Jägerin der Dunkelheit - Christine Feehan - E-Book

Jägerin der Dunkelheit E-Book

Christine Feehan

4,5
9,99 €

Beschreibung

Übersinnliche Leidenschaft

Sie sind die Schattengänger, eine Gruppe herausragender Kämpfer, deren Begabungen von dem brillanten Wissenschaftler Dr. Whitney verstärkt wurden. Doch dann gerät das geheime Experiment außer Kontrolle und die Männer kommen auf mysteriöse Art ums Leben. Ihr Anführer, Captain Ryland Miller, ahnt, dass er das nächste Opfer sein soll. Als Dr. Whitney ermordet wird, ist Millers letzte Hoffnung dessen junge, geniale Tochter Lily. Von der ersten Sekunde an sind sie voneinander gebannt. Was keiner weiß: Auch Lily besitzt übersinnliche Fähigkeiten. Da zieht sich die Schlinge um die Schattengänger plötzlich zu …

Düster, spannend und leidenschaftlich.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 703




DAS BUCH

Sie sind die Schattengänger, eine Gruppe herausragender Kämpfer mit übersinnlichen Kräften. Um aus ihnen eine Truppe von Elitesoldaten zu machen, wird der brillante Wissenschaftler Dr. Peter Whitney beauftragt, ihre besonderen Begabungen noch zu verstärken. Doch dann gerät das geheime Experiment außer Kontrolle und die Männer kommen auf mysteriöse Art ums Leben. Ihr Anführer, Captain Ryland Miller, ahnt, dass er das nächste Opfer sein wird. Als Dr. Whitney ermordet wird, ist Millers letzte Hoffnung dessen junge, geniale Tochter Lily. Von der ersten Sekunde an sind sie voneinander gebannt – was niemand weiß: auch Lily trägt übersinnliche Fähigkeiten in sich. Gemeinsam stoßen Miller und Lily auf ein Geheimnis, das den Lauf der Welt verändern wird …

DER BUND DER SCHATTENGÄNGER

Erster Roman: Jägerin der Dunkelheit

Zweiter Roman: Spiel der Dämmerung

Dritter Roman: Tänzerin der Nacht

Vierter Roman: Schattenschwestern

DIE AUTORIN

Christine Feehan ist in Kalifornien geboren, wo sie heute noch mit ihrem Mann und ihren elf Kindern lebt. Sie begann bereits als Kind zu schreiben und hat seit 1999 zahlreiche Romane veröffentlicht, für die sie mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Mit über sieben Millionen Büchern weltweit zählt sie zu den erfolgreichsten Autorinnen der USA.

Weitere Romane von Christine Feehan bei Heyne:

Dämmerung des Herzens, Zauber der Wellen, Gezeiten der Sehnsucht und Magie des Windes (DRAKE SISTER-Serie)

Mehr über Autorin und Werk unter:www.christinefeehan.com

Inhaltsverzeichnis

DAS BUCHDER BUND DER SCHATTENGÄNGERDIE AUTORINWidmungKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20SPIEL DER DÄMMERUNGCopyright

Für meinen Bruder Matthew King mit herzlichem Dank für all die Hilfe bei den Nachforschungen, die für dieses Buch notwendig waren. Und für McKenzie King, der ich für ihr umwerfendes Lächeln und ihre Ideen zur Umschlaggestaltung danke!

Mein ganz besonderer Dank gilt Cheryl Wilson: Ich habe keine Ahnung, was ich ohne dich täte.

1

CAPTAIN RYLAND MILLER lehnte sich an die Wand und schloss restlos erschöpft die Augen. Er konnte den Schmerz in seinem Kopf ignorieren, die Messer, die seinen Schädel zerfetzten. Er konnte den Käfig ignorieren, in dem er eingesperrt war. Er konnte sogar den Umstand ignorieren, dass ihm früher oder später ein Fehler unterlaufen würde und seine Feinde ihn töten würden. Was er nicht ignorieren konnte, waren das Schuldbewusstsein, die Wut und die Frustration, die wie eine Flutwelle in ihm emporstiegen, da seine Männer die Konsequenzen seiner Entschlüsse auszubaden hatten.

Kaden, ich kann Russell Cowlings nicht erreichen. Kannst du es?

Er hatte seine Männer zu dem Experiment überredet, das für sie alle in den Laborkäfigen geendet hatte, in denen sie jetzt untergebracht waren. Gute Männer. Loyale Männer. Männer, deren Wunsch es gewesen war, ihrem Vaterland und ihrem Volk zu dienen.

Wir alle haben den Entschluss gefasst. Kaden reagierte auf seine Gefühle, und die Worte schwirrten durch Rylands Kopf. Keinem ist es gelungen, Kontakt zu Russell aufzunehmen.

Ryland fluchte leise vor sich hin und strich sich mit einer Hand über das Gesicht, als wollte er den Schmerz wegwischen, den ihm jede Verständigung mit seinen Männern verursachte. Die telepathische Verbindung zwischen ihnen war stärker geworden, da sie alle emsig daran arbeiteten, aber nur wenige von ihnen konnten sie über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten. Ryland musste die Brücke bereitstellen, und sein Gehirn sträubte sich von Mal zu Mal mehr gegen diese ungeheure Belastung.

Rührt die Schlaftabletten nicht an, die sie euch gegeben haben. Misstraut jedem Medikament. Er warf einen Blick auf die winzige weiße Pille, die deutlich sichtbar auf seinem kleinen Tisch lag. Er hätte gern eine Laboranalyse der Inhaltsstoffe vornehmen lassen. Warum hatte Cowlings nicht auf ihn gehört? Hatte Cowlings die Schlaftablette genommen, weil er sich zeitweilige Linderung davon versprach? Er musste die Männer rausholen. Wir haben keine andere Wahl, wir müssen so mit dieser Situation umgehen, als seien wir hinter feindliche Linien geraten. Ryland holte tief Atem und stieß die Luft langsam wieder aus. Er hatte nicht mehr das Gefühl, eine Wahl zu haben. Er hatte bereits zu viele Männer verloren. Sein Entschluss würde sie als Verräter brandmarken, als Deserteure, aber nur so konnte er ihnen das Leben retten. Er musste eine Möglichkeit finden, wie seine Männer aus dem Laboratorium ausbrechen konnten.

Der Colonel hat uns verraten. Uns bleibt gar nichts anderes übrig, als zu fliehen. Tragt Informationen zusammen und steht einander nach Kräften bei. Wartet auf meine Befehle.

Er nahm die Turbulenzen um sich herum wahr, dunkle Wellen intensiver Abneigung, die schon an Hass grenzte, die dem Grüppchen vorauseilten, das sich dem Käfig näherte, in dem er untergebracht war.

Jemand kommt … Ryland ließ die telepathische Kommunikation mit denjenigen seiner Männer, die er erreichen konnte, abrupt abreißen. Er verharrte regungslos mitten in seiner an drei Seiten vergitterten Zelle, und jeder seiner Sinne schwärmte aus, um die nahenden Personen zu identifizieren.

Diesmal war es eine kleine Gruppe: Dr. Peter Whitney, Colonel Higgens und einer der Wachmänner. Es belustigte Ryland, dass Whitney und Higgens sich von einem bewaffneten Wächter begleiten ließen, obwohl er nicht nur hinter Gitterstäben, sondern auch hinter einer dicken Trennscheibe aus Glas eingesperrt war. Er achtete sorgsam darauf, dass seine Gesichtszüge nichts verrieten, als sie sich seinem Käfig näherten.

Rylands stahlgraue Augen waren eiskalt, als er den Kopf hob. Und drohend. Er versuchte gar nicht erst, die Gefahr zu verbergen, die er darstellte. Sie hatten ihn erschaffen, sie hatten ihn verraten, und jetzt wollte er, dass sie sich fürchteten. Es bereitete ihm ungeheure Genugtuung, zu wissen, dass sie es taten … und dass sie gute Gründe dafür hatten.

Dr. Peter Whitney führte die kleine Gruppe an. Whitney, dieser Lügner, Betrüger und Monstermacher. Er war der Schöpfer der ersten Schattengänger. Er hatte das erschaffen, was aus Captain Ryland Miller und seinen Männern geworden war. Ryland stand langsam auf und ließ bewusst seine Muskeln spielen – wie eine todbringende Raubkatze, die sich träge streckte und ihre Krallen ausfuhr, während sie in ihrem Käfig wartete.

Sein eisiger Blick glitt über ihre Gesichter, verweilte dort und löste Unbehagen aus. Friedhofsaugen. Augen des Todes. Dieses Bild vermittelte er ihnen absichtlich, denn er wollte, dass sie um ihr Leben bangten. Auf diese Furcht war er jetzt angewiesen. Colonel Higgens wandte den Blick ab, musterte prüfend die Kameras und die Sicherheitsvorrichtungen und beobachtete mit sichtlicher Sorge, wie die vordere dicke Trennwand aus Glas zur Seite glitt. Obwohl Ryland immer noch hinter massiven Stäben eingesperrt war, fühlte sich Higgens ohne die Trennscheibe eindeutig unwohl, denn er konnte nicht mit Sicherheit sagen, wie weit Rylands Macht inzwischen reichte.

Ryland wappnete sich gegen die Attacke auf sein Gehör und seine Gefühle. Gegen die Flut von unerwünschten Informationen, die er nicht eindämmen konnte, die Bombardierung mit Gedanken und Empfindungen. Die abscheuliche Schlechtigkeit und die Habgier hinter den Masken dieser Männer, die ihm gegenüberstanden. Sie durften keinesfalls erfahren, wie viel Kraft es ihn kostete, seinen allzu empfänglichen Geist abzuschirmen.

»Guten Morgen, Captain Miller«, sagte Peter Whitney freundlich. »Wie fühlen Sie sich heute? Konnten Sie überhaupt schlafen?«

Ryland beobachtete ihn, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken. Ihn reizte der Versuch, Whitneys Barrieren zu durchbrechen, um den wahren Charakter zu entdecken, den die Mauer in Whitneys Innerem schützte. Welche Geheimnisse verbargen sich dort? Der einzige Mensch, den Ryland verstehen und dem er auf den Grund gehen musste, wurde durch eine natürliche oder von Menschen erschaffene Barriere geschützt. Auch keinem der anderen Männer, noch nicht einmal Kaden, war es gelungen, in den Geist des Wissenschaftlers vorzudringen. Whitney war so gut abgeschirmt, dass sie nicht an relevante Daten herankamen, doch die dumpfen Wellen lastenden Schuldbewusstseins wurden immer lautstark übertragen.

»Nein, ich habe nicht geschlafen, aber ich habe den Verdacht, das wissen Sie bereits.«

Dr. Whitney nickte. »Keiner von Ihren Männern nimmt die Schlaftabletten. Mir ist aufgefallen, dass auch Sie Ihre Medizin nicht genommen haben. Gibt es dafür einen Grund, Captain Miller?«

Die chaotischen Emotionen des Grüppchens setzten Ryland jedes Mal wieder heftig zu. Am Anfang hatte es ihn regelmäßig in die Knie gezwungen, weil der Lärm in seinem Kopf so laut und aufdringlich war, dass sein Gehirn sich auflehnte und ihn für seine unnatürlichen Fähigkeiten bestrafte. Mittlerweile besaß er viel mehr Selbstdisziplin. Oh ja, der Schmerz war noch da, wie tausend Messer, die sich in seinen Kopf stießen, sowie sich sein Gehirn eine Blöße gab, doch er verbarg die Qual hinter der Fassade eisiger, bedrohlicher Ruhe. Und er hatte schließlich eine gute Ausbildung genossen. Seine Leute ließen dem Feind gegenüber niemals Schwäche erkennen.

»Selbsterhaltung ist immer ein guter Grund«, antwortete er und kämpfte gegen die Wogen von Schwäche und Schmerz an, die durch den Ansturm der Gefühle hervorgerufen wurden. Sein Gesicht blieb vollkommen ausdruckslos, denn sie durften nicht sehen, was es ihn kostete.

»Was zum Teufel soll das heißen?«, fragte Higgens barsch. »Was unterstellen Sie uns denn diesmal, Miller?«

Sie hatten die Tür zum Laboratorium offen stehen lassen, was für die sicherheitsorientierte Firma ungewöhnlich war, und jetzt eilte eine Frau herein. »Tut mir leid, dass ich mich verspätet habe; das Treffen hat sich länger hingezogen, als zu erwarten war.«

Von einem Moment zum anderen ließ die schmerzhafte Attacke von Gedanken und Gefühlen nach und verstummte so weit, dass Ryland wieder normal atmen konnte. Die Linderung kam abrupt und unerwartet. Ryland wandte der Frau sofort seine Aufmerksamkeit zu und erkannte, dass sie auf irgendeine Weise die heftigeren Gefühle abfing und sie in Schach hielt, fast so, als zöge sie diese Empfindungen magnetisch an. Und sie war nicht nur irgendeine x-beliebige Frau. Sie war so schön, dass es ihm den Atem verschlug. Als er sie ansah, hätte Ryland schwören können, dass der Boden unter seinen Füßen in Bewegung geriet. Er warf einen Blick auf Peter Whitney und stellte fest, dass der Mann seine Reaktionen auf die Anwesenheit der Frau sehr genau beobachtete.

Im ersten Moment war es Ryland peinlich, dass er dabei ertappt worden war, wie er sie anstarrte. Dann wurde ihm klar, dass Whitney von den übersinnlichen Fähigkeiten der Frau wusste. Sie steigerten Rylands Fähigkeiten und räumten die unbrauchbaren Daten abschweifender Gedanken und Gefühle aus dem Weg. Wusste Whitney genau, was sie tat? Der Arzt erwartete eine Reaktion von ihm, und daher weigerte sich Ryland, ihm die Genugtuung zu geben.

»Captain Miller, ich möchte Ihnen meine Tochter Lily vorstellen. Dr. Lily Whitney.« Peters Blick löste sich keinen Moment von Rylands Gesicht. »Ich habe sie gebeten, sich uns hier anzuschließen. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen. «

Er war erschüttert bis ins Mark. Peter Whitneys Tochter? Ryland atmete langsam aus und zog gleichgültig die breiten Schultern hoch, eine weitere kleine Drohgebärde. Doch von Gleichgültigkeit konnte überhaupt nicht die Rede sein. Alles in seinem Innern verstummte. Wurde ruhig. Wandte sich ihr zu. Er betrachtete die Frau. Ihre Augen waren unglaublich. Wachsam und intelligent. Die Augen eines Menschen, der sich bestens auskannte und genau wusste, woran er war. Als hätte auch sie ihn auf eine ganz elementare Weise erkannt. Augen von einem verblüffenden tiefen Blau, wie die Mitte eines klaren, kühlen Teichs. In Augen wie ihren konnte ein Mann seinen Verstand und seine Freiheit verlieren. Sie war weder wirklich groß noch auffallend klein. Sie hatte eine sehr weibliche Figur und steckte in einer Art graugrünem Anzug, dem es gelang, die Aufmerksamkeit auf jede ihrer üppigen Rundungen zu lenken. Beim Laufen hatte sie sichtlich gehinkt, doch er konnte nichts entdecken, was auf eine Verletzung hinwies. Aber das Entscheidende war, dass es schien, als sei seine Seele ihr entgegengeströmt, sowie er ihr Gesicht gesehen hatte. Schon in dem Moment, als sie den Raum betreten hatte. Um ihre Seele zu erkennen. Ihm stockte der Atem, und er konnte sie nur noch anstarren.

Sie schaute ihn ebenfalls unbeirrt an, und er wusste, dass sein Anblick nicht gerade beruhigend war. Bestenfalls sah er aus wie ein Krieger … und schlimmstenfalls wie ein barbarischer Kämpfer. Er hatte nicht die Möglichkeit, eine sanftere Miene aufzusetzen, die zahlreichen Narben auf seinem Gesicht zu vermindern oder die dunklen Stoppeln abzuschaben, die sein markantes Kinn und seine Mundpartie verunzierten. Er war untersetzt und hatte den stämmigen Körperbau eines Kämpfers, dessen Gewicht sich vorwiegend auf den Oberkörper verteilte, die Brust, die Arme und die breiten Schultern. Sein Haar war dicht und schwarz und lockte sich, wenn es nicht ganz kurz geschnitten war.

»Captain Miller.« Ihre Stimme war beschwichtigend, sanft und angenehm. Und sexy. Rauchig und glutvoll zugleich, eine Mischung, die auf direktem Weg sengend in seinen Unterleib schoss. »Es freut mich sehr, Sie kennenzulernen. Mein Vater dachte, ich könnte mich bei dem Projekt vielleicht als nützlich erweisen. Ich hatte nicht viel Zeit, mir die Daten anzusehen, aber ich versuche gern zu helfen.«

Noch nie hatte er so heftig auf eine Stimme reagiert. Der Klang schien ihn in Satinlaken zu hüllen, sich an seine Haut zu schmiegen und ihn zu streicheln, bis er spürte, dass ihm der Schweiß ausbrach. Das Bild stand so lebhaft vor seinen Augen, dass er sie einen Moment lang nur anstarren konnte und sich dabei ausmalte, wie sich ihr nackter Körper vor Lust unter ihm wand. Inmitten seines Kampfes ums blanke Überleben war seine physische Reaktion auf sie schockierend.

Farbe kroch an ihrem Hals hinauf, und ihre Wangen überzogen sich mit einer zarten Röte. Ihre langen Wimpern flatterten und senkten sich, bevor sie den Blick abwandte und ihren Vater ansah. »Dieser Raum ist sehr exponiert. Wer hat sich das ausgedacht? Ich stelle es mir schwierig vor, unter solchen Bedingungen zu leben, selbst wenn es nur für eine kurze Zeitspanne ist.«

»Sie meinen, wie eine Laborratte?«, fragte Ryland mit sanfter Stimme und doch vorsätzlich, damit keiner von ihnen glaubte, sie könnten ihn zum Narren halten, indem sie diese Frau hinzuzogen. »Genau das bin ich nämlich. Dr. Whitney hält sich seine eigenen menschlichen Ratten als Spielzeug.«

Lilys finsterer Blick richtete sich abrupt auf sein Gesicht. Eine Augenbraue schoss in die Höhe. »Entschuldigen Sie, Captain Miller, bin ich falsch informiert, oder haben Sie sich freiwillig für diese Aufgabe zur Verfügung gestellt?« Eine Spur von Herausforderung schwang in ihrem Tonfall mit.

»Captain Miller hat sich freiwillig zur Verfügung gestellt, Lily«, sagte Peter Whitney. »Auf die brutalen Ergebnisse war er ebenso wenig vorbereitet wie ich. Ich suche schon seit geraumer Zeit unermüdlich nach einer Möglichkeit, den Prozess rückgängig zu machen, aber bisher ist alles, was ich ausprobiert habe, gescheitert.«

»Ich halte das nicht für die richtige Vorgehensweise«, warf Colonel Higgens barsch ein. Seine buschigen Augenbrauen waren missbilligend zusammengezogen, als er Peter Whitney ansah. »Captain Miller ist Soldat. Er hat sich freiwillig für diesen Auftrag gemeldet, und ich muss darauf bestehen, dass er ihn zum Abschluss bringt. Der Prozess muss nicht rückgängig gemacht, sondern perfektioniert werden.«

Ryland konnte die Gefühle des Colonels mühelos erkennen. Dem Mann passte es nicht, dass Lily Whitney auch nur in die Nähe Rylands oder seiner Männer kam. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten sie Ryland hinter die Laboratorien geführt und ihn dort erschossen. Oder, noch besser, ihn seziert, damit sie alle sehen konnten, was in seinem Gehirn vorging. Colonel Higgens fürchtete sich vor Ryland Miller und den anderen Männern in der paranormalen Einheit. Und Higgens zerstörte alles, was er fürchtete.

»Colonel Higgens, ich glaube, Ihnen ist nicht ganz klar, was diese Männer durchmachen und was sich in ihren Gehirnen abspielt.« Dr. Whitney sprach einen strittigen Punkt an, in dem sie offenbar schon länger zu keiner Einigung kamen. »Wir haben bereits etliche Männer verloren …«

»Die Freiwilligen waren sich über die Risiken im Klaren«, gab Higgens zurück und sah Miller finster an. »Es handelt sich um ein wichtiges Experiment. Die Teilnehmer müssen ihr Möglichstes leisten. Der Verlust einiger Männer ist zwar tragisch, aber in Anbetracht der Bedeutung dessen, wozu sie imstande sind, ein akzeptabler Verlust.«

Ryland sah Higgens nicht an. Er hielt seinen glitzernden Blick fest auf Lily Whitney gerichtet. Doch sein gesamtes Inneres richtete sich auf den Colonel. Packte zu. Und schloss sich wie ein Schraubstock.

Lily riss abrupt den Kopf hoch. Sie hauchte einen leisen Protest. Ihr Blick senkte sich auf Rylands Hände. Sie beobachtete, wie sich seine Finger langsam zu krümmen begannen, wie um einen dicken Hals. Sie schüttelte abwehrend den Kopf.

Higgens hustete. Ein schnarrendes Keuchen. Sein Mund sprang auf, als er mühsam nach Luft schnappte. Peter Whitney und der junge Wächter streckten beide die Arme nach dem Colonel aus und versuchten, seinen steifen Hemdkragen zu öffnen, damit er leichter atmen konnte. Der Colonel wankte und wurde von dem Wissenschaftler aufgefangen, der ihn behutsam auf den Boden gleiten ließ.

Hör auf damit. Ryland vernahm eine sanfte Stimme in seinem Kopf.

Er zog eine dunkle Augenbraue hoch, und seine funkelnden Augen fixierten Lilys Gesicht. Die Tochter des Arztes besaß eindeutig telepathische Kräfte. Sie ließ sich von ihm nicht aus der Ruhe bringen und sah ihm fest in die Augen, nicht im mindesten eingeschüchtert durch die Gefahr, die von ihm ausging. Sie wirkte so kalt wie Eis.

Er ist bereit, jeden Einzelnen meiner Männer zu opfern. Aber sie sind nicht überflüssig. Er war genauso ruhig wie sie und ließ nicht locker.

Er ist ein Schwachkopf. Niemand ist bereit, die Männer zu opfern; niemand sieht sie als überflüssig an; und er ist es nicht wert, dass du seinetwegen zum Mörder wirst.

Ryland ließ seinen Atem leise und beherrscht entweichen, schaffte Platz in seiner Lunge und verscheuchte alles Überflüssige aus seinen Verstand. Bewusst kehrte er dem Mann, der sich am Boden wand, den Rücken zu und lief durch die Zelle, während sich seine Finger langsam wieder öffneten.

Higgens bekam einen Hustenanfall, und seine Augen füllten sich mit Tränen. Er deutete mit einem zitternden Finger auf Ryland. »Er hat versucht, mich umzubringen, ihr habt es alle gesehen.«

Peter Whitney seufzte und ging mit schweren Schritten durch den Raum, um auf den Bildschirm des Computers zu starren. »Ich habe die Nase voll von Ihrem melodramatischen Getue, Colonel. Die Sensoren der Computer zeichnen bei Energieschüben immer ein sprunghaftes Emporschnellen auf. Hier ist überhaupt nichts dergleichen zu sehen. Miller ist in seinem Käfig in sicherem Gewahrsam. Er hat nicht das Geringste getan. Entweder Sie versuchen mein Projekt zu sabotieren, oder Sie führen einen persönlichen Rachefeldzug gegen Captain Miller. Ich werde so oder so an den General schreiben und darauf bestehen, dass man einen anderen Verbindungsoffizier schickt.«

Colonel Higgens fluchte jetzt wieder. »Ich will nichts mehr davon hören, den Prozess rückgängig zu machen, Whitney, und Sie wissen, was ich davon halte, Ihre Tochter in das Team einzugliedern. Wir können bei diesem Projekt nicht noch eine weitere verfluchte Mimose gebrauchen – was wir brauchen, das sind Ergebnisse.«

»Meine Unbedenklichkeitsbescheinigung, Colonel Higgens, genügt den höchsten Ansprüchen, und das gilt auch für mein Engagement bei diesem Projekt. Derzeit habe ich die notwendigen Daten noch nicht vorliegen, aber ich kann Ihnen versichern, dass ich so viel Zeit aufbringen werde, wie erforderlich ist, um die benötigten Antworten zu finden.« Noch während sie das sagte, sah Lily auf den Computerbildschirm.

Ryland konnte ihre Gedanken lesen. Das, was sie auf dem Bildschirm sah, verblüffte sie ebenso sehr wie die Worte ihres Vaters, aber sie war bereit, ihn zu decken. Sie erfand alles aus dem Stegreif, und das mit absoluter Seelenruhe. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal gelächelt hatte, aber der Impuls war da. Er hielt der Gruppe weiter den Rücken zugewandt, weil er nicht sicher war, ob er mit ungerührter Miene zuhören konnte, wie sie den Colonel belog. Lily Whitney hatte keine Ahnung, was hier vorging; ihr Vater hatte ihr kaum Informationen gegeben, und sie improvisierte frei. Ihre Abneigung gegen Higgens, die sich durch das ungewöhnliche Benehmen ihres Vaters verschärft hatte, ließ sie im Moment ganz entschieden Stellung für Ryland beziehen.

Er hatte keine Ahnung, welche Absichten Peter Whitney verfolgte, aber der Mann saß in der Patsche. Er steckte bis über beide Ohren in Schwierigkeiten. Das Experiment zur Steigerung übersinnlicher Fähigkeiten war sein Projekt, sein Geistesprodukt. Peter Whitney war derjenige gewesen, der Ryland davon überzeugt hatte, das Experiment hätte seine Vorzüge. Seinen Männern würde nichts passieren, und sie könnten ihrem Land größere Dienste erweisen. Ryland kam nicht dahinter, was in dem Arzt vorging, obwohl er das mittlerweile bei den meisten Männern schaffte, doch er war zu der Überzeugung gelangt, was auch immer Whitney plante, sei nichts, wovon er oder seine Männer profitieren würden. Bei der Donovans Corporation war irgendetwas faul, und eines wusste Ryland jedenfalls mit Sicherheit: Der Firma ging es um Geld und persönlichen Profit und nicht um die nationale Sicherheit.

»Können Sie diesen Code, den Ihr Vater für seine Aufzeichnungen benutzt, etwa lesen?« Higgens, der plötzlich das Interesse an Ryland verlor, richtete seine Frage an Lily Whitney. »Reiner Blödsinn, wenn Sie mich fragen. Warum zum Teufel fassen Sie Ihre Aufzeichnungen nicht wie ein normaler Mensch auf Englisch ab?«, fauchte er Peter Whitney gereizt an.

Ryland drehte sich sofort um, und seine grauen Augen waren nachdenklich, als er den Blick auf den Colonel richtete. Da war etwas, was er nicht zu fassen bekam. Es verlagerte sich und blieb in Bewegung, Ideen bildeten sich heraus und nahmen Gestalt an. Higgens’ Inneres erschien ihm wie eine schwarze Schlucht, die sich schlängelte und wand und plötzlich tückisch wurde.

Lily zuckte die Achseln. »Ich bin damit groß geworden, seine Codes zu dechiffrieren. Natürlich kann ich sie lesen. «

Ryland nahm ihre wachsende Verwirrung wahr, als sie die Kombination von Zahlen, Symbolen und Buchstaben auf dem Computerbildschirm anstarrte.

»Wie zum Teufel kommen Sie dazu, in meinen privaten Dateien zu schnüffeln, Frank?«, fragte Peter Whitney barsch und sah den Colonel empört an. »Wenn ich will, dass Sie einen Bericht lesen, dann stimme ich die Daten aufeinander ab, und schon liegt Ihnen eine vollständige und aktuelle Ausfertigung vor, säuberlich auf Englisch getippt. Sie haben nichts an meinem Computer zu suchen, weder hier noch in meinem Büro. Meine Forschungsarbeit an vielen Projekten ist auf meinem Computer gespeichert, und Sie haben kein Recht, in meinen Privatbereich vorzudringen. Wenn Ihre Leute auch nur in die Nähe meiner Arbeit kommen, lasse ich Sie aus der Firma aussperren, bevor Sie überhaupt wissen, was Ihnen zugestoßen ist.«

»Das ist nicht Ihr persönliches Projekt, Peter.« Higgens sah sie alle finster an. »Es ist auch mein Projekt, und da ich der Chef bin, werden Sie keine Geheimnisse vor mir haben. Ihre Berichte sind absolut unverständlich.«

Ryland beobachtete Lily Whitney. Sie verhielt sich ganz still, lauschte, nahm Informationen auf, trug Eindrücke zusammen und saugte all das auf wie ein Schwamm. Sie wirkte entspannt, aber ihm war deutlich bewusst, dass sie ihrem Vater einen Blick zugeworfen hatte und auf ein Zeichen wartete, auf eine Andeutung, wie sie mit der Situation umgehen sollte. Whitney gab ihr aber kein Zeichen und sah sie noch nicht einmal an. Lily verbarg ihre Frustration sehr gut. Sie richtete ihren Blick wieder auf den Computerbildschirm und überließ es den anderen, sich zu streiten. Auch diese Auseinandersetzung hatte eindeutig schon ein langes Vorspiel.

»Ich will, dass etwas mit Miller geschieht«, sagte Higgens und benahm sich so, als könnte Ryland ihn nicht hören.

Für ihn bin ich bereits tot. Ryland flüsterte die Worte in Lily Whitneys Kopf.

Umso besser für dich und deine Männer. Er setzt meinen Vater gewaltig unter Druck, dieses Projekt voranzutreiben. Er drängt darauf, es keinesfalls zu beendigen. Die derzeitigen Befunde stellen ihn nicht zufrieden, und er ist nicht einer Meinung mit meinem Vater, dass es für euch alle gefährlich ist. Lily wandte ihren Blick nicht vom Computer ab und verriet auch sonst mit keinem Anzeichen, dass sie sich mit ihm verständigte.

Er weiß nichts über dich. Higgens ahnt nichts von deinen telepathischen Fähigkeiten. Diese Erkenntnis traf ihn so unvermittelt wie Licht aus einem Prisma. Strahlend hell, leuchtend bunt und voller Möglichkeiten. Dr. Whitney verbarg die Fähigkeiten seiner Tochter vor dem Colonel. Und vor der Donovans Corporation. Ryland wusste, dass er Munition hatte. Informationen, die er nutzen konnte, um mit Dr. Whitney ins Geschäft zu kommen. Etwas, was sich möglicherweise dafür verwenden ließ, seine Männer zu retten. Die helle Aufregung musste auf seinen Verstand übergegriffen haben, denn Lily drehte sich um und musterte ihn mit einem kühlen, nachdenklichen Blick.

Peter Whitney sah Colonel Higgens wütend an. Er war sichtlich erbost. »Sie wollen, dass etwas geschieht? Was soll das heißen, Frank? Was schwebt Ihnen vor? Eine Lobotomie? Captain Miller hat jeden Test absolviert, den wir von ihm verlangt haben. Haben Sie persönliche Gründe für Ihre Abneigung gegen den Captain?« Dr. Whitneys Stimme triefte vor Verachtung. »Captain Miller, wenn Sie eine Affäre mit der Frau von Colonel Higgens hatten, dann hätten Sie mir diese Information augenblicklich geben müssen.«

Lilys dunkle Augenbrauen schossen in die Höhe. Ryland konnte spüren, dass sie plötzlich belustigt war. Ihre Erheiterung wirkte ansteckend, aber ihre Gesichtszüge verrieten nicht, was in ihr vorging. Nun sag schon! Bist du ein Frauenheld?

Lily strahlte etwas Friedliches und Heiteres aus, das die Luft um sie herum erfüllte. Kaden, sein stellvertretender Kommandeur, war auch so; er brachte die grässlichen atmosphärischen Störungen zum Verstummen und stellte die Frequenzen so ein, dass die Übertragung klar und deutlich war und die Kanäle von sämtlichen Männern, ungeachtet ihrer Begabung, genutzt werden konnten. Ihr Vater hatte doch gewiss keine Versuche mit seiner eigenen Tochter angestellt? Die Vorstellung machte ihn krank.

»Von mir aus können Sie ruhig lachen, so viel Sie wollen, Peter«, höhnte der Colonel. »Ihnen wird das Lachen schon noch vergehen, wenn Prozesse gegen die Donovans Corporation angestrengt werden und die Regierung der Vereinigten Staaten hinter Ihnen her ist, weil Sie den Auftrag verpfuscht haben.«

Ryland ignorierte die streitenden Männer. Er hatte sich noch nie so sehr zu einer Frau oder zu irgendeiner Person hingezogen gefühlt. Er wollte, dass Lily im Raum blieb. Sie musste unbedingt bleiben. Und er wollte nicht, dass sie etwas mit der Verschwörung zu tun hatte, die sein Leben bedrohte. Sie schien sich dessen nicht bewusst zu sein, doch ihr Vater war mit Sicherheit einer der Drahtzieher.

Mein Vater ist kein Drahtzieher. Ihre Stimme klang entrüstet und eine Spur hochnäsig, wie die einer Prinzessin, die das Wort an ein minderwertiges Wesen richtet.

Du weißt noch nicht mal, was zum Teufel hier vorgeht. Woher also willst du wissen, was er ist und was nicht? Er war gröber als beabsichtigt, aber Lily steckte es gut weg und reagierte nicht auf ihn, sondern blickte mit gerunzelter Stirn auf den Monitor.

Sie sprach nicht mit ihrem Vater, aber er nahm wahr, dass sie sich ihm näherte und ein flüchtiger Austausch zwischen den beiden erfolgte. Er sah es nicht wirklich, sondern fühlte es eher, und Ryland spürte, dass ihre Verwirrung zunahm. Ihr Vater gab ihr keinen Anhaltspunkt. Stattdessen führte er Colonel Higgens zur Tür.

»Kommst du mit, Lily?«, fragte Dr. Whitney im Hinausgehen.

»Ich möchte mich hier kurz umsehen«, sagte sie und wies auf den Computer, »und Captain Miller Gelegenheit geben, mich darüber ins Bild zu setzen, wie er zu dieser ganzen Geschichte steht.«

Higgens drehte sich abrupt um. »Ich halte es für gar keine gute Idee, dass Sie mit ihm allein bleiben. Der Mann ist gefährlich.«

Ihre dunklen, perfekt geschwungenen Augenbrauen hoben sich, als Lily den Colonel herablassend ansah. »Haben Sie etwa nicht dafür gesorgt, dass diese Räumlichkeiten sicher sind, Colonel?«

Colonel Higgens fluchte wieder und stapfte hinaus. Als auch Lilys Vater den Raum verlassen wollte, räusperte sie sich leise. »Ich halte es für das Beste, dieses Projekt ausführlicher zu besprechen, wenn ich etwas dazu beisteuern soll.«

Dr. Whitney sah sie mit ausdrucksloser Miene an. »Wir treffen uns zum Abendessen bei Antonio. Dort können wir alles in Ruhe besprechen. Mir liegt an deinen subjektiven Eindrücken.«

»Auf welcher Grundlage?«

Ryland hörte keine Spur von Sarkasmus, und doch war er da und in ihrem Kopf deutlich wahrzunehmen. Sie war wütend auf ihren Vater, aber Ryland konnte nicht ergründen, warum. Dieser Teil ihres Innern war ihm verschlossen, hinter einer dicken, hohen Mauer verborgen, die sie errichtet hatte, um ihn von dort fernzuhalten.

»Lies meine Notizen durch, Lily, und sieh, was du daraus machst. Vielleicht fällt dir etwas auf, was mir entgangen ist. Mir geht es um eine unvoreingenommene Perspektive. Eventuell hat Colonel Higgens ja recht. Es könnte eine Möglichkeit geben, den Prozess fortzusetzen, ohne rückgängig zu machen, was wir bisher getan haben.« Peter Whitney weigerte sich, seiner Tochter in die Augen zu sehen, und wandte sich stattdessen an Ryland und fragte: »Muss ich einen bewaffneten Wächter bei meiner Tochter zurücklassen, Captain?«

Ryland musterte das Gesicht des Mannes, der die Schleusentore seines Gehirns so weit geöffnet hatte, dass es jetzt viel zu viele Reize empfing. Er konnte nichts Böses entdecken, nur echte Sorge. »Ich stelle keine Bedrohung für Unschuldige dar, Dr. Whitney.«

»Das genügt mir.« Der Arzt sah seine Tochter immer noch nicht an, als er den Raum verließ und die Tür des Labors fest hinter sich zumachte.

Ryland nahm Lilys Gegenwart so bewusst wahr, dass er tatsächlich spürte, wie sie langsam den angehaltenen Atem ausstieß, als die Tür zum Labor geschlossen wurde und das Schloss leise einschnappte. Er wartete einen Herzschlag lang. Und dann noch einen. »Fürchten Sie sich denn nicht vor mir?«, fragte Ryland, um seine Stimme an ihr zu erproben. Sie klang belegter, als ihm lieb war. Er hatte nie viel Glück bei Frauen gehabt, und Lily Whitney war für ihn unerreichbar.

Sie sah ihm nicht ins Gesicht, sondern starrte weiterhin die Symbole auf dem Bildschirm an. »Weshalb sollte ich das tun? Ich bin doch nicht Colonel Higgens.«

»Sogar die Labortechniker fürchten sich vor mir.« »Weil Sie es so wollen und es bewusst auf die Leute hier übertragen, um deren eigene Ängste zu steigern.« Ihre Stimme wies auf mäßiges Interesse an diesem Gespräch hin, doch ihr Verstand wurde von den Daten auf dem Bildschirm in Anspruch genommen. »Wie lange sind Sie schon hier?«

Er wirbelte herum, pirschte sich an die Stäbe heran und umklammerte sie. »Sie werden hinzugezogen und wissen noch nicht einmal, wie lange meine Männer und ich schon in diesem elenden Loch eingesperrt sind?«

Sie wandte abrupt den Kopf zu ihm um. Haarsträhnen, die sich aus dem straffen Knoten an ihrem Hinterkopf gelöst hatten, flogen um ihr Gesicht. Sogar in dem gedämpften blauen Licht, in das der Raum getaucht war, glänzte und schimmerte ihr Haar. »Ich weiß nicht das Geringste über dieses Experiment, Captain. Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Wir befinden uns hier auf dem Hochsicherheitsgelände der Firma. Ich habe zwar die Unbedenklichkeitsbescheinigung, die es mir erlaubt, dieses Gelände zu betreten, aber das Projekt fällt nicht in mein Fachgebiet. Dr. Whitney, mein Vater, wollte mich zurate ziehen und hat die Genehmigung eingeholt. Haben Sie damit ein Problem?«

Er betrachtete die klassische Schönheit ihres Gesichts. Hohe Wangenknochen, lange Wimpern, ein üppiger Mund, geradezu aristokratische Züge – das hatte man nicht einfach so, es sei denn, man war in reiche und privilegierte Verhältnisse hineingeboren. »Sie haben wahrscheinlich eine unterbezahlte Zofe, deren Namen Sie sich nicht merken können, aber sie sammelt die Kleidungsstücke auf, die Sie in Ihrem Schlafzimmer auf den Boden fallen lassen.«

Damit errang er ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Sie legte die Entfernung vom Computer zu seinem Käfig mit langsamen, gemächlichen Schritten zurück, die sein Augenmerk auf ihr Hinken lenkten. Trotz des Humpelns bewegte sie sich mit geschmeidiger Anmut. Sie machte jeder Zelle in seinem Körper schlagartig bewusst, dass er ein Mann war und sie eine Frau.

Lily reckte ihr Kinn in die Luft. »Ich vermute, Ihnen hat man keine Manieren beigebracht, Captain Miller. Im Übrigen lasse ich meine Kleidung nicht auf den Boden fallen. Ich hänge sie in den Schrank.« Ihr Blick glitt über ihn und streifte kurz die Kleidungsstücke, die auf dem Fußboden verstreut lagen.

Soweit er sich erinnern konnte, war es das erste Mal, dass eine Frau ihn in Verlegenheit brachte. Er hatte sich reichlich blamiert. Sogar ihre verdammten Stöckelschuhe waren vornehm. Sexy und doch edel.

Ein kleines Lächeln spielte um ihre Mundwinkel. »Sie blamieren sich in Grund und Boden«, sagte sie, »aber Sie haben noch mal Glück gehabt, denn ich bin nachsichtig gestimmt. Der Elite bringt man schon in einem zarten Alter Nachsicht gegenüber den Benachteiligten bei, denen keiner einen silbernen Löffel in die Wiege gelegt hat.«

Ryland schämte sich. Es mochte zwar sein, dass er aus ärmlichen Verhältnissen stammte und in einer schäbigen Barackensiedlung aufgewachsen war, aber für diese Grobheit hätte ihm seine Mutter eine Ohrfeige gegeben. »Es tut mir leid. Das ist durch nichts zu entschuldigen.«

»Da gebe ich Ihnen recht. Grobheit lässt sich durch nichts entschuldigen.« Lily schritt die Länge seines Käfigs ab, um sich eine genauere Vorstellung von den Maßen seines Gefängnisses zu machen. »Wer hat diese Unterkünfte entworfen?«

»Sie haben auf die Schnelle mehrere Käfige gebaut, als sie beschlossen haben, wir seien zu mächtig geworden und stellten als Gruppe eine zu große Bedrohung dar.« Seine Männer waren voneinander getrennt und über das gesamte Gelände verteilt worden. Er wusste, dass die Isolation ihnen zu schaffen machte. Es war zermürbend, unablässig von den Wissenschaftlern und Labortechnikern bedrängt zu werden, und ihm bereitete es Sorgen, dass er seine Männer nicht zusammenhalten konnte. Er hatte bereits Männer verloren, und er dachte gar nicht daran, noch einen weiteren zu verlieren.

Die spezielle Konstruktion der Zelle entsprang vor allem der Furcht vor Vergeltungsmaßnahmen. Er wusste, dass seine Zeit begrenzt war – die Furcht wuchs jetzt schon seit Wochen. Die dicke Barriere aus kugelsicherem Glas um seine Zelle herum hatten sie in dem Glauben errichtet, das würde ihn davon abhalten, sich mit seinen Männern zu verständigen.

Er hatte sich freiwillig für den Auftrag gemeldet und die anderen Männer dazu überredet. Jetzt hatte man sie eingesperrt, und sie wurden erforscht und gründlich untersucht und für alles andere als das ursprünglich Vereinbarte benutzt. Einige seiner Männer waren tot, und man hatte sie wie Insekten seziert, um sie »zu studieren und zu verstehen«. Ryland musste die anderen rausholen, bevor ihnen noch mehr zustieß. Er wusste, dass Higgens für die Stärkeren der Tod vorschwebte. Ryland war sicher, dass es in Form von »Unfällen« dazu kommen würde, ja, früher oder später würde es zweifellos dazu kommen, wenn er keine Lösung fand, um seine Männer zu befreien. Higgens hatte seine eigenen Vorstellungen. Er wollte die Männer dazu benutzen, sich persönlich zu bereichern, und seine Ziele hatten nicht das Geringste mit dem Militär und dem Land zu tun, dem er angeblich diente. Higgens fürchtete alles, was er nicht unter Kontrolle hatte. Aber Ryland hatte nicht vor, seine Männer durch einen Verräter zu verlieren. Schließlich war er für sie verantwortlich.

Diesmal war er vorsichtiger, äußerte sich sachlich und versuchte zu verhindern, dass die Vorwürfe in seine Gedanken einflossen, die Schuld, die er eindeutig ihrem Vater gab, denn er konnte nicht ausschließen, dass sie seine Gedanken las. Ihre Wimpern waren unglaublich lang, dichte Härchen, die er faszinierend fand. Er ertappte sich dabei, dass er sie anstarrte und sich beim besten Willen nicht anders benehmen konnte als ein Vollidiot. Er saß wie eine Ratte in der Falle, seine Männer waren in Gefahr, und ihm fiel nichts Besseres ein, als sich wegen einer Frau lächerlich zu machen. Einer Frau, die durchaus seine Feindin sein konnte.

»Ihre Männer sind alle in ähnlichen Käfigen untergebracht? Diese Information hat man mir nicht gegeben.« Ihre Stimme war vollkommen neutral, doch es gefiel ihr nicht. Er konnte die Entrüstung spüren, die sie zu unterdrücken versuchte.

»Ich habe sie schon seit Wochen nicht mehr gesehen. Sie gestatten uns keine Verständigung.« Er wies auf den Computerbildschirm. »Das ist für Higgens ein nie versiegender Quell der Erbitterung. Ich wette, seine Leute haben versucht, den Code Ihres Vaters zu knacken, und sie haben den Computer sogar benutzt, aber es kann ihnen nicht gelungen sein. Können Sie das wirklich lesen?«

Sie zögerte kurz, fast unmerklich, doch er nahm die plötzliche Stille in ihr wahr und löste seine Adleraugen nicht von ihrem Gesicht. »Mein Vater hat schon immer Codes verwendet. Ich sehe in mathematischen Mustern, und für mich war es eine Art Spiel, als ich ein kleines Mädchen war. Oft hat er den Code verändert, damit ich etwas habe, womit ich mich beschäftigen kann. Mein Verstand …« Sie zögerte, als wäge sie ihre Möglichkeiten sorgsam ab. Sie entschied gerade, wie ehrlich sie ihm gegenüber sein sollte. Er wollte die Wahrheit hören und setzte stumm seine Willenskraft ein, um sie dazu zu bringen, dass sie ihm die Wahrheit sagte.

Lily schwieg noch einen Moment und heftete ihre großen Augen auf ihn. Dann wurde ihr weicher Mund fester. Ihr Kinn hob sich eine winzige Spur, aber er nahm es wahr, da er ihr Gesicht nicht aus den Augen ließ und auf jede Nuance ihres Ausdrucks achtete, und er nahm auch wahr, was es sie kostete, ihm die Wahrheit zu sagen. »Mein Verstand braucht ständig Anregung. Ich weiß nicht, wie ich es sonst erklären könnte. Ohne eine komplexe Aufgabe, mit der ich mich beschäftigen kann, bekomme ich Probleme.«

Er sah die Qual in ihren Augen aufblitzen, nur flüchtig, aber eindeutig vorhanden. Dr. Peter Whitney war einer der reichsten Männer auf Erden. All dieses Geld mochte seiner Tochter zwar große Zuversicht gegeben haben, aber es änderte nichts an dem Umstand, dass sie eine Anomalie war … eine Anomalie wie er. Und seine Männer. Dazu hatte ihr Vater sie alle gemacht. Jetzt waren sie Schattengänger, die darauf warteten, dass der Tod sie niederstreckte. Und dabei hätten sie eigentlich eine Elitetruppe sein sollen, die ihr Land verteidigte.

»Jetzt sagen Sie mir mal eines, Lily Whitney. Wenn es sich um einen echten Code handelt, warum kann ihn der Computer dann nicht knacken?« Ryland senkte die Stimme, damit kein Lauscher seine Frage hören konnte, aber er hielt seinen glitzernden Blick weiterhin fest auf sie gerichtet und ließ nicht zu, dass sie die Augen von ihm abwandte.

Lilys Gesichtsausdruck blieb unverändert. Sie wirkte so heiter wie bisher. Selbst hier im Labor bot sie einen unglaublich eleganten Anblick. Sie schien für ihn so unerreichbar zu sein, dass sich ihm das Herz schmerzhaft zusammenschnürte. »Ich habe gesagt, dass er schon immer Codes verwendet hat. Ich habe nicht gesagt, dass ich aus dem hier schlau werde. Ich hatte noch keine Gelegenheit, mich damit zu befassen.«

Ihr Geist hatte sich ihm gegenüber vollständig verschlossen. Daher wusste er, dass sie log. Er zog eine dunkle Augenbraue hoch und sah sie an. »Ach, wirklich. Wenn das so ist, werden Sie wohl Überstunden machen müssen, weil es so aussieht, als sei niemand in der Lage zu entschlüsseln, wie es Ihrem Vater gelungen ist, unsere übersinnlichen Fähigkeiten zu verstärken. Und mit Sicherheit hat keiner eine Ahnung, wie man das wieder wegkriegt.«

Sie streckte eine Hand aus, anmutig, beinah lässig und ganz natürlich, um sich an der Kante eines Schreibtischs festzuhalten. Die Knöchel ihrer Finger wurden weiß. »Er hat Ihre natürlichen Anlagen verstärkt?« Ihr Verstand begann augenblicklich, diese Information zu drehen und zu wenden wie ein Teilchen eines Puzzles, das sie an der richtigen Stelle einfügen wollte.

»Er hat Sie tatsächlich ahnungslos hier reingeschickt, ist das wahr?«, fragte Ryland zweifelnd. »Wir wurden aufgefordert, uns speziellen Tests zu unterziehen …«

Sie hob eine Hand. »Wer wurde aufgefordert, und von wem kam die Aufforderung?«

»Die meisten meiner Männer kommen aus Spezialeinheiten. Die Männer in den verschiedenen Abteilungen wurden aufgefordert, sich auf übersinnliche Fähigkeiten testen zu lassen. Abgesehen davon mussten auch noch gewisse andere Kriterien erfüllt werden. Es war eine Frage des Alters, der Dauer und der Art der Gefechtsausbildung, der Fähigkeit, unter großem Druck zu arbeiten und sich über lange Zeiträume abgeschnitten von der Befehlskette zu bewähren, und dazu kamen dann noch die Loyalitätsfaktoren. Die Liste war endlos, aber erstaunlicherweise haben sich einige Kandidaten gemeldet, die infrage kamen. Das Militär hat an Freiwillige eine spezielle Einladung herausgegeben. Soweit ich weiß, lief es bei der Polizei genauso ab. Das Ziel bestand darin, eine Elitegruppe zusammenzustellen.«

»Und wie lange ist das her?«

»Das erste Mal habe ich vor fast vier Jahren von der Idee gehört. Im Labor von Donovans bin ich jetzt seit einem Jahr, aber sämtliche Rekruten, die in die Einheit aufgenommen wurden, darunter also auch ich selbst, haben in einer anderen Anlage gemeinsam trainiert. Soweit ich weiß, wurde dafür gesorgt, dass wir immer zusammen waren. Sie wollten uns zu einer engen Einheit zusammenschweißen. Wir haben uns in Techniken geschult, bei denen es um den Einsatz von übersinnlichen Fähigkeiten im Gefecht ging. Dahinter stand der Gedanke einer schlagkräftigen Kampftruppe, die unbemerkt auftauchen und ebenso unauffällig wieder verschwinden kann. Uns könnte man gegen die Drogenkartelle, Terroristen und sogar eine feindliche Armee einsetzen. Wir sind seit mehr als drei Jahren dabei.«

»Eine aberwitzige Idee. Und wer hat sich das einfallen lassen?«

»Ihr Vater. Er hat es sich ausgedacht, die Machthabenden davon überzeugt, dass es durchführbar ist, und mir und dem Rest der Männer eingeredet, so ließe sich die Welt verbessern.« Ryland Millers Stimme bebte vor Erbitterung.

»Offenbar ist etwas schiefgegangen.«

»Habgier. Donovans hat den Vertrag mit der Regierung in der Tasche. Peter Whitney besitzt diese Firma mehr oder weniger. Ich vermute, die ein oder zwei Millionen auf seinem Bankkonto genügen ihm noch nicht.«

Sie ließ sich Zeit mit ihrer Antwort. »Ich bezweifle, dass mein Vater mehr Geld braucht, Captain Miller. Der Betrag, den er alljährlich für wohltätige Zwecke spendet, würde einen Staat ernähren. Sie wissen überhaupt nichts über ihn, und daher schlage ich vor, dass Sie sich erst dann eine Meinung bilden, wenn sämtliche Fakten zusammengetragen sind. Und nur, um das einmal klarzustellen, er hat ein oder zwei Milliarden auf dem Konto, wenn nicht mehr. Diese Firma könnte von heute auf morgen untergehen, und an seinem Lebenswandel würde sich nicht das Geringste ändern.« Sie erhob ihre Stimme nicht, doch sie schwelte vor Glut und Intensität.

Ryland seufzte. Ihr feuriger Blick war unbeirrt geblieben. »Wir haben keinen Kontakt zu unseren Leuten. Jede Verbindung mit der Außenwelt muss über Ihren Vater oder den Colonel aufgenommen werden. Bei dem, was uns allen zustößt, haben wir kein Mitspracherecht. Einer meiner Männer ist vor zwei Monaten gestorben, und als es darum ging, wie er gestorben ist, hat man uns belogen. Er ist an einer direkten Folge dieses Experiments und an der Steigerung seiner Fähigkeiten gestorben – sein Gehirn konnte die Überbelastung nicht verkraften, den unablässigen Ansturm. Sie haben behauptet, es sei ein Unfall im Einsatz gewesen. Daraufhin hat man uns von der Heeresleitung abgeschnitten und uns voneinander getrennt. Seit der Zeit sind wir isoliert.« Ryland musterte sie mit finsteren, wütenden Blicken und gab ihr zu verstehen, sie solle es bloß nicht wagen, ihn als Lügner zu bezeichnen. »Und es war nicht der erste Todesfall, aber es wird bei Gott der letzte sein.«

Lily fuhr sich mit einer Hand durch ihr vollendet frisiertes Haar – das erste echte Anzeichen von Aufgewühltheit. Ihre Geste sorgte dafür, dass sich Haarnadeln auf dem Fußboden verteilten und lange Strähnen wie eine Wolke um ihr Gesicht fielen. Sie schwieg und gab ihrem Gehirn Gelegenheit, diese Information zu verarbeiten, obwohl sie die Anschuldigungen gegen ihren Vater und das, was sie nach sich zogen, entrüstet zurückwies.

»Wissen Sie genau, was den Tod des Mannes in Ihrer Einheit hervorgerufen hat? Und besteht dieselbe Gefahr für alle Übrigen?« Sie stellte diese Frage mit gesenkter Stimme, so leise, dass er sie fast nur in seinem Kopf zu hören glaubte.

Ryland antwortete ebenso leise, denn er wollte nicht riskieren, dass die verborgenen Wärter ihr Gespräch belauschten. »Sein Gehirn war allzu empfänglich und wurde von jedem und allem bestürmt, womit er in Kontakt kam. Er konnte nicht mehr abschalten. Wir können als Gruppe gemeinsam zurechtkommen, weil vereinzelte Männer so sind wie Sie. Sie ziehen den Lärm und heftige Empfindungen von uns Übrigen ab. Dann sind wir mächtig und einsatzbereit. Aber ohne diese Magneten …« Er ließ seinen Satz abreißen und zuckte die Achseln. »Es ist, als schnitten sich Glasscherben oder Rasierklingen ins Gehirn. Er ist ausgerastet … Anfälle, Gehirnblutungen, alles, was man sich denken kann. Es war nicht schön anzusehen, und dieser flüchtige Blick in unsere Zukunft hat mir überhaupt nicht gefallen. Und auch keinem der anderen Männer in der Einheit.«

Lily presste sich die Finger gegen die Schläfen, und Ryland drängte sich einen Moment lang der Eindruck von rasendem Schmerz auf. Sein Gesicht verfinsterte sich, und seine grauen Augen wurden schmaler. »Kommen Sie her.« Ihr Schmerz löste eine echte körperliche Reaktion bei ihm aus. Seine Bauchmuskulatur spannte sich an und zog sich krampfhaft zusammen. Seine Beschützertriebe und seine männlichen Regungen erwachten, und er verspürte ein übermächtiges Verlangen, ihr Unbehagen zu lindern.

Ihre riesigen blauen Augen wurden sofort wachsam. »Ich berühre andere Menschen nicht.«

»Weil Sie nicht wissen wollen, wie es wirklich in ihrem Innern aussieht, stimmt’s? Sie spüren es also auch.« Ihm graute bei dem Gedanken, ihr Vater könnte auch an ihr experimentiert haben. Seit wann besitzt du telepathische Fähigkeiten? Aber vor allem wollte er sich nicht vorstellen, sie niemals zu berühren. Nie ihre Haut unter seinen Fingern und ihre Lippen auf seinem Mund zu spüren. Das Bild stand so lebhaft vor seinen Augen, dass er sie fast schmecken konnte. Sogar ihr Haar flehte darum, berührt zu werden, eine dichte Masse schimmernder Seide, die seine Finger aufforderte, die restlichen Haarnadeln herauszuziehen, damit er ihre Mähne ungehindert betrachten konnte.

Lily zuckte lässig die Achseln, doch eine sanfte Röte zog sich über ihre hohen Wangenknochen. Schon immer, mein ganzes Leben lang. Und es ist wahr, es kann unangenehm sein, die finstersten Geheimnisse anderer Menschen zu kennen. Ich habe gelernt, innerhalb bestimmter Grenzen zu leben. Vielleicht ist das Interesse meines Vaters an übersinnlichen Phänomenen nur deshalb erwacht, weil er mir helfen wollte. Was auch immer seine Gründe sein mögen, ich kann dir versichern, dass es nichts mit persönlicher Bereicherung zu tun hatte. Sie atmete langsam aus. »Es muss furchtbar für Sie sein, auch nur einen Ihrer Männer zu verlieren. Sie müssen einander sehr nahestehen. Ich hoffe, es wird mir gelingen, eine Möglichkeit zu finden, Ihnen allen zu helfen.«

Ryland spürte ihre Aufrichtigkeit. Trotz ihrer Proteste verdächtigte er ihren Vater. Besitzt Dr. Whitney übersinnliche Fähigkeiten? Er wusste, dass er seine sexuellen Fantasien etwas zu stark übertragen hatte, aber das konnte sie offenbar nicht erschüttern. Sie schien die Intensität der Chemie zwischen ihnen locker wegzustecken. Und er wusste, dass die Chemie auf Gegenseitigkeit beruhte. Plötzlich verspürte er das Verlangen, sie wirklich aufzurütteln, dieses eine Mal hinter ihre kühle Fassade vorzudringen und herauszufinden, ob unter diesem Eis Feuer loderte. In Anbetracht der üblen Lage, in der er sich befand, war das ein Unding.

Lily schüttelte den Kopf, als sie ihm antwortete. Wir haben viele Experimente durchgeführt und einige Male unter extremen Bedingungen telepathisch Kontakt miteinander aufgenommen, aber die Verbindung wurde ausschließlich von meiner Seite aus aufrechterhalten. Diese Gabe muss ich von der Familie meiner Mutter geerbt haben.

»Wenn du ihn berührst, kannst du dann in sein Inneres blicken?«, fragte Ryland, der jetzt wirklich neugierig geworden war, mit gesenkter Stimme. Er beschloss, der Schritt vom Mann zum Höhlenmenschen sei nicht allzu groß. Die Anziehungskraft, die sie auf ihn ausübte, war primitiv und heftig und ging über jede Erfahrung hinaus, die er jemals gemacht hatte. Er war nicht in der Lage, seine körperlichen Reaktionen auf sie zu beherrschen. Und das wusste sie. Im Gegensatz zu Ryland schien sie kühl und unbeteiligt zu sein, während er bis ins Mark erschüttert war. Sie setzte das Gespräch mit ihm fort, als sei er keine Feuersbrunst, die unkontrolliert loderte. Als siedete sein Blut nicht, und als sei sein Körper nicht steinhart vor Verlangen. Als merkte sie es gar nicht.

»Selten. Er gehört zu den Menschen, die natürliche Barrieren haben. Ich glaube, es liegt daran, dass sein Glaube an übersinnliche Fähigkeiten so stark ist, während die meisten Menschen überhaupt nicht daran glauben. Da er sich dessen ständig bewusst ist, hat er wahrscheinlich eine natürliche Mauer errichtet. Ich habe festgestellt, dass viele Menschen unterschiedlich starke Sperren haben. Manche Barrieren scheinen undurchdringlich zu sein, wohingegen andere kaum standhalten. Was ist mit dir? Hast du dieselbe Feststellung gemacht? Deine telepathischen Fähigkeiten sind sehr ausgeprägt.«

»Komm zu mir.«

Ihr kühler blauer Blick glitt über ihn und tat ihn verächtlich ab. »Nein, ich glaube, das lasse ich besser bleiben, Captain Miller. Ich habe viel zu viel zu tun.«

»Du bist ein Feigling.« Er sagte es leise und heftete seinen gierigen Blick auf ihr Gesicht.

Sie reckte ihr Kinn in die Luft und sah ihn an wie eine hochmütige Prinzessin. »Ich habe keine Zeit für Ihre kleinen Spielchen, Captain Miller. Ganz gleich, was Sie sich einbilden, hier findet nichts statt.«

Sein Blick sank auf ihren Mund. Ihre Lippen waren von vollendeter Schönheit. »Oh doch, und wie.«

»Es war interessant, Sie kennenzulernen«, sagte Lily. Sie wandte sich von ihm ab und entfernte sich ohne jede Hast. Vollkommen ungerührt.

Ryland erhob keine Einwände, sondern sah ihr stattdessen nach, als sie ging, ohne sich auch nur ein einziges Mal nach ihm umzusehen. Er versuchte, sie mit seiner Willenskraft dazu zu zwingen, doch sie tat es nicht. Und sie schloss auch nicht die Glasscheiben um seinen Käfig. Das überließ sie den Wächtern.

2

DAS MEER WAR aufgewühlt. Wogen schwollen an, und Wellen brachen sich, der reinste Hexenkessel, in dem finstere Wut brodelte. Weiße Gischt schäumte auf den Klippen, wenn sich das Wasser zurückzog, um gleich darauf wiederzukehren und noch höher aufzuspritzen. Voller Gier und Wut griff es um sich, mit mörderischer Absicht. Die dunklen, unergründlichen Wassermassen erstreckten sich weit, wie ein finsteres Auge, das auf der Suche nach etwas war. Jagd machte. Sich ihr zuwandte.

Lily riss sich mit Gewalt aus dem Schlaf und rang mühsam nach Luft. Ihre Lunge brannte. Sie drückte auf den Knopf, um die Scheibe zu öffnen. In ihrer momentanen Verwirrung sagte sie sich, es sei ein Traum, nichts weiter als ein Traum. Kühle Luft strömte in den Wagen, und sie atmete tief ein. Erleichtert nahm sie zur Kenntnis, dass sie beinah zu Hause waren und sich bereits auf dem Grundstück befanden. »John, würde es dir etwas ausmachen, anzuhalten? Ich habe Lust auf einen Spaziergang.« Es gelang ihr, mit ruhiger Stimme zu sprechen, obwohl ihr Herz vor Sorge heftig schlug. Sie verabscheute die Alpträume, die sie im Schlaf so häufig heimsuchten.

Lily hatte von Captain Ryland Miller träumen wollen, doch sie hatte von Tod und Gewalttätigkeit geträumt. Von Stimmen, die nach ihr riefen. Der Tod hatte ihr mit einem knochigen Finger bedeutet, sie solle zu ihm kommen.

Der Chauffeur sah sie im Rückspiegel an. »Du trägst Stöckelschuhe, Miss Lily«, sagte er konsterniert. »Fehlt dir etwas?«

Sie konnte ihr Spiegelbild sehen. Bleich und mit dunklen Ringen unter Augen, die zu groß für ihr Gesicht waren. Sie sah verheerend aus. Ihr Kinn reckte sich in die Luft. »Die Absätze stören mich nicht, John. Ich brauche dringend Bewegung.« Sie musste die letzten Reste des Alptraums aus ihren Gedanken vertreiben. Das bedrückende Gefühl, in Gefahr zu sein und gejagt zu werden, ließ ihr Herz immer noch schneller schlagen. Lily wich Johns Blick im Spiegel aus und bemühte sich, einen normalen Anschein zu erwecken. Er hatte sie ihr ganzes Leben lang gekannt und machte sich ohnehin schon Sorgen wegen der Schatten in ihren Augen.

Warum musste sie ausgerechnet jetzt so blass und uninteressant aussehen? Endlich war sie einem Mann begegnet, zu dem sie einen Draht hatte. Er war ein Prachtexemplar. Grandios. Intelligent. Einfach umwerfend. Sie war ohne jegliche Informationen hereinspaziert und hatte sich restlos blamiert, statt den Eindruck einer Frau von außergewöhnlicher Intelligenz zu erwecken. Miller umgab sich wahrscheinlich mit Blondinen, die so dürr wie Models waren und große Brüste hatten, Frauen, die ihm an den Lippen hingen. Lily strich sich mit einer Hand über das Gesicht, weil sie hoffte, den Alptraum, der sie einfach nicht in Ruhe lassen wollte, fortwischen zu können. Außerdem erhoffte sie sich davon, das Bild von Ryland Miller loszuwerden, das sich tief in ihr Gehirn eingebrannt hatte.

Komm zu mir.

Seine Stimme war raunend durch ihren Körper geschlichen, hatte ihr Blut erhitzt und ihr Inneres schmelzen lassen. Lily hatte ihn nicht ansehen wollen. Sie war sich der Kameras allzu deutlich bewusst gewesen. Und ebenso deutlich war ihr bewusst gewesen, dass sie sich mit Männern nicht auskannte. Das Verhalten ihres Vaters hatte sie verwirrt, und die ungeheure Anziehungskraft, die Ryland Miller auf sie ausübte, hatte sie nicht minder verwirrt. Und sie war davongerannt wie ein Karnickel, nur noch von dem einen Wunsch beseelt, ihren Vater zu finden und in Erfahrung zu bringen, was hier vorging.

Die Limousine fuhr langsamer und hielt auf der langen, sorgsam gepflasterten Straße an, die sich durch das riesige Grundstück zum Haupthaus hinaufwand. Lily stieg hastig aus, da sie kein weiteres Gespräch riskieren wollte. John beugte sich aus seinem Fenster und musterte sie einen Moment lang eingehend. »Du kannst mal wieder nicht schlafen, Miss Lily.«

Lily lächelte ihn an und fuhr mit einer Hand durch ihr dichtes, dunkles Haar. Der Chauffeur behauptete, erst Anfang sechzig zu sein, aber sie hatte den Verdacht, dass er wahrscheinlich längst in den Siebzigern war. Er benahm sich ihr gegenüber nicht wie ein Chauffeur, sondern eher wie ein Angehöriger, und sie hätte gar nichts anderes als ein geliebtes Familienmitglied in ihm sehen können. »Du hast Recht«, sagte sie. »Ich habe mal wieder diese seltsamen Träume, die ab und zu über mich hereinbrechen. Ich versuche, tagsüber das eine oder andere Nickerchen zu halten. Aber mach dir bloß keine Sorgen um mich, es ist schließlich nicht das erste Mal.« Sie zuckte die Schultern, um es als belanglos abzutun.

»Hast du es deinem Vater schon gesagt?«

»Ich hatte tatsächlich vor, es ihm beim Abendessen zu erzählen, aber er hat mich mal wieder versetzt. Ich dachte, vielleicht sei er in seinem Labor, aber er ist nicht ans Telefon gegangen und hat auch nicht auf seinen Pager reagiert. Weißt du, ob er schon zu Hause ist?« Wenn er zu Hause war, würde er sich einiges von ihr anhören müssen. Es war unverzeihlich, dass er sie in diese Situation gebracht hatte. Wie hatte er sie auf Miller loslassen können, ohne ihr auch nur einen Hinweis auf die Geschehnisse zu geben?

Diesmal war sie wütend auf ihren Vater. Miller konnte man nicht einfach wie ein Tier in einen Käfig sperren. Dort hatte er nichts zu suchen. Er war ein Mensch, ein starker und intelligenter Mann, der seinem Vaterland treu ergeben war. Was auch immer in den Labors von Donovans vorging, es musste schleunigst ein Ende finden. Und was sollte dieser ganze Unsinn mit dem Computer und den Codes, in denen ihr Vater schrieb? Er hatte zahllose Seiten mit komplettem Blödsinn vollgeschrieben und sich so benommen, als handelte es sich bei diesem Unfug um einwandfreie Aufzeichnungen zu seinem Projekt. Sie konnte ihn nicht beraten, wenn sie auf nichts zurückgreifen konnte. Dr. Peter Whitney hatte ihr, ob er nun ihr Vater war oder nicht, für so einiges Rede und Antwort zu stehen, und er hatte sich wie ein Feigling vor dem vereinbarten Treffen mit ihr gedrückt.

Verärgerung huschte über das Gesicht des Chauffeurs. »Dieser unmögliche Mann. Er braucht einen Assistenten, der hinter ihm herläuft und ihm ab und zu einen Tritt gibt, damit er merkt, dass er tatsächlich in der Realität lebt.« Der berühmte Wissenschaftler hatte von den wichtigen Momenten im Leben seiner Tochter schon so oft keine Notiz genommen, wenn er sie nicht gar vergessen hatte, und das erboste John. Dabei spielte der Anlass überhaupt keine Rolle – Geburtstage, geplante Ausflüge, Abschlussfeiern. Dr. Whitney dachte nie daran. Der Chauffeur hatte jedem einzelnen dieser Ereignisse beigewohnt und beobachtet, wie Lily mit einer Ehrung nach der anderen überhäuft worden war, doch zu keinem dieser Anlässe war ein Verwandter erschienen. Für John Brimslow war es ein wunder Punkt, dass sein Boss seine Tochter so lieblos behandelte.

Lily brach in Gelächter aus. »Sagst du das auch über mich, wenn ich über meinen Forschungen vergesse, nach Hause zu kommen?« Sie hielt ihren Blick auf Johns Kragenknopf gerichtet und hoffte nur, sie sei inzwischen Expertin darin, ihre Gefühle zu verbergen. Sie war es gewohnt, dass ihr Vater zerstreut war, wenn es um sie ging. Eine Verabredung mit ihr zu einem gemeinsamen Abendessen wäre ihm niemals so wichtig gewesen, dass er versucht hätte, sich daran zu erinnern, und normalerweise hätte sie verständnisvoll reagiert. Oft ging sie selbst so sehr in einem Forschungsprojekt auf, dass sie das Essen und das Schlafen vergaß und nicht daran dachte, mit anderen zu reden. Daher konnte sie ihrem Vater schwerlich vorwerfen, dass er genauso war. Aber diesmal würde er verdientermaßen einiges von ihr zu hören bekommen, und er würde sich Zeit nehmen und ihr alles erzählen müssen, was sie über Captain Miller und seine Männer wissen wollte. Sie würde keine Ausflüchte gelten lassen.

Ihr Chauffeur grinste ohne jede Spur von Zerknirschung. »Selbstverständlich.«

»In ein paar Minuten bin ich zu Hause. Sei so lieb, Rosa Bescheid zu sagen, damit sie sich keine Sorgen macht.« Lily trat einen Schritt zurück und winkte kurz, bevor sie sich abwandte, damit John ihr nicht noch länger ins Gesicht sehen konnte. Sie wusste selbst, dass ihr Gesicht schmaler geworden war und ihre Wangenknochen vorstanden, aber keineswegs so vorteilhaft wie bei einem Model. Die Alpträume hatten dunkle Ringe unter ihren Augen und hängende Schultern hinterlassen. Einen allzu tollen Anblick hatte sie mit ihren viel zu großen Augen und ihrem Hinken ohnehin nie geboten, und sie war auch nie so dünn gewesen, wie es Mode war. Ihr Körper hatte schon in jungen Jahren Kurven aufgewiesen und darauf beharrt, wahrhaft weiblich zu erscheinen, ganz gleich, wie viele Gymnastikübungen sie machte. Bisher hatte sie sich nie sonderlich für ihr Aussehen interessiert, aber jetzt …

Lily schloss die Augen. Ryland Miller. Warum hatte sie nicht ausnahmsweise einmal umwerfend attraktiv wirken können? Er war so unglaublich sexy. Klassische Schönheitsideale hatten nie einen Reiz auf sie ausgeübt. Miller sah nicht wirklich gut aus, dazu war er zu derb und besaß zu viel ungezügelte Kraft. Schon allein der Gedanke an ihn genügte, um ihren ganzen Körper glühen zu lassen. Und wie er sie angeschaut hatte … So hatte sie noch nie jemand angesehen. Voller Verlangen, als könnte er seine Gier nur mit Mühe im Zaum halten.

Sie zog sich die Stöckelschuhe von den Füßen und blickte zum Haus auf. Sie liebte San Francisco und das Leben in den Hügeln mit Blick auf die wunderbare Stadt, an der sie sich nie sattsehen würde. Sie bewohnten einen pittoresken Landsitz in europäischer Manier, mehrstöckig und weitläufig und mit Balkonen und Terrassen versehen, die seine Eleganz und seinen romantischen Zauber ausmachten. Das Haus hatte mehr Zimmer, als sie und ihr Vater jemals hätten bewohnen können, doch sie liebte es bis in den letzten Winkel. Die Mauern waren dick, das Innere geräumig und großzügig. Ihre Zufluchtsstätte. Der Ort, an dem sie Schutz fand. Und das konnte sie weiß Gott gebrauchen.

Ein leichter Wind wehte, zerzauste ihr Haar und berührte zart ihr Gesicht. Nach einem Alptraum verflüchtigte sich der Eindruck von Gefahr im Allgemeinen innerhalb von wenigen Minuten, wenn sie spazieren ging, doch diesmal war er nicht zu vertreiben und hinterließ eine Unruhe, die allmählich beängstigend wurde. Die Nacht begann sich herabzusenken. Sie blickte zum Himmel auf und beobachtete die grauen Fetzen, die sich über ihrem Kopf zu düsteren Wolken verdichteten und vor den Mond zogen. Die Dämmerung war eine weiche Decke, die sie einhüllte. Die ersten Nebelschleier trieben über die terrassenförmig angelegten Rasenflächen, während sich Bänder aus weißer Spitze um Bäume und Sträucher wanden.

Lily drehte sich im Kreis und ließ ihre Blicke über den gepflegten Rasen, die Büsche und Bäume, die Brunnen und Zierbeete gleiten, die kunstvoll arrangiert waren, um das Auge zu erfreuen. Das großzügige Gelände, das sich vor der Haustür erstreckte, bot immer einen makellosen Anblick, nicht ein Blatt oder ein Grashalm, an dem man etwas aussetzen könnte, aber hinter dem Haus blieben die Wälder sich selbst überlassen. Ihr schien es immer, als herrschte in der Natur ein Gleichgewicht – Ruhe, Ausgewogenheit und Frieden. Ihre häusliche Umgebung gestattete ihr eine Freiheit, die sie nirgends sonst finden konnte.

Lily war schon immer anders gewesen. Sie besaß eine Gabe – ihr Vater sprach von einem Talent, sie selbst bezeichnete es als einen Fluch. Sie konnte Menschen berühren und ihre intimsten Gedanken lesen. Dinge, die nicht dafür bestimmt waren, an die Öffentlichkeit zu gelangen. Dunkle Geheimnisse und verbotene Gelüste. Sie besaß aber auch noch andere Gaben. Das Haus, in dem sie lebte, war ihr einziger Zufluchtsort. Die Mauern waren dick genug, um sie vor den Attacken intensiver Gefühle zu schützen, die Tag und Nacht auf sie einstürmten.