Tagebuch 1920 - Isaak Babel - E-Book

Tagebuch 1920 E-Book

Isaak Babel

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Beschreibung

Von Juli bis September 1920 begleitete der fünfundzwanzigjährige Isaak Babel die legendäre 1. Kavalleriedivision der Roten Armee als Korrespondent an die Südwestfront des Russisch-Polnischen Krieges. Babel begab sich freiwillig auf den Kriegerpfad, nachdem sein Mentor Maxim Gorki ihm geraten hatte, »unter die Leute zu gehen«, um mehr Lebenserfahrung zu sammeln. Selbst ein Anhänger der Revolution, ritt er mit den Kosaken nach Galizien und lieferte für die Zeitung Roter Kavallerist Propagandaberichte über die Kriegserfolge. Gleichzeitig führte er ein Tagebuch, in dem er sein zunehmendes Entsetzen über das wahre Gesicht des Krieges festhielt. In intimen Momentaufnahmen zeigt Babel schmutzige, misshandelte wolhynische Bauern und ausgeplünderte, verfolgte Juden; syphilitische russische Soldaten und entwürdigte Gefangene; wilde, singende Kosaken und geschundene Mädchen; abgestochene Kühe, erschossene Pferde, ausgeräucherte Bienenstöcke. Schonungslos notiert Babel, was für ihn ein doppeltes Grauen gewesen sein muss, war der Ritt in das größte jüdische Siedlungsgebiet des Ostens für ihn doch zugleich eine Heimkehr zu den Vätern – und er kam nicht mit Rettern, sondern mit Zerstörern: »Wie wir die Freiheit bringen – schrecklich.« Isaak Babels Tagebuch 1920 ist Zeugnis eines Krieges, der, obwohl sein Ausgang das Schicksal Europas entscheidend prägen sollte, in westlichen Geschichtsbüchern nur mehr als Fußnote behandelt wird. Heute hallt sein Echo lauter wider denn je.

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Seitenzahl: 282

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Isaak Babel

TAGEBUCH1920

Herausgegeben,

aus dem Russischen

und kommentiert

von Peter Urban

Mit einem Nachwort

von Wladimir Kaminer

FRIEDENAUER PRESSE

Vorwort

»Wie wir die Freiheit bringen – schrecklich.«

1

Isaak Babel war fünfundzwanzig und als Schriftsteller den wenigsten bekannt, als er sich im Frühjahr 1920 aus Odessa als Kriegsberichterstatter an die Front des Russisch-Polnischen Krieges begab. Von diesem Krieg wüssten wir heute kaum mehr etwas, hätte Babel ihn nicht in Erzählungen geschildert, die ihn, als sie 1926 unter dem Titel Die Reiterarmee gesammelt erschienen, mit einem Schlage weltberühmt machten.

Der Russisch-Polnische Krieg, in westlichen Geschichtswerken eine Fußnote, wird auch in den sowjetischen Annalen nur am Rande behandelt, meist peinlich umgangen – sehr im Gegensatz zu seinem historischen Stellenwert, bedeutete er doch nach dem Scheitern der deutschen Novemberrevolution das Ende der Doktrin der Weltrevolution wie auch das der großpolnischen Träume Marschall Piłsudskis.

Dieser Krieg, offiziell nie erklärt, sondern den Russen von Piłsudski aufgezwungen, begann als klassischer Eroberungsfeldzug – am 8. Mai 1920 rückten polnische Truppen in Kiew ein – und fand zu einem Zeitpunkt statt, der günstig schien, Gebietsansprüche Polens auf die Ukraine und damit Großpolen »von Meer zu Meer« militärisch durchzusetzen. In Russland hatte die Rote Armee unter Trockijs Oberkommando Ende 1919 zwar alle wesentlichen Kräfte der Konterrevolution zerschlagen, doch das Land war zerstört, die Wirtschaft lag darnieder, und nicht nur die Bevölkerung war der Kriege müde. Kriegsmüde war auch die 1. Rote Reiterarmee des Kosakengenerals Budënnyj, die noch Anfang 1920 die Weißen Truppen unter General Denikin bis an den Kaukasus verfolgt hatte und nun, im Frühjahr 1920, nach einem Marsch von über 1000 Werst an die Südwestfront geworfen worden war, um den polnischen Angriff zurückzuschlagen.

Geführt wurde dieser Krieg mit der Erbarmungslosigkeit eines Glaubenskrieges. Verstand sich Piłsudski als östlichster Vorposten gegen den Bolschewismus, darin vom Westen, vor allem Frankreich, nach Kräften unterstützt, so war russischerseits der Gedanke der Weltrevolution noch jedem präsent. »Wir kommen«, zitiert Babel 1920 einen Armeebefehl, »nicht in ein erobertes Land, das Land gehört den Arbeitern und Bauern Galiziens und nur ihnen, wir kommen, um ihnen zu helfen, die Rätemacht zu errichten.« Dass es nicht dazu kam, hängt unmittelbar mit Verlauf und Ausgang jenes »Krieges mit den Weißpolen« zusammen; er endete trotz einer Reihe von Siegen – die Rote Armee vertrieb die Polen schon im Juni aus Kiew und stand zwei Monate später vor den Toren Warschaus – mit einer verheerenden Niederlage. Und verantwortlich für diese Niederlage war kein anderer als Iosif Stalin.

Stalin war 1920 Kriegskommissar, also der politisch ranghöchste Funktionär an der Südwestfront, und verfolgte das ehrgeizige Ziel, das schon im Ersten Weltkrieg heftig umkämpfte Lemberg einzunehmen – statt, wie vom Oberkommando befohlen, der Südflanke General Tuchačevskijs vor Warschau zu Hilfe zu kommen. Er führte, wie Trockij es später formulierte, seinen »Privatkrieg«. So attackierten Budënnyjs Kosaken Lemberg noch eine Woche, nachdem Piłsudski die Rote Armee bei Warschau bereits vernichtend geschlagen hatte. Im Westen sprach man damals vom »Wunder an der Weichsel«, Viscount d’Abernon gar von der »18. Entscheidungsschlacht der Weltgeschichte« – das Gespenst des Bolschewismus war gebannt.

Stalin wurde daraufhin seines Postens enthoben – und er hat diese persönliche Niederlage weder Trockij noch der roten Generalität noch dem polnischen Offizierscorps verziehen. Trockijs Entmachtung erfolgte 1927, zehn Jahre später begannen die Säuberungen auch in der Armee, angefangen mit General Tuchačevskij – sie alle nun »Trotzkisten«, Verräter, Verschwörer; 1939 kam es zum Bündnis Stalins mit Hitlerdeutschland und zur vierten Teilung Polens. Zwischen dem Russisch-Polnischen Krieg und den Morden von Katyn liegen nur zwanzig Jahre: Viele der heute aufbrechenden Fragen haben ihren Grund nicht im Jahr 1945, sondern in der Nachkriegsordnung von 1918.

Babel – auch er 1940 ein Opfer Stalins – hat den Polenfeldzug miterlebt, ohne die politischen Hintergründe zu kennen. Er hat mit der 1. Reiterarmee vor Lemberg gestanden, ohne zu wissen, dass die Entscheidung im Norden längst gefallen war, aber er hat sich – als es hieß, Lemberg aufzugeben – gefragt: »Ist das Wahnsinn – oder die Unmöglichkeit, eine Stadt mit Kavallerie zu nehmen?«

2

Babel hat während des gesamten Feldzugs Tagebuch geführt: Tag für Tag, wann immer Gelegenheit war, hat er in eigenen, seismografisch genauen Beobachtungen den Krieg in allen seinen Phasen festgehalten – den Vormarsch, die Kämpfe um Brody, die vergeblichen Belagerungen, den Rückzug, »den Anfang vom Ende der Reiterarmee« bis hin zur panikartigen, heillosen Flucht.

Bei Babels Verhaftung 1939 sind alle schriftlichen Unterlagen beschlagnahmt worden, sie gelten heute als verloren. Das Kriegstagebuch von 1920, das Babel selbst schon verloren glaubte, hat in der Kiewer Wohnung einer Freundin Babels die gesamte Stalinzeit überstanden und liegt uns jetzt vor: einer der erregendsten Texte aus dem Jahre drei der russischen Revolution. Erregend nicht nur als Augenzeugenbericht eines kritischen Zivilisten, als Chronik eines Krieges aus der Perspektive nicht des einfachen Soldaten, sondern eines von Abscheu und Zweifeln geplagten Intellektuellen, der schon im Jahre drei voll Trauer »den Geschicken der Revolution« nachsinnt, sondern auch – und vor allem – als ein literarisches Dokument.

Babels Tagebuch ist das Tagebuch eines Schriftstellers, und wie man aus Äußerungen Babels weiß, hat es ihm bei der Konzeption wie bei der Niederschrift der Reiterarmee wichtige Dienste geleistet. Obwohl nie zur Veröffentlichung bestimmt, liest sich indes auch das Tagebuch als Literatur – und ist als private Chronik, als historisches Dokument mehr als nur Literatur. Unentwegt verweisen Babels Notate auf Sujets, auf Personen, Konflikte, auf Farben, »die Luft«, die zu Literatur werden könnten. »Mir merken«, »beschreiben« sind die Ausrufezeichen, die den Text fast bis zum Schluss durchziehen. Das Tagebuch hebt Babels Erzählkunst noch einmal in ein neues Licht, und es bestätigt den – seinerzeit heftig umstrittenen – Wahrheitsgehalt der Erzählungen der Reiterarmee eindrucksvoll.

Zugleich ist Babels Tagebuch ein biografisch einzigartiges Dokument. Es ist die längste zusammenhängende, auch die offenste Selbstäußerung, die wir von Babel besitzen, ein Stück Autobiografie, das so manche verzerrende Behauptung widerlegen, manche Legende über Babel wenn nicht zum Einsturz, so doch ins Wanken bringen dürfte. Im Tagebuch gibt Babel unbekümmert, rückhaltlos Auskunft über sein Denken, seine Sehweise – vor allem aber auch, noch von keiner Angst zensiert, über sein zwiespältiges Verhältnis zur Revolution, die er grundsätzlich wohl bejahte, deren Folgen ihn jedoch in unauflösliche Widersprüche stürzten. Und unmittelbare Folge der Revolution waren der Bürgerkrieg, die Verteidigung Russlands gegen ausländische Interventen – also auch der Russisch-Polnische Krieg.

Babels Tagebuch ist nicht zuletzt ein wichtiges Dokument jüdischer Kultur und jüdischer Geschichte. Es ist – unkünstlerisches Gegenstück zu Viktor Šklovskijs Sentimentaler Reise – die zuweilen wehmütige, doch weitgehend unsentimentale Beschreibung einer »Reise« durch ein Land, das es heute nicht mehr gibt, das jedoch jahrhundertelang eine eigene, besondere europäische Kulturlandschaft war: Galizien, mit den angrenzenden Gebieten Podoliens und Wolhyniens einst das größte und älteste Judenghetto Europas. Großdeutscher Rassenwahn hat dieses Land 1939 ausgelöscht, seine Bewohner in die Vernichtungslager deportiert, Stalins Russifizierungspolitik nach 1945 tat ein Übriges. Die Kultur, die Babel 1920 beschreibt, ist heute unwiederbringlich verloren.

Galizien war das Land der Kindheit Alexander Granachs, der »Wasserträger Gottes« (Manès Sperber), der »Wunderrabbis von Berditschew« (Martin Buber), der Romane und Erzählungen von Joseph Roth, der aus dem Städtchen Brody stammte, es ist das Land der unvergesslichen Zimtläden und des Sanatoriums zur Todesanzeige von Bruno Schulz – ein Land, wie Babel wusste, »gesättigt von der blutigen Geschichte des jüdisch-polnischen Ghettos« und der Pogrome an Juden, die hier, über alle staatlichen und in jeder Hinsicht willkürlichen politischen Grenzen hinweg, die Mehrheit der Bevölkerung bildeten.

»Der Friedhof von Gras überwuchert«, notiert Babel am 18.7.1920 zum Städtchen Malin, »er hat Chmelnickij gesehen, jetzt Budënnyj, die unglückliche jüdische Bevölkerung, alles wiederholt sich, jetzt diese Geschichte – die Polen – die Kosaken – die Juden – mit bestürzender Genauigkeit wiederholt sich alles, das Neue ist – der Kommunismus.«

Weder Babel noch irgendjemand in Europa konnte 1920 ahnen, was zwanzig Jahre später in Galizien geschehen würde – auch Auschwitz gehörte zu Galizien.* – Doch antisemitische Ressentiments, Babels Tagebuch belegt dies, waren auch im roten Russland weit verbreitet. Babels Pseudonym in der Armee (Kirill Vasiljevič Ljutov – der Grimmige, Grausame) war eine wohl begründete Schutzmaßnahme, keine Verleugnung seiner selbst. Während Babel sich unter Budënnyjs Kosaken, mit denen ihn nichts verband, einsam und als Fremder fühlte, suchte er »so gern das Gespräch mit den Unseren« – der jüdischen Bevölkerung: Babels Meldung an die Südwestfront war mehr als nur ein Dienst an Revolution und Vaterland. Der Polenfeldzug war für ihn mit Sicherheit – auch – eine Reise an die Ursprünge, an die Quellen der jüdischen Kultur, an die Wurzeln der eigenen Identität.

Babels politische Identität hat mit dem Polenfeldzug offensichtlich Risse bekommen. Seine Bewertung dieses Krieges ist eindeutig – und steht im Widerspruch zur damaligen Parteilinie wie auch zur späteren unter Stalin. Sie gründet auf eigenen Beobachtungen während des Feldzuges. Und danach hatte dieser Krieg nichts mit einer marxistischen Revolution zu tun, sondern war »ein Aufstand der wilden Kosakenanarchie« und »ein Mittel, vor dem die Partei nicht zurückschreckt«, obwohl sie – nur so ist Babels Satz zu ergänzen – davor hätte zurückschrecken müssen. »Wir sind die Avantgarde«, zitiert Babel einen Gesprächspartner und fragt sarkastisch: »aber die Avantgarde wovon?« Die Antwort gibt er an anderer Stelle: »Wir zerstören, ziehen weiter wie ein Wirbelsturm, ein Lavastrom, von allen gehasst, das Leben stiebt auseinander, ich bin auf einer großen, nicht enden wollenden Totenmesse.«

Tradition war für Babel ein positiver Wert. Er hing an der alten Kultur, die er in der Revolution versinken sah, und wäre – so liest man sein Tagebuch – nie bereit gewesen, seinen Blick für die Realitäten, sein moralisches Empfinden, seine Empörung über Gewalt und Gesetzlosigkeit irgendeinem politischen Gott zu opfern, so betörend, faszinierend der Anblick der Gewalt zuweilen auch gewesen sein mag. Seine Skepsis und sein Geschichtsbewusstsein bringen ihn – angesichts der Zeitung lesenden Kosaken – auf eine, wie wir heute wissen, zukunftsweisende Beobachtung: »Wie schlecht sich die Namen einprägen, wie leicht ist alles umkehrbar.«

3

Babel, wird uns versichert, sei freiwillig in den Krieg an die Südwestfront gegangen, so liest sich auch die autobiografische Skizze von 1924. Leicht gefallen ist ihm dieser Entschluss mit Sicherheit nicht.

Mehrfach begegnet man im Tagebuch dem Stoßseufzer: »die Manuskripte, die Manuskripte«, die Babel in Odessa zurückgelassen hatte. Welche Manuskripte damit gemeint sind, wissen wir nicht. Einmal erwähnt Babel »Herschele«, den Helden eines geplanten Erzählungsbandes, ein andermal die »Geschichte von den Chinesen« – Frühwerke, und es mutet an wie eine Ironie des Schicksals, dass Babel der Durchbruch als Schriftsteller mit Erzählungen gelang, die von einem Krieg handeln, den er so sehr hasste – aber das war nicht anders bei Leonhard Frank, Arnold Zweig oder Otto Nebel, bei Dix, Grosz oder Heartfield.

Seinen Weg als Schriftsteller hat Babel in jener autobiografischen Skizze 1924 beschrieben: 1916, aus Odessa – der selbstbewussten Provinz – nach Petersburg gekommen, hat für seine ersten literarischen Versuche nur Gorkij Interesse gezeigt. In dessen Zeitschrift Novaja žizn [Neues Leben] hat Babel 1918, kurz vor dem Verbot der Zeitschrift, einige Reportagen veröffentlicht, danach sei er, auf Rat Gorkijs, bis 1923 »unter fremde Menschen« gegangen – und dazu gehört auch die Campagne in Galizien. Als seine literarische Geburtsstunde bezeichnet Babel das Erscheinen der ersten Erzählungen der Reiterarmee in Majakovskijs Avantgardezeitschrift Lef Ende 1923. Liest man Babels frühe Erzählungen, die Reportagen, das Tagebuch von 1920 und die Reiterarmee heute, so sind es die Reportagen von 1918, die den entscheidenden Schritt vollziehen vom Anfänger, der eine Neigung zur Idyllik noch nicht beherrscht, hin zum Meister der expressionistischen Kurzprosa. Aufgrund der Reportagen nennt Viktor Šklovskij 1923 Babel einen der wenigen Autoren, die sich inmitten aller revolutionären Euphorie die Nüchternheit bewahrt hätten. Die Reportagen stecken noch voll bekennerhafter Sätze, die Babel später in der Reiterarmee (»keine Reflexion, einfach erzählen«) meidet, doch enthalten sie bereits alle Stilmerkmale der Babel’schen Erzählung: den Blick für das bezeichnende Detail, den kontrollierten, von überflüssigem Beiwerk gereinigten Satz, den sicheren Sinn für das poetische Bild, für den künstlerischen Effekt.

Dazu gehört vor allem aber auch die Richtung des Blicks: Er fällt auf die Schattenseiten, in die Hinterhöfe des revolutionären Petrograd, in die Leichenhallen, die Schlachthöfe, die hoffnungslos unterversorgten Kinderkrippen, die Heime für Kriegsblinde oder minderjährige gemeingefährliche Rechtsbrecher. Immer, ob Mensch oder Tier, ist es ein Blick für die Opfer, für die geschundene Kreatur. Auch im Krieg von 1920 gilt Babels Aufmerksamkeit der leidenden Zivilbevölkerung, den Verwundeten, den Gefangenen des Gegners, den Pferden, den Bienen.

1916 hat Babel in der Skizze Odessa, einer Liebeserklärung an das russische Marseille, Auskunft gegeben über die Werte seiner Jugend – die sozialistische Revolution spielt darin nur die Rolle einer Pointe.** Babels Heiligtümer sind danach: Odessa, »eine abscheuliche Stadt«, aber eine, »in der es sich leicht und hell leben läßt«; die Menschen des Nordens wüssten nicht, was Sonne ist. – Die Juden, die Hälfte der Einwohner Odessas, »ein Volk, das einige sehr einfache Dinge sehr schön geprägt hat« und dem es in beträchtlichem Maße zu danken sei, »daß um Odessa eine Atmosphäre der Helle und Leichtigkeit entstanden ist«. – Die Liebe zu westlicher Zivilisation, zur Kultur Frankreichs. – Die Literatur, und nicht von ungefähr ist Babels literarischer Gott, nach Gogol, nicht Čechov, sondern Guy de Maupassant; der so lange vergeblich erwartete literarische Messias, der so schreiben würde wie Maupassant, so Babels Schlusssatz, werde nicht aus dem Norden kommen, sondern »aus den sonnenüberfluteten, vom Meer umspülten Steppen«.

Im Krieg von 1920, im herbstlich verregneten Galizien war von diesen heiligen Dingen nichts zu sehen. Dafür umso mehr Zerstörung, Grausamkeit, Brutalität, rauchende Trümmer und Tod: »Wie wir die Freiheit bringen – schrecklich.«

Peter Urban

*Auschwitz, so Hartleben’s Führer durch Galizien von 1914: »Sammelpunkt für die galizische Emigration« nach Berlin und nach Amerika. »Im Frühling und im Herbst ist der Bahnhof überfüllt mit polnischen und ruthenischen Bauern sowie Juden. Für die Auswanderer sind eigene Baracken errichtet.«

**»In einiger Entfernung vom weiten Meer qualmen Fabrikschlote, verrichtet Karl Marx sein Werk.«

tagebuch 1920

Das Tagebuch beginnt mit Seite 55. Die ersten 54 Seiten fehlen.

Žitomir. 3.6.20

Morgens im Zug, gekommen, um Uniformbluse und Stiefel in Empfang zu nehmen. Ich schlafe zusammen mit Žukov, Topolnik, es ist dreckig, morgens die Sonne in die Augen, der Dreck im Waggon. Der lange Žukov, der verfressene Topolnik, das gesamte Redaktionskollegium – unvorstellbar schmutzige Menschen.

Widerlicher Tee aus geborgten Geschirren. Briefe nach Hause, Pakete an die Jug-Rosta, Interview mit Pollak, die Operation zur Eroberung von Novograd, die Disziplin in der polnischen Armee – bröckelt ab, polnische weißgardistische Literatur, Broschüren auf Zigarettenpapier, Streichhölzer, ehemalige (ukrainische) Juden, Kommissare, alles ist dumm, bösartig, kraftlos, unbegabt und erstaunlich wenig überzeugend. Michajlovs Abschriften aus polnischen Zeitungen.

Die Küche im Zug, dicke Soldaten mit roten Gesichtern, graue Seelen, stickig die Hitze in der Küche, Kaša, Mittag, der Schweiß, dickbeinige Wäscherinnen, apathische Weiber – die Haltestellen – die Soldaten und Weiber beschreiben, dick, satt und verschlafen.

Liebe in der Küche.

Nach dem Mittagessen nach Žitomir. Eine weiße, nicht verschlafene, aber geschlagene, verstummte Stadt. Ich suche nach Spuren der polnischen Kultur. Die Frauen schön gekleidet, weiße Strümpfe. Die katholische Kathedrale.

Bade bei Nuska im Teterev, ein lausiger Bach, die alten Juden im Badehaus mit ihren langen mageren graubehaarten Beinen. Die jungen Juden. Weiber spülen am Teterev Wäsche. Eine Familie, die schöne Ehefrau, das Kind hat der Mann.

Bazar in Žitomir, der alte Schuster, Waschblau, Kreide, Bindfaden.

Die Gebäude der Synagogen, die alte Architektur, wie mir das alles ans Herz greift.

Ein Uhrglas 1200 R. Markt. Der kleine Jude ist Philosoph. Ein unvorstellbarer Laden – Dickens, Besen und goldene Pantoffeln. Seine Philosophie – alle sagen, sie kämpften für Freiheit und Gerechtigkeit, und alle stehlen. Wenn doch nur irgendeine Regierung gut wäre. Wunderbare Worte, der schüttere Bart, wir unterhalten uns, Tee und drei Stück Apfelpirogge –750 R. Interessant die alte Frau, boshaft, geschäftstüchtig, ohne Eile. Wie geldgierig alle sind. Den Bazar beschreiben, die Obstkörbe, Kirschen, das Innere der Garküche. Das Gespräch mit der Russin, die gekommen ist, um sich einen Waschzuber zu leihen. Schwitzen, dünner Tee, ich verbeiße mich in das Leben, ihr Toten adieu.

Der Schwager Podolskij, ein halbverhungerter Intellektueller, etwas über die Gewerkschaften, über den Dienst bei Budënnyj, ich bin, natürlich, Russe, die Mutter Jüdin, wieso?

Der Pogrom von Žitomir, von den Polen veranstaltet, danach, natürlich, von den Kosaken.

Nach dem Eintreffen unserer Vorausabteilungen waren die Polen in die Stadt eingedrungen für 3 Tage, Judenpogrom, sie haben die Bärte abgeschnitten, das ist das Übliche, haben auf dem Marktplatz 45 Juden zusammengetrieben, ins Gebäude des Schlachthofs gebracht, Misshandlungen, haben ihnen die Zungen herausgeschnitten, Wehgeschrei über den ganzen Platz. Sie haben 6 Häuser angesteckt, das Haus Koniuchowski am Domplatz besichtige ich, wer hat gerettet – aus Maschinengewehren, den Hausmeister, dem in die Arme die Mutter aus dem brennenden Fenster den Säugling zugeworfen hatte – haben sie erstochen – der katholische Priester hatte an die Rückwand eine Leiter gestellt, so haben sie sich gerettet.

Der Samstag neigt sich dem Ende zu, wir gehen vom Schwiegervater zum Zaddik. Den Namen nicht verstanden. Für mich ein erschütterndes Bild, obwohl klar sichtbar das Sterben und der absolute Verfall. Der Zaddik – seine breitschultrige, magere kleine Gestalt. Sein Sohn – ein vornehmer Junge in der Kapote, man sieht in kleinbürgerliche, aber geräumige Zimmer. Alles ist aufgeräumt, sauber, die Ehefrau – eine gewöhnliche Jüdin, vom Typ beinahe Jugendstil.

Die Gesichter der alten Juden.

Gespräche in der Ecke über die Teuerung.

Ich finde mich im Gebetbuch nicht zurecht. Podolskij hilft mir.

Statt der Kerze – ein Kienspan.

Ich bin glücklich, riesengroße Gesichter, Hakennasen, schwarze, grau durchwirkte Bärte, ich denke an vieles, auf Wiedersehen, ihr Toten. Das Gesicht des Zaddik, sein vernickeltes Pincenez:

– Woher kommen Sie, junger Mann?

– Aus Odessa.

– Wie lebt man dort?

– Die Menschen leben.

– Hier ist das Grauen.

Ein kurzes Gespräch.

Ich gehe erschüttert.

Podolskij, blass und bekümmert, gibt mir seine Adresse, ein wunderschöner Abend. Ich gehe, denke an vieles, stille, dunkle fremde Straßen. Kondratjev mit einer schwarzhaarigen Jüdin, der arme Kommandant mit Papacha, er hat einfach keinen Erfolg.

Und dann Nacht, der Zug, aufgemalt die Losungen des Kommunismus (der Kontrast zu dem, was ich bei den alten Juden gesehen habe).

Das Hämmern der Maschinen, eigene Elektrostation, eigene Zeitungen, der Kinematograf läuft, der Zug erstrahlt, dröhnt, die dickmäuligen Soldaten stehen bei den Wäscherinnen Schlange (für zwei Tage).

Žitomir. 4.6.20.

Morgens Pakete an die Jug-Rosta, Meldung über den Pogrom von Žitomir, nach Hause, an Orešnikov, Narbut.

Ich lese Hamsun. Sobelman erzählt mir das Sujet seines Romans.

Ein neues Manuskript Hiobs, ein alter Mann, der seit Jahrhunderten lebt, seine Schüler haben es ihm gestohlen, um eine Auferweckung zu simulieren, der übersättigte Ausländer, die russische Revolution.

Schulz, das ist das Wichtigste, die Wollust, Kommunismus ist, wie wenn wir bei den Herren Äpfel klauen, Schulz erzählt, seine Glatze, Äpfel unterm Arm, der Kommunismus, eine Dostojevskij-Figur, hier ist etwas vorhanden, da muss man sich was einfallen lassen, diese unersättliche Fleischeslust, Schulz in den Straßen von Berdičev.

Die Chelemskaja, die Pleuritis hatte, Durchfall, ganz vergilbt, in schmutziger Kapote, Apfelmus. Was willst du hier, Chelemskaja? Heiraten solltest du, Ehemann – technisches Kontor, ein Ingenieur, Abtreibung oder erstes Kind, das war dein Leben bisher, deine Mutter, einmal pro Woche hast du ein Bad genommen, deine Liebesgeschichte, Chelemskaja, so solltest du leben und dich der Revolution anpassen.

Eröffnung des kommunistischen Clubs in der Redaktion. Da haben wir – das Proletariat, diese aus dem Untergrund unwahrscheinlich geschwächten Jüdinnen und Juden. Jämmerliches, schreckliches Volk, schreite voran. Beschreiben danach das Konzert, die Frauen singen kleinrussische Lieder.

Baden im Teterev. Kiperman, wie wir nach Essbarem suchen. Was für ein Mensch ist Kiperman? Was bin ich für ein Dummkopf, habe das Geld verplempert. Er schwankt wie ein Rohr im Wind, hat eine große Nase, und er ist nervös, vielleicht wahnsinnig, aber ein Gauner, wie er die Zahlungen verzögert, den Club leitet. Seine Hosen beschreiben, die Nase und die bedächtige Rede, die Folter im Gefängnis, merkwürdiger Mensch dieser Kiperman.

Nacht auf dem Boulevard. Die Jagd auf Frauen. Vier Alleen, vier Stadien: Bekanntschaft, Plauderei, Aufkeimen der Begierde, Befriedigung der Begierde, unten der Teterev, der alte Sanitäter, der sagt, die Kommissare hätten alles, sogar Wein, aber er ist wohlwollend.

Ich und die ukrainische Redaktion.

Gužin, über den sich die Chelemskaja heute beschwert hatte, sie suchen etwas Besseres. Ich bin müde. Und plötzlich die Einsamkeit, vor mir strömt das Leben vorüber, aber was bedeutet es.

Žitomir. 5.6.20.

Habe im Zug Stiefel, Uniformbluse bekommen. Fahre bei Morgengrauen nach Novograd. Automobil Marke Thornicroft. Alles von Denikin erbeutet. Morgengrauen auf dem Kloster- oder Schulhof. Im Auto geschlafen. Um 11 Uhr in Novograd. Weiter in einem anderen Thornicroft. Umgehungsbrücke. Die Stadt ist lebendiger, Ruinen erscheinen als etwas Normales. Ich nehme meinen Koffer. Der Stab ist weitergefahren nach Korec. Eine Jüdin hat entbunden, im Krankenhaus natürlich. Ein Langer mit Hakennase bittet um Einstellung, läuft mit dem Koffer hinter mir her. Ich verspreche, morgen wiederzukommen. Novograd ist Zvjagel.

Auf dem Lastwagen ein Versorgungssoldat mit weißer Papacha, ein Jude und der leicht bucklige Morgan. Warten auf Morgan, er ist in die Apotheke, Brüderchen hat den Tripper. Der Wagen kommt aus Fastov. Zwei dicke Fahrer. Wir fliegen, ein echt russischer Fahrer, alle Eingeweide durchgerüttelt. Der Roggen steht gut, Meldereiter sprengen uns entgegen, unglückliche, riesige, eingestaubte Lastwagen, entkleidete polnische dickliche weißblonde kleine Jungen, Gefangene, ihre polnischen Nasen.

Korec, beschreiben, die Juden vor dem großen Haus, der J’schiwe bocher mit Brille, worüber sie sprechen, die Alten mit gelben Bärten, leicht bucklige Händler, kränklich, einsam. Ich will bleiben, aber die Telefonisten rollen die Kabel auf. Natürlich – der Stab ist weitergefahren. Wir pflücken Äpfel und Kirschen. In rasender Geschwindigkeit weiter. Dann der Fahrer, roter Gürtel, isst Brot mit motorölverschmierten Fingern. Nach kaum 6 Werst Fahrt – der Magneto im Öl ersoffen. Reparatur bei sengender Sonne, Schweiß, die Fahrer. Ich komme an auf einem Heuwagen – (habe vergessen – Artill.-Inspekteur Timošenko [?] inspiziert die Geschütze in Korec. Unsere Generäle). Es ist Abend. Nacht. Der Park von Gošča. Zotov und der Stab eilen weiter, der Tross donnert vorüber, der Stab ist weiter nach Rovno, verdammt. Die Juden, ich beschließe bei Duvid Učenik zu bleiben, die Soldaten raten mir ab, die Juden bitten darum. Ich wasche mich, eine Wohltat, viele Juden. Die Gebrüder Učenik – Zwillinge? Die Verwundeten wollen mich kennenlernen. Gesunde Teufel, nur Fleischwunden im Bein, können allein gehen. Guter Tee, ich esse zu Abend. Učeniks Kinder, ein kleines, aber leidgewohntes Mädchen mit gerunzeltem Blick, ein zitterndes Mädchen von 6 Jahren, die dicke Ehefrau mit Goldzähnen. Sie sitzen um mich herum, im Haus herrscht Unruhe. Učenik erzählt – die Polen haben geplündert, dann sind die hier eingezogen, mit Hetzrufen und Geschrei, sie haben alles mitgehen lassen, die Sachen seiner Frau.

Das Mädchen – sind Sie kein Jude? Učenik sitzt und schaut zu, wie ich esse, auf seinen Knien zittert das Mädchen. Sie ist verängstigt, die Keller, die Schießereien und dann eure. Ich spreche zu ihnen – alles wird gut, was die Revolution bedeutet, der Mund geht mir über. Uns wird es schlecht gehen, uns wird man ausplündern, gehen Sie nicht schlafen.

Nacht. Eine Laterne vor dem Fenster, eine hebräische Grammatik, die Seele schmerzt, meine Haare frisch gewaschen, meine Schwermut auch. Ich schwitze vom Tee. Als Unterstützung – Cukerman, mit Gewehr. Radiotelegrafist. Auf dem Hof Soldaten, man treibt sie in die Quartiere, sie kichern. Horche: Sie argwöhnen, los aufstehn, ich mach dich mit der Sense nieder. Die Jagd auf die Verhaftete. Sterne, Nacht über dem Städtchen. Der lang aufgeschossene Kosak, mit Ohrring, weißem Mützendeckel. Verhaftet hatten sie die Verrückte der Stasova – eine Matratze, sie lockte mit dem Zeigefinger, komm, ich lasse dich, bei mir hätte sie die ganze Nacht zu tun gehabt, sich gewunden, gehüpft, aber wäre nicht weggelaufen. Man treibt die Soldaten in die Quartiere. Sie essen – Rührei, Tee, Braten, unvorstellbare Grobheit, über den Tisch gefläzt, Wirtin, rück raus. Učenik vorm Haus, sie haben einen Wachsoldaten aufgestellt, eine Komödie, geh schlafen, ich bewache mein Haus selbst. Die schreckliche Geschichte mit der verhafteten Verrückten. Wenn sie sie finden – sie schlagen sie tot.

Ich kann nicht schlafen. Bin wie von Sinnen, sie haben gesagt – alles ist verloren.

Bedrückende Nacht, der Dummkopf mit dem Körper eines Ferkels – der Radiotelegrafist. Dreckige Fingernägel und geziertes Gehabe. Gespräch über die jüdische Frage. Der Verwundete im schwarzen Hemd – ein Grünschnabel und Grobian, die alten Juden ergreifen die Flucht, die Frauen in einigem Abstand. Niemand schläft. Irgendwelche jungen Mädchen auf der Treppe vor dem Haus, ein Soldat schläft auf dem Sofa.

Schreibe Tagebuch. Eine Lampe ist da. Der Park vor dem Fenster, Trossfahrzeuge fahren vorüber. Niemand geht schlafen. Das Auto ist gekommen. Morgan sucht nach einem Geistlichen, ich bringe ihn zu den Juden.

Der Goryn, die Juden und alten Frauen auf den Treppen vor den Häusern. Gošča ist geplündert, in Gošča ist nichts mehr zu holen, Gošča schweigt. Saubere Arbeit. Im Flüsterton – sie haben alles mitgehen lassen und sie weinen nicht einmal, das waren Spezialisten. Der Goryn, ein System von Seen und Zuflüssen, Abendlicht, hier war die Schlacht um Rovno. Gespräche mit den Juden, die mir nahe sind, sie denken, ich sei Russe, und mir geht das Herz auf. Wir sitzen am Steilufer. Stille und leises Seufzen in meinem Rücken. Ich gehe Učenik beschützen. Ich habe ihnen gesagt, dass meine Mutter Jüdin ist, die Geschichte, Belaja Cerkov, der Rabbiner.

Rovno. 6.6.20.

Unruhig geschlafen, einige Stunden. Ich wache auf, Sonne, Fliegen, das Bett gut, jüdische rosa Kopfkissen, Daunen. Die Soldaten klopfen mit ihren Krücken. Wieder – Wirtin, rück raus. Gebratenes Fleisch, Zucker aus einem geschliffenen Glassturz, sie sitzen hingeflegelt, mit hängendem Haarschopf, feldmarschmäßig gekleidet, rote Hosen, die Papacha, schneidig hängen die Beinstümpfe heraus. Die Frauen mit hochroten Gesichtern, sie laufen weg, keiner hat geschlafen. Duvid Učenik ist blass, in Weste. Zu mir – fahren Sie nicht weg, solange sie hier sind. Er stellt ein Fuhrwerk zusammen. Sonne, gegenüber der Park, das Fuhrwerk wartet, sie sind weg. Das Ende. Die Erlösung.

Gestern Abend war das Auto angekommen. Um 1 Uhr fahren wir von Gošča nach Rovno. Der Goryn glänzt in der Sonne. Morgenspaziergang. Wie sich herausstellt, hat die Hausfrau nicht zu Hause geschlafen, das Dienstmädchen hat mit Freundinnen bei den Soldaten gesessen, die es vergewaltigen wollten, die ganze Nacht bis zum Morgengrauen, hat sie unaufhörlich mit Äpfeln gefüttert, ernste Gespräche, keine Lust mehr zu kämpfen, wir wollen heiraten, gehen Sie schlafen. Das schielende Mädchen ist ins Schwatzen gekommen, Duvid hat die Weste angezogen, den Tales, betet mit Würde, dankt, in der Küche Mehl, Teig wird geknetet, man beginnt sich zu bewegen, das dickbeinige Dienstmädchen, barfuß, eine dicke Jüdin mit weicher Brust räumt auf und erzählt, erzählt ohne Ende. Worte der Hausfrau – sie ist dafür, dass alles gut wird. Das Haus lebt auf.

Ich fahre mit dem Thornicroft nach Rovno. Zwei verendete Pferde. Zerstörte Brücken, das Auto auf hölzernen Planken, alles kracht, endlose Kolonnen des Trosses, Staus, Flüche, den Tross beschreiben um Mittag vor der zerstörten Brücke, Reiter, Lastwagen, Karren mit Munition. Unser Lastwagen rast wie wahnsinnig, obwohl völlig kaputt, Staub.

8 Werst vor dem Ziel bleibt er stehen. Kirschen, ich schlafe, schwitze in der Sonne. Kuzickij, eine erfreuliche Gestalt, sagt dir im Nu dein Schicksal voraus, legt Karten, Feldscher aus Borodjanicy, die Weiber haben ihn für die Behandlung in Naturalien bezahlt, mit Brathühnern und mit sich selbst, ist ständig in Unruhe – ob die Divisionssanitätsabteilung ihn wohl entlässt, er zeigt mir echte Wunden, wenn er aufsteht und geht, zieht er das eine Bein nach, hat ein Mädchen verlassen unterwegs 40 Werst vor Žitomir, geh, hat sie zu ihm gesagt, weil ihr der Divisionsstabskommandeur den Hof machte. Verliert seine Peitsche, sitzt halbnackt, plappert, lügt ununterbrochen, die Fotografie seines Bruders, ehemaliger Stabsrittmeister, jetzt Divisionskommandeur, verheiratet mit einer polnischen Fürstin, Denikin-Leute haben ihn erschossen.

Ich bin Medikus.

In Rovno Staub, staubiges Gold dahingeschmolzen verströmt über den langweiligen Häuschen.

Vorbeimarsch einer Brigade, Zotov am Fenster, die Einwohner von Rovno, das Aussehen der Kosaken, ein erstaunlich ruhiges, selbstbewusstes Heer. Die jüdischen jungen Mädchen und Jünglinge folgen ihm entzückt, die alten Juden schauen gleichgültig hinterdrein. Rovno Luft geben, etwas Zerrissenes, Unbeständiges, hier gibt es Lebensart und polnische Ladenschilder.

Den Abend beschreiben.

Die Chasts, das schwarzhaarige und schlaue Mädchen, aus Warschau, führt uns, der Feldscher, bösartiger Gestank in Worten; Koketterie, Sie werden bei uns essen, ich wasche mich in einem Durchgangszimmer, alles ist peinlich, eine Wohltat, ich bin verdreckt und verschwitzt, dann heißer Tee mit meinem Zucker. Beschreiben: dieser Chast, die Furie, kompliziert, unerträgliche Stimme, sie denken, ich verstünde kein Jiddisch, streiten sich ununterbrochen, Todesangst, der Vater – die Sache ist nicht einfach, der lächelnde Feldscher, behandelt Tripper [?], lächelt, ist unsichtbar, aber anscheinend jähzornig, die Mutter – wir sind Intellektuelle, wir haben nichts, er dagegen ist Feldscher, Arbeiter, lass die nur, aber still, wir sind zu Tode erschöpft, eine niederschmetternde Erscheinung – der runde Sohn mit einem schlauen und idiotischen Lächeln hinter den runden Brillengläsern, die einschmeichelnde Plauderei, mir ist man gefällig, eine Menge Schwestern, lauter Pack [?]. Der Zahnarzt, irgendein Enkel, mit dem alle ebenso winselnd und hysterisch sprechen wie mit den Alten, es kommen die jungen Juden – Leute aus Rovno mit flachen und vor Angst vergilbten Gesichtern und Fischaugen, sie erzählen von den Verhöhnungen durch die Polen, zeigen ihre Pässe, es hatte ein feierliches Dekret gegeben über die Vereinigung Wolhyniens mit Polen, ich rufe mir die polnische Kultur in Erinnerung, Sienkiewicz, die Frauen, Großpolen, sie sind zu spät geboren, heute herrscht das Klassenbewusstsein.

Gebe meine Wäsche zum Waschen. Trinke ununterbrochen Tee und schwitze wie ein Tier und beobachte die Chasts aufmerksam, hartnäckig. Die Nacht auf dem Sofa. Habe mich zum ersten Mal seit meiner Abreise ausgezogen. Man schließt alle Fensterläden, das elektrische Licht brennt, schreckliche Schwüle, da schlafen viele Menschen, Erzählungen über Plünderungen der Budënnyj-Kämpfer, Zittern und Schrecken, vor dem Fenster schnauben die Pferde, auf der Schulstraße Trossfahrzeuge, es ist Nacht …

Die folgenden 21 Seiten des Tagebuchs sind verloren.

Belëv. 11.7.20.

Übernachtet mit den Soldaten der Stabs-Schwadron, im Heu. Habe schlecht geschlafen, denke an die Manuskripte. Sehnsucht, Erlahmen der Energie, ich weiß, dass ich das überwinden werde, aber wann wird das sein? Denke an die Chasts, die Nissen, erinnere mich an alles, an diese stinkenden Seelen, die Hammelaugen, die hohen kreischenden überfallartigen Stimmen, den lächelnden Vater. Vor allem – das Lächeln, und er ist jähzornig, und die vielen Geheimnisse, die üblen Erinnerungen an die Skandale. Die riesenhafte Gestalt – die Mutter, sie ist böse, feige, verfressen, widerwärtig, der haftende, lauernde Blick. Die abscheuliche und ausgeschmückte Lügengeschichte der Tochter, die lachenden Augen des Sohns unter den Brillengläsern.

Schlendere durch das Dorf. Fahre nach Klevan, das Städtchen ist gestern von der 3. Kav.-Brigade der 6. Division eingenommen worden. Unsere Patrouillen sind auf der Linie der Landstraße Rovno–Luck gesichtet worden. Luck wird evakuiert.

8.–12. schwere Kämpfe, Dundič ist gefallen, Ščadilov ist gefallen, der Kommandeur des 36. Regiments, viele Pferde sind getötet, morgen werden wir es genau wissen.

Befehle Budënnyjs über unseren Verlust Rovnos, über die unglaubliche Müdigkeit der Einheiten, darüber, dass die heftigen Attacken unserer Brigaden nicht die früheren Ergebnisse zeitigen, ununterbrochene Kämpfe seit dem 27. Mai, wenn man keine Atempause gewährt – wird die Armee kampfunfähig.

Ist es nicht verfrüht für solch einen Befehl? Vernünftig, sie spornen das Hinterland an – Klevan. Beerdigung von 6 oder 7 Rotarmisten. Ich unterwegs, einen Maschinengewehrwagen holen. Begräbnismarsch, auf dem Rückweg vom Friedhof – der Infanterie-Parademarsch, keine Beerdigungsprozession weit und breit. Der Tischler – ein bärtiger Jude – läuft durchs Städtchen, er ist der Sargschreiner.

Die Hauptstraße auch hier – Schosowa.

Meine erste Requisition ist – ein Notizbuch. Mich begleitet der Synagogendiener Menasche. Ich esse bei Mudrik, das alte Lied, die Juden sind ausgeplündert, Misstrauen, sie hatten die Sowjetmacht als Befreierin erwartet, und dann auf einmal Gebrüll, Peitschenhiebe, Saujuden. Ich stehe umringt von einem ganzen Kreis, erzähle ihnen von der Wilson’schen Note, von den Armeen der Arbeit, die kleinen Juden hören zu, schlaues und mitleidiges Lächeln, der Jude in den weißen Hosen hat sich im Kiefernwald kurieren lassen, will nach Hause. Die Juden sitzen auf den Erdwällen um ihre Häuser, junge Mädchen und alte Männer, es ist tot, verschwitzt, staubig, ein Bauer (Parfentij Melnik, derselbe, der seinen Militärdienst in Jelisavetpol geleistet hatte) beschwert sich, sein Pferd habe Blähungen von der Milch, man hatte es von seinem Fohlen getrennt, Schwermut, die Manuskripte, die Manuskripte, sie sind es, die mir das Herz schwermachen.

Oberst Gorov, von der Bevölkerung gewählt – der Dorfvorsteher –, 60 Jahre, eine Aristokratenratte aus der Zeit vor der Bauernbefreiung. Wir sprechen über die Armee, über Brusilov, wenn Brusilov marschiert wäre, was sollten wir denken. Grauer Schnurrbart, zahnloses Genuschel, ein gewesener Mensch, raucht selbstgezogenen Tabak, wohnt im Verwaltungsgebäude, der Alte tut mir leid.

Der Schreiber in der Kreisverwaltung, ein schöner Ukrainer, mustergültige Ordnung, hat auf Polnisch umgelernt, zeigt mir die Bücher, die Statistik des Kreises – 18 600 Menschen, davon 800 Polen, sie wollten sich mit Polen vereinigen, feierlicher Akt des Anschlusses an den polnischen Staat.

Der Schreiber entstammt derselben Zeit, in Samthosen, ukrainische »mowa«, von der neuen Zeit berührt, dünnes Bärtchen.

Klevan, seine Wege, Straßen, die Bauern und der Kommunismus sind weit auseinander.

Hopfenanbau, viele Baumschulen, viereckige grüne Mauern, eine verfeinerte Kultur.

Der Oberst hat blaue Augen, der Schreiber – einen seidenweichen Schnurrbart.

Nacht, Stabsarbeit in Belëv. Was für ein Mensch ist Žolnarkevič? Pole? Seine Gefühle? Die rührende Freundschaft der beiden Brüder. Konstantin und Michajlo. Žolnarkevič ist ein altgedienter Haudegen, präzise, nimmermüde bei der Arbeit, energisch auf lautlose Weise, polnischer Schnurrbart, dünne polnische Beine. Der Stab – das ist Žolnarkevič, noch 3 Schreiber, die, wenn es Nacht wird, erschöpft sind. Eine kolossale Arbeit, die Verteilung der Brigaden, kein Proviant, das Allerwichtigste – die Ausrichtung der Operationen, geschieht unmerklich. Die Meldereiter schlafen auf der bloßen Erde beim Stab. Dünne Kerzen brennen, der Div.-Stabskommandeur in Mütze reibt sich die Stirn und diktiert, diktiert ununterbrochen – operative Berichte, Befehle, an die Divisions-Artillerie, den Feldstab der Armee, wir halten Richtung auf Luck.

Nacht, ich schlafe im Heu neben Lepin, einem Letten, Pferde haben sich losgerissen, streunen umher, fressen uns das Heu unterm Kopf weg.

Belëv. 12.7.20.

Morgens – habe mit dem Tagebuch der Kriegshandlungen begonnen, analysiere die Operationsberichte. Das Tagebuch wird eine interessante Sache.