Sturm der Gefühle - Christine Feehan - E-Book

Sturm der Gefühle E-Book

Christine Feehan

4,7
7,99 €

oder
Beschreibung

Die Drake-Saga: leidenschaftlich und spannend!

Elle, die jüngste und geheimnisvollste der Drake-Schwestern, vereint in sich die magischen Gaben aller sieben Frauen, um sie an ihre sieben Töchter weiterzugeben. Doch ihr Traummann Jackson verlässt sie, da er sich dieser Aufgabe nicht gewachsen fühlt. Als Elle auf einer Luxusjacht im Mittelmeer berufliche Ermittlungen durchführt, wird sie von dem attraktiven, intelligenten und telepathisch begabten Milliardär Stavros gekidnappt. Stavros hat sich immer genommen, was er haben wollte. Wird er Elle wieder freigeben?

Mit Bonusmaterial und Werkverzeichnis.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 723




Das Buch

Elle ermittelt seit Monaten gegen den Milliardär Stavros, der im Verdacht steht, in illegalen Menschenhandel verwickelt zu sein. Als sie ihn undercover als Sheena MacKenzie auf seiner Luxusyacht beobachtet, umgarnt sie der charismatische Stavros. Er ist charmant, intelligent, wohltätig und hat kein Problem mit Elles Kinderwunsch … und er scheint telepathische Fähigkeiten zu besitzen. Obwohl sie die Aura der Gefahr und Gewalt um Stavros spürt, fragt sich Elle, weshalb er nicht der Mann sein kann, den das Schicksal für sie bestimmt hat, um mit ihr die uralte Prophezeiung von den sieben Töchtern einer siebten Tochter zu erfüllen. Elle ist zu dieser großen Aufgabe auserkoren, um die Gaben der Schwestern an die nächste Generation weiterzugeben.

Eigentlich ist Elle dem Mann, den das Schicksal für sie vorgesehen hat, bereits begegnet: Sheriff Jackson Deveau, der sie allerdings verließ und ihr damit das Herz brach. Als Elle nach langer Abwesenheit nach Sea Haven zurückkehren möchte, hindert sie Stavros mit Gewalt an der Rückkehr. Einzig Jackson, der sie immer noch liebt, kann mit ihr telepathischen Kontakt aufnehmen.

Im letzten Band der Drake-Saga müssen sich die magischen Schwestern einem alles entscheidenden Kampf zwischen Gut und Böse stellen, in dem nicht nur die Kräfte aller Drake-Frauen und ihrer Männer erforderlich sind, sondern auch die Hilfe von ganz Sea Haven.

Die Autorin

Christine Feehan ist in Kalifornien geboren, wo sie heute noch mit ihrem Mann und ihren elf Kindern lebt. Sie begann bereits als Kind zu schreiben und hat seit 1999 mehr als vierzig erfolgreiche Romane veröffentlicht, die in den USA mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet wurden und von denen über sieben Millionen Exemplare weltweit verkauft wurden.

Mehr Informationen über die Autorin und ihre Bücher finden sich im Anschuß an diesen Roman und auf ihrer Website www.christinefeehan.com.

Inhaltsverzeichnis

Über den AutorWidmung1.2.Copyright

Für Nicole Powell, meine wunderbare Nichte, die weiß, was Familie bedeutet.

1.

Amüsierst du dich, Sheena?« Stavros Gratsos rieb mit seinen Handflächen Elle Drakes nackte Arme, um sie zu wärmen, als er hinter ihr an der Reling seiner großen Yacht stand.

Von allen Seiten wehten der Klang von Gelächter und Gesprächsfetzen an Elle vorbei auf das schimmernde Mittelmeer hinaus.

Sheena MacKenzie, Elles Deckname als Agentin – und ihr Alter Ego. Sheena konnte auf jeder Abendgesellschaft und an jeder Tafel glänzen, denn ihre geschliffenen Umgangsformen, ihre Kultiviertheit und ihre geheimnisvolle Aura garantierten ihr Aufmerksamkeit. Ohne Make-up und das Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden konnte Elle Drake hingegen mit den Schatten verschmelzen und darin verschwinden. Die beiden waren eine nahezu unschlagbare Kombination, und Sheena hatte genau das getan, wofür Elle sie gebraucht hatte – sie hatte Stavros angelockt und sein Interesse lange genug wach gehalten, damit Elle in seinem Luxusleben herumstochern und sehen konnte, was sich dort aufdecken ließ – und das war bisher … rein gar nichts.

Elle konnte die Gedanken und Gefühle von Stavros nicht so lesen wie bei anderen Menschen, wenn diese sie berührten, und das erstaunte sie. Ihre übersinnliche Fähigkeit, Gedanken zu lesen, war die meiste Zeit störend, aber es gab auch vereinzelt Menschen, die natürliche Barrieren zu haben schienen. In einem solchen Fall war eine gezielte »Invasion« erforderlich, wenn sie sehen wollte, was diese Personen dachten. Elle drang so gut wie nie vorsätzlich in die Privatsphäre anderer Menschen ein, selbst dann nicht, wenn sie als Agentin tätig war, doch im Falle Stavros würde sie eine Ausnahme machen müssen. Sie ermittelte schon seit Monaten gegen ihn und hatte nichts gefunden, was ihn von jedem Verdacht freisprach, aber auch nichts, das einen Hinweis auf seine Schuld gab.

Sie warf ihm über ihre Schulter einen Blick zu. »Es war wunderbar. Ganz erstaunlich. Aber ich glaube, das gilt für alles, was du tust, und das weißt du selbst.« Stavros veranstaltete immer die besten Partys, und seine Yacht war größer als die Häuser der meisten Menschen. Er setzte seinen Gästen das beste Essen vor, hatte die beste Musik und umgab sich mit intelligenten Menschen, mit Leuten, die Spaß machten.

In all den Monaten, seit sie ihn überwachte, hatte sie bisher noch keine Spur irgendwelcher kriminellen Aktivitäten entdeckt. Stavros war gütig und großzügig gewesen, hatte Millionen für wohltätige Zwecke gespendet, unterstützte die schönen Künste und hatte zusammen mit seinen Angestellten eine gute Lösung gefunden, wie sich die Entlassung einer ganzen Gruppe von Arbeitern vermeiden ließ. Inzwischen respektierte sie den Mann trotz früherer Verdächtigungen. Sie überlegte bereits, zu Dane Phelps, ihrem Chef, zurückzugehen und einen Bericht zu schreiben, in dem klipp und klar stehen würde, an den Gerüchten, die sich um Stavros rankten, sei nichts dran – abgesehen davon, dass seine Aura auf Gefahr und einen ausgeprägten Hang zu Gewalttätigkeit hinwies. Allerdings umschwirrten manche der Männer, die sich ihre Schwestern als Gefährten ausgesucht hatten, ebenso lebhafte Farben.

»Ich habe diese Party dir zu Ehren gegeben, Sheena«, gestand Stavros. »Mein flatterhafter Schmetterling, den ich nicht zu fassen bekomme.« Er zog an ihrem Arm, um sie umzudrehen, damit ihr Rücken an der Reling lehnte und sein Körper sie dort festhielt. »Ich möchte, dass du mit mir auf meine Insel kommst und dir ansiehst, wie ich wohne.«

Ihr Herz überschlug sich. Wenn man den Gerüchten Glauben schenkte, nahm Stavros nie eine Frau auf seine Insel mit. Er hatte Häuser auf der ganzen Welt, doch die Insel war sein privater Zufluchtsort. Die meisten Geheimagenten hätten sich für die Gelegenheit begeistert, Zutritt zu Stavros’ privatem Reich zu erlangen, zu seinem Allerheiligsten, doch ihr Boss hatte ausdrücklich darauf bestanden, dass sie nicht dorthin ging, noch nicht einmal dann, wenn sich ihr die Gelegenheit bot. Denn von dieser Insel aus war jede Kontaktaufnahme unmöglich.

Stavros nahm ihre Hand und führte ihre Knöchel an seine Lippen. »Komm mit mir, Sheena.«

Sie bemühte sich, nicht zusammenzuzucken. Sheena. Sie war ja eine solche Schwindlerin. Das war der Mann, in den sie sich verlieben sollte, nicht der Wurm – der Unaussprechliche –, der ihr das Herz gebrochen hatte. Hier stand Stavros, gut aussehend, intelligent, wohlhabend, ein Mann, der Probleme löste und dem viele der Dinge am Herzen zu liegen schienen, die auch ihr ein echtes Anliegen waren. Warum konnte er nicht der Mann sein, in den sie sich rasend verliebte?

»Ich kann nicht mitkommen«, sagte sie leise. »Wirklich nicht, Stavros. Ich möchte gern, aber ich kann es nicht tun.«

Seine Augen verfinsterten sich. Stavros hatte gern, dass es nach ihm ging, und er war eindeutig daran gewöhnt, seinen Willen zu bekommen. »Das heißt, du kommst nicht mit.«

»Das heißt, ich kann nicht mitkommen. Du willst Dinge von mir, die ich dir nicht geben kann. Ich habe dir von Anfang an gesagt, wir könnten Freunde sein – aber kein Liebespaar.«

»Du bist nicht verheiratet.«

»Das ist richtig.« Aber sie hätte es sein sollen. Sie hätte sich längst im Haus ihrer Familie mit dem Mann niederlassen sollen, den das Schicksal ihr bestimmt hatte, aber er hatte sie zurückgewiesen. Der Gedanke versetzte ihren Magen in Aufruhr. Sie hatte dafür gesorgt, dass sie durch eines der Weltmeere voneinander getrennt waren, doch er versuchte immer noch, sie zu erreichen; seine Stimme war nur ein schwaches Surren in ihrem Kopf, wenn er versuchte, sie zu einer Rückkehr zu überreden – aber wohin hätte sie zurückkehren können? Zu einem Mann, der keine Kinder und kein magisches Erbe haben wollte. Er weigerte sich zu verstehen, wer sie war – und was sie war. Indem er ihr Vermächtnis zurückwies, wies er auch sie zurück. Und sie brauchte einen Mann, der ihr helfen würde. Der verstehen würde, wie schwierig es für sie war, ihrer Zukunft ins Auge zu sehen. Sie brauchte jemanden, der ihr eine Stütze war, nicht jemanden, dem sie gut zureden oder um den sie sich kümmern musste.

»Komm mit mir nach Hause«, wiederholte er.

Elle schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht mitkommen, Stavros. Du weißt, was passieren würde, wenn ich es täte, und dazu darf es nicht kommen.«

Seine weißen Zähne blitzten auf. »Dann hast du dir zumindest Gedanken darüber gemacht.«

Elle legte ihren Kopf in den Nacken und blickte zu ihm auf. »Du weißt, wie man eine Frau umgarnt. Welche Frau würde sich von dir nicht in Versuchung führen lasen?« Bei ihr war es ihm zumindest gelungen. Es wäre so einfach. Er war ganz reizend zu ihr, stets aufmerksam, und er wollte ihr die Welt zu Füßen legen. Sie hob eine Hand und berührte voller Bedauern sein Gesicht. »Du bist ein prima Kerl, Stavros.«

Sie schämte sich dafür, dass sie ihn der abscheulichsten Dinge verdächtigt hatte – bis hin zum Menschenhandel. Ja, früher hatte er in seinen Frachtern tatsächlich Waffen geschmuggelt, zu Zeiten, als er noch nichts hatte. Aber er schien all seine Fehler mehr als wieder gutgemacht zu haben und ging, so weit sie das feststellen konnte, nur noch legalen Geschäften nach. Zumindest konnte sie seinen Namen bei Interpol und den anderen Geheimdiensten weltweit nun reinwaschen. Da sie die letzten Monate hart daran gearbeitet hatte, sich mit ihm anzufreunden und sein Vertrauen zu gewinnen, würde ihr das ein besseres Gefühl geben.

»Ich höre ein unausgesprochenes ›Aber‹, Sheena«, sagte Stavros.

Elle breitete ihre Arme weit aus, um mit dieser Geste die Yacht und das schimmernde Meer einzuschließen. »All das. Das ist deine Welt, und ich kann ihr gelegentlich einen kurzen Besuch abstatten, aber ich könnte mich niemals behaglich darin einrichten. Ich habe einen Blick darauf geworfen, was du bisher getan hast, Stavros, und Beständigkeit scheint nicht dein Fall zu sein. Und nur damit du es weißt, ich habe es ganz sicher nicht darauf angelegt, dass du mich heiratest. Es ist nur so, dass ich mich kenne. Ich hänge mein Herz an Menschen, und Trennungen sind für mich furchtbar schmerzhaft.«

»Wer sagt denn, dass es zu einer Trennung kommen muss?«, sagte Stavros. »Komm mit mir nach Hause.« Seine Stimme war sanft und einschmeichelnd, und einen Moment lang wollte sie nachgeben, wollte annehmen, was er ihr anbot. Er gab ihr das Gefühl, eine schöne, begehrenswerte Frau zu sein, und das hatte bisher noch kein anderer getan – aber schließlich war sie nicht die bezaubernde, kultivierte Sheena. Sie war Elle Drake und sie trug eine gewisse Verpflichtung mit sich, wohin auch immer sie ging.

»Ich kann dir nicht sagen, wie gern ich mit dir ginge, Stavros«, sagte sie aufrichtig, »aber ich kann es wirklich nicht tun.«

Ein Anflug von Ungeduld zog über sein gut geschnittenes Gesicht. Er blinzelte und seine dunklen Augen wurden etwas frostiger. »Die Boote beginnen gerade unsere ersten Gäste an Land zurückzubringen. Mit einigen muss ich noch reden. Bleib hier und warte auf mich.«

Elle nickte. Was konnte das schon schaden? Nach dem heutigen Abend würde Sheena MacKenzie verschwinden und Stavros würde sie nie wiedersehen. Vielleicht wusste er bereits, dass sie sich verabschieden würde. Sie konnte ihm nicht vorwerfen, dass er verärgert war. Sie hatte versucht, ihm keine falschen Hoffnungen zu machen, aber dennoch sein Vertrauen so weit zu gewinnen, dass sie in seinen inneren Kreis vorgelassen wurde. Sie hatte seine Wohltätigkeitsveranstaltungen und seine Partys besucht und nicht ein einziges Mal gehört, dass über illegale Aktivitäten gemunkelt wurde. Falls er tatsächlich der Verbrecher war, für den ihr Boss ihn hielt, stellte er es erstaunlich geschickt an, seine kriminellen Aktivitäten zu verbergen. Sie selber jedenfalls hielt es mittlerweile nicht mehr für möglich.

Warum also konnte sie sich nicht in ihn verlieben? Was stimmte nicht mit ihr? Der Wurm – der Unaussprechliche – war es doch gewiss nicht wert, sich weiterhin Hoffnungen zu machen. War sie dumm genug, das zu tun? Zu hoffen, er würde sich um sie bemühen? Dazu würde es niemals kommen. Er wollte sie nicht. Er wollte ihr Erbe nicht. Und ebenso wenig ihren Namen. Oder ihr Haus. Und schon gar nicht die sieben Töchter, die zwangsläufig damit einhergingen.

Nein, sie machte sich keine Hoffnungen mehr, Jackson Deveau würde sie eines Tages lieben oder sie auch nur wollen.

Jetzt musste nur noch ihr Schmerz vorübergehen.

Sie beobachtete Stavros, als er mit seinen Gästen sprach, lächelte und einen glücklichen Eindruck machte. Als spürte er, dass sie ihn ansah, drehte er den Kopf um und lächelte sie liebevoll an. Ihr Herz schlug einen komischen kleinen Purzelbaum, nicht so, wie es das tat, wenn der Wurm sie anlächelte, sondern weil sie wusste, dass Stavros auf dem besten Wege war, sich in sie zu verlieben, und weil das alles so ungerecht war.

Aber könnte sie so leben? So luxuriös und schnelllebig? Sie war mit einem Vermächtnis geboren worden, das wenigen anderen  – wenn überhaupt jemandem – je zuteilgeworden war oder zuteilwerden würde. Als siebente Tochter einer siebenten Tochter besaß Elle übersinnliche Gaben, die in ihren Genen angelegt waren, um wiederum an ihre eigenen sieben Töchter weitergegeben zu werden. Und ihre siebente Tochter würde dasselbe bittersüße Vermächtnis antreten. Würde Elle ihre Bestimmung erfüllen? Oder würde mit ihr das magische Erbe der Drakes sang- und klanglos dahinscheiden?

Elle hatte sich früher immer ein Leben voller Gelächter und Glück mit ihrem Seelengefährten ausgemalt. Das war, bevor sie ihm begegnet war. Er war ein mürrischer, schweigsamer, grüblerischer, sehr dominanter Mann. Sie wusste, dass er ihr Stille und Frieden bringen konnte, aber er konnte auch mit einem einzigen glühenden Blick ihr Blut in flüssiges Feuer verwandeln. Doch er weigerte sich zu akzeptieren, wer sie war – er weigerte sich, sie so, wie sie war, zu lieben. Und wenn er es nicht tat, fürchtete sie, kein anderer Mann würde es jemals tun – vielleicht konnte es auch keiner. Jedenfalls nicht die wirkliche Elle Drake.

Sie drehte sich um und beugte sich über die Reling, um die Boote zu beobachten, die nahten, um Stavros’ Gäste ans Ufer zurückzubringen. Die Nacht war längst der Morgendämmerung gewichen, und sie war müde und unterdrückte ein Gähnen, während sie versuchte dahinterzukommen, was sie als Nächstes mit ihrem Leben anfangen sollte. Sea Haven, ein kleiner Küstenort im Norden Kaliforniens, war für sie immer ihr Zuhause gewesen – ein Zufluchtsort. Dort stand das Haus ihrer Familie, ein großes Anwesen mit Blick auf das stürmische Meer.

Das Meer war so anders hier. Eine wunderschöne Verlockung, die ein sonnendurchflutetes Luxusleben versprach, aber sie wusste, dass es zwecklos war zu glauben, ihr sei ein solches Leben bestimmt. Im Grunde ihres Herzens war sie ein Heimchen am Herd, eine Frau, die dazu geboren war, Ehefrau und Mutter zu sein. Sie liebte das Abenteuer, aber mit der Zeit würde ihr Verlangen, das Vermächtnis der Drakes weiterzureichen, so stark werden, dass sie nicht mehr fähig sein würde, dieses Bedürfnis zu ignorieren. Hatte sie überhaupt das Recht, der Welt jemanden wie ihre Schwester Libby vorzuenthalten, die durch bloßes Handauflegen heilen konnte? Oder Joley mit ihrer wunderbaren Stimme? Kate, deren Bücher so vielen Menschen Trost und Zerstreuung boten? Jede ihrer Schwestern besaß unglaubliche Gaben, die von einer Generation an die nächste weitergereicht wurden. Wenn sie ihre Bestimmung nicht erfüllte, würde dieses Geschlecht mit ihr ein Ende nehmen.

Aus den Augenwinkeln sah sie eine Bewegung, und als sie sich umschaute, sah sie, wie der Kapitän auf Stavros zuging und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Sie stellte sich sehr geschickt darin an, Lippen zu lesen, doch sie konnte seinen Mund nicht deutlich sehen. Stavros runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf, warf einen Blick auf seine Armbanduhr und dann auf Elle. Sie hielt ihr Gesicht still und wandte ihren Blick wieder dem Meer zu. Sid, Stavros’ Leibwächter, sagte ebenfalls etwas. Er war ihr zugewandt und daher konnte sie seine Worte eindeutig aufschnappen.

»Es wird gefährlich sein, sie auf der Insel zu haben, Sir. Denken Sie nochmal darüber nach. Entfernen Sie sie jetzt von dem Boot, und wir werden dem Fahrer Anweisungen erteilen, sie zu Ihrer Villa zu bringen. Sie können sie dort festhalten, bis das Treffen vorbei ist.«

Elles Magen zog sich zusammen. Der Leibwächter sprach von ihr. Stavros schüttelte den Kopf und sagte etwas, das sie nicht mitkriegte, doch der Leibwächter und der Kapitän sahen beide wieder in ihre Richtung, und keiner von beiden schien froh darüber zu sein.

Ihr inneres Warnsystem, das sie bei zahllosen Aufträgen schon viele Male gerettet hatte, schrillte lautstark, und sie zögerte nicht. Sie bewegte sich rasch durch die sich lichtende Menschenmenge an den Rand der Yacht, wo die Boote ankamen, um die Gäste abzuholen und sie zum Ufer zurückzubringen. Ihre Handtasche und ihr kleiner Koffer waren noch in der Kajüte unter Deck, aber Elle achtete sorgsam darauf, nie etwas in ihrer Handtasche oder ihrem Gepäck zu haben, das sie verraten könnte. Sie würde die Yacht verlassen, und wenn Dane wollte, dass sie zurückging, konnte sie das Abholen ihrer Sachen als einen Vorwand benutzen, um Stavros erneut zu kontaktieren.

Sie machte sich klein und versuchte zwischen den anderen Gästen unterzutauchen. Als Elle konnte sie mühelos in den Schatten verschwinden, aber Sheena fiel auf. Ihr Herzschlag beschleunigte sich und ein Gefühl von Dringlichkeit packte sie, als sie sich einen Weg zu den abfahrenden Booten bahnte. Ihr würde nicht damit gedient sein, sich umzudrehen, um zu überprüfen, ob sie gejagt wurde; sie wusste bereits, dass es so war. Sie hatte eine einzige Chance, nämlich die, in dem Moment in das Boot zu steigen, wenn es ablegte. Das Timing musste perfekt sein.

Elle schlüpfte zwischen den letzten Gästen durch, die auf das nächste Boot warteten, trat auf den Anlegesteg und hielt ihre Hand dem jungen Mann hin, der das abfahrende Boot vom Steg abstieß. Er grinste und zog das Boot wieder an den Steg, damit sie einsteigen konnte. Als seine Finger gerade um ihre Hand glitten, fühlte sie, wie eine andere Hand ihren Oberarm mit festem Griff umklammerte und sie zurückzog.

»Mr. Gratsos käme gern noch etwas länger in den Genuss von Ms. MacKenzies Gesellschaft«, sagte Sid gewandt und zog ihre wesentlich kleinere Gestalt an sich.

Elle holte tief Luft und fühlte, wie sich die Woge der Emotionen von Stavros’ Leibwächter über sie ergoss. Er wünschte fast, er hätte sie nicht erwischt – tatsächlich hatte er sogar in Betracht gezogen, sie haarscharf zu verpassen, aber er wusste auch, dass Stavros das ablegende Boot dann angehalten hätte. Elle ließ sich von ihm zurückziehen, ohne sich zu wehren. Der Leibwächter war größer und viel kräftiger als sie, und selbst wenn es ihr gelungen wäre, ihn zu überrumpeln, wozu wäre das gut gewesen? Keiner von Stavros’ Männern würde gegen seine Befehle zulassen, dass sie die Yacht verließ.

Sie lächelte den Fahrer anmutig an und blickte zu dem Leibwächter auf. Er war kein Grieche. Sie war nicht ganz sicher, woher er kam. Er sprach mit einem griechischen Akzent, aber irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Und er kam ihr schrecklich bekannt vor. Sie wusste jedoch nicht, wo sie ihn schon einmal gesehen hatte.

»Sie tun mir weh.« Sie sprach mit gesenkter Stimme, sehr leise, und sah ihm dabei fest ins Gesicht.

Er ließ sie augenblicklich los, so schnell, als hätte er sich an ihrer Haut verbrannt. »Es tut mir leid, Ms. MacKenzie. Mr. Gratsos hat mich gebeten, Sie zu ihm zurückzubringen, und ich habe befürchtet, Sie könnten ins Meer fallen, wenn ich Sie nicht weiterhin festhalte. Ich habe nicht gemerkt, wie fest ich zugepackt habe.«

Er hatte gefürchtet, sie würde eine Szene machen, aber seltsamerweise war das auch schon alles, was sie durch den Körperkontakt in Erfahrung brachte. Woran lag das? Wie kam es, dass der Leibwächter, ebenso wie Stavros, vor ihren übersinnlichen Fähigkeiten sicher war? Es konnte kein Zufall sein, dass zwei Personen, die zusammenarbeiteten, von Natur aus starke Barrieren hatten. Sids Schutzschild war so stark wie die seines Chefs, wenn nicht sogar noch stärker, wenn es sich auch ganz anders anfühlte.

Elle verzieh ihm mit einem versöhnlichen Lächeln, das rundum im Einklang mit Sheenas bezauberndem Naturell war. »In diesem Kleid würde ich bestimmt nicht ins Meer fallen wollen.«

Er trat einen Schritt zurück, um sie durch die kleine Gästeschar, die sich dicht zusammendrängte, vorausgehen zu lassen. Elle zögerte. »Sid, das ist das letzte Boot zur Küste, und die Leute gehen bereits an Bord. Ich muss mich auf den Weg machen.« Sie warf betont einen Blick auf ihre schmale Armbanduhr mit den Diamanten. »Ich habe heute Nachmittag einen Termin.«

»Mr. Gratsos wird Sie rechtzeitig zu Ihrem Termin bringen«, beteuerte ihr Sid.

Das war eine Lüge. Und es passte ihm nicht, sie anzulügen. Die Schutzschirme, die er errichtet hatte oder die für ihn bereitgestellt wurden, ließen seine stärkeren Gefühle durch die Lücken schlüpfen – es sei denn, er ließ es bewusst zu, was durchaus möglich war. Sie konnte das auch. Sid machte sich Sorgen um sie, und wenn er besorgt um sie war, hatte auch sie Grund zur Sorge. Sie stand vollkommen still und maß die Entfernung zum Boot. Sie war schnell, aber sie bezweifelte, dass das Boot sie gegen die Befehle, die Stavros erteilt hatte, mitnehmen würde.

Sid schüttelte den Kopf. »Versuchen Sie es gar nicht erst, Ms. MacKenzie. Wenn Mr. Gratsos will, dass Sie hierbleiben, dann bleiben Sie hier.«

Das war eine Warnung – eine unmissverständliche Warnung. Hatte er ihre Gedanken gelesen? Sie glaubte nicht, dass ihr Gesicht ihre Überlegungen verraten hatte. Er sah sie direkt an, und seine dunklen Augen bohrten sich in ihre. Die Warnung, die sie dort sah, ließ ihr Herz schneller schlagen und ihren Mund trocken werden. »Lassen Sie mich jetzt gehen.«

Für einen Moment zeigte sich Bedauern in seinen Augen, aber sie wusste, dass er seinen Boss nicht hintergehen würde. »Darüber werden Sie sich mit ihm einigen müssen.«

Elle nickte und machte sich auf den Rückweg zu dem Schiffsmagnaten; ihr war sehr deutlich bewusst, dass Sid dicht hinter ihr war.

Stavros hielt ihr seine Hand entgegen, umschloss ihre Finger mit seinen und zog sie an seine Seite. »Ich hatte den Eindruck, du wolltest versuchen, mich hier alleinzulassen.«

»Ich habe dir doch gesagt, dass ich nicht bleiben kann«, rief ihm Elle ins Gedächtnis zurück. »Ich bliebe gern, Stavros, aber ich war schon so lange hier.« Sie achtete sorgsam darauf, die Worte leichthin zu sagen und ihren Tonfall sogar bedauernd klingen zu lassen, während sie gezielt ihre Wahrnehmungen einsetzte und sich weit öffnete, um zu versuchen, ihn mit ihren übersinnlichen Gaben zu durchschauen.

Stavros war es gewohnt, seinen Willen zu bekommen, und daher könnte es durchaus passieren, dass er versuchen würde, sie gewaltsam seinem Willen zu unterwerfen, ohne sich etwas Böses dabei zu denken oder es für Unrecht zu halten. Es war ihre erste echte Ermahnung, so behutsam wie möglich formuliert, obwohl sie am liebsten Feuer gespuckt hätte.

Seine Augen verfinsterten sich. »Ich habe dich gebeten, bei mir zu bleiben. Und mit mir nach Hause zu gehen. Sheena, ich habe noch nie eine Frau dorthin mitgenommen.«

Sie holte tief Atem. Er würde sie auf seine Insel bringen und sie würde von jeder Hilfe abgeschnitten sein. Hatte er sie in Verdacht? Und wenn ja, hieß das dann, dass er doch etwas zu verbergen hatte? Die Motoren begannen bereits zu stampfen, und sie konnte fühlen, wie das Deck unter ihren Füßen vibrierte. »Stavros, vielleicht sollte ich dich später dort treffen, morgen oder übermorgen.«

Stavros tätschelte ihre Hand und führte sie über das Deck zu einem bequemen Stuhl. »Wir brauchen Zeit miteinander, Sheena. Ich will, dass wir eine Woche gemeinsam verbringen, nur wir beide, und vielleicht überlegst du es dir dann anders, was mich angeht.«

»Ich habe nicht genug Kleidung für eine Woche dabei«, sagte Elle, die versuchte, es von der praktischen Seite zu sehen.

»Ich lasse deine Sachen holen.«

»Ich schlafe nicht mit dir, Stavros. Ich sagte dir doch, dass ich im Moment keine Beziehung eingehen kann. Ich bin noch nicht so weit.«

»Du hast mir erzählt, dieser Mann hätte dir das Herz gebrochen, Sheena. Wer ist es?«

Sie zuckte die Achseln, denn plötzlich machte ihr der Stahl in seinen Augen Sorge. Sie hatte das unbehagliche Gefühl, wenn sie jetzt einen Namen nannte, könnte derjenige demnächst tot aufgefunden werden. Und das war nun wieder Blödsinn, denn sie war sich doch ganz sicher gewesen, dass Stavros kein Verbrecher war. Aber andererseits musste sie sich, wenn er es nicht war, fragen, warum all ihre inneren Warnsysteme lautstark schrillten.

»Er ist absolut bedeutungslos.«

»Das kann er nicht sein, wenn du eine andere Beziehung nicht einmal ins Auge fasst.« Stavros trommelte mit den Fingern auf den Tisch. Das hatte sie ihn schon öfter tun sehen, wenn er entweder tief in Gedanken versunken oder sehr aufgewühlt war. »Hast du mit ihm zusammengelebt? Wie lange warst du mit ihm zusammen?«

»Das geht dich nichts an«, sagte Elle nachdrücklich.

Seine Augen wurden schmaler. »Ich kann jemanden engagieren, der diese Antworten für mich herausfindet.«

Ihr Herzschlag setzte aus. Er hatte bereits Nachforschungen über sie anstellen lassen. Dane hatte ihr gesagt, sie müsse darauf vorbereitet sein. Sie hatten ihr mit akribischer Genauigkeit ein Leben gebastelt und sie mit allem Drum und Dran versorgt, bis hin zu College-Fotos und Studienbescheinigungen, sowie einer detaillierten Vergangenheit. Aber würden diese Dinge einer Untersuchung von der Sorte standhalten, die ein Mann wie Stavros Gratsos verlangen würde? War das der Grund, weshalb er sie auf seine Insel mitnahm? Hatte er herausgefunden, dass sie Geheimagentin war?

»Warum drängst du mich?«

Stavros beugte sich zu ihr vor und sah ihr fest in die Augen. »Ich will dich. Ich habe noch nie eine Frau so sehr gewollt, wie ich dich will.«

War das die schlichte Wahrheit? Sie bezweifelte es. Sheena war eine Schönheit, geheimnisvoll und intelligent, der Typ Frau, den Stavros attraktiv und faszinierend finden würde, aber er war nicht dafür bekannt, dass er auf Frauen reinfiel. Man sah ihn als ihren Begleiter, er verbrachte einige Zeit mit ihnen, aber es endete unvermeidlich damit, dass er weiterzog. Warum war er so wild entschlossen, Sheena für sich allein zu wollen?

Elle seufzte. »Du wirst dich damit abfinden müssen, dass du mich nicht haben kannst, Stavros. Ich werde dir gegenüber so ehrlich wie möglich sein. Verhütungsmethoden sind bei mir zum Beispiel wirkungslos. Keine Form der Verhütung bewährt sich. Das heißt, wenn du ein Kondom benutzen würdest, bestünde immer noch ein sehr großes Risiko, dass ich schwanger würde. Das tue ich mir nicht an. Und dir, nebenbei bemerkt, auch nicht.«

Seine Augen wurden noch dunkler, als er in ihrem Gesicht nach der Wahrheit forschte. Sie fühlte tatsächlich, wie sein Geist mit ihrem Bewusstsein in Verbindung zu treten versuchte, und sie zog sich eilig zurück, da sie zum ersten Mal befürchtete, er könnte fähig sein, in ihr zu lesen, wie sie in anderen las. Dort, wo er ihre Gedanken aufschnappen könnte, ließ sie nur Raum für die Wahrheit ihrer Behauptung. Er wirkte nicht nur fasziniert, sondern sogar erfreut.

»Du sagst die Wahrheit.«

Sie nickte. »Ich habe keinen Grund zu lügen. Ich kann das Risiko wirklich nicht eingehen, und da ich eines Tages Kinder haben möchte, kann ich keine dauerhafte Lösung für das Problem ins Auge fassen.«

»Dann hast du nicht mit dem Mann geschlafen, der dir das Herz gebrochen hat?«

Sie schüttelte den Kopf und sah auf das Meer hinaus. Die Küste verblasste, als die Yacht Tempo zulegte und seine private Insel ansteuerte.

Stavros stieß seinen angehaltenen Atem aus und lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich. »Dann werde ich dein Erster sein. Dein Einziger.« In seiner schnurrenden Stimme drückte sich tiefe Zufriedenheit aus.

»Ich habe dir doch gesagt, dass ich schwanger werde. Nicht schwanger werden könnte, Stavros. Ich werde schwanger sein.«

»Ich will Kinder«, sagte er. »Ich habe kein Problem damit, dass du schwanger wirst.«

Ihr Herz machte einen Satz. So war das also. Stavros sah gut aus, er war charmant und reich, und er wollte Kinder. Sie war sicher, dass er übersinnliche Fähigkeiten besaß. Warum konnte das Drake-Haus ihn nicht auswählen? Vielleicht gab es mehr als einen Mann, der zu ihr passen würde, und das Schicksal war eingeschritten, um ihr eine Alternative zu geben. Stavros Gratsos, der sie zwang, sie auf seine Insel zu begleiten.

»Stavros«, sagte sie sanft, »du bist ganz reizend, aber du bist ein paar Nummern zu groß für mich. Die Hälfte deiner Gäste fragt sich bestimmt, was du mit mir willst.«

»Das sollen sie sich ruhig fragen.«

Sid näherte sich auf seine lautlose Art und beugte sich herunter, um Stavros etwas ins Ohr zu flüstern. Stavros tätschelte sofort ihre Hand. »Wir sind bald zu Hause. Ich muss diesen Anruf entgegennehmen.« Er drückte ihr einen Kuss aufs Haar, als hätten sie bereits alles miteinander geregelt, und ging.

Elle holte Luft und stieß den Atem wieder aus. Sie musste versuchen, nicht aus der Rolle zu fallen, nur für den Fall, dass ihre Tarnung doch noch nicht aufgeflogen war. Aber sie musste auch dringend jemandem mitteilen, wo sie war. Sie durfte sich nichts vormachen. Sie könnte ohne weiteres für immer verschwinden, und Stavros würde hundert Leute an der Hand haben, die beschworen, sie hätten gesehen, dass er sie abgesetzt hatte.

Sie schloss die Augen. Sie musste ihre Schwestern erreichen und ihnen Bescheid geben, wo sie war, doch die Entfernung war zu groß. Sie waren in den Vereinigten Staaten, und sie würden sie nicht fühlen, es sei denn, die Verbindung zwischen ihnen würde endgültig abgebrochen – aber … Es gab auch noch den Wurm. Jackson Deveau. Seine innere Verbindung zu ihr war stark, und wenn sie von sich aus den Kontakt zu ihm suchte, könnte es ihr gelingen, die Verbindung herzustellen und ihn zu benachrichtigen, wohin sie gerade gebracht wurde. Spielte Stolz eine Rolle, wenn man in Lebensgefahr schweben könnte? War sie tatsächlich so dumm?

Das Boot hatte die kurze Strecke zu seiner privaten Insel schon fast zurückgelegt. Sie war nicht allzu weit vom Festland entfernt. Als die Yacht sich der Insel näherte, konnte sie ein schwaches Surren in ihrem Kopf fühlen. Anfangs war es lästig, doch schon bald begann es an Lautstärke zuzunehmen, bis die Schmerzgrenze fast erreicht war. Als sie ihre Finger an ihre Schläfen presste, um den Schmerz zu lindern, ertappte sie Stavros dabei, dass er sie beobachtete. In seinen Augen funkelte Genugtuung, als wüsste er von dem Druck in ihrem Kopf. Sie warf einen Blick auf Sid. Was auch immer sie fühlte, fühlte auch er, doch er verbarg es besser. Er lief neben Stavros her und hatte sein Gesicht von seinem Boss abgewandt, doch sie wusste, dass er denselben Druck in seinem Kopf wahrnahm.

Elle amtete noch einmal tief ein und aus. Die Insel kam näher, und der Druck in ihrem Kopf nahm zu. Jetzt oder nie. Sie schloss die Augen und blockte alles außer Jackson ab. Sie stellte sich sein Äußeres vor. Unnahbar. Breite Schultern. Narben. Muskulöse Brust. Stechende Augen, in denen Schatten lauerten. Jackson. Sie flüsterte innerlich seinen Namen. Sandte ihn ins All hinaus.

Einen Moment lang herrschte Stille, als hielte die Welt um sie herum den Atem an. Ein Delfin sprang aus dem Meer, überschlug sich und verschwand wieder unter der glitzernden Wasseroberfläche. Elle hätte beinah aufgeschrien, als Stavros sie von ihrem Stuhl riss. Sie hatte nicht einmal wahrgenommen, dass er von hinten auf sie zugekommen war.

»Was tust du da?«, fuhr er sie an, und seine weißen Zähne schlugen aufeinander. Wut war in seine Gesichtszüge gemeißelt.

Er wusste es. Elle warf einen Blick auf seinen Leibwächter. Sid wusste es auch. Sie hatten nicht nur natürliche Barrieren, sondern sie waren auch für Telepathie empfänglich. Stavros und Sid. Sie steckte bis über beide Ohren in Schwierigkeiten.

»Sheena! Antworte mir.«

»Lass mich los.« Elle riss sich von ihm los. »Ich verstehe nicht, was in dich gefahren ist.« Selbst Sheena, so ruhig und gefasst sie auch war, würde es sich nicht bieten lassen, grob behandelt zu werden. Elle sah ihn finster an. »Mir reicht es, Stavros. Ich will nach Hause.«

Sie würde nie wieder nach Hause gehen. Der Gedanke stellte sich ungebeten ein, doch er ließ sich in ihrem aufgewühlten Magen nieder. Wenn sie erst einmal einen Fuß auf diese Insel setzte, würde ihr bisheriges Leben zu Ende sein.

Elle? Wo bist du? Bleib am Leben, Kleines, tu alles, was dafür erforderlich ist. Bleib für mich am Leben. Ich werde zu dir kommen. Ich werde dich finden. Tu, was du tun musst, ganz egal, was.

Jacksons Stimme war wohltuend und schlich sich zart und intim in ihr Bewusstsein ein – und in ihren Körper. Er fühlte sich wie ihr Zuhause an. Ihr Trost. Sie wollte sich in sein Inneres schleudern und dort Schutz suchen. Er musste ihr die Verzweiflung angehört haben, die Furcht – oder sie gefühlt haben.

Stavros packte sie an beiden Armen und riss sie grob an sich. Er schüttelte sie, während er sie auf die Zehenspitzen zog. »Du wirst sofort damit aufhören, wenn du nicht willst, dass Sid dich betäubt. Ich weiß, was du tust.«

Elle. Antworte mir. Ein harter Befehlston hatte sich in Jacksons Stimme eingeschlichen, und sie fühlte fast den Zwang zu antworten. Sie keuchte, als Stavros’ Finger sich fester um ihre Oberarme schlossen.

»Tu es nicht!«, warnte er sie.

Hatte er es gehört? Das bezweifelte sie. Aber er hatte die pulsierenden Energien wahrgenommen und wusste, dass sie eine Antwort erhalten hatte.

Verdammt noch mal, Kleines. Bleib mir bloß am Leben. Um jeden Preis.

Elle sah Sid an. Er hielt eine Spritze in der Hand. Sie zwang ihren Körper, sich zu entspannen, denn sie wollte nicht bewusstlos auf dieser Insel ankommen. »Dann weißt du also Bescheid über mich.« Sie achtete darauf, dass ihre Stimme ruhig klang. Sehr ruhig sogar.

»Dass du telepathische Kräfte besitzt? Ja, selbstverständlich. Ich habe es sofort gefühlt.«

»Nun, dann muss ich wenigstens nicht versuchen, dir das zu erklären«, sagte Elle und ließ Erleichterung in ihre Stimme einfließen. »Ich finde es grässlich, vor aller Welt zu verbergen, was ich bin, aber die Leute halten mich sonst für verrückt.«

Seine Finger lockerten ihren Griff, doch sie wusste, dass sie blaue Flecken bekommen würde. »Du brauchst nie etwas vor mir zu verbergen, Sheena. Ich bin dir sehr ähnlich.«

Elle sah ihm ins Gesicht. Für Stavros schien eine Entführung so selbstverständlich zu sein, dass seine Geschäftsmethoden doch nicht so sauber sein konnten, wie sie geglaubt hatte.

»Wir reden bei mir zu Hause darüber«, sagte Stavros und gebot ihren Fragen damit nachdrücklich Einhalt.

Elle blieb stumm, denn sie war entschlossen, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie Angst hatte. Sie ließ sich von Sid erst auf den Anlegesteg und dann in den bereitstehenden Wagen helfen. Die Insel war wunderschön, saftig und grün unter der späten Morgensonne. Elle prägte sich den Weg ein, als sie auf der Straße zur Villa hinauffuhren.

Sowie sie dort angekommen waren, drehte sich Elle anmutig auf dem üppig gepolsterten Ledersitz des Wagens um, den ein Chauffeur steuerte, und streckte ihren Fuß in dem Stöckelschuh zur Tür heraus; sie ließ zu, dass der hohe Schlitz ihres glitzernden Abendkleids aufsprang und ihr wohlgeformtes Bein kurz aufblitzen ließ, als sie aus dem Wagen stieg. Stavros, der neben ihr stand, legte ihre Hand in seine Armbeuge und führte sie den Gehweg zu dem gewaltigen Haus hinauf, das mit Blick auf das Meer auf der Insel thronte. Er streichelte ihre Finger, und sie blickte mit einem matten Lächeln zu ihm auf, bevor sie ihre Aufmerksamkeit seinem Haus zuwandte, einem Meisterwerk.

Das Gebäude war weitläufig und auf mehreren Ebenen angelegt und schien nahezu vollständig aus Glas zu bestehen, damit man in jede Richtung die Aussicht genießen konnte. Die Insel war nur mit einem kleinen Flugzeug, einem Hubschrauber oder einem Boot erreichbar und bot Gratsos Ruhe und Abgeschiedenheit. Sie wusste, dass er sie beeindrucken wollte, denn es faszinierte ihn, dass sie bisher noch nichts in seiner Welt beeindruckt hatte. Er war es gewohnt, dass sich ihm Frauen an den Hals warfen, und sie war anders genug, um eine Herausforderung für ihn darzustellen. Nun ja … dazu kam aber auch noch, dass er eine Art eingebauten Radar für übersinnliche Fähigkeiten hatte. So musste er seinen Leibwächter gefunden haben, und deshalb hatte er sich auch von ihr angezogen gefühlt.

Zumindest wusste sie jetzt, warum er so großes Interesse an ihr hatte, denn sonst hätte es ihr Schwierigkeiten bereiten können, sich nicht von seinen Aufmerksamkeiten geschmeichelt zu fühlen. Stavros war ein gut aussehender, intelligenter Mann, und er wusste, wie man sämtliche Register zog, um eine Frau zu verführen. Er tat es mit großem Charme, aber ihn umgab eine Aura der Gefahr, und Elle ließ die Aura eines Menschen nie unberücksichtigt. Er würde sie nicht fortgehen lassen. Sie steckte in Schwierigkeiten, und sie wusste es. Stavros ließ sich nicht gern mit einem Nein abspeisen.

Ihr Herz schlug etwas zu schnell und sie holte mehrfach tief Atem, um sich einigermaßen zu beruhigen. Von hier aus war jede Verständigung unmöglich, sie war von jeglicher Hilfe abgeschnitten, und dieser lästige Schmerz in ihrem Kopf wurde immer stärker. Es musste eine Art von Übertragung sein, die dazu diente, übersinnliche Energien abzublocken. Sie war nicht sicher, ob das überhaupt möglich war, aber sowie sie allein war, würde sie ihre Theorie auf die Probe stellen.

»Sheena?« Stavros rieb wieder ihren Handrücken. »Ich wollte, dass du mein Haus siehst.« Seine Stimme war jetzt wieder ein Schnurren. »Sag, dass du mir nicht böse bist, weil ich dich entführt und hierher gebracht habe.« Er blieb auf dem kunstvoll angelegten Gehweg stehen, der zu seinem prachtvollen Haus hinaufführte, und bog ihr Gesicht zu sich, um ihr tief in die Augen zu sehen.

Elle konnte sich vorstellen, dass den meisten Frauen von diesem intensiven Blick ein wenig schwindlig wurde. Ihr wurde nur übel davon. Ganz gleich, welche Absichten Stavros hatte – es interessierte ihn nicht allzu sehr, ob sie damit einverstanden war oder nicht.

»Liegt die Telepathie bei dir in der Familie?« Elle wollte, dass er nur an diese eine Fähigkeit und an keine andere dachte. Sie erlegte sich strenge Selbstbeherrschung auf und gab ihrer Furcht nicht nach, obwohl sie am liebsten die Arme in den Wind gehoben und seine Kraft dazu genutzt hätte, ihre Freiheit wiederzuerlangen.

»Sprich nicht in Gegenwart anderer darüber«, zischte er und lächelte sie dabei weiterhin an. »Dieses Thema besprechen wir nur allein.«

Ein weiteres Pochen auf Gemeinsamkeiten, die sie miteinander verbanden. Manipulation erkannte sie auf den ersten Blick. Wenigstens versuchte er noch, charmant zu sein und um ihre Einwilligung zu werben, statt sie zu erzwingen. Sie nickte, denn sie hatte keine Lust, sich auf einen Kampf einzulassen, den sie doch nur verlieren konnte. Sie wollte lieber abwarten, bis sie sah, was Stavros von ihr wollte. Vielleicht konnte sie an Informationen gelangen, die Dane hilfreich sein würden, falls es ihr gelingen sollte, lebend aus dieser Geschichte rauszukommen.

Die Tür wurde von einer matronenhaften Frau geöffnet, der es gelang, durch Elle hindurchzusehen, als sei sie überhaupt nicht da. »Das ist Drusilla. Sie ist unsere Haushälterin«, stellte Stavros sie vor. »Ohne sie wären wir alle verloren.«

Drusilla strahlte und hieß Stavros mit einem Lächeln willkommen; Elle dagegen nickte sie mit einer Spur von Wachsamkeit zu. Elle betrat den riesigen gläsernen Raum, der sich über mehrere Ebenen erstreckte. »Es ist wunderschön hier, Stavros.«

»Ich bin froh, dass es dir gefällt, denn hier wirst du zu Hause sein.«

Elle hörte, wie Drusilla nach Luft schnappte, und Stavros sandte ihr augenblicklich einen finsteren, ermahnenden Blick zu. Elle zwang sich, weiter in den Raum hineinzugehen und sich umzusehen. Die Aussicht war atemberaubend, unglaublicher als jeder andere Ausblick, den sie je gesehen hatte. Es war ein erstaunlich prächtiger Käfig, ein Gefängnis, das ihre kühnsten Träume überstieg.

Sie gestattete Stavros, sie durch den langen, umwerfend schönen Raum und die breite Treppe hinauf zu einem großen Schlafzimmer zu führen. Er stieß die Tür auf und deutete auf das Himmelbett. »Das wird dein Zimmer sein. Meines ist nebenan.«

Jemand hatte bereits Elles kleinen Koffer auf das Bett gestellt. In der üppigen Pracht des Zimmers nahm er sich lächerlich aus.

»Stavros, warte.« Elle hielt ihn am Arm fest. »Ich kann wirklich nicht bleiben. Ich habe heute Nachmittag einen Termin und darf mich nicht verspäten.«

»Du wirst bleiben, Sheena, und du wirst meine Kinder bekommen. Eine Frau wie dich habe ich schon seit Jahren gesucht. Ich habe nicht vor, dich mir jetzt noch entkommen zu lassen.« Er stieß sie weiter in das Zimmer hinein und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Du hast in diesem Zimmer zu bleiben, bis ich dich hole. Die Tür wird abgeschlossen sein, Sheena, und du wirst bleiben.«

Weder der eiserne Klang seiner Stimme noch die Warnung war zu überhören. Elle blieb ganz still mitten im Zimmer stehen. Jetzt ließ er sich in die Karten schauen und gab ihr in aller Deutlichkeit zu verstehen, dass er sie nicht nur entführt hatte, sondern auch bereitwillige Mitwirkung von ihr erwartete. Sie sagte nichts, als er die Tür schloss, und sie rührte sich nicht von der Stelle, ehe sie das Schloss einschnappen hörte.

Elle öffnete ihren Koffer und fand ihn leer vor. Jemand hatte ihre Sachen bereits ausgepackt und weggeräumt. Nach einer kurzen Suche fand sie ihre Kleidungsstücke ordentlich aufgehängt in dem geräumigen Ankleidezimmer. Elle zog ihr Abendkleid aus und schlüpfte in eine schmal geschnittene Baumwollhose und ein eng anliegendes T-Shirt aus Baumwolle. Flink flocht sie ihr Haar, das ihr bis zur Taille reichte, und zog ihre Kletterschuhe an, bevor sie ans Fenster trat.

Unter ihrem Zimmer bildeten große Gesteinsbrocken und Felsen die Klippen, die zum funkelnden Meer hinunterführten. Normalerweise hätte dieser Anblick sie beruhigt, doch das Haus war so gebaut, dass es über dem Meer vorsprang und Klettern gefährlich war. Als Nächstes stellte sie fest, dass das Fenster gesichert war. Sie konnte es zwar öffnen, doch wenn sie auch nur einen Arm hinausstreckte, würde Alarm ausgelöst werden. Angesichts der Bauweise des Hauses wäre ein Einbruch nahezu unmöglich gewesen, und daher fragte sie sich, ob er Frauen hier nach Lust und Laune gefangen hielt. Hatte er auch schon andere hierher gebracht?

Elle nahm sich das Zimmer sorgfältig vor und ließ ihre Handfläche über die Wände und das Bett gleiten, auf der Suche nach psychischen Energien, die von anderen zurückgelassen worden waren. Sie fühlte überhaupt nichts, nur das ärgerliche schwache Surren in ihrem Kopf. Soweit sie es beurteilen konnte, war nur die Haushälterin in ihrem Zimmer gewesen. Da sie jetzt allein war, musste sie eine Nachricht nach Hause schicken, damit sie wussten, wo sie war.

Sie öffnete das Fenster und atmete die salzige Meeresluft tief ein. Sowie die Dämpfe der aufsprühenden Gischt ihr Gesicht berührten, fühlte sie sich besser – leichter ums Herz und hoffnungsvoller. Elle hob die Arme und rief den Wind. Schmerz raste durch ihren Kopf. Es gelang ihr nur mit großer Mühe, den Aufschrei zu ersticken, der in ihr aufstieg, als sie zahllose Sterne hinter ihren Augen sah und alles um sie herum in kreisender Schwärze versank. Sie krümmte sich und würgte, gab erstickte Laute von sich und wankte zum Bett, wobei sie sich beide Hände auf den pochenden Kopf presste.

Stavros besaß übersinnliche Kräfte, und es war ihm irgendwie gelungen, eine Art Kraftfeld zu errichten, das den Einsatz von psychischen Energien verhinderte. Aber weshalb hätte er das tun sollen? Denn auch er würde diese Kräfte nun nicht einsetzen können. Geschwächt ließ sie ihren Rücken an der Wand hinabgleiten und ihren Kopf nach vorne hängen und atmete tief durch, um nicht ohnmächtig zu werden. Sie würde keine Hilfe herbeiholen können, solange sie es nicht schaffte, die Insel zu verlassen oder den Ursprung des Kraftfeldes ausfindig zu machen.

Sowie sie wieder Luft bekam, erhob sie sich wacklig und nahm sich die Alarmanlage vor, ein kleiner Strahl, den sie in eine andere Richtung lenkte, damit sie durch das Fenster schlüpfen und sich wie eine Spinne an die Seitenwand der gläsernen Villa klammern konnte. Doch Spinnen fanden auf Glas wesentlich mehr Halt als sie. Sie rutschte ab, bis ihre Zehen und ihre Finger Halt fanden.

Elle klammerte sich an die Kante und tastete mit ihren Zehen, und als sie versuchte, aufs Dach zu gelangen, wünschte sie, sie wäre wenigstens ein paar Zentimeter größer. Ihr Herz blieb fast stehen, als sie auf die Felsen und das Meer rund dreißig Meter unter sich hinabstarrte und fürchtete, sie könnte das Dach nicht erreichen und würde hinunterfallen. Sie machte sich ein genaues Bild von der Entfernung über sich. Sie würde ihren Körper durch die Kraft in ihren Beinen mit Schwung nach oben stemmen und die Kante erwischen müssen. Mehr als diese eine Chance hatte sie nicht – und sie würde sie ergreifen.

Elle hatte auf der ganzen Welt Felsen und Berge bestiegen. Das rutschige Dach würde nicht ihr Untergang sein. Sie probte in Gedanken jede einzelne Bewegung und stieß sich dann ab; ihre kräftige Beinmuskulatur schleuderte sie in die Höhe. Ihre Hände packten zu und ihre Finger klammerten sich an das Dach und hielten sich daran fest. Sie stieß den Atem aus und sammelte Kraft, bevor sie ihr Bein über die Kante nach oben zog. Jetzt hatte sie Halt und konnte sich vollständig hochziehen.

Sie nahm sich einen Moment Zeit zum Verschnaufen und rannte dann leichtfüßig über das Dach zur anderen Seite des Hauses, wo Stavros sein Treffen hatte. Sie duckte sich, da sie wusste, dass sie sich in dem hellen Sonnenschein gegen das Dach absetzen würde und leicht zu sehen war. Sie sah, wie Sid vier Männer begleitete, die den Pfad zum Haus heraufkamen. Sie runzelte die Stirn und legte sich flach auf den Bauch. Die Männer trugen Motorradkleidung mit Abzeichen, die für ein Leben in der Illegalität standen, und einem kunstvollen Schwert, von dessen Klinge Blut tropfte. Sie sah diese Abzeichen nicht zum ersten Mal.

Kriminelle Motorradfahrer von einem der berüchtigtsten Clubs, der auf drei Kontinenten Zulauf fand, waren die Einzigen, die es wagen würden, das Symbol des Schwertes zu tragen. Manche behaupteten, die Ursprünge der Gruppe seien russisch, und sie breitete sich schnell über Europa auf die Vereinigten Staaten aus. Die Mitglieder waren brutal, vom Gefängnis abgehärtet und jederzeit bereit, wegen der kleinsten Beleidigung zu töten. Elle war mehrfach auf sie gestoßen, bei Fällen, in denen es um Waffengeschäfte und Rauschgifthandel ging, aber auch um Auftragsmorde. Der Club, der unter dem Namen »Das Schwert« bekannt war, erwarb sich schnell den Ruf, so gefährlich zu sein wie andere bestehende Verbrechervereinigungen. Festnahmen waren selten, da bislang nur eine Handvoll Zeugen eingewilligt hatten, gegen sie auszusagen. Und von diesen wenigen hatte nicht einer den Tag überlebt, an dem Evan Shackler, der berüchtigte Anführer des Clubs, ein Todesurteil verhängt hatte.

Was könnte Evan Shackler oder einer seiner Motorradfahrer auf der Insel eines reichen Schiffsmagnaten zu suchen haben? Und warum klopfte ihm Stavros auf den Rücken, als seien sie alte Freunde? Mehr als alte Freunde … Brüder? Sie begrüßten einander auf die traditionelle griechische Art, mit Küssen auf beide Wangen, was an sich noch kein Hinweis auf ein Verwandtschaftsverhältnis war, aber die Ähnlichkeit zwischen den beiden war gespenstisch. Als sie Seite an Seite liefen, konnte sie die enorme Ähnlichkeit erkennen, obwohl der Motorradfahrer, den sie für den Anführer hielt, mit seinem langen Haar und dem unrasierten Gesicht neben Stavros, dem Inbegriff der gut aussehenden Führungskraft, wüst und ungepflegt wirkte. In Körpergröße und Gewicht unterschieden sie sich kaum, und sie hatten die gleichen Eigentümlichkeiten in ihrer Körpersprache und bewegten sogar ihre Hände auf die gleiche Weise. Sie würde sich genauer ansehen müssen, was sie über Shackler und seine Leute in den Akten hatten, und eine exakte Überprüfung seiner Hintergründe vornehmen.

Aber wenn Shackler in irgendeiner Form mit Stavros verwandt war – und sie gab zu, dass dieser Gedankensprung recht kühn war –, konnte er dann ebenfalls übersinnliche Anlagen besitzen? Hatte Stavros seine Insel gesichert, um zu verhindern, dass ein Verwandter von ihm übersinnliche Fähigkeiten gegen ihn einsetzte? Das wäre möglich. Aber falls Stavros übersinnliche Gaben besaß, würde er sich doch wünschen, sie einsetzen zu können, ebenso wie sie und ihre Schwestern es zurückgezogen in ihrem Haus taten. Nicht ein einziges Mal war sie auf den Gedanken gekommen, ein Kraftfeld zu errichten, um dies zu verhindern. Also musste Stavros gute Gründe dafür haben, denn sonst hätte er es nicht getan.

Etwas traf ihre Schulter von hinten, ein heftiger Stich, der stark genug war, um sie herumzureißen. Der Klang eines Schusses drang in ihr Bewusstsein vor und dann erst merkte sie, dass sie getroffen worden war. Ein Blutfleck bildete sich auf ihrem Hemd und breitete sich an ihrem Arm nach unten aus.

Stavros wurde von Sid auf den Boden gestoßen und mit einer Hand festgehalten, damit er sich nicht rührte, während sich Sids Waffe auf jemanden hinter ihr richtete.

»Niemand rührt sie an!«, schrie Stavros. »Töte ihn. Erschieße ihn.«

Sid gab einen Schuss ab, und Elle hörte jemanden hinter sich fallen. Erst jetzt wurde ihr klar, dass Sids Waffe auf den Wächter gerichtet war, der auf sie geschossen hatte, und nicht auf sie. Schleunigst kroch sie über das Dach zurück, weil sie weder aufstehen noch ihren unbrauchbaren Arm benutzen konnte. Das Atmen fiel ihr schwer, doch sie schaffte es zur Dachkante über den Klippen. Ihr Körper tat so weh, dass sie glaubte, sie könnte es selbst dann, wenn sie es gewollt hätte, nicht wieder in das Zimmer schaffen. Sie durfte sich nicht von Stavros hier festhalten lassen. Sie würde sich nicht verteidigen können, und jetzt wusste sie, was er von ihr wollte. Er würde sie in diesem Haus festhalten, in diesem Gefängnis, und es würde ihr so ergehen wie den Frauen, denen sie zu helfen versucht hatte – Frauen, die in einer Welt gefangen waren, die Stavros’ Willen unterworfen war.

»Sheena!« Stavros war aufgesprungen. »Tu das nicht!«

Sid kletterte an der Seitenwand des Hauses hinauf. Er bewegte sich schnell, doch vor ihren Augen verschwamm alles, und sie wusste, dass sie springen musste, solange sie es noch konnte. Er würde sie erreichen, wenn sie den Mut nicht aufbrachte, einen Sprung ins Meer und zwischen die Felsen unter ihr zu riskieren. Wenn sie erst einmal aus dem Kraftfeld entkommen war, würde ihre Macht zunehmen. Also sprang sie in die Leere hinaus und hob ihren unverletzten Arm, um den Wind zu rufen.

Der Wind kam tosend angerauscht, stieß ihren schmalen Körper weiter hinaus und fort von den Felsen, ins willkommene Wasser. Hinter ihr hob Stavros die Arme und sandte einen Gegenbefehl aus. Der Wind, launisch wie immer, drehte sich und ließ sie die restlichen Meter fallen. Sie traf hart auf, und ihr Bewusstsein zersplitterte in eine Million Fragmente, als sich das kühle Wasser über ihrem Kopf schloss und sie in seine beschwichtigenden Arme aufnahm. Einen Moment lang glaubte sie, jemand sei neben ihr gelandet, und ein Arm streifte sie, doch dann versank sie, ohne sich dagegen zu wehren. Sie ließ sich vom Meer nach Hause bringen, weit fort von der Furcht und einem Leben, von dem sie nicht glauben konnte, dass es jemals ihres sein würde.

Jackson. Sie flüsterte innerlich seinen Namen, als sie davontrieb.

2.

Jackson Deveau trat durch die Tür auf die Veranda vor dem Haus und starrte die brodelnden Wolken an, die sich über der aufgebrachten See zusammenbrauten. Der Sturm zog schneller heran als vorhergesagt, wie so oft an der Küste im Norden Kaliforniens. Nebelfetzen, die der zunehmende Wind vor sich her stieß, hatten die Küste bereits erreicht und hüllten sie in nassen grauen Dunst.

Sie war irgendwo dort draußen. Allein. Am Leben. Er wusste, dass sie am Leben war. Sie musste am Leben sein. Elle Drake, die jüngste der Drake-Schwestern, war mittlerweile schon seit einem Monat verschollen. Etwas Furchtbares war ihr zugestoßen, denn sonst hätte sie sich gemeldet. Ihr Agentenjob hatte sie in das schmutzigste Milieu überhaupt geführt – den Menschenhandel –, und irgendwie hatten ihre Betreuer sie verloren. Ihrer Familie war mitgeteilt worden, dass sie für tot gehalten wurde, aber das glaubte er ebenso wenig wie ihre Schwestern. Er hätte es gewusst, wenn sie tot wäre. Ihre Schwestern hätten es gewusst. Die Drakes waren durch übernatürliche Bande miteinander verknüpft, und obwohl Elles Schwestern aufgrund ihres Verschwindens am Boden zerstört waren, waren sie sich einig, dass sie noch am Leben war. Alles andere würde er nicht glauben – er durfte es nicht glauben.

Also musste er sie finden. Heute noch. Falls ihre Deckung aufgeflogen war – und das war sehr wahrscheinlich –, würden diejenigen, die sie gefangen hielten, sie so weit wie möglich von den Vereinigten Staaten fernhalten, wenn sie sie nicht gleich umbrachten. Ihre Familie hatte zahllose Male versucht, mit ihr in Kontakt zu treten. Er selbst hatte es auch versucht, aber ihnen allen war es misslungen, auch nur den geringsten Anhaltspunkt dafür zu finden, wo sie sich aufhielt. Fast ein Monat war vergangen, seit er ihre leise Stimme gehört hatte. Und jedes Mal, wenn er seinem inneren Ohr ihren Ruf erneut vorspielte, war er sicher, dass sie furchtsam gewirkt hatte. Und dabei gab es so gut wie nichts, wovor Elle sich fürchtete.

Das Unwetter würde sie mit dem dringend benötigten Energieschub versorgen, und der Plan war denkbar einfach. Sie alle würden sich in Elles geschütztem Haus versammeln, dem Heim ihrer Ahninnen, und sie würden die geballte Energie des Unwetters bündeln, sie ins Universum hinaussenden und Elle finden. Und genau das würde passieren, eine Alternative war undenkbar.

Er stieß einen Pfiff aus und Bomber, sein Hund, kam um die Hausecke gesprungen und lief mit ihm zu seinem Pickup. Der große Deutsche Schäferhund sprang hinein und machte es sich auf dem Sitz neben ihm bequem. »Heute, Kleines«, flüsterte er in den Wind und ließ ihn seine Worte davontragen.

Die Fahrt durch Sea Haven war ihm inzwischen vertraut. Er war in den kleinen Küstenort gezogen, nachdem er erst beim Militär als Ranger gedient und dann, gemeinsam mit seinem Freund Jonas Harrington, beim Rauschgiftdezernat gearbeitet hatte. Mehr als einmal hatte sich die Situation teuflisch zugespitzt, sowohl beim Militär, als er in Gefangenschaft geraten war, als auch später bei einer verdeckten Ermittlung. Jonas hatte nach Hause gehen wollen, nach Sea Haven, und er hatte Jackson überredet, mit ihm zu kommen. Er hatte einen Posten im Büro des Sheriffs angenommen und überwachte die Küste; lange Zeit war ihm nicht klar gewesen, wie sehr ihm die Bewohner von Sea Haven ans Herz gewachsen waren. Er war ein wortkarger Mann, der so schnell keine Freundschaften schloss, doch in der kleinen, fest zusammengewachsenen Gemeinde war er aufgenommen worden. Die Leute akzeptierten ihn.

Die ganze Ortschaft betrauerte Elle Drakes Verschwinden, nicht nur ihre Familie und er. Er nahm Stille wahr, als er durch die Straßen fuhr, sogar eine Art Grauen. Wohin er auch blickte, sah er die kleinen gelben Bänder wehen, an Geschäften und Privathäusern, an Zäunen und Bäumen. Eine von ihnen war verschollen und sie alle wollten, dass sie wieder nach Hause kam. Der Wind trieb weiterhin Nebel vor sich her, bis der dichte graue Dunst auch über der Küstenstraße lag und sich auf seiner Windschutzscheibe absetzte. Hoffnungslosigkeit hing wie eine Wolke über ihm, als er die Schnellstraße bis zu der gewundenen Auffahrt nahm, die zum Anwesen der Drakes hinaufführte.

Das mehrstöckige Haus stand auf einer Klippe, umgeben von Bäumen und einem wunderschönen, farbenprächtigen Garten, dessen Pflanzen sogar im tiefsten Winter wuchsen und blühten. Als Erstes vernahm er die Musik von Windspielen, die in ihrer Vielfältigkeit Tonfolgen erzeugten, welche ihm die furchtbare Last von der Brust zu nehmen schienen. Das zweiflügelige schmiedeeiserne Tor war geschlossen, und er hielt am Fuße des Hügels an und musterte eingehend die Symbole und die Worte, die sowohl auf Latein als auch in italienischer Sprache eingemeißelt waren. Vereint werden die sieben eins.

Die Drakes verfügten über eine Magie, die nur die wenigsten Menschen besaßen, und wenn sie zusammenkamen, konnten sie ganz außerordentliche Dinge erreichen. Jackson empfand sie alle als außergewöhnliche Frauen. Irgendwie war er durch Jonas in ihren Kreis eingeführt worden.

Elle. Er lehnte seine Stirn ans Steuer und bekämpfte seine Angst um sie mit gezielten Atemübungen. Er selber war Kriegsgefangener gewesen, und es hatte nicht allzu viel Hoffnung bestanden, dass ihn jemand finden würde. Man hatte ihn damals im Abstand von wenigen Tagen verlegt, und da er in dem Ruf stand, ein glänzender Scharfschütze zu sein, hatten diejenigen, deren Gefangener er war, nicht die Absicht gehabt, ihn auszuliefern, noch nicht einmal aus politischen Gründen. Die Narben von den Folterungen jener langen Wochen waren auf seiner Haut zu sehen, doch sie gingen noch viel tiefer. Es war nicht gerade so, als hätte er in jenen Zeiten viel gehabt, wofür es sich zu leben lohnte, und er hatte auch nicht an viel geglaubt. Bis eine Stimme in seinem Kopf zu flüstern begann und ihm sagte, er solle leben. Er solle kämpfen. Er sei nicht allein.

Anfangs hatte er geglaubt, er sei dabei, den Verstand zu verlieren. Diese Stimme war sanft – weiblich –, und im Lauf der Zeit wurde sie sinnlich. Er liebte den Klang ihrer Stimme. Elle. Seine geheimnisvolle, ätherische Elle Drake. In seinem Schmerz hatte er irgendwie die Verbindung zu ihr hergestellt, und ihr war es gelungen, ihn zu finden. Er verstand diese Verbindung zwischen ihnen nicht, aber er wusste, dass sie zu ihm gehörte. Sie war für ihn bestimmt. Er war Jonas nach Sea Haven gefolgt, um sie zu sehen, dass sie wirklich existierte. Und sowie er sie gesehen hatte, hätte er Manns genug sein müssen, um fortzugehen, aber er konnte es nicht. Er seufzte. Die Lasten der ungelösten Probleme, die er mit sich herumtrug, waren viel zu gefährlich. Er musste eine Möglichkeit finden, diese Dinge aus der Welt zu schaffen, bevor er Ansprüche auf die Frau erhob, von der er wusste, dass sie für ihn bestimmt war.

Das große Vorhängeschloss am Tor fiel aus eigenem Antrieb auf den Boden, und die Flügel des Tores schwangen auf. Das bereitete ihm eine immense Genugtuung. Das Tor der Drakes öffnete sich nur für diejenigen, die zur Familie gehörten. Niemand wusste, wie es die Familienmitglieder und deren Männer erkannte, aber das Haus, das denen Schutz geben konnte, die sich in ihm aufhielten, hieß ihn willkommen.

»Siehst du, Elle?«, flüsterte er. »Sogar dein Haus sagt, dass es an der Zeit ist.« Der Zeitpunkt war sogar schon überschritten. Er hätte schon vor langer Zeit aktiv werden sollen, einen Krieg beginnen oder ihn vielmehr beenden und sie dann für alle Zeiten an sich binden sollen. Wenn er das getan hätte, wäre es gar nicht erst so weit gekommen.

Er fuhr die Straße zum Haus hinauf und bemerkte, wie üppig und grün und wie wunderschön hier immer alles war. Das Haus ragte vor ihm auf, ein altes Haus, das ohne einen Sprung in der Farbe im Wind und in der salzigen Gischt stand und so aussah, als sei es gerade erst gebaut worden. Er fuhr um das Haus herum zu den Parkplätzen hoch oben über dem Meer. Einen langen Moment stand er da und starrte in das brodelnde dunkle Wasser hinab. Manchmal glitzerte das Meer ganz sanft, aber heute Abend schien es zornig und aufgewühlt zu sein und gut zu seiner Stimmung zu passen.

Wellen krachten gegen die Felsen, weißer Schaum sprühte hoch in die Luft auf, mit einem Donnergetöse, das in seinem Kopf widerhallte. »Elle, Kleines, wo bist du?«, flüsterte er in den Wind. Er brauchte dringend eine Antwort.

»Jackson.« Jonas Harrington blieb hinter seinem Freund stehen. Er kannte ihn gut genug, um ihn als Vorwarnung bei seinem Namen zu nennen und sich nicht lautlos von hinten anzuschleichen.

Jackson drehte sich halb zu ihm um, und ihm war anzusehen, dass er von Anfang an gewusst hatte, dass Jonas da war.

»Ich hätte sie zurückhalten müssen«, sagte Jackson. »Ich wusste, dass sie sich auf etwas Gefährliches eingelassen hatte, und ich hätte sie davon abhalten müssen.«

Jonas schüttelte den Kopf. »Die Drakes sind nicht so leicht aufzuhalten.« Doch schon während er das sagte, wusste er, dass Jackson ihm niemals zustimmen würde. Er war wie ein Krieger aus früheren Zeiten. Elle war die Frau für ihn, und er sah es als seine Pflicht, sein Privileg und sein Recht an, auf sie aufzupassen. Er interessierte sich nicht im Geringsten für Frauenrechte, Sitten oder gesellschaftliche Gepflogenheiten. Jackson hatte seinen eigenen Ehrenkodex. Elle war die Frau für ihn, und es war seine Sache, dafür zu sorgen, dass ihr nichts zustieß. Diese Pflicht hatte er vernachlässigt, und kein Argument war ihm gut genug oder würde es jemals sein.

»Sie ist am Leben, Jonas, das weißt du selbst, und ihre Tarnung muss aufgeflogen sein, was heißt, dass ihr Leben in Gefahr ist. Wo auch immer sie ist, sie tun ihr weh und sie müssen sie töten, nachdem sie alles, was sie weiß, aus ihr herausgeholt haben.«

Jonas musterte seinen Freund. Jackson war ein Cajun, mit breiten Schultern, sehnigen Armen, einer breiten, muskulösen Brust und klugen, abweisenden Augen – schwarzer Obsidian, der erbost funkelte oder absolut ausdruckslos und kalt blieb und keinerlei Gefühlsregung erkennen ließ. Sein dichtes, ungebärdiges, welliges Haar war mitternachtsschwarz. Narben verliefen über sein Gesicht und seinen Hals und verschwanden in seinem Hemd. Seine Züge waren von brutaler Gewalttätigkeit, aber auch von einer Stille gezeichnet, die über seine blitzschnellen Reflexe hinwegtäuschte.