Unglückskeks - Ella Danz - E-Book
Beschreibung

Keiner weiß, wovor Sophie Angst hat, denn nach einer Kopfverletzung kann sie weder sprechen noch schreiben. Befindet sie sich in Gefahr? Kommissar Georg Angermüller wiederum muss das Rätsel um einen toten Chinesen auf den Schienen bei Reinfeld ergründen. Der Lübecker Ermittler und sein Team recherchieren lange ohne greifbaren Erfolg, müssen sich über ignorante Kollegen und ihren obersten Chef ärgern - und essen öfter mal, nicht nur mit Stäbchen, bis sie endlich der Lösung des Falles näher kommen …

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Seitenzahl:388

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Ella Danz

Unglückskeks

Angermüllers achter Fall

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2014 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

info@gmeiner-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © m&m88 / photocase.com

ISBN 978-3-8392-4330-5

Widmung

Für meine Freundinnen und Freunde – namentlich Cornelia, Christel, Hans, Karin, Udo, Ulli – und all die anderen Kümmerer … und natürlich für W.

Kapitel I

Inmitten der abendlichen Betriebsamkeit an der Supermarktkasse musste Marlene plötzlich an Sophie denken. Eine Welle von Zuneigung und Traurigkeit durchlief sie und sie spürte die Sehnsucht wie ein schmerzhaftes Ziehen. So schnell es ihr möglich war, schmiss sie die Einkäufe, welche die Kassiererin fertig durchgezogen hatte, in den großen Einkaufswagen.

Ich komme, meine Kleine, flogen ihre Gedanken voraus, hab ’ne Menge Sachen gekauft, die du gerne magst. Heute Abend werden wir schlemmen!

Als sie die Berge von Obst, Gemüse, Käse, Joghurt und allen möglichen Leckereien in Tüten und Körben im Kofferraum verstaut hatte, musste Marlene über sich selbst den Kopf schütteln. Eine vierköpfige Familie könnte sich tagelang davon ernähren. Sie hatte beim Einkaufen jegliches Maß verloren.

Endlich fand sie eine Lücke im vorbeirollenden Verkehr, fuhr vom Parkplatz und fädelte sich auf die Hauptstraße ein. Kurz darauf bog sie nach links ab, um ihren ganz persönlichen Schleichweg durch stille Wohnstraßen mit schmucken Einfamilienhäusern von Ratekau nach Grootmühlen zu nehmen.

»Gleich bin ich bei dir, meine Süße«, murmelte Marlene vor sich hin und drückte aufs Gas, während sie im Handschuhfach nach ihrer Sonnenbrille angelte, »dauert gar nicht mehr lange. Und dann machen wir uns ein feines Abendessen, das sag ich dir!«

Die Sonne stand schräg am makellos blauen Himmel. Wie so oft hier an der Küste hatten sich die Wolken am späten Nachmittag verflüchtigt, und es versprach, ein milder Abend zu werden. Ob Sophie schon auf sie wartete? Marlene ließ sie ungern allein. Manchmal ließ es sich nicht vermeiden, manchmal hatte Sophie einfach keine Lust, so wie heute. Alle Überredungskünste, sie mit zum Einkaufen zu lotsen, hatten nichts gefruchtet. Sie hatte nach jedem ihrer Argumente nur den Kopf geschüttelt. Als Marlene trotzdem nicht aufhören wollte, auf sie einzureden, war Sophie böse geworden, hatte sich die Treppe hinauf in den ersten Stock gehangelt und die Zimmertür hinter sich zugeknallt. Natürlich war Marlene ihr nachgegangen, hatte ihr gesagt, dass es kein Problem wäre, ginge sie halt ohne sie einkaufen, sie dachte nur, sie langweile sich vielleicht allein.

Endlich fuhr sie über die weiße kleine Brücke, hinter der das Grundstück begann, wo auf einer Anhöhe Tante Birgits Haus stand. Ursprünglich war es einmal die einfache Kate der Müllerfamilie gewesen, doch irgendwann um 1900 hatte der neue Besitzer das Strohdach weggenommen, ein Stockwerk daraufgesetzt und eine kleine, bescheidene, aber hübsche Villa daraus gemacht. Marlenes Onkel hatte das Anwesen mit in die Ehe gebracht und hier mit Frau und Kindern gelebt. Nachdem ihr Mann vor 15 Jahren verstarb, die Kinder längst aus dem Haus waren, fand Tante Birgit es bald zu einsam und zu ruhig so ganz allein, und nahm sich in Bad Schwartau eine kleine Wohnung. Die Villa hatte sie als Ferienhaus eingerichtet. Doch nachdem sie erste Erfahrungen mit mäkeligen Gästen und deren Ansprüchen gemacht hatte, betrieb sie die Vermietung eher halbherzig. Die meiste Zeit stand das Haus leer, nur Kinder und Enkel nutzten es, wenn sie zu Besuch in die alte Heimat kamen.

Marlene hupte kurz und fuhr den Wagen mit einem rasanten Knirschen über den Kies direkt vor die Haustür, um ihre Einkäufe zu entladen.

»Huhu!«, winkte sie nach oben, wo sie Sophie hinter dem Fenster vermutete. Von dort hatte man die Auffahrt, ein Stück Straße, bevor sie einen Bogen nach rechts machte, die historischen Nebengebäude der Mühle gegenüber, in denen sich ein Restaurant befand, und die Einfahrt für die LKW im Blick. Erlaubte das Wetter nicht den Aufenthalt im Freien, saß Sophie gern dort oben und sah nach draußen, wo zwar auch wenig, aber immerhin etwas passierte.

Natürlich sorgte Marlene sich keineswegs, dass Sophie sich langweilte, wenn sie allein zurückblieb. Das nannte sie nur ihr gegenüber als Begründung, wenn sie die Freundin von zu Hause weglocken wollte. Vor allem seit Sophie sich mehr und mehr von dem verhassten Rollstuhl zu emanzipieren versuchte, war Marlene voller Angst, dass sie stürzen und sich verletzen könnte und dann nicht in der Lage wäre, Hilfe zu holen. Diese Angst machte, dass sie die Freundin am liebsten gar nicht allein lassen wollte.

Jedes Mal, wenn sie von einer ihrer Unternehmungen zurückkam, spürte Marlene ihr Herz aufgeregt klopfen. Vor Freude einerseits, gleich wieder bei Sophie zu sein, zum andern in angespannter Furcht, ob auch alles in Ordnung war mit ihr. Vergeblich versuchte sie immer wieder, sich ihre Ängste auszureden, aber sie konnte nicht aus ihrer Haut.

Jetzt drückte sie ein paar Mal ungeduldig mit dem Ellbogen auf den Klingelknopf, sodass ein lustiges Gebimmel durchs Treppenhaus tönte, während sie trotz einer vollgepackten Tüte in den Armen mit der anderen Hand den Haustürschlüssel ins Schloss schob.

»Schatz, ich bin wieder da!«

Sie hatte sich schon so oft in ihrer Fantasie die schlimmsten Szenarien ausgemalt, in quasi vorauseilendem Pessimismus, natürlich stets in der Hoffnung, eines Besseren belehrt zu werden. Und so war es dann auch immer gewesen, alles in Ordnung, keine Vorkommnisse. Doch heute …

Marlene ließ die Tüte mit den Einkäufen fallen, Äpfel kullerten über den Teppich, ein Joghurtbecher platzte.

»Sophie, Sophie! Was ist passiert?«

Mit einem Sprung war sie neben ihr.

Etwas verdreht lag die junge Frau im Flur am Fuß der Treppe. Aber, Gott sei Dank, sie bewegte sich!

Gib, dass sie sich nicht ernsthaft verletzt hat, betete Marlene inständig und schöpfte Hoffnung, als Sophie begann, sich mit ihrem gesunden Bein Zentimeter um Zentimeter in Richtung Treppengeländer zu ziehen. Es schien gerade erst passiert zu sein. Sie war offensichtlich von oben die Stufen heruntergefallen. Von wie weit oben? Marlene mochte sich gar nicht vorstellen, was alles hätte dabei geschehen können. Sie versuchte, zu überprüfen, ob Sophie irgendwo Schmerzen hatte, drückte sanft auf den Oberschenkel und dann ihren Beckenknochen, doch Sophie schob ihre Hand beiseite.

»Ich sollte wohl besser den Arzt rufen«, schlug Marlene vor und tastete nach ihrem Mobiltelefon.

Sophie unterbrach ihren kräftezehrenden Weg und wehrte unwillig ab.

»Sag doch, wie ist das passiert? Bist du die Treppe runtergestürzt? Mein Schatz, was ist geschehen?«

Sophie schüttelte den Kopf, gab Unverständliches von sich und bemühte sich, auf dem Rücken liegend, weiter auf das Geländer zuzurobben. Im Gesicht war sie hochrot. Marlene wollte sie anfassen, ihr helfen, doch die Freundin ließ es nicht zu. Jetzt hatte sie ihr Ziel erreicht und versuchte, sich mit dem linken Arm an einer Strebe hochzuziehen. Nach mehreren Ansätzen gelang es ihr endlich und sie saß mit dem Rücken an die unterste Stufe gelehnt. Sie fing sogleich an, wild zu gestikulieren.

»Mamma mia! Mamma mia!«

Es waren die Worte, die sie stets von sich gab, die einzigen, die sie beherrschte, außer Ja und Nein. Egal worum es ging: Mamma Mia. Stets gab sie diese Buchstabenfolgen von sich. Je nach Betonung und Lautstärke sollten sie etwas anderes bedeuten. Marlene hatte inzwischen schon besser gelernt, sie zu interpretieren. Ihre Freundin war unglaublich aufgeregt. Sie brabbelte, ruderte mit dem linken Arm durch die Luft, wirkte fast hysterisch.

»Hat es geklingelt? War jemand an der Tür?«

Marlene konnte nur versuchen, mit Fragen herauszubekommen, was Sophie ihr sagen wollte. Das war nicht ganz einfach, da ihre Freundin oft auch die Frage nicht richtig verstand. Hinzu kam die Ungeduld, die Sophie schon immer innegewohnt hatte und die nach ihrem Unfall noch um ein Vielfaches stärker geworden war.

»Wolltest du raus in den Garten, weil die Sonne jetzt so schön scheint?«

Sophie verdrehte die Augen und gab ein genervtes Stöhnen von sich. Das konnte sie noch gut, es klang genau wie früher. Marlene spürte, wie die Traurigkeit, die sie in letzter Zeit stets umschlich, wieder von ihr Besitz ergreifen wollte. Ach ja, wie früher … Die zierliche Sophie sah noch genauso jung und draufgängerisch aus wie eh. Ihre dunklen Haare waren nach der Operation wieder nachgewachsen, nur dass sie jetzt noch um einiges kürzer waren als davor. Immer noch hatte Sophie ihre feinen Gesichtszüge, die geschwungenen dunklen Brauen über der zierlichen Nase, die wohlgeformten Lippen. Das angenehme Äußere ihrer Personal Trainerin war Marlene bei ihren ersten Begegnungen natürlich sofort aufgefallen, doch verliebt hatte sie sich erst, als sie Sophies offenes, positives Wesen kennengelernt hatte.

Hoffentlich fiel Marlene jetzt bald die richtige Frage ein, denn sonst würde sie nur eine wütende Handbewegung ernten, die den sofortigen Abbruch der Unterhaltung bedeutete – sofern man dieses Ratespiel überhaupt als Unterhaltung bezeichnen konnte.

»Wolltest du zum Telefon? Hat das Telefon …«

Nichts zu machen. Ihre Fragen brachten sie nicht weiter.

»Bitte, lass uns später drüber reden. Ich muss jetzt erst einmal die restlichen Einkäufe reinholen und dann koch ich was Leckeres für dich! Ja, mein Schatz?«

Sophie zuckte nur gekränkt mit den Schultern. Die Aussicht auf ein entspanntes Abendessen mit Sophie hatte sich erst einmal verflüchtigt, denn deren Hartnäckigkeit war gnadenlos. Sie würde wahrscheinlich keine Ruhe geben, ihr Anliegen weiter zu verfolgen. Es war ja auch nur legitim, dass sie von dem erzählen wollte, was sie erlebt hatte, was ihr offensichtlich große Angst machte. Da Marlene ahnte, wie schrecklich es sein musste, im Kopf genau zu wissen, was man sagen will, dies aber nicht mitteilen zu können, war sie gerne bereit, sich das Hirn zu zermartern, um ihre Freundin zu verstehen. Doch irgendwann begannen sich ihre Fragen im Kreise zu drehen, bis sich im Kopf ein großes schwarzes Loch auftat und ihr gar nichts mehr einfiel. Dann konnte sie nur noch bedauernd und erschöpft um Nachsicht bitten. Manchmal hatte Sophie dann tatsächlich ein Einsehen, manchmal nicht.

Als sie ihren Großeinkauf endlich untergebracht hatte, zog sich Marlene erst einmal in die Küche zurück. Seit sie mit Sophie zusammenlebte, hatte sie sich zu einer passablen Köchin entwickelt und vor allem auch den Spaß am fantasievollen Herstellen von Speisen entdeckt. Und seit Sophies Unfall waren die gemeinsamen Mahlzeiten noch wichtiger geworden. Marlene freute sich täglich auf das Abendessen, dachte sich immer wieder besondere Gerichte aus und spürte, was für ein Trost von diesem gemeinsamen Genuss ausging. Der Genuss war etwas, das sie mit Sophie teilen konnte. Und wenn die Welt auch noch so grau und düster war, der Tag mal wieder voller Enttäuschungen, Ärger und Stress, beim Kochen und Essen konnte sie endlich richtig entspannen, genießen, die Welt um sich herum vergessen. Es war so einfach.

Heute sollte es Steinbutt mit Sahnemangold und Zitronenkartoffelpüree geben. Sie garte kurz das Gemüse, schmeckte mit wenig Salz, etwas Pfeffer und Muskatnuss ab und machte sich dann an die Zubereitung des Pürees. Beim Fischhändler hatte sie Ostsee Steinbutt erstanden, den sie einfach in Butter briet und nur mit Salz und wenig weißem Pfeffer würzte.

Es war wirklich herrlich draußen. Die Sonne stand über dem Tal und glitzerte auf dem kleinen Teich, den die Schwartau am Fuß der Hügel bildete, bevor sie ihren Weg zur Trave fortsetzte. Marlene bemühte sich, den Abend zu retten, es ihnen beiden so schön wie möglich zu machen. Sie hatte in den letzten Monaten gelernt, dass es nur schlimmer wurde, wenn sie sich schlechte Laune erlaubte. So nahm sie alle Energie zusammen, befleißigte sich munterer Fröhlichkeit, deckte den Tisch hinterm Haus mit schönem Geschirr, Servietten, Blumen und Windlichtern und versuchte, ihre Freundin mit kleinen Neckereien aufzuheitern.

Zumindest das Essen schien auch Sophie zu genießen. Der Steinbutt war von einem wunderbaren Aroma und wurde vom frischen Geschmack des nur mit Salz, Zitronenschale und Olivenöl angemachten Pürees perfekt ergänzt, ebenso wie von dem sahnigen, milden Mangold. Für den Moment war Sophies Aufregung von vorhin in Vergessenheit geraten. Sie trank Apfelschorle, ihr von jeher bevorzugtes Getränk, und Marlene genehmigte sich einen frischen, kühlen Rosé und hoffte inständig, das Kommunikationsproblem wäre zumindest bis zum nächsten Morgen ad acta gelegt.

Sophie beteiligte sich, so gut es ging, am Tisch abräumen, und Marlene holte ein paar warme Decken, denn wenn die Sonne hinter den Hügeln verschwunden war, wurde es sofort frisch. Nebeneinander saßen die Freundinnen auf der Bank an der Hauswand. Links des Tales hoben sich im Dunst der Dämmerung dunkel die Bäume des Hobbersdorfer Holzes gegen den Himmel ab. Fast fühlte Marlene so etwas wie Abendfrieden. So sehr sie das Großstadtleben in Berlin schätzte, diese Stille, diese Natur hier im Tal waren einmalig. Sie seufzte tief und legte den Arm um ihre Freundin.

»Ist schon schön hier, was, mein Schatz?«

Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, spürte sie Sophies wieder erwachende Unruhe und den vorwurfsvollen Blick, der sie traf. Erst leise, dann immer lauter mühte sich Sophie von Neuem, ihr Anliegen zu vermitteln, wurde immer aufgeregter. Marlene fühlte deutlich die Verzweiflung, welche die junge Frau wieder erfasste. Es musste etwas vorgefallen sein, das sie zu Tode erschreckt hatte, dessen war sie sich inzwischen sicher. Sie nahm Sophie in ihre Arme.

»Ich komme noch dahinter, mein Liebes, das versprech ich dir! Ich werde rauskriegen, was dich beunruhigt, ganz bestimmt!«

An den zuckenden Schultern merkte sie, dass Sophie weinte. Es war ein geräuschloses, hoffnungsloses Weinen, der schmale Körper krampfte sich ein ums andere Mal zusammen, und Marlene musste sich unglaublich zusammenreißen, um nicht selbst laut loszuheulen. Zärtlich strich sie über den Rücken der Freundin. Was würde sie alles dafür geben, damit Sophie ihre Sprache wieder finden würde! Aber jetzt musste sie erst einmal herausbekommen, was es war, das Sophie so durcheinandergebracht hatte.

Durch die geöffnete Terrassentür schallte plötzlich die Türglocke nach draußen. Sophie schreckte hoch und warf Marlene einen panischen Blick zu.

»Nanu, Besuch? Wer wagt sich denn jetzt hierher in unsere Einöde?«, mühte sich Marlene um einen belustigten Ton und sah erstaunt auf ihre Uhr. Fast acht. Auch sie fühlte sich von dem Klingeln um diese Uhrzeit unangenehm berührt. Außer Tante Birgit, ihrer einzigen Verwandten in der Gegend, und dem Postboten war wirklich niemand in den letzten Wochen zu ihnen gekommen. Wer auch? Sie hatten hier keine direkten Nachbarn. Es gab nur das Restaurant und die Mühle gegenüber. Und da Marlene nach ihrem Weggang aus Bad Schwartau alle Brücken in die alte Heimat abgebrochen hatte, gab es keine anderen Kontakte.

Sie erhob sich, ging ums Haus herum und spähte vorsichtig um die Ecke. Ein Mann stand vor der Haustür. Jetzt drückte er wieder auf die Klingel.

»Kann ich helfen?«, fragte sie streng und ging mit festen Schritten auf ihn zu.

»Guten Abend, Marlene! Gut siehst du aus! Mensch, du hast dich ja überhaupt nicht verändert!«

Ein Typ in etwa ihrem Alter, in schicken anthrazitfarbenen Jeans und schwarzer Lederjacke, stand ihr gegenüber und lächelte sie an. Er hielt ihr eine Flasche Prosecco entgegen.

»Hier! Herzlich willkommen in der alten Heimat!«

Marlene sagte erst einmal nichts. Wer konnte das sein? Ein nettes, offenes Gesicht, das ihr bekannt vorkam, vor allem die Augen, die sie aufmerksam musterten. Sie nahm ihm die Flasche ab. Er war groß, hatte einen kleinen Bauchansatz, und auf der Stirn lichtete sich das kurz geschnittene braune Haar schon ein wenig. Mit etwas Fantasie ähnelte er jemandem, den sie mal gut gekannt hatte. Konnte er das sein?

»Mirko? Mirko Möller?«

»Ja! Toll, dass du mich noch wiedererkannt hast. Das freut mich! Trotz Bauch und Glatze.«

Förmlich hielt sie ihm die Hand zur Begrüßung hin, doch er schloss sie spontan in seine Arme.

»Das muss jetzt schon mal sein, nach so langer Zeit, oder?«

Marlene ließ es sich gefallen. Irgendwie freute sie sich tatsächlich ein bisschen, Mirko wiederzusehen.

»Woher weißt du, dass ich hier bin?«

»Buschfunk Bad Schwartau. Du weißt doch, hier bleibt niemandem etwas verborgen. Das ist noch genau wie früher.«

Schlurfende Schritte näherten sich von hinten.

»Ja, Sophie! Komm her! Überraschender Besuch: Mirko Möller, ein Schulfreund.«

Wie sollte sie ihm Sophie vorstellen? Einfach als ihre Freundin? Oder besser als ihre Frau, was in Berlin durchaus üblich war und verstanden wurde?

»Mirko, das ist Sophie, meine Lebenspartnerin«, sagte sie schließlich. Das war wohl angemessen und verständlich genug, auch in Bad Schwartau. Sophie zeigte ein kurzes Lächeln und reichte ihre linke Hand.

»Sophie hatte einen schweren Unfall.«

»Hallo, Sophie, ich bin Mirko. Erfreut, dich kennenzulernen!«

Sie nickte.

»Zurzeit kann sie leider nicht sprechen. Aber sie trainiert fleißig.«

Es war Sophies Gesicht anzusehen, dass ihr Marlenes Erklärung missfiel. Natürlich war es nicht schön, wenn jemand anderer immer für einen sprach, das war Marlene vollkommen bewusst. Doch sie stellte die Dinge lieber gleich klar, ehe Mirko denken konnte, ihre Freundin wolle nichts mit ihm zu tun haben.

»Aber ich möchte nicht stören, Marlene. Wenn es euch heute Abend nicht passt, kann ich ja ein anderes Mal wieder kommen.«

»Quatsch! Wir sitzen hinterm Haus und gucken in die Landschaft. Komm einfach mit!«

Marlene holte Gläser, und Mirko öffnete den Prosecco.

»Und was treibst du so? Was machst du beruflich?«, wollte Mirko wissen, nachdem er eingegossen und neben den Frauen auf einem Gartenstuhl Platz genommen hatte, »dein Plan war doch immer, als Journalistin durch die Welt zu reisen, wenn ich mich recht erinnere.«

»Ein paar Jahre lang hab ich das auch getan. Habe Reportagen für Magazine gemacht, aus Asien und Afrika berichtet, auch ein Buch veröffentlicht über Frauen, die ich auf meinen Reisen durch Vorderasien, also Iran, Afghanistan und so weiter, getroffen habe. Da ich als Frau allein unterwegs war, hatte ich einen ganz anderen Zugang zu ihrer sonst so verschlossenen Welt.«

»Hört sich hochinteressant an. Und mutig warst du ja schon immer!«

»War ich das?«, lachte Marlene. »Vielleicht einfach nur jung und leichtsinnig. Es war jedenfalls eine tolle Zeit, aber irgendwann hat es mir gereicht mit dem Herumreisen, und ich bin in Berlin sesshaft geworden. Ich hatte ja nach dem Abi schon mal kurz dort gewohnt, wollte studieren. Das hab ich bald wieder gelassen, war einfach nicht mein Ding. Aber die Stadt hat mir gefallen.«

»Und jetzt?«

»Ich habe verschiedene Zeitungen, Zeitschriften, die mir meine Arbeiten abnehmen. Immer noch schreibe ich viel über internationale Frauenthemen. Inzwischen arbeite ich manchmal auch fürs Radio. Themen wie Großstadtleben, Essen und Trinken, Alltagskultur. Manche sagen Lifestyle Journalismus dazu, den Begriff mag ich gar nicht.«

Marlene blickte zu ihrer Partnerin und nahm Sophies Hand, was diese leicht widerstrebend zuließ.

»Na ja, mein Leben ist ein bisschen ruhiger geworden. Seit sieben Jahren sind wir jetzt schon zusammen. Sophie ist freiberufliche Yogalehrerin und Gesundheitstrainerin. Wenn sie wieder fit ist, wird sie ihr eigenes kleines Studio aufmachen. Sie ist wirklich gut. Sie war mein Personal Trainer, so hab ich sie kennengelernt. Weißt du noch, Schatz?«

Sophie sah zu Boden und nickte stumm. War es ihr peinlich, dass ihre Freundin über sie erzählte, oder bedrückte sie die Erinnerung an ihre gesunde Zeit? Wieder einmal konnte Marlene die Reaktion ihrer Freundin nicht einschätzen.

Sie stießen an mit Mirkos Prosecco, auch Sophie nahm ein winziges Schlückchen, und bald landeten Marlene und Mirko bei Erlebnissen aus der Schulzeit. An vieles, was Mirko von früher erzählte, konnte Marlene sich nur bruchstückhaft erinnern. Auch fielen ihr zu den meisten Namen, die er erwähnte, keine Gesichter ein. Offensichtlich hatte er die Zeit damals viel intensiver als sie erlebt, oder aber sie hatte das meiste davon gründlich verdrängt. Jedenfalls war er ein amüsanter Erzähler, und seit Langem fühlte sich Marlene wieder einmal unbeschwert und fröhlich.

»Hast du denn noch viel Kontakt zu Leuten von früher?«

Mirko zuckte mit den Schultern.

»Wie das so ist in einer Kleinstadt. Man läuft sich halt ab und zu mal über den Weg. Eigentlich seh ich nur Alex regelmäßig. Der ist nämlich mein Zahnarzt.«

»Alex Fettsack? So habt ihr ihn doch immer genannt. Hat natürlich die Praxis vom Papa übernommen«, nickte Marlene, »Ist der immer noch so dick?«

»Noch dicker«, bestätigte Mirko, »aber ein richtig guter Zahnarzt.«

»Und was ist mit den anderen aus der Klasse? Es sind doch bestimmt einige hier geblieben, oder? Was ist zum Beispiel aus Wally geworden, der immer die tollsten Feste organisiert hat und die letzten Jahre unser Klassensprecher war?«

»Ja klar, Wally, Walter Bosse«, Mirko zögerte, »keine schöne Geschichte. Wir waren mal ganz gut befreundet. Wally hat in Hamburg eine Journalistenausbildung gemacht nach der Schule, und dann war er Chefredakteur hier bei der Zeitung. Sozusagen ein Kollege von dir. Er war wirklich gut. Wie du schon sagst, er hat ja immer gerne und gut gefeiert, leider auch reichlich Alkohol getrunken. Aber dann vor ein paar Jahren ist seine Frau samt Kindern von ihm weg. Ich weiß nicht, ob sie ihn wegen seines Alkoholproblems verlassen hat, oder ob er erst dann richtig angefangen hat zu saufen. Jedenfalls ging’s ab da nur noch abwärts mit ihm.«

»Inwiefern?«

»Na ja, es folgte die Scheidung, seine Ex bekam die Kinder zugesprochen, durfte das Haus behalten, er musste Unterhalt zahlen. Dann war’s ganz aus. Er hat sich rund um die Uhr volllaufen lassen. Natürlich war er bald den Job los. Und jetzt hängt er nur noch so rum, versucht bei alten Bekannten einen Drink zu schnorren oder säuft auch mal mit echten Pennern auf einer Parkbank.«

»Oh Mann! Wirklich keine schöne Geschichte.«

»Hab ich ja gesagt. Und vor Kurzem hab ich gehört, dass er wohl demnächst aus seiner Wohnung fliegen wird.«

»Kann man ihm denn nicht irgendwie helfen?«

»Ach, weißt du, er ist nicht mehr der Wally, den du kanntest. Man kann gar nicht mehr vernünftig mit ihm reden. Nur wenn du mit einer Buddel Kööm winkst, ist er ansprechbar, dafür tut er alles. Schade um ihn.«

»Tja, wirklich schade. Wally war immer einer der wenigen interessanten Typen in unserer Klasse, fand ich.«

Nachdenklich schwiegen Marlene und Mirko einen Moment.

»Vera wohnt übrigens auch wieder hier. Unsere verhuschte Vera ist tatsächlich Schauspielerin geworden. Aber das hast du bestimmt mitbekommen. In letzter Zeit sieht man sie ja häufig im Fernsehen«, nahm Mirko den Faden wieder auf.

»Ich muss gestehen, ich hab sie noch nie gesehen. Ich hab nur ihren Namen ab und an mal im Programm gelesen. Die Filme, in denen sie mitspielt, sind nicht so ganz unser Genre.«

»Aber ist doch toll, dass sie’s tatsächlich geschafft hat, findest du nicht? Weißt du noch, sie hatte doch so entsetzlich strenge Eltern, die ihr alles verboten haben!«

»Vor allem waren die gnadenlos ignorant und haben sich einen Dreck drum geschert, was Vera eigentlich wollte. Deswegen war die damals auch oft so neben der Spur. Nee, ist prima für sie, dass sie ihren Traum verwirklichen konnte. Ich gönn’ es ihr von Herzen. Da fällt mir gerade ein, hast du Tao mal wieder gesehen?«

»Wie kommst du jetzt darauf?«, fragte Mirko erstaunt. »Der war doch schon nach der zehnten Klasse weg.«

»Na ja, das ›Bambushaus‹ drüben gibt’s doch immer noch. Erstaunlich, wo das Essen dort ja schon immer ziemlich furchtbar war.«

»Keine Ahnung. Ich glaube, ich bin seit der Schulzeit auch nicht mehr da gewesen.«

»Und hat Tao den Laden übernommen?«

»Nein, der ist doch gleich nach seinem Schulabschluss nach Hamburg gegangen. Das musst du eigentlich auch noch mitgekriegt haben. Ein paar Mal im Jahr seh ich ihn am Wochenende mit einem dicken Auto durch Schwartau kurven. Der hatte doch immer schon Zuhälter als Berufsziel angegeben, weißt du noch?«

Marlene nickte.

»Stimmt, der war ganz schön schräg drauf. Vielleicht hat er ja auf der Reeperbahn eine steile Karriere gemacht.«

»Tja, irgendwo muss das Geld für seine Spritfresser schließlich herkommen.«

Sophie wirkte zunehmend unbeteiligt, ab und zu gähnte sie vernehmlich. Schließlich stand sie mühsam auf und murmelte etwas in Mirkos Richtung, das vielleicht eine Entschuldigung sein oder ›Gute Nacht‹ bedeuten sollte.

»Ist klar, Sophie, die alten Geschichten über Leute, die du nicht kennst, sind langweilig für dich«, meinte Mirko verständnisvoll, »gute Nacht und entschuldige bitte, dass wir über nichts anderes reden. Aber beim ersten Wiedersehen nach so langer Zeit …«

Sophie reagierte mit einem Schulterzucken und ging mit ihrem schleppenden Schritt ins Haus, ohne von Marlenes angebotener Hilfestellung Notiz zu nehmen.

»Es ist nicht nur langweilig für Sophie, es strengt sie vor allem wahnsinnig an, wenn wir uns unterhalten. Um alles verstehen zu können, muss sie sich unglaublich konzentrieren«, erklärte Marlene, als sie allein waren, »eine Weile kann sie inzwischen ganz gut folgen, doch ziemlich bald lässt die Konzentration nach, und sie wird sehr müde.«

»Was für einen Unfall hatte denn deine Freundin? Muss ja richtig schlimm gewesen sein.«

»Es war schon dunkel. Sophie war auf dem Heimweg von einem Kurs, mit dem Fahrrad. Ein betrunkener Autofahrer ist bei Rot über die Ampel gefahren und hat sie voll erwischt. Sie ist ein paar Meter durch die Luft geflogen und auf dem Kopf gelandet. Sie hat schwerste Verletzungen am Kopf und auf der rechten Körperseite davongetragen. Ihren Fahrradhelm hatte sie im Studio vergessen …«

»Wird sie denn wieder ganz gesund werden?«

Marlene seufzte tief.

»Das hoffen wir. Sie war nach dem Krankenhaus fast fünf Monate in einer Reha-Klinik und immerhin kann sie schon wieder einigermaßen laufen. Und da Sophie sehr sportlich war, wird sich ihr körperlicher Zustand wohl noch sehr viel verbessern. Das sagt auch ihr Physiotherapeut. Sie hat einen unglaublich starken Willen und sie trainiert geradezu verbissen. Das größere Problem ist die Sprache.«

»Sie kann gar nicht sprechen?«

Traurig schüttelte Marlene den Kopf.

»Ab und zu kommt mal ein Ja oder Nein, was aber nicht heißen muss, dass sie das auch meint. Und natürlich ›Mamma mia‹.«

»Wie Mamma mia?«

»Das ist das Einzige, was sie sagen kann, außer Ja und Nein. Sie bringt es in unzähligen Varianten. Warum auch immer. Mamma mia! Es soll immer etwas anderes heißen.«

»Und kann sie was aufschreiben?«

Mirko erntete ein mitleidiges Lächeln.

»Das fragen mich alle. Wenn das man so einfach wär! Nein, Sophie kann momentan auch nicht schreiben. Lesen, das kann sie, zumindest teilweise. Leider unterstützen ihre Gesten oft auch nicht das, was sie sagen will.«

Einen Augenblick schwiegen sie.

»Ach ja, das Gehirn ist schon ein vertrackt kompliziertes Gebilde!«, entfuhr es Marlene schließlich unwillig und sie leerte ihr Glas in einem Zug.

»Und wie verständigt ihr euch?«

»Rein intuitiv, was mich anbetrifft. Wir kennen uns ja schon eine ganze Weile, und ich versuche einfach, Sophies Verhalten zu interpretieren. Da sind einem natürlich ziemlich enge Grenzen gesetzt. Gespräche in dem Sinn kannst du gar nicht führen. Und der heutige Tag ist ein gutes Beispiel: Als ich vom Einkaufen zurückkam, fand ich Sophie am Fuß der Treppe liegend. Es muss irgendwas Außergewöhnliches gegeben haben, was weiß ich, Telefon, jemand an der Tür, irgendwas auf der Straße, und sie ist die Treppe hinuntergefallen. Zum Glück ist ihr nichts weiter passiert, aber sie war total aufgeregt.«

»Verrückt! Und du hast keine Ahnung, was es gewesen sein könnte?«

»Nicht die leiseste. Ich habe nichts, aber auch gar nichts von dem verstanden, was sie versucht hat, mir mitzuteilen.«

»Das ist eigentlich unvorstellbar«, kommentierte Mirko fassungslos.

»Das ist echt schlimm, zumal ich ja auch so eine Art Sprachrohr für sie bin. Normalerweise kommuniziere ich für Sophie mit den Sprechenden.«

»Und was sagen denn die Ärzte? Gibt’s irgendwelche Prognosen?«

»Hör mir mit Ärzten auf. Die halten sich komplett bedeckt. Klar ist nur eines, das sagt auch die Logopädin: Es braucht eine Riesengeduld. Es wird sich was bessern, das ist klar. Da Sophie noch jung ist, hat sie große Chancen, dass sich neue Verknüpfungen im Gehirn bilden, etwas zusammenwächst. Natürlich kann es auch mal einen ganz spontanen Schub geben. Aber eigentlich denkt man da nicht in Tagen oder Wochen. Eher in Monaten, wenn nicht sogar Jahren.«

Ehrlich betroffen sah Mirko sie an.

»Das ist hart. Für euch beide.«

»Tja, shit happens.«

Marlene hielt ihm ihr Glas hin.

»Gieß mir doch bitte noch mal ein. Ich kann das brauchen.«

»Das kann ich verstehen.«

Ihre Gläser klangen aneinander.

»Prost, Mirko! Jetzt haben wir die ganze Zeit von mir und meinem Sorgenkind gesprochen. Nun erzähl du mal! Was machst du so? Karriere, Frau, Kinder? Ich weiß gar nichts über dich!«, meinte Marlene aufgekratzt und wunderte sich. Eigentlich hatte sie einmal beschlossen, mit der Heimat und den Leuten hier nichts mehr zu tun haben zu wollen. Zu eng, zu spießig, zu oberflächlich, war ihr strenges Urteil, nichts, was sie je vermissen würde. Und nun genoss sie das unerwartete Wiedersehen mit Mirko richtiggehend. Wahrscheinlich war es das große Schweigen, welches sich seit Sophies Unfall wie ein schweres Gewicht auf ihren Alltag gelegt hatte, das sie nach Austausch mit anderen dürsten ließ, wie banal auch immer er sein mochte.

Ein bisschen schämte sich Marlene ihrer Gedankengänge, aber als Mirko erzählte, dass er Susann geheiratet hatte, sah sie ihre alten Vorurteile exakt bestätigt.

»Ach wirklich? Du und die schöne, reiche Susann aus der Klasse unter uns?«

Sie konnte ihren milden Spott nicht ganz unterdrücken. Doch Mirko schien sich daran nicht zu stören.

»Ja, die schöne Susann. Und wir haben zwei mindestens ebenso schöne Töchter«, bestätigte er lächelnd. »Was den Reichtum betrifft, na ja. Es geht uns gut. Als Susanns Eltern aufs Altenteil gegangen sind, habe ich meinen Job in der Stadtverwaltung aufgegeben, und wir haben das Geschäft übernommen und ausgebaut. Ist natürlich verdammt viel Arbeit, die wir da reinstecken. Aber solange du Erfolg hast, macht es ja auch Spaß.«

Mirko machte also in Bad und Fliesen. Wahrscheinlich hatten sie die Firma zu so einem Luxus-Traum-Badstudio aufgemöbelt, das passte, vor allem zu Susann. Die hatte sie in ihrer Schwartauer Zeit immer für ein ziemlich hohles Mädchen gehalten.

Auch Marlene war einmal mit Mirko zusammen gewesen. 16 war sie damals. Ganz sittsam war es zwischen ihnen zugegangen. Mirko war ein lieber Kerl, doch kein ebenbürtiger Partner für Marlene. Sie hatte sich ihm immer überlegen gefühlt. Und bald musste sie erkennen, dass sie auf zwei verschiedenen Planeten zu leben schienen, sodass sie sich nach ein paar Monaten wieder von ihm getrennt hatte. Noch vor dem Abitur war Marlene schließlich klar geworden, warum sie mit den Jungs um sich herum nie etwas hatte anfangen können, dass ihre Orientierung einfach eine andere war. Sie hatte diese Erkenntnis zwar für sich behalten, aber trotzdem im letzten Schuljahr mit den Leuten aus ihrer Klasse kaum noch zu tun gehabt.

»Und, bist du zufrieden mit deinem Leben als erfolgreicher Geschäftsmann?«

Marlene gelang die Bemerkung nicht ohne einen mokanten Unterton. Doch Mirko reagierte gelassen.

»Ja, ich bin schon zufrieden. Aber scheinbar reicht mir der geschäftliche Erfolg nicht.«

Es klang stolz, aber auch ein wenig unsicher, als er anfügte:

»Ich kandidiere im nächsten Frühjahr für den Landtag.«

»Nein, ehrlich?«

Marlene wusste selbst nicht, warum, aber bei der Vorstellung musste sie lachen.

»Warum lachst du?«, fragte Mirko leicht pikiert, »traust du mir das nicht zu? Meine Partei denkt jedenfalls, ich bin der Richtige. Und meine Familie findet das gut, auch die Kinder. Susann unterstützt mich, wo sie kann, nimmt mir in der Firma viel ab und ist bei allen wichtigen Terminen an meiner Seite. Neulich erst hatten wir das Fernsehen bei uns zu Hause. Musst du alles mitmachen. Du glaubst ja gar nicht, wie wichtig das Private heute für dein Bild in der Öffentlichkeit ist.«

»Oh, es gibt also schon exklusive Homestorys über euch«, lästerte Marlene, »ihr als die Kennedys von Bad Schwartau sozusagen.«

»Du hast dich wirklich nicht verändert, Marlene Deicke. Bist noch die gleiche ätzende Spötterin wie früher.«

Jetzt hatte sie es geschafft, Mirko zu verärgern. Sie war wohl zu weit gegangen. Er konnte schon damals nicht mit ihren ironischen Scherzen umgehen. Auch wenn er ein ganz anderes Leben lebte als sie selbst, er war ein Netter. Und die Toleranz, die sie für sich selbst erwartete, sollte sie ja eigentlich auch den anderen entgegenbringen.

»Es tut mir leid, Mirko. Ich wollte witzig sein. Ist mir wohl nicht ganz gelungen«, beschwichtigte sie ihn.

»Nein wirklich, es ist toll, dass du dich politisch engagierst, dass du deine Zeit und Energie für die Allgemeinheit aufwendest, was bewegen willst. Wenn du’s wahrscheinlich auch nicht für die Partei tust, die ich wählen würde.«

Die letzte Bemerkung konnte sie sich doch wieder nicht verkneifen. Als Mirko etwas darauf erwidern wollte, knuffte ihn Marlene freundschaftlich in den Arm.

»Lass gut sein, wir müssen nicht drüber diskutieren. Ich wünsch dir jedenfalls viel Erfolg, ganz ehrlich. Besser du als irgendein anderer. Und du verzeihst mir meine dumme Bemerkung von eben, ja, Mirko?«

»Schwamm drüber«, nickte er und lächelte versöhnlich.

Sie schwiegen beide. Es war inzwischen dunkel geworden, nur die Windlichter auf dem Tisch verbreiteten eine sanfte, lebendige Helligkeit.

»Willst du dich jetzt eigentlich wieder hier oben niederlassen?«, fragte Mirko in die Stille.

»Auf gar keinen Fall«, wehrte Marlene so vehement ab, dass sie ein überraschter Blick traf. Gewiss, Bad Schwartau hatte hübsche Ecken, es grenzte direkt an Lübeck, lag verkehrsgünstig an Hamburg, und die Nähe zur Ostsee war auch nicht zu verachten. Aber jedes Mal, wenn sie durchs Städtchen ging, was wegen Sophies Therapien häufiger vorkam, merkte sie genau wie früher, dass das nicht ihre Welt war. Offensichtlich sah man hier den Leuten gleich an, ob sie Einheimische waren, jedenfalls glaubte Marlene, häufig neugierige bis misstrauische Blicke auf sich zu spüren. Sie sah anders aus als die vielen Frauen mit den flotten Kurzhaarfrisuren, wie Tante Birgit das bezeichnen würde, von denen viele einem unausgesprochenen Dresscode zu folgen schienen, dezent in sportliche Hosen und Docksteps gekleidet, um die Schultern einen Pulli, den Blusenkragen hochgestellt, im Ausschnitt die Perlenkette. Genau denselben adretten Typ hatte es schon vor 20 Jahren hier gegeben. Sie schlenderten mit ihren Einkaufskörben über den Marktplatz, grüßten hier und grüßten da, standen beim Plausch zusammen, schienen identisch und alterslos. Sie wussten Bescheid und wachten über die Verhältnisse in ihrer überschaubaren Kleinstadtgesellschaft. Ein Paar wie Marlene und Sophie würde hier sicherlich aus dem Rahmen fallen. Oder waren das nur ihre eigenen Vorurteile? Sicherlich war man auch hier inzwischen toleranter geworden, nach den zahlreichen Coming-outs homosexueller Politiker und Medienmenschen. All das schoss Marlene durch den Kopf bei Mirkos Frage.

»Nein. Unser Lebensmittelpunkt ist und bleibt Berlin«, bekräftigte sie, »alle unsere Freunde sind da, meine ganzen beruflichen Kontakte, und auch Sophie ist dort gut vernetzt. Wir bleiben auf jeden Fall bis Ende September, vielleicht noch bis Oktober, kommt auch ein bisschen aufs Wetter an, dann geht’s zurück. Ich denke, die Ruhe und die schöne Umgebung, die Natur hier, das hat Sophie alles sehr gut getan, und dass ich ganz und gar für sie da bin. Aber es muss ja auch wieder Geld reinkommen, ich muss arbeiten. Außerdem würde ich irgendwann trübsinnig, so isoliert, wie wir hier sind.«

»Das wird sich jetzt ja ändern. Ich hoffe, wir sehen uns öfter mal. Und dann wollte ich dir noch sagen …«

Er legte seine Hand auf Marlenes Schulter.

»Wenn ihr irgendwelche Hilfe braucht, wende dich ohne Scheu an mich. Du weißt jetzt ja, wo du mich findest. Ich lass dir auch mal meine Karte hier.«

»Danke für das Angebot. Aber du musst jetzt nicht den barmherzigen Nachbarn spielen. Wir sind es gewohnt, allein klarzukommen«, sagte Marlene. Es kam ein bisschen sehr schroff heraus.

»Oh, entschuldige bitte! Aber dass du eine starke Frau bist, weiß ich schon lange.«

Jetzt war es Mirko, der stichelte.

»Es war nur ein Angebot, liebe Marlene, und ich mach das gern.«

»Du hast ja recht. Ist lieb von dir, danke.«

Mirko stand auf.

»Dann werd ich mich jetzt verabschieden. Ich will morgen früh mal wieder laufen gehen, und deine Freundin ist sicherlich auch froh, wenn ihr wieder eure Ruhe habt.«

»Na ja, ist vielleicht ein bisschen viel Ruhe auf die Dauer. Ich hab mich gefreut, endlich mal wieder mit jemandem quatschen zu können.«

Das meinte Marlene wirklich ehrlich. Sie gingen zusammen ums Haus herum in Richtung Einfahrt.

»Wir werden uns jetzt hoffentlich öfter mal sehen. Ich würde mich sehr freuen. Ach, da fällt mir ein, wenn ihr Lust habt: Wir haben morgen eine kleine Feier. Da seid ihr natürlich herzlich eingeladen, du und Sophie. So ab 17 Uhr, bei gutem Wetter im Garten.«

»Eine Wahlparty?«

Marlene grinste.

»Du wieder!«, Mirko schüttelte lachend den Kopf, »du kannst es nicht lassen! Nein, wir feiern Susanns Geburtstag. Ganz privat.«

»Ist das nicht ein bisschen zu privat? Ich meine, ich kenn Susann ja kaum. Vielleicht findet sie das nicht so gut.«

»Mach dir keinen Kopp. So ganz klein ist der Kreis auch wieder nicht, und vielleicht sind auch ein paar Leute da, die du noch von früher kennst. Wär doch ganz lustig.«

»Danke für die Einladung. Ich überleg’s mir.«

Kapitel II

Eine Wolke von Essensgerüchen waberte durch den Waggon. Es mischten sich die Noten von Hamburger und Gyros, Pizza und Fischnuggets, die ganze Welt des Fast Food. Überall raschelte und knisterte es, sah man Münder in Bewegung. Auf den Plätzen gegenüber saßen Julia und Judith, jede einen großen Pappbehälter mit gebratenen Nudeln vor sich, welche sie sich mit hölzernen Essstäbchen gekonnt in den Mund schoben.

»Eure Mutter wird nicht begeistert sein, wenn ihr euch jetzt den Bauch vollschlagt und nachher ihr Abendessen verschmäht«, hatte Angermüller versucht, die beiden vom Asia-Imbiss abzubringen. Doch er hatte keine Chance gegen seine Töchter, die sehr beharrlich sein konnten, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatten. Und wozu auch stundenlang diskutieren? Die beiden sollten sich nachher selbst mit Astrid auseinandersetzen, sie waren schließlich alt genug.

Was ihn betraf, hatte er darauf verzichtet, etwas zum Essen im Hamburger Hauptbahnhof zu erstehen. Während der über sieben Stunden dauernden Zugfahrt hatte er sich fleißig an die mit Kochschinken, fränkischer Leberwurst und Coburger Käse belegten Bauernbrotschnitten seiner Mutter gehalten. So bald würde er diese Genüsse aus der Heimat nicht wieder schmecken dürfen, ebenso wenig wie den von seiner Schwester Marga gebackenen Hefeapfelkuchen mit Rahmguss, von dem er zum Abschluss noch zwei ordentliche Stücke verzehrt hatte. Jetzt hob er sich seinen Appetit lieber für ein gemütliches Abendessen in den eigenen vier Wänden auf.

Er blinzelte, als ihm plötzlich die Sonne ins Gesicht fiel. Es war fast schon sieben, doch hier oben im Norden herrschte immer noch strahlend heller Tag. Ein rundum angenehmer Aufenthalt in Oberfranken lag hinter Georg Angermüller. Endlich hatte er wieder einmal seine Mutter besucht, die alten Freunde gesehen, die fränkische Küche in vollen Zügen genossen, und was auch zum Gelingen beigetragen hatte: Seinen Töchtern hatte das Wochenende ausnehmend gut gefallen. Das war nicht vorauszusehen gewesen. Sie hatten mittlerweile, jede für sich, ihre ganz speziellen Vorlieben und Abneigungen entwickelt. Noch in diesem Monat wurden sie 15 und ließen sich immer weniger vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen hatten. Konflikte mit ihrer Mutter waren an der Tagesordnung. Im Gegensatz zu Astrid sah Georg die Lage viel entspannter. Die Mädchen hatten einen klaren Verstand, und er hielt sie für absolut ehrlich und vernünftig. Wenn nicht seinen Kindern, denen er stets versucht hatte, seine Werte und Anschauungen zu vermitteln, wem sonst sollte er vertrauen können?

Die Zwillinge hatten sich jedenfalls rührend um ihre Oma gekümmert. Sicherlich war das auch ein Grund, warum ihm seine Mutter diesmal so viel weniger streng und ruppig als früher vorgekommen war. Aber wenn ihn sein Gefühl nicht täuschte, war sie insgesamt gelassener und nachsichtiger geworden, vielleicht ein Zeichen einsetzender Altersweisheit mit ihren fast 72 Jahren. Es schien ihr Freude zu bereiten, Georg und die Kinder mit ihrer Kochkunst zu verwöhnen, und sie nahm auch die Angebote zu gemeinsamen Ausflügen in die Umgebung – nach Coburg, auf die Veste, nach Schloss Callenberg – dankbar an.

»Da is a ned annerschd wie hier. Was soll ich’n da?«, hätte sie früher missbilligend gefragt, und wäre, »die Arwed, die Arwed« vorschützend, bei derartigen Unternehmungen zu Hause geblieben.

Nur die zum wiederholten Male ausgesprochene Einladung nach Lübeck hatte sie erneut entschieden zurückgewiesen. Das war ihr dann doch zu fern, zu fremd, und Marga, die sie hätte begleiten müssen, schien auch erleichtert, dass ihr diese aufregende Reise in den Norden erspart bleiben würde. Vor Jahren hatten sie das Abenteuer einmal auf sich genommen, es war die weiteste Reise ihres Lebens gewesen, von der sie immer noch so beeindruckt erzählten, als hätten sie eine Expedition zum Nordpol unternommen. Aber einmal Nordpol war ihnen genug.

Seine Freunde dagegen hatten versprochen, dass sie ihn in diesem Winter, wenn die Hofarbeit es zuließ, endlich einmal in seiner Wahlheimat besuchen würden. Die Abende im Garten von Rosi und Johannes hatten die alte Vertrautheit wieder aufleben lassen. Bei Bratwürsten – wie sich’s gehörte, auf Kiefernzapfen gebraten – und fränkischem Bier hatten sie bis tief in die Nacht zusammengesessen, und bei langen Gesprächen über Gott und die Welt war ihnen die Zeit nur so verflogen.

Auch Rosis Halbschwester Bea, die sich nach langen Wanderjahren durch die verschiedensten Ecken der Welt wieder in Coburg niedergelassen hatte, war zu ihrer Runde gestoßen. Es war fast genau wie früher gewesen. Einzig Paola fehlte, und als Bea einmal ihren Namen erwähnte, war das Gespräch für einen kurzen Moment verebbt, und keiner hatte den anderen ansehen mögen. Wie es Paola wohl ging? Unbewusst entfuhr Georg Angermüller ein Seufzer und er sah versonnen nach draußen, wo Felder, Wiesen, Pferdekoppeln, kleine Wäldchen vorbeizogen, nur ab und zu einmal eine Ansiedlung stand. Reinfeld lag bereits hinter ihnen, die Bahn fuhr mit ungebremstem Tempo und näherte sich Lübeck als nächstem Fahrtziel.

Da plötzlich quietschende Bremsen, ein unangenehmes metallisches Kreischen. Judiths halb leerer Colabecher schoss über den Tisch, sein Inhalt ergoss sich auf Angermüllers Hemd, und mit einem scharfen Ruck stand der Zug. Nach ein paar vereinzelten erschrockenen Aufschreien wurde es mit einem Mal ganz ruhig im Waggon. Alle schauten nach draußen, suchten nach dem Grund für den Stillstand, doch außer einer Wiese auf der einen und einem Waldstück auf der anderen Seite war da nichts zu sehen.

»Ach ja, die Bahn. Immer wieder für eine Überraschung gut.«

Nach fünf Minuten Halt, ohne dass etwas passierte, begannen manche Fahrgäste ihrem Unmut Luft zu machen.

»Hätt’ ich bloß den Wagen genommen. Warum sagt einem wieder keiner, was los ist?«

Da meldete sich ein Typ mit strähnigen blonden Haaren und einer Bierdose in der Hand.

»Ich kann dir sagen, wat los is«, meinte er lahm, »Personenschaden. Wird immer wieder gern genommen hier auf der Strecke.«

»Personenschaden?«

»Jou. Da hat sich wieder mal einer vorn Zug geschmissen. Dat kann dauern.«

Es dauerte. Endlich begann es im Lautsprecher zu rauschen, und der Zugführer informierte die Fahrgäste, dass der Halt sich noch eine ganze Weile hinziehen würde. Nach 20 Minuten war Bewegung auszumachen auf der kleinen Gemeindestraße, die auf weniger als 200 Meter an den Gleiskörper herankam. Zwei Streifenwagen trafen ein, gleich darauf Notarzt und Rettungswagen. Spätestens, als sich Männer in weißen Schutzanzügen dem Zug näherten, und Angermüller den einen anhand seiner Größe als den Kollegen Ameise identifizierte, wurde klar, dass der Mitreisende vorhin mit seiner Vermutung richtig gelegen hatte.

»Ich ruf Mama an, dass wir später kommen.«

»Gute Idee, Judith«, lobte Angermüller, der nur zu gut wusste, wie sehr Astrid es hasste, wenn jemand unpünktlich war.

»Aach, jetzt geht sie nicht ran. Schick ich ihr halt ’ne SMS.«

Wenig später wurde bekannt gegeben, dass der gesamte Zug evakuiert würde. Eine Begründung wurde nicht hinzugefügt.

»Evakuiert? Warum das jetzt, Papa?«, fragte Julia interessiert.

»Ja, es handelt sich wohl tatsächlich um einen Personenschaden, wie der Mann vorhin sagte«, erklärte Angermüller mit gedämpfter Stimme. »Jetzt muss ermittelt werden, wo und wie die Person zu Tode kam, ob Unfall, Selbstmord oder Fremdverschulden. Und in dem Zusammenhang muss die Staatsanwaltschaft den Zug zur Beweisaufnahme sicherstellen.«

»Uuh, wie gruselig. Ist das jetzt ein Fall für dich?«

Julia fand das Thema offensichtlich höchst spannend.

»Bitte nicht so laut, Kind. Das wird sich noch herausstellen«, versuchte Angermüller die Wissbegier seiner Tochter zu dämpfen, als er die interessierten Blicke der anderen Fahrgäste bemerkte. Tja, er würde noch früh genug erfahren, ob hier ein Verzweifelter seinem Leben selbst ein Ende gesetzt hatte, oder eine andere Geschichte hinter dem Toten auf den Schienen steckte.

»So, und jetzt packt mal eure Sachen zusammen, damit wir fertig sind, wenn es losgeht.«

Fast zwei Stunden später als geplant stiegen sie vor dem Lübecker Hauptbahnhof aus dem Bus, mit dem sie den letzten Teil der Reise hatten zurücklegen müssen.

»Tja, da wir Astrid nicht erreicht haben, kommt Ihr jetzt erstmal mit zu mir. Klamotten habt ihr ja dabei, falls ihr über Nacht bleiben müsst«, entschied Angermüller und ging auf die wartenden Taxen zu.

»Und unsere Schulsachen für morgen?«

»Na ja, eure Mutter wird ja nicht für immer verschwunden sein. Wahrscheinlich holt sie euch später bei mir ab, oder wir müssen morgen früh vor der Schule noch kurz bei euch daheim vorbei.«

Was war nur los bei Astrid, dass sie nicht erreichbar war und sich auch nicht meldete? Nicht, dass Angermüller sich ernsthaft Sorgen machte, aber er wunderte sich schon. Das war so gar nicht ihre Art. War sie vielleicht mit Martin segeln gegangen, der Wind war eingeschlafen, und sie hörte das Handy nicht, weil es tief unten in der Kajüte lag? Er schloss die Tür zu seiner Wohnung auf und drückte auf den Lichtschalter.

»Hoşgeldiniz! Willkommen zu Hause, Georg! Der Partyservice hat in der Küche schon aufgedeckt.«

Mit zwei gefüllten Sektgläsern in der Hand stand Derya im Flur und strahlte, zumindest so lange, bis sich Julia und Judith an ihrem Vater vorbei in die Wohnung gedrängelt hatten und sie neugierig bis misstrauisch musterten.

»Oh, du hast heute deine Töchter zu Besuch. Tut mir leid, das wusste ich nicht«, sagte sie und es klang ziemlich verlegen.

Auch Georg wirkte etwas durcheinander. Mit diesem Empfang hatte er wirklich nicht gerechnet. Erst vor wenigen Wochen hatten er und Derya sich gegenseitig ihre Wohnungsschlüssel überlassen. Aber das war jetzt nicht so wichtig. Viel schwerwiegender war, dass er die Frau, mit der er seit dem Sommer zusammen war, seinen Töchtern noch nicht offiziell vorgestellt hatte. Irgendwie hatte immer die passende Gelegenheit gefehlt. Er wusste, dass er unter den strengen Augen von Julia und Judith jetzt klare Zeichen setzen sollte. Schließlich hatte er nichts zu verbergen. Astrid und er lebten seit über einem Jahr getrennt, und da war es wohl nicht allzu erstaunlich, wenn sich neue Beziehungen auftaten.

»Derya, was für eine Überraschung! Guten Abend erst einmal!«, sagte Georg erfreut, aber recht förmlich und wollte es dabei belassen. Doch Derya bestand auf ihrem Begrüßungsküsschen. Dann erst stellte sie die beiden Sektgläser auf der Kommode im Flur ab. Bevor Georg sich entschieden hatte, wie er sie am besten vorstellen sollte, reichte sie den Mädchen die Hand.

»Wir haben uns ja noch gar nicht getroffen. Also, ich bin Derya, hallo. Freu mich, euch endlich kennenzulernen. Julia und Judith, richtig?«

Die beiden nickten hoheitsvoll.

»Na hoffentlich schaffe ich es, euch zu unterscheiden. Ihr seht euch ja wirklich wahnsinnig ähnlich.«

Etwas Originelleres war Derya, die sich offensichtlich fehl am Platz fühlte, auf die Schnelle wohl nicht eingefallen.

»Wir haben Sie schon mal gesehen«, meinte Judith spröde, »als Papa auf die Wohnung von Steffen aufgepasst hat, da wollten Sie ihn besuchen, aber dann waren wir da, und Sie sind wieder gegangen.«