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Das Buch von Micheline Sauriol beschreibt den Umbruch und die Neuorientierung im Leben einer Frau Anfang 40, die aus Montreal in Kanada stammt. Sie begegnet der großen Liebe ihres Lebens völlig unvorhergesehen, beim Tanz auf dem Abschlussball eines großen Kongresses in Schweden. Beide fühlen sich leidenschaftlich zueinander hingezogen. Sie versucht ihr Alltagsleben zuhause in geordnete Bahnen zu bringen, u.a. durch pragmatische Wiederannäherung an ihren Ex-Mann, erliegt dann aber doch der Anziehung durch die neue Liebe. Sie öffnet sich den überwältigenden Liebeserfahrungen und steuert damit auf ein Dilemma zu: Soll sie ihr eigenes Land verlassen und dem fremden Mann folgen? Wird sie stark genug sein, um ihre eigene Identität zu wahren und das Leben in einer fremden Kultur, auf einen anderen Kontinent, zu meistern? Was wird aus ihrer beruflichen Karriere und dem Selbstbewusstsein, das diese ihr vermittelt? Es beginnt ein emotionaler Tanz über den Ozean. Nach einem längeren Prozess des abwechselnden Zweifelns und der Selbstvergewisserung, gepaart mit Perioden des Probelebens in Europa und des Rückzugs, entscheidet sie sich schließlich für die bewusste Annahme der vielfältigen Herausforderungen, die mit dem Wechsel nach Deutschland verbunden sind. Gleichzeitig befindet sie sich in einer tiefgreifenden Suche nach dem Sinn ihres Lebens, der sie ausreichend stark machen kann. Die Autorin beschreibt authentisch und ungeschönt, welche Schritte für sie erforderlich waren, um sich in ihrem neuen Leben positiv zu orientieren. Das Geheimnis liegt nach ihrer Erfahrung in der Einkehr nach innen, in der Suche und dem Finden von innerer Ruhe, in der Begegnung mit dem Absoluten und dem eigenen Selbst durch Meditation: so können sich Heiterkeit, Gelassenheit und Selbstvertrauen bewahren und weiterentwickeln. Das Buch ist in einfacher Sprache geschrieben. Es ist glaubwürdig in seiner Ernsthaftigkeit, an manchen Stellen berührend. Es ist nie peinlich, denn intime Szenen werden nicht voyeuristisch oder provozierend dargestellt, im Gegenteil, sie werden nur angedeutet. Die Autorin hat auch nicht nach einem literarisch überhöhten Stil gesucht, sondern lässt den Leser in direkter Weise an der widersprüchlichen Entfaltung der Zweierbeziehung und den Schwierigkeiten des Zusammenfindens in einem gemeinsamen, neuen Leben teilnehmen. Die Suche nach Verbindungen zwischen erfüllter Sinnlichkeit und erfüllter Spiritualität ist ein Markenzeichen der Autorin.
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Seitenzahl: 255
Veröffentlichungsjahr: 2020
Danksagung
Zunächst möchte ich Jean-Marie Lelièvre herzlich danken, von dem ich viel gelernt habe und dessen Ermutigungen mir Selbstvertrauen gegeben haben.
Dankbar bin ich ebenfalls Gervaise Boucher, Madeleine Legault, Sylvie Rousseau-Kohlberg, Michèle Wilhelm und Ingo Scheller für das aufmerksame Lesen des französischen bzw. deutschen Manuskripts und für ihre hilfreichen und zutreffenden Anmerkungen.
Schließlich möchte ich meinem Ehemann, Helmut Johannes Vollmer, und meinem Sohn, Jean-François Benoist, herzlich danksagen für ihre uneingeschränkte Unterstützung und ihre wertvollen Ratschläge.
„Die Sehnsucht nach Ganzheit … ist ein fast unwiderstehlicher Drang zur Vereinigung mit der entgegengesetzten Energiepolarität. Der Ursprung dieses Dranges ist an der Wurzel spirituell.“
Eckhart Tolle
Vorwort
Prolog
Tanz
Neue Wege
Aus Alt mach Neu
Wiedersehen
Unwahrscheinlich
Das Leben feiern
Ohne ihn
Schluss mit symbiotisch
Mit offenen Armen
Wink des Schicksals
Aufbrechen
Neuanfänge
Ängste und Wagnisse
Konflikte
Auf keinen Fall
Noch
'
ne Runde
Die Hellseherin
Initiation
In the Flow
Wutausbrüche
Moment der Glückseligkeit
Für immer
In guter Gesellschaft
Die Hilfe kommt per Post
Universelle Energie
Den Namen Gottes singen
Das Brautkleid
Der Tanz geht weiter
Als ich ein Teenager war, wollte ich Schriftstellerin werden. Ich schrieb des Öfteren in mein Tagebuch, vor allem in kritischen Zeiten, wenn es darum ging, meine Gefühle zu sortieren. Viele Jahre später besuchte ich einen Wahrsager, der mir sagte, dass meine Energie blockiert sei und dass sie sich in gewisser Weise um sich selbst drehe: Um sie wieder in eine freie Schwingung zu bringen, sei es nötig zu schreiben. Diese Vorstellung hat mich zunächst beflügelt; ich habe einige Versuche gestartet, war aber bald entmutigt. Schreiben blieb weiterhin ein Traum für mich.
So vergingen viele Jahre. Inzwischen war ich 50 geworden und lebte in Deutschland, als mir eine Freundin von einem Kreativ-Schreibworkshop in Montreal erzählte, an dem sie teilnahm. Ich dachte, dass so eine Schreibwerkstatt die Gelegenheit für mich sein könnte, mir meinen Traum zu verwirklichen und jene Hilfe zu bekommen, die ich brauchte. Der Leiter des Workshops, Jean-Marie Lelièvre, hatte während seiner langen Karriere als Dramenautor und Schreibcoach mehrere Schrift-steller aus Québec unterstützt. Er akzeptierte, dass ich aus der Ferne daran teilnehmen durfte und er per Telefon und Internet mit mir arbeiten würde.
Sogleich kamen Fragen auf: Warum schreiben, für wen? Indem ich einfach anfing zu schreiben, wurde mir klar, dass ich Lust hatte, mich auf eine bestimmte Phase meines Lebens zu konzentrieren, die besonders reich an Erfahrung und Bedeutung für mich war. Ich wollte über diese Zeit erzählen, um zu begreifen, was mit mir passiert war, was mein Handeln damals ausgelöst und bestimmt hatte. Mein Mentor hatte einmal erwähnt, dass er nicht verstand, was er wirklich erlebt hatte, solange er es aufgeschrieben hatte. Das stimmte auch für mich. Ich wollte authentisch sein, nichts beschönigen, meine eigene Wahrheit finden und sie zum Ausdruck bringen. Trotzdem wollte ich anders schreiben als in meinem Tagebuch, nicht für mich selbst, sondern für eine Leserschaft: ich wollte von anderen gelesen und verstanden werden.
Mir wurde schnell bewusst, dass ich beim Schreiben nicht ständig daran denken durfte, von anderen gelesen zu werden. Sonst bestand die Gefahr, gefallen zu wollen und bestimmte Dinge nicht zu sagen, wie wenn mir jemand über die Schulter schaut und mich beurteilt. Ich entschied mich, meine Texte nur an Menschen zu geben, die mir nahe standen und die mich so nehmen, wie ich bin, z.B. an meine Kinder oder an gute Freunde. Dies löste die Ambivalenz nicht wirklich auf, aber es erlaubte mir, mich insoweit zu befreien, dass ich das aufschreiben konnte, was in mir hoch kam, ohne ständig an potentielle Leser denken zu müssen.
In der Tat hat mir das Schreiben ermöglicht, meine inneren Vorgänge zu entdecken und die tieferliegenden Gründe für meine Gefühle ans Licht zu befördern. Wenn ich es geschafft hatte, sie erfolgreich auszudrücken, verspürte ich eine große Freude. Nach einiger Zeit bemerkte ich, dass sich meine Wahrnehmung verfeinert hatte: indem ich bestimmte Dinge in Worte fassen konnte, wurde ich mir insgesamt bewusster.
So verfasste ich in den folgenden Jahren eine Reihe von Texten. Als ich eines Tages einige von ihnen noch einmal las, bemerkte ich, dass sie mich packten und anrührten, als wenn sie von jemand anderem geschrieben worden wären. Ich erkannte, dass meine Texte es wohl wert waren, mit anderen geteilt zu werden, dass sie den Leser vielleicht sogar inspirieren könnten. Ich hatte zunächst die Idee, eine Sammlung von Einzelbegebenheiten zu veröffentlichen. Aber dann bemerkte ich, dass die einzelnen Texte miteinander verknüpft waren, dass sie innerlich zusammenhingen, dass sich eine Geschichte aus ihnen ergab, meine Geschichte. Allerdings fehlten noch einige zeitliche und inhaltliche Facetten, die ich dann hinzufügte.
Die Entscheidung, meine Geschichte öffentlich zu machen, beruhte auf mehreren Gründen. Zunächst wollte ich mich der Welt zu erkennen geben, so wie es im Gospellied heißt: I want to let my little light shine. Genauer gesagt, wollte ich andere teilhaben lassen an der Schönheit und den Herausforderungen einer Liebesbeziehung, die gleichermaßen sinnlich und tiefgreifend war. Sodann wollte ich zeigen, dass es möglich war, auch größere Hindernisse im Leben zu überwinden. Schließlich lag mir daran vorzuführen, dass dabei das Suchen und Finden eines spirituellen Weges die Bindung eines Paares nicht schwächt, sondern sie im Gegenteil stärken und vertiefen kann. Warum hatte ich keine Angst davor, mich durch mein intimes Schreiben öffentlich zu exponieren? Das erklärt sich vielleicht vor allem aus meiner vorherigen Teilnahme an vielen Ateliers zur Selbstfindung, in denen ich gelernt hatte, über mich zu sprechen, einfach ich selbst zu sein, ohne Maske.
Dies ist das erste Buch, das ich veröffentliche. Es ist im Jahre 2014 unter dem Titel Passion et Dévotion auf Französisch erschienen, die englische Übersetzung folgte in 2015 unter dem Titel Tender is the Light; hiermit liegt nun die deutsche Fassung vor.
Die erste Frau, der ich mein Manuskript zeigte, war eine Freundin meiner Generation aus Québec. Sie las es in einem Stück, ohne Unterbrechung, weil sie es nicht beiseitelegen konnte. Sie reagierte mit Enthusiasmus und sagte mir, dass mein Text eine positive Energie ausstrahle und dass es einen Bedarf für so ein Buch gäbe. Ich sollte allerdings erwähnen, dass in meinem Buch eine Haltung gegenüber Ehe und Liebesbeziehung zum Ausdruck kommt, die damals vielleicht üblicher war und die man mit „liberal“ umschreiben könnte. Um es auch jüngeren Lesern zu ermöglichen, jenes freizügige Verhalten nachzuvollziehen, über das ich berichte, muss ich genauer erklären, woher ich komme und wer ich bin.
Ich gehöre zur Generation der sog. Baby Boomers. Wie viele andere Frauen in Québec auch, griff ich in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts Ideale auf, die aus der Hippybewegung und von den Protagonistinnen der Frauenemanzipation stammten: z.B. die Suche nach authentischen, ehrlichen Beziehungen, die Idealisierung der romantischen Liebe und die Erweiterung sexueller Freiheiten. So wurde ich etwa durch Betty Friedans Buch The Feminine Mystique sowie durch viele andere Autorinnen beeinflusst.
Parallel zu dieser Entwicklung gab es in Québec eine Periode tiefgreifender Veränderungen, die man „Stille Revolution“ nannte. Ein dramatischer sozialer Wandel vollzog sich auf allen Ebenen der Gesellschaft: im Bereich der französischen Sprache und der Selbst-vergewisserung ihrer Sprecher, der Übernahme kollektiver Verantwortung für die eigene Wirtschaft (die bisher weitgehend in den Händen von anglophonen Unternehmern gelegen hatte) und der angemessenen Repräsentanz frankophoner Manager und Mitarbeiter in allen Betrieben. Gleichzeitig wurde die Dominanz der katholischen Kirche und seiner tradierten Werte in Gesellschaft und Politik zurückgewiesen. Frauen, die seit den 40er Jahren Stimmrecht hatten, versuchten gesellschaftlich mehr Einfluss zu nehmen; sie hatten seit kurzem auch Zugang zu höherer Bildung, wovon ich persönlich profitierte, und wurden finanziell unabhängiger, was auch auf mich zutraf.
Schließlich stellte die Entwicklung oraler Verhütungsmittel einen enormen Fortschritt dar, den ich hautnah erlebte. Nachdem ich drei Kinder, eines nach dem anderen, geboren hatte, beschloss ich, die Pille zu nehmen. Mein Ehemann, der immer noch lieber den Vorschriften des Papstes folgte, hatte nicht versucht, mich daran zu hindern. Auch verspürte ich in meiner familialen und sozialen Umgebung keinerlei Ablehnung durch meine Entscheidung, keine weiteren Kinder mehr haben zu wollen - ganz im Gegenteil. Nach der Trennung von meinem Mann fühlte ich mich frei zu experimentieren; ich begab mich auf die Suche nach einem anderen Partner, mit dem ich ein neues, erfüllendes Leben aufbauen könnte.
In Europa gab es in den 60er und 70er Jahren ebenfalls eine Zeit des sozialen und politischen Umbruchs, des Protestes gegen verfestigte Strukturen und der Hinterfragung von traditionellen Wertvorstellungen, dementsprechend auch eine Befreiung in psycho-logischer und sexueller Hinsicht. Eine solche Entwicklung hatte es auch im Leben meines Geliebten und seiner damaligen Frau gegeben, mit Ansätzen von offener Eheführung. Das erklärt die große Offenheit unserer Begegnung von Anfang an ebenso wie die Offenheit seiner damaligen Ehefrau, die ich seit Beginn unserer Beziehung erfahren und in meinem Buch dokumentiert habe: sie hat mich von vornherein akzeptiert und in die Familientreffen einbezogen, weil sie auf keinen Fall wollte, dass die Kinder sich zwischen den Eltern hin- und hergerissen fühlten. Dafür bin ich ihr sehr dankbar. Dies hat es erlaubt, eine gelungene Erweiterung der Familienstruktur (patchwork family) zu schaffen, die bis auf den heutigen Tag hält, wobei die Kinder ihrerseits bereits wieder Kinder haben.
In den 1970ern war ich durch alternative Strömungen beeinflusst worden, die man unter dem Begriff New Age zusammenfassen kann, die sich aus einer Reihe östlicher Traditionen wie dem Hinduismus und dem Buddhismus speiste. So lernte ich eine Form des Meditierens von einem indischen Meister kennen, der sie als Weg zur Erlangung eines transzendentalen Zustands anbot. Mehrere Jahre bin ich diesem Weg gefolgt, er hat mir erlaubt, die friedvolle Wirkung der Meditation zu erfahren.
Im Laufe meiner Entwicklung hatte ich erkannt, dass eine Liebesbeziehung, so glückbringend sie auch sein mag, nicht ausreicht, um meinem Leben ein umfassendes Ziel zu geben. Ich war auf der Suche nach dem tieferen Sinn meiner Existenz. Dann habe ich eine weitere spirituelle Tradition entdeckt, die ebenfalls aus Indien stammt und die sich auf die ältesten heiligen Schriften des Hinduismus bezieht. Diese Yogatradition hat mich sofort beeindruckt, ich habe mich ihr Schritt für Schritt angenähert. Sie hat meinem Leben jenen Halt und Sinn gegeben, den ich immer gesucht hatte und hat mich in meiner Entscheidungsfindung ebenso wie in den vielfältigen, notwendigen Anpassungen an mein neues Leben unterstützt. Auch mein Geliebter hat sich diesem Weg geöffnet, auf dem wir seitdem gemeinsam gehen.
Einige der Entdeckungen und Erfahrungen aus dieser Zeit werden hier angesprochen - einer Zeit, in der ich eine erfüllte Liebesbeziehung anstrebte, in der ich mich als Person weiterentwickelten wollte, in der ich meinen inneren Weg suchte, während ich gleichzeitig überlegte, das Abenteuer eines neuen Lebens in einer fremden Kultur zu riskieren. Ich hoffe, dass sich die Lesenden auf diese ungewöhnliche Geschichte (mit all ihren Haken und Ösen) und dem Bericht über mein spirituelles Erwachen einlassen können. Vielleicht kann das Buch auch dazu beitragen, dass sie noch stärker in sich hineinhören, sich selbst besser entdecken lernen und bereit werden, zu neuen Ufern aufzubrechen und an die Macht der Liebe zu glauben.
Ich war neunzehn Jahre alt. Eine Mitschülerin aus dem Mädchengymnasium, wo ich zur Schule ging, hatte angeboten, uns aus der Hand zu lesen. Ich fragte mich, ob sie wohl etwas davon verstünde. Dennoch ließ ich es zu, mit einer Mischung aus Skepsis und Faszination. Sie muss mir vieles gesagt haben, das Einzige, woran ich mich erinnere, ist, dass eine Veränderung spiritueller Art in meinem Leben ab Vierzig stattfinden würde.
Ihre Vorhersage ist eingetreten. Nach Überschreiten der Schwelle von vierzig Jahren taten sich vor mir Wege auf, die in mir das Bewusstsein für den tiefen Sinn des Lebens weckten. Was sie, glaube ich, nicht gesagt hatte, war, dass ich zugleich einem Mann begegnen und mit ihm eine leidenschaftliche Beziehung haben würde und dass wir große Schwierigkeiten überwinden müssten, um zusammen leben zu können.
So hat mein Leben unerwartete Wendungen genommen. Von all diesen Entwicklungen, die sich überraschend ereignet haben, möchte ich hier erzählen und versuchen, mein Erstaunen über die verschlungenen, mysteriösen Wege des Schicksals in Worte zu fassen.
Ich beschreibe meine Gefühle, wie ich sie damals empfunden habe und meine Gedanken, wie sie mich über zehn Jahre geleitet haben. Ich präsentiere sie, wie ich mich zur Zeit des Schreibens daran erinnerte, ohne sie zu kommentieren oder zu beurteilen.
Es passierte in Lund, in Schweden, mitten im August 1981, während eines internationalen Kongresses mit mehr als tausend Teilnehmenden. Eine Tagung scheinbar wie viele andere, jedoch eine, die mein Leben verändern sollte.
Es handelte sich um einen Kongress für Angewandte Linguistik, der alle drei Jahre stattfand. Ich hatte an dem vorausgegangenen Treffen in Montreal teilgenommen. Während der Vorträge hatte ich mir damals gesagt, dass wir, vom Ministerium für Einwanderung in Québec, doch auch über unsere Arbeit mit erwachsenen Immigranten berichten könnten, die bei uns Französisch lernten.
Ich hatte ein Abstract für einen Beitrag eingereicht, er war angenommen worden. Das Ministerium übernahm die Reisekosten. Ich war stolz darauf, Québec zu repräsentieren.
Der Kongress dauerte fünf Tage. Die Vorträge und Workshops waren interessant, die Wahl zwischen ihnen fiel manchmal schwer. Ich gab mir Mühe, an jenen Veranstaltungen teilzunehmen, die für uns im Ministerium relevant waren.
Ich hatte auch einen kleinen Hintergedanken, eine vage Hoffnung: man weiß ja nie, vielleicht würde ich jemanden treffen, der zu mir passte?
Hartnäckig hegte ich diesen Traum, einen Mann kennenzulernen, mit dem ich ein neues, zufriedenes Leben beginnen könnte, etwas, was mir beim ersten Mal nicht so recht geglückt war: einen neuen Partner zu finden, mit dem ich erfüllt zusammen leben könnte. Ich suchte bereits seit etlichen Jahren, hatte mich sogar in einem Dating-Club angemeldet. Ich hatte tatsächlich andere Männer kennengelernt, aber es war nie der Richtige dabei gewesen.
Es war Freitag, der letzte Kongresstag. Es hatte nicht geklappt, ich hatte niemanden Neues kennengelernt. Ich hatte viel meiner freien Zeit mit einem Kollegen aus Montreal verbracht, der war verheiratet, und mit Nicole, einer ehemaligen Kollegin, die ich zu meiner Überraschung und Freude hier in Lund wiedergetroffen hatte.
An diesem Tag lud Nicole mich ein, bei einer Freundin von ihr, einer Schwedin, zu Abend zu essen, es würde Flusskrebse geben, das traditionelle Gericht zum 15. August eines jeden Jahres. Ich freute mich sehr darüber, denn ich mochte es, die Gebräuche eines fremden Landes kennenzulernen. Wir verbrachten einen angenehmen, frühen Abend, hatten ein leckeres Mahl, pulten viele kleine Garnelen und aßen sie mit großem Appetit. Die Freundin erzählte von der Tradition dieses Feiertags, sie sagte, dass die Krebse ursprünglich aus Schweden kamen, heutzutage aber aus der Türkei importiert würden. Nach dem Essen wollte ich zurück zum Kongress auf das Abschlussfest gehen, es sollte Tanz geben. Nicole und ihre Freundin wollten nicht mitgehen.
Ich liebte es zu tanzen, in eins mit der Musik über das Tanzparkett zu gleiten. Als ich zwanzig war, ging ich immer in den Spanischen Club in Montreal, es gab dort flotte Tänzer und ich amüsierte mich gut.
Als ich beim Tanzabend ankam, überblickte ich die Lage schnell: viele lange Tische, an denen massenhaft Leute saßen, vor allem Frauen. Wenn ich mich dort hinsetzte, würde mich niemand auffordern. Ich wusste auch nicht, wo ich mich denn besser platzieren sollte, ich kannte kaum Leute. So stellte ich mich an den Rand der Tanzfläche, dachte, dort hätte ich mehr Glück.
Nach einigen Minuten forderte mich ein Mann auf, ein bekannter Sprachwissenschaftler, den ich in einem der Workshops reden gehört hatte. Ich war geschmeichelt und zufrieden, meine Strategie war aufgegangen. Wir fingen an, uns ein wenig ungeschickt miteinander zu bewegen. Eine Frau, die neben uns tanzte, versuchte plötzlich, mit meinem Tanzpartner zu reden, sie tauschten sich berufliche Bemerkungen aus, und dann schlug jemand, ich glaube, das war ich, vor, einfach die Partner zu tauschen, damit die beiden ihr Gespräch fortsetzen konnten.
Der Kontakt mit meinem neuen Tanzpartner war sogleich sehr angenehm, überhaupt nicht ungeschickt. Er war ein wenig größer als ich, hatte klare Gesichtszüge, eine hohe Stirn, große blaue Augen, braune Haare, einen Bart und einen Schnurrbart dazu. Ich fühlte mich wohl in seinen Armen. Er hielt mich fest und selbstbewusst in seinen Händen, nah bei sich, fast Bauch an Bauch, ich hatte keine Schwierigkeiten mitzuhalten. Er fragte nach meinem Namen, meinem Vor- und Familiennamen, und wiederholte sie mehrmals, als wollte er sie sich fest einprägen. Er hatte eine schöne, tiefe Stimme.
Wir tanzten und tanzten, es war so einfach, ich musste mich nur führen lassen. Aus den Augenwinkeln sah ich den Kollegen aus Montreal, mit dem ich während des Kongresses Zeit verbracht hatte. Mit gekreuzten Armen, an eine Säule gelehnt, schien er auf etwas zu warten. Wir waren nicht verabredet, aber ich wusste, dass er auf mich wartete. Dann achtete ich nicht mehr auf ihn. Denn ich genoss die Harmonie der Bewegungen mit meinem Tanzpartner. Wenn ein Stück zu Ende war, blieben wir stehen, ohne uns voneinander zu lösen, bis die Musik wieder einsetzte. Etwas hielt uns zusammen, mit großer Selbstverständlichkeit, eine subtile Kraft.
Und dann, plötzlich, hörten die Musiker auf zu spielen. Es war noch nicht einmal Mitternacht, nur elf Uhr. Tanzabende gehen in Schweden früh zu Ende. Wir mussten tatsächlich aufhören. Wir standen uns gegenüber, etwas fassungslos, der Bann war unterbrochen. Christoph, so hieß er, bat mich, auf ihn zu warten, er musste mit seinen Freunden sprechen, er würde gleich wiederkommen. Ich blieb einige Minuten stehen, verdutzt, allein, und fand es dann plötzlich dumm, so herumzustehen und auf jemanden zu warten, den ich überhaupt nicht kannte. Ich ging zu meinem wartenden Kollegen, wir zogen langsam durch die laue Nacht zurück zum Hotel.
Am nächsten Morgen, als ich Nicole traf, fühlte ich mich ganz merkwürdig. Ich sagte mir, ich hätte am Vorabend nicht einfach weggehen sollen. Es war nicht nur ein Gedanke, es war so ein Bauchgefühl, wie ich es empfand, wenn ich eine Dummheit gemacht hatte. Auf dem Weg zum Bahnhof erzählte ich ihr von meiner Tanzbegegnung in der Hoffnung, dass mein Unwohlsein damit besser würde, aber es half mir nicht wirklich. Das Gefühl ging nicht weg.
Wir wollten einen Ausflug machen. Nicole hatte von der Stadt Ystadt gehört, sie schlug vor, am nächsten Tag dorthin zu fahren. Wir stellten fest, dass wir unsere Reisepässe vergessen hatten, aber benötigten. So mussten wir ins Hotel zurück, um sie zu holen. Statt zu Fuß zu gehen, beschlossen wir, den Bus zu nehmen.
Wer stand an der Bushaltestelle? Christoph, mein Tänzer vom Vorabend, er stand direkt vor mir. Wir schauten uns an, sprachlos. Sein Mund stand vor Erstaunen offen, als würde er seinen Augen nicht trauen. Nicole verstand sofort. Als der Autobus kam, sagte sie nur:
- Ich glaube, er möchte neben dir sitzen. Ich werde mich woanders hinsetzen.
Wir setzten uns nebeneinander. Er nahm meine Hand, als wäre es das Natürlichste auf der Welt. Ich mochte den Kontakt seiner warmen Hand. Bei unserer Ankunft am Hotel fragte er mich, wie lange ich noch in Lund bleiben würde. Ich hatte bis Montagmorgen geplant. Er selbst hätte am selben Nachmittag wieder wegfliegen müssen. Spontan beschloss er, bis zum nächsten Tag zu bleiben, und er ging los, um seinem Kollegen Bescheid zu sagen, mit dem er auf dem Rückflug gemeinsam hatte arbeiten wollen.
Da er sein Zimmer räumen musste, fragte er mich, ob ich mit ihm kommen würde, während er packte. Ich stimmte zu. Von einem typisch skandinavischen Sessel aus mit hoher Rückenlehne schaute ich zu, wie er hin und her ging, seine Sachen zusammensuchte und in seinen Koffer packte. Ich dachte insgeheim, ich werde doch nicht jetzt schon mit diesem Mann schlafen, dafür war es zu früh. Ich war eine emanzipierte Frau, aber eben deshalb hatte ich den Beschluss gefasst, mit Körperkontakt zu warten, wenn ich einen Mann frisch kennenlernen würde. Ich suchte jetzt händeringend nach einem Vorwand, um zu vermeiden, ihm sofort in die Arme zu fallen. Und kam auf die Idee, einen Spaziergang vorzuschlagen zum Botanischen Garten, der gleich neben dem Hotel lag.
Sein Koffer war gepackt. Ich stand auf. Er kam einfach zu mir herüber, seine Hand fuhr langsam meinen Arm hoch. Wir küssten uns, ein sinnlicher Kuss. Ich fühlte ein tiefes Verlangen mich hinzugeben, der Verzauberung zu erliegen. Weg mit meinem eben gefassten Vorsatz, ich wollte nicht widerstehen. Ich ließ mich treiben wie auf einer Welle, von einem Zauber, der unsere Bewegungen leitete.
Nachdem wir uns geliebt hatten, blieben wir aneinander gekauert liegen. Ich fühlte einen tiefen Frieden, der in den ganzen Körper ausstrahlte. Dann stand ich auf, ging in mein Zimmer. Ich duschte. Nicole klopfte an meine Tür, ich brauchte nicht viel zu erklären. Wir einigten uns darauf, uns am nächsten Morgen zu treffen.
Ich ging zu Christoph zurück. Er lag im Bett, hatte die Arme hinter dem Kopf gekreuzt. Ich streckte mich neben ihm aus, legte meinen Kopf auf seine Schulter. Ich fragte:
- Was ist das? Was passiert hier mit uns?
- Das ist Energie, reine Energie.
Wir gingen hinaus in den sommerlichen Nachmittag, die Sonne über uns war heiß und angenehm. Jetzt spazierten wir, wie geplant, zum Botanischen Garten. Ich hatte Hunger und schälte auf dem Rasen sitzend eine Orange, deren Saft mir durch die Finger lief. Er griff die Gelegenheit beim Schopfe, leckte meine Finger ab, ein aufregendes Vergnügen. Wir fühlten uns angezogen wie Magneten.
Ich bestand darauf, Essen zu gehen, im Restaurant bestellten wir Meeresfrüchte. Ich aß mit Appetit, aber er rührte sein Essen kaum an; nach jedem Bissen hielt er inne, um mich anzusehen, offenbar fasziniert. Ich versuchte, ihn aus seinem Zustand der Kontemplation zu reißen, geschmeichelt und verlegen zugleich durch seine Intensität. Ich sagte: Iss ein wenig! Aber das interessierte ihn nicht wirklich.
Danach schlenderten wir durch die Altstadt von Lund, entzückend mit seinen niedrigen Fachwerkhäusern; die Stockrosen hoben sich farbenfroh von den weißen Mauern ab, es war heiß, aber die Hitze tat gut, war nicht drückend wie in südlichen Regionen. Wir bemerkten, dass wir einen ähnlichen Blick auf Dinge hatten. Einmal stellte er sich hinter mich, legte die Arme um meine Taille, ging im Gleichschritt mit mir weiter; das war neu für mich und verrückt. Er küsste meinen Nacken, ich lachte, ich fühlte mich umschwärmt, leichtfüßig, wunschlos glücklich. Mir war feierlich zumute.
Ich dachte nicht daran, ja ich wollte nicht daran denken, was er mir bei unserem ersten Gespräch im Autobus gesagt hatte. Ich hatte ihn gefragt, ob er verheiratet sei, und er hatte offen mit Ja geantwortet und gesagt, dass sie zwei Kinder hätten. Ich hatte davon innerlich Kenntnis genommen: aha, das war keiner, mit dem ich ein neues Leben aufbauen konnte. Aber diesen Gedanken habe ich bei Seite geschoben. Er sprach nicht über sein Leben, ich nicht über meines. Ich lenkte meine Aufmerksamkeit ganz darauf, diesen Moment zu genießen, in dem nichts außer ihm und mir zählte, nur dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Einheit, als hätten wir uns schon immer gekannt.
Wir gingen lange durch die Straßen der Stadt, über unebene Pflastersteine, durch die üppigen Parks, manchmal fassten wir uns um, manchmal hielten wir nur Händchen. Wir setzten uns auf Bänke oder ins Gras, genossen die Schönheit der Natur, die Ruhe dieses Nachmittags. Er hörte nicht auf zu sagen, dass ich schön sei, dass er mich liebe, dass er hin und weg sei von mir, und ich ließ ihn gewähren, ließ mich von seiner Begeisterung tragen. Es fühlte sich gut an, meine Hand in seine zu legen, es fühlte sich richtig an, ebenso wie seine sinnlichen, zärtlichen Küsse.
Ich fand ihn auch schön, liebte sein markantes Gesicht mit den starken Gesichtszügen, mit den großen, ausdrucksvollen Augen, dem sinnlichen Mund, der von seinem Schnurrbart ein wenig verdeckt wurde.
Der Abend zog herauf, ein skandinavischer Sommerabend, an dem die Sonne nicht untergeht, an dem das Licht sich ausdehnt und nicht weggehen will. Späte Mittsommernacht, durch die wir taumelten. Ich musste ihn mahnen, vernünftig zu sein und ins Hotel zurückzukehren, damit wir etwas Schlaf bekommen. Wir gingen zusammen in mein Zimmer, meine Zimmernachbarin war nicht da, das zweite Bett war frei. Zunächst wollte er keineswegs schlafen, aber ich bestand darauf, also haben wir uns in einem der beiden Betten aneinander gekuschelt und kamen tatsächlich langsam, langsam zur Ruhe, dann wechselte ich ins andere Bett und schaffte es einzuschlafen.
Beim Abschied am nächsten Morgen nahm er mich in seine Arme, sein Flieger ging früh, aber er hatte keine Neigung, mich zu verlassen. Ich musste ihm versprechen, ihn noch am selben Abend in Deutschland anzurufen. Ich war gelähmt, fühlte nichts, war sogar ein wenig erleichtert, dass er weg musste: nach so viel Intensität brauchte ich Zeit für mich. Ich ging hinunter ins Erdgeschoss zum Frühstücken. Plötzlich sah ich ihn noch einmal draußen an den Fenstern. Er machte mir ein Zeichen, die Tür zu öffnen, die nur von innen aufging, er kam herein und nahm mich noch einmal heftig in die Arme, dann ging er.
Danach fuhr ich mit Nicole und Freunden, die sie inzwischen wiedergetroffen hatte, mit dem Auto nach Ystadt. Unser geplanter Ausflug. Nachmittags ging ich mit ihnen durch die Stadt. Ich schwebte, es war so unwirklich. Ich hatte gerade einen inneren Wirbelsturm erlebt und fand mich nunmehr mit Leuten zusammen, die ich kaum kannte, in einer fremden Stadt, deren Schönheit ich nur schwer erfassen konnte. Wir gingen in eine kleine Kirche, jemand spielte Orgel, ich war zu Tränen gerührt.
Abends rief ich ihn von einem öffentlichen Telefon aus an. Ich hatte Kleingeld gesammelt und während wir sprachen, musste ich ständig Münzen nachwerfen. Er erzählte mir, dass er morgens sein Flugzeug verpasst und den ganzen Tag auf einem Feld in der Nähe des Flughafens damit verbracht hatte, an mich zu denken und mir zu schreiben. Ich gab ihm für den Brief die Anschrift eines Hotels in Amsterdam, in dem ich auch auf der Hinfahrt übernachtet hatte; ich würde dort seine Post abholen, wenn ich wieder in diese Stadt kam.
Er sagte erneut, dass er mich liebe, dass er mich wiedersehen wolle. Er fragte mich, ob ich nicht meine Reiseroute ändern könne, um ihn auf dem Rückweg in Berlin, wo er arbeitete, zu besuchen. Das erschien mir schwierig, ich fragte nach, wie viel Zeit er denn überhaupt für mich hätte, er antwortete ehrlich: weniger als 24 Stunden. Ich dachte bei mir, dass es ihm an Dreistigkeit nicht fehlte, mir einen solchen Aufwand zuzumuten, für so wenig gemeinsame Zeit. Aber er bestand so dringlich auf einem Wiedersehen, dass ich versprach, mich über die Möglichkeiten zu informieren.
Am nächsten Morgen erwachte ich in Panik. Ich wollte so etwas nicht. Es war eine unmögliche Liebe. Ich hatte schon einmal eine Beziehung mit einem verheirateten Mann, sie hatte ein böses Ende genommen. Ich hatte mir damals geschworen, nie wieder so eine Liebschaft einzugehen. Und dann hatte er auch noch kleine Kinder, ich wollte damit nichts zu tun haben. Außerdem lebte er in Deutschland, aus meiner Sicht am Ende der Welt. Nein wirklich, das ging alles nicht. Ich musste ihm klarmachen, dass unsere Beziehung so nicht weitergehen konnte. Die Gedanken kreisten in meinem Kopf. Ich überlegte, wie ich ihn dazu bringen konnte, all das zu akzeptieren, er war so blind und verliebt. Ich wusste nicht, wie ich da rauskommen konnte, es war, als würde ich gegen den Strom seiner Begeisterung schwimmen müssen.
Also entschied ich, ihm zu schreiben, dass die Liebe, die er für mich empfand, aus ihm heraus kam und dass ich nur das Objekt oder die Gelegenheit war, diese Liebe auszuleben. Er müsse diese Liebe auf seine Familie und seine Kinder rückübertragen. Die brauchen ihn. Dies war ein Gedanke, der aus meinen Seminaren zur persönlichen Weiterentwicklung stammte, ein naiver vielleicht, aber er half mir, ich klammerte mich daran.
Ich musste meinerseits weiterreisen. Während der Zugfahrt nach Stockholm, wohin ich mit Nicole fuhr, formulierte ich Sätze in meinem Kopf. Später, sobald ich konnte, schrieb ich sie auf Papier, ich dachte an nichts anderes. Schließlich schickte ich meinen Brief mit diesem Inhalt ab.
Dennoch überprüfte ich in Stockholm zur Beruhigung meines Gewissens die Möglichkeit, mein Flugticket über Berlin umzubuchen: wie vermutet war es nicht möglich, es hätte ein Vermögen gekostet. Ich musste es ihm sagen. Zwei Tage später ging ich in einer anderen Stadt, in Göteborg zur Post, um ihn anzurufen. Es regnete. Ich erreichte ihn in Berlin, wo er mit einem Kollegen arbeitete. Es fiel ihm sichtlich schwer zu akzeptieren, dass ich nicht kommen würde. Er fragte mit Nachdruck, ob es wirklich unmöglich sei. Er hätte mich so gern wiedergesehen. Ich erklärte es, so gut ich konnte, wiederum verwirrt von der Intensität seiner Enttäuschung. Dann sagten wir uns endgültig Auf Wiedersehen.
Nach Verlassen der Post ging ich durch die vom Regen nassen, düsteren Straßen Göteborgs. Unter dem Regenschirm schlug mein Herz bis zum Hals. Wie konnte ein Telefongespräch mit ihm mich so aus der Bahn werfen?
Zurück in Amsterdam, von wo aus ich nach Montreal fliegen wollte, ging ich ins Hotel, um seinen Brief abzuholen. Ich öffnete den Brief auf der Straße, er enthielt vier linierte Blätter, eng beschrieben. Auf den letzten Blättern hatte er auch Sätze an den Rand geschrieben, weil nicht genügend Platz war. Im Gehen las ich die ersten Zeilen: „Meine Frau aus Québec“. Ich war amüsiert, ich dachte, hat er etwa eine Frau in jedem Hafen? Eine reizende Ungeschicklichkeit seinerseits. Der Brief war auf Englisch, die Sprache, in der wir uns kennengelernt und unterhalten hatten, einige Worte auf Französisch. Er verstand Französisch, fühlte sich aber darin damals nicht sicher genug, um es zu sprechen.
Er erklärte mir seine Liebe, seine Sehnsucht, konjugierte sie in tausend Worten. Er sah mich als aufrechte und würdevolle Frau, ein zur Hingebung fähiges Wesen. Er fühle sich stark und lebendig mit mir, zugleich ruhig und kraftvoll, als Mann gefragt und anerkannt.
Er hoffe, dass wir uns eines Tages wiedersehen würden. Sollte dies nicht geschehen können, würde er mich in sich tragen, im Verborgenen seines Herzens, wie ich es ihn gelehrt hätte. Ich hatte schon fast vergessen, dass ich ihn dahingehend am Telefon beeinflusst hatte. Er sprach über seine Bemühungen, wieder auf die Füße zu kommen, er wolle nicht leiden, und dennoch steige in einigen Momenten tiefe Traurigkeit in ihm hoch.
Ich las den schönsten Liebesbrief, den ich jemals erhalten hatte, auf einer Bank an einem Kanal in Amsterdam, romantischer ging es nicht. Ich vernahm seinen ergreifenden Ruf.
Ich flog zurück nach Montreal. Mein normales Leben holte mich wieder ein. Christoph beantwortete meinen Brief nicht. Einen Monat später erhielt ich eine Postkarte aus Spanien. Er machte dort Ferien mit seiner Frau und seinen Kindern. Er schloss mit dem Satz: „Ich bin glücklich“. Da hatten wir es, ich konnte das Kapitel abschließen. Ich bereute nichts, ich war erleichtert. Mein Rat schien funktioniert zu haben.
