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Utrecht in den 90er-Jahren: Eine Hausbesetzergang knackt ein uraltes, bezauberndes Altstadthaus. Drinnen spukt es, manchmal brechen unerklärliche Brände aus. Außen ist die Besetzung ständig von Räumkommandos bedroht. Und völlig unerwartet wird der Kampf um Springweg 23 zu einem Symbolkampf der alternativen Szene, der die gesamten Niederlande in Atem hält. Markus Pfeifer erzählt diese autobiografische Geschichte mit Wärme, Gelassenheit, als säße man zusammen vor einem knisternden Holzofen in einem Abrisshaus.
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Seitenzahl: 135
Veröffentlichungsjahr: 2026
Über das Buch:
Utrecht in den 90er-Jahren: Eine Hausbesetzergang knackt ein uraltes, bezauberndes Altstadthaus. Drinnen spukt es, manchmal brechen unerklärliche Brände aus. Außen ist die Besetzung ständig von Räumkommandos bedroht. Und völlig unerwartet wird Springweg 23 zu einem Symbolkampf der alternativen Szene, der die gesamten Niederlande in Atem hält.Markus Pfeifer erzählt diese autobiografische Geschichte mit Wärme, Gelassenheit und einem gut gereiften Lächeln.
Minibio:
Markus Pfeifer, geboren 1975 in den Dolomiten. Aufgewachsen ebenda. Lebte lange Jahre in den Niederlanden und Madrid. Danach zog er nach Hamburg und fand es dort eigentlich ganz super, aber dann entschied er sich doch für Berlin, wo er seit 2008 lebt. Jetzt ist er ganz deutsch geworden.
Seit 2003 betreibt er ein semi-literarisches Weblog mit dem Namen »es regnet« unter mequito.org. Dort erscheinen neben Tagebucheinträgen auch regelmäßig kurze Geschichten.
Er wurde mal für einen Literaturpreis nominiert. Gewonnen hat er aber nie etwas. Früher las er Texte oft vor Publikum, und einige Geschichten wurden in Anthologien veröffentlicht. Und sonst leitet er eine kleine Internetfirma.
Hobbys: Bierbrauen, die Arktis, Reisen, Astronomie, Radfahren, Pomaden, Wandern, mechanische Tastaturen, seine Hündin und Hertha BSC.
Impressum:
Markus Pfeifer / edition schelf
Wollankstr. 131a
13187 Berlin
Mail: mequito.org/briefkasten
Lektorat
Klaus Ungerer
Umschlagfoto
Markus Pfeifer
Grafik
Anusch Thielbeer
anusch-thielbeer.de
Springweg brennt
Markus Pfeifer
1. Auflage, Berlin, März 2025
Alle Rechte am Text liegen bei Markus Pfeifer, Berlin.
Markus Pfeifer
Springweg brennt
Novelle
Es war Anfang Dezember 1995, als ich am Bahnhof Utrecht Centraal ankam. Das Thermometer zeigte tief in den Minusbereich, es wehte ein eisiger Küstenwind bis ins Landesinnere herein, die Grachten waren zugefroren, und die Menschen hasteten von den Zügen in Autos oder Geschäfte und Häuser.
Mir machte das alles nichts aus, ich war zwanzig Jahre alt und hatte das Gefühl, endlich in Freiheit angekommen zu sein. Das war die neue Welt, in der ich bleiben würde. Die kleinen Häuser, die fremde Sprache auf den Anzeigentafeln und ihr Klang in meinen Ohren, die kurzen schnellen Züge, die freundlichen, ruhigen Menschen. Dieses Utrecht legte sofort einen Glitzer über mich.
Bart hatte mir detaillierte Anweisungen gegeben, wie ich zu seinem Haus in der Lanslaan gelangen würde. Dieses Haus war kein gewöhnliches Haus, sondern ein besetztes Schulgebäude in einem Randbezirk der Stadt, zwischen großen Alleen und grauen Wohnhochhäusern der Siebzigerjahre, in einer kleinen, verschlafenen Siedlung aus einstöckigen Reihenhäusern. Dort stand dieses L-förmige Schulgebäude, ohne Stockwerke, nur zwei lange Gänge, aus denen die Klassenräume abzweigten.
»Hi« sagte Bart und schüttelte mir die Hand. Er zeigte mir das Gästezimmer, das war ein unbeheizter und fensterloser Raum, der früher vermutlich eine Abstellkammer gewesen war. Das Zimmer war trotzdem geräumig und auch hell, da es zum Gang hin zwei große Fenster und an der Decke ein Oberlicht besaß. Nur konnte ich nicht nach draußen schauen, das war weniger romantisch. Vormittags lag ich oft im Schlafsack, las Bücher, ich hatte ständig eine gefrorene Nase. Und es liefen den ganzen Tag Menschen an den Fenstern vorbei. Ein Stück weiter den Gang hoch gab es nämlich ein Atelier und ein Musikzimmer. Deswegen hängte ich irgendwann zwei große Schals auf.
In der Woche vor Weihnachten gingen wir Schlittschuhlaufen. Das Eis auf den Grachten war mittlerweile dick genug, um die halbe Stadt auf sich zu tragen. Auf der Oude Gracht konnte man sich an den Kaimauern ausruhen und einen Glühwein trinken. Über Nacht schmissen die Leute Kühlschränke von den Brücken auf das Eis. Die Eisschicht war aber zu dick, um unter dem Aufprall der Kühlschränke nachzugeben. Überall in der Stadt lagen die Kühlschränke unter den Brücken. Ich weiß nicht, was es damit auf sich hatte.
An den Weihnachtstagen saß ich mit einigen fremden Leuten im Wohnzimmer dieses Schulgebäudes und wir wärmten uns an einem Gasofen, der für die Größe der Küche ziemlich unterdimensioniert war. Aber es war nicht die Schuld des Ofens, es war die Schuld des Raumes, Räume, die für Schulklassen entworfen sind, sind riesig, niederländische Haushaltsgasöfen können solche Räume nicht beheizen, zudem waren diese meterhohen Fenster nur einlagig verglast. Das verstand ich nicht, die Niederlande liegen schließlich nicht in Südeuropa, die Kinder mussten doch frieren. Mir war jedenfalls nicht warm.
Ehrlich gesagt, war das eine deprimierende Zeit. Ich fühlte mich einsam. Bart war ein sehr ernsthafter politischer Aktivist, der nur wenig Freude aus menschlicher Interaktion zog. Ich hatte ihn und seine damalige Freundin Saskia im vorangegangenen Sommer auf einem Festival in Rovereto kennengelernt. In meinem Freundeskreis hatten die Leute gerade das Abitur abgeschlossen, sie hatten sich für die Unis in Wien oder Bologna eingeschrieben, manche gingen nach Mailand oder nach München. Ich hingegen hatte nur eine abgebrochene Druckerlehre in der Tasche. Die Aussicht darauf, meinen Freunden in ihr Studentenleben nach Wien zu folgen, betrübte mich, für sie war es ein Aufbruch in ein neues Abenteuer, für mich war dieses Leben als Student in einer überteuerten WG in dieser Stadt der schlechtgelaunten Menschen aber eine grauenvolle Vorstellung. Und dennoch zog ich nach Wien.
Bart wusste von alledem nichts, weil wir uns aber gut verstanden, hatte er mir seine Adresse gegeben. Ich solle ihn doch mal besuchen kommen, sie hatten in ihrer besetzten Schule ein Gästezimmer, es stünde mir offen. Die Adresse eines besetzten Hauses in Utrecht, Niederlande. Das hatten die anderen nicht.
Nun war ich keineswegs in der Annahme nach Utrecht gereist, dass Bart mein Freund werden würde, ich war schlichtweg froh, einen Anlaufpunkt zu haben, eine Perspektive zu haben, das war alles, was ich brauchte. Dass Bart und ich aber nach dem sehr netten Abend auf dem Festival in Rovereto überhaupt nicht mehr anknüpfen konnten, erstaunte mich dennoch. Auch die anderen Bewohner zeigten wenig Interesse. Ich war ja noch sehr jung, die Bewohner waren sicherlich 25 Jahre alt und darüber. Bart hätte ich auf 30 geschätzt. Sie hatten alle ihr Leben, ihr Studium, ihren Freundeskreis, ihre Meetings. Für sie war ich einfach der soundsovielte fremde Gast aus irgendeinem europäischen Land, der sein Glück suchte.
Vielleicht war es auch kulturbedingt, man sagt den nördlichen Völkern nach, mehr in sich gekehrt zu sein, allerdings schreibt man ihnen auch zu, weniger oberflächlich zu sein. Natürlich sind das Klischees, aber mit Klischees erklärt man sich die Dinge. Mich störte diese In-sich-Gekehrtheit keineswegs. Zum einen wusste ich, dass es lediglich eine Frage der Zeit war, bis ich Freunde gemacht haben würde, und andererseits wollte ich Teil dieser Welt sein. Wenn diese Welt in sich gekehrt war, dann würde ich das auch gut finden.
Abends ging ich oft in die Kneipe am Ledig Erf. Jemand aus der Lanslaan hatte mir die Kneipe gezeigt. Da konnte ich bis tief in die Nacht sitzen und es störte niemanden, wenn ich nur ein einziges Bier trank. Ich hatte eine Million Lire von meiner Druckerlehre übrig. Das war etwas mehr als ein Lehrlingsgehalt. Wenn ich sparsam damit umging, konnte ich sicherlich drei Monate davon leben. Die Tische hatten eingelassene Schachbretter, man konnte dort stundenlang sitzen und Schach spielen. Mit Leuten, die man nicht kannte. Man setzte sich zusammen und spielte. Manchmal redete man. Manchmal nicht. Meiner ständig gefrorenen Nase taten diese Abende gut.
Dienstags und freitags war das ACU in der Voorstraat geöffnet. Das ACU befand sich ein ganzes Stück weiter stadteinwärts, für mich war das ACU aber ein wichtiger Bezugspunkt. Dort gab es neben billigem Bier auch die Besetzersprechstunde, dort würde ich andere Hausbesetzer treffen und solche, die auf Wohnungssuche waren, also jene Leute, mit denen ich mich zusammenschließen wollte. In den letzten drei Jahren hatte ich eine Obsession für besetzte Häuser entwickelt. Ich hatte mich oft in Mailand und in Padova herumgetrieben. Dort hing ich in den besetzten Centri Sociali ab, besuchte Punkkonzerte, trank viel, kiffte viel, ich nahm sogar an der berühmten Wiederbesetzung des Leoncavallo teil. Einmal ging ich für mehrere Monate nach Berlin. Das war eine ungemein aufregende Stadt mit einer richtig lebendigen Subkultur. Diese riesigen, angemalten und romantisch verfallenen Altbauten wurden zu einem Sehnsuchtsort. Ich verstand sofort, wie wichtig es war, Immobilien dem Markt zu entziehen, sie in Eigenregie zu führen, die Gestaltungsmöglichkeiten, die man darin hatte, ohne den Marktdruck der Mieten, Räume zu schaffen. Für Kneipen, Ateliers, Ausstellungsräume, Werkstätten, Proberäume. Aber in Berlin rutschte ich richtig ab. Dahin wollte ich vorerst nicht zurück.
Das ACU wurde in den Siebzigern besetzt und damit eines der ältesten besetzten Häuser der Stadt und wegen der Kneipesowie den vielfältigen Veranstaltungen ein wichtiger Ankerpunkt der Szene. Im ACU liefen die Dinge konspirativ ab. Ich saß meistens in einer Ecke und las politische Schriften, dabei war ich so aufgeregt und war so darauf erpicht, Menschen kennenzulernen, mit denen sich Häuser besetzen ließen, dass ich mich nicht auf das Gelesene konzentrieren konnte.
Eines Tages kamen Greetje und Maarten auf mich zu. Greetje war eine kleine Frau in meinem Alter. Sie hatte rote Backen und ihr blondes Haar zu einem langen Zopf gebunden. Sie hätte einem deutschen Heimatfilm entsprungen sein können. Dazu trug sie eine Jogginghose mit schweren Springerstiefeln und einen schäbigen Pullover. Maarten hingegen war zwei Meter groß, sehr schlaksig und mehr der Hippietyp. Er hatte lange Haare und trug eine Kette aus Leder, an der ein großes, rundes Symbol, das einer Sonne ähnelte, hing.
»Hey« wurde ich unvermittelt auf Englisch angesprochen »Du bist der Typ aus Italien? Du suchst jemanden zum Besetzen, haben wir gehört«.
»Ja.«
»Lass uns ein Bier trinken«, sagte Maarten.
»Mein Niederländisch ist aber nicht gut. Mein Englisch auch nicht, um ehrlich zu sein.«
»Das wissen wir schon.«
Wir stießen an, redeten über Musik und Südtirol. Niederländer konnten damals nichts mit Südtirol anfangen. Tirol war Österreich, und dass es Minderheiten in Italien gab, war ihnen fremd. Ich erzählte vom Leoncavallo und von Berlin. Berlin fanden sie toll, da waren sie beide schon einmal. In Italien auch, aber nicht in Mailand.
Greetje und Maarten wohnten als Gäste in einem kleinen besetzten Haus in Lombok, also im Viertel westlich des Hauptbahnhofs. Dort wurden Anfang der Neunziger ganze Straßenzüge besetzt. Der vordere Teil Lomboks war eigentlich zum Abriss freigegeben, aber dann zogen hunderte junger Menschen in die leeren Häuser ein und das ganze Abrissprojekt kam zum Erliegen.
Ich wurde in jenem Januar einmal zu einer Geburtstagsparty in das Haus von Greetje und Maarten eingeladen. Die Häuser waren nicht viel mehr als zwei oder drei Zimmer über zwei Stockwerke verteilt. Darin noch eine kleine Küche und eine unfassbar steile Holztreppe. Manche dieser Häuser hatten ein zusätzliches Obergeschoss mit zwei weiteren Zimmern. Ich liebte es. Das war meine neue Heimat.
Ich saß auf einem Sofa, trank Gin Tonic, hörte seltsamen holländischen Pop und redete in schlechtem Englisch und drei Wortfetzen Niederländisch mit den Leuten. Ich hatte das erste Mal das Gefühl, so etwas wie Freunde zu haben.
Es war Greetje, die mir eines Nachts etwas zeigen wollte. Das ACU würde bald schließen und Greetje fragte mich:
»Kennst du eigentlich das alte Spukhaus am Springweg?«
»Nein, kenne ich nicht.«
»Komm, trink aus, wir fahren ein Stück.«
Wir stiegen auf die Fahrräder und so brachte sie mich in einen düsteren, vergessenen Winkel. Der Springweg ist eine lange, etwas abgelegene Straße in der südwestlichen Altstadt. Er läuft parallel zur Oude Gracht, die ihrerseits so etwas wie die Lebensader der Stadt ist. Wo heute der Springweg läuft, gab es schon zur Römerzeit und vermutlich sogar früher einen Pfad. Man muss sich das so vorstellen, was heute die Oude Gracht ist, war früher ein befahrbarer Arm eines Rheinausläufers und der Springweg war der Weg, der sich an dessen festen Ufern entlangschlängelte. Danach hat man diese Struktur einfach mit Stadt ergänzt. Der Springweg ist somit einer der ältesten Teile der Stadt. Es gab nur vereinzelte Laternen, die Straße war grob gepflastert, die Häuser standen eng beieinander, sie waren nur zweistöckig und hatten fast alle diese spitzen Dächer. Aus südlicher Richtung hörte ich ein Quietschen. Es kam uns eine dunkel gekleidete Person auf dem Lastenrad entgegen. Die Ladefläche des Transportvehikels war schwer beladen. Es sah wie kleine Möbel aus, oder Schrott. Vermutlich war es einer von den Krämern, die immer diese großen Lastenräder fuhren. Die Gestalt trug eine auffällige Kopfbedeckung, ich konnte in der Dunkelheit aber die Details nicht erkennen. Es ließ mich an eine Pestmaske denken. Ich vergaß kurz, in welchem Jahrhundert wir uns befanden. Die Person fuhr langsam. Sie beobachtete uns. Als sie näher herangekommen war, erkannte ich das Gesicht eines alten Mannes. Seinen Kopf und Teile des Gesichtes hatte er in einen Schal gewickelt. Es war kalt. Im Vorbeifahren schaute er uns lange an. Wir gaben uns harmlos, grüßten. Er erwiderte den Gruß aber nicht.
Von der Haverstraat her liefen wir an einer langen Mauer entlang. Am Ende dieser Mauer stand ein kleines, ziemlich heruntergekommenes Haus. Ein typisches Utrechter Haus, aus der Zeit um 1500, dem man im 19. Jahrhundert ein Obergeschoss obendrauf gebaut hatte. Drei Geschosse nur, ein Erdgeschoss, ein Obergeschoss und ein Dachgeschoss mit einem spitzen Giebel. Rechts schloss das Haus an der langen Mauer an, hinter dem sich das Gelände des ehemaligen deutschen Ritterordens befand, das Duitse Huis, also das Deutsche Haus. Links am Gebäude zog sich ein enger Steg entlang, der mittels eines Gitters abgesperrt war. Vom Gitter aus sah man das Hinterhaus, bei dem es sich um eine Scheune zu handeln schien.
Ich mochte das Haus auf Anhieb. Es bot Raum für fünf oder sechs Menschen, das war genau die Größe, die ich suchte. Ich wusste mittlerweile, wie ich nicht mehr wohnen wollte. Nicht mehr in großen Häusern wie es in Berlin oder Mailand üblich war, ich wollte nicht mehr mit Künstlergruppen zusammenleben, da ich Künstlergruppen als sehr anstrengend empfand, und auch nicht mit Trinkergruppen, da ich selber schon so viel trank und mich Trinkerwohngemeinschaften unheimlich herunterzogen und lähmten. Ich suchte wohl so etwas wie eine kleine Familie, einen Holzofen und eine große Küche.
Ich fragte Greetje, warum mir bisher noch niemand von diesem Haus erzählt hatte. Sie ignorierte die Frage.
»Hast du Bock drauf? Maarten kennt es schon.«
Und so zogen wir an einem eiskalten Januarmorgen zum Springweg los, noch vor Anbruch der Dämmerung, um an der Hausnummer 23 die Türen aufzubrechen. Wir waren etwa fünfzehn Leute. Wir stellten die Fahrräder in sicherem Abstand ab, ich steckte Vorschlaghammer und Brechstange unter die Jacke und schritt auf die Tür zu. Es waren eigentlich zwei Türen, eine für das Vorderhaus und eine für den Seitenflügel sowie dem Hinterhaus. Die Türen ließen sich öffnen wie Pizzakarton. Nachdem ich die Türen aufgebrochen hatte, montierte ein gewisser Alex, mit dem ich zusammen die
bescheidene Brechtruppe bildete, sofort ein dickes Schiebeschloss auf die Innenseite der Tür. Der Rest unserer Leute stand, mit Thermoskannen und Decken gerüstet, an verschiedenen Ecken Schmiere. Auf Alex’ Pfeifen hin liefen alle gleichzeitig los und drangen ins Haus ein. Der Riegel ging zu: Gekraakt! Besetzt. Es lief alles sehr effizient ab.
Es war nicht unwichtig, sich an bestimmte Formalitäten zu halten. In den Niederlanden gab es einen Gerichtsbeschluss aus den Siebzigerjahren, der eine Hausbesetzung grundsätzlich straffrei stellte und unter gewissen Bedingungen erlaubte, deswegen kam es im Laufe der Jahre zu einem rechtlichen Rahmenwerk, in dem man sich bewegen konnte. Beispielsweise rief man nach der Besetzung immer sofort die Polizei an. Dies um zu verhindern, dass die Polizei von Bürgern oder Passanten gerufen würde. In diesem Fall galt der Einbruch als Straftat und man war formell auf frischer Tat ertappt. Meldete man den Einbruch selber und konnte dabei den Leerstand nachweisen, galt es als Hausbesetzung und war straffrei.
Im Laufe des Tages wurden im Regelfall Polizisten geschickt, die den Leerstand feststellten. Als Besetzer übergab man der Polizei ein Schreiben für den Staatsanwalt, in dem der Name des Eigentümers und die Dauer des Leerstandes vermerkt stand. Unsere Eigentümer waren vier verschiedene Erben, denen das Haus von der vorigen Bewohnerin, die kinderlos geblieben war und bis zu ihrem Tod in dem Haus gewohnt hatte, vermacht wurde. Die Erben lebten im Südwesten der Niederlande. Mehr ließ sich darüber nicht herausfinden. Mit etwas Glück lagen sie im Streit und wir würden lange Zeit dort wohnen bleiben können.
Und dann war es Sache des Staatsanwaltes, über den weiteren Verlauf zu entscheiden. Die Gesetzeslage sah vor, dass Häuser, die ein halbes Jahr leer standen, besetzt werden durften und man Recht auf Gas, Wasser und Strom erhielt.
Um die Besetzung zu verhindern, musste der Eigentümer nachweisen, dass er das Haus vermietet hatte oder Bauarbeiten stattfanden oder es anderweitig benutzt wurde. War der Staatsanwalt davon
