufen, nicht in Charlotte (mein Gott, Charlotte), sondern irgendwo anders, wo er sie aufspüren würde. Er würde – das wäre sein Motto gewesen, hätte er eines gehabt –, weil er es konnte.
Bolton legte die Hände auf Helen Boltons nackte Schultern und küsste ihren Hals. »Du wirst einen Umhang brauchen.«
Sie neigte den Kopf, drückte eine Wange gegen seinen Handrücken. »Sei nicht albern. Von Klimaanlagen haben die Ridings bestenfalls schon mal gehört. Sie sind ja so stolz darauf, dass ihre Wohnung im vierzehnten Jahrhundert gebaut wurde oder was weiß ich, wann, und keinerlei modernen Komfort besitzt.«
»Vorher gehen wir noch woanders hin. Unten am Fluss.«
»O Gott, nicht zu so einem Griechen.«
Im Yachthafen stand Roche in voller Galauniform am Kopfende der Gangway. Bolton hatte sich geirrt, was sein Aussehen betraf; er hatte einen Rothaarigen mit einer gesunden Hautfarbe und einer kleinen Fahne erwartet. Roche jedoch war blond, schlank und durchtrainiert. Für einen Seemann war seine Haut überraschend hell, und – obwohl Australier – war das Weiße seiner Augen erstaunlicherweise nicht blutunterlaufen. Hinter ihm wartete ein Steward mit Champagnerflöten auf einem silbernen Tablett. »Willkommen an Bord der Mistral, Mister und Mrs. Bolton.«
Bolton nahm eine Flöte und reichte Helen die andere.
»Willkommen an Bord, Liebling. Darf ich vorstellen: Roche.«
Seine Blässe gefiel ihr. Später würde sie sagen, er erinnere sie an einen erwachsenen und modernisierten Billy Budd. »Roche.«
»Welcher Kurs, Sir?«, fragte Roche.
»Ach, fahren Sie einfach ein Stück raus und wieder zurück. Nicht nötig, die Segel zu setzen. Wir sind ohnehin bereits zu spät zum Dinner. Wir werden am Wochenende richtig rausfahren.«
»Sehr wohl, Sir.« Roche ging nach achtern, der Steward folgte ihm auf dem Fuß.
Bolton nahm Helens Arm und führte sie nach vorn. Er stellte sich an der Reling hinter sie und schmiegte sich an sie. Er legte die Hände auf ihre Brüste und schob dann eine Hand unter ihren kurzen Rock und in ihren Slip.
»Du hast sie gekauft«, sagte Helen.
Bolton zog den Reißverschluss seiner Hose herunter, schob ihren Rock hoch, drückte sie nach vorn und glitt in sie. Sie half zuerst ihm, indem sie ihren Slip strammzog, und dann sich selbst mit einem fieberhaften Mittelfinger.
»Du hast sie gesehen und musstest sie haben, stimmt’s?«, fragte Helen.
»Ja.«
»Genau wie damals, als du mich das erste Mal gesehen hast.«
»Ja.«
»Du hast mich gesehen, und du musstest mich haben.«
»Ja.«
» Sag’s.«
»Ich hab dich gesehen …«
»Ja.«
»… und ich musste dich haben.«
»Ja.«
»Ja.«
»Ja.«
»Ja.«
Bolton schloss seine Bürotür nie – damit jeder mit einem Problem oder einer Lösung schnurstracks zu ihm hereinkommen konnte. Damit ihm nichts entging, behaupteten die anderen. Weil die Tür offenstand, hörte er den Schuss und war einer der ersten am Tatort: Rendlemans Büro.
Rendleman hatte seine Tür geschlossen, wahrscheinlich aus Rücksicht auf seine Sekretärin. Nachdem er den Abzug gedrückt hatte, war er in die Ecke hinter der Tür gefallen, so dass sie Schwierigkeiten hatten, die Tür aufzubekommen, verkeilt wie er nun mal dahinter lag.
Die Polizei kam in Gestalt zweier Detectives, die dem Fernsehen hätten entsprungen sein können: eine wunderschöne Frau mit rostroter Löwenmähne und ein gutaussehender Mann mit rabenschwarzem, dichtem Haar. Beide trugen lange Mäntel, die sich beim Gehen bauschten.
»Ich bin Detective Ryder«, sagte die Frau.
»Detective Herrera«, sagte der Mann.
Perfekt, dachte Bolton. Er fragte sich, ob sie wohl ein Paar waren, und tippte auf ja, denn sie verwandten beträchtliche Energie darauf, sich gegenseitig nicht in die Quere zu kommen, als sie sich in Rendlemans Büro umschauten – typisch für ein heimliches Pärchen, das nichts verraten will durch eine zu liebevolle oder zärtliche Geste.
Und jetzt waren sie in Boltons Büro, zusammen mit Markson, dem allzeit bereiten Markson, und wollten wissen, was für ein Mann Rendleman gewesen war. Für was er verantwortlich war. War irgendetwas nicht in Ordnung in den Bereichen, die er beaufsichtigte? War in letzter Zeit an seinem Verhalten irgendetwas auffällig gewesen? Hatte er niedergeschlagen gewirkt oder war er ungewöhnlich lebhaft gewesen? Was wusste Bolton über sein Privatleben? Hatte es Anzeichen für existentielle Probleme gegeben?
Markson, dessen Job darin bestand, sich um unangenehme Fragen neugieriger Ermittlungsbeamter zu kümmern, blies sich auf und setzte zu einer Antwort an, doch ein kurzer Blick von Bolton genügte, dass er Luft abließ und sich zurückzog. Rendleman sei sein zweiter Mann, erklärte Bolton, dem Titel nach Finanzdirektor, aber im Grunde viel mehr als das. Es gab keinen Unternehmensbereich, mit dem er nicht zu tun hatte, und da die Geschäfte florierten, sei alles in bester Ordnung. Er war ein ruhiger Bursche, vielleicht ein wenig langweilig. Finanzdirektoren waren nicht selten farblos; sie zogen braune Anzüge grauen oder blauen vor.
»Er stammte aus Iowa«, fuhr Bolton fort, »und selbst nach vielen Jahren in New York war ihm der Mittlere Westen in Aussehen und Auftreten immer noch deutlich anzumerken. Er heiratete seine Highschool-Liebe und fand daran überhaupt nichts altmodisch. Sie hatten einen Sohn von ungefähr zehn oder zwölf Jahren. Vor etwa achtzehn Monaten hat er sich von seiner Frau getrennt. Den aktuellen Stand der Dinge kenne ich nicht. Ich glaube kaum, dass sie sich scheiden lassen wollen, keiner von beiden. Beziehungsweise wollten.
Anlass der überstürzten Trennung war eine Affäre. Nun, nennen Sie es eine Vernarrtheit. Eine obsessive Vernarrtheit. Sharon Lydell, unsere frühere PR-Chefin. Ihr Büro lag schräg gegenüber von Pauls, und sie fanden auf einer Ebene eine Beziehung, was ich nie so ganz nachvollziehen konnte, da sie eigentlich recht verschieden waren. Sharon war kultiviert, kosmopolitisch, weitgereist. Sie hatte im Ausland gelebt, in Hongkong, Rio und Rom. Sie war auf eine Art schön, die sich in einem Büro bisweilen störend auswirken kann. Was nicht heißen soll, dass sie sich je provozierend gekleidet oder verhalten hätte. Aber es war unmöglich, ihre Schönheit nicht zu bemerken, genauso wenig wie man ihre Größe hätte übersehen können, wäre sie zwei Meter groß gewesen.«
»Frühere PR-Chefin?«, hakte Detective Ryder nach.
Unter anderen Umständen hätte Bolton sie angelächelt, denn sie hatte den Knackpunkt sofort erkannt. Unter den gegebenen Umständen jedoch runzelte er die Stirn und nickte – ein wenig einfältig – wieder und wieder. »Ja.«
»Einer von beiden musste gehen«, sagte Ryder, »und Rendleman war der Mann.«
»Und ranghöher«, beeilte sich Bolton hinzuzufügen. »Und in jeder Hinsicht wertvoller für die Firma.«
»Sie nannten es eine Vernarrtheit«, sagte Detective Herrera. Um sich Notizen zu machen, hatte er eine ovale Hornbrille aufgesetzt und sah jetzt, mit seinem dunkelblauen Hemd und der braun-schwarzen Krawatte, wie ein Artdirector oder Schriftsteller aus. »Ich nehme an, das stieß bei ihr nicht gerade auf Gegenliebe.«
Bolton richtete seine Antwort an Ryder, denn er sah ihre Reaktion voraus. »Da Sie ohnehin das Gefühl haben, hier sei eine Ungerechtigkeit begangen worden, sage ich es wirklich nur äußerst ungern, aber Sharon war die professionellere von beiden. Sie wusste, wie negativ sich Liebesaffären im Büro auswirken können, und tat alles in ihrer Macht Stehende, ihn höflich, aber bestimmt davon abzubringen.«
Ryder schnaubte verächtlich und schüttelte den Kopf über die Ungerechtigkeit der Welt.
Herrera streckte eine Hand aus und drehte die Handfläche fragend nach oben. »Das ist es also? Hat er sich wegen ihr umgebracht?«
»Falls Sie einen Abschiedsbrief gefunden haben, Mr. Bolton«, sagte Ryder, »dann zeigen Sie uns den bitte. Es nutzt nichts, jemanden schützen zu wollen.«
David, wollte er sagen. Nennen Sie mich einfach David. »Es gab keinen Abschiedsbrief.«
Sie wartete. »Aber?«
Weil sie den vollen Durchblick hatten, gewährte Bolton ihnen die Kurzfassung. »Wenn ein Mann vor unserer High-Tech-Zeit von Pornographie besessen war, wenn er ein Nugget in seinem Schreibtisch versteckte und seine Mittagspause in den Kinos und Peepshows am Times Square verbrachte, dann erfuhr man nur davon, wenn man ihn in flagranti erwischte. Heutzutage, tja, heute hängt jeder am Draht, ist angeschlossen, online – nur ein paar Mausklicks entfernt von dem, was einen anturnt, ob’s nun die Homepage von Teri Hatcher ist oder der Sodomie-Chatroom.
Und natürlich hinterlässt man beim Surfen eine Spur. Sie wissen wahrscheinlich, dass eine Adresse in die Favoritenliste aufgenommen wird, sobald man eine Internetadresse anwählt. Das geschieht, damit man auf seinen Reisen durch den Cyberspace problemloser und schneller solche Seiten erreichen kann, die häufig genutzt werden. Ihr Computer muss die Seite nicht erst dort draußen in den unendlichen Weiten des elektronischen Universums suchen; er wirft einfach einen Blick auf die Favoritenliste, und schon wird die Seite in einem Bruchteil der Zeit geladen, die es normalerweise dauern würde.
Die Favoritenliste ist tatsächlich eine Liste. Sie wird auf der Festplatte Ihres Computers abgelegt, und sollte sich jemand Zugang zu Ihrem Computer verschaffen, kann dieser Jemand jederzeit darauf zugreifen. Ich sehe es Ihrem Gesicht an, Detective Ryder, dass Sie mir vorwerfen möchten, in den Privatangelegenheiten meiner Angestellten herumzuschnüffeln, aber so etwas habe ich noch nie getan, auch wenn es kinderleicht wäre und mir von meinen Sicherheitsberatern sogar geraten wird. Deren Anliegen ist es … Ach, vergessen wir, was deren Anliegen ist. Uns interessiert hier nur, dass Paul Rendleman regelmäßig Homepages besuchte, die sich … Nun, kommen Sie, und sehen Sie selbst. Sie werden es sowieso tun müssen. Immerhin ist es Beweismaterial.«
Und er begleitete sie zurück in Rendlemans Büro, wo Milazzo, einer der erwähnten Sicherheitsberater, gerade irgendein Diagnoseprogramm auf Rendlemans Computer ablaufen ließ. Auf ein Kopfnicken von Bolton hin stand Milazzo auf und trat zurück.
Bolton deutete mit einer einladenden Handbewegung auf Rendlemans ledernen Schreibtischsessel, und Detective Ryder nahm erwartungsgemäß als erste Platz. »Klicken Sie einfach hier mit der Maus«, sagte er und richtete seine Zeigefinger auf eine Stelle des Bildschirms. »Dann klicken Sie auf einen x-beliebigen Eintrag der Liste.«
Sie klickte auf alle zwölf, ließ sich Zeit dabei, sah sich einige Sites eingehender an, während sie nur einen kurzen Blick auf andere warf, die auch nicht schlimmer waren als der Rest, vielleicht ein wenig laienhafter. Sie zuckte nie mit der Wimper. Einmal beugte sie sich etwas näher heran, kniff leicht die Augen zusammen und hob eine Hand, um den störenden Lichteinfall auf dem Monitor abzuschirmen. »Ist das Leah?«, sagte sie zu Herrera. »Erinnerst du dich an sie? Von der Twelfth Avenue?«
Herrera beugte sich vor, um die Wasserstoffblondine genauer zu betrachten. Wie alle Frauen auf allen Sites war auch sie auf geradezu groteske Weise gefesselt. Sie war mit Dreck oder Schmiere oder vielleicht sogar Kot beschmiert. Zwei Männerhände am linken Bildrand hielten eine elektrische Bohrmaschine und ein Messer so, als wollte man diese in ihren Anus und in ihre Vagina einführen. Ein Pitbull setzte mit erhobenem Bein dazu an, ihr ins Gesicht zu urinieren.
»Könnte sein«, meinte Herrera und flüsterte dann: »Mein Gott …«
»Vielleicht sollte ich sie suchen«, sagte Ryder. »Mich vergewissern, ob mit ihr alles okay ist.«
Als sie fertig war, drehte sie sich zu Bolton um, sah aber an ihm vorbei Milazzo an, da sie wusste, dass er derjenige mit einer Antwort war. »Und? Haben Sie ein Programm, das automatisch die Websites protokolliert, die von den Leuten aufgesucht werden? Oder überprüfen Sie einfach stichprobenartig ihre Favoritenlisten?«
Bevor er antwortete, warf Milazzo Bolton einen kurzen Seitenblick zu, aber niemand bekam davon etwas mit, da er eine die gesamte Augenpartie bedeckende Sonnenbrille mit sehr dunkel getönten Gläsern trug. »Wir haben mehrere Möglichkeiten, die Verwendung der Computer zu überwachen. Es sind unsere Maschinen, und wir …«
»Ja, sehr schön, Ted, vielen Dank«, fiel Bolton ihm ins Wort. »Detectives, wir haben keine Probleme mit Leuten, die sich die aktuellen Sportergebnisse von USA Today runterladen. Ebenfalls interessiert uns nicht, wenn sie sich Entfernung und Route für einen geplanten Wochenendtrip aus dem Internet besorgen. Sehr wohl interessiert uns aber, wenn viel Zeit in Spiele, Pornographie und politisch orientierte Websites investiert wird, deren Botschaft Hass und Verachtung ist – gleichgültig an welcher Stelle des Spektrums sie nun angesiedelt sein mögen.
Wir haben erfahren, dass Paul Rendleman sich mit solchen Dingen beschäftigte, und wir haben ihm gesagt, er soll damit aufhören. Aber er war besessen davon. Er machte weiter. Tatsächlich stieg die Häufigkeit seiner Besuche bei diesen Sites sogar dramatisch an – und es gibt noch erheblich mehr als nur diese. Erst letzten Freitag habe ich ihm persönlich gesagt, dass er mit seiner Entlassung rechnen muss, wenn er nur noch ein einziges Mal eine solche Site aufsucht. Heute Morgen hat mich Ted angerufen und gesagt, dass einer seiner Leute, der Rendleman überwachte, berichtet habe, er sei gerade mit einer dieser verbotenen Sites verbunden. Aufgrund zahlreicher Termine hatte ich bis zum Mittagessen keine Zeit, aber dann wollte ich ihn mit der Wahrheit konfrontieren. Wie sich herausstellte, plante er offenbar, dieser Obsession auf seine eigene Art ein Ende zu setzen.« Bolton drehte die Handflächen nach oben, um zu zeigen, dass sie leer waren. »So war das.«
Herreras Haltung verriet, dass er zufrieden war, er wollte jetzt nur noch weg und irgendwo zu Mittag essen.
Ryder jedoch erhob sich nicht aus Rendlemans Stuhl. Sie drehte sich langsam hin und her, dabei eine Fingerspitze als Drehpunkt immer auf der Kante von Rendlemans Schreibtisch. »Diese Programme, die Sie da haben – protokollieren die auch die Anzahl der Zugriffe oder lediglich, dass eine bestimmte Site aufgerufen wurde?«
Bolton verschränkte die Arme vor der Brust und sah Milazzo mit fragend gehobener Augenbraue an.
Milazzo schluckte, bevor er antwortete. »Würde man eine Strichliste führen, buchstäblich eine Liste sämtlicher Zugriffe, dann hätte man auch nur eine Zahl. Aber, nein, die Programme legen keine Dateien an, in denen die Zugriffszahlen auf bestimmte Sites ständig aktualisiert werden.«
»Und führen Sie eine solche Strichliste?«, fragte Ryder. Sie kniff die Augen zusammen, als könnte sie ihren Blick so intensivieren, als könnte sie so seine dunkle Sonnenbrille durchdringen.
»Das wäre nicht zweckmäßig«, antwortete Milazzo.
»Soll heißen: Nein.«
»Das heißt nein.«
Sie schürzte die Lippen, als wollte sie ihnen allen einen Kuss zuwerfen, allerdings mit einem widerwilligen Funkeln in den Augen. Ryder dachte einen langen Augenblick nach. Dann sagte sie: »Sie hören von uns«, drehte sich um und ging hinaus.
Herrera zog eine Visitenkarte aus der Tasche und hielt sie Bolton hin. Doch Bolton kehrte ihm genau in diesem Moment den Rücken und überließ es Markson, dem allzeit bereiten Markson, der die ganze Zeit in der Nähe herumgestanden hatte, fein herausgeputzt, ohne irgendetwas zu tun zu haben, die Karte anzunehmen. »Sie hören von uns«, wiederholte Herrera, drehte sich um und ging hinaus.
Bolton nahm die aktuelle Ausgabe des Fortune von Rendlemans Schreibtisch und blätterte darin. »Danke, Ted«, sagte er zu Milazzo.
Milazzo verschwand.
»Bringen Sie’s in Ordnung«, forderte Bolton Markson auf.
Marksons Blick zuckte zu dem Blutfleck auf dem Teppichboden hinter der Tür. »Äh, die Leute von der Spurensicherung, ich glaube, die brauchen das –«
Bolton schaute von der Illustrierten auf. »Die Bücher, Michael. Rendleman hat die Bücher frisiert.«
»Oh, äh, das wusste ich nicht.«
»Ich weiß
