Tatort Hofburg - Constanze Dennig - E-Book

Tatort Hofburg E-Book

Constanze Dennig

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18,99 €

Beschreibung

13 österreichische Autorinnen und Autoren machen sich in der Wiener Hofburg auf Mörderjagd.

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Seitenzahl: 254

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Edith Kneifl (Hg.)

Tatort Hofburg

13 Kriminalgeschichten aus Wien

Falter Verlag

© 2016 Falter Verlagsgesellschaft m.b. H.

1011 Wien, Marc-Aurel-Straße 9

T: +43/​1/​536 60-0, E: [email protected], W: www.falter.at

Alle Rechte vorbehalten.

Keine unerlaubte Vervielfältigung!

ISBN ePUB: 978-3-85439-581-2

ISBN Mobipocket: 978-3-85439-582-9

ISBN print: 978-3-85439-569-0

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016

Die Handlung der folgenden Kurzgeschichten ist frei erfunden.

Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen ist rein zufällig.

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort ~ Edith Kneifl

Sabina Naber ~ Das Attentat

Andreas P. Pittler ~ Tafelsilber

Constanze Dennig ~ Papa Gontier

Raoul Biltgen ~ Helden

Beate Maxian ~ Gelbe Rosen

Sylvia Treudl ~ Die Farben des Herbstes

Günter Neuwirth ~ Die rote Chaiselongue

Theresa Prammer ~ Ihre letzte Liebe

Manfred Wieninger ~ Meine liebsten Hofburg-Kriminellen

Nora Miedler ~ Liebesritt

Peter Wehle ~ Ficocia

Daniela Larcher ~ Wer bist du?

Edith Kneifl ~ Montevideo

Herausgeberin, Autorinnen und Autoren

Vorwort

»Es ist noch so unendlich viel zu thun,

daß wir wohl nie diese Räume benützen werden.«

Kaiser Franz Joseph zu Kaiserin Elisabeth, 1895

Lang ist es her, dass die Wiener Hofburg ein Zentrum europäischer Macht war. Heute zählt die ehemalige Residenz der Habsburger Dynastie zu den meistbesuchten Touristenattraktionen der Stadt. Jährlich suchen etwa siebenhunderttausend Menschen die ehemaligen kaiserlichen Privatgemächer heim, Kongress- und Veranstaltungsbesucher nicht miteingerechnet. Manche Wiener verbinden mit der Hofburg auch romantische Erinnerungen an rauschende Ballnächte. Vor allem in den prächtigen Redoutensälen wurde immer schon gerne getanzt – nicht nur beim Wiener Kongress 1815, sondern auch heute.

Mit zweitausendsechshundert Räumen, vierundfünfzig Stiegenhäusern und endlosen Gängen, in denen man sich nur allzu leicht verirrt, erstreckt sich das Areal der Hofburg auf über 240.000 Quadratmeter. Eine kleine Stadt mitten in der Stadt. Auch mehr als drei Millionen Bücher, wertvolle Handschriften und Papyri, Herzurnen der Habsburger und die Insignien des Heiligen Römischen Reiches werden dort bis in alle Ewigkeit aufbewahrt. In über fünfzig Wohnungen leben bis heute einige Nachfahren ehemaliger Hofbediensteter.

Äußerlich ist die Hofburg ein merkwürdiger Stilmix, da an der Habsburger-Residenz vom 13. bis ins 20. Jahrhundert gebaut wurde. Die Burg wurde ständig erweitert, verschönert oder verschandelt, je nach Geschmack des jeweiligen Herrschers.

Der älteste Teil, der Schweizerhof mit dem monumentalen Schweizertor, der Hofburgkapelle und der Schatzkammer, geht auf Kaiser FerdinandI. zurück, der ihn im Renaissancestil umgestalten ließ. Die ehemaligen Appartements Maria Theresias und Kaiser JosephsII., heute der Sitz des österreichischen Bundespräsidenten, sind barock. Ebenso wie der wahrscheinlich schönste Bibliothekssaal der Welt, der Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek.

Ein pompöses, einschüchterndes, gewaltiges und imperiales Monstrum ist Sisis »goldener Käfig« allemal! Monströs und überwältigend jedenfalls die Neue Burg, die zwischen 1881 und 1913 errichtet, jedoch niemals fertiggestellt wurde. Vor deren Hauptfassade erstreckt sich der Heldenplatz, gestern wie heute eine spektakuläre Kulisse für politische und andere Massenveranstaltungen. Ein idealer Schauplatz für Mord und Totschlag?

Egal, wie viele Leichen sich tatsächlich in den finsteren Kellern der Hofburg befinden, die zwölf österreichischen Kriminalschriftstellerinnen und Kriminalschriftsteller, die ich einlud, an dieser Anthologie mitzuschreiben, vergrößerten deren Anzahl jedenfalls beträchtlich.

Weder Kaiserappartements, Sisi Museum und Silberkammer noch die Präsidentschaftskanzlei blieben von ihren mörderischen Fantasien verschont.

Auch das Theaterwissenschaftliche Institut, das Ephesos-Museum und das schöne Palmenhaus im Burggarten sowie der Volksgarten und der Heldenplatz dienten ihnen als Schauplätze für ihre fiktiven Verbrechen.

Sie schreckten nicht einmal davor zurück, »unsere« edlen Lipizzaner, ehrenwerte Museumsaufseher und standesbewusste Monarchisten in böse Machenschaften zu verwickeln.

Das Sisi-Denkmal im Volksgarten, ein Wallfahrtsort für eingeschworene Sisi-Fans, bekommt plötzlich eine ganz andere Bedeutung, ebenso wie das Michaelertor und der Michaelerplatz.

Ich bin überzeugt, Sie werden nach der Lektüre dieser spannenden und zugleich witzigen Kriminalanthologie die altehrwürdige Wiener Hofburg mit neuen Augen betrachten.

Viel Vergnügen wünscht Ihnen

die Herausgeberin Edith Kneifl

Wien, im April 2016

Sabina Naber

Das Attentat

Eine utopische Geschichte

Fünf Zentimeter. Nicht viereinhalb, nicht fünfkommadrei oder vieracht, sondern fünf. Fünf. Komm, konzentrier dich. Unauffällig tief Luft holen. Konzentrieren. Ja, ich muss mich konzentrieren, darf mir keine Unsicherheit erlauben. Sonst merkt der Dollinger was. Seine eigenen Fehler registriert er nie. Oder tut immer so, als ob nicht, weil er einfach schlampig und faul ist – wir hätten ihn wirklich nicht einstellen sollen. Doch meine wären ein gefundenes Fressen für ihn. Er wartet schon zu lange darauf, die Verantwortung übernehmen zu können. Na, das wäre was. In Windeseile hätte es sich von Madrid bis Tokio herumgesprochen, dass man nicht mehr nach Österreich fahren kann, weil die Tölpel es dort nicht schaffen, ein Staatsdiner passend auszurichten.

Ha! Was mache ich mir deswegen Sorgen? Die Herrschaften werden bald einen viel besseren Grund haben, Österreich zu meiden. Einen viel besseren. Und ich bin schuld daran. Ich bin schuld … oh mein Gott. Und jetzt wird mir auch noch schwindelig. Diese Beruhigungstropfen nützen rein gar nichts. Ein wenig ausruhen wäre jetzt schön. Gedanken fassen. Klare Gedanken. Kraft holen … nein, ich habe genug gedacht und überlegt. Außerdem käme sofort der Dollinger angerauscht und … oh, jetzt tratscht er mit der Pressesprecherin. Es ist selten peinlich, wie offensiv er sie anflirtet und dabei nicht merkt, dass sie zwei Ligen über ihm spielt. Er sollte stattdessen lieber endlich rauchen gehen. Egal. Ich kann mich setzen.

Nur ganz kurz.

Mein Körper. Er setzt mich außer Gefecht, weil es falsch ist. Ich darf es nicht tun. Die dunkle Seite darf mich nicht … was ist schon ein Leben gegen … ja, nur eines, aber ein geliebtes. Wird er mich hassen? Weil ich so vielen Menschen Leid antue? In seinem Alter ist man noch so kompromisslos. Er ist selbst ein kleiner Revolutionär, mein Sascha … Nein, im Abschiedsbrief habe ich ihm alles erklärt, minutiös erzählt. Und er wird ihn weitergeben, dann werden alle verstehen, warum ich es getan habe.

Ein Gedanke, der im Grunde peinlich und lächerlich ist. Ich versuche, mich posthum reinzuwaschen, obwohl ich mir nicht einmal sicher sein kann, dass ich mich danach wirklich umbringe … verdammt, sie serviert den Dollinger bereits ab.

Also jetzt das Rotweinglas. Und dann jenes für den Weißwein … den sollte ich trinken! Genau. Wie dieser Einbrecher, von dem ich einmal in der Zeitung gelesen habe. Der sich an der Hausbar gütlich getan hat und daraufhin derart besinnungslos betrunken war, dass ihm die Polizei nicht einmal Handschellen anlegen musste. Das ist dann höhere Gewalt, das können sie mir doch nicht vorwerfen.

Liebe Frau Blau, wollen wir noch einmal die Rahmenbedingungen besprechen. Wenn Sie untertauchen – wir finden Sie. Wenn Sie jemandem davon erzählen – wir …

Nein, ich will deine Stimme nicht hören, du Teufel! Ich will nicht! Das Sektglas gehört noch fünf Millimeter nach rechts. Wieso schleicht sich der Dollinger so an? Ahnt er etwas?

»Frau Blau, ich bin einmal kurz …«

»Natürlich, Herr Dollinger.« Es ist so lächerlich. Immer deutet er ganz wichtig ein Telefonat an, wo doch ohnehin jeder weiß, dass er seine Freunde von der Security besucht, um mit ihnen eine zu rauchen. Endlich. Und das ist jetzt die Chance, das Zeitfenster, auf das ich … Jetzt geh schon einen Schritt schneller, du Pfeife. Wirklich, ich habe noch nie jemanden kennengelernt, dem man bereits an der Art zu gehen die Arbeitsallergie ansieht. Dass er noch nicht entlassen worden ist, gleicht einem Wunder. Ja, seine Verbindungen müsste ich haben, dann wäre ich schon längst die Chefin vom Hofmobiliendepot, ach was, von der Bundesmobilienverwaltung. Und dann könnte mich niemand mehr … würde es nicht wagen, so plump …

Darf ich Ihnen die Bananen in den Wagen legen?

Wieso?

Fragen Sie nicht, sondern lächeln Sie mich einfach an.

Wieso sollte ich …?

Weil wir wissen, wo Sie wohnen.

Das schreit mein Neffe auch immer zum Schiri. Lassen Sie die Scherze und gehen Sie mir aus dem Weg.

Maritta Blau, siebenundvierzig Jahre, geschieden von Bernhard Blau, seines Zeichens Stadtgartenamtsmitarbeiter und glücklich in Favoriten mit der viel jüngeren Julia verheiratet, drei Kinder. Maritta Blau selbst wohnhaft in der Burggasse Nummer fünfundzwanzig, in einer neunzig Quadratmeter großen Wohnung …

Woher wissen Sie …?

… einer neunzig Quadratmeter großen Wohnung, die hauptsächlich mit skandinavischen Möbeln eingerichtet ist. Zwei Katzen, Luke und Leia, Geschwister, sieben Jahre alt, ein Nordfenster voller Azaleen, ein Bad mit Regendusche und …

Was … soll das?

… mit Bidet. Mitbewohner: Alexander Maurer, Neffe, siebzehn Jahre alt. Machen Sie jetzt Ihre Einkäufe fertig. Und freuen Sie sich darüber, dass Sie neue Freunde haben, die bestens über Sie Bescheid wissen. Wann ist das heutzutage schon der Fall?

Mein erster Gedanke, lieber Sascha, war, ich gehe zu den Profis. Ich meine, HAA, EBT und Staatsschutz geben sich im Präsidialamt die Klinke in die Hand, für sie müsste es ein Leichtes sein herauszufinden, wer mich da ausspioniert. Aber ich habe es nicht getan. Und ich kann dir nicht sagen, warum. Denn wenn ich richtig nachgedacht hätte, wäre mir klar geworden, dass meine kleine Angst im Vergleich zu dem, was noch kommen sollte, absolut unbedeutend war. Ja, ich hatte Angst. Und zwar, dass sie auch über den einen dunklen Punkt in meinem Leben Bescheid wissen. Den ich dir nun beichten muss – also war sowieso alles umsonst. Nun ja, ich bin schuld am Tod deiner Eltern. Kurz vor ihrem Unfall hatte ich selbst einen. Ich habe mir damals von deiner Mutter das Auto ausgeborgt. Am Rosenhügel oben bin ich wegen des Schnees ins Schleudern geraten und gegen beziehungsweise über eine Verkehrsinsel gedonnert. Das Auto schien in Ordnung, ich konnte einfach weiterfahren. Habe ihnen diese Kleinigkeit sicherheitshalber gar nicht gebeichtet. Dein Vater hat sich immer gleich so aufgeregt. Doch dabei müssen irgendwie die Bremsschläuche in Mitleidenschaft gezogen worden sein. Den Rest kennst du. Nun ja, und ich wollte nicht, dass unsere Geheimdienstler das auf irgendwelchen krausen Wegen herausfinden. Dass du es erfährst. Nur so kann ich mir erklären, warum ich sozusagen die Decke über den Kopf gezogen und gehofft habe, das alles war nur ein schlechter Traum. Ich weiß, ich bin dumm.

Nun? Haben Sie nachgedacht? Sind Sie froh, neue Freunde zu haben?

Was wollen Sie?

Einen kleinen Gefallen.

Ach ja?

Ja.

Was für einen Gefallen?

Ein kleines Attentat.

Sie sind ja verrückt. So ein Blödsinn.

Nein, eine Notwendigkeit.

Bringen Sie die Leute, die Ihnen nicht passen, doch selber um.

Würden wir, würden wir, wenn es aufgrund des Personenschutzes nicht so schwierig wäre. Sie haben da einen viel leichteren Zugang.

Ich habe zu gar nichts Zugang.

Im nächsten Moment ist es mir siedend heiß eingefallen. Er kann nur unseren Präsidenten meinen. Wie du weißt, bin ich ja für das kaiserliche Geschirr verantwortlich, das wir immer noch bei Staatsdiners verwenden. Und weil ich erstens die Tischordnung aus dem Effeff beherrsche und zweitens einer von zwei Menschen in Österreich bin, die die Kaiserserviette falten können, bereite ich gemeinsam mit Herrn Dollinger die Tafeln für die Diners vor. Aber mir war nicht klar, wer etwas gegen unseren Präsidenten haben sollte. Ich meine, das Staatsoberhaupt von Österreich ist ja nicht jenes von den USA oder von China.

Jetzt stoppt er, der Dollinger. Geht zur Seite. Bitte, was bleibt er im Pietra-dura-Zimmer stehen? Macht er jetzt auf Kunstexperte und bewundert die Steinarbeiten? Die Pressesprecherin muss in der Nähe sein, das ist die einzige Erklärung. Dieser Pfau. Okay, jetzt geht er weiter. Weiter. Diese Zimmerflucht ist wirklich verdammt lang. Und der Dollinger schreitet trotz seines kaputten Beines über den roten Läufer, als wäre er der Franz Joseph höchstpersönlich. Nein, der hat ja nie in diesem Trakt gewohnt. Also – wie der Franz Stephan. So, jetzt ist er endlich vorn im Stiegenhaus. Das ist sie jetzt, die Gelegenheit. Ich muss nur zur Uhr huschen, den unteren Teil aufsperren, die Zigarre hineinlegen, wieder zusperren und weiter den Tisch decken. Ich muss lediglich einen Schritt vor den anderen setzen, zu dieser Standuhr gehen, mit ihrem Doppeladler, der bald vor Blut triefen wird … wenn ich sie anschaue, kommt mir jedes Mal das siebente Geißlein in den Sinn. In exakt so einer Uhr muss es sich vor dem bösen Wolf verborgen haben. Und für die Kaiserkinder waren hier vielleicht einmal Geschenke versteckt. Es ist eine gute Uhr, die ich jetzt zu etwas Bösem mache.

Wieso wissen Sie von dieser Uhr? Auf sie wird bei Führungen nicht besonders hingewiesen.

Bei Kinderführungen manchmal schon.

Kinderführung. Sie haben ein Kind und wollen trotzdem …?!

Jetzt werden Sie nicht komisch. Natürlich haben Revolutionäre auch Kinder.

Sie sind kein Revolutionär, Sie sind ein Terrorist.

Wissen Sie, das ist immer eine Frage der Perspektive. Aber jetzt zurück zur Uhr. Sie legen die Bombe also dort hinein.

Gar nichts werde ich. Ich sage Ihnen einmal was: Wenn Sie unbedingt ein Staatsoberhaupt umbringen möchten – wer ist es eigentlich?

Kommt Zeit, kommt Detail.

Sie sind kindisch.

Vorsichtig. Was wollten Sie mir sagen?

Also gut. Wenn Sie schon eine Person töten wollen, dann können Sie das auch zielgerichtet tun. Gift ist da viel geeigneter.

Oh, Sie sympathisieren ja bereits mit unserer Sache?

Tu ich nicht. Aber ich sehe nicht ein, warum so viele unschuldige Menschen sterben sollen, wenn Sie es doch nur auf einen abgesehen haben.

Weil es größeren Eindruck macht.

»Frau Blau? Frau Blau!«

»Ja? – Oh, entschuldigen Sie. Ich war gerade in Gedanken. Wegen meines Neffen.« Und das ist im Großen und Ganzen nicht einmal gelogen. »Wie kann ich Ihnen helfen?« Wie gut, dass ich gezögert habe. Der Büroleiter hätte mich auf frischer Tat ertappt.

»Tja, mir ist … also, ich hätte da ein Bitte.«

Spuck sie aus, Herrgott noch einmal, spuck sie aus. Die Zeit läuft mir davon. Wenn ich das verdammte Ding nicht während Dollingers Rauchpause platziere, habe ich jede Chance vertan. Bringe ich Sascha um. »Ja?«

»Sie sind doch die Meisterin der Kaiserserviette.«

»Ja?« Und hör auf, die Etagere abzutatschen, auf dem Gold sieht man wirklich alles.

»Nun ja, ich möchte meiner Freundin einen Heiratsantrag machen, und da habe ich mir gedacht, ich könnte sie mit einem Candlelight-Dinner überraschen …«

»Wo dann zwei dieser Servietten platziert sein sollen. Das mache ich Ihnen gern. Wenn es unter uns bleibt, natürlich.« Sollte ich zwar nicht, ist aber ohnehin schon alles egal.

»Sie sind ein Schatz! Ein wahrer Engel – wenn ich das so sagen darf, Frau Blau.«

Ja, du darfst. Und jetzt zisch ab.

Gut, wieder allein. Also, los jetzt, Maritta. Gut, das war der erste Schritt. Das der zweite. Der Franz Stephan verzieht den Mund. Und die Resi auch. Ja, steigt aus euren Goldrahmen, bitte, und haltet mich zurück! Verhindert doch … Vergiss diese kindischen Anwandlungen, Maritta. Der dritte Schritt. Vierte. Nein, ich kann nicht. Aber ich muss!

Wissen Sie was? Mir ist es egal. Dann wird mich mein Neffe wegen der Geschichte mit seinen Eltern eben hassen. Aber ich möchte kein Blut an meinen Händen haben.

Das werden Sie sowieso.

Ach ja?

Ja, denn Sie denken doch nicht, dass wir diese kleine Gefälligkeit von Ihnen verlangen, ohne uns eine Rückversicherung zu beschaffen.

Was … meinen Sie?

Nun, Ihr Neffe besucht das Gymnasium in der Rahlgasse. Gestern hat er seine Arbeit über die Sandlerzeitung präsentiert. Nächste Woche fährt er mit seiner Klasse auf Exkursion nach Aspern, weil er an einem Maturaprojekt arbeitet, das sich mit Städten der …

Hören Sie auf.

Seine Freundin heißt Katharina und ist Bundesschulmeisterin im Eiskunstlauf. Die beiden gehen gern ins Kino, was sie auch mindestens einmal in der Woche …

Jetzt hören Sie schon auf. Ich habe es kapiert.

Was haben Sie kapiert?

Ich habe verstanden, lieber Sascha, dass sie dich zeitgerecht kidnappen werden, oder irgendetwas dergleichen, denn sie haben immer wieder noch ein Ass im Ärmel. Kurz habe ich überlegt, eine normale Zigarre in der Uhr als Beweis zu fotografieren und die Bombe irgendwo zu verstecken, wo sie keinen Schaden anrichten kann, und ihm dann zu sagen, dass es wohl ein Problem mit dem Zünder gegeben haben müsse. Aber er scheint meine Gedanken lesen zu können, denn zwei Tage später merkte er an: »Und wenn Sie überlegen, die Bombe einfach nicht zu platzieren, denken Sie daran – sie explodiert auf jeden Fall. Und wenn sie das tut, wo sie nicht sollte, dann wird Ihr Neffe etwas leiden.« Mein Schatz, mein Liebling, was hätte ich anderes tun sollen, als sie bei ihrem Vorhaben zu unterstützen? Ich kann dich doch nicht opfern?! Oh, ich höre dich, wie du mit deinen überschwänglichen siebzehn Jahren sagst, dass man bei solchen Menschen nicht klein beigeben darf. Dass es sicher noch eine andere Lösung geben wird. Und wenn sie das Gleiche von dir im Gegenzug für Katharinas Leben verlangt hätten? Oh ja, ich weiß, du hättest sie mit einer List hingehalten und dich gleich Anakin oder Luke Skywalker in die Lüfte geschwungen und die Prinzessin gerettet. Aber das Leben ist nicht »Star Wars«, das habe ich dir schon gesagt, als wir uns die Episoden zum hundertsten Male angeschaut haben.

Ich kann dich nicht zum Opfer machen, Sascha. Hoffentlich geht es dir gut. Ich erreiche dich seit über vier Stunden nicht, da können sie schon weiß Gott was mit dir angestellt haben. Nein, du bist ihr Pfand. Und sie sind Geschäftsleute, sie halten sich an Abmachungen. Fünfter Schritt. Es sind lauter Politiker und Diplomaten. Sechster Schritt. Dreißig Berufslügner, wie du immer wieder in deiner jugendlichen Ich-will-die-Welt-retten-Attitüde sagst. Kein wesentlicher Verlust. Siebenter Schritt. Das hast du von deinen Eltern. Die waren auch solche Sozialromantiker. Sie haben nur vergessen, dass sie im Falle des Sturzes des Establishments selbst zu ebendiesem werden. Macht korrumpiert nun einmal. Wobei ich finde, dass wir es hier in Österreich ohnehin noch ganz gut getroffen haben. Was wahrscheinlich daran liegt, dass wir nicht so bedeutend sind. Allerdings passiert auch viel im Geheimen. Österreich als Drehscheibe hinter den Tapetentüren für die graue Diplomatie.

Ach, ich bin so müde. Sollen sie doch krepieren.

Achter Schritt.

Und dabei war ich es, die deine Mutter das erste Mal zu einer Demo geschleppt hat. Das hätte ich dir auch im Abschiedsbrief erzählen müssen. Damit du mich nicht ganz so als verlorene Seele, als Opfer der dunklen Seite der Macht empfindest. Ja, wir waren beide blutjung, und wir haben uns in Hainburg anketten lassen. Wir haben die Au gerettet. Wir waren der Beginn der Grünbewegung. Eigentlich unglaublich. Was man als junger Mensch so alles tut. Ich weiß nicht, wann ich erwachsen geworden bin.

Neunter Schritt.

Und obwohl ich beinahe schon kommunistisch hätte genannt werden können, damals, in meiner Sturm-und-Drang-Phase, so bin ich nun doch absolut nicht mit dem Opfer dieser Irren einverstanden.

Ich will jetzt endlich wissen, auf wen Sie es abgesehen haben. Hö, hö, wie forsch Sie doch sein können. Bei der massiven grauen Mittelmäßigkeit, mit der Sie sich uns während der Beobachtungsphase präsentiert haben, konnte man das nicht einmalansatzweise vermuten.

Ach, lecken Sie mich doch am Arsch.

Das wird ja immer besser. Sie fangen an, mir zu gefallen.

Unflätigkeit gefällt Ihnen? Gut, können Sie haben, Sie widerlicher Wichser. Drecksäcke ohne Rückgrat seid ihr. Anstatt mit legalen Methoden für euer Anliegen zu kämpfen, Argumente zu finden, Zeichen zu setzen, werdet ihr zu beschissenen Meuchelmördern.

Gut, das reicht jetzt aber auch. Wir gehen jetzt noch einmal die Details …

Nichts reicht. Ihr gehört einmal ordentlich durchgeprügelt, damit die Reste eurer Gehirne zusammenfließen und ihr vielleicht wieder einmal denkfähig werdet.

Schluss. Ihr Geschrei nützt gar nichts. Oder soll ich wiederholen, was wir bereits …

Okay, okay. Also wen?

Können Sie es nicht erraten? – Wer ist für demnächst angesagt?

Das kann nicht sein.

Doch.

Nein.

Ja, verdammt noch einmal. Der Papst.

Also, das ist doch … ich meine, ich habe jetzt erwartet, dass ihr jemanden von den Hotspots im Visier habt, von den USA oder Israel oder Deutschland oder China oder meinetwegen Frankreich, Libanon, Russland – was weiß ich!

Der Papst nervt. Er hat beim Stimmvieh zu viel Einfluss mit seiner Sozialromantik. Jeder Mensch hat die gleichen Rechte, wir halten uns alle an den Händen und haben uns lieb, jeder Mensch muss in Würde leben können, blablabla. Er ist Sozialist, besser als Karl und Rosa zusammen. Und das stört die Geschäfte.

Die Geschäfte?

Ja. Spreche ich so undeutlich?

Sie machen dieses Attentat, um Geschäfte zu retten?

Unsere eigenen und jene unserer Partner.

Unsere eigenen … Sind Sie etwa einer dieser korrupten Rom-Bagage? Wir sind nicht mehr in den Siebzigern. Sie können nicht schon wieder einfach … der Papst ist ein Mann der Religion.

Als ob das ein Argument wäre. Lassen Sie die Moralkeule eingesteckt, ja? Geschäfte sind ein Lebenskonzept wie jedes andere auch. Sie vertragen sich nur nicht besonders mit Demokratie und sozialem Ausgleich.

Da mache ich nicht mit.

Hö, hö! Ich muss mich wiederholen. Sie zeigen ja Engagement. Wenn auch für die falsche Seite.

Lieber Sascha, ich habe nur kurz nachgedacht. Für den Bruchteil einer Sekunde ist so etwas wie Gewissen in mir aufgeflammt. Aber du bist mir näher als alle anderen Menschen. Ich will dich nicht verlieren. Du bist mein ein und alles.

So, jetzt den Schlüssel herumdrehen, die kleine Tür aufziehen. Das Etui mit der präparierten Zigarre aus der Sakkotasche nehmen und … was habe ich da eigentlich in dem Abschiedsbrief für einen Schwachsinn geschrieben?

Wenn ich das Ding platziere und mich danach umbringe, verliere ich dich, Sascha. Wenn ich es in die Uhr lege und danach wie ausgemacht nach Hause gehe, bin ich für den Rest meines Lebens in ihrer Hand. Oder in jener der Polizei. Und ich verliere dich. Wenn ich nach der Tat untertauche, werden sie über kurz oder lang meine Spur wiederfinden. Und ich verliere dich. Ich habe dich also auf jeden Fall schon verloren. Es geht somit lediglich darum, dich zu schützen. Und das kann ich nur, wenn ich nicht mehr bin, denn dann fehlt ihnen die Handhabe. Genau, nicht aus Scham sollte ich mich … kann das wirklich die Lösung sein?

Schritte. Leichtes Nachziehen eines Beines. Der Dollinger raucht doch sonst immer mindestens zwei Zigaretten. Mist, ich bin mit dem Durchdenken noch nicht fertig. Und jetzt hat sich auch noch der Etuiverschluss im Futter verheddert. Er darf das Ding nicht sehen. Sonst ist egal welcher Plan im Kübel. Jetzt geh schon … zu! Knapp.

Okay. Wo war ich? Wo war ich bloß nur? Hier, das Aperitifglas fehlt noch. So. Nächster Platz. Er wird sich wundern, warum ich noch nicht weiter bin.

»Frau Blau! Ich hab geglaubt …«

»Dass ich wieder einmal die ganze Arbeit alleine mache.«

»Nein. Natürlich nicht.« – Ja, stottere dich nur aus deiner Peinlichkeit, du Pfeife. – »Aber Sie waren …«

»Ich glaube, ich werde krank. Mir ist schwindelig. Ich musste mich ausruhen.«

»Oh.« Jetzt bekommt er die Panik, dass er den Rest alleine machen muss.

Dabei ist das doch wirklich keine Affäre, wenn man einmal weiß, wie Anordnung und Abstände sind. Und die Kaiserservietten sind sowieso schon alle vorbereitet. Dreißigmal fünfzehn Minuten. Das sind siebeneinhalb Stunden. Ich mache fast einen ganzen Arbeitstag lang nichts anderes, als Kunstwerke zu falten, die dann innerhalb von Sekunden in Nichts aufgelöst werden. Nun gut, Minuten. Bis sie ihr Jourgebäck gegessen haben.

Wie ist der zeitliche Rahmen solch eines Staatsdiners?

Wieso? Wollen Sie den Delinquenten noch die Henkersmahlzeit gönnen? Sie wissen, wann es beginnt. Rechnen Sie sich den Rest doch selber aus.

Auch wenn das jetzt eine Insubordination Ihrerseits war, so haben Sie doch recht. Es ist egal. Sie vernichten Kulturgut.

Der Leopoldinische Trakt ist schon einmal kaputt gegangen. Er wird jetzt auch wieder aufgebaut werden.

Wahrscheinlich von einem Freund von Ihnen, der sich damit eine goldene Nase verdient.

Langsam denken Sie mit.

Aber warum? Ich verstehe es noch immer nicht. Warum hier in Österreich?

Weil es hier keiner erwartet. Der Schock wird groß sein, wenn nun auch hier der Terror Einzug hält.

Und das bringt ein paar digitale Überwachungsmaßnahmen mehr. Die Ihnen bei Ihren Geschäften helfen.

Ich zeige mich von Ihrer Kombinationsgabe beeindruckt.

Wenn man dem Dollinger so zuschaut, wie er mit einer Miene von einem Jahr Dauerregen das Geschirr der Habsburger zurechtrückt, könnte man glauben, er und Lucheni seien Brüder im Geiste. Aber da muss er jetzt durch. Denn ich, ja, ich werde jetzt einen auf Befreier der Unterdrückten machen. Zumindest symbolisch. Zuerst französischer Abgang. Genau dafür gibt es doch die vielen unterirdischen Gänge in der Hofburg. Ich schreibe ihnen, dass ich überraschend während des Diners Dienst schieben muss und deshalb erst später nach Hause komme. Und dann schleiche ich mich über das Bundeskanzleramt weg. Das observieren die Teufel sicher nicht zur Gänze. Aber wohin mit dem Ding? Schade, dass die Vatikanbank keine Filialen besitzt. Aber die Peterskirche wäre eine Option, der Hort von Opus Dei. Hm, wie weit reicht eigentlich ihr Fernzünder? Und was, wenn sie GPS eingebaut haben? Genau, GPS. Ich würde es machen an ihrer Stelle. Sie stoppen den Zündungsvorgang … Sascha.

Gut.

Alles klar.

Ich sehe schon die Schlagzeile vor mir: »Terror in der Hofburg. Offensichtlich geistig verwirrte Frau sprengt sich im Spiegelsaal in die Luft.«

Genau.

Aber auch: »Der Papst sowie die anderen Gäste des Bundespräsidenten konnten rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden.« – Ja, Sascha, ich kehre auf die helle Seite zurück.

Nur schade, dass sich diese Wichser mit der Renovierung dumm und dämlich verdienen werden. Nun ja, man kann nicht alles haben im Leben.

PRÄSIDENTSCHAFTSKANZLEI

Wien 1, Hofburg, Leopoldinischer Trakt, Ballhausplatz. Seit 1946 Amtssitz der österreichischen Bundespräsidenten. www.bundespraesident.at

Andreas P. Pittler

Tafelsilber

Ungleiche Türme und falsche Fährten

I.

»Der Chef will dich sehen. Sofort!« Fraczyks Ton ließ keinen Zweifel über die Dringlichkeit der Angelegenheit aufkommen. Also erhob sich Bronstein eilig und marschierte in erhöhtem Tempo zum Büro des Chefinspektors. Artig klopfte er an und wartete auf das grollende »Komm er herein«, das ihm signalisierte, dass Josef Maria Nechyba gewillt war, ihn zu empfangen.

»Ah, Bronstein, da is er ja! Nimm er doch Platz.« Bronstein registrierte diese Aufforderung mit nicht geringer Verwunderung, denn mit Höflichkeiten pflegte sich der Chef üblicherweise nicht lange aufzuhalten. »Ich hab da ein delikates Problem, bei dem er mir sicher helfen könnt«, begann Nechyba ungewohnt konziliant. »Ich höre«, erwiderte Bronstein kühl und wunderte sich selbst über seinen beinahe aufsässigen Ton. Nechyba war jedoch in keiner Weise irritiert, sondern zeigte sogar, gänzlich gegen sein sonstiges Naturell, ein Lächeln. »Mir ist da grad ein Fernruf aus der Hofburg durchgstellt worden. Da haben s’ eine Waschmamsell oder ein Stubenmädel oder so jemanden tot aufgfunden. Aufgschlitzt, heißt’s. Na, er kann sich vorstellen, so etwas ist heikel. Da darf nix, aber schon gar nix an die Öffentlichkeit dringen. Der Skandal und so weiter, na, das brauch ich ihm ja nicht extra zu erklären. Grad jetzt, wo’s wieder einmal Spitz auf Knopf steht mit die Herren Politiker.«

Bronstein wusste natürlich, was Nechyba meinte. Das Parlament war einmal mehr sistiert worden, Graf Stürgkh regierte diktatorisch, und das mit voller Rückendeckung des Hofes, was nicht nur die Herren Sozialdemokraten, sondern diesmal auch die Christlichsozialen nachhaltig erboste. Von den rüpelhaften Schönerer-Anhängern im deutschnationalen Eck ganz zu schweigen. Eine Gewalttat im privaten Wohnbereich seiner kaiserlichen Hoheit würde mit Sicherheit weidlich ausgeschlachtet werden, und das nicht nur von der Opposition, sondern auch von den Boulevardblättern, die wahrscheinlich wieder delikateste Zeichnungen vom angeblichen Szenario am Tatort unters Volk bringen würden.

»Ich bin mir der Sensibilität der Lage durchaus bewusst«, replizierte Bronstein daher knapp. Nechyba atmete hörbar auf. »Sehr gut. Jetzt aber kommt mein eigentliches Anliegen an ihn. Ich würd mich der Sache ja selbst annehmen, aber grad heute passt mir das so gar nicht in den Kram. Weil nämlich in einer halben Stund erwartet mich die Aurelia mit einem saftigen Bratl, das man doch um Gottes willen nicht verkommen lassen darf, wo sie sich solche Mühe mit der Zubereitung gegeben hat. Da muss man nämlich zuerst einmal …«

»Herr Chefinspektor, es wäre mir eine große Ehre, Sie in einer Angelegenheit von solch delikatem Charakter vertreten zu dürfen«, kürzte Bronstein das Procedere ab. »Das wär mir sehr recht, weil später hab ich dann noch eine Verpflichtung, und ich fänd’s außerordentlich inkommodierend, wenn ich die wegen solch einer Gschicht absagen müsst.«

Bronstein unterdrückte ein Grinsen. Wahrscheinlich war der Alte nach seinem Papperl beim Goldblatt zum Tarockieren angemeldet, doch eine solche Soiree würde im Zweifelsfall kaum als Ausrede für das Unterlassen dienstlicher Handlungen durchgehen, weshalb der Chefinspektor lieber von Verpflichtungen sprach.

»Der Herr Chefinspektor können sich voll und ganz auf mich verlassen«, erklärte Bronstein kategorisch.

»Wusst ich’s doch. Er ist eine Zierde unseres Standes. Wohlan, Bronstein, fahr er umgehend in die Hofburg und melde er sich dort bei einem …«, Nechyba blätterte in seinen Unterlagen, »Kammerdiener Ludwig Anton Keiler.« Nechyba grinste zufrieden. Der Abend war gerettet. Bronstein aber stand auf, salutierte, was sein Chef mit einer Geste der Indignation beantwortete. »Wir sind ned bei der Armee, Bronstein, merk er sich das. Das Salutieren überlassen wir den Kasernenhoftrotteln. Weil das ist so ziemlich das Einzige, was die zsammenbringen. Vom Anhäufen von Spielschulden vielleicht abgesehen. Aber jetzt, frisch ans Werk.«

»Jawohl, Herr Chefinspektor!«

»Bronstein! … Ach, vergess er’s!« Nechyba wandte sich resigniert seinen Aktendeckeln zu, und Bronstein trachtete so schnell wie möglich in die Hofburg zu kommen.

II.

Der Bedienstete des Hofes trug seinen Familiennamen gänzlich zu Unrecht. Er war kaum eineinhalb Meter groß und in jeder Hinsicht schmächtig und unscheinbar. Und schon gar nicht wies sein Gebiss gefährliche Hauer auf. So glich er weit eher einem Frischling als dessen furchteinflößendem Erzeuger. »Wir haben Sie bereits erwartet. Wenn Sie mir bitte folgen würden«, nuschelte der Lakai kaum hörbar, und nur die ausladende Geste der rechten Hand machte Bronstein sicher, dass er sich die Treppe hinanbemühen sollte.

Nach wenigen Minuten stand er neben Keiler in der Gesindeküche, die sich im Halbstock des Schweizertrakts befand. Es bedurfte keiner überbordenden Phantasie, um zu erahnen, dass das arme junge Ding, das mit gespreizten Beinen und offenem Mund am Rücken lag, tatsächlich gewaltsam zu Tode gekommen war. Nicht nur, dass man ihr ganz offensichtlich die Gurgel durchgeschnitten hatte, das arme Mädel war zudem auch noch von der Scham bis zum Hals aufgeschlitzt worden. Ob der Bestialität des Verbrechens war es Bronstein auch unmöglich, näher an das Opfer heranzutreten, ohne dabei buchstäblich in dessen Blut zu waten.

»Wer hat das Mädel gfunden?«, fragte er als Erstes. »Wie bitte? So reden S’ doch deutlicher!« Keilers Antwort war so leise gewesen, dass man fraglos von einem Flüstern sprechen konnte. »Die Amalie, meine Frau war’s«, vernahm der Polizeiagent endlich. »Und wo ist die jetzt?«

»Die hat sich hinglegt. Weil die wär uns fast in Ohnmacht gfallen.« Bronstein besah sich noch einmal die Bescherung und spürte tiefes Verständnis für diese Reaktion. Der Zustand der Leiche war fraglos nichts für zarter besaitete Gemüter. »Und wer die Tote ist, wissen wir auch, oder?«

»Ja. Die Bozena. Hat seit einem Jahr als Hilfsköchin bei uns gearbeitet. Auf Empfehlung der Fürstin Liechtenstein. Sie ist … war … aus Eisgrub und hat zuvor auf den dortigen Besitzungen ihrer Durchlaucht gearbeitet.«

»Und hat s’ einen Nachnamen auch g’habt, die Bozena?«

»Uijegerl, Herr Inspektor. Da müsst ich jetzt nachfragen, gell. Weil wir hier vom Gesinde, wir duzen uns alle …«