Tellerwäscherblues - Friedrich von Bonin - E-Book

Tellerwäscherblues E-Book

Friedrich von Bonin

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Beschreibung

Ein amoralischer Moralist erinnert sich: Josef Saling schlägt alle zivilisatorischen Aspekte in den Wind. Um der äußersten Armut, in der er aufwächst, zu entgehen, scheut er vor Diebstahl, Einbruch, Urkundenfälschung, Betrug und Schlimme-rem nicht zurück. Sein einziges Ziel ist, reich zu werden, der Preis, den andere dafür zahlen müssen, ist ihm gleichgültig. Um seine Taten zu rechtfertigen, würzt er seine Erinnerungen mit der Beschuldigung Anderer: Die Ge-sellschaft, deren Repräsentanten, Politiker, Wirtschaftsführer, sie alle überzieht er mit moralischen Vor-haltungen. Vorhaltungen, denen wir an sich zustimmen könnten, aber müssen wir uns das von einem Kriminellen sagen lassen, der jedes sittliche Empfinden mit Füßen tritt, eben Josef Saling? Und was für ein Ende nimmt es mit ihm? Ein Beitrag zu moralischer Indifferenz und gleichzeitig herbe Kritik an unserer gewinnsüchtigen Gesell-schaft.

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Seitenzahl: 348

Veröffentlichungsjahr: 2026

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TELLERWÄSCHERBLUES

ROMAN

FRIEDRICH VON BONIN

IMPRESSUM

Text: ©Copyright 2026: Friedrich von Bonin

Verlag:

Friedrich von Bonin

Osnabrücker Straße 20

27572 Bremerhaven

[email protected]

Herstellung:

Epubli – Servise der neopubli GmbH

Köpenicker straße 154 a

10997 Berlin

Kontaktadresse nach Produktsicherheitsverordnung:

[email protected]

Umschlagbild und Foto Autor: © Gundula Ott-von Bonin

1.Ausgabe 2026

Das Buch

PRÄAMBEL

»Aber siehe, die Welt hat viele Mitten, eine für jedes Wesen, und um ein jedes liegt sie im eigenen Kreise. Du stehst nur eine halbe Elle vor mir, aber ein Weltkreis liegt um dich her, deren Mitte nicht ich bin, sondern du bist´s. Ich aber bin die Mitte von meinem. Darum ist beides wahr, wie man redet, von dir aus oder von mir.«

I     KINDHEIT

1Oft habe ich mich weggeträumt aus meiner bedrückenden, grauen Wirklichkeit in andere Welten, glitzernd, blinkend, reich, glücklich. Entflohen bin ich aus dieser traurigen Zweizimmerwohnung in dem Hochhaus am Rande der Stadt Seebrück, wo wir Armen lebten, abhängig von staatlichen Subventionsleistungen. Sozialhilfe hieß das damals, die Erfolglosen, die Aussätzigen aus der Stadt waren hierher abgedrängt, gedemütigt von ihrem minderen Status, unsere Nachbarn waren Flüchtlinge aus fernen Ländern, zu uns getrieben von Hunger und Krieg und einer Armut, gegen die unsere Kargheit wie Luxus anmutete.

Auch heute verliere ich mich in meinen Träumen, nicht vor meiner persönlichen Wirklichkeit, sondern vor der Welt, die aus den Fugen geraten ist: Ich lese auf meiner sonnendurchfluteten Terrasse die neuesten Zeitungen, die ich mir aus Deutschland kommen lasse, ich verfolge im Fernsehen die Nachrichten und wiederhole mein Urteil: Die Welt ist aus den Fugen.

Obwohl: Ist es tatsächlich die Welt? Und welche Welt?

Schon von früher Kindheit an bin ich gewohnt, meinen überdurchschnittlich klugen Kopf zu benutzen, um mir ein eigenes Urteil über mein Umfeld zu bilden. Und da stelle ich fest, dass es nicht die Welt ist, in der sie gerade das Unterste zuoberst kehren. Es ist nicht der Planet Erde, es ist nicht das Universum, das sie, wissend oder unwissend, bedrohen, es ist unsere Zukunft, die Zukunft der Menschen in dieser Welt, sei es Erde oder Universum.

Nicht die Erde wird sterben aus Mangel an Rohstoffen, die wir ihr entreißen in unserem unersättlichen Egoismus, nicht sie wird untergehen, wenn aufgrund menschlicher Aktivitäten die Meeresspiegel ansteigen und bewohnte Gebiete unbewohnbar machen. Das Universum wird wie unser Planet ungerührt zusehen, wenn die Menschen, die wir mit Kriegen, mit Überschwemmungen, mit Plünderungen aus ihrer Heimat vertrieben haben, in riesigen Völkerwanderungen über die Landkarte zu uns ziehen, Krieg zu uns tragend und sich selbst und uns mit den furchtbaren Waffen vernichten, die wir erfunden, produziert und gelagert haben, auf dass sie eines Tages benutzt werden. Vielleicht sogar von uns, wenn die wirklichen Verteilungskämpfe beginnen.

Das alles kümmert uns nicht, wir sorgen uns ausschließlich um unsere eigenen Wünsche, unsere Bedürfnisse, ob darüber die Welt oder auch nur die Menschheit zugrunde geht, ist uns egal.

Aber bin ich der Richtige, diese Erscheinungen unserer modernen Gesellschaft anzuprangern? Habe ich das Meine dazu beigetragen, um den Weltverbrauch der Menschen in unserem sogenannten christlichen Abendland zu stoppen, oder nur zu vermindern? Habe ich auf der Straße gestanden, protestiert gegen die Ausbeutung der Erde, der außerhalb unserer westlichen Welt lebenden Menschen?

Nein, natürlich nicht, was hätte es auch wohl genutzt? Hätte ich, mit was und mit welchen Mitteln auch immer, den Zeitpfeil aufhalten können, der unweigerlich der Entropie entgegentreibt, dem Erstickungstod im Müll?

Nein, nichts habe ich getan, außer meinem persönlichen Fortkommen zu dienen, in der Hoffnung, ich diente dabei zugleich meinem Wohlergehen und dem der Anderen. Dabei war ich in der Wahl meiner Mittel nicht immer wählerisch, aber was blieb mir anderes übrig?

Nein, ich sitze stattdessen hier, in der Nähe der spanischen Südküste, mit meinem gekühlten Grapefruitsaft, auf meiner warmen Terrasse und sehe der Sonne zu, wie sie langsam nach Westen wandert, nach rechts, um dort in ihrem täglich explodierenden Farbenspiel unterzugehen.

Und dass ich hier bleiben kann, ist das mein Verdienst? Oder bin ich hier nur vermöge der Unfähigkeit der Strafverfolgungsbehörden in Deutschland, mich zu finden und zu verhaften?

Aber Sie verstehen mich nicht? Natürlich nicht, ich greife ja vor. Am besten, ich erzähle meine Geschichte von Anfang an. 

2Mein Name ist Josef Saling. Ich verlebte meine Kindheit allein mit meiner Mutter, meinen Vater habe ich nie gekannt. Sie hatte es schwer genug, uns beide durchzubringen, meine arme Mutter, die Zahlungen des Sozialamtes, die sie wöchentlich erhielt, wenn alles gut ging, reichten hinten und vorne nicht. Deshalb ging sie dreimal in der Woche putzen bei einer reichen Familie in der Stadt, sie drückten ihr ihren Lohn bar in die Hand, damit sie darauf nicht noch Abgaben zahlen mussten und der Lohn meiner Mutter nicht auf die Sozialhilfe angerechnet wurde.

Ich war sechs, sieben, acht Jahre alt, als ich zum ersten Mal die Angst wahrnahm, in der meine Mutter wegen dieser Schwarzarbeit lebte, ständig in Sorge, erwischt zu werden mit furchtbaren Folgen für die Sozialhilfe, die sie uns gaben und vielleicht gestrichen hätten. Früh, viel zu früh, habe ich das erfahren, schon in diesem Alter war ich klug über meine Jahre hinaus. Die Zeichen der Armut um mich her habe ich zwar gesehen, ihr Ausmaß aber noch nicht verstanden, ich kannte nichts anderes. Müll, Schmutz und Unrat überall auf den Straßen, dazwischen die Menschen, Alte, Junge, Kinder und Halbstarke, alle mit dem Grau der Hoffnungslosigkeit in den Gesichtern, bei den Halbstarken noch mit einem Funken Hoffnung, der auch mich aufrecht hielt, mit Trotz in der Haltung, der sich aber sehr schnell verlor, wenn sie älter wurden. Ich hatte wenigstens meine Träume, in die ich mich flüchten konnte, wenn ich dem tristen Dasein in dieser Vorstadt entfliehen wollte.

Auch sonst war ich schon damals einsam, weil ich anders war als die übrigen Kinder in dem Hochhaus und dem Viertel, in dem wir lebten, das merkte ich vom ersten Tag an, als ich in die Schule musste. Während meine Klassenkameraden, Mädchen und Jungen, auf dem Schulhof herumtollten, auch in den Unterrichtsstunden kaum Ruhe gaben, hielt ich mich für mich, blieb still. Ich spielte nicht mit ihnen Fußball, nicht Handball, niemand auch fragte mich, ob ich mich mit ihm nach der Schule treffen wollte. Sie schlossen sich jeder einer der Banden an, die das Leben der jungen Menschen hier bestimmten, Banden, deren Anführer mich nicht unter ihren Mitgliedern dulden wollten, meine Andersartigkeit schürte Misstrauen bei ihnen.

Schon äußerlich unterschied ich mich von den anderen. Die meisten meiner Altersgenossen waren kräftig, blond, viele schon in dem Alter zu dick. Ich dagegen war schmalgliedrig, hatte sehr dunkelbraunes Haar, graue Augen, wenn ich ging, hielt ich mich aufrecht.

Insgesamt passte ich nicht zu ihnen, ich suchte nicht ihre Gemeinschaft und sie nicht meine. Dabei war meine Einsamkeit nicht einmal traurigen Charakters: Ich spielte allein für mich, ich unterhielt mich mit meiner Art von Leben, schon damals und schon als Kind war ich mir selbst genug.

Kein Wunder daher, dass ich mir Gedanken machte, als Zehnjähriger, erst recht aber als Fünfzehnjähriger, als ich die Grundschule durchlaufen hatte, was ich eigentlich mit meinem Leben anfangen sollte.

»Der Junge muss doch auf das Gymnasium«, hatte meine Lehrerin zu meiner Mutter gesagt, schon nach Abschluss der vierten Klasse in der Grundschule, »er ist doch sehr intelligent, er wird das Abitur spielend schaffen und dann steht ihm die Welt offen.«

»Das kann wohl sein«, gab meine Mutter herbe zurück, »ich würde es gerne sehen, wenn mein Sohn es mal etwas besser hat als ich, aber wie soll ich das bezahlen? Ich komme doch sowieso mit dem Geld nie aus, er soll etwas dazuverdienen, dann werden wir leichter durchs Leben kommen.«

Noch einmal hatte die Lehrerin darauf gedrungen, dass ich nach Abschluss der Hauptschule eine weiterführende Schule besuchte. Ich stand daneben, wie sie meine Fähigkeiten in den höchsten Tönen lobte, wollte schon stolz werden, aber meine Mutter leistete entschieden und erfolgreich Widerstand.

»Der Junge kommt jetzt in die Lehre«, schloss sie das Gespräch ab, »ich habe ihn schon angemeldet, der Inhaber des Supermarktes hier will ihn zum Einzelhandelskaufmann ausbilden, wenn er mit der Schule fertig ist, da lernt er was Richtiges.«

Die Lehrerin gab den Kampf auf, ich blieb auf der gleichen Schule.

Nein, ich sah mich als Fünfzehnjähriger nicht in einer Lehre, konnte mir eine Laufbahn als Geselle, mit späterer Meisterprüfung nicht vorstellen, selbst dann nicht, wenn meine Phantasie mir eine Position als Inhaber eines Handwerksbetriebes vorgaukelte. Und erst recht nicht wollte ich einer von den Arbeitslosen werden, die am Tag auf der Straße herumlungerten, mit nichts im Sinn, als Bier zu trinken oder Schnaps und Zigaretten zu rauchen. Nein, so sollte meine Zukunft nicht aussehen. Eher wollte ich dahin, wo meine Phantasie mich seit meiner Kindheit ansiedelte: In die Welt der Vermögenden, der Einflussreichen, der Schillernden und Glitzernden.

Dass ich meinen Vater nicht gekannt habe, gab meinen Träumen laufend neue Nahrung und häufig spielte er in ihnen eine beherrschende Rolle.

Da fuhr flüsternd eine Luxuslimousine neben mir an den Straßenrand, ein großer Mercedes, sanft schwang die hintere Tür genau neben mir auf, ein Herr in dunklem Anzug und grauen Schläfen beugte sich hinaus.

»Komm, Josef«, begrüßte er mich mit sonorer Stimme, »ich bin dein Vater, ich habe dich schon lange beobachtet. Komm mit mir, du lebst jetzt bei mir.«

Ich stieg ein, weich startete der Chauffeur das schwere Fahrzeug und wir rollten einem neuen Leben entgegen, einem Leben in Luxus in einer Villa am Rande der Stadt, ich konnte in Ruhe die höhere Schule besuchen, studieren und Architekt, Bankier oder Anwalt werden.

Ein anderer Traum entführte mich in die Welt des Glamours, mein Vater war ein berühmter Schauspieler, er holte mich zu sich und meine ganze Umwelt atmete auf: Ja, wenn das Josefs Vater ist, verstehen wir, warum er so anders ist als wir, so hübsch, gerade und aufrecht gewachsen und so klug.

Immer katapultierte mich das Leben aus den Träumen in die raue Wirklichkeit zurück, in den kahlen und armen Vorort der Stadt, in die kleine Wohnung.

»Mama, mein Vater, das ist doch bestimmt ein kluger Mann?«, fragte ich meine Mutter.

»Dein Vater war ein Säufer«, kommentierte sie hart und brutal, »deshalb habe ich ihn rausgeschmissen, besser ohne Vater aufwachsen als mit einem Säufer.« Ich habe ihr das nie abgenommen, aber aus ihr auch nie etwas anderes über meinen Vater herausbekommen. Irgendwann, als ich erwachsen wurde, ließ mein Interesse dann nach, ich habe ihm nie mehr hinterher geforscht, ich war um mein eigenes Fortkommen besorgt.

Einstweilen indes musste ich mich den Plänen fügen, die meine Mutter mit mir hatte und in die Lehre bei dem Supermarktinhaber, Herrn Ahlers, gehen. Tatsächlich, ich war einer der Auserwählten, der nach der Schule eine Lehrstelle bekam, ich vergrößerte nicht das unzählbare Heer der jugendlichen Arbeitslosen, die, ob mit oder ohne Schulabschluss, keine Chance hatten, in die Arbeitswelt aufgenommen zu werden. Wie meine Mutter Herrn Ahlers schon sehr früh, noch zu meinen Schulzeiten, erweicht hatte, mich als Lehrling einzustellen, wusste ich nicht. Heute denke ich manchmal, er nahm mich auf, weil er sich aufgrund meines ansprechenden Äußeren eine wachsende Kundschaft versprach, aber auch das mögen Hirngespinste sein.  

Mein Chef war ein dicker, sehr gemütlicher Mann, bei dem ich wenig zu leiden hatte. Leicht lernte ich die Waren und die Preise auseinanderhalten, leicht konnte ich die Listen der Vorräte führen und ihm bei der Auswahl der Artikel helfen, die er bestellen musste.

Ich habe ein von Natur aus freundliches Wesen und kam daher auch gut mit den Kunden zurecht, zumal ich meine Frustration über meine derzeitige Situation gut zu verstecken wusste.

Ich lebte die ganze Zeit der Lehre hindurch weiter bei meiner Mutter in der kleinen Wohnung und gab ihr das Meiste von meinem Lehrlingsgehalt ab, nur einen kleinen Betrag für mich und meine bescheidenen Ausgaben für Süßigkeiten behaltend.

Mit achtzehn Jahren, nach drei Jahren Lehre, bestand ich die Abschlussprüfung und durfte mich nun Einzelhandelskaufmann nennen.

Die Lehre hatte meine Gedanken über meine Zukunft und was sie bringen könnte, hinausgeschoben, nach dem Abschluss stand ich erneut vor der Frage, was ich tun wollte.

3 Es war in meinem dritten Lehrjahr, als ich Henriette Breuker zum ersten Male wahrnahm, wie sie in unserem Supermarkt einkaufte. Ich bemerkte sie, der Chef hatte mich zum Kassieren eingeteilt, als sie ihren Einkaufswagen zu meiner Kasse schob. Ich sah nicht die Waren, ich sah nicht den Wagen, ich sah nur sie und war verloren. Sie war mittelgroß, also kleiner als ich, der ich schon damals hoch aufgeschossen war, ihre Figur kam in dem leichten Sommerkleid gut zur Geltung, aber nicht ihre Gestalt war es, die es mir angetan hatte, es war ihr Gesicht. Ihre Haare waren, der herrschenden Mode trotzend, so kurz geschoren, dass sie nicht einmal die Ohren bedeckten und ihre breite und hohe Stirn vollständig frei ließen. Unter den dichten Brauen wurden ihre Augen durch hohe Wangenknochen fast bedrängt, ein voller Mund und ein kräftiges Kinn vervollständigten das Bild eines ausdrucksstarken Gesichtes. Und dann bemerkte sie offenbar, dass ich sie anstarrte, sie hob die Augen zu mir und ein strahlendes Lächeln erhellte ihre Züge, ihre Augen blitzen mutwillig und dieses Lächeln machte es, dass ich ihr verfiel.

»Und, gefällt dir, was du siehst?«, fragte sie, offenbar weder beleidigt noch auch nur gestört durch meine neugierigen Blicke.

»Hm, nein, ja, natürlich«, stotterte ich, langsam wieder zu mir kommend, »doch, du gefällst mir sehr, komm, ich muss die Waren kassieren.«

Sie kam vollends heran und legte ihre Einkäufe auf das Band.

»Siebenundzwanzigfünfzig«, sagte ich, noch heute weiß ich die Summe bis auf den Pfennig genau. Sie legte das Geld auf die Schale, ich gab ihr das Wechselgeld heraus.

»Kommst du öfter hierher?«, wagte ich zu fragen und sie lachte.

»Jede Woche, immer um diese Zeit, wir sehen uns dann nächste Woche.«

»Aber vielleicht bin ich nächste Woche nicht zum Kassieren eingeteilt«, bemerkte ich schüchtern, »dann würden wir uns ja erst übernächste Woche sehen, wenn ich dann an der Kasse sitze.«

»Ja gut, dann eben bis demnächst.«

»Nein, das ist mir zu zufällig.« Kein Kunde wartete hinter ihr und ich wurde mutiger, weil sie stehen geblieben war, nachdem sie ihre Einkäufe in einer Tasche untergebracht hatte. »Vielleicht können wir uns für heute Nachmittag verabreden, heute habe ich schon um vier Uhr Feierabend.«

»Ich weiß ja noch nicht einmal, wie du heißt, und da soll ich mich gleich mit dir verabreden?«

Wortlos deutete ich auf das Namensschild an meinem grauen Kittel.

»Josef Saling«, las sie, »ein schöner Name. Gut dann, wie wärs mit halb fünf heute und übrigens, wenn du wissen willst, wie ich heiße, Henriette Breuker. Und wenn du es gleich wieder mit mir verderben willst, nenn mich einfach Hetty, das kann ich auf den Tod nicht ausstehen.«

»Ist gut, Henriette«, antwortete ich, »ich werds mir merken. Ich habe übrigens kein Auto, ich komme mit dem Fahrrad, wollen wir uns an der Kanalbrücke treffen?«

Sie sah nach draußen.

»Das Wetter ist ja Klasse für eine Radtour, also gut, um halb fünf an der Kanalbrücke.«

Sie ging, mittlerweile hatten sich drei Kunden an meiner Kasse angestellt, es wurde Zeit, dass ich weiter meinem Dienst nachging.

An diesem Tag arbeitete ich nachlässig, machte Fehler beim Kassieren, ich merkte, wie ich immer noch zitterte vor Anspannung. Ich hatte ein Mädchen angesprochen! Und sie hatte nicht wütend reagiert, sie hatte gelächelt und sich mit mir verabredet. Ich war aufgeregt und glücklich.

4 Wir fuhren langsam nebeneinander auf dem Sandweg, der am Kanal entlanglief und redeten. Warm war der Tag, wir waren weit hinaus auf das Land gefahren und Henriette erzählte.

Sie ging zum Gymnasium, in die elfte Klasse, und überlegte, ob sie nicht die Schule aufgeben sollte.

»Ich würde gern fotografieren lernen«, sagte sie mir, »meine Eltern haben mir auch einen Fotoapparat geschenkt, einen ziemlich guten sogar, aber sie wollen mir nicht erlauben, auf die Fotografenschule zu gehen. Ich soll was Anständiges lernen«, sagte sie mit einer naserümpfenden Betonung, »danach könnte ich machen, was ich wollte.«

Ich hörte ihr mit Begeisterung zu, ich wollte nichts erzählen, ich wollte sie nur immer ansehen. Wir hatten jetzt einen Seitenweg erreicht, der vom Kanal wegführte, ein Sandweg, der in einladendem Gelb in der Sonne dalag.

»Wollen wir die Fahrräder nicht hinstellen und ein bisschen da lang gehen?«, fragte ich Henriette und sie willigte ein.

Zwei Minuten später, der Weg führte an einem Krüppelwäldchen vorbei, nahm sie meine Hand. Mein Herz klopfte zum Springen, atemlos ging ich neben ihr her, kein Wort fiel, noch jetzt spüre ich die Aufregung des Achtzehnjährigen in meiner Kehle.

»Magst du mich denn eigentlich leiden?« flüsterte es neben mir, während wir langsam, Schritt für Schritt, gingen.

»Ja, ich mag dich sehr«, gab ich leise zurück und dann blieb sie stehen und lehnte ihren Kopf an meine Schulter.

Mit dem Mund streifte ich ihre Haare, ihre Augen, ihre Wangen, ehrfürchtig fast berührte ich ihren Mundwinkel, erst ebenso zart, dann fester. Und dann spürte ich ihren Gegendruck und gab mich meinem ersten Kuss hin. Henriette, konnte ich noch denken, nahm wahr, dass unsere Münder aufeinander lagen, dass unsere Nasen sich rieben, ich spürte den Geruch des anderen Menschen, den Geruch ihres Atems, ihrer Nase, und dann küssten wir uns immer heftiger, hungrig. Henriette suchte meine Zunge und wir versanken im ersten Kuss, dem ersten meines Lebens, vergaßen Zeit und Raum um uns und wussten nichts mehr, als dass wir uns küssten, dass unsere Münder einander begehrten.

Nach drei Tagen trafen wir uns wieder, wir erkundeten die Umgebung der Stadt. Wir fuhren einsame Wege, oft am Wasser entlang, kein Fahrzeug kam hierher, wir waren allein, rechts von uns der Kanal, der braunes Moorwasser führte, schon lange war er nicht mehr von Schiffen befahren. Links vom Weg begann ein kleines Wäldchen, das fast nur aus verkümmerten kleinen Bäumen bestand, Kiefern vor allem, Eichen, Birken und Erlen. Sie gediehen nicht gut auf dem sandigen Boden, der durch den Humus des Waldes schimmerte, goldgelb wie der Sand auf dem Weg, durch den wir unsere Fahrräder schoben. Hier war eine Schneise in dem Wäldchen, ein Naturweg führte eine Böschung hinauf, Sand auch hier, und in das Wäldchen hinein.

Ich hielt an, stellte mein Fahrrad auf den Ständer und ging zu Henriette.

»Bitte küss mich noch einmal«, sagte ich, »es war so schön neulich, bitte«, und ich nahm ihr das Fahrrad ab und stellte es ebenfalls auf den Ständer. Ich wendete mich ihr zu, die mir entgegensah, liebevoll, wie ich auf sie zuging, ihr Gesicht in meine Hände nahm und erst ganz vorsichtig sie auf die Wangen küsste, dann auf die Mundwinkel und dann, wie sie mir den Mund entgegenhielt, auf den Mund und dann standen wir da, auf der kleinen Waldlichtung, auf dem weichen Sand, eng umschlungen, sie hatte ihren Körper an meinen gedrückt, standen da und küssten uns, verloren für die Umgebung, für die Vergangenheit und Zukunft, nur küssend.

Den ganzen Rest des Sommers gingen wir miteinander, ich war aufgeregt über meine erste Liebe und sie traf sich gerne mit mir. Ich vernachlässigte die Berufsschule über diesen Treffen, ich machte ungern Überstunden und mein Lehrherr, der gemütliche Herr Ahlers, lächelte gutmütig, ich hatte ihm gestanden, dass ich frisch verliebt war und er nahm Rücksicht darauf.

Im Herbst, es war schon empfindlich kalt geworden, war ich mit Henriette am frühen Abend im Café Krüger in unserem Stadtteil verabredet. Sie sah ernst aus, als ich ankam.

»Josef, es tut mir ganz schrecklich leid«, begann sie ohne Umschweife, »aber ich habe mich in einen anderen Jungen verliebt. Es ist aus mit uns.«

Ich saß wie vom Donner gerührt, unfähig, mich zu bewegen, ich konnte keinen Gedanken fassen, nein, schoss es mir durch den Kopf, nein, das kann nicht sein. Ich war so unsterblich in Henriette verliebt, dass ich mir nicht vorstellen konnte, wie das Leben ohne sie aussehen sollte.

Mechanisch trank ich den Kaffee aus, den ich mir bestellt hatte, immer noch konnte ich kein Wort herausbringen.

»Josef, sag doch was. Mein Gott, du bist ja ganz blass geworden, ist alles in Ordnung mit dir?«

Ich stieß ein erbittertes Lachen aus.

»In Ordnung? Nein, nichts ist in Ordnung. Aber wenn du dich in einen anderen verliebt hast, dann...«

Ich brach ab. Ich wusste nicht, was dann. Ich hatte jetzt doch einen Gedanken: Ich wollte hier raus, weg von ihr, wollte allein sein, darüber nachdenken, ich wollte mit keinem Menschen reden und erst recht nicht mit ihr, die sich in einen anderen verliebt hatte. Wortlos stand ich auf, warf für den Kellner fünf Mark auf den Tisch und verließ, ohne sie noch einmal anzusehen, das Kaffeehaus.

Ich habe Henriette sehr viel später wiedergesehen, in einem anderen Leben, unter sehr anderen, dramatischen Umständen. Aber noch heute erscheint mir manchmal, allerdings jetzt nur noch selten, die Henriette von damals in meinem Traum, Henriette, die meine erste Liebe gewesen war.

5 Noch verschlossener war ich den Rest meiner Lehrzeit, nur im Umgang mit Kunden konnte ich mir ein Lächeln abringen. Immer mehr zog ich mich in mich zurück, konzentrierte mich auf meine Gesellenprüfung und darauf, was ich hinterher machen wollte. Ich würde eine Zeit lang im Supermarkt arbeiten können, mir ein Grundkapital verdienen und dann war für mich klar, dass ich die Stadt verlassen würde, sobald ich fertig war. Ich wollte irgendwohin gehen, wo mich nichts an diesen trostlosen Ort erinnerte, in dem ich aufgewachsen war und an dem ich Henriette zurücklassen wollte.

Diesen Plänen bereitete Herr Ahlers am Tag nach meiner Gesellenprüfung ein abruptes Ende.

»Ja, Josef, es tut mir leid, aber ich kann dich nicht übernehmen. Du musst sehen, dass du woanders Arbeit findest. Ich habe ein neues Kassensystem gekauft, wie du weißt und einen von diesen neuen Computern, die nehmen mir viel Arbeit ab. Die Kosten fressen mich auf.«

Was war darauf schon zu antworten? Gar nichts. Ich packte meine Sachen und ging, zunächst noch nicht sehr besorgt. Hatte ich nicht einen guten Abschluss als Einzelhandelskaufmann? Wurden die denn nicht immer gesucht? Frohgemut machte ich mich über die Zeitungen her und studierte die Stellenanzeigen. Aber niemand wollte einen Einzelhandelskaufmann einstellen, niemand brauchte mich offenbar.

Das bestätigte mir auch meine Sachbearbeiterin beim Arbeitsamt.

»Nein, sowas kann ich Ihnen nicht anbieten«, sagte sie, »davon gibt es zu viele.«

»Ich würde auch in einem anderen Beruf arbeiten«, bot ich vorsichtig an, »ich will nur erst einmal eine Stelle haben und Geld verdienen.«

Sie lächelte müde.

»Solche wie Sie gibt es massenhaft, was glauben Sie? Auf eine offene Stelle habe ich mindestens zwanzig Bewerber, und viele offene Stellen gibt es sowieso nicht. Und dann ist Ihre Adresse auch nicht sehr günstig. Wenn ein Arbeitgeber die Wahl hat und sieht, dass Sie aus der Vorstadt kommen, nimmt er lieber jemand anders.«

»Ich könnte ja umziehen, in eine eigene Wohnung, aber die müsste dann das Arbeitsamt bezahlen, ich habe kein Geld.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Sei kriegen noch keine eigene Wohnung, Sie sind erst achtzehn, da bezahlt das Sozialamt Ihren Eltern die Wohnung, in der Sie dann wohnen müssen.«

Ich gab auf. Keine Arbeit, keine eigene Wohnung, ich saß auf der Straße, abhängig von Geldern, die mir die öffentliche Hand zukommen ließ, und das war wenig, weil ich bei meiner Mutter wohnte, sie meinten offenbar, da würde ich nichts brauchen.

Wir waren also aufeinander angewiesen, meine Mutter und ich, wir mussten miteinander in der kleinen Wohnung aushalten, aber ich konnte nicht den ganzen Tag dasitzen und Trübsal blasen. Also ging ich hinaus auf die Straßen, sah mich aufmerksam um, ob es nicht irgendwo etwas für mich zu tun gab.

Nach zwei Wochen, ich lehnte an der Mauer der Schule, sprach mich ein bulliger Mann, zwei Jahr älter als ich, an:

»Was willst du eigentlich hier? Ich beobachte dich schon eine Woche. Du hast hier nichts zu suchen.«

»Warum? Hast du zu sagen, ob ich hier stehen darf?«, gab ich zurück.

Von zwei Seiten näherten sich zwei andere Jugendliche.

»Natürlich habe ich das zu sagen. Hast du schon von den »Tigers« gehört? Na siehst du, wir gehören dazu. Ich bin ihr Anführer, und du machst dich jetzt vom Acker, verstehst du?«

Drohend baute er sich vor mir auf, flankiert von seinen nicht weniger bedrohlichen Begleitern.

Ich suchte das Weite, ich bin immer weggelaufen, wenn Gewalt drohte, vier Straßen weiter, dahin, wo sie nichts zu sagen hatten. Dort allerdings sprach mich ein kleiner, gemein aussehender Junge an, nicht viel älter als ich. Er sei der Anführer der Bulldogs und die wollten mich hier nicht in ihren Straßen dulden.

Auch von ihnen hatte ich schon gehört, sie waren berüchtigt für die Schläger, die sie in ihren Reihen hatten und für die Schlägereien, die sie in ihren Grenzgebieten den »Tigers« lieferten. Auch hier wurde ich vertrieben.

Also ging ich an jedem Tag morgens den weiten Weg in die Innenstadt, an den großen Strom, an dem die Stadt Seebrück lag und in das Einkaufsviertel, wo ich mich an den Schaufenstern entlang drückte, immer mit dem Gedanken, wie ich Geld auftreiben konnte, Geld, das ich zur Flucht brauchte.

Es dauerte einige Zeit, bis ich die Chance erkannte, die die Frauen boten, die auf den Terrassen der Cafés saßen und sich unterhielten. Viele hatten ihre Taschen lässig neben sich gelegt und achteten nicht darauf. Noch länger brauchte ich, um gezielt nach solchen Frauen Ausschau zu halten und auf einen Moment zu warten, an dem die Tasche unbeobachtet war. Irgendwann einmal fasste ich mir Mut und zog eine lederne Handtasche vom Stuhl, leise, ohne dass ihre Eigentümerin das merkte. Schnellen Schrittes entfernte ich mich, suchte eine stille Ecke und untersuchte meinen Fund. Gleich beim ersten Mal hatte ich Glück: ich fand allerlei Papiere vor, die mich nicht interessierten und ein Portemonnaie, in dem dreihundert Mark waren. Die nahm ich heraus, legte den Rest einfach auf die Straße und ging davon, dreihundert Mark reicher.

Noch zweimal stahl ich auf diese Weise Handtaschen und erbeutete beide Male Bargeld, das ich aber nicht ausgab, ich trank höchstens mal einen Kaffee, um mich auszuruhen.

Danach wurde ich mutiger, wartete nicht darauf, dass mein Opfer sich ganz von ihrer Tasche abwandte. Beim fünften Mal bemerkte die vornehme Frau, über deren Eigentum ich mich hergemacht hatte, meinen Diebstahl und rief:

»He, Sie da, was machen Sie mit meiner Tasche?«

Bevor aber jemand aufmerksam wurde, hatte ich den Beutel an mich gerissen und rannte davon. Ich war zu der Zeit sehr schnell und längst ein paar Straße weiter, ehe sie auch nur verstanden hatte, was ihr geschehen war.

Auf diese Weise stahl ich mir bis zum Herbst, in dem es noch warme Tage gab, achthundert Mark zusammen, ein kleines Vermögen, mein Grundkapital, mit dem ich aus der Stadt flüchten konnte.

6 Ich weiß heute nicht mehr, warum ich ausgerechnet auf Göttingen verfiel, aber diese Stadt war plötzlich in meinem Kopf. Klar war, dass ich meine Ziele nicht erreichen konnte, wenn ich regulär arbeitete, weder als Einzelhandelskaufmann noch als selbständiger Kaufmann. Immer noch träumte ich davon, eines Tages zu den Reichen zu gehören, zu den Bedeutenden, und dieser Gedanke wurde jetzt noch verstärkt durch die Idee, ich würde es Henriette zeigen, sie würde es eines Tages bedauern, mich verlassen zu haben.

Karriere wollte ich machen, und dann ging ich am besten dahin, wo diejenigen lernten, denen eine Karriere vorgezeichnet war, nämlich die Studenten und Göttingen war Universitätsstadt. An diese Gedanken erinnere ich mich noch.

Heimlich, aber gründlich bereitete ich meinen Weggang vor: Ich packte, sorgfältig abwägend, nur das ein, was ich notwendig brauchte. Ich würde den ersten Monat überleben müssen, mir war klar, dass das die erste große Hürde war. Ich hoffte nur, dass mein erschlichenes Vermögen ausreichen würde, mehr Geld konnte ich nicht beschaffen und in Göttingen wollte ich möglichst nicht kriminell werden. Dort würde ich erst einmal Arbeit finden, einen Studentenjob, hatte ich mir gedacht. Meine Mutter konnte ich nicht nach Geld fragen, ich musste sie vor vollendete Tatsachen stellen, ich würde ihr nur einen Brief hinterlassen. Ich hatte auch schon Vorstellungen davon, wohin ich mich zuerst wenden wollte, an die Studentenorganisationen, die mussten massenhaft Aushilfsjobs kennen, die normalerweise Studenten bekamen. Gab ich mich eben als Student aus. Aber die Arbeitgeber würden mir meinen Arbeitslohn erst nach Schluss der Arbeiten oder am Monatsende zahlen, und wovon sollte ich mich bis dahin ernähren?

Eine Woche lebte ich so: Körperlich wohnte ich noch bei meiner Mutter, war anwesend, aber mein Geist war ununterbrochen damit beschäftigt, meine Flucht zu planen, denn eine Flucht war es für mich, vor Henriette, vor meiner Mutter, vor der Stadt und vor der Armut. Es war eine Woche voller Unbehagen, aber dann stand der Zeitplan fest.

Ich würde nach Göttingen fahren, gleich Montag früh. Dort würde ich eine Nacht in einem möglichst billigen Hotel verbringen, dafür reichten die wenigen Ersparnisse, die ich bei meinen Handtaschenzügen erbeutet hatte, aus, sie würden auch genügen für die erste Miete, die ich zu bezahlen haben würde, ich musste schnellstens ein Zimmer finden.

Heute schmunzele ich über die Naivität des Jungen, der meint, er könne nach Göttingen fahren, am nächsten Tag ein Zimmer suchen und dann auch eins finden. Aber manchmal scheint das Glück die Naivität zu begünstigen.

Ich stieg Montagmorgen in den Zug, mit gerade genug Bargeld in der Tasche, um auf der Reise einen Kaffee trinken zu können, um eine Nacht im Hotel zu verbringen und eine Monatsmiete für ein Zimmer zu bezahlen. Den Rest hatte ich in dem kleinen Koffer versteckt. Meiner Mutter hatte ich einen kurzen Brief hingelegt, ich ginge weg und würde mich melden.

Es war ein kalter Morgen Anfang Dezember, der Winter hatte begonnen. Schauder fassen mich heute auf meiner warmen Terrasse, wenn ich an den einsamen Jüngling denke, der, dünn, fast hager und hochgewachsen, auf dem zugigen Bahnsteig der großen Stadt stand und auf den Zug wartete, der ihn an sein Ziel tragen würde, eingewickelt in seine gefütterte Jacke und mit einem kleinen Koffer in der Hand. Ich weiß noch, wie mich schon auf dem Bahnsteig das erste Heimweh packte, nach meinem warmen Zimmer, nach der Geborgenheit meines Zuhause, und vor allem nach ihr, Henriette, die ich nun nie wiedersehen sollte. Ich war den Tränen nahe, unwillkürliche Schluchzer schüttelten mich immer wieder durch. Ich hoffte, dass dieser verdammte Zug nun endlich kommen würde, damit die Reise beginnen konnte, damit mir eine Umkehr nicht mehr möglich war. Und dann kam er und ich stieg ein.

II    EINBRUCH

1Was macht ein junger Mann, der gerade zwanzig Jahre alt geworden ist, mit dem Zeugnis der letzten Klasse der Grundschule, einer abgeschlossenen Lehre als Einzelhandelskaufmann, einem Beruf, den er auf keinen Fall auszuüben gedachte und mit Flausen vom Reichtum im Kopf?

Ich saß seit fast einem Jahr Tag für Tag neben meinem Fahrer, Hannes Uhlwein, einem kleinen, drahtigen Mann, der den riesigen Lkw von achtzehn Tonnen mit traumwandlerischer Sicherheit noch durch engste Straßen manövrierte, einen dörflichen Supermarkt nach dem anderen ansteuernd. Wir fuhren für die große Lebensmittelkette, deren Name mit deutlichen Buchstaben auf den ausladenden Flächen des Fahrzeuges aufgedruckt war, nach einem festgelegten Tourenplan die Filialen der Kette in den umliegenden Dörfern an, um sie mit den Waren aus der Zentrale in Göttingen zu beliefern.

Langsam rumpelte der schwere Lkw von dem mit Kopfstein gepflasterten Hof. Hannes Uhlwein hielt in der Ausfahrt kurz an, um sich eine Zigarette anzuzünden, während ich mit Sorge aus dem Fenster sah, wo dicke Schneeflocken sich seit einer halben Stunde auf die Scheiben legten, vom Wischer mühsam beiseitegeschoben.

»Ah«, seufzte er, »die erste Zigarette nach einem so großen Kunden, das ist der reine Genuss.«

Hannes war der Fahrer, dem ich von der Zentrale in Göttingen zugeteilt worden war. Die Hauptniederlassung in der Region hatte vor fünf Jahren beschlossen, jeden ihrer Lkw mit einem Beifahrer zu besetzen. Das entlaste die Fahrzeugführer und mache die Lkw sicherer, weil die sich ausschließlich auf ihre Aufgabe, das Fahrzeug zu lenken, konzentrieren könnten, alles andere habe der zweite Mann zu erledigen. Der Konzern hatte deutschlandweit damit geworben, er kümmere sich eben nicht nur um möglichst große Gewinne, sondern auch um seine Mitarbeiter und um die Sicherheit des Verkehrs.

In der Studentenstadt Göttingen konnte die Niederlassung die zusätzlichen Ausgaben leicht verkraften, gab es doch Arbeitskräfte genug, die gegen geringes Entgelt aushalfen, eben die Studenten.

Und als einen solchen hatte ich mich bei dem Personalleiter der Göttinger Filiale ausgegeben.

Ich war am Dienstag früh nach meiner Flucht in das Verwaltungsgebäude der Universität gegangen. Dort in der Empfangshalle, so hatte ich vermutet, hingen eine Fülle von Stellenangeboten.

Und tatsächlich, mindestens vier Stellenanzeigen gab es, die mich interessierten, eine davon eben als Beifahrer bei dem Lebensmittelkonzern. Ein Führerschein sei dafür nicht nötig, war ausdrücklich angegeben.

»Und was studieren Sie?«, hatte mich der Personalleiter, ein dicker, freundlicher Mann gefragt.

»Nein«, hatte ich gestottert, »noch nicht, ich will erst anfangen, im nächsten Semester, Jura«, hatte ich mich beeilt, zu ergänzen, da er immer noch nicht überzeugt schien.

»Habe mich auch schon gewundert«, brummte er, »das Semester läuft doch schon länger, da kriegen wir schwerer Studenten als in den Ferien, da gibt es genug Angebote. Jura«, wiederholte er sinnend, »an sich bin ich ja nicht so begeistert von Jurastudenten als Aushilfsarbeiter, ich habe immer Angst, sie würden nur zur Übung die Firma verklagen.«

»Dann dürften Sie aber erst recht keine Medizinstudenten anstellen«, versuchte ich zu scherzen und erklärte, als er mich fragend ansah:

»Die Medizinstudenten könnten Sie doch, nur zur Übung, zu operieren versuchen.«

Einen Moment hatte ich Angst, mein Scherz wäre ihm zu weit gegangen, aber dann öffnete sich sein Mund, ließ zwei Reihen prächtiger Zähne sehen und er prustete sein Lachen so laut heraus, dass seine Mitarbeiterin im Vorzimmer erschrocken zu uns herübersah.

»Der ist gut«, brüllte er und wurde immer wieder von Lachanfällen geschüttelt, »Sie sind eingestellt, Saling, melden Sie sich morgen früh um sieben bei Hannes Uhlwein, dem Fahrer. Mit dem fahren Sie. Der raucht wie ein Schlot, ist das ein Problem für Sie?«

Ich schüttelte den Kopf, nichts hätte mich gestört, ich war angenommen, ich hatte meine erste Stelle, ich würde Geld verdienen, tausendeinhundert Mark im Monat und auf eigenen Beinen stehen.

»Und über Weihnachten werden Sie arbeiten müssen, an Heiligabend und ab dem zweiten Weihnachtstag«, hatte er ergänzt. Aber auch das war für mich kein Hinderungsgrund.

Und so war ich am nächsten Morgen auf den Lkw geklettert und hatte mich in den nächsten Wochen an die neuen regelmäßigen Arbeitszeiten, die Arbeit und meinen geschwätzigen Fahrer gewöhnt.

 Hannes kannte alle Inhaber der Filialen, die wir abfuhren, seit Jahren mit Namen, er begrüßte sie freundschaftlich, rauchte mit dem einen oder anderen eine Zigarette, bevor wir mit dem Ausladen der bestellten Waren begannen. In den meisten Fällen war das leichte Arbeit, hatte der Lkw doch eine Rampe, die sich hydraulisch nach oben und unten bewegte, über die die auf rollende Paletten gestapelten Waren zu Boden gesenkt und dann in die Lager der Märkte geschoben werden konnten. Nur einen Laden gab es, in einem kleinen alten Gebäude, dessen Vorratsraum im Keller war, was bedeutete, dass Hannes und ich die Warengebinde einzeln hinuntertragen mussten.

Hannes fluchte jedes Mal, wenn wir am Donnerstagmittag dort ankamen und die Schufterei begann.

»Wenigstens mit anfassen könnte er, der verdammte Linkskommunist«, beschwerte er sich, aber sobald der Inhaber in der Nähe war, hielt er an sich und schleppte schweigend weiter.

Seit knapp einem Jahr fuhr ich nun mit Uhlwein, im beginnenden Winter hatte ich angefangen, nun war der Herbst herangekommen.

Hannes Uhlwein hatte schon »so seine Erfahrungen mit Studenten«, wie er mir von Anfang an klargemacht hatte. Immer wieder erklärte er mir, während er lässig und wie nebenbei schaltete und lenkte, die Welt. Er war einer von diesen Menschen, die alles wissen, alles können und von nichts überrascht werden und die von ihrem reichhaltigen Wissen gerne preisgeben, an Interessierte ebenso wie an die Mitmenschen, die wie ich auf seine Weisheiten auch hätten verzichten können.

Wir kamen gut miteinander klar, wie er mir ständig versicherte, aber das lag daran, dass ich ihm nie widersprach. Bezeichnete er den Supermarktinhaber als »Linkskommunisten«, so vermied ich, ihn zu fragen, was denn ein Rechtskommunist sein sollte. Zog er, seine bevorzugten Felder waren Politik und Fußball, über »die da oben« her, die auf Kosten des kleinen Mannes regierten und die Steuergelder ausgaben, so überging ich schweigend sein Bekenntnis, er habe bei der Bundestagswahl dieses Jahr die NPD gewählt, nicht, dass er Nazi sei, aber die würden es denen doch mal kräftig zeigen.

Ich schwieg.

Ich schwieg auch, als er mir mit wichtiger Miene erklärte, welche Fehler der Trainer der deutschen Nationalmannschaft, Derwall, bei der Aufstellung zu einem längst vergangenen Endspiel der Weltmeisterschaft in Spanien gemacht habe und wie man »die Azurros«, die italienische Fußballmannschaft, hätte schlagen können.

Hannes Uhlwein war für meine jungen Jahre eine Zumutung, er erklärte mir die Welt, die ich doch natürlich so viel besser verstand als er, und dennoch durfte ich ihm nicht widersprechen, wollte ich nicht das Klima im Führerhaus »seines« Lkw vergiften.

Das hinderte aber nicht, dass ich Abend für Abend einsam in dem kleinen Zimmer saß, das ich mit so viel Glück gleich gefunden hatte und sich mein Verstand um immer die gleiche Frage bewegte: Was sollte ich tun? Wollte ich tatsächlich für den Rest meines Lebens neben diesem tölpelhaften Besserwisser in einem Lkw durch den Landkreis Göttingen ziehen?

Gewiss nicht!

Aber was wollte ich eigentlich? Die Arbeit war so anstrengend, dass sich meine Gedanken abends und an Wochenenden, soweit ich frei hatte, müde und erschöpft nur bis zu der Frage aufschwingen konnten, wie meine Zukunft aussehen sollte. Um Antworten zu finden, hatte ich nicht genug Kraft.

Seit der erste Herbststurm über die Stadt hinweggezogen war, hörte ich genauer hin, wenn Hannes seine Monologe hielt, den Motorenlärm übertönend. Er hatte ein neues Thema angeschnitten.

»Ich bleibe nicht ewig Fahrer hier, das kannste mir glauben«, sagte er, »ich habe da was, wenn das gelingt, dann bin ich weg, so schnell kannste gar nicht gucken«.

Ich schwieg, wie gewöhnlich, weder wollte ich widersprechen noch ihn bestätigen, und für diesmal beließ er es dabei. Aber immer wieder begann er davon, dass er etwas machen wolle, damit er hier verschwinden könne. Irgendwann hielt ich es dann doch nicht mehr aus, vor allem, weil die Frage, wie man aus der Mühle dieser Arbeit herauskommen konnte, mich praktisch in meiner ganzen Freizeit beschäftigte.

»Was hast du denn eigentlich, um von der Arbeit wegzukommen und warum machst du das denn nicht?«, fragte ich eines Tages in seinen Redeschwall hinein, mit dem er mir wieder und wieder seine Fluchtgedanken dargelegt hatte, ohne konkret zu werden.

»Kann ich dir nicht sagen«, schrie er gegen den aufheulenden Motor an, er hatte bei der Dorfeinfahrt heruntergeschaltet, »ist geheim, auch ein bisschen gefährlich. So einer wie du verrät mich doch sofort.«

Ich ließ es dabei bewenden. Ich kannte ihn mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass er auf jeden Fall auf die Sache zurückkommen werde. Er platzte geradezu vor Mitteilungsbedürfnis, ich war der Meinung, ich brauchte nur zu warten und er würde erneut anfangen.

Wir machten Mittagpause auf unserer Mittwochstour. Er war auf den großen Parkplatz mitten im Wald gefahren, hatte den Motor abgestellt, nur die Standheizung lief unter leisem Summen weiter. Draußen herrschte dichtes Schneetreiben, ich hatte ein paar Mal das Gefühl gehabt, wir müssten die Tour abbrechen, aber Hannes hatte mich beruhigt.

»Nein, wegen dem bisschen Schnee geben wir nicht auf, das ist mir erst einmal passiert, vor drei Jahren, da gab es Blitzeis, die Straße wie ein Spiegel, da war kein Halten mehr. Ich bin an den Rand gefahren und habe gewartet.«

Jetzt saßen wir schweigend, aßen unser Brot und tranken Kaffee aus den Thermoskannen, Hannes rauchte sofort wieder.

»Ja«, begann er, »wenn ich wüsste, dass du das Maul halten kannst, dann würde ich dir was erzählen.«

»Aber natürlich kann ich das Maul halten, das weißt du doch. Wir haben viel miteinander geredet, nie habe ich irgendwas weitererzählt.«

»Ja, das sagst du so. Aber weiß ich das denn?«

»Probiers doch mal«, antwortete ich, »erzähl, was du willst, und dann wirst du ja merken, ob etwas darüber durchsickert. Das würdest du doch sofort erfahren.«

»Schon klar«, immer noch zögerte er, »du bist ja auch ein Kumpel und eigentlich vertraue ich dir auch, aber was ich da habe, ist gefährlich, um genau zu sagen, es ist auch ein bisschen kriminell.«

»Kriminell?«, fragte ich lachend, »das ist was anderes. Wenn du jemanden umbringen willst, das kann ich dir gleich sagen, dann erzähl mir das lieber nicht, dabei mache ich nicht mit.«