Beschreibung

Frank McCourts Erinnerungen an seine Jahre als Lehrer

Dreißig Jahre lang hat Frank McCourt, der Amerikaner mit der unglücklichen irischen katholischen Kindheit, in New Yorker Schulen unterrichtet. Jetzt erzählt er, was er von seinen insgesamt zwölftausend Schülern gelernt hat – als Lehrer, als Geschichtenerzähler, als Schriftsteller. Ein Buch, wie man es liebt, aber selten findet: voll Witz und Charme, voll Verzweiflung, Ironie und Lebensweisheit.

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Seitenzahl: 455

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Buch

Dreißig Jahre lang hat Frank McCourt an New Yorker Schulen unterrichtet. Hat versucht, launische, genervte oder aufsässige Schüler zu fesseln und ihre Herzen zu gewinnen, mit den unkonventionellsten Methoden, was ihm oft Ärger mit den Vorgesetzten einbrachte. Vor allem jedoch hat er ihnen Geschichten erzählt, Geschichten aus seiner Kindheit, aus Irland, aus seinem Leben – und verblüfft festgestellt, daß die Kinder immer mehr hören wollten. In der Schule, vor seinem strengsten Publikum, hat McCourt gelernt, daß man seine Zuhörer ernst nehmen muß, wenn man sie erreichen will. Hier hat er gelernt, sie mit der ihm eigenen Mischung aus Witz und Selbstironie, Offenheit und Lebensweisheit zu fesseln. Und hier hat er erstmals zum Erzählen seiner Lebensgeschichte gefunden, die ihn später mit »Die Asche meiner Mutter« weltberühmt machte.

Autor

Frank McCourt wurde 1930 in Brooklyn in New York als Kind irischer Einwanderer geboren, wuchs in Limerick in Irland auf und kehrte 1949 nach Amerika zurück. Dreißig Jahre lang hat er Englische Literatur und Sprache an New Yorker High Schools unterrichtet. Danach schrieb er die Erinnerungen an seine irische Kindheit auf, ein Buch, das er sein ganzes Leben lang schreiben wollte. »Die Asche meiner Mutter« wurde weltweit zum Bestseller, und Frank McCourt bekam dafür u. a. den Pulitzerpreis. Frank McCourt lebt mit seiner Frau Ellen in New York City.

Inhaltsverzeichnis

BuchAutorWidmungPROLOGTEIL I - Der lange Weg zur Pädagogik
Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8
TEIL II - Nur ein Esel frißt Disteln
Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11
TEIL III - Neues Leben in Raum 205
Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18
DANKSAGUNGCopyright

Für die nächsten Generationen des Stammes McCourt:

Siobhan (Tochter von Malachy)und ihre Kinder Fiona und MarkMalachy von Bali (Sohn von Malachy)Nina (Stieftochter von Malachy)Mary Elizabeth (Tochter von Michael)und ihre Tochter SophiaAngela (Tochter von Michael)Conor (Sohn von Malachy) und seine Tochter GillianCormac (Sohn von Malachy) und seine Tochter AdriannaMaggie (Tochter von Frank)und ihre Kinder Chiara, Frankie und JackAllison (Tochter von Alphie)Mikey (Sohn von Michael)Katie (Tochter von Michael)

Singt euer Lied, tanzt euren Tanz, erzählt eure Geschichte.

PROLOG

Verstünde ich etwas von Sigmund Freud und Psychoanalyse, könnte ich all meine Sorgen und Nöte auf meine unglückliche Kindheit in Irland zurückführen. Diese unglückliche Kindheit nahm mir meine Selbstachtung, löste Anfälle von Selbstmitleid aus, lähmte mein Gefühlsleben, machte aus mir einen reizbaren und neidischen Menschen ohne Respekt vor Autorität, verlangsamte meine Entwicklung, ließ meine Beziehungen zum anderen Geschlecht verkümmern, hinderte mich, im Leben voranzukommen, und machte mich, beinahe, unfähig zu jedem normalen menschlichen Umgang. Es ist ein Wunder, daß ich überhaupt Lehrer werden und Lehrer bleiben konnte, und ich muß mir die Bestnote dafür geben, daß ich die vielen Jahre in den Klassenzimmern von New York überlebt habe. Es sollte einen Orden für Menschen geben, die eine unglückliche Kindheit überlebt haben und Lehrer geworden sind, und ich sollte ganz oben stehen auf der Liste der Anwärter auf diesen Orden einschließlich etwaiger Bänder für negative Spätfolgen.

Ich könnte Schuld zuweisen. Die unglückliche Kindheit kommt nicht von ungefähr. Sie wird herbeigeführt. Es gibt dunkle Mächte. Wenn ich denn Schuld zuweisen soll, so tue ich es im Geiste der Vergebung. In diesem Sinn vergebe ich den Folgenden: Papst Pius XII., den Engländern im allgemeinen und König George VI. im besonderen, Kardinal MacRory, der Irland regierte, als ich ein Kind war, dem Bischof von Limerick, für den offenbar alles und jedes Sünde war, Eamon De Valera, dem ehemaligen Premierminister (Taoiseach) und Staatspräsidenten von Irland. De Valera war ein halbspanischer Gälisch-Fanatiker (spanische Zwiebel in irischem Eintopf), der die Lehrer in ganz Irland anwies, uns die Muttersprache einzubleuen und die angeborene Neugier auszutreiben. Er bescherte uns viele unglückliche Stunden. Er war vollkommen gleichgültig gegenüber den schwarzen und blauen Striemen, die der Stock des Schulmeisters auf diversen Teilen unserer jungen Körper hinterließ. Desgleichen vergebe ich dem Priester, der mich aus dem Beichtstuhl jagte, als ich mich zu den Sünden der Selbstbeflekkung und des Diebstahls von Pennies aus der Börse meiner Mutter bekannte. Er sagte, ich ließe keine aufrichtige Reue erkennen, schon gar nicht in fleischlichen Dingen. Und obwohl er damit den Nagel auf den Kopf getroffen hatte, brachte er durch seine Weigerung, mir die Absolution zu erteilen, meine Seele derart in Gefahr, daß er für meine ewige Verdammnis verantwortlich gewesen wäre, wenn mich vor der Kirche ein Lastwagen überfahren hätte. Ich vergebe diversen rabiaten Schulmeistern, daß sie mich an den Haaren aus der Bank gezogen und mich regelmäßig mit Zeigestab, Riemen oder Rohrstock durchgewalkt haben, wenn ich über Fragen zum Katechismus stolperte oder nicht im Kopf 937 durch 739 teilen konnte. Von meinen Eltern und anderen Erwachsenen hörte ich nur, das sei alles zu meinem Besten. Ich vergebe ihnen ihre himmelschreiende Heuchelei und frage mich, wo sie heute sein mögen. Im Himmel? In der Hölle? Im Fegefeuer (wenn es das noch gibt)?

Ich kann sogar mir selbst vergeben, obwohl ich immer wieder stöhnen muß, wenn ich auf verschiedene Phasen meines Lebens zurückblicke. War ich ein Esel! Diese albernen Ängste! Diese Dummheiten! Dieses Zaudern und Herumstolpern!

Aber dann schaue ich noch mal genauer hin. Ich habe Kindheit und Jugend damit zugebracht, mein Gewissen zu erforschen und festzustellen, daß ich mich permanent im Zustand der Sünde befand. Das war der Drill, die Gehirnwäsche, die Konditionierung, und die verbot jede Selbstzufriedenheit, zumal bei Angehörigen der Sünderklasse.

Jetzt ist es, glaube ich, an der Zeit, mir wenigstens eine Tugend gutzuschreiben: Hartnäckigkeit. Nichts so Glanzvolles wie Ehrgeiz, Begabung, Verstand oder Charme, aber doch das einzige, was mich durch die Tage und Nächte getragen hat.

F. Scott Fitzgerald hat gesagt, ein amerikanisches Leben habe keinen zweiten Akt. Er hat einfach nicht lange genug gelebt. In meinem Fall hat er nicht recht behalten.

In den dreißig Jahren, die ich an New Yorker High Schools unterrichtet habe, nahm niemand außer meinen Schülern die geringste Notiz von mir. Außerhalb der Schule war ich unsichtbar. Dann schrieb ich ein Buch über meine Kindheit und wurde der Held der Stunde. Ich hoffte, das Buch würde den McCourt-Kindern und -Enkelkindern die Familiengeschichte nahebringen. Ich hoffte, daß sich vielleicht ein paar hundert Exemplare verkaufen würden und ich Einladungen von Lesezirkeln bekäme. Statt dessen eroberte es auf Anhieb die Bestsellerlisten und wurde in dreißig Sprachen übersetzt. Ich war verblüfft. Das Buch war mein zweiter Akt.

In der Welt der Bücher bin ich ein Spätzünder, ein Nachzügler, ein Frischling. Mein erstes Buch, Die Asche meiner Mutter , erschien 1996, als ich sechsundsechzig war, das zweite, Ein rundherum tolles Land, 1999, da war ich neunundsechzig. In dem Alter kann man von Glück sagen, wenn man überhaupt noch den Bleistift halten kann. Neue Freunde von mir (die ich meinem Aufstieg in die Bestsellerlisten verdanke) hatten in ihren Zwanzigern ihre ersten Bücher geschrieben. Jungspunde.

Aber was hat Sie denn so lange abgehalten?

Ich habe unterrichtet, das hat mich so lange abgehalten. Nicht an einem College oder einer Universität, wo man jede Menge Zeit fürs Schreiben oder für andere Zerstreuungen hat, sondern an vier verschiedenen öffentlichen High Schools in New York City. (Ich kenne Romane über das Leben von Universitätsprofessoren, die mit außerehelichen Liebschaften und akademischen Grabenkämpfen so beschäftigt waren, daß man sich fragt, wo sie da noch ein paar Unterrichtsstunden hineinquetschen konnten.) Wenn man täglich fünf Klassen unterrichtet, fünf Tage die Woche, ist es unwahrscheinlich, daß man sich am Feierabend mit einem klaren Kopf zu Hause hinsetzt und unsterbliche Prosa schmiedet. Nach einem Schultag mit fünf Klassen ist der Kopf randvoll vom Radau im Klassenzimmer.

Ich hätte nie gedacht, daß Die Asche meiner Mutter auch nur auf das geringste Interesse stoßen würde, aber als das Buch auf den Bestsellerlisten erschien, wurde ich ein Liebling der Medien. Ich wurde viele hundertmal fotografiert. Ich war eine geriatrische Novität mit irischem Akzent. Ich wurde für Dutzende von Blättern interviewt. Ich lernte Gouverneure, Bürgermeister, Schauspieler kennen. Ich wurde dem ersten Präsidenten Bush und seinem Sohn, dem Gouverneur von Texas, vorgestellt. Ich schüttelte Präsident Clinton und Hillary Rodham Clinton die Hand. Ich lernte Gregory Peck kennen. Ich war beim Papst und küßte seinen Ring. Sarah, Herzogin von York, interviewte mich. Sie sagte, ich sei ihr erster Pulitzerpreisträger. Ich erwiderte, sie sei meine erste Herzogin. Sie sagte, oh, und fragte den Kameramann, haben Sie das? Haben Sie das? Ich wurde für einen Hörbuch-Grammy nominiert und hätte beinahe Elton John kennengelernt. Die Menschen sahen mich mit ganz anderen Augen an als früher. Ah, Sie haben doch dieses Buch geschrieben, sagten sie, hier entlang bitte, Mr. McCourt, oder, kann ich Ihnen irgend etwas Gutes tun, irgend etwas? Eine Frau in einem Café kniff die Augen zusammen und sagte, ich hab Sie im Fernsehen gesehen. Sie müssen ein wichtiger Mann sein. Wer sind Sie? Könnte ich ein Autogramm haben? Man hörte mir zu. Man fragte mich nach meiner Meinung über Irland, Bindehautentzündung, Trunksucht, Zähne, Bildung, Religion, Jugendangst, William Butler Yeats, Literatur im allgemeinen. Welche Bücher lesen Sie diesen Sommer? Welche Bücher haben Sie dieses Jahr gelesen? Katholizismus, Schriftstellerei, Hunger. Ich sprach vor Versammlungen von Zahnärzten, Rechtsanwälten, Augenärzten und, natürlich, Lehrern. Ich bereiste die Welt, als Ire, als Lehrer, als Autorität für Unglück und Elend jeder Art, ein Leuchtturm der Hoffnung für Senioren allerorten, die schon immer ihre Lebensgeschichte erzählen wollten.

Die Asche meiner Mutter wurde verfilmt. Egal, was man in Amerika schreibt, immer ist gleich vom Film die Rede. Man könnte das Telefonbuch von Manhattan schreiben, und trotzdem würde man gefragt werden, und wann kommt der Film?

Hätte ich Die Asche meiner Mutter nicht vollendet, ich hätte noch auf dem Sterbebett gebettelt, nur noch ein Jahr, lieber Gott, nur noch ein Jahr, weil dieses Buch das Eine ist, was ich in meinem Leben – was davon übrig ist – noch zustande bringen will. Ich hätte mir nie träumen lassen, daß es ein Bestseller werden würde. Ich hatte nur gehofft, es würde in den Buchhandlungen stehen und ich könnte heimlich beobachten, wie schöne Frauen die Seiten umwenden und ab und zu eine Träne vergießen. Sie würden das Buch natürlich kaufen, es nach Hause tragen, sich auf dem Diwan rekeln, meine Geschichte lesen und dabei Kräutertee oder einen guten Sherry trinken. Und sie würden es für alle ihre Freundinnen bestellen.

In Ein rundherum tolles Land schrieb ich über mein Leben in Amerika und darüber, wie ich Lehrer wurde. Als es erschienen war, ließ mich das Gefühl nicht los, daß das Unterrichten darin zu kurz gekommen war. In Amerika werden Ärzte, Anwälte, Generäle, Schauspieler, Fernsehleute und Politiker bewundert und reich belohnt. Lehrer mitnichten. Unterrichten ist die Küchenmagd unter den akademischen Berufen. Lehrer werden aufgefordert, den Dienstboteneingang zu benutzen oder hintenherum zu gehen. Man beglückwünscht sie, weil sie jede Menge Freizeit haben. Man spricht gönnerhaft von ihnen und tätschelt ihnen, im nachhinein, die silbernen Locken. O ja, ich hatte eine Englischlehrerin, Miss Smith, die mich wirklich begeistert hat. Ich werde sie nie vergessen, die gute alte Miss Smith. Sie sagte immer, wenn sie in den vierzig Jahren ihrer Lehrtätigkeit auch nur ein einziges Kind wirklich erreicht habe, dann hätte es sich für sie schon gelohnt. Dann könne sie glücklich sterben. Die begeisternde Englischlehrerin tritt sodann in die grauen Schatten zurück, fristet ihren Lebensabend mit einer mickrigen Pension und träumt von dem einen Kind, das sie vielleicht erreicht hat. Träum weiter, Lehrerin. Man wird dir keine Kränze flechten.

Man stellt es sich so vor: Man geht ins Klassenzimmer, bleibt einen Moment stehen, wartet, bis Ruhe eintritt, sieht zu, wie die Schüler ihre Hefte aufschlagen und ihre Kulis klicken lassen, sagt ihnen, wie man heißt, schreibt es an die Tafel und fängt mit dem Unterricht an.

Auf dem Pult hat man den Englisch-Lehrplan der Schule. Man unterrichtet Rechtschreibung, Wortschatz, Grammatik, Leseverständnis, Aufsatzschreiben, Literaturgeschichte.

Man kann es nicht erwarten, zur Literatur zu kommen. Da wird es lebhafte Diskussionen über Gedichte, Stücke, Essays, Romane, Kurzgeschichten geben. Hundertsiebzig Hände werden in die Höhe schnellen, und die Schüler werden rufen, ich, Mr. McCourt, ich, ich möchte etwas sagen.

Man hofft, sie werden etwas sagen wollen. Man will nicht, daß sie nur dasitzen und gaffen, während man sich abmüht, den Unterricht in Gang zu halten.

Man wird sich an der Fülle der englischen und amerikanischen Literatur laben. Wie herrlich wird das sein mit Carlyle und Arnold, Emerson und Thoreau. Und erst mit Shelley, Keats, Byron und dem guten alten Walt Whitman. Die Schüler werden gar nicht genug kriegen von all der Romantik und Rebellion, all der Auflehnung. Und man selber wird auch seine Freude daran haben, denn tief drinnen und in seinen Träumen ist man ein ungestümer Romantiker. Man sieht sich selbst auf den Barrikaden.

Rektoren und andere Respektspersonen draußen auf dem Flur werden Jubelrufe aus dem Klassenzimmer vernehmen. Staunend werden sie durchs Türfenster spähen und die vielen erhobenen Hände sehen, den Eifer und die Erregung auf den Gesichtern dieser Jungen und Mädchen, dieser zukünftigen Klempner, Elektriker, Kosmetikerinnen, Schreiner, Mechaniker, Stenotypistinnen, Maschinisten.

Man wird dich, den Lehrer, für Preise und Auszeichnungen vorschlagen: Lehrer des Jahres, Lehrer des Jahrhunderts. Man wird dich nach Washington einladen. Eisenhower wird dir die Hand schütteln. Zeitungen werden dich, einen ganz normalen Lehrer, nach deiner Meinung über das Bildungswesen fragen. Eine kleine Sensation: Ein Lehrer, den man fragt, was er vom Bildungswesen hält. Wow. Du kommst ins Fernsehen.

Fernsehen.

Man stelle sich vor: ein Lehrer im Fernsehen.

Sie werden dich nach Hollywood einfliegen, wo du die Hauptrolle in Filmen über dein eigenes Leben bekommst. Einfachste Herkunft, unglückliche Kindheit, Probleme mit der Kirche (der du tapfer getrotzt hast), Bilder von dir, wie du einsam in einer Ecke sitzt und bei Kerzenschein liest: Chaucer, Shakespeare, Austen, Dickens. Wie du da mit deinen armen kranken Augen blinzelnd in der Ecke sitzt und tapfer liest, bis deine Mutter dir die Kerze wegnimmt und sagt, wenn du nicht aufhörst, werden dir die Augen noch mal ganz aus dem Kopf fallen. Du bettelst, sie soll dir die Kerze wiedergeben, du hast nur noch hundert Seiten von Dombey und Sohn, aber sie sagt, nein, ich habe keine Lust, dich in Limerick rumzuführen und mich von den Leuten fragen zu lassen, wieso du blind geworden bist, wo du doch vor einem Jahr noch Ball gespielt hast wie alle anderen.

Du sagst ja zu deiner Mutter, denn du kennst das Lied:

Wenn du noch eine Mutter hast,So danke Gott und sei zufrieden.Nicht vielen auf dem ErdenrundIst dieses Glück beschieden.

Außerdem könntest du nie einer Filmmutter widersprechen, die von einer der alten irischen Schauspielerinnen, Sarah Allgood oder Una O’Connor, gespielt wird, mit ihrer scharfen Zunge und ihrer Leidensmiene. Deine eigene Mutter konnte zwar auch so gekränkt dreinschauen, daß es einem durch und durch ging, aber auf der großen Leinwand in Schwarzweiß oder Farbe ist es noch viel wirkungsvoller.

Deinen Vater könnte Clark Gable spielen, nur daß der a) nicht mit dem nordirischen Akzent deines Vaters zurechtkommen würde und das b) ein arger Abstieg gegenüber Vom Winde verweht wäre, das, wie du dich erinnerst, in Irland verboten wurde, angeblich deshalb, weil Rhett Butler seine Angetraute Scarlett die Treppe hinauf und ins Bett trug, worüber die Filmzensoren in Dublin so entrüstet waren, daß sie kurzerhand den kompletten Film auf den Index setzten. Nein, du brauchst als Vater jemand anders, weil die irischen Zensoren genau aufpassen würden und du sehr enttäuscht wärst, wenn die Leute in Limerick, deiner Heimatstadt, und im übrigen Irland nicht die Möglichkeit bekämen, die Geschichte deiner unglücklichen Kindheit und deinen späteren Triumph als Lehrer und Filmstar zu sehen.

Aber das wäre noch nicht das Ende der Geschichte. Die eigentliche Geschichte wäre, wie du schließlich dem Sirenengesang Hollywoods widerstanden hast, wie du, nachdem man dich nächtelang großzügig bewirtet, dich gefeiert und in die Betten weiblicher Stars und Möchtegernstars gelockt hat, festgestellt hast, wie hohl ihr Leben ist, wie sie dir auf diversen Seidenkissen ihr Herz ausgeschüttet haben, wie du ihnen, von Gewissensbissen geplagt, zugehört hast, während sie dir erklärten, wie sehr sie dich bewundern, weil du wegen deines Engagements für deine Schüler ein Idol, eine Hollywood-Ikone geworden bist, wie aufrichtig sie, die hinreißenden weiblichen Stars und Möchtegernstars, es bereuen, daß sie auf Abwege geraten sind, sich für die Leere eines Lebens in Hollywood entschieden haben, obwohl sie doch auf all dies verzichten und sich täglich aus ganzem Herzen der wunderbaren Aufgabe widmen könnten, die zukünftigen Handwerker, Kaufleute und Bürokräfte Amerikas zu bilden. Wie schön müsse es doch sein, sagten sie, morgens aufzuwachen und fröhlich aus dem Bett zu springen, beflügelt von der Gewißheit, daß wieder ein Tag vor einem liegt, an dem man Gottes Werk an der amerikanischen Jugend verrichten kann, zufrieden mit dem kärglichen Lohn, den man erhält, da doch die wahre Belohnung in den dankbar glänzenden Augen der Schüler liegt, die einem Geschenke von ihren dankbaren und bewundernden Eltern bringen: Plätzchen, Brot, hausgemachte Nudeln und gelegentlich eine Flasche Wein aus dem kleinen Weinberg einer italienischen Familie, die Gaben der Mütter und Väter von hundertsiebzig Schülern an der McKee Vocational and Technical High School im Stadtteil Staten Island der Weltstadt New York.

TEIL I

Der lange Weg zur Pädagogik

1

Da kommen sie.

Und ich bin nicht bereit.

Wie könnte ich auch?

Ich muß das Lehren erst noch lernen.

Am ersten Tag meiner Lehrerlaufbahn wäre ich fast entlassen worden, weil ich das Pausenbrot eines Schülers aufaß. Am zweiten Tag wäre ich fast entlassen worden, weil ich von der Möglichkeit sprach, mit einem Schaf befreundet zu sein. Sonst war nichts Bemerkenswertes an meinen dreißig Jahren in den High-School-Klassenzimmern von New York City. Mir kamen oft Zweifel, ob ich überhaupt am richtigen Platz war. Und am Ende fragte ich mich, wie ich mich so lange halten konnte.

Wir schreiben März 1958. Ich sitze an meinem Pult in einem leeren Klassenzimmer der McKee High School, einer Berufs-und Technikerschule im Stadtteil Staten Island von New York City. Ich spiele mit den Gerätschaften meines neuen Metiers, als da sind: fünf gelbe Aktendeckel, einer für jede Klasse, ein Knäuel zerbröselnder Gummiringe, ein linierter Block aus der Kriegszeit mit Flecken von irgendwelchen für seine Herstellung benutzten Substanzen, ein zerrupfter Tafelschwamm, ein Stapel weiße Kärtchen, die ich Reihe um Reihe in die Schlitze dieses ramponierten roten Ordners stecken werde, damit sie mir helfen, die Namen von gut hundertsechzig Jungen und Mädchen aus fünf verschiedenen Klassen zu behalten, die Tag für Tag in Reih und Glied vor mir sitzen werden. Auf den Kärtchen vermerke ich ihre Anwesenheit und ihre Verspätungen und bringe kleine Zeichen an, wenn sie sich Missetaten zuschulden kommen lassen. Man hat mir gesagt, ich solle die Missetaten mit Rotstift eintragen, aber die Schule hat mir keinen zur Verfügung gestellt, also muß ich ihn jetzt mit einem Formular anfordern oder mir einen kaufen, denn der Rotstift für die Missetaten ist die mächtigste Waffe des Lehrers. Ich werde mir auch sonst noch allerlei kaufen müssen. In Eisenhowers Amerika herrscht Wohlstand, aber bis zu den Schulen sickert nichts davon durch, schon gar nicht bis zu neuen Lehrern, die Material für ihren Unterricht brauchen. Ein Aushang des für die Verwaltung zuständigen Konrektors erinnert alle Lehrer an die Finanznöte der Stadt und ermahnt sie zu sparsamem Materialverbrauch. An diesem Morgen muß ich Entscheidungen treffen. In einer Minute kommt das erste Klingeln. Sie werden hereinströmen, und was werden sie sagen, wenn sie mich am Pult sitzen sehen? He, seht mal. Der versteckt sich. Mit Lehrern kennen sie sich aus. Am Pult zu sitzen bedeutet, daß man Schiß hat oder faul ist. Man benutzt das Pult als Schranke. Am besten, man geht raus und stellt sich vor sie hin. Sieh dem Feind ins Auge. Sei ein Mann. Ein einziger Fehler am ersten Tag, und man braucht Monate, um sich davon zu erholen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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