Sternchen sehnt sich nach Papi - Britta Frey - E-Book

Sternchen sehnt sich nach Papi E-Book

Britta Frey

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Beschreibung

Die Kinderärztin Dr. Martens ist eine großartige Ärztin aus Berufung, sie hat ein Herz für ihre kleinen Patienten, und mit ihrem besonderen psychologischen Feingefühl geht sie auf deren Sorgen und Wünsche ein. Die Kinderklinik, die sie leitet, hat sie zu einem ausgezeichneten Ansehen verholfen. Kinderärztin Dr. Martens ist eine weibliche Identifikationsfigur von Format. Sie ist ein einzigartiger, ein unbestechlicher Charakter – und sie verfügt über einen liebenswerten Charme. Alle Leserinnen von Arztromanen und Familienromanen sind begeistert! Der leise Glockenschlag der Standuhr auf dem Kamin drang in Celias Gedanken und erinnerte sie daran, daß sie sich noch immer nicht in ihrem Leben zurechtgefunden hatte. Den Verlust ihres Mannes Stefan hatte sie noch nicht überwunden. Er verunglückte vor zwei Jahren bei einem Testflug – er war Pilot gewesen. Ja, sie könnte zufrieden sein, sie hatte ihre süße kleine Tochter Janine und ihre lieben Eltern. Seit Stefans Tod wohnten sie bei ihr in dem großen Haus, das er kurz vor dem Unglück in Ögela gekauft hatte. Sie wollte nie mehr heiraten, denn Stefan war ein wunderbarer Mann gewesen. Und Celia wußte, ein Bild, das uns in die Seele eingegraben wurde, schwindet nie mehr. Es hatte keinen Sinn, immer wieder die schöne Zeit der Vergangenheit heraufzubeschwören. Sie wollte dankbar sein für die drei Jahre, in denen sie unendlich glücklich war. Es gab auch entsetzliche Stunden der Angst, wenn Stefan neue noch wenig erprobte Maschinen testen mußte. Wie versteinert war sie gewesen, als Major Winkler persönlich ihr die Nachricht brachte, daß Stefan abgestürzt war. Nur ihren Eltern und der einjährigen Janine hatte sie es zu verdanken, daß sie heute noch lebte. Laß endlich das Grübeln, schalt sie sich. Für morgen hat sich Stefans Bruder Paul angemeldet. Sie hatte ihn nur einmal bei der Beerdigung gesehen – und da erschrak sie so sehr, weil er ganz genau wie sein Bruder aussah. Er hatte ihr einmal eine Karte aus Rio de Janeiro geschickt und nach ihrem und Janines Befinden gefragt. Nur ab und zu hatte sie ihm ein paar Zeilen geschickt und ein paar Bilder von Janine beigelegt. Dachte sie deshalb heute wieder soviel an Stefan? Warum hatte sie Angst vor der Begegnung mit Paul? Er hatte in Rio eine große Reise-Agentur geleitet und wollte sich in Hannover etwas Ähnliches aufbauen.

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Seitenzahl: 147

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Kinderärztin Dr. Martens Classic – 27 –Sternchen sehnt sich nach Papi

Will er denn überhaupt nicht mehr zurückkommen?

Britta Frey

Der leise Glockenschlag der Standuhr auf dem Kamin drang in Celias Gedanken und erinnerte sie daran, daß sie sich noch immer nicht in ihrem Leben zurechtgefunden hatte.

Den Verlust ihres Mannes Stefan hatte sie noch nicht überwunden. Er verunglückte vor zwei Jahren bei einem Testflug – er war Pilot gewesen. Ja, sie könnte zufrieden sein, sie hatte ihre süße kleine Tochter Janine und ihre lieben Eltern. Seit Stefans Tod wohnten sie bei ihr in dem großen Haus, das er kurz vor dem Unglück in Ögela gekauft hatte.

Sie wollte nie mehr heiraten, denn Stefan war ein wunderbarer Mann gewesen. Und Celia wußte, ein Bild, das uns in die Seele eingegraben wurde, schwindet nie mehr.

Es hatte keinen Sinn, immer wieder die schöne Zeit der Vergangenheit heraufzubeschwören. Sie wollte dankbar sein für die drei Jahre, in denen sie unendlich glücklich war. Es gab auch entsetzliche Stunden der Angst, wenn Stefan neue noch wenig erprobte Maschinen testen mußte.

Wie versteinert war sie gewesen, als Major Winkler persönlich ihr die Nachricht brachte, daß Stefan abgestürzt war.

Nur ihren Eltern und der einjährigen Janine hatte sie es zu verdanken, daß sie heute noch lebte.

Laß endlich das Grübeln, schalt sie sich. Für morgen hat sich Stefans Bruder Paul angemeldet. Sie hatte ihn nur einmal bei der Beerdigung gesehen – und da erschrak sie so sehr, weil er ganz genau wie sein Bruder aussah. Er hatte ihr einmal eine Karte aus Rio de Janeiro geschickt und nach ihrem und Janines Befinden gefragt. Nur ab und zu hatte sie ihm ein paar Zeilen geschickt und ein paar Bilder von Janine beigelegt.

Dachte sie deshalb heute wieder soviel an Stefan? Warum hatte sie Angst vor der Begegnung mit Paul?

Er hatte in Rio eine große Reise-Agentur geleitet und wollte sich in Hannover etwas Ähnliches aufbauen.

Celia wußte, es würde sich nicht vermeiden lassen, daß er ab und zu nach Ögela kam und sie und Janine besuchte. Sie würde auch das überstehen und nicht in Paul seinen Bruder Stefan sehen. Stefan war und blieb für sie unersetzbar.

Schon manche Einladung hatte sie abgelehnt, sie wollte sich auch nie mehr verlieben. Und Langeweile kannte sie nicht. Mit ihrer Mutter versorgte sie das Haus, das sehr groß war und auch Gäste aufnehmen konnte. Der Vater, der schon pensioniert war, übernahm die Pflege des großen Gartens.

Und ihre nun dreijährige Janine war ihr ganzes Glück. Das Kind war ihr Ebenbild. Es hatte die gleichen schwarzen Haare wie sie und auch dieselben großen graugrünen Augen.

Als die Zeiger der Kaminuhr auf elf standen, erhob sie sich aus dem hohen bequemen Sessel, öffnete die Terrassentüren und ging hinaus. Auf der Steinmauer standen große Keramikschalen, in denen rosafarbene Geranien zur Zeit prächtig blühten.

Celia ging zum Rand der Terrasse und starrte in den Garten. Den zartsüßen Duft der Rosen nahm sie nicht wahr, auch nicht das leise Plätschern des kleinen Springbrunnens. Sie dachte an gar nichts, empfand gar nichts, nur eine matte, traumähnliche Verlorenheit.

»Erschrick nicht, Liebes«, hörte sie wie durch einen Nebel ihre Mutter sagen. »Fühlst du dich gut?«

Langsam drehte sich Celia um, sah ihre Mutter an und sagte leise: »Mir fehlt nichts. Ich muß nur heute den ganzen Tag an Stefan denken. Und ich habe plötzlich Angst vor der Zukunft.«

»Hängt es damit zusammen, daß morgen Paul kommt?«

»Ich weiß es nicht. Vielleicht…!«

Celia legte liebevoll den Arm um ihre Mutter, die einen halben Kopf kleiner als sie war, und sagte: »Mach dir keine Sorgen um mich, Mutter. Du weißt ja, daß ich manchmal solche Stimmungen habe. Mir fehlt Stefan so sehr…«

»Ich weiß, mein Kind. Es klingt zwar abgedroschen, doch es stimmt wirklich. Die Zeit heilt alle Wunden.« In Gedanken fügte sie hinzu: Eines Tages wirst du dich wieder verlieben und ein neues Glück finden.

»Nun komm, Celia, laß uns schlafen gehen. Alles Grübeln führt zu nichts.« Beide gingen ins Wohnzimmer zurück und schlossen die Terrassentüren.

Während sie die breite Treppe nach oben gingen in ihre Schlafzimmer, wollte die Mutter noch wissen: »Hat Paul gesagt, wie lange er hierbleiben will?«

»Hierbleiben? Ich dachte, er kommt nur für ein paar Stunden zu Besuch…« Celias Stimme klang spröde.

»Wir werden ja sehen, wenn er einen Koffer mitbringt…«

»Du meinst, er bringt gleich einen Koffer mit?« unterbrach sie die Mutter und blickte sie ganz entsetzt an.

»Es könnte ja sein. Er ist doch Stefans Bruder.«

Celia atmete tief durch, dann sagte sie spontan: »Wäre es nicht schön, wenn Hanna Martens und ihr Bruder Kay den Tag mit uns verbringen könnten? Morgen ist doch Sonntag. Ich rufe sie gleich in der Früh an.«

»Wenn du meinst… Ich mag die beiden auch sehr. – Aber du kannst sie nicht immer einladen, wenn gerade Paul kommt.«

»Ich wünschte, er würde nicht kommen!« Celias Stimme klang eisig.

»Kind, so kenne ich dich ja gar nicht. Du bist doch sonst eine vernünftige Frau.«

»Entschuldige, Mutter, ich weiß auch nicht, was mit mir heute los ist.« Sie drückte die Mutter kurz an sich und sagte zärtlich: »Schlaf gut, Muttchen, und mach dir keine Gedanken um mich.«

Besorgt sah die Mutter ihrer Tochter nach. Sie konnte Celia schon verstehen, sie war erst fünfundzwanzig, und die Liebe ihres Mannes fehlte ihr sehr.

*

Celia war noch einmal in Janines Zimmer gegangen, bevor sie sich im Bad für die Nacht fertig machte. Sie hörte ihre Eltern miteinander reden und lachen und freute sich, daß sich beide wohl fühlten. Allein in dem großen Haus mit dem Kind zu wohnen, stellte sie sich schrecklich vor.

Vergangene Woche hatte Janine ihren dritten Geburtstag gefeiert. Es ging sehr lustig zu, denn ein paar Nachbarskinder, alle schon ein wenig älter als Janine, freuten sich über die bunten Luftballons und die Luftschlangen. Auch hatte es allen geschmeckt, es gab Kuchen, Plätzchen und auch Eis, das Janines Opa verteilt hatte. Im Garten spielten sie Verstecken und Blindekuh. Auf einmal war Janine verschwunden. Alle suchten sie nun, doch vergeblich. Und plötzlich stand sie auf der Terrasse, hatte Celias Hut auf und ihr Gesicht war voll Lippenstift, ganz verschmiert. »Ich spiele eine Mami…«, rief sie allen zu und lachte dabei herzlich.

An diese Szene dachte nun Celia, als sie sich über ihr kleines Mädchen beugte. »Du bist mein ganzes Glück«, flüsterte sie zärtlich und strich ihr die schwarzen Locken aus dem runden Gesicht. Janine war schon groß für ihre drei Jahre, und sie war gottlob gesund. Vor einem halben Jahr hatte sie eine Halsentzündung gehabt und mußte in die Kinderklinik gebracht werden. Sie mußte nur ein paar Tage bleiben, doch in dieser Zeit lernten sich Celia und Dr. Hanna Martens kennen. Beide waren sich auf Anhieb sympathisch. Auch Dr. Kay Martens gefiel ihr gut. Sein ausgeglichenes Wesen und sein Charme ­sowie seine manchmal bewundernden Blicke schmeichelten Celia. Aber ihr Herz klopfte nicht einen Takt schneller.

Ab und zu holte das Geschwisterpaar Hanna und Kay sie zu einem Spaziergang in die Heide ab. Es ging immer sehr lustig und kameradschaftlich zu. Auch kam Hanna manchmal zu einem kleinen Plausch in das schöne Haus am Heidegrund.

Ich könnte eigentlich sehr glücklich sein, dachte Celia, als sie in ihrem Bett lag. Warum bin ich es nicht? Und wie so oft weinte sie um ihre verlorene Liebe. Warum war ihre gemeinsame glückliche Zeit so kurz gewesen? Auch jetzt sehnte sie sich so sehr nach Stefan nach seinen Küssen, seinen zärtlichen Umarmungen. Und auch heute nacht war in ihren Träumen der geliebte Mann bei ihr.

*

Paul Steiner traf gegen Mittag in Ögela ein. Von Hannover war es nur eine Stunde mit dem Wagen. Er hatte vor dem Ort einmal kurz angehalten und sein Aussehen überprüft. Er war mit sich zufrieden. Sein hellgrauer Sommeranzug, das hellblaue Seidenhemd, dazu der weiße Binder mit den blauen Pünktchen, stammten noch aus Rio. Seine dunkelblonden Haare fand er auch in Ordnung. Die blauen Augen bildeten einen guten Kontrast zu dem tiefgebräunten Gesicht. Zwei Jahre war er Geschäftsführer einer großen Reisegesellschaft in Südamerika gewesen, und er hatte viel Geld verdient. Deshalb hatte er in Hannover in der Calenbergstraße ein großes Reisebüro eröffnet, das gut florierte.

Er war kein Frauenverächter gewesen, doch eine Frau fürs Leben hatte er nicht gefunden.

Nun freute er sich auf Celia und ihre kleine Tochter. Beide hatte er sehr lange nicht mehr gesehen. Ohne es zu wollen, hatte er sich in Celia verliebt, als er sie das erste Mal sah. Nach der Beerdigung war sie ihm gegenüber gesessen und sie sah so zerbrechlich aus. Geweint hatte sie nicht, doch ihre wundervollen graugrünen Augen waren ganz dunkel vor Qual gewesen. Er hatte gespürt, was sie dachte, wenn sie ihn manchmal ansah. Und er verstand sie, denn sie hatte Stefan sehr geliebt.

Vergeblich hatte Paul versucht, die Frau seines Bruders zu vergessen, doch es war ihm nicht gelungen.

Er hatte Celia manchmal geschrieben, auch für Janine kleine Geschenke geschickt, bekam aber nur selten Antwort von ihr.

Paul hatte gehofft, sich besser in der Gewalt zu haben, doch sein Herz klopfte plötzlich unregelmäßig, als er vor dem Haus hielt. Im Vorgarten lief ein schwarzhaariges Lockenköpfchen auf ihn zu – es konnte nur Janine sein.

»Bist du mein Onkel Paul?« fragte das Kind und öffnete die Tür.

»Und du kannst nur Janine sein.« Er hob das Kind hoch und küßte es ganz zart auf die Wange.

Sie schlang die Ärmchen um seinen Hals und sagte lieb: »Ich freue mich so, nun endlich auch einen Onkel zu haben.«

»Willkommen, Paul!« sagte Celia, die ihm nun entgegenkam. Mit einem Blick sah sie, daß er keinen Koffer oder Handgepäck bei sich hatte. Gottlob dachte sie erleichtert, er bleibt nur heute hier.

Sie gab ihm die Hand, und Paul drückte diese zärtlich. Wie gern er sie umarmt hätte, zeigte er nicht. Sie ist noch viel schöner geworden, stellte er fest. Das ärmellose Sommerkleid, das sie anhatte, ließ ihre Figur gut zur Geltung kommen. Und es hatte die gleiche Farbe wie ihre faszinierenden Augen.

Der sonst so gewandte Paul wußte nichts zu sagen. Er wurde erlöst, als Celias Eltern unter der offenen Haustür erschienen. Die beiden begrüßten ihn herzlich, dann sagte Eva zu ihrer Tochter: »Warum bittest du unseren Gast nicht ins Haus?«

Die Antwort blieb ihr erspart, denn Janine fragte: »Hast du mir was Schönes mitgebracht, Onkel Paul?«

»Aber Kind, so was fragt man doch nicht«, sagte Celia und mußte lächeln, als Paul erwiderte: »Einen Onkel darf man das schon fragen. Ich habe dir natürlich was mitgebracht, es ist noch alles im Auto. Ich wollte euch nur erst begrüßen.«

»Ich habe auf der Terrasse den Tisch gedeckt, weil so schönes Wetter ist«, sagte Celias Mutter.

»Möchtest du lieber Tee oder Kaffee, Paul?« wollte Celia wissen, während sie durch das Wohnzimmer auf die Terrasse gingen.

»Wenn es nicht zu viele Umstände macht, hätte ich gern Tee.«

»Holst du nicht erst aus dem Auto die Mitbringsel?« fragte Janine ungeduldig. »Kaffeetrinken dauert manchmal so schrecklich lang, und ich bin so neugierig.«

»Liebling, du blamierst heute aber deine Mutter sehr«, sagte die Oma ernst.

»Was heißt blamiert, Mami?«

»Ich erkläre dir das später, Sternchen.«

»Sternchen, welch passender Name für Janine«, lächelte Paul. »Ihre Augen leuchten wirklich wie zwei Sterne.« Er wandte sich dem Kind zu: »Darf ich auch zu dir Sternchen sagen?«

Janine überlegte kurz, dann meinte sie gnädig: »Na gut, weil du mein Onkel Paul bist.« Ihre Augen wurden noch größer, als sie fragte: »Kann ich dir tragen helfen, während die Großen den Kaffee machen?«

»Wenn es deine Mami erlaubt, gern.«

»Na geht schon, ihr zwei, sonst haben wir doch keine Ruhe«, sagte Celia.

Janine nahm Paul an die Hand, ging mit ihm ums Haus, dann durch den Vorgarten zu seinem Auto. Als er aus dem Kofferraum eine große Tasche holte, fragte sie gleich: »Du bleibst doch ein paar Tage bei uns?«

»Wenn es deiner Mami recht ist, bleib ich gern einen Tag.«

»Bestimmt! Meine Mami hat gern Gäste. Besonders wenn Kay und seine Schwester kommen.«

Während das Kind munter drauflos plauderte, sinnierte Paul: Wer ist Kay? Bestimmt ist er in Celia verliebt…

»Was darf ich tragen, Onkel Paul? Ist das große Paket vielleicht für mich?«

»Ja, es ist für dich. Ich hoffe, du freust dich darüber.«

»Bestimmt! – Ich mach gern Geschenke auf.«

»Sternchen, ich hab dich sehr lieb«, sagte Paul, bückte sich zu ihr runter und küßte sie auf die Nase.

»Huch, das kitzelt aber«, sagte sie und lachte dann. Noch schelmisch meinte sie: »Ich finde es schön, dich als Onkel zu haben.«

»Und ich finde es wunderbar, daß ein Sternchen meine Nichte ist.«

Celia, die die beiden von der Hausecke aus beobachtet hatte, spürte, wie ihre Angst vor Paul in alle Winde wehte. Doch als sie die große Tasche sah, dachte sie wieder zornig: Also doch, er hat vor, ein paar Tage hierzubleiben. Das werde ich dir aber vermiesen, mein lieber Schwager. »Wann kommt ihr denn endlich?« rief sie ungeduldig.

»Entschuldige bitte, Celia. Wir haben schon alles.«

»Sieh mal, Mami, das große Paket ist für mich ganz allein. Ich darf es doch gleich aufmachen?«

»Doch nicht hier auf der Straße«, ermahnte sie das Kind. »Und wir wollen erst gemütlich Kaffee trinken.« Sie wandte sich an Paul: »Bitte kommt jetzt…«

»Ich bringe wirklich große Unruhe in dein Haus. Es tut mir leid, Celia.« Paul sah sie dabei so treuherzig an, daß es ihr ganz warm ums Herz wurde.

»Ooch, ist das schwer…«, stöhnte Janine. »Hilfst du mir, Mami?« Als Celia zu ihr ging und das in buntes Papier eingewickelte Paket hochnahm, sah sie fragend Paul an.

»Ich hoffe sehr, daß es Janine gefällt…«

Das Kind unterbrach ihn: »Mir gefällt alles, was ich geschenkt bekomme das heißt, fast alles.«

»Sternchen, du bist unmöglich«, sagte Celia.

Zu zweit trugen sie das Paket, das rechteckig und doch flach war. Paul mit der prallen Aktentasche ging hinter ihnen her. Hätte Celia seine Gedanken erraten, wäre sie geschockt gewesen, denn seine Liebe zu ihr wuchs von Minute zu Minute. Und er schwor sich: Eines Tages wird sie meine Frau, und wenn ich zehn Jahre auf sie warten müßte.

Oma Eva hatte Kaffee- und Teekanne auf die Heizplatte gestellt und den Kuchen schon aufgeschnitten. Gelassen meinte sie: »Ist ja schön, daß ihr drei auch schon kommt. Ich dachte, Opa und ich müßten allein alles aufessen.«

»Sieh nur, Omi, was Paul für uns mitgebracht hat.«

»Ich muß auch heute beide um Entschuldigung bitten, daß mein Besuch alles durcheinander bringt«, sagte er zu Eva und Klaus Hahn, der ihn auch herzlich begrüßte.

»Wir haben gern Besuch«, meinte Eva Hahn lächelnd. »Legt nur vorerst dort alles auf die Bank. Nachher, Ja­nine, werden wir deine Geschenke bestaunen.« Als sie sah, daß das Kind ein Schmollmündchen zog, weil die Neugier so groß war, sagte sie ruhig: »Setz dich nur auf deinen Stuhl.«

Janine sah ihre Mutter an, ob sie von ihr Hilfe bekäme. Nein – auch Mami sagte leise aber bestimmt: »Du hast gehört, was Oma gesagt hat.«

Nun saßen sie alle um den großen runden Tisch, der geschmackvoll gedeckt war. Eine große orangefarbene Markise spendete Schatten, denn die Sonne meinte es sehr gut.

Nur ein paar Meter entfernt plätscherte der kleine Springbrunnen. Der hochsteigende Wasserstrahl teilte sich oben, und viele kleine Tröpfchen, die durch die Sonne wie Diamanten aussahen, fielen in das runde Becken zurück.

»Es ist hier alles traumhaft schön. Ich komme mir vor, als wäre ich schon im Paradies«, sagte Paul und lächelte Celia an. Als sie zurücklächelte, klopfte sein Herz ein paar Takte schneller. Verstohlen atmete er tief durch, dann wandte er sich an Eva Hahn. »Es ist schon Jahre her, daß ich so herrlichen hausgemachten Kuchen genossen habe.« Und Eva legte ihm ein drittes Stück von der Apfeltorte auf seinen Teller.

Plötzlich hörten sie aus dem Wohnzimmer das Telefon klingeln. Celia, die der Terrassentür am nächsten saß, sagte: »Ich gehe schon ran.«

Nach kurzer Zeit kam sie zurück. Ihre Augen leuchteten, als sie sagte: »Es war Hanna… Kay und sie werden in einer Stunde hier sein. Sie konnten sich doch frei machen. Ist das nicht wunderbar?«

Paul sah Celias freudestrahlendes Gesicht, und sein Stimmungsbarometer sank ganz tief. Janine hatte auch einen Kay erwähnt – war dieser Mann Celias Freund? Plötzlich schmeckte der Kuchen bitter, doch er zwang sich, auch den letzten Bissen zu schlucken.

Was bist du für ein Narr? dachte er. Glaubst du, diese wunderschöne Frau wird von keinem anderen Mann begehrt?

»Ja, ich freue mich, daß die Geschwister kommen«, sagte Klaus Hahn. »Wißt ihr was? Dann grillen wir heute abend.« Er sah Paul an und fragte: »Oder möchten Sie lieber was anderes?«

»Ich wollte gegen sechs Uhr nach Hannover zurück«, sagte Paul.

»Das kommt doch gar nicht in Frage! Wir dachten, du könntest für ein paar Tage bleiben?« sagte Celia und wunderte sich, daß diese Worte ihr so selbstverständlich über die Lippen kamen.

»Ich möchte aber keine Umstände machen.«

»Unser Gästezimmer ist schon für Sie gerichtet«, sagte Eva.

»Wir sind doch eine Familie, Paul, deshalb sagst du zu mir Klaus – und zu meiner Frau Eva. – Einverstanden?«

»Herzlich gern, vielen Dank!« Paul reichte ihnen über den Tisch die Hand. Sein Gleichgewicht war wiederhergestellt, denn er konnte nun Celias Gegenwart länger genießen als nur ein paar Stunden. »Dir danke ich auch, Celia, für deine Einladung.«

Janine rutschte schon eine Weile ungeduldig auf ihrem Stuhl hin und her. »Wann endlich darf ich meine Geschenke auspacken?«

Paul sah in die Runde. Als alle nickten, stand er auf und stellte sich neben Janine, die schon an der großen Schleife nestelte, die um das Paket geschlungen war.

Paul half ihr, das Papier zu entfernen, und Janines Jubelschrei machte ihn glücklich, weil er das richtige für sie getroffen hatte. »Mami, sieh mal, ein Tierpark – und die vielen Bäume.«