Strandbudenzauber - Ella Danz - E-Book
Beschreibung

Kommissar Angermüller gönnt sich eine Auszeit vom Dienst. Doch nach ein paar Wochen Müßiggang mit Reisen, Kochen, im Café sitzen, verspürt er eine gewisse Leere. Da kommt Deryas Idee gerade recht, ihrer Schulfreundin Wiebke zu helfen, deren erfolgreichem Restaurant von einem Unbekannten übel mitgespielt wird. Offiziell Kellner in der Alten Strandbude, beginnt Angermüller zu ermitteln, hat auch erste Erfolge - da gibt es einen Toten und er gerät gegenüber den Kollegen vom K1 in Erklärungsnot …

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Seitenzahl:374

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Ella Danz

Strandbudenzauber

Angermüllers zehnter Fall

Impressum

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

Schockschwerenot (2015), Unglückskeks (2014), Geschmacksverwirrung (2012), Ballaststoff (2011), Schatz, schmeckt’s dir nicht? (2010), Rosenwahn (2010), Kochwut (2009), Nebelschleier (2008), Steilufer (2007), Osterfeuer (2006)

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

2. Auflage 2019

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Keilholz / shutterstock

Druck: CPI books GmbH, Leck

Printed in Germany

ISBN 978-3-8392-5740-1

Widmung

Für alle MutmacherInnen, für W. – und für das Meer … 54°02,3N – 10°54,9E

 

 

18. September – Con onor muore …

Eine zarte Brise wehte über die Dünen, sachte neigte sich der Strandhafer zur Landseite. Von Osten kam die Brise, streichelte, was sie berührte, und versprach eine stabile Schönwetterlage. Das milde Licht des ausgehenden Sommers lag über der Lübecker Bucht und brachte die Ostsee zum Glitzern. Glücklich, wer jetzt hier seine Urlaubstage verleben konnte.

Nur ein paar vereinzelte Jogger und Hundefreunde folgten dem Saum des Wassers, sonst war der Strand um diese morgendliche Stunde noch leer. An der Landseite eines Holzhauses zwischen den Dünen baumelte ein Schild, verbeult, die Schrift ausgeblichen wie auf einem Stück Strandgut. »Café & Restaurant Alte Strandbude« stand darauf. Wer um die so bezeichnete Bude herumging, wurde empfangen von einer großzügigen Terrasse. Aus der geöffneten Tür des Gastraumes, viel größer, schicker und vor allem neuer als erwartet, gebaut aus viel Glas und Holz, drang leises Geschirrklappern und das Zischen einer Kaffeemaschine. Das verwaschene Himmelmeeresblau des Horizonts setzte sich auf Kissen, Gardinen und Deckchen fort, die Tische und Bänke nahmen das helle Sandgrau des Strandes auf. Spätestens jetzt wurde dem Betrachter klar, dass auch dem abgenutzten Schild seine Patina in kunstvoller Absicht beigebracht worden war. Vielleicht hatte hier früher einmal eine kleine Bude gestanden, wo man Limo und Bier, Pommes, Fischbrötchen und Eis kaufen konnte, aber das war mit Sicherheit vorbei.

Die »Strandbude«und schräg gegenüber das »La Gola Incantata«waren die letzten Gebäude hinter dem Campingplatz. Der unbefestigte Strandweg, der hierherführte, verlief 20 Meter weiter im Nichts. Trotzdem war bei Badewetter im Sommer tagsüber kein Parkplatz zu finden, und ganz Mutige fuhren immer wieder verbotenerweise auf den Strand, wo sie dann Hilfe brauchten, wenn sie sich eingegraben hatten und neben dem Ärger meist ein fettes Knöllchen kassierten wegen Verkehrsvergehens und der Missachtung des Dünenschutzes. Aber jetzt war ein Montag Mitte September, Leere und eine diesige Trägheit hatten sich über alles gebreitet.

Das Reetdachhaus, welches das Restaurant »La Gola Incantata«beherbergte, beeindruckte durch seine schiere Größe, mindestens dreimal so groß wie sein Gegenüber. Es verfügte über eine geräumige Terrasse zum Strandweg hin, die von einem Glaszaun gegen den Seewind geschützt wurde. Der Kiesweg zur Eingangstür war durch einen dicken Tampen versperrt, an dem ein Schild befestigt war, das »Montag Ruhetag« verkündete. Trotzdem stand die Tür zum Restaurant offen, und hin und wieder drangen Klangfetzen italienischer Opernarien heraus.

Auf der Terrasse der »Strandbude«hatte es sich mittlerweile ein Paar bequem gemacht, dessen tiefe Bräune von einem langen, sonnendurchglühten Sommer zeugte. Die konzentrierte Langsamkeit, mit der sie zeitgleich an ihren Zigaretten zogen, hatte schon fast etwas Meditatives. Sie saßen in der ersten Reihe, vor sich ihren Cappuccino, schwiegen und schauten aufs Meer. Hin und wieder wandten sie die Köpfe zu dem großen Mann in Jeans und weißem Hemd, der mit ruhigen Bewegungen den Sand von den Planken fegte, die Tische abwischte und anschließend die Stühle aufstellte.

»Na, das is doch auch ma schön, wenn man das n’büschen ruhiger angehen lassen kann, oder? Hast dich denn schon hier eingewöhnt, mien Jong?«

Die Stimme, rau und tief, gehörte der Dame am Tisch, und an ihrer Sprache war leicht die Hamburger Herkunft zu erkennen.

»Kann man sagen, bin ja schon über zwei Wochen hier. Und jetzt fängt eh die Nachsaison an, da helfe ich nur gelegentlich aus.«

»Schade, bist ein wirklich netter Kellner. Aber ich mag die Nachsaison, vor allem bei so einem feinen Wetter. Überall kriegst einen Platz, die meisten nervigen Urlauber sind weg, und wir sind wieder unter uns. Nur, dass ihr ab Oktober nur noch am Wochenende aufhabt, das is’n büschen schade.«

»Wie lange wollen Sie denn auf dem Campingplatz aushalten?«

»Ach, kommt drauf an. Wir haben hier auch schon Weihnachten gefeiert!«

Sie lachte ihr heiseres Raucherlachen.

»Unser Anhänger ist gut isoliert, hat Heizung, TV, Kühlschrank, Herd, Dusche und was noch alles – sehr komfortabel und richtig gemütlich. Musst uns mal besuchen kommen! Nur, dass bei Schnee und Eis die Entsorgung etwas beschwerlich ist. Und inzwischen ist es im Winter ziemlich langweilig. Viele unserer Freunde sind krank, manche verstorben und die Jüngeren, die bleiben ab Oktober lieber in der Stadt. Mal sehen, wann wir unsere Zelte abbrechen, was, Karl-Heinz?«

Der Mann sagte nichts, nickte nur bedächtig. Gleich in den ersten Tagen hatte Erika dem neuen Kellner im Vertrauen erzählt, dass sie beide in diesem Jahr 83 wurden, was dieser höchst beeindruckend fand.

»Die Chefin nicht da?«, schallte es plötzlich laut und ungehalten aus dem Gastraum.

»Die freundliche Stimme kenn ich doch«, kommentierte Erika und schnitt eine Grimasse, »na, wenn das man nich der olle Kröger is …«

»Sie entschuldigen mich!«

Der Kellner beeilte sich, nach drinnen zu kommen.

»Deine Chefin nicht da?«, blaffte der Mann in Blaumann und Gummistiefeln schon wieder, als er des Kellners ansichtig wurde. Neben ihm schnaufte ein übergewichtiger, alter Hund.

»Guten Morgen erst mal, Herr Kröger. Und meines Wissens duzen wir uns immer noch nicht. Nein, Frau Martinsen ist nicht im Haus. Kann ich Ihnen helfen?«

»Frau Martinsen ist nicht im Haus«, äffte der Campingplatzbesitzer die Ausdrucksweise des Kellners nach. »Nee, du kannst mir nich helfen. Aber du kannst deiner Chefin ausrichten, dass ich mir das nicht länger bieten lasse. Wenn sie nicht innerhalb von drei Tagen das Parkplatzschild mit ihrer Werbung von meinem Grund und Boden entfernt, dann gibt das ganz großen Ärger, das sach ihr man!«

»Ich werde es ausrichten, doch soweit ich weiß, steht das Schild auf öffentlichem Land und …«

»Öffentliches Land! Dass ich nich lache! Das is ganz allein mein Land!«, schnaubte der Mann. »Aber wenn sie Ärger will, den kann sie haben, genau wie der Pizzabäcker nebenan! Die haben doch alle einen Knall! Richte das deiner Chefin aus!«

Damit wandte er sich in Richtung des Personaleingangs, durch den er auch hereingekommen war. Sein Hund, der sich auf allen vieren niedergelassen hatte, erhob sich mühsam.

»Im Übrigen möchte ich Sie bitten, zukünftig nicht unbefugterweise den Eingang durch die Küche zu nutzen, schon gar nicht mit Ihrem vom Durchfall geplagten Hund, sondern …«

»Du hast sie ja wohl nich alle!«, antwortete Kröger grob auf das höfliche Ansinnen. »Ich nehm die Tür, die mir passt, verstanden!?«

Er zeigte dem Kellner einen Vogel und war dann verschwunden. Resigniert hob der Zurückgebliebene die Schultern, ging zurück auf die Terrasse, verteilte Tischdecken, Speisekarten und Sitzkissen und spannte einige der blau-grau gestreiften Sonnenschirme auf.

»Sonst ist morgens doch immer die Chefin da? Ist sie krank? Oder verspätet sie sich nur?«, wollte Erika wissen, die den Blick des Mannes auf seine Armbanduhr regis­triert hatte – der alten Dame entging nichts.

»Sie wird wohl bald da sein«, meinte der Kellner, »sie ist mit Polette in Lübeck neue Lieferanten besuchen und ein paar Sachen besorgen. Es soll demnächst eine neue Speisekarte geben.«

Die Speisekarte interessierte Erika und Karl-Heinz weniger. Sie waren keine Genießer, kochten möglichst sparsam mit ihren beim Discounter gekauften Vorräten, Hauptsache sie wurden satt. Ihr morgendlicher Cappu und gegen Abend mal ein Bierchen oder ein Sprizz in der »Strandbude« waren der einzige Luxus, den sie sich gönnten.

Der entspannte Blick der Stammgäste folgte dem Kellner, der vor die Terrasse trat, wo im Sand sechs Strandkörbe auf Gäste warteten. Er rückte die Öffnungen der Sitzmöbel der Sonne entgegen, entfernte Sand von den meerwasserblau gestreiften Sitzkissen und klappte alle Tabletts ordentlich zur Seite. Dann war er zufrieden.

»So, ich muss drinnen noch was tun. Sie melden sich, wenn Sie was brauchen.«

»So mok wi dat! Danke!«

Der Mann verschwand im Gastraum. Die beiden Camper zündeten sich neue Zigaretten an und gaben sich schweigend der Harmonie des trägen Montagvormittags hin, während drinnen der Kellner sein beschauliches Tagwerk fortsetzte, die Brotkörbe mit neuen Papierservietten auslegte, Besteck sortierte und frische Wassergläser auf den Tischen verteilte. Das Restauranttelefon meldete sich mit seiner unaufdringlichen Melodie.

»Frau Martinsen – Entschuldigung, Tante Ille – guten Morgen! Ja, vertretungsweise mache ich Frühdienst. Niki hat sich krank gemeldet und Wiebke ist mit Polette unterwegs, Sachen fürs Restaurant besorgen.«

Alle nannten die alte Dame nur Tante Ille. Auch ihn hatte sie gleich bei ihrer ersten Begegnung dazu angehalten. Doch die vertraute Anrede ging dem Kellner noch nicht so locker von der Zunge.

»Gut, ich sage Ihrer Nichte, sie soll sich bei Ihnen melden, wenn sie kommt. Danke, Ihnen auch einen schönen Tag!«

Er legte auf und sah sich um. Die Morgenroutine war erledigt, und eigentlich konnten jetzt die Gäste kommen. Wieder draußen auf der Terrasse, blickte er suchend den Strand entlang. Trotz des makellosen Tages niemand in Sicht, der die »Alte Strandbude«ansteuerte. Langsam schlenderte er ums Haus herum, als ein durchdringender Schrei die friedliche Vormittagsstille zerriss. Er kam eindeutig von der Landseite. Der Kellner beschleunigte seinen Schritt, und kaum bog er um die Ecke der »Strandbude«, kam eine dünne, kleine Frau angerannt, die nun ein hysterisches Klagegeheul anstimmte. Er stellte sich ihr in den Weg, hielt sie fest und versuchte sie zu beruhigen.

»Kann ich Ihnen helfen? Was ist denn passiert?«

Er hatte sie schon ein paar Mal hier gesehen. Sie putzte im Restaurant gegenüber. Jetzt war sie kurz vorm Kollabieren, schnappte hektisch nach Luft und stieß zwischendurch spitze Schreie aus. Endlich deutete sie hinter sich, wo das »Gola Incantata« im hellen Sonnenschein lag und wo aus der offen stehenden Restauranttür immer noch italienische Opernmusik klang.

»Blut! Alles voll Blut!«, japste sie, bevor sie dem Kellner in die Arme fiel und heulte. Ihre Schreie hatten auch die beiden Camper von ihrem Cappuccino weggelockt.

»Kümmern Sie sich bitte um die Frau? Ich geh schau’n, was da drüben los ist.«

»Ahlns kloar«, antwortete Erika ohne weitere Fragen, und gemeinsam mit Karl-Heinz geleitete sie die dürre Person auf die Strandseite, unablässig beruhigende Worte brummend.

Diffuses Licht herrschte im Gastraum des großen Ristorante. Die kleinen Fenster unter dem weit heruntergezogenen Reetdach, die von rot-weiß karierten Gardinen flankiert wurden, ließen kaum Sonne herein.

Die Musik schwoll an, und der kundige Kellner erkannte den Sopran der Callas in der Schlussarie aus Madame Butterfly, in der diese angesichts ihres Unglücks den Freitod sucht. Seine Augen, die sich mittlerweile an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, erblickten auf dem Boden, zwischen zwei umgestürzten Barhockern vor dem Tresen, die dazu passende Szene. Drama, Tod, Ende.

Aber keine Frau, sondern ein Mann lag am Fuß einer steilen Treppe auf dem Bauch, sein weißer Anzug war an vielen Stellen dunkelrot gefärbt und um ihn herum ein kleiner See aus Blut. Ganz langsam ging der Kellner in die Knie, fühlte am Hals des Mannes, griff dann sachte nach seiner Hand und versuchte ein Lebenszeichen zu entdecken. Vorsichtig legte er sie wieder zurück und erhob sich. Er beugte sich über den Tresen, auf dem eine volle Flasche Champagner, allerdings ohne die Folie über dem Korken, sowie eine Grappaflasche mit zwei nicht ganz geleerten Gläsern standen. Während er nach der Musikanlage suchte, fielen ihm die Glasscherben auf, die auf der Rückseite des Tresens lagen. Schließlich entdeckte er die Anlage im Regal und schaltete mit einem Papiertaschentuch, das er aus seiner Hosentasche zog, die Musik aus.

»Hallo, ist hier jemand?«, rief er laut in den hinteren Teil des Restaurants. Er wiederholte seinen Ruf in Richtung oberes Stockwerk, doch es kam keine Antwort.

Rückwärts bewegte sich der Kellner auf den Eingang zu, sorgfältig darauf achtend, nicht wieder in die riesige Blutlache zu treten, die er angesichts des herrschenden Lichtmangels bei seinem Eintreten nicht bemerkt hatte.

»Was machst’n du hier?«

Überrascht drehte er sich um. Im hellen Licht des Eingangs stand Finn, ein vielleicht fünfjähriger Junge, und schaute ihn aus runden Brillengläsern, die für sein schmales Gesicht viel zu groß waren, neugierig an. Während er konzentriert an einem Lolly schleckte, versuchte er einen Blick ins Innere des Restaurants zu erhaschen. Finn machte schon fast zwei Wochen mit seiner Mutter auf dem Campingplatz Urlaub und langweilte sich meist, denn es gab kaum Kinder zum Spielen. Und die Mutter saß den ganzen Tag mit ihrem Smartphone im Strandkorb, hatte scheinbar überhaupt keine Lust stundenlang im Sand zu buddeln, mochte weder Fußballspielen noch Schwimmen. Ohne auf Finns Frage zu antworten, fasste ihn der große Mann an den Oberarmen und trug ihn hinaus hinter den Tampen mit dem Ruhetag-Schild, wo er ihn auf dem Boden absetzte. Den Kleinen störte das nicht.

»Ist der Mann tot?«, fragte er interessiert, und als der Angesprochene nicht antwortete: »Bist du ein Böser?«

»Im Gegenteil.«

Während der Junge ihn aufmerksam beobachtete, zog der Kellner sein Handy aus der Tasche und wählte die Nummer des Polizei-Notrufs. Es dauerte ein paar Sekunden und er hatte eine Verbindung.

»Guten Morgen, ich rufe aus Schassau an. Ich möchte eine tote Person melden.«

 

Drei Wochen zuvor …

Kapitel I

Es war seine liebste Zeit am Abend. Er stand in der Küche, ein Glas Rotwein neben sich, und schnippelte, würzte, rührte, kostete in Vorfreude auf ein wohlschmeckendes Mahl. Manchmal aufwendig und edel, manchmal schlicht und trotzdem köstlich, so wie heute. Behutsam mischte er die halbierten kleinen Pflaumentomaten unter die noch heißen Penne und hob die grob geschnittenen Rucolablätter unter. Er portionierte alles auf zwei tiefen Tellern, ließ grobe Würfel eines sahnig milden Schafskäses darauf fallen und gab jeweils einen großzügigen Schuss grüngoldenes Olivenöl dazu. Dann griff er zur Mühle und mahlte groben schwarzen Pfeffer darüber. Zum Schluss streute er geröstete Pinienkerne auf jede Portion und betrachtete zufrieden sein Werk.

»Essen ist fertig!«

Georg Angermüller trug die Teller hinaus auf seine von wildem Wein umrankte Terrasse – ein verträumtes Eckchen mit einem kleinen gusseisernen Tisch, der gerade genug Platz für zwei Personen bot. Inzwischen wusste er seine Wohnung, in einer ruhigen Nebenstraße in der Nähe vom Brink gelegen, sehr zu schätzen. Er nahm das Küchentuch ab, das ihm als Schürze gedient hatte, setzte sich und griff mit einem Seufzer nach seinem Rotweinglas. Irgendwie hatte er so ein Sonntagsgefühl, obwohl erst Dienstag war, aber das hatte er in letzter Zeit schon des Öfteren verspürt. Neulich hatte er sich morgens sogar gefragt, welcher Wochentag eigentlich war. Lag das am Alter?

»So, jetzt fühl ich mich wieder frisch und fit. Nur, dass ich fast umkippe vor Hunger. Wie gut, dass ich meinen persönlichen Küchenchef habe.«

In der Tür stand Derya, in einen weißen Bademantel gehüllt, um den Kopf ein Handtuch zum Turban gewickelt und strahlte Georg an. Sie ließ sich auf ihren Stuhl plumpsen und betrachtete erfreut das grün-weiß-rote Arrangement auf ihrem Teller.

»Auch einen Rotwein?«

»Aber klar! Ich muss ja heute nicht mehr arbeiten.«

Am späten Nachmittag hatte Derya ein großes Buffet ausgeliefert. Zwei Tage war sie mit den Vorbereitungen für die Feier eines 50. Geburtstages beschäftigt gewesen. Sie hatte sich sehr über den großen Auftrag gefreut. Nach den sechs Wochen Urlaub, die sie sich ausnahmsweise gegönnt hatte, brauchte sie dringend Einnahmen für »Deryas Köstlichkeiten«, ihren Cateringservice für mediterrane Spezialitäten.

»Ach, das war ganz wunderbar, Georg«, stöhnte Derya nach dem Essen, während sie über ihren gut gefüllten Magen streichelte, »und du glaubst nicht, wie ich es genieße, bekocht und bedient zu werden. Ich liebe meinen Job, aber irgendwann muss auch mal Feierabend sein, wenn man so einen Küchenmarathon hinter sich hat. Also vielen Dank – auch für diesen feinen Nachtisch aus Schokoladenkuchen unter Vanilleeis.«

»Immer wieder gerne!«

»Ich bin übrigens erst so spät nach Hause gekommen, weil ich unterwegs eine alte Bekannte getroffen habe. Na ja, Bekannte ist übertrieben. Wiebke und ich gingen vor ungefähr 30 Jahren …«, Derya unterbrach sich und warf Georg einen irritierten Blick zu, »sag mal, so alt bin ich doch noch gar nicht?«

»Natürlich nicht, mein Schatz! Du bist doch noch gar nicht richtig erwachsen, bist und bleibst immer ein süßes, junges Mädchen«, grinste Georg über sein Weinglas hinweg, bevor er einen kräftigen Schluck nahm.

»Nana, mach dich nicht lustig, Herr Kommissar! Verdammt, aber viel fehlt wirklich nicht an 30 Jahren. Also, Wiebke war so eine Schmale, Große auf endlosen Beinen, dazu ein dunkler Lockenkopf und unglaublich schöne blaue Augen. Wir gingen in eine Klasse. Sehr enge Freundinnen waren wir nicht, aber irgendwie mochte ich sie. Natürlich waren alle Jungs der schönen Wiebke verfallen. Aber dann in der Zehnten, da war sie auf einmal weg und kam nicht mehr zur Schule. Sie sei Model geworden, hieß es damals. Und stell dir vor, heute bin ich ihr über den Weg gelaufen.«

»Ist sie denn immer noch so schön?«

»Auf jeden Fall! Obwohl sie ganz anders aussieht. Ich hätte sie bestimmt nicht erkannt. Sie hat mich angesprochen.«

»Da hast du’s! Du wirst eben nicht alt, siehst noch genauso süß aus wie damals als Teenager.«

»Pfffh«, machte Derya nur und warf Georg einen vernichtenden Blick zu.

»Wiebkes Haare sind eisgrau und raspelkurz. Das sieht echt fantastisch aus zu ihren Veilchenaugen. Ganz so schmal wie früher ist sie nicht, aber sie hat eine traumhafte Figur!«, schwärmte Derya und sah resigniert an sich herab. Sie war keineswegs dick, aber so lange Georg sie kannte, kämpfte sie einen erfolglosen Kampf gegen drei, vier Kilo Übergewicht, die seiner Meinung nach gar kein Problem waren. So wie er wurde Derya eben oft schwach, wenn kulinarische Genüsse lockten, es Neues zu kosten gab oder ein Gericht besonders gut gelungen war. Genau das mochte er an ihr, ihre Spontaneität, ihre Begeisterung, die sie auch mal gute Vorsätze vergessen ließ. Das war so erfrischend, so menschlich, so ganz anders als die Disziplin und Konsequenz, die ihm in den letzten Jahren bei seiner Frau Astrid oft zu schaffen gemacht hatten.

»Was macht die schlanke Wiebke denn beruflich? Lass mich raten: Fitnesstrainerin?«

Derya nahm das Handtuch herunter und frottierte energisch ihr dunkelbraunes Haar. Momentan leuchteten goldblonde Strähnchen daraus hervor. Sie probierte ständig andere Farbvarianten auf ihrem Kopf aus, aber zufrieden war sie nie.

»Im Gegenteil, mein Herr! Sie hat ein Restaurant.«

»Ach, das ist ja erstaunlich. Wo denn?«

»Am Strand, irgendwo zwischen Neustadt und Grömitz. Ihre Tante hatte eine einfache Bude, und die hat sie vor drei Jahren übernommen und aufgemöbelt. Sie hat mir Fotos gezeigt, sieht zauberhaft aus. Ich hab ihr versprochen, sie am Sonnabend zu besuchen, sofern ich keinen Auftrag habe. Komm doch mit! Dann können wir gleich die Küche ausprobieren. Sie hat so von ihrer tollen Köchin geschwärmt.«

»Ach nee, bestimmt wollt ihr über früher quatschen und so, da störe ich doch nur. Außerdem bin ich mit den Zwillingen verabredet. Ich hab die beiden seit unserer Rückkehr noch gar nicht gesehen.«

»Schade. Ich dachte …«

Derya wurde nachdenklich und Georg schaute sie fragend an.

»Ach, nicht so wichtig. Ist vielleicht wirklich besser, ich fahr allein. Es läuft gut, hat Wiebke erst gesagt, trotz des wettermäßig sehr gemischten Sommers. Aber dann hat sie von so ein paar Vorfällen in letzter Zeit erzählt. Es scheint jemanden zu geben, dem der Erfolg ihres Restaurants nicht in den Kram passt.«

»Was für Vorfälle?«

»Na ja, verdorbene Ware wurde geliefert, sodass ausgerechnet am Wochenende die Hälfte der Speisekarte gestrichen werden musste, die Kühlanlage war immer wieder falsch eingestellt, es gab manche Abende nur schale Getränke, ein anderes Mal wurde den Kunden versalzenes Essen serviert – alles Sachen, die für so einen Laden geschäftsschädigend sind.«

»Ist das nicht normal, dass mal was schiefgeht? So ungewöhnlich finde ich das nicht. Glaubt sie, da steckt Methode dahinter?«

»Sie hat nicht gern darüber geredet, aber sie scheint zu denken, da will jemand ganz absichtlich ihrem Restaurant schaden.«

Georg wiegte zweifelnd seinen Kopf.

»Na ja, sie sollte mal ihrem Personal besser auf die Finger sehen. Entweder, die sind unfähig oder aber jemand ist unzufrieden und rächt sich mit solchen kleinen Sabotageakten.«

»Und die verdorbene Ware? Die kam ja von außerhalb.«

»Da würde ich empfehlen, schleunigst den Liefe­ranten zu wechseln.«

»Okay, alles halb so schlimm. Wenn du das sagst …«

Zufrieden schien Derya nicht mit Georgs Reaktion, doch sie sagte nichts weiter dazu und kam lieber auf etwas anderes zu sprechen.

»Ach Georg, nur noch eine Woche, dann ist mein süßer, kleiner Koray für ganz lange ganz weit weg. Mir graut davor!«

»Dein kleiner Koray ist fast zwei Köpfe größer als du und mit 19 mehr als volljährig. Lass ihn einfach die Zeit genießen, bevor er sich wieder ins Lernen und irgendwelche Prüfungen stürzen muss.«

Deryas Sohn hatte im Frühjahr Abitur gemacht. Bevor er im nächsten Jahr ein Informatikstudium aufnahm, wollte er mindestens ein halbes Jahr in Chile jobben und herumreisen. Auf Chile fiel Korays Wahl, weil er dort sein Spanisch verbessern konnte und die Kosten für Flüge und Vermittlung vergleichsweise günstig ausfielen.

»Ich finde es klasse, dass Koray sich für Work and Travel entschieden hat. Er wird bestimmt tolle Erfahrungen machen und viel erwachsener und reifer sein, wenn er zurückkommt«, bekräftigte Georg seine Ansicht.

»Und ich sitze hier ganz allein rum …«

»Du wirst dich sowieso dran gewöhnen müssen, dass dein Sohn nicht ewig bei dir wohnen wird. Du schimpfst doch immer über seine Unordnung. Sei froh, da brauchst du dich nicht mehr drüber aufregen. Und außerdem, hör mal, ich bin ja auch noch da!«

»Schon«, maulte Derya, »aber du wohnst allein und ich wohne in meiner großen Wohnung allein. Ich werd mir ganz verloren vorkommen.«

Heikles Thema, vermintes Terrain.

»Es dauert grade mal zehn Minuten mit dem Rad von mir zu dir. Keine Angst, das kriegen wir hin«, brummte Georg Angermüller und fragte etwas unvermittelt: »Und Freitag hast du das Catering für diese Filmpremiere?«

»Ja.«

Deryas einsilbige Reaktion bewies, dass er genau richtig gelegen hatte.

»Ich kann dir gern helfen. Du weißt ja, ich hab viel Zeit«, grinste er aufmunternd. Sie zuckte mit den Schultern.

»Ich weiß noch nicht. Gül wird am Donnerstag aus ihrem Urlaub zurückkommen. Ich denke, wenn wir zu zweit sind, schaffen wir das locker«, sie stand auf, »und jetzt muss ich nach Hause.«

»Was, jetzt schon?«, bedauerte Georg, griff nach Deryas Hand und küsste sie sanft. Zwar glitt ein kleines Lächeln über ihr Gesicht, aber sie entzog sich ihm.

»Ich bin mit Koray verabredet. Wir wollen besprechen, was wir für seine Reise besorgen müssen und was sonst noch so organisiert werden muss.«

Lange nachdem Derya gegangen war, saß Georg immer noch beim Rotwein draußen. Im Juni hatten sie ihr Einjähriges gefeiert, besser gesagt, Derya hatte dieses Datum mit Festessen, Champagner und Kerzenschein zelebriert, und wenn sie ihn nicht drauf gestoßen hätte, wäre es für ihn ein Tag wie jeder andere gewesen. So hatte Georg in letzter Minute einen großen Rosenstrauß besorgt und sie hatten einen wunderbaren Abend zusammen verbracht. Auch er fand, sie hatten Grund zum Feiern, ihm gefiel ihre Beziehung, so wie sie war. Und das war der Punkt.

Bisher hatte Derya es nie konkret ausgesprochen, doch in letzter Zeit hatte sie immer öfter eine Andeutung fallen lassen: Diese umständliche Hin- und Herfahrerei sei sie manchmal leid, oder: Zwei Haushalte seien Luxus, und immer wieder brachte sie Korays baldige Abwesenheit ins Spiel. All diese Bemerkungen ließen nur einen Schluss zu und Georg spürte, dass dieser ihm nicht behagte.

Vor noch nicht mal zwei Jahren war er aus dem Haus am Wakenitzufer ausgezogen, in dem er den Großteil seiner Lübecker Jahre mit Astrid und den Zwillingen verbracht hatte. Dieser Umzug mit all seinen Konsequenzen fühlte sich für ihn noch lange nicht abgeschlossen an. Er musste sich immer noch an seine neue Lebenssituation gewöhnen. Er und Astrid hatten sich bisher nicht einmal scheiden lassen, ja nicht einmal eingehender darüber geredet. Und nun sollte er sich schon wieder auf eine neue große Veränderung einstellen? So weit war er nicht, und deshalb wich er dem Thema stets aus, sobald Derya das Gespräch in diese Richtung lenkte.

Sie verstanden sich wirklich gut, und es verband sie so viel mehr als die Leidenschaft fürs Kochen und Essen. Georg mochte Deryas Humor und gleichzeitig die Ernsthaftigkeit, mit der sie aufs Leben schaute, ebenso wie die Empathie, die sie vorurteilslos jedem entgegenbrachte.

Ihre gemeinsame Reise war durchweg harmonisch verlaufen. In den ersten beiden Wochen hatte Derya ihm ihre Geburtsstadt am Bosporus gezeigt, von den touristischen Highlights bis zu den verwunschenen Ecken ihres Viertels. Sie hatte ihn über bunte Bazare, durch grüne Parks geführt, sie hatten in winzigen Fischrestaurants köstlich gespeist und Jazzern in szenigen Clubs gelauscht. Georg war dem Charme dieser Metropole voller Gegensätze sofort erlegen.

Auf der Fahrt zu ihrem nächsten Ziel musste er oft an die großzügige und herzliche Gastfreundschaft von Deryas Eltern denken, die ihn tief berührt hatte. Er sorgte sich ein wenig. Wie würde wohl der Empfang in Nieder­engbach ausfallen, dem kleinen oberfränkischen Dorf im Coburger Land, in dem er geboren war und wo seine Mutter und seine älteste Schwester lebten?

Georgs Befürchtungen stellten sich jedoch als grundlos heraus. Seine Schwester Marga war von der ersten Sekunde an von Derya verzaubert, und auch seiner rauschaligen Mutter gegenüber traf seine Freundin genau den richtigen Ton. Anders als brummig konnte die alte Frau nicht, doch sie verwöhnte ihre Gäste nach allen Regeln der Kunst. So verbrachten die beiden sonnenpralle Tage zwischen grünen Wiesen, kühlen Wäldern, gurgelnden Bächen, besuchten die zahlreichen Schlösser und Parks der Umgebung und genossen in den Biergärten die heimische Küche und das Bier. Am Ende dieser Sommerwoche hatte Derya die Heimat von Georg, samt seiner Familie und der alten Freunde, in ihr Herz geschlossen.

Weiter ging es Richtung Süden, mit Ruhe und Beschaulichkeit. Wo es ihnen gefiel, da blieben sie ein Weilchen, spazierten durch Dörfer und Städtchen, kosteten die lokalen Spezialitäten in Süddeutschland, Österreich, Südtirol, bis sie nach einer Woche des Reisens in der Toskana anlangten. Hoch über Campiglia Marittima hatten sie eine winzige Ferienwohnung gemietet, wo es unter dem Dach höllenheiß war und in der jede Nacht das Wasser wegblieb. Doch sie hatten von dort einen einmaligen Blick übers Meer bis nach Elba. Etruskersiedlungen, Konzerte unterm Sternenhimmel, mittelalterliche Städtchen, breite Sandstrände, Trattorien und Weingüter – die Herzen mit unvergesslichen Erlebnissen gesättigt, machten sie sich auf den Weg zurück nach Norden.

Georg wollte diese gemeinsame Reise nicht missen. Sie hatten sich wunderbar verstanden. Einen richtigen Streit hatten sie ohnehin noch nie gehabt, wenn er so drüber nachdachte. Aber letzte Gewissheiten waren ihm fremd, und er wusste nicht, ob es Liebe war, was er für Derya empfand. Genauso wenig konnte er sagen, ob er für immer und ewig mit ihr zusammen sein wollte. Selbst, ob sie sich schon genügend kannten für diesen Schritt, fragte er sich manchmal. Er freute sich über jede ihrer Begegnungen, doch schätzte er eben auch die Phasen des Alleinseins.

Er brauchte Zeit zum Nachdenken, nicht nur über Derya. In den letzten Wochen hatte er ein ganz anderes Leben geführt. Vor und nach ihrer Reise hatte er sich durch die Tage treiben lassen, weder Pläne noch Termine hatten ihn eingeschränkt. Lesen, Musik hören, Ausstellungen besuchen, die Stadt, die Umgebung mit dem Fahrrad erkunden und natürlich einkaufen und kochen – allem was sonst zu kurz kam, hatte er ausgiebig gefrönt.

Was er zunehmend schade fand, war, dass er sich wochentags mit niemandem von seinen Freunden verabreden konnte, die alle ihren Berufen nachgehen mussten. Seine Töchter hatten erst noch Schule gehabt, in den Ferien dann waren sie verreist und jetzt hatten sie wieder Schule. War er im Dienst, hatte er ständig mit Leuten zu tun, war mit anderen Menschen im Austausch. Nie hätte er gedacht, dass ihm das fehlen könnte. Gut, auf einige der Kollegen konnte er ohne Not verzichten, aber im Großen und Ganzen fühlte er sich im K1 immer noch ziemlich wohl. Nur dass er in letzter Zeit unter den ewig gleichen Abläufen gelitten und eine unangenehme Routine verspürt hatte. Das hatte ihm den Spaß am Job verdorben und seine Einsatzfreude ziemlich gelähmt.

Das erste Drittel seiner Auszeit war um. Hatte er anfangs befürchtet, sieben Monate seien verdammt kurz, waren seine Empfindungen nun total zwiespältig. Ja, es war wunderbar, nicht nach der Uhr leben zu müssen, sich morgens noch mal umzudrehen, nach der Stimmung und dem Wetter zu entscheiden, was er mit dem neuen Tag anfangen wollte. Aber gleichzeitig fühlte er eine gewisse Leere. An einigen Abenden fragte er sich, was er eigentlich von morgens bis abends getan hatte, was so einen schalen Geschmack hinterließ, als ob seinem Tag ein Gewürz fehlte.

Kapitel II

Über den Sichtschutz hinweg konnte sie aufs Meer sehen. Nie hatte sie so weit im Norden leben wollen. Nur wegen Hannes war sie hier gelandet, und der hatte sie inzwischen allein gelassen. In der harten Zeit danach war das Meer Polettes Trostspender geworden, ihr Seelenstreichler, der Ausweg aus dunklem Gedankengestrüpp. Und immer noch schenkte ihr sein Anblick Ruhe und Gelassenheit, wenn sie es brauchte und sich Hannes nah fühlen wollte. Polette nutzte den Moment vor dem Abendansturm, um in Ruhe draußen neben den Mülltonnen eine Zigarette zu rauchen. Was sie gerade erfahren hatte, ließ sie nicht los.

Es war mal wieder typisch, dass die Chefin versucht hatte, die Sache mit sich allein auszumachen. Sie hätte doch was sagen können, dann hätte Polette die Augen offen gehalten, denn da gab es offensichtlich jemanden, der ihnen übel wollte. Irgendjemand gönnte der »Alten Strandbude« nicht den Erfolg.

Mit Erfolg war auch nicht unbedingt zu rechnen gewesen, als Wiebke vor drei Jahren das Restaurant eröffnet hatte. Genügend düstere Prophezeiungen von pessimistischen Nachbarn hatte es eh gegeben. Die meisten fanden es zu abgelegen, als dass sich außerhalb der Saison, die an der Lübecker Bucht nur wenige Wochen dauerte, Gäste hierher verirren würden. Und von den paar Wochen konnte ja wohl kein Laden existieren, höhnten die Missgünstigen. Zum Glück war es anders gekommen, und das passte wohl jemandem nicht in den Kram …

Eine Frau, die Polette noch nie gesehen hatte, war heute aufgetaucht. Sie benahm sich ziemlich laut und auffällig, sodass Polette neugierig aus der Küche gekommen war.

»Çok güzel!«, hatte die Besucherin gerufen, als sie hi­naus auf die Terrasse trat, und dann hatte sie nur noch da gestanden und geschaut. Der Ausblick schien ihr die Sprache verschlagen zu haben. Auch Polette griff sein Zauber immer wieder ans Herz. Die Strahlen der tief stehenden Sonne legten einen Schleier aus sanftem Traumlicht über den Strand und ließen die Ostsee silbern schimmern. Von See her fächelte milde Luft, leise raschelten die Dünengräser, ab und zu schrie eine Möwe. In den Strandkörben vor der Restaurantterrasse genossen ein paar Gäste bei einem Drink die entspannte Stimmung des späten Nachmittags.

»Ich hab’s leider nicht verstanden. Was hast du gesagt?«, hatte Wiebke die Frau gefragt. »Gefällt es dir?«

»Es ist wunderschön! Bezaubernd!«

Die Besucherin drehte sich um ihre Achse, zeigte auf das Restaurant, die Terrasse, den Strand.

»Du hast wirklich ein kleines Paradies geschaffen, Wiebke! Wundert mich nicht, dass die Leute gern kommen. Sag mal, und das will dir irgend so ein Idiot vermiesen?«

Wiebke hatte bei diesen Worten verstohlen einen Blick zu ihren Gästen geworfen und die Brauen hochgezogen, sodass die andere sofort verstummte und sich betreten die Hand auf den Mund legte.

»Sorry.«

Und so hatte Polette zum ersten Mal von der Sache gehört.

»Nicht so schlimm. Magst du was trinken, Derya? Einen Sprizz vielleicht?«, hatte Wiebke vorgeschlagen, »Und dann setzen wir uns nach drinnen, da können wir in Ruhe reden, solange ich nicht bedienen muss.«

Diese Derya hatte eine Rhabarberschorle genommen. Und dann hatten die beiden, nah beieinander sitzend, eine intensive Unterhaltung geführt. Sie schien eine Freundin von Wiebke zu sein, Wiebkes erste Freundin überhaupt, die sie zu Gesicht bekam, soweit Polette sich erinnern konnte. Ab und zu hatte die Besucherin empört ihren Kopf geschüttelt. Leider sprachen die Frauen so leise, dass Polette nichts von ihrer Unterhaltung mitkriegte.

Doch der eine Satz zu Anfang hatte ihr gereicht. Als Derya verschwunden war, hatte Polette die Chefin zur Seite genommen und sie sofort gefragt, ob es stimme, dass ihnen jemand den Erfolg der »Alten Strandbude« vermiesen wollte? Ja, hatte Wiebke nur gesagt und dass so einiges vorgefallen sei.

»Was denn? Was ist vorgefallen? Warum hast du nichts gesagt? Wer ist der Idiot?«

»Lass uns nach Feierabend drüber reden, wenn wir allein sind.«

»Wer war die Frau, die dich heute besucht hat?«, wollte Polette noch wissen.

»Ach, nur eine alte Schulfreundin«, hatte Wiebke kurz geantwortet.

Mit mehr Kraft als nötig drückte Polette ihren Zigarettenstummel aus, warf ihn in die Mülltonne und ließ geräuschvoll den Deckel fallen. Na, das konnte ja ein spannender Abend werden.

Gleich darauf hieß es, sich auf die Essensbestellungen zu konzentrieren, die Schlag auf Schlag hereinkamen. Vindaille vom Dorsch, Risotto mit frischen Pfifferlingen, regionaler Ziegenkäse auf Dhal von roten Linsen, malaysische Laksasuppe, Wiener Schnitzel mit warmem Erdäpfelsalat – das Angebot der »Alten Strandbude« war eine bunte Mischung aus Regionalem, aus internationalem Streetfood und Polettes besonderen Spezialitäten. Außerdem gab es ein bis zwei Kreationen zur Saison. Ein Restaurantkritiker begeisterte sich in einem Artikel kürzlich für die angesagte Weltküche der »Alten Strandbude«, die Asien mit Ostsee mit Afrika, ja der ganzen Welt mische. Da alles frisch zubereitet wurde, war die Speisekarte zwar nicht sehr umfangreich, doch angesichts der kleinen Küche vollbrachten Polette und ihre jungen Helfer echte Höchstleistungen.

Die letzten Gäste waren vor elf gegangen. Gegen Mitternacht war die Küche geputzt, das Restaurant aufgeräumt, Niki, die in den Semesterferien kellnernde Studentin, Bolli und Carsten, die beiden Männer aus der Küche, hatten sich in den Feierabend verabschiedet. Endlich saßen Wiebke und Polette allein an einem Tisch, große Gläser mit Mineralwasser vor sich.

»Erzähl«, sagte Polette nur. Erst zögerlich, später flüssiger schilderte Wiebke ruhig und sachlich die Merkwürdigkeiten der letzten Wochen: Versalzene Speisen, verdorbener Fisch, der serviert worden war, unkenntlich gemachte Wegweiser zum Restaurant, eine tote Ratte vor dem Eingang, die immer wieder falsch eingestellte Kühlanlage, ein gefälschtes Hinweisschild auf Betriebsurlaub, und, und, und. Es waren alles nur Kleinigkeiten, die Wiebke aber zu einer gezielten Sabotageaktion addierte.

»Aber warum hast du denn nicht gleich was zu mir gesagt?«, wiederholte Polette die Frage, die sie seit heute Nachmittag umtrieb, ohne von Wiebke mehr als ein Schulterzucken zur Antwort zu bekommen. Die meisten Vorfälle waren an Polette komplett vorübergegangen. Für die Dinge, die sie bemerkt hatte, versuchte sie, einfache Erklärungen zu liefern.

»Das Salzunglück vorgestern ging hundertpro auf Bollis Konto, der ist manchmal total unkonzentriert. Er hat natürlich alles abgestritten, und du warst viel zu nachsichtig ihm gegenüber! Ich hätt ihm die Rechnung der Gäste, die ja nicht bezahlen mussten, gnadenlos vom Lohn abgezogen.«

Wiebke sagte nichts. Mittlerweile hatte sich Polette an die unterkühlte Art ihrer schönen Chefin gewöhnt. Keine Wutausbrüche, kein Freudentaumel, keine Verzweiflung, selten ein herzhaftes Lachen – sehr selten. Dafür hatte Wiebke immer die Andeutung eines Lächelns im Gesicht, behielt jedoch stets eine leise Reserviertheit bei, ohne dabei arrogant zu wirken. Polette, die gern mal aus der Haut fuhr, fragte sich, wie Wiebke ständig so beherrscht und unaufgeregt daherkommen konnte. Allerdings ahnte sie, dass die Distanz zu anderen für Wiebke eine Art Selbstschutz war. Wieso sie den brauchte, wusste Polette auch nach fast drei Jahren ihrer Zusammenarbeit nicht genau. Vielleicht hing es mit ihrem kleinen Bruder zusammen, um den sie sich seit dem frühen Tod der Mutter kümmern musste, wie Wiebkes Tante erzählt hatte. Polette wusste jedenfalls, dass Wiebke hinter ihrem Lächeln eine große Traurigkeit verbarg. Und auch deshalb mochte Polette ihre Chefin, war sie selbst doch Spezialistin für Traurigkeit.

»Eine tote Ratte könnte natürlich als Drohung gemeint sein«, grübelte Polette, »und das mit den verdrehten Wegweisern und dem Betriebsurlaubsschild ist echt eine fiese Nummer. Aber davon hab ich nichts mitgekriegt. Und unsere Kunden scheinbar auch nicht. Ich fand den Betrieb in den letzten Wochen eh ziemlich normal.«

»Okay, einen richtigen Umsatzeinbruch gab es nicht. Aber du musst zugeben, dass man das als Versuche sehen kann, uns Schaden zuzufügen.«

»Ja natürlich, ernst nehmen sollten wir das«, stimmte Polette zu. Wenn schon die Chefin mit ihrer nüchternen Betrachtungsweise an eine Verschwörung dachte, dann sie selbst erst recht.

Wiebke zögerte einen Moment.

»Weißt du, das Ganze macht mir ein bisschen Angst.«

Polette griff nach Wiebkes Hand. Es lagen gerade um die zehn Jahre zwischen den beiden Frauen, trotzdem fühlte die Köchin eine Art mütterliche Verantwortung für ihre Chefin.

»Alles gut, jetzt weiß ich ja Bescheid. Und du versprichst mir, mich sofort zu informieren, wenn wieder was passiert und ich es nicht mitbekomme. Ich schwör’s, wenn ich den erwische …!«

Wiebke nickte und zog sachte ihre Hand zurück. Sie war fast einen Kopf größer als die stämmige Polette, doch ihre Schlankheit ließ sie schmal und zerbrechlich wirken und weckte regelmäßig Polettes Beschützerinstinkt. Polette trank das restliche Mineralwasser in einem Zug aus.

»Hast du eigentlich jemanden in Verdacht?«, wollte sie wissen.

»Ich habe öfter darüber nachgedacht, aber nein, einen direkten Verdacht habe ich nicht. Vielleicht jemand, der mal hier gearbeitet hat und sich ungerecht behandelt fühlte?«

»Mmh, wäre möglich, aber außer so zwei, drei Leuten am Anfang, die wir wegen Unfähigkeit nicht behalten konnten, fällt mir niemand ein. Außerdem ist das mehr als zwei Jahre her! Und unsere jetzigen Mitarbeiter … Nein, das kann ich mir nicht vorstellen«, Polette schüttelte den Kopf, »als Erstes würde ich vielmehr an neidige Mitbewerber denken, davon haben wir ja einige. Unser nächster Nachbar, der Italiener zum Beispiel.«

»Zumindest hat das Ganze erst mit der neuen Saison angefangen, nachdem dieser Mario den Laden übernommen hat«, überlegte Wiebke.

»Oder der Kröger vom Campingplatz mit seiner grässlichen Schnitzelkneipe, der hat sich schon ein paar Mal mit uns angelegt.«

Polette überlegte.

»Und dann gibt’s die Naturschützer, die gegen den Umbau damals protestiert haben. Weißt du noch: Lieber Dünen statt Dinner!«

Für einen Moment hingen die beiden Frauen schweigend ihren Gedanken nach.

»Lass uns nach Hause gehen. Dieses wilde Spekulieren bringt nichts«, schlug Wiebke vor, »wir müssen einfach wachsam sein. Aber sag vorerst nichts zu den anderen. Und rede bitte auch nicht mit meiner Tante darüber. Das würde sie viel zu sehr aufregen.«

»Ich werd mich hüten. Keine Silbe!«

»Mann, das war echt gut! Danke, Mama! Aber jetzt kann ich leider nicht mehr«, bedauerte Koray und trommelte mit den flachen Händen auf seinen Bauch. Schüsselchen mit den Resten von Schafskäsepasten in mehreren Pastelltönen, ein paar Oliven, Teller mit Überbleibseln von Börek und Pastırma bedeckten den Küchentisch. In der Mitte lag auf einer großen Platte eine letzte Portion von »Des Sultans Entzücken«, Korays Lieblingsgericht aus geschmortem Lammfleisch auf Auberginenpüree.

»Du wirst doch nicht schlappmachen, mein Kind? Es gibt auch noch Nachtisch!«

»Vielleicht sollten wir eine kleine Pause einlegen. Was gibt es denn?«, erkundigte sich Georg, der zwar ebenfalls gut gesättigt, doch auch nach einem so üppigen Mahl für eine Süßspeise zu haben war.

»Kemalpaşa tatlısı«, sagte Derya, während sie noch einmal Rakı in die Gläser goss und mit eiskaltem Wasser auffüllte.

»Mmh! Mit Kaymak?«, wollte Koray wissen.

»Na klar, womit sonst?«

»Du hast es auch schon mit Schmand gemacht. Aber mit Kaymak ist es besser.«

»Schmand, Kaymak, manchmal nimmst du es schon sehr genau. Aber mein Kleiner, so leckere Sachen wirst du jetzt für eine Ewigkeit nicht zu essen bekommen. Willst du wirklich nach da drüben gehen, für so lange? Was essen die überhaupt in Chile?«

»Irgendwie alles, hab ich gelesen. Fleisch vom Rind, vom Schwein, vom Pferd, Bohnen, Huhn, Fisch und gerne so Eintöpfe. Kommt mir jedenfalls alles ganz schön sattmachend vor.«

»Ich kenne die Küche dort nicht. Aber kann ja auch schmecken«, meinte Georg. »Wann geht es denn nun los?«

»Dienstagabend fliege ich von Hamburg nach Madrid. Und dann nach vier Stunden Aufenthalt geht’s weiter nach Santiago.«

»Ach, sag nichts mehr. Ich will gar nichts darüber hören«, jammerte Derya, »Şerefe! Mir bleibt nur die Flucht in den Alkohol.«

»Ach, Mama! Die paar Monate gehen so schnell vorbei. Und außerdem bist du doch nicht allein. Da ist Georg, deine Schwester, deine Freundinnen, und spätestens im Februar bin ich wieder da.«

Sie tranken ihren Rakı und machten sich dann doch mit Appetit über die Quarkteigbällchen mit Sirup und Kaymak her. Koray wollte noch ein paar Sachen packen und ging in sein Zimmer. »Ach Georg, ich würde gern noch was mit dir besprechen«, kündigte Derya an, nachdem sie gemeinsam den Tisch abgeräumt hatten. Aha, jetzt diskutieren wir gleich wieder über einen gemeinsamen Haushalt, wappnete sich Georg vorausschauend und setzte ein harmloses Lächeln auf.

»Ich war doch gestern in dem Restaurant meiner Schulfreundin. Hatte ich dir ja vor ein paar Tagen von erzählt.«

Er nickte, ein wenig erleichtert, sich getäuscht zu haben.

»Also, das Restaurant liegt wirklich unglaublich schön. Und es ist sehr geschmackvoll ausgebaut und eingerichtet. Gedämpfte Farben, dezente Strandgutdeko, maritim, nicht zu edel, sodass man sich als Gast sofort willkommen fühlt. Es ist ein richtiger Traumort geworden. Und die Küche ist eine echt interessante Mischung zwischen regional und asiatisch, afrikanisch, österreichisch …«, schwärmte Derya.

»Österreichisch? Das klingt für hier oben ja richtig exotisch. Wie kommt’s?«

»Die Köchin stammt aus Wien.«

»Und jetzt möchtest du, dass wir dort mal essen gehen?«

»Ja, das auch«, lachte Derya, »aber eigentlich wollte ich dir einen anderen Vorschlag machen.«

Sie trank von ihrem Wasser und sah Georg über das Glas hinweg prüfend an.

»Was hast du eigentlich so vor in den nächsten Wochen?«

Tja, genau diese Frage hatte sich Georg auch schon gestellt. Immerhin lagen noch vier Monate vor ihm, die ihm zurzeit fast endlos erschienen.

»Warum willst du das wissen? Sollen wir wieder auf Reisen gehen?«

»Ach ja, das würde ich gerne«, sagte Derya sehnsuchtsvoll, »aber leider muss erst wieder Geld in die Kasse kommen. Nein, ich wollte dir vorschlagen, einen Job anzunehmen.«

»Um Geld zu verdienen?«

»Eher um jemandem einen Gefallen zu tun.«

»Deiner Freundin Wiebke«, stellte Georg ohne Zögern fest.

»Ja, woher weißt du …?«

»Das war ja wohl nicht so schwer. Was hast du ihr denn über mich erzählt?«

Sichtlich verlegen rührte Derya mit einem Löffel in ihrem Wasserglas.

»Na ja, ich hab ihr gesagt, dass du bei der Kripo bist, aber gerade viel Zeit hast und ihr vielleicht helfen könntest.«

»Wie? Soll ich dort als Koch anfangen?«

»Nicht gerade als Koch, eher so als flexible Aushilfe, hauptsächlich als Kellner. Nur in Ausnahmefällen als Küchenhilfe.«

Georg schaute sie etwas befremdet an.

»Küchenhilfe? Kellner? Mehr traust du mir gastronomisch nicht zu?«

»Georg! Natürlich weiß ich, dass du ein fantastischer Koch bist. Aber, das soll doch nur zur Tarnung sein!«

»Bitte? Könntest du etwas genauer werden?«

»Also: Ich habe dir doch neulich von den komischen Vorfällen erzählt, die bei Wiebke in den letzten Wochen passiert sind, du erinnerst dich?«

»Mmh.«

»Und da hatten wir ganz spontan die Idee, dass du dort quasi undercover ermitteln könntest.«

»Soso, ihr hattet die Idee …«, brummte Georg, der sich lebhaft vorstellen konnte, wie das Gespräch verlaufen war.

»Du hast deiner Schulfreundin vorgeschwärmt, was für ein toller Detektiv ich bin, dass ich mich gerade entsetzlich langweile und dass ich eigentlich nur darauf warte, dass diese Wiebke mich engagiert.«

»Natürlich habe ich ihr erzählt, dass du ein echter Profi und absolut spitze in deinem Job bist. Aber ich habe auch gesagt, dass ich dich erst fragen muss.«

»Vielen Dank, sehr nett, dass ich auch mein Votum abgeben darf.«

Einerseits mochte Georg es gar nicht, wenn andere über seinen Kopf hinweg irgendwelche Zusagen machten, auch wenn es gut gemeint war. Andererseits fühlte er sich geschmeichelt, dass die Frauen ihn als großen Retter sahen, als den Philip Marlowe vom Ostseestrand.

»Das war doch vollkommen klar, dass ich dich erst fragen muss«, bekräftigte Derya, die ihre Idee schon Wirklichkeit werden sah.

»Aber besser geht’s ja gar nicht: Während du in der ›Alten Strandbude‹ arbeitest, kannst du gleichzeitig versuchen herauszufinden, wer hinter diesen Sabotageakten steckt. Ist doch die perfekte Tarnung, oder?«

Ein skeptischer Blick war Georgs Antwort.

»Und außerdem bist du an einem wunderschönen Ort und kannst jeden Tag eine andere Köstlichkeit von der tollen Speisekarte testen.«

»Hast du auch schon beschlossen, wann ich dort anfangen soll?«

»Du machst es, Georg! Oh, wie toll! Ich muss sofort Wiebke anrufen!«

Glücklich sprang Derya auf und überhäufte ihn mit Küsschen.

»Moment! Ich habe noch nicht zugesagt«, bremste Georg die Begeisterung seiner Freundin. »Wann, hast du denn nun gesagt, dass ich dort anfangen könnte?«

Als Derya ihren Kopf neigte, fielen ihr die dunklen Locken mit den blonden Lichtern kokett ins Gesicht. Sie sandte Georg einen ihrer unschuldigsten Blicke.

»Morgen?«

Kapitel III

Die alte Frau stellte ihre Gehhilfen ab und zog sich mühsam am Geländer die drei Stufen zu ihrer Haustür hoch, dann straffte sie ihren Rücken und griff nach dem bereitstehenden Rollator, ohne den sie sich auch im Haus nicht mehr bewegen konnte. Wie viel Energie und Willenskraft musste sie aufbringen, um diese kurzen Strecken allein zurückzulegen!