Beschreibung

Der Zauber der Drake-Schwestern!

Joley besitzt die magische Gabe, Menschen durch Gesang in ihren Bann zu ziehen. So wurde sie über Nacht zu einer der begehrtesten Rocksängerinnen des Showgeschäfts. Doch der Erfolg schafft ihr auch viele Feinde: Plötzlich muss sie um ihr Leben bangen und nur der geheimnisvolle Bodyguard Ilya kann sie retten. Joley verliebt sich in ihren attraktiven Beschützer – doch ist sie bei ihm wirklich sicher?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 750


Das Buch

Joley ist die zweitjüngste der sieben zauberhaften Drake-Schwestern. Und auch sie hat eine übernatürliche Gabe: Ihr Gesang zieht alle Menschen in ihren Bann. Dies verhalf ihr zu einer glamourösen Karriere als gefeierte Rocksängerin. Doch Joleys Ruhm zeigt plötzlich seine Schattenseiten: Während ihrer erfolgreichen Welttournee versucht der Drahtzieher eines Menschenhandelsrings ihre Prominenz für seine Zwecke auszunutzen. Nicht nur ihr Ruf, sondern auch ihr Leben geraten in große Gefahr. Ihre einzige Rettung ist es, dem mysteriösen Bodyguard Ilja Prakenskij zu vertrauen. Doch auch er scheint mit dem kriminellen Netzwerk in Verbindung zu stehen. Joley fühlt sich von Iljas gefährlicher Aura magisch angezogen und kann sich gegen ihre Leidenschaft und ihre tiefen Gefühle ihm gegenüber nicht wehren. Dennoch sträubt sie sich gegen seine Hilfe: Sie ahnt, dass er ein Geheimnis vor ihr verbirgt.

Die Autorin

Christine Feehan, die selbst in einer großen Familie mit zehn Schwestern aufgewachsen ist, lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Kalifornien. Sie hat bereits eine Reihe von Romanen veröffentlicht und wurde in den USA mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet. Ihre Bücher sind auf den amerikanischen Bestsellerlisten ganz oben vertreten und sie hat bereits über sechs Millionen Bücher weltweit verkauft.

Mehr Informationen über die Autorin und ihre Romane finden sich im Anschluss an diesen Roman und auf ihrer Website www.christinefeehan.com.

Weitere Bücher von Christine Feehan:

Die Drake-Schwestern-Serie: Dämmerung des Herzens – Zauber der Wellen – Gezeiten der Sehnsucht – Magie des Windes

Die Schattengänger-Serie: Jägerin der Dunkelheit – Spiel der Dämmerung – Tänzerin der Nacht – Schattenschwestern

Inhaltsverzeichnis

Das BuchDie AutorinWeitere Bücher von Christine Feehan:WidmungDanksagung1.2.3.4.5.6.7.8.9.10.11.12.13.14.15.16.17.18.19.20.Die zauberhaften Drake-SchwesternCopyright

Für meine ElternMark und Nancy King,die uns alle das Lieben gelehrt haben

Danksagung

Wie bei jedem Buch habe ich vielen Menschen zu danken: Domini Stottsberry, der so viele Nachforschungen angestellt und so hart daran gearbeitet hat, diesem Buch seine Form zu geben; Cheryl Wilson, einer erstaunlichen Freundin und Autorin, sogar unter Stress und schwierigsten Bedingungen. Eine ganze Menge habe ich Rich Campbell zu verdanken, dem Bassgitarristen der Band America, der mir eine große Hilfe war, weil er sich freundlicherweise trotz seines vollen Terminkalenders Zeit für den Versuch genommen hat, mir zu erklären, wie es zugeht, wenn man ständig auf Tournee und mit der Band auf Achse ist. Falls mir Fehler unterlaufen sein sollten, sind es ganz allein meine Fehler, da er auf Tournee war und ich nicht alles noch einmal von ihm nachprüfen lassen konnte. Und zu guter Letzt Jeri Stahl, Police Detective im Ruhestand in Aurora, Colorado, der jetzt in beratender Funktion für Denver tätig ist und all meine Fragen geduldig beantwortet, meine Szenen überarbeitet und ihnen erstaunliche Klarheit gegeben hat.

1.

Joley Drake starrte angewidert und mit einem gewissen Entsetzen die Meute an, die sich an den Toren und am Zaun drängte. Sie hatte vergessen, wie es auf After-Show-Partys zuging, oder vielleicht hatte sie es auch einfach nur verdrängt. Frauen schoben sich an die Wagenfenster, zogen ihre Tops hoch und pressten ihre nackten Brüste an die getönten Scheiben. Einige wedelten mit Stringtangas in verschiedenen Farben. Sie stießen gegen den Wagen, zogen an den Türgriffen und kreischten. Sie bezweifelte, dass eine dieser Frauen wusste, wer in dem Fahrzeug saß, aber sie waren offenkundig bereit, sich zu verkaufen, um an eine Einladung zu kommen.

»Mein Gott, Steve«, murmelte Joley ihrem Fahrer zu. »Sex, Drugs and Rock’n’Roll, das ist ja ein solches Klischee, aber wie wahr es ist.« Sie merkte selbst, wie resigniert das klang.

Steve Brinkley fing ihren Blick im Rückspiegel auf. »Du hast schon vor Jahren aufgehört, solche Veranstaltungen zu besuchen. Was hat dich dazu gebracht, es dir heute Abend anders zu überlegen? Ich war schockiert, als ich deinen Anruf bekommen habe.«

Das war eine Frage, die sie nicht beantworten wollte. Nicht einmal sich selbst wollte sie eine Antwort darauf geben. Sie presste ihre Stirn in ihre Handfläche. »Ich war schon so lange nicht mehr auf einer dieser Feten. Ich wollte nur noch Musik machen und nicht darüber nachdenken, was auf diesen Partys vorgeht, aber jetzt bin ich hier und mir ist ganz schlecht.« Sie hatte vorgehabt, ihre Worte unbeschwert, wenn nicht gar scherzhaft klingen zu lassen, doch die Schläge auf die Motorhaube und die Hände, die versuchten, Türen aufzureißen, konnte man beim besten Willen nicht ignorieren.

Sie kam sich vor wie ein Tier, das in einem Käfig gefangen war. Es war erstaunlich, wie oft sie sich so vorkam. Und wenn die Meute gewusst hätte, wer in dem Wagen saß, dann hätten die Leute angefangen, ihn in seine Bestandteile zu zerlegen, um an sie heranzukommen. Sie hatte sich nicht mehr an diesen Teil ihres Lebens erinnern wollen. An diese ersten berauschenden Monate als Megastar, als alles, was sie wollte oder brauchte oder was ihr auch nur in den Sinn kam, ihr und der Band in den Schoß fiel. Es war so lange her, ein wahr gewordener Traum, der sich schnell in einen Alptraum verwandelt hatte, den sie zu vergessen suchte.

Sie war mit besonderen Gaben geboren worden, aber sogar sie hatte sich im ersten Taumel des Erfolges von der Größenordnung dessen, was man ihr zu Füßen legte, überrumpeln lassen. Sie wurde wie ein Star behandelt, göttergleich, dem man alles gab und um den sich alle rissen. Wie schon so viele Stars vor ihr war sie in die Falle selbstsüchtiger Überheblichkeit getappt und hatte sich eingebildet, sie hätte es verdient, anders als andere Menschen behandelt zu werden.

Wenigstens hielt sie der Umstand, dass sie eine Drake mit ganz besonderen Gaben war, davon ab, ihrem Körper giftige Substanzen zuzuführen, aber ihrer Band war dieses Glück nicht vergönnt gewesen. Sie hatte gesehen, was dabei herauskam, und mehr als einmal war sie in ein Hotelzimmer gekommen und hatte überall nackte, sich windende Leiber vorgefunden, Frauen, die übereinanderkrochen und sich darum rissen, mit einem Mitglied der Band zusammen zu sein. Drogen standen frei zur Verfügung, und der Alkohol floss in Strömen. Ihre Jungs, wie sie die Band nannte, waren für sie mehr als nur Freunde, fast schon wie eine Familie, aber die Alkohol-und Rauschgiftexzesse und die Unmengen von Frauen hatten die Gehirne, die Psyche und das Leben der Jungs nahezu zerstört.

Die meisten Bandmitglieder verloren durch diese Lebensweise ihre Familien. Es hatte nicht lange gedauert, bis es Joley angewidert hatte, wie sie alle lebten. Sie war ausgestiegen und hatte der Musik, der Band und dem Ruhm den Rücken gekehrt. Die Jungs wussten, dass es ihre Stimme war, die sie an die Spitze gebracht hatte, und dass die Band ohne sie schnell ihren Spitzenplatz einbüßen würde. Am Ende hatten ihr Manager und die Bandmitglieder sie davon überzeugt, dass sie Regeln aufstellen und sich daran halten würden.

Joley wusste, dass sie der Band nichts aufzwingen konnte, aber sie hatte immerhin die Möglichkeit, Richtlinien aufzustellen, mit denen sie leben konnte. Sie hatte nie so getan, als hätte sie nicht selbst einen Hang zur Wildheit, aber bei ihr erstreckte sich das nicht auf illegale Drogen oder Sexorgien. Und schon gar nicht auf minderjährige Knaben oder Mädchen, von denen man sich sexuelle Gefälligkeiten erweisen ließ. Man hatte sich schließlich auf Joleys Bedingungen geeinigt und sie selber erschien selten zu anderen Partys als zu denen mit der Band direkt nach einem Auftritt. Joley begab sich auch niemals an Orte, an denen jemand all die Dinge bereitstellen könnte, gegen die sie besonders viel einzuwenden hatte. So war es jedenfalls bisher gewesen. Bis heute Nacht.

» Was glaubst du, warum diese Frauen das Bedürfnis haben, sich Rockstars an den Hals zu werfen? Was springt wirklich für sie dabei heraus, Steve?«, fragte sie ihren Chauffeur. »Ich kann das nämlich nicht begreifen. Sie stehen in den Fluren Schlange und hoffen auf eine Gelegenheit, an die Band und sogar die Roadies ranzukommen. Sie erweisen ihnen sexuelle Dienste und interessieren sich noch nicht mal wirklich dafür, ob jemand ihren Namen kennt.«

»Ich weiß es nicht, Joley. Im Grunde genommen verstehe ich nicht mal die Hälfte dessen, was die Leute tun oder warum sie es tun.«

Die Wächter drängten die Menschenmassen zurück, um Platz zu schaffen, damit der Wagen zu dem hohen schmiedeeisernen Tor fahren konnte. Sämtliche Wächter waren bewaffnet. Und sie trugen keineswegs nur bescheidene Waffen, die zur Standardausrüstung der Polizei gehörten und die Jacken kaum ausbeulten. Hier waren halbautomatische Waffen im Einsatz, die sie ganz offen in ihren muskulösen Armen hielten wie in Gangsterfilmen. Joleys Magen drehte sich um, als sie die Männer durch das getönte Glas beobachtete. Es waren keine gemieteten Sicherheitskräfte – jeder Einzelne von ihnen war ein echter Profi, ein Berufskiller. Sie trugen keine Langeweile auf ihren Gesichtern zur Schau; sie trugen Masken, und ihre Augen waren ausdruckslos und kalt. Wenn sie sich einem von ihnen genähert und ihn, und sei es auch noch so flüchtig, berührt hätte, dann hätte sie den eisigen Hauch des Todes gefühlt, das wusste sie genau.

Ihr Handy klingelte und riss sie aus ihren Überlegungen. Sie ließ es mit einer kleinen Grimasse aufschnappen und sagte: »Gloria, ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich mich darum kümmern werde. Ich bin gerade auf dem Weg zu Logan. Sie haben mich aus dem Bett geholt, und ich habe gesagt, ich würde es tun. Jetzt müssen Sie mir etwas Zeit lassen. Ich sorge schon dafür, dass er kommt.« Sie wusste, dass es zickig klang. Na und? Gloria Brady, die Mutter von Lucy Brady, dieser Ausgeburt der Hölle in Form eines geistesgestörten Groupies, des größten Alptraums jeder Band, verlangte wieder einmal ein Gespräch mit Joleys Saxophonisten Logan Voight. Er hatte eine kurze Begegnung mit Glorias Tochter gehabt und den Fehler begangen, sie mehr als einmal zu sehen, und jetzt würde ihn Lucy für alle Zeiten mit ihren durchgeknallten Szenen verfolgen.

Joley klappte das Handy zu und schob es in ihre Tasche. Sie war in ihrem Hotelzimmer umhergetigert, als Glorias erster hysterischer Anruf kam. Er war ein willkommener Anlass gewesen, ihren Fahrer mitten in der Nacht aus dem Bett zu holen und sich selbst die Lüge einzureden, sie ginge auf die Party, um Logan die Nachricht zu überbringen und persönlich dafür zu sorgen, dass er sich des Problems annahm. Jetzt begriff sie jedoch, was für eine riesige Dummheit sie begangen hatte. Es mochte ja sein, dass andere die Wächter für cool hielten; sie aber fragte sich, wie viele Menschen sie wohl schon getötet hatten.

Sie zuckte zusammen, als einer der Wächter an ihr Fenster pochte und ihr bedeutete, sie solle sich ihm zeigen. Ihr Fahrer erhob Einspruch, aber sie ließ die Scheibe herunter und sah den Mann an, damit er sie von ihrem Aussehen her identifizieren konnte. Sie sah, dass er sie sofort erkannte. Joley Drake, die legendäre Sängerin, die man schlicht und einfach unter dem Namen Joley kannte. Einen kurzen Moment lang glaubte sie, er würde sie um ein Autogramm bitten, doch dann fing er sich wieder und winkte sie durchs Tor.

Sergej Nikitin lud sie schon seit Monaten zu seinen Partys ein, aber sie hatte immer Ausflüchte gefunden, um nicht hinzugehen. Sergej war ein reicher Mann, der in den Kreisen verkehrte, die angesagt waren. Er kannte Politiker und alle Arten von Berühmtheiten. Er erhielt das öffentliche Image eines charmanten Geschäftsmannes aufrecht, der Geschmack an der feinen Lebensart fand und sich mit Leuten umgab, die sich allgemeiner Bekanntheit erfreuten – Filmstars, Rennfahrer, Sportler, Models, Menschen des öffentlichen Lebens und natürlich die berühmtesten Bands.

Nur sehr wenige Leute wussten, dass er dem Vernehmen nach ein russischer Mafiosi mit einer gewalttätigen und blutigen Vergangenheit war und den Dreh raushatte, seine Feinde spurlos verschwinden zu lassen. Die meisten derer, die diese Gerüchte gehört hatten, glaubten, sie dienten nur dazu, seinen geheimnisvollen Nimbus zu verstärken. Es erschien ihnen unvorstellbar, dass dieser verbindliche, charmante Geschäftsmann tatsächlich unmoralische und sadistische Tode anordnen könnte, um seinen ohnehin schon immensen Wohlstand noch mehr auszuweiten. Diesen Standpunkt vertraten alle außer der Polizei – dank Ihrem Schwager, der Sheriff war – und Joley.

»Halte einfach hier«, wies sie ihren Fahrer an und wartete, bis Steve ein gutes Stück vom Haus entfernt an den Rand der Auffahrt gefahren war, bevor sie die Tür öffnete. Sie blieb im Wagen sitzen und zögerte.

Die Party war in vollem Schwung. Ohrenbetäubende Musik drang aus dem Haus und erfüllte die Luft. Joley konnte nahezu spüren, wie sich das Gebäude bei jedem tiefen Dröhnen der Bässe ausweitete und wieder zusammenzog. Sogar die Fensterscheiben vibrierten. Sie saß bei geöffneter Tür im Wagen und betrachtete das Haus. Nikitin würde bereits wissen, dass sie eingetroffen war. Seine Sicherheitsleute hatten bestimmt augenblicklich über Funk das Haus verständigt, damit Nikitin sich bereithalten konnte, um sie zu begrüßen. Für ihn würde das gewissermaßen ein Sieg sein. Endlich. Joley Drake. Monatelang hatte er sie verfolgt. Eine weitere Berühmtheit, mit der er sich fotografieren lassen konnte.

»Steigst du aus, Joley?«, fragte Steve.

Sie sah ihrem Fahrer im Rückspiegel in die Augen und schnitt eine Grimasse. »Ich weiß es nicht. Vielleicht. Stört es dich, ein Weilchen zu warten, Steve? Es ist mir so unangenehm, dass ich dich heute Nacht aus den Federn geholt habe.«

»Dafür bezahlst du mich schließlich«, versicherte er ihr. » Wenn du eine Weile hier sitzen bleiben willst, ist mir das recht. Mich hat es sowieso erstaunt, dass du herkommen wolltest«, fügte er mit einer Spur von Besorgnis in seiner Stimme hinzu.

Sie hatte es auch erstaunt, aber sie hatte wach gelegen und die Decke angestarrt, bis sie vor Frustration am liebsten laut geschrien hätte. Sie schlief nur äußerst selten, denn sie litt an chronischer Schlaflosigkeit, und so war sie in ihrem Hotelzimmer die meiste Zeit unruhig umhergetigert. Der hektische Anruf von Gloria, die sie anflehte, Logan zu finden, hatte ihr als Vorwand vollauf genügt. Glorias Tochter war im Krankenhaus, um Logans Baby zur Welt zu bringen, und sie hatte die Medien bereits verständigt. Jetzt machte sie eine Szene und drohte an, sich umzubringen, wenn Logan sich nicht blicken ließe.

Joley redete sich ein, sie sei zu der Party erschienen, um sicherzugehen, dass Logan wusste, was er tat, und um Anwälte, Sicherheitsleute und obendrein ihren Manager hinzuschicken, aber all das hätte sich mit ein oder zwei Anrufen regeln lassen. Lucy hatte bereits eingewilligt, ihm das Baby zu überlassen, und die Dokumente waren aufgesetzt worden, aber alle wussten, dass Lucy so leicht nicht von der Bildfläche verschwinden würde. Sie würde eine Szene nach der anderen machen.

Joley schüttelte den Kopf und wandte ihre Aufmerksamkeit Nikitins Anwesen zu. Überall waren Menschen. Sie liefen ziellos auf den Rasenflächen umher und einige sorgten dafür, dass sie von dem Pöbel am Zaun wahrgenommen wurden. Ein paar vielversprechende junge Starlets und männliche Models gaben sogar durch das Tor Autogramme. Rufe, flehentliche Bitten und betrunkenes Gelächter waren kein bisschen weniger laut als die ohrenbetäubende Musik.

Sie entdeckte Denny Simmons, ihren Schlagzeuger, der in der Ferne mit einer Blondine, die nicht seine derzeitige Freundin war, über das Grundstück lief. Sie biss sich fest auf die Unterlippe. Wenn einer von ihnen seine Partnerin betrog, dann wollte sie nichts davon wissen. »Männer sind Hunde, Steve. Deshalb lasse ich mich gar nicht mehr mit ihnen ein. Windhunde. «

Er seufzte und beobachtete Simmons. »Sie kriegen nichts mehr mit, Joley. Du weißt doch selbst, dass die Jungs zu viel trinken oder auch mal Drogen nehmen, und dann haben sie keinen Schimmer, was sie tun.«

»Denny ist schon mal geschieden, und normalerweise tut er so, als bedeute ihm seine Freundin alles auf Erden, aber sieh ihn dir jetzt an.« Sie kniff die Augen zusammen, als Denny stehen blieb, um das Mädchen zu küssen, und seine Hände über ihre üppigen Brüste glitten. Die Frau riss ihm das Hemd aus der Hose, und ihre Hand legte sich auf seinen Reißverschluss. »Dafür soll ihn der Teufel holen. Ich mag seine Freundin wirklich, und sie hat ein Kind. Ich werde ihr nie wieder in die Augen sehen können.«

Männer waren Hunde – alle Männer. Nicht einem Einzigen konnte man vertrauen. Na ja, vielleicht den Männern ihrer Schwestern, aber nicht denen, auf die Joley reinfiel. Sie fuhr auf die Ungeschliffenen und Gefährlichen ab, und die waren natürlich … »Nein, nicht Hunde, Steve. Hunde mag ich, und sie sind anhänglich. Schlangen ist treffender für das, was Männer sind.«

»Vielleicht solltest du nicht hier sein.«

Sie verabscheute das Mitgefühl in seiner Stimme. Joleys rascher Aufstieg zum Ruhm hatte diese Situation erschaffen, und jetzt war das Leben der Bandmitglieder wenig mehr als Stoff für die Regenbogenpresse. Joley hatte sich bemüht, ihre Jungs von einem exzessiven Lebenswandel abzuhalten, aber das war einfach nicht machbar gewesen, weil alles so leicht zu haben war. Und Männer wie Sergej Nikitin wussten, wie man Ruhm und Beliebtheit dafür nutzte, das zu bekommen, was sie wollten. Man konnte davon ausgehen, dass er die Drogen und die Frauen bereitstellte und sogar die Regenbogenpresse mit Fotos versorgte, wenn das seinen eigenen Zielen dienlich war. Und wenn er jemanden erst einmal in seinen Fängen hatte …

»Männer können schwach sein«, sagte Steve.

Das konnten Frauen auch, mutmaßte Joley. Denn sonst wäre sie jetzt nicht hier und ginge das Risiko ein, ihr Leben zu zerstören. Und wofür? »Das ist nichts weiter als eine faule Ausrede, Steve. Jeder Mensch hat Entscheidungsfreiheit. Und jeder sollte wissen, was ihm die Menschen in seinem Leben wert sind. Männer sollten mehr Selbstachtung und ausreichend Ehrgefühl besitzen, um die Menschen, die sie lieben, nicht schändlich zu verraten.«

Seine Augen wurden schmaler, und Joley wandte ihren Blick vom Rückspiegel ab. Es war ihr unerträglich, in seinen – und in ihren eigenen – Augen das Wissen zu sehen, dass sie in Wirklichkeit von sich selbst sprach. Wie heuchlerisch es doch war, Denny dafür zu verurteilen, dass er die falsche Entscheidung traf, wenn sie wahrscheinlich aus genau demselben Grund hierhergekommen war. Sie konnte sich nicht einmal dazu durchringen, sich selbst die Wahrheit einzugestehen; sie fand Ausflüchte für sich und tat so, als sei sie hier, um Logan zu helfen, sein Kind zu retten, obwohl der wahre Grund für ihr Erscheinen absolut selbstsüchtig war.

Ihr Körper stand in Flammen, glühte vor Verlangen und war vollständig überreizt. Hypersensibel. Ihre Brustwarzen rieben sich an ihrem Spitzen-BH und sandten gezackte weiß glühende Blitze geradewegs in ihre Lenden. Ihr Körper pulsierte vor Leben, vor Verlangen, vor Wollust … Oh, Mann, und wie sie sich danach verzehrte. Sie fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht, um ihren Ausdruck vor Steve zu verbergen.

Ein Schwarm von viel zu stark geschminkten Teenagern in viel zu enger Kleidung und mit hochhackigen Schuhen, die sie älter wirken lassen sollten, stürmte über den Gehweg, der zur Haustür führte. Sie kicherten lauthals, zupften an ihren Kleidungsstücken und versuchten, sich so zu geben, als gehörten sie dazu. Joley fluchte tonlos vor sich hin, als alte Erinnerungen über sie hereinbrachen. Junge Mädchen, die sich Bandmitgliedern und Roadies aufdrängten. Groupies, die darauf aus waren, mit jemand Berühmtem alles Erdenkliche zu tun. Rauschgift und Alkohol hatten ihre Hemmungen abgetötet.

In den Anfangszeiten hatte sie versucht, das zu unterbinden. Mittlerweile wusste sie, dass sie nichts dagegen tun konnte. Was andere taten und womit sie leben konnten, war deren Angelegenheit. Die einzige Bedingung, die sie mit Nachdruck durchgesetzt hatte, war die, dass jedes Groupie alt genug sein musste. Die Mädchen sahen nicht so aus, aber Joley wurde schließlich auch älter, und in ihren Augen schienen heutzutage alle wie Dreizehnjährige auszusehen. Vielleicht war sie auch einfach nur genervt. Ihr Manager und erst recht die Bandmitglieder würden niemals gegen dieses eine Tabu verstoßen und damit das Risiko eingehen, alles zu verlieren.

Die Erregung und die Euphorie, die durch den Auftritt hervorgerufen worden waren, legten sich jetzt, und sogar das Feuer, das durch ihre Adern raste, beruhigte sich ein wenig. Sie fühlte sich ausgelaugt. Als hätte er ihre Gedanken gelesen, räusperte sich Steve und beugte sich aus dem Fenster, damit er die Mädchen besser sehen konnte.

»Ich schwöre es dir, Joley, wenn ich mir diese Mädchen ansehe, komme ich mir uralt vor. Sie sehen aus, als sollten sie zu Hause sein und mit ihren Puppen spielen.«

»Dann muss ich auch uralt sein«, räumte sie ein und sah zu, wie sich eine von ihnen aus der Schar herauslöste und um die Hausecke sauste, um sich in einem Gebüsch zu verbergen. Das Mädchen zog ein Handy heraus und machte rasch einen Anruf.

Ihre Augen leuchteten, und sie konnte nicht aufhören, über das ganze Gesicht zu strahlen; ihre Aufregung, weil sich eine Gelegenheit ergeben hatte, mit den Bandmitgliedern zusammenzukommen und sich unter all die Berühmtheiten auf der Party zu mischen, war fast greifbar. Das Mädchen war hübsch. Und jung. Sogar geschminkt sah sie nicht älter als vierzehn aus. Und unschuldig. Ganz entschieden schutzbedürftig. Das arme Mädchen hatte keine Ahnung, worauf sie sich einließ. Joley stieß die Wagentür noch weiter auf und schwang ihre Beine hinaus.

» Wir dürfen niemandem erzählen, dass sie uns reinlassen«, rief eines der anderen Mädchen aus. »Deinetwegen werden sie uns rauswerfen. Sie haben uns doch gesagt, dass wir es keinem erzählen dürfen.«

Joley warf Steve einen Blick zu. »Das klingt nicht gut. Wenn jemand ihnen gesagt hat, sie sollen es nicht weitererzählen, dann müssen sie minderjährig sein.«

Das Mädchen, das den Anruf gemacht hatte, klappte das Handy eilig zusammen und stieß es in ihre Handtasche, damit es nicht mehr zu sehen war. »Ich habe meiner Mutter eine Nachricht hinterlassen, dass ich später komme«, sagte sie und rannte los, um sich der Gruppe anzuschließen.

Joley stieg aus dem Wagen und blickte finster. Sie würde nicht zulassen, dass ihre Bandmitglieder oder die Roadies derart junge Mädchen aufgabelten. Das war die eine unumstößliche Regel, die ihre Band niemals zu brechen geschworen hatte. Wenn also einer von ihren Jungs etwas damit zu tun hatte, dass die Einladung an diese Teenies ergangen war, dann flog derjenige raus. Einfach so. Eher stieg sie selbst aus, als zuzulassen, dass solche Dinge vorgingen, und das wussten die anderen. Sie hatte es schon einmal getan, und sie würde es auch wieder tun. Sie konnte nur hoffen, dass ihre eigenen Leute keine Ahnung hatten, wer auf diese Party eingeladen worden war. So oder so mussten die Teenies augenblicklich verschwinden.

Sie machte gerade ein paar Schritte auf das Grüppchen zu, als eine Limousine mit getönten Fensterscheiben zwischen ihr und den Mädchen anhielt. Während sich Joley in Bewegung setzte, um einen Bogen um das große Fahrzeug zu machen, wurde die Haustür aufgerissen und einige Männer kamen heraus. Joley erkannte zwei ihrer Roadies, als sie die Mädchen abfingen. Erleichterung durchflutete sie, bis einer von ihnen lachend einen Arm um das Mädchen schlang, das vorher telefoniert hatte. Wut loderte in ihr auf. Das Mädchen konnte nicht älter als vierzehn sein. Das musste der Kerl doch sehen.

»Dean!« Sie rief seinen Namen. Er war auf der Stelle gefeuert. Wenn sie auch nur den geringsten Einfluss in der Branche hatte, würde er nie wieder für jemanden in der Musikindustrie arbeiten.

Dean wirbelte herum, und das Lächeln verschwand von seinem Gesicht. Der andere Roadie drehte sich nur halb zu ihr um, sagte dann etwas und zog sich schleunigst die Kapuze seines Sweatshirts über den Kopf, damit sie ihn nicht deutlich sehen konnte. Die Mädchen hörten sofort auf zu lachen und rannten um die Hausecke herum, gefolgt von beiden Roadies und den anderen Männern, die sie zur Eile antrieben.

Brian Rigger, ihr bester Freund und ihr Leadgitarrist, kam mit gerunzelter Stirn aus dem Haus. Er sah sich um, als sei ihm langweilig, und dann schaute er zu ihr herüber. Ein Lächeln breitete sich auf seinen Zügen aus. »Joley! Seit wann bist du hier?«

»Ich bin gerade erst gekommen, Brian. Ich habe Dean und einen Freund von ihm mit ein paar kleinen Teenies gesehen.« Sie musste schreien, um die Musik und den Partylärm, der aus der offenen Tür drang, zu übertönen. »In diese Richtung sind sie abgehauen.« Sie versuchte wieder, um die geradezu absurd große Limousine herumzulaufen, die auf ihrer Höhe angehalten hatte. »Und ich muss Logan finden.«

»Er ist nicht hier. Gloria hat Jerry angerufen und ihn angekreischt, er soll Logan sofort ins Krankenhaus schaffen. Anscheinend ist dort der Teufel los. Logan hat sich mit Jerry auf den Weg gemacht.«

Joley seufzte. Es lag doch auf der Hand, dass Gloria Jerry St. Ives, den Manager der Band, anrufen würde. Und da sie fast so durchgeknallt wie ihre Tochter war, würde sie es dabei nicht belassen. Logan hatte ihr für Notfälle die Nummer von Joleys Handy gegeben. Joley würde sich augenblicklich eine neue Nummer zulegen. »Dann kann ich nur hoffen, dass er einen Anwalt ins Krankenhaus bestellt hat.« Sie hätte also überhaupt nicht herzukommen brauchen. Jetzt hatte sie nicht mal mehr einen Vorwand dafür, dass sie hier war. »Mach dich auf die Suche nach den Mädchen, Brian, und sieh zu, dass sie von hier verschwinden.«

»Du kannst dich darauf verlassen«, versicherte ihr Brian und entfernte sich schleunigst in die Richtung, in die sie gedeutet hatte. Joley machte einen Schritt nach vorn, um ihm zu folgen, doch eine Tür der Limousine wurde aufgerissen und versperrte ihr den Weg. Sie warf ihrem Fahrer einen Blick zu, in dem helle Panik stand, bevor sie sich fasste und den Mann, der in der hinteren Wagentür auftauchte, mit einem Blick bedachte, in dem reinste, abgrundtiefe Verachtung lag.

»So, so, wen haben wir denn da? Wenn das nicht Nikitins neuester Spielkamerad ist. RJ, der Reverend. Oder sollte ich besser der Triebtäter sagen? Ich dachte, Sie seien mittlerweile im Gefängnis.«

Ihr Herz schlug zu schnell, so schnell, dass sie fürchtete, sie könnte einen Herzinfarkt bekommen. Sie wollte nicht zurückweichen oder Furcht zeigen, aber als seine Leibwächter um ihn herum ihre Stellung bezogen, brachte sie ihre Füße unauffällig in eine bessere Abwehrhaltung. Sie zog sich eine Spur auf die Fußballen hoch, legte einen Arm in einer lässigen Pose entspannt um ihre Taille und hielt die andere Hand unter ihr Kinn, damit sie einsatzbereit war, um Schläge abzufangen. Der größte Leibwächter war der aggressivste. Er hatte sie vor einigen Wochen schon einmal angegriffen, und sie behielt ihn wachsam im Auge.

RJ sah sie finster an. Ihr fiel auf, dass er nachprüfte, ob er von seinen Männern umgeben war. Seine Finger ballten sich zu Fäusten und abgrundtiefer Hass ließ die Luft zwischen ihnen flimmern. Sie hatte den Reverend im landesweiten Fernsehen bloßgestellt, indem sie ihn dazu gebracht hatte, in einer Live-Übertragung zu behaupten, er könnte Joley zähmen und von ihrer unbändigen Art kurieren, indem er sie festband, sie auspeitschte und Sex mit ihr hatte, um ihre Dämonen zu vertreiben. Anschließend hatten die Medien den Clip wochenlang endlos oft wieder eingeblendet, und RJ hatte das eindeutig ebenso wenig vergessen wie sie.

»Joley Drake. Hure des Teufels. Mit Ihnen möchte ich schon lange reden.«

Sie zog eine Augenbraue hoch. »Reden? Ich bezweifle, dass Sie ein Gespräch im Sinn haben. Es sei denn, um den Klang Ihrer eigenen Stimme zu hören. Sie sind hier, weil Sie Jagd auf Frauen machen, Sie und Ihr kleines Wolfsrudel. Versuchen Sie also gar nicht erst, mir mit Ihrer bescheuerten Masche zu kommen, Sie wollten Seelen retten. Heben Sie sich das für jemand anderen auf, der nicht weiß, was für ein kranker Perverser Sie sind.«

Der größere Leibwächter baute sich so dicht vor ihr auf, dass sie sein Eau de Cologne riechen konnte. Es erschien ihr absurd, dass er einen würzigen und angenehmen Duft aufgetragen hatte. »Du Miststück.«

Joley verdrehte die Augen. »Können Sie sich nicht mal was Originelleres einfallen lassen?«

»So, Paul«, sagte RJ mit beschwichtigender Stimme. »Ich möchte mich tatsächlich mit Ms Drake unterhalten. Sie braucht unser Mitgefühl und unsere Anteilnahme. Sie haben Recht, Joley, ich bin nun mal ein Mann, und mein Körper verrät mich oft, aber ich versuche, die Schwächen des Fleisches zu überwinden.« Er breitete seine Arme zu einer Geste aus, die das Haus umfasste. »In diesem Haushalt kommt es zu Ausschweifungen. Verruchtheit und Laster sind an der Tagesordnung, und ich gedenke jenen zu helfen, die auf mich hören.«

»Glauben Ihnen die Leute tatsächlich? Sie sind hier, um an Sex und an Drogen zu kommen, und sonst gar nichts. Wenigstens lügen alle anderen in dem Punkt nicht.«

»Sind Sie deshalb hier?«

Die Frage überrumpelte sie, und sie zuckte innerlich zusammen, doch ihr berühmtes Lächeln verrutschte nicht. Dem Rest der Welt konnte sie vielleicht vormachen, sie sei hergekommen, um eine gute Tat zu vollbringen, aber sie selbst wusste es besser, und diese Frage war der Wahrheit etwas zu nahe gekommen.

Sie warf einen Blick über ihre Schulter, weil sie die jungen Mädchen sehen wollte, doch die waren mit den Roadies und Brian aus ihrer Sichtweite verschwunden. Logan war bereits fort, und sie würde den Reverend nicht auf ihn hetzen. Wenn er gewusst hätte, dass Logans unverheiratete Freundin gerade ein Kind gebar, wäre er ins Krankenhaus gerast und hätte versucht, auf Logans Kosten Schlagzeilen an sich zu reißen.

»Ich habe Sie sagen hören, hier seien junge Mädchen. Wenn das wahr ist, kann ich vielleicht meinen Beistand anbieten.« RJ trat noch weiter vor und kam ihr damit viel zu nah.

Sie hätte ihre Haltung verändern und zur Seite treten können, um mehr Raum zu haben, doch Paul, der größte der Wächter, verstellte ihr den Weg. Sie merkte, dass sie von einem engen geschlossenen Kreis umgeben war.

»Steigen Sie in den Wagen, Joley«, sagte RJ. »Wir können ohne all diesen Lärm in Ruhe darüber reden. Wenn die jungen Leute Hilfe brauchen, bin ich für sie da. Sie müssen an mich glauben. Ein Ausrutscher macht mich nur menschlich. Meine Vorgeschichte spricht für mich.«

Seine Stimme war jetzt bewusst eine Spur tiefer, und sie erkannte den charismatischen Tonfall, den er nach Belieben einsetzen konnte. Fast hätte sie laut gelacht. Sie war eine Drake, und ihr Vermächtnis war das Bannsingen, in puncto Klang die mächtigste Gabe auf Erden. Wenn sich der Reverend auf eine Klangschlacht einlassen wollte, hatte er sich die falsche Gegnerin ausgesucht.

»Ich vermute, jeder ist menschlich, RJ«, räumte sie ein und senkte ihre Stimme zu einem trägen, gedehnten, erotischen Tonfall, der dazu gedacht war, über die Sinne eines Mannes zu gleiten. Sie sah den Schauer des Erkennens, der den Reverend überlief, fühlte die zunehmende Glut im Kreise der Männer und begriff, dass sie mit dem Feuer spielte. Paul drängte sich noch enger an sie heran, bis sie spüren konnte, wie sein Oberschenkel ihre Hüfte streifte.

Das war eine Dummheit, Joley! Legst du es darauf an, vergewaltigt zu werden, wenn nicht noch Schlimmeres?

Die Stimme schlich sich in ihren Kopf ein. Eine männliche Stimme. Eine Form von sexueller Raserei ließ sie surren. Ihr Herz machte einen Satz, und ihr Magen schlug einen verrückten kleinen Purzelbaum. Sie wagte es nicht, den Blick von den Männern zu lösen, die sie umstanden, doch abgesehen von grenzenloser freudiger Erregung verspürte sie gegen ihren Willen auch Erleichterung.

Sie versuchte, den Rückzug anzutreten und aus dem Kreis auszubrechen, doch sie erkannte, dass die hintere Tür der Limousine noch offen stand und sie kaum einen Schritt davon entfernt war. Sie blickte in dem Moment zu Paul auf, als sein Arm sich um ihre Taille schlang. Auf seinem Gesicht stand wilde Entschlossenheit, sie auf den Rücksitz zu schleudern.

Sie stieß sich von seinem Körper ab und riss ihre Ellbogen als Waffen zur Seite, um Zentimeter zu gewinnen, damit sie ihre Füße benutzen konnte. Wenn hinter einem Tritt ans Knie ihr gesamtes Körpergewicht stand, konnte sie ihn mühelos zu Fall bringen.

Ohne jede Vorwarnung begab sich ein weiterer Mann in den Kreis hinein. Ihn umgab vollständiges und uneingeschränktes Selbstvertrauen. Alle erstarrten – auch Joley.

Und von einem Moment auf den anderen konnte Joley den wahren Grund nicht mehr leugnen, weshalb sie persönlich hier erschienen war, statt ein paar Telefonate zu führen. Das war der Grund für ihr Kommen. Ilja Prakenskij, Sergej Nikitins russischer Leibwächter. Ein gefährlicher Mann mit einer undurchsichtigen Vergangenheit, Tod in den Augen und einem bedrohlichen ätherischen Reiz, der jeden ihrer Sinne zum Klingen brachte.

Dieser Gesichtsausdruck. Ilja Prakenskij war immer Herr der Lage, immer gelassen und ließ sich nie etwas ansehen. Seine Augen waren so kalt wie Eis und nie, nicht ein einziges Mal, hatte sie ungehindert in sein Inneres schauen können, wie es ihr bei anderen Menschen möglich war – es sei denn, er wollte es. Es sei denn, er öffnete seinen Geist vorsätzlich für sie und ließ sie flüchtige Blicke auf den wahren Mann erhaschen. Sie hatte ihn nie wirklich wütend auf jemand anderen als sie selbst erlebt. Sie besaß Macht über ihn, ob er es zugeben wollte oder nicht, und vielleicht war es gerade das, was ihn so in Wut versetzte. Er begehrte sie. Es lag in der Glut seines Blickes, im Schwung seines Mundes, in der Wollust, mit der er sie ansah, aber vor allem in seinen Berührungen, wenn er gedanklich Kontakt zu ihr aufnahm – ein dunkles Verlangen, das an Besessenheit grenzte und ihn Ansprüche auf sie erheben ließ.

Er war der Grund, weshalb sie nicht schlafen konnte. Er war der Grund dafür, weshalb sich ihr Körper erhitzt und verkrampft fühlte. Am liebsten hätte sie ihre Klauen in jeden und alles geschlagen. Sie schluckte ihre Angst hinunter und blieb still stehen, da sie fürchtete, sobald sie sich bewegte oder sowie er sie berührte, würde sie sich von Kopf bis Fuß um ihn schlingen und für alle Zeiten verloren sein.

»Paul.« Ilja sprach den Namen des Leibwächters mit gesenkter Stimme aus, doch die Schärfe darin war nicht zu überhören. »Ich schlage vor, dass Sie Ihre Hände bei sich behalten.«

» Wie ich sehe, sind Sie gekommen, um das kleine Schoßtier Ihres Bosses zu retten«, sagte Paul.

Obwohl er auftrumpfte, erschien es Joley bedeutsam, dass nicht nur Paul von ihr abrückte, sondern auch alle anderen Männer, einschließlich RJ.

»Er hat mich rausgeschickt, um Sie zu retten«, korrigierte ihn Ilja. »Es wäre doch peinlich, ausgerechnet von einem Mädchen eine Schlappe einstecken zu müssen, vor allem, wenn so viele Leute zusehen.« Er packte Joleys Handgelenk und zerrte daran, bis sie an seiner Seite war. Dabei sorgte er dafür, dass sie schließlich genau einen Schritt hinter ihm stand und er ihren Körper gegen andere abschirmen konnte, falls es nötig werden sollte. »Sergej erwartet Sie, RJ.«

»Er ist der Reverend«, korrigierte ihn Paul. » Alle nennen ihn Reverend.«

Ilja starrte den Mann lediglich an, bis er RJ und die anderen über den Fußweg zum Haus scheuchte.

In der Stille, die daraufhin eintrat, befürchtete Joley, Ilja könnte in der Lage sein, ihr Herz schlagen zu hören. Sie bemühte sich, die Breite seiner Schultern und die starke Muskulatur auf seiner Brust nicht wahrzunehmen. Er stellte seine Kraft nicht offen zur Schau. Man sah sie erst, wenn man nah an ihn herankam. Aber noch mehr als zu seiner Gestalt, mehr als zu seinem perfekten männlichen Körper und seinem kantigen Gesicht, das ihren Herzschlag aussetzen ließ, fühlte sie sich zu seiner inneren Kraft und seinem Intellekt hingezogen.

Alle beugten sich Joleys Willen. Alle wollten ihr zu Gefallen sein. Sie war stark, klug, berühmt und reich, und sie besaß die Gabe, Klänge zu manipulieren. Dazu kam noch, dass sie wunderschön war mit ihrer samtweichen Haut, ihrem Schlafzimmerblick und dem kurvenreichen Körper, der so sexy war. Sie war aber auch stur und wollte sich durchsetzen. Sie konnte in Menschen hineinschauen – mit Ausnahme von Ilja. Er war genauso klug und genauso stark wie sie, und er besaß jede einzelne übersinnliche Gabe, die in ihrer Familie vorkam, und jede dieser Gaben war gut entwickelt. Abgesehen davon war er geradezu unfassbar sexy, und sie war fasziniert von ihm.

»Gibt es Ärger?« Sein Blick folgte den Männern, bevor er ihr seine volle Aufmerksamkeit zuwandte. Diese eisblauen Augen glitten besitzergreifend über ihr Gesicht und an ihrem Körper hinunter, berührten ihre Brüste, schlichen sich über die Rundung ihrer Hüften und zu ihren Beinen hinunter und musterten sie so eingehend, dass es ihr eigentlich ungehörig erscheinen sollte. Doch stattdessen ließ sein Blick ihren Pulsschlag in die Höhe schießen.

Ihr ganzer Körper reagierte mit sengender Hitze darauf. Sie fühlte, wie sie feucht wurde. Sogar ihr Atem ging in kurzen Stößen, die ihre Brüste hoben und sie noch mehr aus der Fassung brachten. Ihr Gesicht lief rot an. Er wusste genau, was er bei ihr bewirkte.

Er drehte ihre Hand um, die Hand, die er vor Monaten mit einer Art Zauber belegt hatte, die Hand, der er seine Berührung und seinen Geruch aufgeprägt hatte, die Hand, die den Stempel seiner Besitzansprüche trug. Es war so schnell gegangen. In einer kleinen Bar nicht weit von ihrem Haus hatte sie getanzt, und er war mit seinem Boss dort aufgetaucht. Selbst damals hatte sie kaum atmen können, als sie ihn gesehen hatte. Und jetzt konnte sie, dank des kleinen psychischen Males, mit dem er sie gezeichnet hatte, immer spüren, ob er in der Nähe war und wie sehr ihr Körper nach seinem lechzte. Ihre Handfläche – sein Mal – juckte. Und nichts anderes als Iljas Nähe schien dieses Jucken zu lindern.

Ihr Stolz verlangte, dass sie sich ihm entzog, aber sein Daumenballen bewegte sich in einem köstlichen Muster über ihre Handfläche. Jede kleinste Berührung seines Daumens ging ihr flirrend ins Blut. Ihr Schoß zog sich zusammen, und sie spürte eine Woge von flüssiger Glut, die darum flehte, ihn tief in ihrem Innern, wo er ohnehin schon zu leben schien, willkommen zu heißen.

»Ich muss schon sagen, Joley. Dein Fahrer und Leibwächter scheint mir nicht besonders nützlich zu sein.« Er warf Steve, der noch im Wagen saß, einen verächtlichen Blick zu und zog an ihrer Hand, bis sie ihm aus dem hellen Schein der Flutlichter ins tiefere Dunkel folgte, wo Reporter nicht so schnell bemerken würden, dass Joley Drake zu Nikitins Party erschienen war.

»Du musst dich von dem Reverend und seinem schwachsinnigen Schlägertrupp fernhalten, Joley«, fügte er hinzu. »Diese Leute sind fähig, dir großen Schaden zuzufügen.«

»Ich weiß.« Sie wusste es wirklich. Und sie wollte ihre Hand wiederhaben, denn wenn er so weitermachte, würde sie sich die Kleider vom Leib reißen und sich ihm in die Arme werfen, und das würde sie sich niemals verzeihen.

»Dann müsste ich sie töten. Du weißt, dass ich es täte. Geh ihnen einfach aus dem Weg.«

»Niemand muss einen anderen Menschen töten.« Sie wollte weinen – oder vor schierer Frustration laut schreien. Seine Einstellung zu diesen Dingen war so nüchtern, als ließen sich durch Töten die Probleme der Welt lösen, wenn doch in Wirklichkeit das Töten das Problem war.

»Das ist eine naive Auffassung, Joley«, sagte er sanft und führte ihre Hand an seinen Mund. Seine Lippen waren fest und kühl. Sein Mund war heiß und feucht. Er knabberte an ihren Fingerspitzen.

Er wusste, was er damit bei ihr anrichtete. Er musste es einfach wissen. Und er musste auch wissen, dass sie hergekommen war, um ihn zu sehen. Joley zog halbherzig an ihrer Hand, aber er hielt sie nur umso fester, und sie gab den Versuch auf. Ihre Selbstachtung war sowieso nicht mehr zu retten.

» Warum kannst du mich nicht in Frieden lassen?«

»Du weißt, warum. Du gehörst zu mir, und ich bin nicht bereit, dich bloß deshalb aufzugeben, weil du dich fürchtest.«

Sie spürte ein erstes Aufflackern schwelender Wut. »Ich fürchte mich nicht vor dir. Mir passt nicht, was du bist und für wen du arbeitest. Das ist ein Unterschied.«

»Ach ja?« Er lächelte, während er seine Zähne über ihre Fingerkuppen schaben ließ und Feuerschlieren durch ihre Adern sandte, bis all ihre Nervenenden prickelten.

Sie riss ihre Hand zurück und wischte sie an ihrem Oberschenkel ab. »Du weißt, dass es etwas ganz anderes ist. Ich werde nicht bestreiten, dass ich mich körperlich zu dir hingezogen fühle, aber ich habe nun mal eine Schwäche für Mistkerle. Frag mich nicht, warum, aber mir steht ›Taugenichtse her zu mir‹ auf die Stirn geschrieben. Du bist genau die Sorte Mann, mit der ich nichts zu tun haben will.«

Seine Handfläche legte sich auf ihren Hals, eine zarte Berührung, und doch schien es, als versengte eine Flamme ihre nackte Haut. Ein schwaches Lächeln zog an seinen Mundwinkeln, und seine Augen nahmen ein tiefes Blau an. »Bin ich das tatsächlich?« Das Lächeln war verflogen, und er sah bedrohlicher denn je aus.

Sie schluckte die Furcht, die ihr plötzlich die Kehle zuschnürte, hinunter. Sein Daumen glitt mit angedeuteten Liebkosungen über ihren Hals und sandte ihr Schauer über den Rücken. Sexuell war sie sehr anfällig für ihn. Sie verdächtigte ihn der Zauberei, aber wenn sie ihn berührte, konnte sie keine Anhaltspunkte dafür finden. Nachts redete er oft flüsternd auf sie ein und drängte sie, zu ihm zu kommen. Und sie begehrte ihn Tag und Nacht. Sogar in ihren Songs begann sich mittlerweile ihr Verlangen nach ihm widerzuspiegeln.

Sie war mit dem Vorsatz hergekommen, mit ihm zu schlafen, um es endlich hinter sich zu bringen, aber da sie jetzt in seiner Nähe war, wusste sie, dass es ein schrecklicher Fehler sein würde. Er würde sie besitzen und sie würde sich nie mehr von ihm lösen können. Ihre einzige Chance bestand darin, es sich zu versagen und zu hoffen, dass ihre Besessenheit vorübergehen würde.

»Du bist ein Killer. Das ist weder toll noch cool. Es ist ekelhaft. Du verdienst dir deinen Lebensunterhalt damit, Menschen zu töten.«

»Ach ja, tue ich das tatsächlich?«

Er erhob seine Stimme nicht und schien auch keinen Anstoß an ihren Worten zu nehmen, nicht einmal dann, wenn sie vorsätzlich grob war.

»Tust du es etwa nicht?« Sie war verzweifelt. Verzweifelt. Jemand musste sie vor sich selbst retten, denn dieser Mann machte sie so konfus, dass sie nicht mehr klar denken konnte. Sie wollte ihm das Gesicht zerkratzen, mit ihren Fingernägeln über seinen Körper herfallen und um ihre Freiheit kämpfen, aber gleichzeitig lechzte sie nach ihm, verzehrte sich nach ihm, wollte ihren Körper um seinen schlingen und ihn tief in sich spüren, während er von ihr Besitz ergriff und seine Ansprüche absteckte. Fast hätte sie in ihrer Verzweiflung lauthals gestöhnt.

»Küss mich, Joley.«

Ihr Magen schlug einen Salto. Ihr Blick heftete sich auf seinen Mund. Er hatte grandiose Lippen. Sehr klar umrissen, sehr maskulin. Wenn sie ihn küsste, würde sie sich damit noch größere Schwierigkeiten einhandeln, und sie hatte ohnehin schon genug Ärger. Ilja Prakenskij gab sich nach außen hin so kalt, als strömte Eiswasser durch seine Adern, aber innerlich schwelte er wie ein tätiger Vulkan, nichts anderes als geschmolzene Glut und brodelnde Lava.

Er beugte sich zu ihr vor, bis seine Lippen nur noch wenige Zentimeter von ihren entfernt waren. Sie spürte seinen warmen Atem auf ihrem Gesicht, und er roch nach würziger Minze. »Küss mich.« Der Befehl wurde mit gesenkter Stimme erteilt, sanft, fast schon zärtlich.

Sie wusste nicht, ob sie sich bewegt hatte oder ob er es gewesen war, der den geringen Abstand zwischen seinen und ihren Lippen zurückgelegt hatte. Sie wusste nur, dass sich seine Hand auf ihren Nacken legte und dass ihr Körper weich und nachgiebig wurde und sich an seine unglaublich robuste Gestalt schmiegte. Und dass sein Mund auf ihrem lag. Seine Lippen waren fest und kühl. Seine Zähne nagten und zogen an ihrer Unterlippe und dann war es aus mit der zur Schau gestellten Kühle. Feuer war entfacht.

Er riss die Führung an sich, bevor sie denken oder atmen konnte. Flammen loderten in ihr auf, verschlangen sie und hatten sie vollständig in ihrer Gewalt. Sie gab sich ihm hin, schlang ihre Arme um ihn und ein Bein um seines, um ihrem Körper eine gewisse Erlösung von der entsetzlichen Spannung zu gönnen, die sich gemeinsam mit der Feuersbrunst, die sein Mund entfachte, in ihr aufstaute.

Seine Hand packte ihr Haar und hielt es mit einem festen, rücksichtslosen Griff gepackt, doch der akute Schmerz steigerte nur ihr Verlangen, ihm noch näher zu sein und sich intim an seinem Schenkel zu reiben. Sie brauchte dringend Linderung, um sich von dem ständigen sexuellen Druck zu erholen, der nie nachzulassen schien. Tag und Nacht brannte ihr Körper und stand für diesen Mann in Flammen.

Die Glut seines Mundes breitete sich aus wie Flammen, die über ihre Haut züngelten. Sie hörte, wie sie stöhnte, und er vertiefte den Kuss, erkundete ihren Mund, nahm alles, was sie ihm freiwillig anbot, und verlangte noch mehr.

Für Joley zog sich die Welt mit rasender Geschwindigkeit zurück, bis nur noch seine Kraft und sein fester Körper und die lodernden Flammen zurückblieben, die außer Kontrolle gerieten. Ihre Brüste schmerzten und fühlten sich geschwollen und empfindlich an, als sie seinen Brustkorb berührten. Sie rieb sich an seinem Schenkel und übte Druck aus, da sie die Linderung suchte, die nur sein Körper ihr spenden konnte.

»Nein.« Ilja hob seinen Mund von ihren Lippen, und seine Finger ließen sie widerstrebend los. »So nicht. Wenn du dich mir hingibst, dann wird es vollständig und für immer sein. So einfach mache ich es dir nicht.«

Joley warf ihren Kopf zurück und funkelte ihn erbost an. »Du sagst Nein zu mir?«

»Daraus wird nichts, so nicht. Wenn du scharf bist, kommst du mit mir nach Hause und in mein Bett, wo du hingehörst.«

Sie musterte seine unnachgiebige Miene, wollte ihm gehören und wusste, dass er sie beherrschen würde, aber sie wusste auch, dass sie nicht damit leben konnte, was und wer er war. Am Ende würde sie sich selbst noch mehr verabscheuen, als sie es ohnehin schon tat.

Er wies sie ab. Nachdem sie monatelang seinem unablässigen Ansturm auf ihre Sinne standgehalten hatte, hatte sie nachgegeben, von einer Besessenheit getrieben, einem Verlangen, das er ihr eingeimpft hatte, und jetzt wies er sie ab. Diese Demütigung gab ihrem Zorn Nahrung. Sie holte tief Atem, warf ihren Kopf zurück und reckte ihr Kinn in die Luft. »Na schön. Ich brauche dich nicht. Ich kann dieses Haus betreten und jeden Mann haben, den ich will.«

Ilja hörte die Selbstsicherheit aus ihrer Stimme heraus und wusste, dass sie die reine Wahrheit sagte. Sie bot einen leidenschaftlichen und ungezähmten Anblick, so sexy, dass sein Herz fast stehengeblieben wäre. Ihre Augen sprühten Funken. Ihr Haar war so wild und zerzaust, als hätte er sie bereits leidenschaftlich geliebt. Sie wirkte wüst und unberechenbar und war so schön, dass es schon wehtat.

Ilja umfasste wieder ihr Handgelenk und bog ihre Handfläche nach oben. »Siehst du das, Joley?« Seine Hand glitt über ihre Handfläche und sandte Schauer zu Nervenenden, die bereits übersensibilisiert waren. »Mich interessiert nicht, was vorgefallen ist, bevor ich dir mein Mal aufgeprägt habe, aber täusche dich nicht, Joley, seit du es trägst, gehörst du mir. Ich teile nicht gern mit anderen. Tu, was du tun zu müssen glaubst, aber sei bereit, mit den Konsequenzen zu leben. Du solltest wissen, dass du es dir unnötig schwermachen wirst.«

» Warum tust du das mit mir?« Es juckte sie in der Hand, die sein Mal trug, und am liebsten hätte sie ihm ins Gesicht geschlagen. Erst machte er sie an, und dann wies er sie ab. »Du kannst nicht Nein zu mir sagen und dann behaupten, ich könnte nicht mit einem anderen Mann zusammen sein. Dafür soll dich der Teufel holen.«

»Du brauchst einen Mann, und damit meine ich keinen rückgratlosen Schwächling, der jeder deiner Launen nachgibt. Du brauchst jemanden, der dich im Zaum halten kann und dich vor deinem Hang beschützt, unüberlegt zu handeln.«

»Das ist ja so sexistisch. Als ob ich nicht auf mich selbst aufpassen könnte.« Sie schniefte verächtlich und war wütend auf ihn. »Ich bin eine berühmte und äußerst erfolgreiche Frau, die schon überall auf Erden gewesen ist, Prakenskij, und ich kann verflixt gut auf mich selbst aufpassen.«

Er schüttelte den Kopf. »Nein, eben nicht, und das weißt du genau. Alle halten dich für tough, Joley, weil du willst, dass die Leute es glauben, aber du bist es nicht. Und du bist viel zu impulsiv. Du handelst vorschnell und unbesonnen. Der Reverend und seine armseligen Leibwächter sind das beste Beispiel dafür. Was dachtest du wohl, was passieren würde, als du ihn im überregionalen Fernsehen bloßgestellt und seine widerlichen Verbrechen ans Licht gebracht hast? Er hat die Absicht, es dir heimzuzahlen. Ein solcher Mann vergisst und vergibt nicht. Er sinnt auf Rache und rechnet mit dir ab.«

»Und du glaubst, ich bräuchte einen Mann, der mich beschützt ?«

»Ja. Du kannst mich als sexistisch bezeichnen, so oft du willst, aber letzten Endes wird das an der Wahrheit nichts ändern. Du läufst vor mir weg, weil du weißt, dass du mich brauchst, denn du willst niemanden brauchen.«

»Joley!« Denny, ihr Schlagzeuger, kam gemeinsam mit Brian auf sie zu und wirkte schuldbewusst.

2.

Ich habe eine Dummheit begangen, Hannah.« Joley lief zwischen den Möbelstücken in ihrem Hotelzimmer auf und ab, während sie das Telefon an ihr Ohr gepresst hielt. »Eine wirklich große Dummheit.«

»Ich werde jetzt nicht erwähnen, dass es drei Uhr morgens ist und du mir teuflische Angst einjagst«, sagte Hannah. Decken raschelten und im Hintergrund flüsterte Jonas, ihr Mann. »Psst«, sagte sie zu ihm und dann: »Ich weiß, dass du nicht verletzt bist, Joley, denn das wüssten wir alle.«

»Ich bin verletzt.« Joley trat gegen das Bett. Die Kissen und jeden anderen Gegenstand im Zimmer, der nicht kaputt gehen konnte, hatte sie bereits an die Wand geworfen. »Ich kann nicht schlafen. Ich kann nicht essen. Ich denke immerzu an ihn.«

Hannah mochte zwar am anderen Ende des Landes sein, aber sie brauchte nicht zu fragen, wer er war. » Was ist passiert?« Sie versuchte, ihrer Schwester Wellen des Trostes zu senden, doch die Entfernung zwischen ihnen war zu groß.

»Ich konnte nicht schlafen. Ich habe mich nach ihm verzehrt, Hannah, es war einfach nicht auszuhalten. Ich schwöre es dir, ich komme mir so vor, als sei ich läufig oder so was. Nichts hilft dagegen. Ich weiß nicht mehr weiter. Wenn ich tatsächlich mal schlafe, was ja eine Seltenheit ist, träume ich von ihm. Und das sind nicht einfach nur irgendwelche Träume, es ist pure Erotik. Ich verabscheue ihn. Ich verachte ihn. Wie kann ich ihn dann derart begehren? Was ist los mit mir? Da stimmt doch etwas nicht! Ich wünsche mir verzweifelt, normal zu sein, Hannah. Mach mich normal.«

»Du wirkst verängstigt. Erzähl mir, was passiert ist.« Hannah sprach mit beruhigender Stimme und atmete langsam ein und aus, weil sie sich davon erhoffte, ihre Schwester würde ihrem Beispiel folgen.

»Er macht mich irgendwie süchtig«, sagte Joley. »Ich komme nicht von ihm los, ganz gleich, wie sehr ich mich bemühe. Ich muss nach Hause kommen. Ich muss bei dir sein. Hier gehe ich unter.«

»Glaubst du, deine Besessenheit wird sich legen, wenn du nach Hause kommst?«, fragte Hannah in einem behutsamen Tonfall. Joley war unberechenbar, wenn es um Ilja Prakenskij ging. Die Verbindung zwischen den beiden war stark und schien immer stärker zu werden.

Joley schlug sich eine Hand vors Gesicht und schüttelte den Kopf, obwohl Hannah sie nicht sehen konnte. »Nein. Nein, eben nicht. Heute Abend war ich auf einer Party. Ich habe mir eingeredet, ich ginge hin, weil ich nicht schlafen konnte und weil mir langweilig war, aber in Wirklichkeit bin ich hingegangen, weil ich ihn sehen wollte.«

»Bist du mit ihm nach Hause gegangen?«

»Nein! Ich bin nicht mit ihm gegangen, aber ich war bereit, Sex mit ihm zu haben.« Joley kniff ihre Augen zu. »Er hat Nein gesagt. Er hat mich abgewiesen, Hannah, und daraufhin habe ich ihn noch mehr begehrt. Er weiß, dass er Macht über mich hat. Ich komme mir vor, als sei ich in seiner Falle gefangen und käme nicht mehr heraus.«

»Ist es möglich, dass er Magie gegen dich eingesetzt hat?«

»Ihr alle habt mich untersucht und keine Hinweise darauf gefunden. Nichts, nur das Mal auf meiner Handfläche und seine Stimme in meinem Kopf. Er spricht mit mir. Seine Stimme ist so sexy, aber jetzt redet er nicht mehr mit mir, und das ist noch viel schlimmer. Ich stecke wirklich in Schwierigkeiten, Hannah.« Joley wusste, dass sie zu viel redete, aber sie konnte nicht aufhören. »Ich muss seine Stimme hören, weil ich sonst verrückt werde. Aber wenn ich Kontakt zu ihm aufnehme, hat er gewonnen.« Sie ließ sich auf das Bett sinken. »Sag mir, was ich tun soll, Hannah.«

»Ich komme zu dir.«

Joley schüttelte den Kopf und zwang sich, vernünftig zu sein. Hannah war vor wenigen Monaten brutal angegriffen worden und wäre beinah gestorben. Das Letzte, was sie gebrauchen konnte, solange der Heilungsprozess noch nicht ganz abgeschlossen war, wären ein Flug und ein Ortswechsel gewesen. Hannah scheute ohnehin davor zurück, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen. »Nein, nein, am frühen Morgen geht es weiter nach Chicago. Ich schaffe das schon. Ich kann ihn mir aus dem Kopf schlagen.«

Sie rieb ihre Handfläche hektisch an ihrem Oberschenkel. Ilja Prakenskij würde sich nicht kampflos zurückziehen. » Warum laufe ich Männern nach, die meine schlechtesten Seiten aus mir herausholen? Ich verstehe nicht, warum ich so anders als ihr alle bin. Sieh dir Libby an. Sie würde sich nicht zu einem Mann wie Ilja hingezogen fühlen. Nur ich. Keine außer mir.«

Joley machte einen so verzweifelten Eindruck, dass Hannah alarmiert war. »Sieh mal, Schätzchen, ich nehme den nächsten Flieger. Halte die Ohren steif, ich komme zu dir. Wir treffen uns in Chicago.«

Joley wollte, dass ihre Schwester zu ihr kam. Sie fühlte sich sicherer, wenn Hannah in ihrer Nähe war, wenn irgendeine ihrer Schwestern bei ihr war, aber sie war erwachsen, und es war ihr Problem. Sie musste selbst damit fertigwerden. Sie musste lernen, ihr Verlangen nach dem russischen Leibwächter zu zügeln, denn sie wusste, dass ihr Begehren nicht einfach vergehen würde. Hannah würde die Symptome lindern, aber sie konnte nicht ewig bleiben, und dann würde das Verlangen mit voller Kraft zurückkehren, und Joley würde wieder genau da sein, wo sie jetzt war. Sie holte Atem, um sich zu beruhigen.

»Ich will nicht, dass du kommst, Hannah. Ich musste nur dringend deine Stimme hören. Morgen stehe ich auf der Bühne, und die Energie, die mit einem Auftritt verbunden ist, trägt mich ein gutes Stück weit. Ich kriege das schon hin. Ich muss einfach nur einen guten, anständigen Mann finden. Vielleicht komme ich über meine Schwäche für wirklich üble Kerle weg, wenn ich mit jemandem zusammen bin, der mich respektiert und meine guten Seiten sieht.«

Sie hatte versucht, allein zu sein, und sie hatte sich geweigert, sich überhaupt noch mit Männern abzugeben, aber seit Ilja auf der Bildfläche erschienen war, konnte sie an keinen anderen mehr denken, ganz zu schweigen von der Vorstellung, sich von einem anderen Mann berühren zu lassen. Aber sie würde darüber hinwegkommen. Menschen konnten sich ändern – sie konnte sich ändern.

»Bist du sicher, Joley? Mir macht es nämlich nichts aus, zu dir zu kommen.«

»Ich bin sicher. Ich will nicht, dass du ans andere Ende des Landes fliegst, um mir die Hand zu halten.« Und außerdem war sie sowieso schon dabei, den Verstand zu verlieren, und wusste, dass sie bereits verloren war. Joley sah sich in dem erstaunlichen Durcheinander um, das sie in ihrem Hotelzimmer angerichtet hatte. Sie war sich schäbig vorgekommen, und das war ihre eigene Schuld, denn sie hatte sich ihm an den Hals geworfen, weil sie Sex brauchte. Und zwar nicht nur Sex mit irgendwem, sondern Sex mit ihm. Und dafür war er verantwortlich, denn er redete Tag und Nacht mit dieser unglaublich verführerischen Stimme, die wie schwarzer Samt war, auf sie ein und hatte ihr dann eine gewischt, damit sie sich ständig nach ihm verzehrte. Dieser verfluchte Kerl.

Sie hob ihr Kinn und holte noch einmal tief Atem, um sich zu beruhigen. »Mach dir um mich keine Sorgen, ich kriege das schon hin.«

»Joley, du bist wirklich durcheinander. Mach dir nicht vor, es sei nicht so«, sagte Hannah warnend. »Dann bringst du dich nämlich immer in Schwierigkeiten. Denk nach, bevor du etwas tust.«

» Warum muss ich mir das von allen Seiten anhören?«, sagte Joley. »Er hat auch behauptet, ich würde voreilig handeln, statt mir erst mal Gedanken zu machen. Er hat gesagt, ich bräuchte einen Mann, der mir sagt, was ich tun soll, weil ich nicht auf mich selbst aufpassen könnte. Was der sich einbildet! Er ist in der Steinzeit steckengeblieben.«

Hannah wusste, dass sie einen wunden Punkt getroffen hatte. Also versuchte sie, die Wogen wieder zu glätten. »Er ist sehr dominierend. Das ist mir auch schon aufgefallen, und zwar jedes Mal, wenn er in deiner Nähe ist. Und er kann es nicht leiden, wenn du dich ihm widersetzt.«

» Von mir aus kann er sich zum Teufel scheren. Ich weiß nicht, was für ein Spiel er spielt, aber ich spiele nicht mit. Ich bin froh, dass ich bald aus dieser Stadt rauskomme.« Joley warf sich auf das Bett und bemühte sich, nicht wahrzunehmen, dass ihr Körper schmerzte und dass sie sich hohl und leer fühlte.

»Lief es gut in Europa?«, fragte Hannah.

»Sehr gut. Jedes Konzert war ausverkauft, und wir haben tatsächlich ein paar zusätzliche Auftritte eingeschoben, weil das Interesse so groß war und es uns verhasst ist, Fans wegschicken zu müssen. Ich bin erschöpft, aber es war toll.«

»Du hattest fantastische Besprechungen in den Zeitungen und sogar die Boulevardpresse hat dich recht gut behandelt. Es war nur von wenigen Skandalen die Rede.«

Joley lachte, und zum ersten Mal klang ihr Lachen echt. »Ich habe den Reportern gesagt, sie sollten nachsichtig mit mir umgehen, weil meine Eltern all die Lügen glauben, die sie über mich berichten.«

Hannah fiel in ihr Gelächter ein. »Das Zitat habe ich gelesen, und ich wusste sofort, dass diese Worte tatsächlich von dir stammen. Mom wird dazu einiges anzumerken haben.«

»Das ist nichts Neues«, sagte Joley. »Leg dich wieder schlafen, Hannah. Und sag meinem Schwager, dass er ein Schatz ist, obwohl er sich halbwegs mit Prakenskij angefreundet hat, wo er ihn eigentlich hätte verhaften sollen.«

»Ich habe gute Neuigkeiten.«

Einen Moment lang herrschte Stille, während Joley sich aufsetzte, da Hannahs Tonfall ihr bereits einen Hinweis gegeben hatte. » Welche denn?«

»Abbey heiratet nächsten Monat, sowie du wieder zu Hause bist. Sie lassen sich an unserem Privatstrand trauen und der Empfang findet hier im Haus statt. Sie wünschen sich eine Trauung im engsten Familienkreis. Du weißt ja, wie Abbey ist. Und ich bin schwanger.«

»O mein Gott! O mein Gott! Echt wahr? Du wirst ernsthaft ein Baby bekommen?« Joley unterbrach sich, und das Lächeln auf ihrem Gesicht verblasste. »Moment mal, Hannah. Was sagt der Arzt dazu? Bist du sicher, dass du dir das zumuten kannst? Du bist noch nicht vollständig auskuriert.«

»Libby weiß nicht, ob ich das Baby stillen kann. Da ist dieses ganze Narbengewebe, aber wir werden es ja sehen. Ich bin so glücklich, Joley, und ich kann es kaum erwarten, dass du nach Hause kommst, um unser Glück mit uns zu teilen.«

»Libby ist die beste Ärztin auf der ganzen Welt«, sagte Joley. Ihre Schwester Libby besaß heilende Kräfte, und dank ihrer speziellen Gabe waren Hannahs Narben kaum noch zu sehen. »Jonas muss ziemlich aufgeblasen sein. Es ist ihm bestimmt zu Kopf gestiegen. Was hast du da bloß angerichtet, Hannah? Es wird unmöglich sein, mit ihm zu leben.«

»Ich habe genau gehört, was du gesagt hast«, rief Jonas aus dem Hintergrund.

»Es hat ihn noch herrischer gemacht, das stimmt schon«, sagte Hannah lachend.

Joley konnte die Freude aus der Stimme ihrer Schwester heraushören, und tief in ihrem Innern, wo niemand es sehen konnte, weinte sie über ihre eigene Einsamkeit. Sie wünschte sich jemanden, mit dem sie ihr Leben verbringen konnte, mit dem sie lachen und weinen und den sie nachts in ihren Armen halten konnte. Sie verbrachte ihr Leben damit, von einer Stadt zur anderen zu ziehen und ein Konzert nach dem anderen zu geben, eine endlose Tournee, ein Leben aus dem Koffer in Hotelzimmern und Bussen. Sie liebte dieses Leben, aber sie wollte jemanden an ihrer Seite haben. Sie freute sich so sehr für ihre geliebte Schwester, doch Hannahs Glück führte ihr umso deutlicher vor Augen, wie einsam ihr eigenes Dasein war.