Star Trek - Seekers 1: Zweite Natur - David Mack - E-Book

Star Trek - Seekers 1: Zweite Natur E-Book

David Mack

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Beschreibung

Eine neue Mission: das späte dreiundzwanzigste Jahrhundert – das goldene Zeitalter der Erforschung durch die Sternenflotte. Im verzweifelten Versuch, den Vorteil gegenüber ihren Rivalen zu wahren, schickt die Föderation zwei Schiffe – den Aufklärer Sagittarius und den Kreuzer Endeavour – in die Taurus-Region, um die Geheimnisse des riesigen Gebiets zu ergründen. Dort entdeckt die Besatzung der Sagittarius die Tomol – eine Spezies, deren Mitglieder mit Erreichen des Erwachsenenalters rituellen Selbstmord begehen. Bevor sie die Tomol jedoch aus dem Kreislauf der Selbstzerstörung befreien können, muss sich die Crew zunächst selbst retten – vor dem niederträchtigsten klingonischen Captain, den es jemals gegeben hat.

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ZWEITE NATUR

DAVID MACK

Story vonDavid Mack, Dayton Ward & Kevin Dilmore

Based onStar Trekcreated by Gene Roddenberry

Ins Deutsche übertragen vonSusanne Picard

Die deutsche Ausgabe von STAR TREK – SEEKERS: ZWEITE NATURwird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern, Übersetzung: Susanne Picard; verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Jana Karsch & Gisela Schell;Satz: Rowan Rüster/Amigo Grafik; Cover Artwork: Rob Caswell;Print-Ausgabe gedruckt von CPI Moravia Books s.r.o., CZ-69123 Pohorelice. Printed in the Czech Republic.

Titel der Originalausgabe: STAR TREK – SEEKERS: SECOND NATURE

German translation copyright © 2017 by Amigo Grafik GbR.

Original English language edition copyright © 2014 by CBS Studios Inc. All rights reserved.

™ & © 2017 CBS Studios Inc. STAR TREK and related marks and logos are trademarks of CBS Studios Inc. All Rights Reserved.

This book is published by arrangement with Pocket Books, a Division of Simon & Schuster, Inc., pursuant to an exclusive license from CBS Studios Inc.

Print ISBN 978-3-95981-437-9 (Oktober 2017) · E-Book ISBN 978-3-95981-438-6 (Oktober 2017)

WWW.CROSS-CULT.DE • WWW.STARTREKROMANE.DE • WWW.STARTREK.COM

Gewidmet dem Andenken an den SchauspielerMichael »Kang« Ansara

Inhalt

HISTORISCHE ANMERKUNG

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

DANKSAGUNGEN

HISTORISCHE ANMERKUNG

Diese Geschichte findet im August 2269 statt, ein paar Monate nachdem das Raumschiff Enterprise von einer Rettungsmission auf Camus II (»Gefährlicher Tausch«) zurückkehrte und ungefähr sechs Monate nach der Zerstörung der Sternenbasis 47 (STAR TREK – VANGUARD»Sturm auf den Himmel«).

Wen die Götter lieben, den lassen sie jung sterben.

Menander, griechischer Poet (341–290 v. Chr.)

KAPITEL

1

Der Anblick ihrer Tochter hätte Nimur beinahe das Unheil vergessen lassen, das vor ihr lag. Das kleine Mädchen sah mit unschuldiger Freude zu ihr auf und hatte die goldenen Augen weit geöffnet, um eine Welt in sich aufzunehmen, in der jedes Detail neu und aufregend war. Nimurs Finger strichen über den daunenweichen, silbrigen Flaum, der die türkisgrüne Kopfhaut ihres Neugeborenen bedeckte und folgten dann den Spuren von blassgelben Flecken, die sich um die Ohren des Mädchens herumwanden und am oberen Nacken zusammenfanden, um dann den Rücken herabzulaufen. Die gleiche Farbe und das Muster, das allen Tomol zu eigen war.

Kerlo, der Vater des Mädchens, legte seine Hände auf Nimurs Schultern. »Sie braucht einen Namen.«

Nimur wandte den Kopf, um ihren Gefährten anzulächeln. »Ich dachte da an ›Tahna‹.«

Der Vorschlag entlockte Kerlo ein bittersüßes Lächeln. Es war der Name einer ihrer besten Freundinnen, die erst kürzlich der Reinigung anheimgefallen war. »Wenn er dir gefällt, bin ich einverstanden.«

Er setzte sich neben Nimur und kitzelte das Baby am Bauch und an den Sohlen der plumpen Füßchen. Tahna quietschte und gab Laute des Entzückens von sich. Sie wedelte mit ihren zarten Gliedern, während ein strahlendes Lächeln sich auf ihren Zügen breitmachte.

Doch das hübsche, schmale Gesicht ihres Vaters wurde düster. »Hast du schon daran gedacht, wen wir als …«

Nimurs böser Blick ließ ihn mitten im Satz verstummen. »Darüber will ich jetzt nicht sprechen!«

Er brauchte einen Augenblick, um sich zusammenzunehmen. »Das können wir nicht aufschieben.«

»Und warum nicht?«

»Weil wir nicht mehr viel Zeit haben. Weder du noch ich.«

Nimur ertrug es nicht, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Sie hatte immer gewusst, dass dieser Tag kommen würde. So grausam war ihr Leben nun einmal; und nicht nur ihres, sondern das aller Tomol. Seit zahllosen Generationen war dies der Fall: Alles war vorbestimmt und das bereits seit den Tagen der Ankunft.

»Ich habe sie gerade erst bekommen, Kerlo. Ich kann sie noch nicht hergeben.«

»Niemand sagt, dass du das musst. Aber wir müssen ihre Hüter bestimmen.« Kerlo ging um Nimur herum, kniete vor ihr nieder und legte die Hände auf ihre Knie. Es war eine zärtliche und tröstende Geste. »Es hat so lange gedauert, bis wir endlich ein Kind bekommen haben, Nimur. Beinahe zu lang. Wir können uns nicht mehr leisten zu warten. Wir müssen eine Entscheidung treffen.«

Nimur barg ihren Säugling an ihrer Brust und begann ihn sanft zu wiegen. Der selbstsüchtige Teil ihres Ichs wollte jeden wachen Augenblick tief versunken in den Anblick ihres wunderschönen Kindes verbringen und in ihren kühnsten Träumen stellte sie sich vor, wie es wäre, wenn sie Tahna aufwachsen sehen könnte. Zu erleben, wie sie eines Tages selbstständig und unabhängig würde.

Aber so standen die Dinge nicht. Das war ein Traum, der ein Trugbild bleiben würde, ein Wahnbild falscher Hoffnung.

Sie küsste den Kopf des Kindes. »Wie wäre es mit Chimi und Tayno? Sie würden auf sie achtgeben.«

Kerlo war unschlüssig. »Ich kenne die beiden nicht. Aber wenn du ihnen vertraust, dann tue ich das auch.«

In Nimurs Magen bildete sich ein Knoten. Zu entscheiden, an wen sie ihr kostbares Kind abgeben würden, den ultimativen Beweis, dass sie und Kerlo überhaupt je gelebt hatten, ließ Übelkeit in ihr aufsteigen. Obwohl es eine jahrhundertelange Tradition war, fühlte es sich an wie ein Verbrechen gegen die Natur, gegen ihr ganzes Sein, so einem Ansinnen nachzugeben. Alles, was sie tun konnte, war, ihr Gewissen mit leeren Hoffnungen zu erleichtern.

»Ich denke, sie werden freundlich zu ihr sein.« Törichter Optimismus bemächtigte sich ihrer. »Vielleicht sollten wir versuchen, noch eines zu bekommen.«

Allein der Gedanke daran ließ Kerlo erbleichen. »In unserem Alter? Nimur, wir beide haben gerade unsere siebzehnte Sonnenwende hinter uns. Neues Leben in unserem Alter zu empfangen ist verboten.«

»In unserem Alter? Kerlo, sieh uns an! Wir sind besser und stärker, als wir je waren!«

Er schüttelte entschieden den Kopf. »Du kennst das Gesetz genauso gut wie ich.«

»Das Gesetz, das Gesetz … das Gesetz! Nichts als Worte, die man in einen Fels geritzt hat!« Sie packte seinen Arm und drückte ihn. »Du und ich, wir sind real! Unsere Leben sind …« Sie deutete mit dem Kopf in Tahnas Richtung. »… ihr Leben ist real!«

»Genau wie das Leben eines jeden anderen, den wir kennen.« Kerlo hob langsam den Arm und legte seine jadefarbene Handfläche mit sanftem Druck an Nimurs Wange. »Denk an die Endlosen, an jene, die sich gegen die Wächter zur Wehr gesetzt haben. Erinnerst du dich daran, wie viel Leid sie verursacht haben? Willst du das auch allen antun, die uns etwas bedeuten?«

Nimur schloss die Augen. Die Welt um sich herum auszusperren, war leichter, als einer Zukunft ins Auge zu sehen, in der sie keinen Platz hatte. »Können wir über etwas anderes reden?«

Kerlo stand auf und ging in der Hütte, die sie von einer langen Ahnenreihe von Tomol geerbt hatten, die vor ihnen gekommen und wieder gegangen waren, auf und ab. »Wir müssen alles für den Erntezyklus des nächsten Jahres vorbereiten. Und das keinen Augenblick zu früh, wenn du mich fragst. Das nördliche Feld braucht ein Brachjahr. Aber was mich wirklich beschäftigt, ist die Bewässerung. Das letzte Jahr war das trockenste, das ich je erlebt habe, und die Schriften sagen, dass es überhaupt eines der trockensten war, das je verzeichnet wurde. Wenn es im kommenden Frühjahr nicht anständig regnet, glaube ich nicht, dass die Knollen es bis zur Ernte schaffen. Vielleicht müssen wir sie dann schon im Sommer …«

Seine Stimme erstarb bei den letzten Worten, dann verstummte er.

Die Stille, die entstand, wurde plötzlich von Tahnas ängstlichem Weinen unterbrochen. Nimur drückte das Kind enger an sich, in dem vergeblichen Versuch, es zu beruhigen, aber die mütterliche Geste ließ das Schreien des Babys nur lauter und schriller werden.

Kerlo nahm Nimur das Baby aus den Armen und zog sich durch den Raum bis in ihr angrenzendes Schlafzimmer zurück. Er gab keinen Laut von sich, doch in seinem Gesicht stand der gleiche Schrecken, der Tahna mit panischen Schreien die Luft zerreißen ließ.

»Was ist los? Was geschieht denn gerade?« Nimurs Fragen waren reine Verleugnung, eine Weigerung, das zu akzeptieren, was sie schon lange als unvermeidlich hätte hinnehmen müssen. Kerlo ergriff einen Wanderstab aus Dschungelholz und zückte ihn wie eine Waffe. Dennoch weigerte Nimur sich zu glauben, dass dieser Augenblick, dessen Herannahen sie ihr ganzes Leben lang gefürchtet hatte, nun endlich gekommen war.

Sie wandte sich einem grob gezimmerten Spiegel zu, der in der Ecke stand, und erkannte die ganze schreckliche Wahrheit.

Ihre Augen brannten im scharlachroten Feuer des Wandels.

Es war das Schicksal aller Tomol, die ihre siebzehnte Sonnenwende überlebten. Keiner entkam dem Wandel. Er kam ohne Vorwarnung und veränderte jeden innerhalb eines einzigen Umlaufs von Arethusas Zwillingsmonden in boshafte Wesen von Flamme und Leid. Kein Gebet, kein Opfer, keine Gabe konnte einen Tomol von diesem furchtbaren Schicksal befreien … und nun hatte es seine brennende Hand auch auf Nimur gelegt.

Sie floh aus der Hütte und rannte. Ohne Richtung und Ziel, in den schwülen Dschungel hinein. Ihre Schritte folgten vertrauten Pfaden, um die großen Menhire der ersten Tomol herum, an den heiligen Höhlen der Hirten vorbei und über den Gipfel der Schatten hinweg. Dichtes Laub schlug nach ihr, als sie hindurchrannte und jedem der Zweige, die nach ihr griffen, mit einer knappen Drehung ihres Körpers entkam. Das Geräusch ihrer ziellosen Schritte ging unter im Keuchen ihrer Atemzüge und den lauten Schluchzern, die ihr entfuhren. Schließlich erreichte sie den Gipfel einer steilen Klippe und fiel an der felsigen Kante auf die Knie.

Wut raste durch sie hindurch. Warum? Warum müssen unsere Leben schon enden, kaum dass sie begonnen haben?Schluchzend schlug sie die Hände vors Gesicht. Nun blieb ihr nichts anderes mehr übrig als die Reinigung, der bewusste Sturz in das uralte blaue Feuer. Man würde von ihr erwarten, ihr einziges Kind aufzugeben, ihre Zukunft, ihre Hoffnungen und Träume. Ihr Leben. Alles, um dem Gesetz zu genügen, gegen das niemand ankam.

Trotz wallte in ihr auf und wollte sie dazu verführen, der Hohepriesterin und ihren Wächtern die Befriedigung zu verweigern, sie den heiligen Flammen zu übergeben. Ich bräuchte nur von hier oben zu springen und würde auf den Felsen dort unten zerschellen, sagte sie sich. Sie starrte über die Felskante hinunter auf die tosende See, die dort über die zerklüfteten Riffe spülte, wo die Klippe ins Meer ragte, und wusste, dass sie es niemals tun könnte.

Die See lockte, doch Nimur war klar: Egal, wie stark der Ruf des Meeres auch an ihr zerren mochte, ihr Weg führte in die Quelle der Flammen.

Jeder Instinkt, den sie besaß, sagte ihr, dass ihre Tochter sie lebend brauchte – doch jede Lektion, die sie je gelernt hatte, machte ihr deutlich, dass die Stunde ihres Todes gekommen war.

KAPITEL

2

Senior Chief Petty Officer Razka hob eine schlanke, mit Schwimmhäuten bewehrte Hand und zeigte auf den glänzenden Kokon, der sich vom Boden bis in den hintersten Winkel der Decke erstreckte. »Sie wollen mir doch nicht sagen, dass das hier den Vorschriften entspricht.«

Die Feststellung war nicht von der Hand zu weisen. Im Zweifelsfall hätte Lieutenant Commander Vanessa Theriault zugeben müssen, dass der Chefkundschafter des Schiffs recht hatte. Der grazile, rothaarige Erste Offizier des Langstreckenscoutschiffes der Sternenflotte Sagittarius beugte sich ein wenig vor, um an Razka vorbei auf die gerade frisch gesponnene Seidenhülle zu blicken. Alles, was sie herausbrachte, war ein verlegenes Schulterzucken. »Es ist … anders.«

Ein leises Zischen deutete an, wie sehr dem schlanken Saurianer Theriaults Feststellung missfiel. »Das kann nur jemand sagen, der sich sein Quartier nicht mehr mit jemand anderem teilen muss.«

Man hatte ihm zusammen mit den beiden neuesten Besatzungsmitgliedern – dem Arkeniten Lieutenant Sengar Hesh und der kaferianischen Steueroffizierin, Ensign Nizsk – Quartier Nummer 10 zugewiesen. Es war Letztere, die dem Saurianer so gegen den Strich ging. Obwohl er der Mannschaft länger angehörte und damit gewisse Vorrechte besaß, hatte Razka derzeit das Pech, dass er im Vergleich zu seinen Mitbewohnern den niedrigsten Rang innehatte und deshalb zurückstecken musste. Er verschränkte die schuppigen Arme. »Was, wenn ich morgen in einem Seidengrab aufwache?«

Theriault bedachte Razka mit einem missbilligenden Blick. »Raz, Sie wissen doch, dass Kaferianer keine Fleischfresser sind. Ihre Nahrung besteht ausschließlich aus Fruchtzuckern.«

Seine längs geschlitzten Augenlider blinzelten langsam, eine Eigenart, die Theriault ganz richtig als Zeichen von Misstrauen interpretierte. »Das sagt man, ja. Aber auf meiner Welt sollte man alles fürchten, was ein Netz spinnt.«

»Das ist kein Netz, sondern ein Kokon. Oder genauer gesagt: Eine Hibernationshülle.«

»Für mich ist das kein signifikanter Unterschied.«

»Ersteres ist ein Hilfsmittel, um Beute zu fangen. Nizsk benutzt das hier aber als eine Art Schlafsack.« Theriault unterdrückte ihren wachsenden Unmut angesichts dieser Diskussion. »Schauen Sie, ich verspreche Ihnen, dass es harmlos ist.«

Der Kundschafter legte die feingliedrigen Hände hinter dem Rücken zusammen und beugte sich zu der auf dem Mars geborenen menschlichen Frau herab. »Dann sollte sie vielleicht in Ihr Quartier umziehen.«

»Das wird nicht passieren.«

»Ich sehe keinen Grund, warum Sie ablehnen sollten.«

»Ich bin der Erste Offizier. Einen anderen Grund brauche ich nicht.« Sie stieß ihren Zeigefinger gegen Razkas schmale, aber steinharte Brust und schob ihn so mit sanftem und doch bestimmtem Druck aus ihrer persönlichen Distanzzone heraus. »Sie sind doch sonst nicht so empfindlich. Erschrecken Insektoide Sie denn so sehr?«

Mit einer Geste bedeutete er ihr, vor ihn zu treten. »Na los, wecken Sie sie.«

»Wie bitte?«

Er wies auf den riesigen Kokon, der in der Ecke hing. »Wenn Sie herausfinden wollen, warum ich mein Quartier nicht mit dem Ensign teilen will … dann bitte ich Sie, sie zu wecken.«

Es war eine ungewöhnliche Herausforderung und eine, die Theriaults Neugier weckte. Ihr zugegeben begrenztes Wissen über Kaferianer sagte ihr, dass es nichts zu fürchten gab, aber ein primitiverer Instinkt ihrer Psyche warnte sie davor, auf Razkas Vorschlag einzugehen. Es klang wie eine Falle, ließ ihr Blut pulsieren und ihren Adrenalinpegel steigen. Allerdings würde es einem Ersten Offizier nicht gut anstehen, eine Herausforderung abzulehnen, die ein Unteroffizier ausgesprochen hatte. Langsam schob sie sich an Razka vorbei.

»Also gut.«

Der Saurianer folgte ihr, blieb jedoch wohlweislich ein paar Schritte hinter der adretten jungen Frau zurück. Das leise Zögern und die deutliche Zurückhaltung, die seine Körpersprache ausdrückte, sagten ihr, dass er wusste, was kommen würde, und sie nicht. Sie warf ihm einen misstrauischen Blick zu, dann trat sie vor den Kokon und lauschte auf Anzeichen von Aktivität darin. Dies war Nizsks planmäßiger Ruhezyklus und wie Theriault erwartet hatte, herrschte nichts als Stille im seidenen Kokon.

Sie holte tief Luft und tippte zweimal vorsichtig auf den Teil des Gespinstes, der zu leicht klebrigem Chitin getrocknet war. Innerhalb von Sekunden war ein kratzendes Geräusch aus dem Inneren der Hülle zu hören, dann spaltete ein Riss das große, zigarrenförmige Konstrukt der Länge nach. Zwei dicke, graugrüne Klauen schoben sich in Brusthöhe aus der schmalen Öffnung und drückten sie auseinander.

Sofort quoll aus dem Spalt ein Schwall zähen, gelatineartigen Schleims mit beißendem Geruch. Razka wich vor der widerlichen Flüssigkeit rechtzeitig zurück, doch Theriault blieb nichts anderes übrig, als zuzusehen, wie sie ihre Stiefel bis zu den Knöcheln umspülte und sich auf dem Deck verteilte. Die kaferianische Steueroffizierin und Navigatorin stieg glänzend vor Nässe aus dem Kokon. Der Schleim triefte förmlich von ihr herab, was die Bescherung auf dem Boden zu Theriaults Füßen noch verschlimmerte.

Langsam klapperte Nizsk mit den Mandibeln und wandte sich Theriault zu. Die Muttersprache der Kaferianer, für menschliche Ohren eine rasche Abfolge von Klicklauten ohne unterscheidbare Tonhöhen, wurde von dem Übersetzer, den Nizsk um den Hals trug, sofort aufgegriffen und übertragen. Das Gerät wandelte ihre Worte in eine angenehme, tiefe und weibliche Stimme. »Ja, Sir?«

Theriault hob einen Fuß aus dem Schleimsee, der sich gebildet hatte. Er löste sich mit einem ekelhaften Schmatzen vom Boden. »Ensign, was ist das, was da gerade aus Ihrem Schlafsack geflossen ist?«

»Regeneratives Gelee, Commander. Es repariert Schäden an meinem Exoskelett, sorgt für Geschmeidigkeit der Chitinplatten und Sehnen und reinigt meine Atemlöcher von Bakterien und Kontaminationen.«

Der Erste Offizier setzte den Fuß mit einem leichten Schmatzgeräusch wieder auf den Boden. »Und das passiert jedes Mal, wenn Sie sich zu Ihrem Schlafzyklus zurückziehen?«

»Ja, Sir. Es handelt sich um eine automatische Funktion meiner exokrinen Systeme.«

»Ich verstehe.« Einem knappen Nicken folgte ein widerwilliger Blick in Razkas Richtung. »Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen, Chief. Davon stand nichts in Nizsks Personalakte.«

Razka blickte sie vom Gang aus durch die offene Tür an. Die schmale Schiene, in der die Tür auf- und zuglitt, war das Einzige, das die Schleimflut daran hinderte, in den Korridor hinauszuströmen. »Entschuldigungen interessieren mich nicht, Commander. Ich sollte nicht durch diese Ausscheidungen zu meiner Koje waten müssen, nicht einmal dann, wenn es sich um die Drüsenexkretionen eines Offiziers handelt.«

»Dem stimme ich zu.«

Nizsks Universalübersetzer vermittelte einen Laut tiefsten Bedauerns. »Bitte vergeben Sie mir, Sie beide! Mir war nicht bewusst, dass das für Sie eine solche Unannehmlichkeit bedeutet. Ich war bisher nicht gezwungen, mein Quartier zu teilen.«

Theriault fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, während sie über die Situation nachdachte. »Das Schlimme ist, dass wir uns hier auf einem sehr kleinen Schiff befinden. Wir können Sie nirgendwo sonst unterbringen.«

Razka zischte. »Sie könnten ihr Ihr Quartier …«

»Ruhe.« Der Erste Offizier wandte sich Nizsk zu. »Wir können Sie nicht im Frachtraum unterbringen, da wir dort von Zeit zu Zeit Unterdruck erzeugen müssen. Außerdem brauchen wir auf diesem Schiff jeden Zentimeter Lagerraum, den wir haben.« Sie sah wieder zu Razka. »Noch andere Beschwerden, von denen ich wissen sollte?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein. Nur das.«

»Gut.« Mit schmatzenden Schritten watete sie aus dem schleimgefüllten Raum hinaus. »Ich werde dafür sorgen, dass der Master Chief eine Vakuumpumpe an Nizsks Kokon installiert.«

Als sie an dem Kundschafter vorbeikam, fragte dieser: »Was ist mit dem ekelhaften Gestank?«

»Bitten Sie Taryl um ein paar Räucherstäbchen oder lernen Sie, wie man einen Mopp benutzt.« Sie tätschelte dem Reptiloiden die Schulter, während sie an ihm vorbei auf den Korridor hinaustrat. »Ich kann schließlich nicht alle Probleme für Sie lösen, Chief.«

Das Kugellager aus Silizium besaß innerhalb des künstlichen Schwerkraftfelds der Sagittarius eine Masse von kaum mehr als ein paar Dutzend Gramm. Aber für Lieutenant Sengar Heshs Verstand, der das Kugellager in der Schwebe hielt, indem er winzige Veränderungen an der Raumzeit vornahm, die es umgab, fühlte es sich tonnenschwer an.

Die Stärke seiner zugegebenermaßen begrenzten telekinetischen Fähigkeiten ließ das metallene Kugellager verhältnismäßig langsam rotieren. Der arkenitische Wissenschaftsoffizier saß im Schneidersitz an der vorderen Schottwand im Frachtraum des Scoutschiffes der Archer-Klasse und betrachtete sein verzerrtes Spiegelbild, das ihn von der hochglänzenden Oberfläche der Kugel anlächelte. Das Bild seines dreifach gewölbten Kopfs wand sich um die runde Oberfläche herum, die gestreckte Perspektive erinnerte ihn an das Spiegelkabinett eines Jahrmarkts.

Telekinese war in Heshs Volk eine ungewöhnliche Gabe, trotzdem wurde sein Talent unter den wenigen Arkeniten, die psionische Fähigkeiten besaßen, lediglich als gering eingeschätzt. Bestenfalls. Er hatte nie Gegenstände mit einer Masse von mehr als einhundert Gramm bewegen können. Einige seiner Klassenkameraden auf der Sternenflottenakademie hatten seine Gabe sogar geringschätzig als einen »Taschenspielertrick« bezeichnet. Für ihn aber bedeutete die Anwendung seiner Gabe Trost und Wohlbehagen; es war eine Möglichkeit, sich zu konzentrieren und gleichzeitig zu entspannen. Wann immer seine geistige Spannkraft nachzulassen drohte, seine Nerven überreizt waren oder seine Stimmung sank, versuchte er, sich loszueisen und sein mentales und emotionales Gleichgewicht wiederzuerlangen. Und das gelang am besten, indem er sich davonstahl, um seine Gabe mit einer einfachen Levitationsübung zu trainieren.

Ein scharfes Zischen, das vom Öffnen der Druckschleuse herrührte, übertönte plötzlich das sanfte Brummen des Schiffsantriebs und brach Heshs Konzentration. Das Siliziumkugellager fiel mit dumpfem Klirren zu Boden und rollte auf den Lichtstrahl zu, der vom Hauptdeck durch den nun offenen Aufgangsschacht fiel. Hesh streckte die Beine aus und erhob sich, um dem flüchtigen Kugellager zu folgen. Im gleichen Moment schob sich eine Gestalt durch die Öffnung und verdunkelte den größten Teil des Lichtkegels, der auf das Deck fiel. Zuerst war nicht deutlich, um wen es sich handelte, denn das gesamte Personal der Sagittarius trug die gleichen olivgrünen Overalls als Standarduniform. Jeder der Overalls strotzte nur so von Taschen an Torso und Beinen und trug einen Aufnäher mit dem Schiffsabzeichen, einem stilisierten Pfeil und Bogen, auf der rechten Schulter. Es gab allerdings keine Rangabzeichen. Das einzige individuelle Detail war der Nachname (oder das jeweilige Äquivalent) des Besatzungsmitglieds, das auf einem rechteckigen Aufnäher über der linken Brust eingestickt war.

Hesh hatte das davonrollende Kugellager eingeholt und hob es auf. Dann wandte er sich dem Neuankömmling zu und erkannte, dass es sich um die Ingenieurin Petty Officer Second Class Karen Cahow handelte. Die junge Menschenfrau mit dem blonden Haarschopf und den etwas jungenhaften Zügen schenkte ihm ein warmes Lächeln, als sie von der Leiter sprang. »Hey, Hesh. Was machen Sie denn hier unten?«

»Ein wenig nachdenken.« Mit einer beiläufigen Geste ließ er das Kugellager in einer der Hosentaschen seines Overalls verschwinden. »Hier im Frachtraum lässt es sich leichter meditieren als in meinem Quartier.«

»Das kommt mir durchaus bekannt vor.« Cahow schlenderte an Hesh vorbei und öffnete einen der Container, die sowohl am Boden als auch am Schott selbst befestigt waren. »Ich habe es aufgegeben, in meiner Freizeit in meiner Koje zu lesen. Jedes Mal, wenn ich mich umdrehe, ist die Frau Doktor dabei, irgendetwas im Namen ihres Kampfs gegen Keime zu desinfizieren, oder Taryl summt einen Ohrwurm, den sie nicht loswird.«

Hesh nickte mitfühlend. »Ich vermute, dass würde jedermanns Geduld auf die Probe stellen.«

»Das Üble daran ist, dass Taryl so unglaublich unmusikalisch ist. Ich meine, sie trifft wirklich nicht einen Ton. Mein schlimmster Albtraum wäre, wenn sie versuchen würde, mit Threx unter der Dusche ein Duett zu singen.« Cahow beugte sich mit dem Oberkörper tief in die mit Polymeren verstärkte Kiste und wühlte beinahe achtlos darin herum. Der entstehende Lärm schmerzte Hesh in den spitzen Ohren, die sogar noch länger und geräuschempfindlicher waren als die eines Vulkaniers.

Schließlich tauchte Cahow wieder aus dem Container auf und hielt irgendein hoch kompliziert aussehendes technisches Gerät in der einen Hand, während sie mit der anderen die Kiste schloss. »Also, wenn ich mal meine Ruhe haben will, dann verstecke ich mich dort drüben, beim Plasmaverteiler.« Sie deutete mit dem kleinen Apparat zum hinteren Teil des Frachtraums. »Dort ist der wärmste Bereich des ganzen Decks. Außerdem kann ich jeden sehen, der die Leiter herunterkommt, bevor er mich sieht.«

»Sehr schlau.«

»Also, worüber haben Sie gerade nachgedacht?« »Wie bitte?«

Sie legte die Stirn in Falten und hob misstrauisch eine Augenbraue. »Sie sind schon eine ganze Weile hier unten. Wenn Sie sich noch länger verstecken, dann wird Theriault einen Suchtrupp nach Ihnen losschicken.«

Er zuckte zusammen. »Ich verstecke mich doch nicht!«, verteidigte er sich. »Vielleicht sollte ich Sie daran erinnern, dass Sie mit einem Offizier sprechen.« Er holte tief Luft, dann hatte er seine Fassung größtenteils zurückgewonnen. »Aber selbst wenn wir gleichen Ranges wären, meine privaten Entspannungsmethoden sind genau das – privat.«

Cahow hob die Hände angesichts dieser Zurückweisung. »Oh, tut mir leid, wenn ich da zu weit gegangen bin, Sir. Es ist nur … nun, das ist eben ein ziemlich kleines Schiff. Normalerweise achten wir auf Dinge wie Rang nicht so sehr.«

In plötzlicher Verlegenheit wandte Hesh sich von Cahow ab und rückte sein Anlac’ven zurecht, ein leichtes Gerät auf seinem Kopf, dessen schmale Ausläufer sein Gesicht umrahmten und an seinem vorspringenden Kinn zusammenliefen. Das Gerät half Arkeniten dabei, ihre Balance in nichtaquatischen Umgebungen beizubehalten. Ein Großteil der Zivilisation auf Arken II lebte auf Plattformen im Ozean, deshalb hatte sich das arkenitische Innenohr auf dem Heimatplaneten so entwickelt, dass es das Heben und Senken der Wellen auf offener See ausglich.

Der junge Petty Officer legte eine Hand auf Heshs Schulter. »Wenn ich wieder zu weit gehe, dann entschuldige ich mich schon jetzt, aber … geht es Ihnen gut?«

Er nickte. »Ja. Zumindest weitgehend.« Er überlegte, inwieweit er sich einer Untergebenen anvertrauen konnte, besonders einer, mit der er erst seit einigen Wochen gedient hatte. »Ich glaube, die Formulierung, die meinen Zustand am besten beschreibt, ist: Ich habe Heimweh.«

»Das haben wir alle dann und wann. Als ich bei der Sternenflotte angefangen habe, habe ich mein Zuhause schrecklich vermisst.«

Ihre Offenheit veranlasste ihn, ein wenig mehr mitzuteilen. »Für einen Arkeniten ist die Trennung von der Heimat noch schmerzhafter. Es ist nicht einfach die Abwesenheit vertrauter Personen oder Orte, unter der ich leide. Mir fehlt mein Sia lenthar.« Er sah, wie sich ihre Stirn verwirrt in Falten legte, und erklärte den Begriff: »Meine Bindegruppe. Das Sia lenthar ist die fundamentalste soziale Gemeinschaft der arkenitischen Kultur.«

»So etwas wie ein Stamm?«

»In der Art, aber größer und in sich differenzierter. Ein Sia lenthar gewinnt Ansehen durch Diversität. Die frühesten waren sehr homogen, in ihnen fanden sich in der Regel Individuen von gleichem Beruf zusammen, Jäger zum Beispiel oder Landwirte oder Künstler. Aber als immer mehr Gruppen aufkamen oder als Mitglieder einiger Gruppen in andere einheirateten, verteilte sich das Wissen der verschiedenen Gemeinschaften auf der ganzen Welt. Heutzutage sind jene Sia lenthar mit den meisten und den ungewöhnlichsten Mitgliedern die, auf die ihre Mitglieder am stolzesten sind. Meines, das Taldan Sia lenthar, zählt einige der am höchsten geschätzten Künstler, Wissenschaftler und Philosophen des Planeten zu den seinen.«

»Klingt nach einer sehr spannenden Art, eine Gesellschaft zu organisieren.«

»Es hat seine Vorteile.« Die Höflichkeit gebot, dass er das ihm gezeigte Interesse zurückgab. »Wenn ich das fragen darf: Von welcher Welt stammen Sie?«

Sie grinste. »Überall und nirgends. Ich bin ein Kind der Sterne, ich wurde auf einem Raumschiff geboren und wuchs auf Raumschiffen auf. Abgesehen vom Trainingslager habe ich auch meine grundlegende Sternenflottenausbildung auf Raumschiffen gemacht.«

»Also haben Sie gar keine heimatliche Kultur?«

Cahow sah auf und blickte sich um. »Genau so ist es, Sir. Das Weltall ist mein Zuhause und die Sternenflotte mein Stamm.« Ein verschmitztes Lächeln huschte über ihr Gesicht. »Soll ich Ihnen etwas verraten?«

»Wenn es sein muss.«

»Wenn Ihre Vorstellung eines großartigen Sia lentharetwas Großes und Differenziertes ist, voller einzigartig begabter Individuen, dann könnten Sie es wirklich schlechter treffen als bei der Sternenflotte – und der Sagittarius.«

Sie gab ihm einen Klaps auf die Schulter, wandte sich um und ging zur Leiter hinüber. »Es gibt auf der Erde eine Redensart: ›Heimat ist da, wo das Herz zu Hause ist.‹« Sie legte ihre freie Hand auf eine der Leitersprossen und hielt noch einmal inne. »Betrachten Sie dieses Schiff als Ihr Heim und uns als Ihre Verwandten, dann werden Sie kein Heimweh mehr haben.«

Nachdem sie ihre Ratschläge erfolgreich losgeworden war, steckte sie ihr Gerät in eine Hosentasche und begann zu klettern.

Hesh hatte nie darüber nachgedacht, ob man Außenweltler als Mitglieder in einem Sia lenthar aufnehmen könnte, trotz der Gemeinsamkeiten vom Ethos der Föderation und dem der Arkeniten. Würde sein heimatliches Sia lenthareines akzeptieren, das aus Außenweltlern bestand? Konnte er es?

Er beobachtete, wie Cahow die Leiter emporkletterte, und erkannte, dass sie ihm etwas zum Nachdenken gegeben hatte.

»Steuerung, Standardumlaufbahn einnehmen.« Captain Clark Terrell beugte sich in seinem Kommandosessel vor und legte die Linke über seine rechte Faust. Das Bild des jadegrünen Ringplaneten auf dem Hauptschirm wurde langsam größer, während sich die Sagittarius ihm näherte. Ensign Nizsk am Steuerpult verlangsamte das Schiff von vollem Impuls auf die semigeosynchrone Orbitalgeschwindigkeit. Terrell schwenkte seinen Sessel nach rechts, hin zum neuen arkenitischen Wissenschaftsoffizier, dessen auf drei Seiten ausgewölbter Kopf von dem blauen Licht des Sensorsichtgeräts beleuchtet wurde. »Was machen die Sensoren, Lieutenant?«

Hesh antwortete, ohne die Augen von dem azurblauen Leuchten abzuwenden. »Nereus II ist ein Planet der Klasse M. Äquatordurchmesser elftausendneunhundertfünfundsiebzig Komma eins zwei Kilometer. Achsenneigung neunzehn Komma vier eins Grad. Die Schwerkraft beträgt annähernd null Komma neun eins g. Die Oberfläche besteht zu achtundsiebzig Prozent aus Wasser: Ein Süßwasserozean mit einer mittleren Tiefe von weniger als zwei Kilometern. Der Großteil der Landmasse besteht aus tropischen Archipelen vulkanischer Inseln.«

Theriault stellte sich neben Hesh und blickte über seine Schulter auf die Sensoranzeigen. »Empfangen Sie irgendwelche Anzeichen künstlicher Energieerzeugung? Oder Funksignale?«

»Negativ, Commander.« Hesh trat einen Schritt beiseite, um dem Ersten Offizier einen besseren Blick in das Anzeigegerät zu ermöglichen. »Unsere Instrumente entdeckten jedoch zahlreiche Lebenszeichen, aber keinerlei Hinweise auf Technologie.«

»Üppiges Leben passt«, warf Terrell ein. »Ich habe noch nie einen so grünen Planeten gesehen.«

Lieutenant Commander Sorak, der einhundertzwanzigjährige Vulkanier und zweite Offizier, der vor einigen Monaten vom Chefkundschafterposten zur taktischen Station gewechselt war, wandte sich zu Terrell um. »Die chromatische Einheitlichkeit des Planeten scheint ein Resultat der vorherrschenden aquatischen Vegetation zu sein, Captain.«

»Was Sie nicht sagen.«

Der Austausch von Sarkasmus und trockener Detailliebe ließ Theriault lächeln. »Wenn Sie Algensalat mögen, dann sind Sie hier wohl richtig.«

»Da bin ich mir nicht so sicher.« Terrell war von den Sensoranzeigen irritiert. »Hatten die Langstreckensensoren nicht hochenergetische Signaturen auf diesem Planeten angezeigt?«

Theriault ging an eine Hilfskonsole und gab ein paar Befehle in den Bibliothekscomputer ein. Ein paar Sekunden später huschten Datenreihen über einen Monitor über ihr. »Ja, Sir. Aber diese Messungen wurden aus einer erheblichen Entfernung vorgenommen. Vielleicht gab es Interferenzen oder eine Art Subraumlinseneffekt, der ein falsches Positiv bewirkte.«

Hesh warf einen nervösen Blick zu Theriault und wandte sich nun selbst an den Captain. »Sir, ich habe mir die Scans, die uns herbrachten, noch einmal angesehen. Es gab keinerlei Anzeichen für Interferenzen oder den Subraumlinseneffekt. Bei allem Respekt gegenüber Commander Theriault, ich bin sicher, dass die ersten Aufzeichnungen korrekt waren.«

Terrell wollte Hesh glauben. »In Ordnung, Lieutenant. Wenn die ersten Anzeigen korrekt waren, wo sind diese Hochenergiequellen und die Subraumsignale jetzt?«

Der junge Arkenit runzelte die Stirn. »Ich habe keine Ahnung, Sir.« Er wandte den Blick seiner leuchtend grünen Augen zum Hauptschirm, der nun von der nördlichen Hemisphäre der smaragdgrünen Welt ausgefüllt war. »Aber ich vertraue diesen ersten Messungen so sehr, dass ich eine Untersuchung vor Ort empfehlen möchte.«

»Sir, wir müssen vorsichtig sein, wenn wir auf die Oberfläche gehen. Die Sensoren zeigen eine kleine humanoide Population auf der größten Insel an«, gab Theriault zu bedenken.

Der Hinweis weckte Terrells Neugier. »Sind sie intelligent?«

»Keine Ahnung«, erwiderte Theriault. »Aber wenn ich mir das Fehlen von industrieller Umweltverschmutzung oder Funksignalen so ansehe, dann denke ich, wir sollten der Obersten Direktive hier höchste Priorität einräumen.«

Das ergab Sinn. »Einverstanden. Sorak, wo können wir gefahrlos landen?«

Der Vulkanier betrachtete eingehend einen Scan der Hauptinselkette des Planeten. »Es gibt eine unbewohnte Insel, die sich ungefähr fünfzehn Kilometer westlich der Hauptinsel befindet. Das ist weit genug entfernt. Wenn wir uns von Westen her der Hauptinsel nähern, dann können wir sicher landen, ohne das Risiko entdeckt zu werden.«

Theriault schien mit der Empfehlung zufrieden zu sein. »Das sieht doch gut aus. Wir könnten einen unserer neuen amphibischen Rover benutzen, um uns der Hauptinsel unter Wasser zu nähern.«

»Vorsichtig, Nummer Eins. Selbst eine scheinbar primitive Kultur kann gefährlich sein, besonders wenn man als Fremder ihr Territorium betritt.«

Sie hob einen Finger, um seine Warnung zu bestätigen. »Wir werden darauf achten.«

Terrell richtete seinen eindringlichen Blick wieder auf Hesh. »Was Sie angeht, Lieutenant: Widerstehen Sie der Versuchung, jede Lebensform zu analysieren, die Sie finden. Unser wichtigstes Anliegen ist es, die Energieanzeigen, die unsere Sonden entdeckt haben, entweder zu bestätigen oder eben nicht. Kein Kontakt zu den Einheimischen, wenn es sich vermeiden lässt.«

»Verstanden, Sir.«

Terrell öffnete einen Kanal zum Maschinendeck, indem er kurz mit seinem dunkelbraunen Daumen auf den roten Knopf drückte, der sich in der Armlehne seines Kommandosessels befand. »Brücke an Maschinenraum.«

Die Stimme des Chefingenieurs erklang aus den Lautsprechern. »Legen Sie los, Brücke.«

»Master Chief, wir werden in fünf Minuten auf den Planeten runtergehen.«

»Tun Sie das. Wir sind so bereit, wie es nur geht.«

»Schön, das zu hören. Wie lange brauchen Sie, um die Vixen für amphibische Operationen vorzubereiten?«

»Dreißig Minuten nach Vorschrift. Zehn, wenn Sie ein Wunder brauchen.«

»Sparen Sie sich die Wunder für schlechte Zeiten, Master Chief. Dreißig Minuten reichen völlig.«

»In Ordnung.«

»Brücke Ende.« Terrell schloss den Kanal. »Mister Sorak, übermitteln Sie die Landekoordinaten an die Steuerung. Ensign Nizsk, bringen Sie uns auf Kurs, schön langsam.«

Erwartungsvoll beugte Terrell sich vor, bis er buchstäblich auf der Kante seines Sessels saß.

»Dann lassen Sie uns mal nachsehen, was da unten so los ist.«

KAPITEL

3

»Bitte, Ysan, es muss doch eine Möglichkeit geben. Ich bitte nicht um viel, nur um einen Umlauf des Roten Monds.«

Verzweifelt suchte Nimur in Ysans Gesicht nach einem Anzeichen von Milde. Die Hohepriesterin, die nur ein paar Zyklen des Roten Monds jünger war als sie, schüttelte den Kopf.

»Die Warnung der Hirten war immer eindeutig. Sobald der Wandel erscheint, muss die Reinigung innerhalb der nächsten drei Tage erfolgen.«

»Aber ich fühle mich nicht anders! Ich habe mich nicht verändert!«

»Doch das wirst du.« Ysan empfand Trauer. Ihr Blick verriet Mitgefühl. Wie alle Tomol hatte sie eine solche Szene schon zu oft mit ansehen müssen. »Den Wandel zu ignorieren, ist gefährlich. Für dich und auch für uns alle.«

Zorn und Angst wallten in Nimur auf wie Gift. Sie begann, auf und ab zu laufen. »Ich habe die Glyphen ebenfalls gelesen. Die Hirten sagen, dass die Reinigung innerhalb von neun Tagen zu erfolgen hat.«

Ysan regte sich unbehaglich unter dem Gewicht ihres Gewands, einem uralten Mantel, der aus Baumrinde gewoben und mit leuchtend bunten Federn besetzt war. Es war ein majestätisch aussehendes Kleidungsstück, dessen Farbenspiel die Blicke aller auf sich zog. Pulo, eine andere Hohepriesterin, die Nimur gekannt hatte, hatte ihr einmal anvertraut, dass der Mantel äußerst unbequem war – das Gewebe war grob und kratzte auf der Haut, und in der schwülen Hitze von Subas üppigem Dschungel und dem grellen Licht der sonnigen Strände war es darunter drückend heiß.

Die Hohepriesterin runzelte nun die Stirn. »Das Gesetz wurde mit der Zeit unseren Bedürfnissen angepasst.«

»Wessen Bedürfnissen?«

»Denen des Volkes.« Ysan ergriff Nimurs Hand. »Unser Leben hängt von dieser Verantwortung ab, die uns allen auferlegt ist. Wir schulden es einander.«

Das Argument, das Nimur so lange wie eine Offenbarung hingenommen hatte, klang nun hohl. Sie zog ihre Hand aus der Ysans. »Alles, was ich will, sind ein paar Tage. Ich kann dem Wandel so lange widerstehen.«

»Vielleicht kannst du das. Vielleicht aber auch nicht. Wenn ich dir diese Zeit gebe und du irrst dich, dann kann niemand sagen, wie hoch der Preis ist, den wir an Blut und Stein zu zahlen haben. Ich kann das Risiko nicht eingehen.«

Warum nur war Ysan vernünftigen Argumenten nicht zugänglich? Wann war die Welt so unflexibel geworden? Oder die Gesetze so absolut?

Nimur zwang sich, stehen zu bleiben und tief Luft zu holen. »Ysan, es muss eine Möglichkeit geben. Die Hirten haben uns so viele Glyphen hinterlassen, die wir nie übersetzt haben. Ich bin sicher, dass es eine Lösung gibt, ein Geheimnis, das im Stein verschlossen ist, wenn wir nur …«

»Glaubst du, wir hätten nie danach gesucht?« Ysan starrte Nimur so böse an, als sei sie ein trotziges Kind. »Zahllose Leben wurden der Lösung der Rätsel gewidmet, die uns die Hirten hinterließen, Nimur. Selbst wenn es eine Heilung für den Wandel geben sollte, die sich im Stein verbirgt, dann sind mehr Generationen, als wir zählen können, in ihre Reinigung gegangen, ohne diese Lösung zu finden. Die bittere Wahrheit ist, dass es keine Möglichkeit gibt, den Wandel zu stoppen. Er ist im Laufe der Zeiten sogar noch schneller geworden. Und es gibt keine Heilung.« Sie erhob sich von ihrem gepolsterten Sitz, um Nimur in die Augen zu sehen. »Du musst aufhören, Hirngespinsten hinterherzujagen, Nimur. Es ist Zeit, dich bereit zu machen.«

Nimurs Zorn loderte heißer. »Du meinst, es ist Zeit, mich meinem Schicksal zu ergeben.«

Ysan zuckte mit einer Schulter. »Wenn du das kannst. Um ehrlich zu sein, hatte ich immer Angst davor, dass dieser Tag kommen würde. Du warst schon immer eine Rebellin, seit wir jung waren.«

»Und du warst immer das gehorsame Kind.« Nimur wandte Ysan den Rücken zu und schaute durch die offene Tür aus der Hütte hinaus. »Wie soll ich deiner Meinung nach mein Ende ertragen?«

»Vielleicht mit ein wenig Würde.« Die Priesterin stellte sich neben sie in den Türrahmen. »Haben du und Kerlo schon die Hüter für deine Tochter gewählt?«

Nimur schüttelte den Kopf. »Wir können uns nicht entscheiden.« Eine Träne, halb aus Zorn vergossen, rollte ihre Wange hinab. Sie wischte sie mit der Handfläche fort. »Vielleicht will ich mich aber auch nicht entscheiden.«

»An wen denkst du? Das ist ein heiliger Auftrag, Nimur, und nichts, was man einfach so …«

»Das ist mir durchaus bewusst.« Nimur war empört, dass Ysan dachte, sie müsse daran erinnert werden, wie wichtig die Benennung von Tahnas Hütern durch sie und Kerlo war. Da die meisten Tomol schon nach siebzehn Sonnenwenden zu ihrer Reinigung gingen, war der Nachwuchs meist noch sehr jung, oder in manchen Fällen sogar gerade erst geboren, wenn es so weit war. Deshalb war es notwendig, ein Paar jüngerer Tomol zu wählen, die in der Regel nur zehn oder elf Sonnenwenden zählten, um die elterlichen Pflichten für die Kinder zu übernehmen, bis diese alt genug waren, sich um ihre Bedürfnisse selbst zu kümmern. Wenn die Hüter alt genug waren, bekamen sie unvermeidlich Nachwuchs; ein Zeitpunkt, an dem ihre adoptierten Schützlinge oft selbst die Pflicht übernahmen, für ältere Tomol-Waisen zu sorgen.

»Wenn ich jemanden wählen müsste, um für Tahna zu sorgen«, sagte Nimur, als sie sich wieder beherrschen konnte, »wären es wahrscheinlich Chimi und Tayno.«

»Ich denke, sie wären eine gute Wahl. Wie denkt Kerlo über die beiden?«

»Er mag sie.« Es war eine Notlüge, Kerlo hatte die beiden Jüngeren nur flüchtig kennengelernt. Er wusste beinahe nichts über sie, hatte aber auch keinen Grund, sie nicht zu mögen. Er war bereit, Tahna in ihre Obhut zu geben, allein weil Nimur es vorgeschlagen hatte. Mit der Zustimmung der Priesterin stand die Wahl nun fest. »Wie bald können wir die Bindung durchführen?«

»Wenn Chimi und Tayno einverstanden sind, können wir das morgen tun.«

Nimur nickte traurig. »Ja, gut.« Sie fühlte sich, als würde sie ihre Zustimmung nur vortäuschen und eine Rolle spielen, bei der sie den Text viel zu gut beherrschte, aber kein Wort von dem glaubte, was sie sagte.

Ysan legte Nimur eine Hand auf die Schulter und schob sie sanft aus der Hütte. »Gut. Und jetzt geh heim und besprich das mit Kerlo. Dann schlaf ein wenig. Morgen gehe ich mit euch zu Chimi und Tayno, damit wir den Bund besiegeln können.« Die Priesterin ergriff Nimurs Arme und drehte sie zu sich um. »So ist es richtig, Nimur. Es ist das Beste. Das verspreche ich dir.«

In der Ferne, kaum sichtbar im endlosen Grün des Dschungels, sah Nimur das Glimmen der Flammenquelle. Ein azurfarbenes Inferno, das niemals herunterbrannte oder verlosch und nur darauf wartete, jeden Tomol zu verschlingen, der lebte und atmete. Beim Anblick der blauen Wahrheit wusste sie im Herzen, wie viel die Versprechen einer Priesterin wert waren. Sie entzog sich Ysans Griff.

»Danke, Heilige Schwester. Gute Nacht.«

Als Nimur wieder zu ihrer Hütte zurückkehrte, war ihr Zorn zu einer reißenden Flut angewachsen. Ihre Stirn und die Wangen fühlten sich heiß an, als hätte sie Fieber, doch sie fühlte sich weder krank noch benommen, sondern voller Energie.

Sie ging hinein und fand Kerlo im Schneidersitz vor der Wiege des Babys kauernd. Seinen Speer hatte er quer über die Knie gelegt, eine Hand umklammerte den Schaft. An seinem Gürtel hingen seine Schlinge und ein Beutel aus Eidechsenhaut mit scharf geschliffenen Steinen. An seinem linken Knöchel befand sich ein Jagdmesser aus Onyx. Sein Oberkörper war in mehrere Schichten von altem Leder gekleidet, ein Sammelsurium wettergegerbter Fetzen, die über Generationen als Jagdkleidung weitergegeben worden waren. Seine Waffen und Rüstung hielten dem Vergleich mit denen der Wächter nicht stand, aber sie waren gepflegt und unzählige Male erprobt worden. Sie hatten ihren Wert bewiesen.

Er sah auf, als Nimur hereinkam und umklammerte den Speer noch fester, bis seine Knöchel weiß wurden. »War Ysan mit Chimi und Tayno einverstanden?«

»Das war sie.« Sie starrte auf seine knochenweißen Gelenke und sah ihm dann in die Augen. »Ist irgendetwas nicht in Ordnung?«

Er antwortete nicht, also stellte sie eine weitere Frage. »Wovor hast du Angst?«

»Ich folge nur Ysans Rat.«

»Sie riet dir, kleines Wild in unserer Hütte zu jagen?«

Er weigerte sich, den Köder zu schlucken. Kein Lächeln oder Lachen, nicht einmal ein angesäuerter Blick. Nur diese steinerne Wachsamkeit. Sie versuchte, um ihn herumzugehen, doch er zückte mit alarmierender Geschwindigkeit den Speer und versperrte ihr so den Weg. Irritiert wich sie zurück. »Was ist los mit dir? Ich will sie nur stillen, sonst nichts. Sie muss doch mittlerweile hungrig sein.«

Sein Speer blieb fest auf sie gerichtet. »Keora hat sie schon gefüttert.«

Mutterinstinkt ließ Nimurs Puls in die Höhe schnellen. »Warum hat ausgerechnet sie mein Baby gefüttert?«

»Es ist zu Tahnas Sicherheit. Das weißt du doch, Nimur. Du hast Jenicas Baby gestillt, als sie den Wandel vollzog, erinnerst du dich?«

In Kerlos Stimme lag etwas Bittendes. Nimur spürte, dass er Angst hatte, sie bekämpfen zu müssen, als wäre sie nichts weiter als ein wildes Tier ohne Verstand, das in ihr Heim eingedrungen war. Er gestikulierte mit seinem Speer in ihre Richtung. »Versuch nicht, ihr nahe zu kommen.«

Das war doch Wahnsinn! Gestern hatte er sie geliebt. Sie hatten das Universum mit den Augen des jeweils anderen gesehen und gemeinsam einem perfekten Kind das Leben geschenkt. Und nun behandelte er sie wie seinen Todfeind?

»Kerlo, was tust du da? Ich bin immer noch ich. Kannst du denn nicht sehen, dass ich die Gleiche bin wie gestern?«

Er schüttelte den Kopf. »Deine Augen brennen. Es ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit.«

Noch mehr nervöse Energie wallte in ihr hoch und verstärkte den enormen Druck, unter dem sie stand, ohne eine Möglichkeit, sich davon befreien zu können. In der Hoffnung, sich ein wenig Luft verschaffen zu können, begann sie, vor Kerlo auf und ab zu gehen, und rang dabei die Hände. »Das ergibt doch keinen Sinn, siehst du das nicht ein? Warum sollten wir uns in Monster verwandeln, in genau dem Augenblick, indem wir die Höhe unserer Fähigkeiten erreicht haben? Kein anderes Wesen in der Natur macht so etwas. Oder? Nenn mir eines. Mir fällt keines ein. Weder an Land, noch in der Luft oder im Meer. Also warum sollten wir dann so anders sein?«

Kerlo zitierte die heiligen Worte der Hirten. Es klang wie auswendig gelernt. »Wir sind Teil dieser Welt, doch wir stammen nicht aus ihr.«

»Woher wissen wir das? Weil man es uns gesagt hat? Hat irgendeiner von uns mal versucht, selbst die Wahrheit herauszufinden? Hat einer von uns mal daran gedacht nachzufragen?«

Sie machte einen Satz in Tahnas Richtung und hoffte, dabei an Kerlo vorbeizukommen, aber er schwang den Speer und versperrte ihr wieder den Weg. Sie wich zurück, als er aufsprang.

Egal, wohin sie sich wandte, er hielt die Speerspitze auf ihre Kehle gerichtet. »Versuch das nicht wieder. Der Teil in mir, der dich immer noch liebt, will dich nicht verletzen.«

»Nein, du willst nur, dass ich mich selbst ins Feuer werfe.«

»Die Reinigung erwartet uns alle.«

»Vielleicht will ich mehr.« Er zuckte zurück, als sie das sagte, also fuhr sie fort. »Was ist, wenn der Wandel nichts ist, was man fürchten müsste? Was, wenn man uns angelogen hat, Kerlo? Was, wenn das alles ein dummer Fehler ist? Warum sollten wir nicht einmal jemanden den Wandel vollständig vollziehen lassen, nur um sicherzugehen?«

Sein Blick verengte sich und er hielt den Speer weiterhin auf sie gerichtet. »Das haben schon viele versucht, Nimur. Wir alle waren schon im Tal der Endlosen. Es gibt nur drei Arten, wie wir unser Ende finden können: Blut, Feuer oder Stein.«

»Das im Tal der Endlosen könnten doch Statuen sein. Grobe Kunstwerke, vom Regen abgeschliffen. Du hast nicht gesehen, wie jemand durch den Stein stirbt. Das hat niemand, jedenfalls nicht für hundert Generationen, wenn überhaupt.«

»Dafür sollten wir dankbar sein.«

»Nein, das sollte uns fragen lassen, warum wir alles glauben, was man uns sagt.«

Sie löste den Knoten, der ihr Gewand über der Schulter zusammenhielt und erlaubte Kerlo einen Blick auf ihre Brust. Das lenkte ihn ab, also verlieh sie ihrer Stimme einen verführerischen Ton und trat näher auf ihn zu. »Sieh am Wandel vorbei, Kerlo. Ich bin immer noch ich. Die, die du geliebt hast. Die dich liebt. Alles, was ich will …«

Mit einem Satz packte sie den Speerschaft und versuchte, ihn aus Kerlos Hand zu winden, doch er sprang vor und drehte die Waffe, indem er das hintere Ende herumriss. Dabei traf er Nimur an der Schläfe und für einen Augenblick sah sie alles doppelt. Sie ließ den Speer los und fiel zu Boden. Wehklagend presste sie die Hand gegen die blutende Wunde. Als sie die Augen öffnete, hatte Kerlo Tahna bereits im Arm und floh mit ihr aus der Hütte. Rasch verschwand er in den Schatten der Nacht, doch sie lauschte dem Klang seiner Schritte.

Ein Schrei löste sich aus Nimurs Innerstem, getränkt von Schmerz und Zorn, während sie taumelnd auf die Beine kam. Ihr ganzes Leben war ihr entrissen worden, ihre Zukunft und ihre Vergangenheit, ihre Familie und ihre Freunde. Und nun wurde über ihren Kopf hinweg entschieden. Selbst so ein einfaches Privileg wie das, eine Mutter für ihren Säugling zu sein, wurde ihr verweigert, und das nur, weil irgendeine uralte Kraft in ihr erwacht war, eine Energie, die keinen Namen hatte. Dafür wurde von ihr erwartet, die Schwelle des Vergessens zu überschreiten und sich selbst in die Flammen zu stürzen.

Sie riss die Dekorationen von den Wänden ihrer Hütte und schleuderte sie hinaus in die Dunkelheit. Sie schrie und weinte, zerfetzte all ihre Gewänder, Kerlos Kleidung, die Bettlaken, alles, was aus Tuch gewebt war. Was sie nicht mit den Händen zerreißen konnte, zerschnitt sie mit den steinernen Küchenmessern. Die Schüsseln und ihren Schmuck zertrat sie mit den Füßen. Für Minuten, die eine Ewigkeit andauerten, fühlte sie sich wie ein Wirbelwind der Zerstörung, der alles vernichtete, was sie je selbst gemacht oder besessen hatte.

Als ihre Wut verraucht war und die geliehene Stärke sie verließ, sackte sie auf dem schmutzigen Hüttenboden zusammen, inmitten der Scherben ihres Lebens und weinte wie ein Kind.

Nun gab es wirklich nichts mehr für sie. Nur die Flammen.

KAPITEL

4

Ein dumpfer Ruck und ein kurzes Zittern durchliefen das Innere der Sagittarius, als das Schiff auf der Planetenoberfläche aufsetzte. Theriault spürte, wie die Sprossen der Hauptleiter unter ihr vibrierten, als sie daran zum Frachtdeck hinabkletterte, das auch als Hangar für die Rover fungierte. Die kleinen, unbewaffneten Fahrzeuge wurden meist für Expeditionen auf unbekannten Planeten genutzt. Raumschiffe der Archer-Klasse hatten nur eine einzige Transporterplattform, daher verließen sich die Außenteams in der Regel auf die Rover, um kürzere Entfernungen zurückzulegen, statt sich vom Schiff aus zu ihrem Ziel beamen zu lassen. Offiziell waren die Rover darauf ausgelegt, Personal, Ausrüstung, Vorräte und gesammelte Proben zu transportieren. Inoffiziell machte es einfach Spaß, mit ihnen zu fahren.

Als Theriault von der untersten Leitersprosse sprang, waren bereits drei der vier Schiffstechniker mit dem Rover beschäftigt, den sie Vixen getauft hatten. Er und sein Zwilling Blitzen waren der Ausrüstung der Sagittarius bei ihrem letzten Reparaturaufenthalt im Raumdock der Erde hinzugefügt worden. Sie hatten die beiden Rover Roxy und Ziggy ersetzt, die bei einem Einsatz vor ein paar Monaten verloren gegangen waren, und zwar während einer geheimen Mission auf dem Weg zu einem uralten statischen Satelliten inmitten der Emissionsachse eines Pulsars namens Eremar.

Angesichts der besorgten Mienen, die die Ingenieure zur Schau stellten, fand Theriault eine vorsichtige Nachfrage angemessen. »Was gibt’s denn, Jungs?«

»Nur ein paar Verbesserungen in letzter Minute«, erklärte Master Chief Petty Officer Mike »Mad Man« Ilucci. Der Chefingenieur war für einen Menschen recht klein und um die Hüften herum dicker, als die Vorschriften der Sternenflotte es vorsahen. Auch war er so verlottert wie ein Hinterhofköter. Er aktivierte ein Schallwerkzeug, dessen oszillierendes Sirren den Hangar durchdrang.

»Unsere Vixen hier braucht noch ein wenig Feinabstimmung.«