Spiel der Dämmerung - Christine Feehan - E-Book

Spiel der Dämmerung E-Book

Christine Feehan

4,8
9,99 €

Beschreibung

Sinnliche und übersinnliche Helden

Sie sind die Schattengänger. Eine Gruppe herausragender Kämpfer, deren Begabungen von einem brillanten Wissenschaftler verstärkt wurden, um geheime Missionen für die Regierung auszuführen. Eine von ihnen ist Dahlia Le Blanc. Ihre übersinnlichen Kräfte sind jedoch so gefährlich, dass sie nur Spezialaufträge übernehmen kann und ansonsten in die Sümpfe von Louisiana verbannt ist. Doch bei einem ihrer Einsätze läuft etwas schief und plötzlich ist ihr Leben in Gefahr. Nur der geheimnisvolle Nicolas Trevane kann sie retten …

Atemberaubend spannend, erotisch und magisch.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 699




DAS BUCH

Fast ihr ganzes Leben hat die übersinnlich begabte Dahlia Le Blanc in der Abgeschiedenheit der Sümpfe Louisianas verbracht, doch als eines Tages bei einem ihrer Geheimeinsätze für den Naval Criminal Investigative Service etwas schiefgeht, ist es damit vorbei: Eine Spezialeinheit setzt ihr Haus in Brand, tötet oder verschleppt ihre engsten Vertrauten, und sie selbst wird von Scharfschützen verfolgt. Da taucht wie aus dem Nichts der Schattengänger Nicolas Trevane an ihrer Seite und zu ihrer Rettung auf. Gemeinsam machen sie sich an die Verfolgung ihrer Feinde und entdecken dabei eine feurige Leidenschaft füreinander …

DER BUND DER SCHATTENGÄNGER Erster Roman: Jägerin der Dunkelheit Zweiter Roman: Spiel der Dämmerung Dritter Roman: Tänzerin der Nacht Vierter Roman: Schattenschwestern Fünfter Roman: Düstere Sehnsucht Sechster Roman: Fesseln der Nacht

DIE AUTORIN

Christine Feehan ist in Kalifornien geboren, wo sie heute noch mit ihrem Mann und ihren elf Kindern lebt. Sie begann bereits als Kind zu schreiben und hat seit 1999 zahlreiche Romane veröffentlicht, für die sie mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Mit über sieben Millionen Büchern weltweit zählt sie zu den erfolgreichsten Autorinnen der USA.

Weitere Romane von Christine Feehan bei Heyne:

Dämmerung des Herzens, Zauber der Wellen, Gezeiten der Sehnsucht, Magie des Windes, Gesang des Meeres und Sturm der Gefühle (DRAKE SISTER-Serie)

Mehr über Autorin und Werk unter:

www.christinefeehan.com

Inhaltsverzeichnis

DAS BUCHDIE AUTORINWidmungDAS BEKENNTNIS DER SCHATTENGÄNGERKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20DANKSAGUNGTÄNZERIN DER NACHTCopyright

Für Mary, meine geliebte Schwester. Die Hoffnung währt ewig, auch in unserer dunkelsten Stunde. Aber das hast du ja schon immer gewusst.

DAS BEKENNTNIS DER SCHATTENGÄNGER

Wir sind die Schattengänger, wir leben in den Schatten.

Das Meer, die Erde und die Luft sind unsere Heimat.

Nie lassen wir einen gefallenen Kameraden zurück.

Wir sind einander in Ehre und Loyalität verbunden.

Für unsere Feinde sind wir unsichtbar, und wir vernichten sie, wo wir sie finden.

Wir glauben an Gerechtigkeit und beschützen unser Land und jene, die sich selbst nicht schützen können.

Ungesehen, ungehört und unbekannt bleiben wir Schattengänger.

Ehre liegt in den Schatten, und Schatten sind wir.

Wir bewegen uns absolut lautlos, im Dschungel ebenso wie in der

Wüste.

Unhörbar und unsichtbar bewegen wir uns mitten unter unseren Feinden.

Wir kämpfen ohne den geringsten Laut, noch bevor sie unsere

Existenz überhaupt erahnen.

Wir sammeln Informationen und warten mit unendlicher Geduld auf den passenden Augenblick, um Gerechtigkeit walten zu lassen.

Wir sind gnädig und gnadenlos zugleich.

Wir sind unnachgiebig und unerbittlich in unserem Tun.

Wir sind die Schattengänger, und die Nacht gehört uns.

Nox noctis est nostri.

1

»SIE IST GANZ offensichtlich zu keiner Kooperation mehr bereit«, brummte Dr. Whitney und kritzelte mit fahrigen Bewegungen etwas in sein Notizbuch. Totale Erschöpfung und Enttäuschung standen ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. »Geben Sie ihr ihre Spielsachen erst wieder zurück, wenn sie sich entschließt, mitzuarbeiten. Ich habe allmählich die Nase voll von ihren Spielchen.«

Die Krankenschwester zögerte. »Doktor, bei Dahlia halte ich das nicht für eine gute Idee. Sie kann sehr …« Sie unterbrach sich, suchte nach dem passenden Ausdruck. »Schwierig sein.«

Dr. Whitney horchte auf. Er hob den Blick von seinen Unterlagen, und seine Ungeduld verwandelte sich in Interesse. »Sie haben Angst vor ihr, Milly. Das Mädchen ist erst vier Jahre alt, und sie haben Angst vor ihr. Warum?« Sein Tonfall signalisierte mehr als wissenschaftliches Interesse. Da schwang ganz deutlich Eifer mit.

Milly beobachtete das Kind weiterhin aufmerksam durch die Glasscheibe. Das kleine Mädchen hatte dichtes, glänzendes schwarzes Haar, das ihr lang und ungekämmt über den Rücken fiel. Es hockte auf dem Fußboden, wiegte sich vor und zurück, hielt seine Schmusedecke umklammert und stöhnte leise. Seine Augen waren riesig, schwarz wie die Nacht und durchdringend wie Stahl. Milly Duboune zuckte zusammen und wandte den Blick ab, als das Mädchen diese dunklen, uralten Augen in ihre Richtung bewegte.

»Sie kann uns durch die Scheibe nicht sehen«, hob Dr. Whitney hervor.

»Aber sie weiß, dass wir hier sind.« Die Schwester senkte ihre Stimme zu einem leisen Raunen. »Sie ist gefährlich, Doktor. Niemand will mit ihr arbeiten. Sie lässt sich nicht die Haare bürsten oder weigert sich, ins Bett zu gehen, und wir können sie nicht bestrafen.«

Dr. Whitney hob überheblich eine Braue. »Ihr habt alle eine solche Angst vor diesem Kind? Warum wurde ich darüber nicht informiert?«

Milly antwortete nicht gleich; Furcht schlich sich in ihre Miene. »Wir wussten, dass Sie mehr von ihr verlangen würden. Sie haben ja keine Ahnung, was Sie damit auslösen. Sie kümmern sich ja nicht um die Kinder, nachdem Sie Ihre Anordnungen gegeben haben. Die Kleine hat schreckliche Schmerzen. Deshalb können wir ihr ihre Wutausbrüche auch nicht verdenken. Seit Sie darauf gedrungen haben, die Kinder zu trennen, zeigen viele von ihnen Anzeichen extremen Unwohlseins oder, wie in Dahlias Fall, unsäglicher Schmerzen. Sie kann nicht vernünftig essen oder schlafen. Sie ist hochgradig licht- und geräuschempfindlich. Sie verliert an Gewicht. Ihr Puls ist viel zu schnell, ihr Blutdruck ständig zu hoch. Sie weint sogar im Schlaf. Aber das ist nicht dieses kindliche Greinen, sie weint vor Schmerzen. Wir haben alles Mögliche versucht, aber ohne Erfolg.«

»Es gibt keinerlei Grund, dass sie Schmerzen haben sollte«, schnappte Dr. Whitney ungehalten. »Ihr verzärtelt diese Kinder viel zu sehr. Sie erfüllen einen Zweck, einen viel höheren Zweck, als ihr euch das vorstellen könnt. Gehen Sie wieder hinein, und sagen Sie ihr, wenn sie ab jetzt nicht mitmacht, nehme ich ihr all ihre Spielsachen und auch die Decke weg.«

»Nicht ihre Schmusedecke, Dr. Whitney, die braucht sie doch. Diese Decke ist ihr einziger Trost.« Unter heftigem Kopfschütteln trat Milly von der Glasscheibe zurück. »Wenn Sie diese Decke haben wollen, dann müssen Sie sie ihr schon selbst wegnehmen.«

Dr. Whitney studierte die Verzweiflung in den Augen der Frau mit klinischer Distanziertheit und bedeutete ihr, wieder in den Raum zu dem Mädchen zu gehen. »Sehen Sie zu, dass Sie sie zur Mitarbeit animieren. Was ist denn ihr größter Wunsch?«

»Wieder zu Lily oder Flame ins Zimmer verlegt zu werden. «

»Iris. Das Mädchen heißt Iris, nicht Flame. Tolerieren Sie ihr Gehabe nicht, nur weil sie rote Haare hat. Sie macht uns mit ihrer Launenhaftigkeit ohnehin schon mehr Ärger als sie uns nutzt. Und das Letzte, was wir wollen, ist, dass Iris und die da«, er deutete mit dem Kinn auf das kleine, schwarzhaarige Mädchen, »ständig zusammenglucken. Gehen Sie, und sagen Sie ihr, dass sie mit Lily spielen darf, wenn sie ordentlich mitarbeitet.«

Milly wappnete sich mit einem tiefen Atemzug, ehe sie die Tür zu dem kleinen Raum aufstieß. Der Doktor drückte auf einen Knopf, um die Unterhaltung zwischen der Schwester und dem Mädchen mithören zu können.

»Dahlia? Sieh mich an, Liebes«, säuselte Milly. »Ich habe eine Überraschung für dich. Dr. Whitney hat versprochen, dass du mit Lily spielen darfst, wenn du ihm etwas wirklich Tolles vorführst. Würde dir das gefallen? Nachher bis zum Schlafengehen mit Lily zu spielen?«

Dahlia drückte ihre zerschlissene Decke an die Brust und nickte mit ernstem Blick. Die Schwester kniete sich neben Dahlia auf den Boden und streckte die Hand aus, um ihr die Haare aus dem Gesicht zu streichen. Augenblicklich zog das kleine Mädchen den Kopf ein; es hatte keine Angst, das war offensichtlich, sondern vermied nur jeden Körperkontakt mit ihr. Seufzend ließ Milly die Hand sinken. »Na schön, Dahlia. Probier doch mal etwas mit einer von den Kugeln. Sieh zu, ob du was damit machen kannst.«

Dahlia verdrehte den Kopf und schien dem Doktor durch die verspiegelte Scheibe direkt ins Gesicht zu sehen. »Warum starrt uns dieser Mann die ganze Zeit so an? Was will er denn?« Sie klang sehr erwachsen für ihr Alter.

»Er möchte wissen, ob du mit den Steinkugeln ein Kunststück aufführen kannst«, antwortete Milly.

»Ich mag ihn nicht.«

»Du musst ihn auch gar nicht mögen, Dahlia. Du sollst ihm nur zeigen, was du kannst. Du weißt doch, dass du eine Menge toller Tricks beherrschst.«

»Es tut aber weh, wenn ich das mache.«

»Wo genau tut es denn weh?« Leicht verunsichert starrte Milly jetzt ebenfalls in den Spiegel.

»In meinem Kopf. Mein Kopf tut die ganze Zeit weh, und ich kann den Schmerz nicht verscheuchen. Lily und Flame können das aber.«

»Zeig dem Doktor einfach etwas, dann darfst du den ganzen Abend mit Lily zusammen sein.«

Dahlia verfiel einen Moment lang in Schweigen und wiegte sich dabei wieder hin und her, die Finger fest in ihre Schmusedecke verkrallt. Hinter der einseitig verspiegelten Scheibe hielt Dr. Whitney die Luft an und machte sich, fasziniert von dem Verhalten des kleinen Mädchens, hastig Notizen. Dahlia schien die Vor- und Nachteile der in Aussicht gestellten Möglichkeit genauestens gegeneinander abzuwägen. Schließlich nickte sie auf eine Art, als täte sie Milly mit ihrer Zustimmung einen großen Gefallen.

Ohne noch weiter zu debattieren, hielt Dahlia ihre winzige Hand über eine der Kugeln und begann kleine Kreise darüber zu beschreiben. Dr. Whitney lehnte sich näher an die Glasscheibe, um ihre konzentrierte Mimik genauer zu beobachten. Die Kugel fing an, sich auf dem Boden zu drehen, dann hob sie ab und schwebte unter ihrer Handfläche. Dahlia ließ die Kugel an ihrem Zeigefinger entlangrollen und sie ein paar Zentimeter über dem Fußboden kreisen – eine erstaunliche Demonstration ihrer phänomenalen Fähigkeit, einen Gegenstand allein durch ihre Willenskraft zu manövrieren. Dann erhob sich eine zweite Kugel vom Boden und führte mit der anderen einen wilden Tanz unter ihrer ausgestreckten Hand auf. Ihr Tun ließ kaum eine Anstrengung erkennen. Dahlia schien sich zwar zu konzentrieren, aber nicht über die Maßen. Während sie die Kugeln tanzen ließ, wanderte ihr Blick zu der Krankenschwester und weiter zu der verspiegelten Scheibe, und es hatte beinahe den Anschein, als langweile sie sich. Ein oder zwei Minuten lang hielt sie die Kugeln in der Luft.

Dann ließ sie abrupt den Arm sinken, schlug beide Hände gegen den Kopf, presste die Handflächen gegen die Schläfen. Die Kugeln fielen klackend zu Boden. Sie war kreidebleich im Gesicht, die Ränder ihrer Lippen wurden weiß.

Dr. Whitney fluchte leise und drückte einen zweiten Knopf. »Sagen Sie ihr, sie soll es noch einmal versuchen. Diesmal mit mehreren Kugeln. Und sie soll sie so lange wie möglich in der Luft halten, ich will die Zeit stoppen.«

»Sie kann nicht, Doktor. Sie sehen doch, dass sie Schmerzen hat«, protestierte Milly. »Wir müssen sie zu Lily bringen. Anders können wir ihr nicht helfen.«

»Das behauptet sie nur, damit sie ihren Willen bekommt. Wie könnten Lily oder Iris ihr die Schmerzen nehmen? Das ist doch lächerlich, das sind doch nur Kinder. Wenn sie Lily unbedingt sehen will, braucht sie nur das Experiment zu wiederholen und sich ein bisschen mehr anzustrengen. «

Es entstand ein kurzes Schweigen. Das Gesicht des kleinen Mädchens verdüsterte sich. Ihre Augen wurden pechschwarz. Wütend starrte sie auf die verspiegelte Scheibe. »Das ist ein böser Mann«, erklärte sie der Krankenschwester. »Ein sehr böser Mann.« Das Glas begann feine Risse zu bilden, die aussahen wie ein Spinnennetz. Auf dem Boden lagen mindestens zehn Kugeln in unterschiedlichen Größen. Und alle schossen plötzlich wie verrückt durch die Luft und knallten wieder und wieder gegen die Scheibe. Glasscherben brachen heraus und zerschellten auf dem Boden. Einzelne Splitter flogen durch die Luft, bis es aussah, als regnete es Glaskristalle.

Schreiend rannte die Schwester aus dem kleinen Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Die ungezügelte Wut des kleinen Mädchens ließ die Wände sich nach außen wölben. Die Tür rüttelte in den Angeln. Flammen züngelten an der Wand empor, fraßen sich um den Türstock herum. Knisternde grellrote und orange Feuerfahnen fegten wie ein Orkan durch den Raum. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde in die Luft geschleudert und herumgewirbelt wie von einem Zyklon.

Und Whitney stand einfach da und schaute zu, hypnotisiert von der Macht ihres unbändigen Zorns. Er blieb auch dann noch wie angewurzelt stehen, als ihm Glasscherben ins Gesicht flogen, seine Haut zerschnitten und das Blut über den Kragen seines tadellos weißen Oberhemds floss.

Dr. Lily Whitney-Miller hielt den Rekorder an und drehte sich zu der kleinen Gruppe von Männern um, die das Video mit derselben gebannten Faszination verfolgt hatten, wie der Doktor sie auf dem Video an den Tag gelegt hatte. Sie holte tief Luft und ließ sie langsam durch halbgeschlossene Lippen entweichen. Wie immer ging es ihr sehr nahe, ihren Vater bei derartig monströsem Tun zu beobachten. Ganz gleich, wie oft sie die Videoaufzeichnungen seiner Arbeit auch betrachtete, es wollte ihr einfach nicht gelingen, diesen skrupellosen Mann mit dem liebevollen Vater, der er gewesen war, in Einklang zu bringen. »Das, meine Herren, war Dahlia im Alter von vier Jahren«, erläuterte sie. »Sie muss heute ein paar Jahre jünger sein als ich, und ich glaube, dass ich sie ausfindig gemacht habe.«

Betretenes Schweigen. »Sie war bereits in dem Alter so leistungsfähig? Ein vierjähriges Kind?« Captain Ryland Miller legte seiner Frau den Arm um die Schultern, um sie zu trösten, denn er wusste, wie sie sich fühlte, wenn sie sich in die Experimente vertiefte, die ihr Vater durchgeführt hatte. Er betrachtete das Bild des schwarzhaarigen Mädchens auf dem Bildschirm. »Was hast du noch von ihr, Lily?«

»Ich habe noch andere Videos gefunden. Sie zeigen eine junge Frau, die zu einer Art Spezialagentin ausgebildet wird. Ich bin überzeugt davon, dass es sich dabei um Dahlia handelt. In diesen Unterlagen verwendet mein Vater eine andere Kodierung, und die Person wird als Novelty White geführt. Anfangs habe ich das nicht begriffen, aber mein Vater hat vielen der Mädchen, mit denen er experimentierte, den Namen einer Blume gegeben. Dahlia wird öfter als Neuheit beschrieben. Und ich glaube, dass er bei diesen Experimenten den Namen Dahlia durch Novelty ersetzte. Diese Videos dokumentieren ihre Kinder- und Jugendzeit bis zum Alter von zwanzig Jahren. Sie ist eine außergewöhnliche junge Frau, hoher IQ, sehr talentiert, herausragende mentale Fähigkeiten, aber es ist nicht leicht, diese Aufzeichnungen zu betrachten, weil sie sehr offen ist für Angriffe vonseiten der Außenwelt und ihr niemand beigebracht hat, sich davor zu schützen.«

»Wie hat sie in der Außenwelt ohne Schutzmechanismen überleben können?«, fragte einer der Männer, der im Dunklen saß. Lily drehte den Kopf, um ihn anzusehen, und seufzte. Nicolas Trevane schien sich immer im Schatten zu halten und war einer der Schattengänger, die sie nervös machten. Stets saß er so bewegungslos da, dass er mit seiner Umgebung zu verschmelzen schien, doch wenn er in Aktion trat, dann explodierte er förmlich und bewegte sich mit blitzartiger Geschwindigkeit. Einen Teil seiner Kindheit hatte er mit der Familie seines Vaters in einem Reservat verbracht, und anschließend lebte er zehn Jahre in Japan bei Verwandten seiner Mutter. Seine Mimik schien nie etwas preiszugeben. Seine schwarzen Augen waren ausdruckslos und kalt und ängstigten sie beinahe ebenso sehr wie die Tatsache, dass er ein Scharfschütze war, der die tödlichsten und geheimsten Missionen ausführte.

Lily senkte den Kopf, um seinem eiskalten Blick auszuweichen. »Ich weiß es nicht, Nico. Ehrlich gesagt habe ich heute weniger Antworten als noch vor ein paar Monaten. Es fällt mir immer noch schwer, zu begreifen, wie mein Vater mit Kindern experimentieren konnte und später dann auch mit euch. Was dieses Mädchen betrifft, so hat er die arme Kleine regelrecht gequält. Wenn ich diese Aufzeichnungen richtig interpretiere, wurde sie zur Agentin ausgebildet, und ich glaube nicht ausschließen zu können, dass sie noch heute im Dienst des Staates steht.«

»Das ist völlig unmöglich«, warf Ryland ein. »Das ist einfach undenkbar. Sie wäre verrückt geworden. Du hast doch gesehen, was mit uns passierte, als wir versuchten, ohne einen Anker zu operieren. Deinen Worten nach hat dein Vater euch alle mit Elektroschocks traktiert. Und du kennst die Folgen. Hirnblutungen, akute Schmerzen, Schlaganfall. Das von Dr. Whitney durchgeführte Experiment hat unsere Gehirne geöffnet und uns ohne Barrieren oder unsere natürlichen Filter zurückgelassen. Wir sind erwachsene, bestens ausgebildete Männer, und du sprichst von einem Kind, das versucht hat, mit dieser unlösbaren Aufgabe fertig zu werden.«

»Ja, das hätte sie in den Wahnsinn treiben müssen«, pflichtete Lily ihm bei. Sie hielt das Notizbuch hoch. »Ich habe ein privates Sanatorium in Louisiana entdeckt, das der Whitney-Stiftung gehört. Es wird von den Barmherzigen Schwestern geführt. Und dort gibt es eine Patientin – eine junge Frau.« Sie sah ihren Mann an. »Ihr Name ist Dahlia Le Blanc.«

»Du willst mir doch nicht weismachen, dass dein Vater eine religiöse Glaubensgemeinschaft aufgekauft hat«, warf Raoul »Gator« Fontenot ein und bekreuzigte sich hastig. »Ich glaube einfach nicht, dass sich Nonnen dafür hergeben, die üblen Machenschaften eines Dr. Whitney zu verschleiern.«

Lily schenkte ihm ein Lächeln. »Beruhige dich, Gator. Meiner Meinung nach sind die Nonnen erfunden, genauso fiktiv wie dieses Sanatorium. In Wirklichkeit geht es nur darum, Dahlia vor der Welt zu verstecken. Als alleinige Direktorin all dieser Treuhandgesellschaften hatte ich Gelegenheit zu einigen Recherchen, und es hat den Anschein, als sei Dahlia die einzige Patientin dort. Und während die Stiftung für alle ihre Auslagen aufkommt, besitzt sie selbst auch noch ein beachtliches Vermögen auf offiziellen Konten. Anhand der Eingänge auf diese Konten hat mein Vater offenbar Verdacht geschöpft und vermutet, dass sie als Agentin für die amerikanische Regierung benutzt wurde. Wie es aussieht, hatte er anfangs dieser Ausbildung zugestimmt, und als er merkte, dass es zu schwierig für sie wurde, brachte er sie in dieses Sanatorium und ließ sie, wie immer, wenn etwas schiefging, dort, ohne sich weiter um sie zu kümmern.« Ein Anflug von Bitterkeit schlich sich in ihre Stimme. »Ich glaube, mein Vater hat versucht, für Dahlia dort einen sicheren Ort zu schaffen, so wie er dieses Haus für mich eingerichtet hat.«

Ryland beugte den Kopf und rieb mit dem Kinn über ihr schwarzes Haar. »Dein Vater war ein brillanter Mann, Lily. Er musste erst lernen zu lieben, denn als Kind hat er keine Liebe erfahren.« Diesen Spruch brachte er häufig an, seit ans Licht gekommen war, dass Dr. Whitney nicht nur mit Lily experimentiert und die Filter aus ihrem Gehirn entfernt hatte, um ihre übersinnlichen Fähigkeiten zu perfektionieren, und sie nicht seine biologische Tochter war, wie er sie hatte glauben lassen, sondern eines der vielen Kinder, die er ausländischen Waisenhäusern »abgekauft« hatte.

Wieder trat Schweigen ein. Tucker Addison pfiff leise vor sich hin. Er war ein großer, kräftig gebauter Mann mit dunkler Haut, braunen Augen und einem gewinnenden Lächeln. »Du hast es geschafft, Lily. Du hast sie tatsächlich gefunden. Und sie ist ein Schattengänger wie wir.«

»Bevor wir hier zu übermütig werden, solltet ihr euch einige der anderen Trainingsvideos anschauen, die ich gefunden habe. Auf jedem steht der Name Novelty.« Sie bedeutete ihrem Mann, die Play-Taste zu drücken, um das Video ablaufen zu lassen.

Unwillkürlich hielt Lily den Atem an. Sie war überzeugt, dass die Kinder Novelty und Dahlia ein und dieselbe Person waren. »Gemäß den Aufzeichnungen ist Novelty auf diesem Video acht Jahre alt.« Die Haare des Mädchens waren dicht und schwarz wie Rabenflügel. Sie trug sie zu einem mächtigen Zopf geflochten, der ihr bis zur Hüfte reichte. Ihre Gesichtszüge waren ebenso zart wie ihr Körper, das üppige Haar schien sie fast zu erdrücken. »Ich bin ganz sicher, dass es sich hier um ein und dasselbe Mädchen handelt. Seht euch doch nur das Gesicht an. Die gleichen Augen.« Lily kam es so vor, als versteckte sich das Kind hinter der seidigen Haarflut vor der Außenwelt. Die exotischen Züge ließen auf eine asiatische Herkunft schließen. Wie alle verschwundenen Mädchen hatte Dr. Whitney auch sie im Ausland adoptiert und in sein Labor gebracht, um ihre naturgegebenen telepathischen Fähigkeiten zu intensivieren.

Dieses Video zeigte das Mädchen auf einem Schwebebalken. Es achtete nicht auf seine Schritte. Sah nicht einmal nach unten. Rannte unbeschwert darüber, als handelte es sich um einen breiten Gehweg und nicht um einen schmalen Holzbalken. Am Ende angekommen, zögerte die Kleine keine Sekunde, vollführte einen Salto, landete sicher auf beiden Beinen und rannte, ohne das Tempo zu verlangsamen, auf ein Reck zu. Sie war viel zu klein, um mit einem Sprung die Reckstangen über ihrem Kopf zu erreichen, aber das schien sie gar nicht zu bemerken. Sie katapultierte sich mit ausgestreckten Armen in die Höhe, ihr kleiner Körper klappte zusammen, als ihre Hüften die Reckstange berührten, und sie schwang sich mühelos empor.

Ein kollektives Raunen bedeutete Lily, dass die Männer das Schauspiel gebannt verfolgten. Sie ließ das Video ganz ablaufen, auf dem das Mädchen erstaunliche Fertigkeiten zeigte. Bisweilen lachte es dabei laut auf, was die Tatsache unterstrich, dass es sich ganz allein in dem Raum befand, abgesehen von den Kameras, die seine unglaublichen Kunststücke aufzeichneten. Lily wartete das Ende des Videos ab und die darauffolgenden Reaktionen der anderen. Sie selbst hatte sich dieses Video schon mehrere Male angeschaut, konnte aber immer noch nicht glauben, was sich da vor ihren Augen abspielte.

Jetzt kletterte das Mädchen ein fünf Meter hohes Netz hinauf und auf der anderen Seite hinunter und rannte weiter auf das letzte Hindernis zu. Ein Drahtseil, das etliche Meter über dem Boden quer durch den Raum gespannt war und in der Mitte durchhing. Noch im Laufen fixierte Novelty das Drahtseil, die Konzentration stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. Plötzlich begann sich das Seil zu versteifen, und als sie mit einem lockeren Satz am einen Ende hinaufsprang, war es zu einem dicken Stahltau geworden, das in der Mitte nicht mehr durchhing, sondern es ihr gestattete, leichtfüßig hinüberzulaufen und am Ende mit einem fröhlichen Lachen auf den Boden zu hüpfen.

Abermals entstand ein Schweigen, während Ryland den Videorekorder ausschaltete. »Na, kann das einer von euch nachmachen?«

Allgemeines Kopfschütteln war die Antwort. »Wie hat sie das nur fertiggebracht?«

»Sie muss dabei Energie manipulieren. Wir alle tun das in geringerem Ausmaß«, erklärte Lily. »Sie ist jedoch in der Lage, diese Kunst einen Schritt weiter zu treiben, und das ohne jede Anstrengung. Ich wette, dass sie ein Antigravitationsfeld aufbaut, um das Drahtseil anzuheben. Möglicherweise wandelt sie mithilfe von Telekinese die Unterseite des Kabels in einen Supraleiter um und wendet die Li-Podkletnov-Technik an, um die Atomkerne auf der Unterseite zu beschleunigen, so dass ein ausreichend starkes Antigravitationsfeld erzeugt wird, um das Seil anzuheben und zu spannen. Das würde auch erklären, dass sie über das Seil tanzen kann, als würde sie schweben!« Lily drehte sich zu den Männern um, ihre Augen leuchteten vor Erregung. »Sie ist geschwebt! Dieses Antigravitationsfeld hat ihr eigenes Körpergewicht auf beinahe null reduziert. «

»Lily.« Ryland schüttelte tadelnd den Kopf. »Du bombardierst uns schon wieder mit diesem Fachchinesisch. Kannst du dich nicht einfacher ausdrücken?«

»Tut mir leid. Das passiert mir immer, wenn ich aufgeregt bin«, gestand sie ein. »Aber es ist einfach so unglaublich. Ich habe die Fachliteratur durchgeackert, und was mich am meisten erstaunt, ist, dass dieses Mädchen allein durch Gedankenkraft Dinge tun kann, zu denen nur wenige Wissenschaftler erst ansatzweise in ihren Laboratorien fähig sind: nämlich Antigravitation zu erzeugen. Nur dass ihr das viel besser gelingt und sie dieses Antischwerkraftfeld aufbauen kann, wann immer es ihr gerade in den Sinn kommt. Dieses An- und Abschalten ist eine Fertigkeit, die die Wissenschaft bis heute nur in ganz geringem Maße beherrscht. Zudem würden diese Wissenschaftler, wie auch ich, alles dafür geben, zu erfahren, wie sie das bei Zimmertemperatur zustande bringt. Im Moment noch müssen sie die Temperatur auf einige hundert Grad unter den Gefrierpunkt senken, um ihre Supraleiter zu aktivieren.«

»Antischwerkraft?«, wiederholte Gator. »Ist das nicht ein bisschen weit hergeholt?«

»Und was ist mit unseren Fertigkeiten?«, fragte Nicolas.

»Nun, zugegeben, anfangs dachte ich auch, dass das unmöglich sei«, gab Lily zu. »Aber wenn ihr so wie ich diese Videos einige hundert Mal angesehen habt, werden euch gewisse Details auffallen. Ich spule das Band noch mal zu der Stelle zurück, wo sie über das Drahtseil geht. Und diesmal schauen wir es uns in Zeitlupe an. Seht ihr? Wo das Seil sich zu spannen beginnt?« Sie tippte mit dem Finger auf den Bildschirm, um zu zeigen, worauf die Männer ihr Augenmerk richten sollten. »Seht dahin, auf die Zimmerdecke, direkt über dem Drahtseil. Beobachtet das Elektrokabel, das die beiden Deckenlampen verbindet. Es bewegt sich nach oben, ein paar Zentimeter! Seht ihr das? Und jetzt springt Dahlia vom Seil herunter, und das Kabel senkt sich wieder. Das ist genau das Phänomen, das man zu sehen erwartet, wenn sich über diesem Drahtseil ein Antischwerkraftfeld aufbaut.«

Anschließend deutete Lily auf das Standbild, das das Gesicht des Mädchens zeigte. »Schaut sie euch an. Sie lacht und hält sich nicht den Kopf vor Schmerzen.« Lily schob eine andere Kassette in den Rekorder. »Hier manipuliert sie verschiedene Schlösser mit einer solchen Geschwindigkeit, dass ich dachte, da müsse eine Maschine mit im Spiel sein.« Das Video zeigte einen riesigen Tresor mit einem ausgeklügelten Verschlusssystem. Die Bolzen bewegten sich so schnell, und die Räder der Kombinationszahlenschlösser drehten sich und klickten mit einer Geschwindigkeit, als liefe ein unsichtbarer Mechanismus ab. Die Kamera war direkt auf die schwere Stahltür gerichtet, und erst als man das Lachen des Mädchens hörte und die Tür aufschwingen sah, erkannte man, dass Dahlia vor der Tresortür stand und diese allein durch ihre übersinnlichen Kräfte geöffnet hatte.

Lily beobachtete die Männer. »Ist das nicht unvorstellbar? Sie hat den Tresor nicht einmal berührt. Ich habe ein paar Theorien gewälzt – Clairaudition zum Beispiel, doch damit ließ sich nicht die unglaubliche Geschwindigkeit erklären, mit der sie diese Tresortür geöffnet hat. Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Sie hat sich intuitiv in das variable Schließsystem hineinversetzt und es in einen Zustand geringerer Entropie gebracht!«

Lily blickte so triumphierend in die Runde, dass es Ryland schwerfiel, ihre Begeisterung zu dämpfen. »Liebling, das freut mich sehr für dich. Wirklich, ich bin stolz auf dich. Es ist nur so, dass ich kein verdammtes Wort von dem verstanden habe, was du gerade gesagt hast.« Er blickte sich mit erhobenen Augenbrauen um. Die anderen Männer schüttelten stumm die Köpfe.

Lily trommelte nachdenklich mit den Fingerspitzen auf die Tischplatte. »Okay, mal sehen, ob ich es euch anders erklären kann. Ihr kennt doch die Filme, wo die Einbrecher ein Stethoskop an die Tresortür halten, während sie das Nummernrad drehen, oder?«

»Klar«, sagte Gator. »Solche Filme schaue ich mir am liebsten an. Die Panzerknacker versuchen rauszuhören, wann der Bolzen einrastet.«

»Nicht ganz, Gator«, korrigierte ihn Lily. »Tatsächlich versuchen sie eine Verringerung der Geräusche zu erlauschen. Es klickt bei jeder Ziffer, die man einstellt, und wenn der Bolzen einrastet, klingt dieses Klicken ein klein wenig leiser. Deshalb bin ich zunächst auf Clairaudition gekommen, was, wie ihr wisst, ähnlich wie Hellsehen funktioniert, nur dass man gewisse Dinge aufgrund seiner übersinnlichen Fähigkeiten eben nicht visuell wahrnimmt, sondern hört.«

»Aber du glaubst nicht, dass das die Erklärung dafür ist, richtig?«, fragte Nicolas.

Lily schüttelte den Kopf. »Nein, ich musste diese Theorie verwerfen. Sie erklärt nicht die unfassbare Geschwindigkeit. Zudem habe ich herausgefunden, dass diese Tresortür in dem Video – wie die meisten Tresore, die nach 1960 hergestellt wurden – über diverse Arten von Sicherungsmechanismen wie Kunststoffbolzen und Schalldämpfer verfügte, die ein ungewolltes Öffnen auf herkömmliche Weise nahezu unmöglich machte.«

»Demnach arbeitet Dahlia nicht mit Geräuschen«, folgerte Nicolas.

»Nein, tut sie nicht«, pflichtete Lily ihm bei. »Eine Weile war ich völlig ratlos. Doch irgendwann einmal flog mir mitten in der Nacht eine viel einfachere Erklärung zu; sie fühlt buchstäblich jede Zuhaltung einrasten. Aber das ist noch nicht alles. Ich glaube, sie hat eine gefühlsmäßige Abneigung gegen Entropie in Systemen, die ihr diese Geschwindigkeit ermöglicht.«

»Jetzt stehe ich schon wieder auf der Leitung, Lily«, meldete sich Ryland.

»Verzeihung. Das zweite Thermodynamische Gesetz besagt, dass jedes sich selbst überlassene System im Universum zu Entropie oder, anders ausgedrückt, zu Unordnung und Chaos tendiert. Dieses Phänomen kann man überall beobachten. Eine Vase zerbricht in Scherben. Aber du wirst nie erleben, dass sich Scherben zu einer Vase zusammensetzen. Sich selbst überlassen, wird ein Haus immer staubiger, aber niemals sauberer. Und Zuhaltungen, weil sie zum Beispiel mittels einer Feder unter Spannung stehen, springen immer von selbst nach vorn, niemals zurück. Das ist das Zweite Thermodynamische Gesetz praktisch gesehen: Unordnung steigert sich zum Chaos, wenn nicht dagegen eingeschritten wird. Und deshalb kann ich mir nur vorstellen, dass Dahlia sich dem zweiten Hauptsatz widersetzt. Mit anderen Worten: Sie liebt Ordnung und hasst Chaos.«

»Das trifft auf eine Menge Leute zu. Unsere Rosa ist eine absolute Ordnungsfanatikerin«, bemerkte Gator im Hinblick auf ihre Haushälterin. »Wir wagen es kaum, eine Kaffeetasse aus dem Schrank zu nehmen.«

Lily nickte. »Das ist leider wahr, aber bei Dahlia geht das viel tiefer. Weil sie übernatürliche Kräfte besitzt, macht es ihr richtig Spaß, die Zuhaltungen intuitiv so zu beeinflussen, dass sie an der richtigen Stelle einrasten. Und das Zusammenwirken von Gefühl, Intuition und Spaß beim Schlösserknacken verleiht ihr diese Geschwindigkeit. Denkt doch nur daran, wie blitzschnell wir unsere Hand von einer heißen Herdplatte ziehen können, sobald es wehtut, oder wie das Knie in die Höhe schießt, wenn der Doktor mit seinem Hämmerchen draufklopft. Das sind Reflexreaktionen, die kein Nachdenken erfordern. Was gut für unsere Hand ist, weil das Denken viel langsamer vonstattengeht.«

»Einfache Schlösser kann ich knacken«, gestand Ryland mit einem Blick auf Nicolas. »Und du auch. Aber ich muss zugeben, dass ich dabei definitiv nachdenke. Ich muss mich richtig darauf konzentrieren.«

»Aber keiner von uns kann derart komplizierte Schlösser öffnen, und schon gar nicht mit dieser rasanten Geschwindigkeit«, hob Nicolas hervor. Sein Blick haftete nach wie vor auf dem Bildschirm. »Sie ist phänomenal.«

»Dem kann ich nur zustimmen«, sagte Lily. »Also, soweit ich das beurteilen kann, bewegt sie reflexartig die Zuhaltungen mittels Telekinese in die richtigen Positionen. Und dieser Vorgang wird nicht durch ihr Denken verlangsamt; jedes Mal, wenn einer dieser Bolzen an der richtigen Stelle einrastet, wird sie umgehend von ihrem Nervensystem mit einem Freudengefühl belohnt. Und sind dann alle Zuhaltungen eingerastet … nun, dann freut sie sich so, dass die Tür aufschwingt, und lacht sich schier kaputt. Das war dann das wahre Erfolgserlebnis für sie.« Lily schluckte und wandte den Blick ab. »Mir geht das so, wenn ich mit mathematischen Formeln arbeite. Mein Verstand muss sich fortwährend mit ihnen beschäftigen, und es gibt mir einen Kick, wenn die Formel dann endlich steht.«

»Jetzt verstehe ich, warum die Regierung so begierig darauf ist, dass sie für sie arbeitet«, meinte Nicolas.

Lily runzelte die Stirn. »Sie war doch noch ein kleines Mädchen und hatte ein Recht auf eine Kindheit. Sie hätte mit richtigem Spielzeug spielen sollen.«

Nicolas drehte langsam den Kopf und betrachtete sie aus seinen kalten, schwarzen Augen. »Das ist genau das, was sie offenbar tut, Lily. Spielen. Du bist wütend auf deinen Vater, und das mit Recht. Aber er hat offenbar versucht, dieses Mädchen zu beschäftigen, genauso wie dich. Dein Gehirn musste sich pausenlos mit mathematischen Problemen und Formeln befassen; dieses Mädchen verlangte nach einer anderen Art Beschäftigung, die es ebenso brauchte wie du. Warum wurde es eigentlich von niemandem adoptiert?« Seine Stimme war leise, beinahe monoton, und hatte doch Gewicht und Autorität. Niemals erhob er seine Stimme, wurde aber immer gehört.

Lily unterdrückte einen Schauder. »Vielleicht stehe ich zu nahe am Problem«, sagte sie. »Und du könntest tatsächlich Recht haben. Sie schien imstande zu sein, all das ohne die üblichen Schmerzen zu bewältigen. Ich würde gerne wissen warum. Selbst jetzt noch, nach all den Trainingseinheiten, die ich absolviert habe, um mich zu stärken, bekomme ich jedes Mal peinigende Kopfschmerzen, wenn ich zu viel Telepathie betreibe.«

»Vielleicht waren deine telepathischen Fähigkeiten nicht angeboren«, überlegte Nicolas. »Du besitzt andere erstaunliche Fertigkeiten. Wenn ich telepathisch arbeite, macht mir das gar nichts aus.«

»Lily, du hast vorhin gesagt, dass es hart ist, die Videos von dem Mädchen anzuschauen«, nahm Tucker ihre frühere Bemerkung auf, »aber auf diesem hier scheint es ihr richtig gutzugehen.«

Lily nickte. »Die Aufzeichnungen, die ihr Agenten-Training dokumentieren, gingen mir sehr nahe. Das Video, das ihr anschließend seht, zeigt ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten, aber auch, wie gefährlich sie sein kann – und den Preis, den sie für ihre Gaben zahlen muss.

Der Flur, der jetzt auf dem Bildschirm erschien, war sehr schmal und offenbar Teil eines Labyrinths, das ein Haus darstellen sollte. Ein Dutzend anderer Räume sah man als kleine Bilder am linken Bildschirmrand. Eine kleine, schwarzhaarige Frau kam ins Bild, die schweigend an der Wand entlangschlich. Sie machte ein paar Schritte in das Labyrinth hinein und blieb dann stehen. Schien zu lauschen oder sich innerlich zu konzentrieren. Die Zuschauer konnten einen großen Mann sehen, der sich in einem der Räume hinter einem Vorhang versteckte, und einen zweiten oben im Deckengebälk, der dort beinahe direkt über dem ersten wie in einem Hinterhalt verharrte.

Die Frau war sehr klein, ihr schwarzes, glänzendes Haar lässig zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst. Sie trug dunkle Kleidung und bewegte sich mit graziösen, schleichenden Schritten, denen etwas von einer Raubkatze anhaftete. Kaum war sie stehen geblieben, schien sie augenblicklich mit den Schatten zu verschmelzen, eine vage, verschwommene Silhouette, die kaum von der Wand zu unterscheiden war. Die Zusehenden blinzelten angestrengt, um sie im Blick zu behalten.

»Sie ist in der Lage, ihre Erscheinung so verschwimmen zu lassen, dass sie jeden, der sie beobachtet, täuschen kann«, bemerkte Ryland sichtlich beeindruckt.

»Die dazu notwendige Sammlung und Konzentration sind unfassbar«, ergänzte Lily. »Aber sie leidet. Sie hat sich zweimal die Schläfen gerieben, und wenn ihr ihr Gesicht genau beobachtet, könnt ihr sehen, dass sie bereits schwitzt. Sie spürt ganz offenbar die Emotionen der beiden wartenden Angreifer. Ich habe sie beim Kampfsporttraining beobachtet. Sie ist imstande, die Gedanken ihres Gegners zu lesen, jede seiner Aktionen vorauszusehen, ehe er noch dazu ansetzt. Sie benutzt ihre mentalen Fähigkeiten ebenso wie ihre körperlichen.«

»Sie ist nicht bewaffnet«, betonte Nicolas.

»Nein, aber das ist auch nicht nötig«, versicherte Lily.

Mit gespannter Erwartung verfolgten sie die Frau namens Novelty, wie sie geradewegs auf den richtigen Raum zusteuerte, ohne sich damit aufzuhalten, die verschiedenen leeren Räume auf dem Weg zu den beiden Männern zu überprüfen, die im Hinterhalt auf sie lauerten. Sie verließ sich allein auf ihre Instinkte und ihre hoch entwickelten übersinnlichen Fähigkeiten.

»Sie ist so verdammt klein«, staunte Gator. »Beinahe wie ein Kind. Sie bringt doch bestimmt keine fünfzig Kilo auf die Waage.«

»Gut möglich«, sagte Lily, »aber sieh sie dir genau an. Sie ist tödlich.«

Völlig selbstsicher bewegte sich die Frau weiter, bis sie zu der Stelle der Wand kam, die den Raum abtrennte, in dem sich der Mann hinter dem Vorhang versteckt hatte, der einen begehbaren Kleiderschrank kaschierte. »Seht nur, sie legt ihre Hand an die Wand, wie, um etwas zu erspüren«, fuhr Lily fort. »Energie vielleicht? Kann sie so sensibel sein? Ist es möglich, dass ein Mensch so viel Energie abstrahlt, dass diese Frau die Anwesenheit des Mannes durch eine Wand hindurch fühlen kann, oder nimmt sie telepathisch Verbindung zu ihm auf?«

In absoluter Stille trat Novelty einen Schritt von der Wand zurück, starrte diese aber noch eine Weile an und ließ ihren Blick dann langsam in die Höhe wandern, so als könnte sie die Zimmerdecke des abgetrennten Raums ebenfalls sehen. Allmählich wurde die Wand schwarz. Rauch quoll in den Flur. Hell auflodernde Flammen fraßen sich durch die Trennwand ins Innere des dahinter liegenden Raums, züngelten die Wände hinauf zur Decke und reckten sich gierig den beiden Männern entgegen. Unversehens stand der ganze Raum in Flammen, was ein Sprinklersystem in Gang setzte, das die beiden in ihrem Versteck vor einem qualvollen Flammentod bewahrte.

»Sie erzeugt Hitze«, stellte Ian McGillicuddy fest. Er war ein Hüne von einem Mann, mit breiten Schultern und einem muskelbepackten Körper. Seine dunkelbraunen Augen waren wie gebannt auf den Bildschirm gerichtet und beobachteten fasziniert das Geschehen. »Gegen dieses spezielle Talent hätte ich nichts einzuwenden.«

»Oder diesen Fluch«, warf Nicolas ein.

Ian nickte. »Oder Fluch, ja«, murmelte er nachdenklich.

Die junge Frau war inzwischen aus dem Haus geschlüpft und zog sich in ein kleines Wäldchen zurück, beide Hände gegen den Kopf gepresst. Sie sank auf die Knie, fiel nach hinten, und im nächsten Moment wurde ihr gesamter Körper von Krämpfen geschüttelt wie bei einem epileptischen Anfall. Die Kameras blieben weiterhin auf sie gerichtet, Blut sickerte aus ihren Mundwinkeln. Wenige Sekunden später blieb sie bewegungslos auf dem Boden liegen.

Leise fluchend wandte sich Ryland ab. Sein Blick begegnete dem von Nicolas, und einen Moment lang schauten sich die beiden vielsagend an.

Lily hielt das Videoband an, ließ aber das erschreckende Bild der zusammengekrümmt auf dem Boden liegenden Frau als Standbild stehen. »Was verursacht nur diese Schmerzen? Ich habe die Notizen meines Vaters durchgearbeitet und mir andere Trainingsvideos angesehen. Diese haben gezeigt, dass sie jedes Mal, wenn sie allein gelassen wird, in der Lage ist, die sensationellsten und unglaublichsten Meisterleistungen zu vollbringen, doch sobald ein menschliches Wesen in ihrer Nähe ist, leidet sie immense Schmerzen und verliert mitunter das Bewusstsein. «

»Vielleicht wird sie von Gefühlen überwältigt«, überlegte Gator. »Ohne Anker ist sie allen Arten von Emotionen hilflos ausgesetzt. Die beiden Männer in dem Raum hatten sicherlich Angst, waren wütend und fühlten sich von ihren Trainern verraten. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Aussicht, bei lebendigem Leib verbrannt zu werden, ihnen nicht unbedingt gefallen hat.«

»Vielleicht«, sinnierte Lily, »aber ich glaube, es ist komplizierter als das, was wir durchmachen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie Gefühle erspüren kann, zumindest nicht so, wie die meisten von uns das können.«

Nicolas konzentrierte sich weiterhin auf das Bild der bewusstlosen jungen Frau. »Sie hat die Anwesenheit ihrer beiden Gegner nicht auf die Weise gespürt, wie wir das tun, richtig? Da geht es nicht um Emotionen, da ist etwas anderes im Spiel.«

»Ich tippe auf Energie«, sagte Lily. »Mein Vater hatte von dem Anker-Phänomen nicht wirklich viel Ahnung. Als er zum ersten Mal mit uns Kindern dieses Experiment durchführte, glaubte er, wir wären nur durch enge Freundschaften verbunden. Er hat nicht verstanden, dass einige von uns die emotionale Reizüberflutung von anderen abgeleitet haben, damit diese funktionieren konnten. Novelty, oder Dahlia, ist kein Anker – im Gegenteil, sie braucht einen, um ohne Schmerzen agieren zu können. Wie ihr wahrscheinlich bemerkt habt, ist sie auf der Mehrzahl der Trainingsvideos allein. Sie haben für sie ein Haus gebaut, so wie sie es für mich getan haben; dadurch war sie gegen Menschen abgeschirmt. Dr. Whitney glaubte, dass sie wie viele von uns Gedanken lesen konnte und er sie dadurch vor einem Ansturm von fremden Emotionen schützte.«

»Und das hast du alles seinen Aufzeichnungen entnommen? «, fragte Ryland. »Wie gefährlich ist sie seiner Meinung nach?«

Lily zuckte die Achseln. »Seinen Berichten zufolge hat er sie etliche Male aus der Gesellschaft entfernen müssen. Dennoch hat er weiterhin dieses Training erlaubt. Ich habe diese Videos studiert, wie er es getan haben muss, und habe festgestellt, dass sie nur angegriffen hat, wenn sie glaubte, sich verteidigen zu müssen. Im Laufe ihrer Jugendjahre hat sie mit Sicherheit eine Art von Kontrolle über ihre Fähigkeiten erworben.«

Anschließend ließ Lily die übrigen Videos nacheinander ablaufen. Sie hatte sie bereits vorher angesehen, die herzzerreißenden Szenen, in denen die Frau, bei der es sich ihrer Meinung nach nur um die verschwundene Dahlia handeln konnte, Kampfsport betrieb, jede Bewegung des anderen voraussah und jeden Gegner ungeachtet ihres zarten Körperbaus und ihres Fliegengewichts besiegte, anschließend jedoch unausweichlich unter schrecklichen Muskelkrämpfen zusammenbrach, die letzte Mahlzeit heraufwürgte und ihr das Blut aus dem Mund rann und mitunter auch aus den Ohren. Sie schrie nie vor Schmerzen, sondern wiegte sich nur hin und her und hielt sich den Kopf, bevor sie endgültig kollabierte. Die Videobänder dokumentierten ein Training, das vermutlich auf eine Undercover-Tätigkeit vorbereiten sollte, und jedes Mal endete die Frau, die Novelty genannt wurde, auf die gleiche Weise: zusammengekrümmt wie ein Fötus auf dem Boden liegend.

Allein beim Ansehen der Bänder wurde Lily schon übel. Nachdem ihr Vater bemerkt hatte, dass Dahlia nicht unter den vorgegebenen Bedingungen arbeiten konnte, hätte er sie unverzüglich aus dem Trainingsprogramm nehmen sollen. Unglücklicherweise erfüllte sie stets die ihr gestellte Aufgabe, ehe sie dann zusammenbrach. In Anbetracht der früheren Videos von dem sturen und rachsüchtigen Kind im Labor, fragte sich Lily unwillkürlich, womit sie Dahlia gedroht hatten, um sie dazu zu bringen, für sie zu arbeiten, obwohl sie doch offensichtlich willensstark genug war, um sich zu verweigern.

Anstatt die Szenen des Videos zu verfolgen, beobachtete Lily die Reaktionen der Männer. Sie wollte den sensibelsten von ihnen auf Dahlia ansetzen. Die Frau hatte jahrelang ein schreckliches Trauma durchlitten. Sie brauchte die Sicherheit des Whitney-Hauses, mit dem Schutz der dicken Mauern und dem mitfühlenden und warmherzigen Personal, Männern und Frauen, die alle natürliche Filter besaßen, so dass sie keinerlei Emotionen auf das Schattengänger-Team projizieren konnten. Ihr Vater hatte ihr dieses sichere Haus zur Verfügung gestellt, und sie hatte ihrerseits beschlossen, es mit den Männern zu teilen, mit denen ihr Vater früher experimentiert hatte.

Lily sah in ihre Gesichter und verspürte zum ersten Mal das Bedürfnis zu lachen. Wie war sie nur auf die Idee gekommen, ihre Gedanken lesen zu können? Sie verbargen jegliche Regungen hinter völlig ausdruckslosen Gesichtern. Das Militär hatte sie bestens vorbereitet, und jeder von ihnen hatte ein spezielles Training erhalten, lange bevor sie überhaupt für den Dienst in der Schattengänger-Einheit rekrutiert worden waren.

Sie wartete, bis das letzte Videoband durchgelaufen und die Wirkung des Gesehenen am intensivsten war. Dahlia Le Blanc war die Art von Frau, die bei Männern unweigerlich Beschützerinstinkte wachrief. Sehr klein, sehr zierlich, mit großen traurigen Augen und makelloser Haut. Mit diesen Augen, der schneeweißen Elfenhaut und der Fülle ihres pechschwarzen Haars sah sie aus wie eine Puppe. Lily wusste, dass Dahlia Hilfe brauchte, sehr viel Hilfe, um sich wieder in der Welt zurechtzufinden. Und sie war fest entschlossen, Dahlia mit allem zu versorgen, was Dr. Whitney ihr vorenthalten hatte. Mit einem Zuhause, einem sicheren Hort, und Menschen, die sie Familie nennen und auf die sie sich verlassen konnte. Es würde nicht leicht werden, Dahlia dazu zu bringen, an den Ort zurückzukehren, wo ihr der eigentliche Schaden zugefügt worden war.

Ryland legte Lily den Arm um die Schultern und brachte sein Gesicht nahe an das ihre. »Du hast Tränen in den Augen.«

»Das solltet ihr auch haben«, gab sie zur Antwort und blinzelte heftig. »Mein Vater hat dieses Mädchen um ihr Leben betrogen, Ryland. Niemand hätte sie adoptiert und ihr ein Zuhause gegeben. Niemand konnte sie adoptieren. Ich weiß nicht einmal, ob ich ihr helfen kann. Vor allem: Warum sollte sie mir vertrauen?«

»Ich werde sie suchen«, erklärte Nicolas spontan. Unerwartet. Ohne nachzudenken.

Lily musste an sich halten, um keinen Entsetzensschrei auszustoßen. Sie holte tief Luft und ließ sie ganz langsam entweichen. »Du bist doch gerade erst von dieser Mission im Kongo zurückgekommen, Nico, die weiß Gott kein Honiglecken war. Du brauchst Erholung, keine neue Aufgabe. Ich kann dich nicht darum bitten.«

»Du hast mich auch nicht darum gebeten, Lily.« Seine schwarzen Augen nagelten sie förmlich fest. »Und du würdest mich auch nicht darum bitten, aber das tut nichts zur Sache. Ich bin ein Anker, und ich kann mit ihr umgehen. Ich bin hier und bis auf weiteres beurlaubt. Ich werde sie suchen.«

Lily wollte Einspruch erheben, doch ihr fiel kein Argument ein, ihn von seinem Entschluss abzuhalten. Es ärgerte sie, dass sie so durchsichtig war, dass Nicolas sehen konnte, wie unwohl sie sich in seiner Gegenwart fühlte. Dabei war es nicht so, dass sie ihn nicht mochte, aber er jagte ihr mit seinen zu kalten Augen und seiner unerbittlichen Entschlossenheit Angst ein. Daran änderte auch das Wissen um seine Fertigkeiten und sein Können nichts. »Ich dachte, Gator kennt das Gebiet besser und findet es leichter.« Eine bessere Ausrede fiel ihr im Moment nicht ein.

Nicolas sah sie einfach nur an. »Ich werde sie suchen, Lily. Wenn ich Papiere brauche, die mich berechtigen, sie da rauszuholen und hierherzubringen, dann lass diese ausstellen. Ich breche in einer Stunde auf.«

»Nico«, protestierte Ryland. »Du hast nur ein paar Stunden geschlafen. Du bist gerade erst nach Hause gekommen. Ruhe dich wenigstens heute Nacht noch richtig aus.« Lily wusste, dass keiner der Männer mit Nicolas streiten würde. Das hatten sie nie getan. Und sie hatte auch keinen Grund, mit ihm darüber zu debattieren. Dahlia war bei ihm sicher. Sie sah Gator an in der Hoffnung, dass er sich freiwillig melden würde, um ihn zu begleiten, aber Gator blickte nicht auf. Die Männer standen geschlossen hinter Nicolas. Sie seufzte und kapitulierte. »Also gut, ich werde Cyrus Bishop bitten, die notwendigen Vollmachten auszustellen, die dich berechtigen, sie mitzunehmen. Wir wissen, dass Cyrus Stillschweigen bewahren wird.« Nachdem sie das Ausmaß der Geheimnisse ihres Vaters erkannt hatte, hatte Lily einige Zeit gebraucht, bis sie dem Familienanwalt vertraute, und sie war sich noch immer nicht sicher, inwieweit Cyrus Bishop in alles verwickelt war. Experimente mit Menschen zu machen, insbesondere mit Kindern, war grauenvoll, doch Peter Whitney hatte ihr ein liebevolles Zuhause und eine wunderschöne Kindheit beschert. Es fiel ihr immer noch schwer, die beiden Seiten ihres Vaters zu verstehen.

Ryland wartete, bis seine Frau den Raum verlassen hatte, dann erst wandte er sich an Nicolas. »Wenn sie von diesem kleinen Kratzer wüsste, der dich beinahe das Leben gekostet hätte, würde sie ausrasten, Nico.«

Ich muss gehen, Rye. Nicolas sah die anderen an, während er sich telepathisch mit Ryland verständigte, um einen privaten Gedankenaustausch zu ermöglichen. Es hatte viele Monate intensiven Trainings bedurft, bis er in der Lage gewesen war, telepathisch mit nur einer Person zu kommunizieren und die anderen nicht mithören zu lassen, aber es war eine nützliche Fähigkeit, die Nicolas sich hart erarbeitet hatte. Lily hat sie alle vor Mitgefühl für diese Frau bluten lassen. Aber jemand, der imstande ist, ein Antigravitationsfeld zu generieren oder diese Hitze, die nötig ist, um ein Feuer zu entzünden, oder die Molekularstruktur eines Drahtseils zu verändern, ist gefährlich. Jeder dieser Männer würde zögern, das Notwendige zu unternehmen, falls sie sich gegen ihn wendet. Ich aber nicht.

Ryland ließ langsam den Atem entweichen. Nicolas klang immer gleich. Ruhig, emotionslos – logisch. Er fragte sich, was passieren müsste, um Nicolas jemals aus der Ruhe zu bringen. Ich vertraue dir, Nico, aber Lily hat Angst um Dahlia. Sie hat das Gefühl, dass ihr Vater sie um alles betrogen hat, was sie brauchte. Eltern, ein Zuhause, eine Familie, genau genommen um ihr Leben.

Hat er auch. Lily nimmt seine Schuld auf sich, und das sollte sie nicht. Sie ist genauso ein Opfer wie diese arme Frau, aber das ändert nichts an der Gefahr für jeden, der versucht, Dahlia zu überreden, ihre einzige Zufluchtsstätte, die sie je hatte, zu verlassen. Siehst du denn nicht, was sie getan haben, Rye? Wenn sie sie als Geheimagentin benutzen, wie Lily vermutet, halten sie sie damit bei der Stange, dass sie dieses Haus in den Sümpfen braucht. Sie hat keine andere Wahl, als immer wieder dorthin zurückzukehren. Sie kann nicht außerhalb dieser Umgebung leben, deshalb tut sie, was sie von ihr verlangen, um ihr einziges Zuhause nicht zu verlieren. Sie bräuchten sie nicht einmal zu bewachen; sie wissen, dass sie zurückkehren muss.

Nicolas erhob sich, streckte sich und unterdrückte ein Stöhnen, als sein Körper protestierte. Die Kugel war seinem Herzen ein bisschen zu nahe gekommen. Er hatte sich noch nicht wirklich von der Verletzung erholt und sich auf eine Auszeit gefreut. Sein Team stand augenblicklich auf. Ian MacGillicuddy, Tucker Addison und Gator waren alle erschöpft und brauchten Ruhe. Er wusste, dass sie sich darauf einstellten, ihn zu begleiten. Doch Nicolas musterte sie mit einem grimmigen Blick. »Glaubt ihr etwa, ich werde nicht allein mit dieser kleinen Lady fertig?«

Die Männer grinsten sich gegenseitig an. »Ich glaube, du wirst mit keiner Frau fertig, Nico«, feixte Tucker. »Und schon gar nicht mit dieser hübschen Dynamitstange. Wir müssen an deiner Seite bleiben und verhindern, dass sie dir an den Kragen geht.«

»Da muss ich Tucker ausnahmsweise Recht geben«, meinte Gator grinsend. »Sie sieht mir aus, als könnte sie mit einem Schwächling wie dir übel Schlitten fahren.«

Ian schnaubte spöttisch. »Sie könnte schreiend davonlaufen, wenn sie deine bedauernswerte Visage zwischen den Schilfhalmen entdeckt. Vielleicht glaubt sie, du bist ein Moorungeheuer, das sie in die schwarzen Tiefen hinabziehen will. Nein, da muss schon ein gut aussehender Mann kommen, um sie zu holen.«

»Und das bist du nicht, oder?«, sagte Gator und knuffte ihn in die Seite. »Ich kenne mich im Bayou aus, Nico, und ich weiß, wie leicht man dich umkrempeln kann.«

Amüsiert sah Ryland zu, wie die Männer mit Nicolas lachten und scherzten. Alle von ihnen wussten, dass man Nicolas monatelang mutterseelenallein in den tiefsten Dschungel oder die größte Wüste schicken konnte und er immer zurückkehren würde, selbstverständlich nach erfolgreich beendeter Mission. Ganz gleich, was sie ihm auch an den Kopf warfen, Nicolas würde sich alles gutmütig anhören, am Ende aber sein Team hinter sich lassen.

Alle von ihnen hatten im Kongo Dienst getan und Wochen damit zugebracht, den Feind in den Dörfern und den Camps zu infiltrieren, um an entscheidende Informationen zu kommen. Über einen langen Zeitraum telepathisch zu arbeiten und sich selbst gegen größere Gruppen abzuschirmen, war extrem belastend. Alle brauchten sie dringend eine Erholungspause. Nicolas würde zuerst an seine Männer denken und sie vor Dahlia Le Blanc schützen, auch wenn sie ihr noch so viel Sympathie entgegenbrachten.

Sieh zu, dass du Lily in Sicherheit wiegst. Ryland fiel es inzwischen viel leichter, sich telepathisch zu verständigen. Die täglichen Übungen, die Lily ihnen auferlegt hatte, hatten ihnen nicht nur zu mehr Kontrolle verholfen, sondern auch dazu beigetragen, allmählich wieder die Barrieren aufzubauen, die ihr Vater bei seinem Experiment eingerissen hatte, um ihre Fähigkeiten in seinem Sinne zu optimieren. Lily gab sich redlich Mühe, sie entsprechend zu fördern, in der Hoffnung, ihnen dadurch das nötige Rüstzeug zu geben, damit sie später mit Familien und Freunden in der normalen Welt leben konnten. In der Zwischenzeit teilte sie großzügig ihre Zeit und ihr Zuhause mit ihnen. Und dafür liebte Ryland sie noch mehr. Er wollte, dass Nicolas einen Weg fand, um Lily zuversichtlich zu stimmen. Nicolas war nämlich nicht der Typ, der log, nur damit Lily sich besser fühlte.

Sofern das überhaupt möglich ist, bringe ich ihr Dahlia hierher. Das ist das Beste, was ich tun kann.

Ryland nickte ihm unauffällig zu und überließ die Männer weiter ihren Spötteleien. Dann warf er einen Blick hinauf zur Kamera und winkte, für den Fall, dass Arly, ihr Sicherheitsmann, ihn dabei beobachtete, wie er sich auf die Suche nach seiner Frau machte.

Er fand sie in ihrem Schlafzimmer. Sie stand vor dem großen Panoramafenster und schaute hinaus auf die hügeligen Wiesen.

»Lily, er hat mir versprochen, sie hierher zu dir nach Hause zu bringen.«

Sie drehte sich nicht um. »Es ist ja nicht so, dass ich ihn nicht mag, Ryland. Ich hoffe, du weißt das. Er kann einfach nur so gefühlskalt sein. Dahlia braucht jemanden, der sie liebt und Verständnis hat für all die Dinge, die sie durchgemacht hat. Und ich wage zu bezweifeln, dass Nicolas zu dieser Art von Mitgefühl fähig ist.«

»Du glaubst also, dass Nicolas seine Männer nur aus Pflichtgefühl zurücklässt? Er kümmert sich um sie, wacht über sie. Er übernimmt jeden gefährlichen Job selbst, und glaub mir, Lily, was du von ihm verlangst, ist sehr gefährlich und höchst riskant.«

»Er ist imstande, sie zu töten«, warf Lily ein.

»Und sie hat ebenfalls keine Skrupel, ihn zu töten.«

Lily sah ihn aus traurigen Augen an. »Mein Gott, was hat mein Vater getan?«

2

DAS BOOT SCHOB sich durch den grünen Schlick des Louisiana Bayou, der Motor tuckerte langsam und gleichmäßig vor sich hin. Der eben noch blaue Himmel erglühte in farbenprächtigen Rosa-, Rot- und Orangetönen. Die Nacht brach schnell herein, und der Sumpf erwachte zum Leben. Schlangen ließen sich von Ästen ins Wasser fallen, und Alligatoren röhrten einander zu, ehe sie in das mit Algen überwucherte Brackwasser glitten. Die Luft war drückend und feucht und so heiß, dass sie geradezu durch Nicolas’ Kleidung sickerte. Der Schweiß lief ihm den Nacken hinunter und stand ihm in Perlen auf der Brust. Insektenschwärme tanzten dicht über dem Wasser, die Fische schnappten nach ihnen, und Fledermäuse schwirrten im Tiefflug darüber hinweg. Aufmerksam steuerte Nicolas das Boot durch das Labyrinth von schmalen Kanälen und Wasserläufen auf sein Ziel, die kleine Insel, zu.

Eine Vielzahl von Vögeln bewohnte die Sümpfe, und die meisten von ihnen fühlten sich von seiner Anwesenheit nicht gestört, doch ein paar größere Spezies betrachteten ihn offenbar als Eindringling und schlugen empört mit den Flügeln. Kormorane, Fischreiher und Ibisse erhoben sich mit ihren großen Schwingen in die Lüfte und suchten sich ein ruhigeres Plätzchen. Die Frösche und Unken stimmten ihr abendliches Konzert an, das rhythmisch an- und abschwoll. Die grauen Moosflechten, die in wirren Fetzen von den Ästen hingen, verwandelten die Bäume in der zunehmenden Dunkelheit in monströse Gespenster. Nicolas sah eine gewisse Schönheit in dieser ungewöhnlichen Umgebung. Er entdeckte verschiedene Schildkrötenarten und Eidechsen, manche von ihnen im Wasser, andere im Unterholz oder auf Ästen.

Während das Boot durch den Kanal glitt, ließ Nicolas den Blick fasziniert über das Wasser schweifen, das sich wie ein schwarzer Spiegel um ihn herum ausbreitete und die lodernden Farben des Sonnenuntergangs reflektierte. Seit je genoss er die Einsamkeit, die sein Job mit sich brachte. In der freien Natur fand er Frieden, und der Bayou ermöglichte ihm einen aufregenden Blick in eine andere Welt. Er war in der Abgeschiedenheit aufgewachsen, war mit seinem Großvater wochen-, ja sogar monatelang durch die Berge gewandert. Das waren glückliche Zeiten gewesen – ein kleiner Junge, der von einem weisen alten Mann das Leben in der Natur selbst erklärt bekam, dabei aber spielen und herumtollen konnte wie ein Kind – das er ja auch war. Bei der Erinnerung daran schlich sich ein Lächeln auf sein Gesicht, und er dankte seinem Großvater, der schon lange von ihm gegangen war, aber in seinem Herzen weiterlebte, für diese kostbare Zeit.

Nicolas wusste, dass die Wildnis seine Heimat war. Hier fühlte er sich zu Hause. Oft überlegte er, dass er eigentlich zu einer anderen Ära gehörte, wo es weniger Menschen und viel mehr Natur gegeben hatte. Er war Lily freilich dankbar dafür, dass er ihr Haus benutzen durfte, und für die Mühen, die sie auf sich genommen hatte, um sie alle dazu zu befähigen, in der normalen Welt zu leben. Das Experiment ihres Vaters hatte ihre Gehirne für die ständigen Gefühlsanstürme der Menschen in ihrer Umgebung geöffnet, und sie brauchten das Zuhause und das Training, das Lily ihnen bot. Doch Nicolas hatte immer noch Probleme damit, in enger Gemeinschaft mit anderen zu leben – was weniger mit der Intensivierung seiner übersinnlichen Fähigkeiten zu tun hatte, als vielmehr mit seiner Vergangenheit und seinem Naturell. Als er sich freiwillig gemeldet hatte, diese Frau in dem Sanatorium aufzuspüren, geschah das nicht nur aus Sorge um seine Teamgefährten, die er vor ihrem eigenen Mitgefühl schützen musste. Vielmehr ging es ihm darum, sich allein auf den Weg machen zu können, in eine Umgebung, wo er das Gefühl hatte, frei atmen zu können.

Zweimal hatte Nicolas die Karte zurate gezogen, die Lily ihm besorgt hatte. In dem Labyrinth von Kanälen und Flussarmen konnte man sich leicht verirren. Manche der Flussläufe waren so schmal, dass er das Boot gerade so eben hindurchsteuern konnte, wohingegen andere so breit waren, dass man sie für einen See halten konnte.

Lilys Vater, Dr. Whitney, hatte das Sanatorium absichtlich auf einer versteckten Insel eingerichtet, die überwiegend aus Marschland bestand, von der Vegetation überwuchert und noch weitgehend unberührt war. Die Insel lag so tief in diesem Gewirr von Kanälen verborgen, dass selbst die ansässigen Jäger nur eine unbestimmte Vorstellung davon hatten, wo genau sie sich befand. Lily hatte die detaillierte Landkarte in den Unterlagen der Stiftung gefunden, doch trotz der Karte und seinem untrüglichen Orientierungssinn hatte Nicolas alle Mühe, die richtige Insel zu finden. Er suchte immer noch danach, als die Nacht anbrach und den Bayou in ihr dunkles Tuch hüllte, was seine Mission nicht gerade erleichterte. Zweimal hatte er das Boot durch hüfttiefe, mit Schlingpflanzen durchsetzte Kanäle ziehen müssen, und auch wenn ihm jetzt gelegentlich ein silberner Schimmer Mondlicht zu Hilfe kam, konnte er kaum unterscheiden, ob die dunklen Schatten im Wasser Alligatoren oder treibende Äste waren.

Als vor ihm eine kleine Insel auftauchte, sah Nicolas hinter einer dichten Baumreihe einige Vögel aufsteigen. Augenblicklich begann seine Haut zu prickeln, und sein Magen verkrampfte sich. Er stellte den Motor ab. Er ließ das Boot treiben, blieb ganz ruhig sitzen und lauschte den abendlichen Geräuschen. Bis vor kurzem noch hatten die Insekten gesummt, die Frösche gequakt. Jetzt waren sie verstummt. Im nächsten Moment glitt Nicolas tiefer ins Boot, um nicht so leicht entdeckt zu werden. Wenn nötig, würde er auch ins Wasser steigen – er hatte schon mehr als einmal die Bekanntschaft von Alligatoren gemacht –, aber er wollte seine Waffen nach Möglichkeit trocken halten.

Nicolas hielt sich von der Mole und dem Anlegesteg fern und auch von dem ausgetretenen Pfad, der zur Inselmitte führte. Er wusste, dass das Gelände der Insel größtenteils sumpfig und vermutlich mit Wasserlöchern durchsetzt war, in die ein unaufmerksamer Wanderer leicht stürzen konnte, doch es erschien ihm sicherer, sich querfeldein seinem Ziel zu nähern, als den Pfad zu nehmen, der möglicherweise bewacht wurde. Nein, er war ganz sicher, dass dort jemand hinter einem Busch auf der Lauer lag.

Er lenkte das Boot in eine kleine Bucht, einige hundert Meter von der Mole entfernt und hinter einer Biegung verborgen. Dort stieg er ins knietiefe Wasser, zog das Boot ans Ufer und vertäute es an einem Baum. Um jedes verräterische Geräusch zu vermeiden, ließ er sich viel Zeit, als er durch den Schlamm bis ans Ufer watete. Auch hier war der Untergrund morastig. Zwischen den Bäumen wucherten alle Arten von Gräsern, Blumen und Büschen.

Nahezu lautlos, wie er es als Junge gelernt hatte, schlich Nicolas durch die Nacht. Er war in einem Reservat aufgewachsen und hatte den größten Teil seiner Kindheit mit seinem Großvater verbracht, einem Schamanen, der an die alte Ordnung glaubte. Instinktiv mied er trockene Zweige und Blätter, und dank seiner telepathischen Fähigkeiten gelang es ihm, das Wild davon abzuhalten, seine Anwesenheit zu verraten, während er das sumpfige Marschland durchquerte und auf das höher gelegene Gelände zusteuerte, auf dem das Sanatorium stand.

Plötzlich ertönten in der Ferne Schüsse. Vögel flatterten kreischend auf und erhoben sich wie eine Wolke in den nachtschwarzen Himmel. Nicolas rannte in die Richtung, aus der die Schüsse gekommen waren. Hier oben standen die Bäume und Büsche sehr viel dichter beisammen. Sie waren offensichtlich bewusst so angepflanzt worden, dass sie eine breite Hecke bildeten und den Blick auf das große Gebäude verwehrten. Gerade als er sich durch eine dichte Schilfgraspflanzung drängte, hörte er das leise Knacken eines Funkgeräts und ging sofort in Deckung. Unbeweglich verharrte er in der Hocke, bis er die exakte Position des Wachpostens ermittelt hatte.

Die Nacht verstärkte jeden Laut, ganz besonders über dem Wasser. Der Posten allerdings war mehr daran interessiert, was sich in dem Gebäude abspielte, und achtete weniger auf das Wasser. Sein Blick war geradeaus nach vorn auf das erhöhte Gelände gerichtet, und zweimal hörte Nicolas ihn leise fluchen und sah, wie er mit der Hand über seine Waffe strich.

Langsam atmete Nicolas aus. Das hier waren keine Amateure. Keine Junkies, die auf Geld aus waren. Nein, das hier war eine professionelle Säuberungsaktion. Ein Team, das sich mit militärischer Präzision bewegte, hart und blitzschnell zuschlug und nur Tote zurückließ. Lily musste an der falschen Stelle nachgefragt haben, denn offenbar hatte man nun ein Killerkommando geschickt, das alle Beweise vernichten sollte. Dahlia Le Blanc stand auf der Abschussliste, und die Männer hatten Befehl, sie auszuschalten. In Nicolas’ Hinterkopf schrillten sämtliche Alarmglocken. Er war mitten in eine Operation geraten, die von ganz oben angeordnet worden war.

Nicolas hatte keine Möglichkeit, festzustellen, ob Dahlia innerhalb des Sanatoriums geschnappt worden war oder ob es ihr vielleicht gelungen war, sich nach draußen durchzuschlagen. Sie hatte ein hartes Training durchlaufen, besaß übersinnliche Fähigkeiten und war offenbar sehr gefährlich. Die Tatsache, dass innerhalb des Gebäudes immer wieder Feuer ausbrachen, mochte darauf hindeuten, dass sie noch am Leben war und kämpfte. Wie auch immer, er hatte keine Zeit zu verlieren. Er musste unbemerkt an dem Wachposten vorbeikommen und ihr zu Hilfe eilen.