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Was macht man, wenn man nach einem interessanten Leben mit vielen Erlebnissen niemandem mehr darüber erzählen kann? - Man schreibt sie auf! Bei Wolfgang Tröger wurde im Alter von 48 Jahren eine Erkrankung an amyotropher Lateralsklerose (ALS) festgestellt, die unter anderem zwischenzeitlich zu einem Verlust der Sprachfähigkeit geführt hat. In diesem Buch hat er seine Erlebnisse in den von ihm geschäftlich oder privat besuchten, darunter auch wenig bekannten Ländern wie Usbekistan oder Aserbaijan, zusammengestellt. Mit seinen Schilderungen möchte er den Leser jedoch nicht nur unterhalten, sondern auch über aus seiner Sicht interessante Besonderheiten der Länder informieren, sowie auch zum Schmunzeln und Nachdenken anregen.
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Seitenzahl: 215
Veröffentlichungsjahr: 2015
www.tredition.de
Für meine zukünftigen Enkelkinder…
… und alle anderen, denen ich nicht mehr über mein Leben erzählen kann.
Wolfgang Tröger
Textbausteine
Erinnerungen aus 42 Ländern an ein
www.tredition.de
© 2015 Wolfgang Tröger
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7323-3643-2
Hardcover:
978-3-7323-3644-9
e-Book:
978-3-7323-3645-6
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Usbekistan
Ukraine
Türkei
Turkmenistan
Tschechoslowakei
Tadschikistan
Spanien
Schweiz
Schweden
Russland
Rumänien
Polen
Österreich
Norwegen
Niederlande
„Molwanien“
Moldawien – Republik Moldau
Macao
Luxemburg
Litauen
Liechtenstein
Libyen
Kirgistan
Kasachstan
Jugoslawien
Jordanien
Italien
Israel
Irland
Irak (Kurdistan)
Hongkong
Großbritannien
Griechenland
Georgien
Frankreich
Finnland
Estland
DDR
Dänemark
Belgien
Belarus - Weißrussland
Aserbaijan
Albanien
In der Luft
ALS und ich
Epilog
Vorwort
„Textbausteine“ – ein zunächst eigenartiger Titel. Um diesen zu verstehen muss man die Vorgeschichte kennen, auf deren Grundlage dieses Buch entstanden ist. Daher möchte ich zu Beginn meine Situation beschreiben, um so den Zugang zu diesem Buch zu ermöglichen.
Ich wurde 1962 geboren, seit 1991 bin ich verheiratet, Vater eines Sohnes und einer Tochter. Nach einer Berufsausbildung und einem anschließenden Studium der Elektrotechnik war ich für über 25 Jahre bei einem großen deutschen Elektrokonzern als Vertriebs- und Projektingenieur tätig. Meine Aufgabe war dabei die Realisierung von technisch und organisatorisch komplexen elektrotechnischen Gesamtanlagen; die meiste Zeit betreute ich dabei Flughafenprojekte in den Ländern der ehemaligen UdSSR. Überwiegend im Rahmen dieser Tätigkeit besuchte ich über 40 Länder und konnte die unterschiedlichsten Eindrücke und Erfahrungen sammeln.
Die Wende in meinem Leben kündigte sich ganz unspektakulär im Sommer des Jahres 2010 an. Mir fiel auf, dass ich bei bestimmten Bewegungen meiner rechten Hand zunehmend Probleme hatte. So wurde es immer schwieriger, mit der rechten Hand einen Schlüssel umzudrehen oder den Rasierapparat wie gewohnt durch mein Gesicht zu lenken. Auch begannen die Muskeln in meinen Oberarmen immer wieder zu zittern; dies verursachte keinerlei Schmerzen und führte zu keinen Beeinträchtigungen – es sah eigentlich eher lustig aus – aber zusammen mit den Problemen mit der Feinmotorik der rechten Hand war dies der Grund, zum ersten Mal in meinem Leben einen Neurologen aufzusuchen. Nach einigen ambulanten Untersuchungen hat mich dieser dann zur weiteren Abklärung in eine neurologische Klinik überwiesen. Am Ende dieser klinischen Untersuchungen eröffnete mir der Chefarzt, dass ich möglicherweise an einer Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) erkrankt sei, dass man bezüglich der weiteren Krankheitsentwicklung und deren Geschwindigkeit keinerlei Prognosen wagen könne, dass man aber außer einer Behandlung der Symptome und der frühzeitigen Nutzung von Hilfsmitteln an der fortschreitenden Krankheit selbst nichts ändern könne. Er hat mir detailliert erläutert, dass es sich bei der ALS um eine unheilbare und fortschreitende neuromuskuläre Erkrankung handelt, die mehr oder weniger schnell zu einem Funktionsverlust der gesamten willkürlich kontrollierbaren Muskulatur führt. Konkret führte es bei mir dazu, dass ich fünf Jahre nach der Diagnose keine Funktionen mehr in beiden Armen habe, dass die Beine lediglich nur noch etwas Stabilität beim Umsetzen von z.B. dem Bett in den Rollstuhl geben, dass ich meinen Kopf nicht mehr ohne geeignete Stütze gerade auf dem Hals halten kann, dass die Atmung nur noch bedingt funktioniert und ich daher vor allem nachts oder beim Liegen auf eine künstliche Beatmung angewiesen bin und nicht zuletzt, dass durch die Einschränkung der Mundmotorik und der Schluckmuskulatur eine normale Ernährung nicht mehr möglich ist und ich mich seit fast einem Jahr mit Hilfe einer PEG-Sonde künstlich ernähren muss.
Aber die für mich am meisten belastende Einschränkung ist der weitgehende Verlust der verbalen Kommunikationsfähigkeit; durch die Lähmung der Zunge bin ich nicht mehr in der Lage verständlich zu sprechen. Sicher kann ich mit den Personen, die laufend Kontakt mit mir haben, eine gewisse Kommunikationsbasis finden, die im Wesentlichen auf ja/nein-Fragen beruht und die umso besser funktioniert, je mehr mich der „Gesprächs“-Partner kennt und somit fast schon erraten kann, was ich in welcher Situation vermutlich sagen möchte. Zum Glück gibt es allerdings heute ein breites Angebot an elektronischen Hilfsmitteln. Ich nutze z.B. einen PC mit entsprechender Software, an dem ich mit Hilfe einer Maus mit Beschleunigungssensor, die an meiner Brille befestigt ist und mit Bewegungen des Kopfes den Mauszeiger steuert, Sätze eingeben bzw. vorbereitete Phrasen abrufen und sie dann mit einem Sprachausgabeprogramm vorlesen lassen kann. Das entspricht zwar nicht einer normalen Unterhaltung, aber mit der nötigen Disziplin und Geduld kann ich mich so doch relativ gut mitteilen.
Ich war nie ein besonders extrovertierter und kommunikativer Mensch, allerdings habe ich mich immer gerne unterhalten und in diese Unterhaltungen auch gerne eigene Erlebnisse oder nette Geschichten aus meinem Leben eingebracht. Genau dies ist mir aber spontan auch mit Kommunikations-PC nicht mehr möglich. Bis ich einen entsprechenden Beitrag in das Gerät eingegeben habe und vorlesen lassen könnte, ist die Unterhaltung schon weitergegangen, und der mühsam formulierte Beitrag passt nicht mehr. So ist die Idee entstanden, in Ruhe die Erlebnisse zu reflektieren, entsprechende Texte zu formulieren und für eine Verwendung zu gegebener Zeit abzuspeichern.
Diese Geschichten und kurzen Anekdoten waren also ursprünglich gedacht als „Textbausteine“ für Unterhaltungen – daher trägt das Buch auch diesen Titel. Für eine Veröffentlichung sind sie allerdings nun etwas anders und sorgfältiger formuliert. Ich lege Wert auf die Feststellung, dass die Geschichten auf persönlichen Erinnerungen, auf eigenen Erfahrungen oder Erzählungen von anderen beruhen. Die geschilderten Sachverhalte sind rein subjektiv und in keiner Weise das Ergebnis von objektiven Recherchen. Ich habe daher auch weitgehend auf die Nennung von Namen verzichtet um nicht Gefahr zu laufen, die Persönlichkeitsrechte der „Mitwirkenden“ zu verletzten. Sollte der Rückschluss auf bestimmte Personen auch ohne Nennung von Namen nicht ausgeschlossen sein, habe ich die Handlung dem virtuellen Land „Molwanien“ – mehr dazu in der Länderbeschreibung - zugeordnet.
Ergänzend zu der beschriebenen Motivation für diese Zusammenstellung von Erinnerungen sind allerdings auch noch zwei weitere Aspekte zu nennen. Zum einen gab es immer wieder durchaus ernsthafte Aufforderungen von Freunden, Kollegen und Bekannten in der Art, „über das, was Du im Laufe der Zeit erlebt hast, solltest Du ein Buch schreiben“. Zum anderen gibt mir das Schreiben an sich eine gute und durchaus angenehme Möglichkeit, die Vergangenheit nochmals Revue passieren zu lassen, ohne mich mit jemand anderem unterhalten zu können.
So lade ich den Leser ein, mit mir einen Streifzug durch die Länder, die Jahre und meine Erinnerungen zu unternehmen. Aus meiner Sicht ist die vorliegende Sammlung nicht unbedingt ein Buch, das man von vorne bis hinten durchliest, sondern vielmehr immer mal wieder einige Seiten, vielleicht auch um aus konkretem Anlass Eindrücke über ein bestimmtes Land aus meinem persönlichen Blickwinkel zu ergänzen. Dabei wünsche ich viel Spaß.
Die Länder sind alphabetisch sortiert – allerdings in umgekehrter Reihenfolge, um mit dem Land beginnen zu können, in dem ich am längsten war und aus dem die meisten Geschichten und Informationen kommen.
Usbekistan
Usbekistan ist ein zentralasiatischer Staat, der nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 gegründet wurde. Auf einer Grundfläche, die mit ca. 450.000 km2 um 20% größer ist als Deutschland, leben nur gut 30 Mio. Einwohner – 10% davon in der Hauptstadt Tashkent.
In diesem Land habe ich insgesamt die meiste Zeit meiner beruflichen Auslandstätigkeit verbracht. Wir haben dort über Jahre laufende Projekte realisiert, weswegen dort auch immer eine mehr oder weniger große Gruppe an Kollegen im Einsatz war. Das hatte natürlich den Vorteil, dass sich in der Freizeit leichter die Gelegenheit zu Unternehmungen ergeben hat als auf einer üblichen Dienstreise, die sich eher auf Flughafen, Taxi, Besprechungszimmer, Hotel und irgendwelche Restaurants beschränkt. Usbekistan war ein Land, in dem ich mich relativ gut gefühlt habe, in dem ich eine sehr gute Beziehung zu Land und Leuten aufgebaut habe und das ich von allen meinen Zielländern wohl auch am besten kennengelernt habe.
Dadurch ergab sich natürlich auch, dass mir die Unterschiede zwischen dem Leben in Usbekistan und in Deutschland am deutlichsten bewusst wurden. Obwohl es natürlich nahe liegt, von einer „besseren Situation in Deutschland“ und einer „schlechteren Situation in Usbekistan“ zu sprechen, bin ich mehr und mehr von einer Wertung abgekommen. Es gibt sicher objektive Kriterien, wie beispielsweise die volkswirtschaftliche Situation, die Verwaltung oder das Gesundheitswesen, bei denen Deutschland besser aufgestellt ist. Es gibt aber auf der anderen Seite Aspekte wie Zufriedenheit, Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft, Improvisationstalent und Lebensfreude, die ich in Usbekistan viel deutlicher wahrgenommen habe als bei uns. Selbstverständlich war auch ich jedes Mal froh, wenn ich wieder nach Hause geflogen bin, aber mein Blickwinkel auf die einen oder anderen Probleme, die wir in Deutschland haben, glauben zu haben oder uns manchmal selbst machen, hat sich durch dieses „Wandeln zwischen den Welten“ schon deutlich geändert.
Ankunft in einer anderen Welt
Die Anreise nach Usbekistan ist relativ unspektakulär. Die Flüge sind überwiegend tagsüber und die Zeit kommt einem entgegen, so dass man auch nicht übermüdet ist – dieses Problem hat man dann erst am nächsten Morgen, wenn man umgerechnet um 4 Uhr deutscher Zeit im Büro sein muss. Dass man in einer anderen Welt angekommen ist merkt man allerdings in dem Moment, in dem man das Flughafengebäude in Tashkent betritt. Die Passkontrolle läuft noch relativ gewohnt ab – ein entsprechendes Visum muss man sich bereits im Vorfeld beschafft haben, so dass es nicht wirklich viel zu kontrollierten gibt. Bei dem Thema Gepäck sieht es dann schon etwas anders aus. Ein wesentlicher Unterschied besteht schon darin, dass man nach dem Abholen des Gepäcks damit durch die Einreisekontrolle des Zolls muss. Dort wird der Pass nochmals kontrolliert, das Gepäck vollständig durchleuchtet, ggf. eingeführte Devisen geprüft und die entsprechende Zollerklärung entgegengenommen. Wenn alles in Ordnung ist, geht es relativ schnell, wenn aber ein Mitpassagier vor einem ist, bei dem der Zoll das Gepäck öffnen lässt und sich irgendwelche Probleme ergeben, verzögert das schon. Wenn man sich vorstellt, dass in einem ankommenden Airbus ein paar Hundert Leute sind und der Zoll mit z.B. fünf Geräten abfertigt, kann man sich vorstellen, wie lange sich das hinziehen kann. Wenn dann nicht nur ein Flieger gleichzeitig ankommt braucht man schon Geduld.
Wenig Hilfe bringt hier ein Priority-Aufkleber, wie ihn die Lufthansa üblicherweise auf dem Gepäck von Business- und Statuskunden anbringt. Dieses Gepäck wird üblicherweise am Schluss verladen und steht somit am Zielflughafen als erstes zur Rückgabe zur Verfügung. Nicht so in Usbekistan. Das als letztes verladene Gepäck wird als erstes aus dem Flugzeug auf die Ladefläche eines LKW verladen, dann aber mit dem übrigen Gepäck überhäuft. Die logische Konsequenz ist, dass beim Entladen im Terminal zuerst alle anderen Gepäckstücke auf das Band gelegt werden, bevor dann ganz am Schluss die Priority-Gepäckstücke wieder zum Vorschein kommen.
Wesentlich effektiver ist es, wenn man sich der landestypischen Methode bedient. Man drückt gleich nach der Passkontrolle seine Gepäck-Abschnitte einem mehr oder weniger offiziellen Service-Mitarbeiter in die Hand. Dieser verschwindet dann durch irgendwelche Türen - oder auch durch die Wanddurchführungen des Gepäckbandes - und kommt in einer erstaunlich kurzen Zeit mit genau den gewünschten Gepäckstücken wieder hervor. Unter Umgehung jeglicher Schlangen an der Zollkontrolle stellt er das Gepäck auf das Transportband eines Röntgengerätes des Zolls – es stört ihn auch nicht, wenn er das Gepäck von anderen erstmal zur Seite räumen muss – und gibt einem dann ein Zeichen, direkt nach vorne zur Kontrolle zu kommen. Dies bringt einem einen wesentlichen Zeitvorteil und vereinfacht das Handling von üblicherweise mehreren Gepäckstücken gewaltig. Das Gepäck wird dann auch schnell auf einen Wagen geladen und zum Auto gebracht. Der Helfer freut sich über ein paar Dollar und erkennt einen dann bei der nächsten Einreise gerne wieder. Man muss als Deutscher allerdings die anerzogene Höflichkeit, dass man sich nicht vordrängt und geduldig wartet, bis man an der Reihe ist, bei derartigen Aktionen vergessen. Als Einheimischer ist man die Bevorzugung insbesondere von ausländischen Gästen allerdings in vielen Bereichen gewohnt, so dass sich negative Reaktionen der normal Wartenden in Grenzen halten – Willkommen in Usbekistan!
Rückkehr in die deutsche Wirklichkeit
Bei der Rückreise sieht es schon etwas anders aus. Aus der Zeitverschiebung, den Nachtflugverboten auf Flughäfen wie Frankfurt und auch den optimierten Einsatzplänen der Flugzeuge ergibt es sich, dass Flüge aus Zentralasien üblicherweise zwischen 2 und 4 Uhr in der Nacht abfliegen. Das ist eine Zeit, die eigentlich zu früh ist um normal zu schlafen, andererseits aber auch zu spät, um ohne zu schlafen direkt zum Flughafen zu fahren. Das heißt, dass die Nacht auf jeden Fall ziemlich belastend ist. Da wir am Flughafen gearbeitet und entsprechenden Kontakt zu der Flughafendirektion hatten war es zum Glück überwiegend so, dass wir den sogenannten CIP-Check-in benutzen durften. Das ist ein eigener Bereich, in dem die Abfertigung deutlich entspannter und komfortabler erfolgt als im normalen Check-in. Man kann dort in bequemen Leder-Sitzgruppen warten, bekommt Häppchen und Getränke kostenfrei angeboten und wird als letzter mit einem eigenen Kleinbus zum Flugzeug gebracht, wenn die übrigen Passagiere bereits an Bord untergebracht sind.
Ich habe es immer als den Moment des Wechsels in das „normale Leben“ empfunden, wenn ich übernächtigt nach einem Abendessen, anschließend vielleicht noch dem Besuch einer Bar um die Wartezeit zu vertreiben, der Fahrt zum Flughafen und dem Check-in dann die Treppe zum Flugzeug hochsteige, meinen Platz einnahm, und mich dann eine überaus freundliche, lächelnde Lufthansa-Stewardess auf Deutsch mit den Worten empfing: „Darf ich Ihnen ein Glas Champagner oder einen Orangensaft zur Begrüßung anbieten?“ Da wusste ich – jetzt bist Du irgendwie wieder zurück in Deutschland. Nach Möglichkeit habe ich dann nach meiner Ankunft in Frankfurt am frühen Morgen die Zeit bis zu meinem Anschluss-Flug nach Nürnberg für eine Dusche genutzt. So konnte ich mich nach der Nacht und dem üblicherweise recht erfolglosen Versuch, im Flugzeug zu schlafen, dann doch halbwegs wach wieder leichter unter die Zivilisation mischen. Beim Blick aus dem Flugzeug auf die grüne, frische und vertraute Landschaft war ich dann immer wieder glücklich, hier leben zu dürfen.
Wie wohnt man als Reisender in Tashkent?
Bei meinen ersten Reisen nach Tashkent habe ich wie alle Geschäftsreisenden in einem großen Hotel einer der internationalen Hotelketten übernachtet. Es gibt für den Gelegenheitsbesucher auch keine vernünftige Alternative, da schon allein die erforderliche polizeiliche Registrierung für ausländische Besucher nur von den hierzu autorisierten Hotels vorgenommen wird.
Diese internationalen Hotels sind – wie der Name schon sagt – nicht besonders landestypisch. Sie sind eine Möglichkeit, für relativ viel Geld problemlos zu übernachten. Im Laufe der Jahre sind jedoch auch immer mehr kleinere Privathotels entstanden, die deutlich günstiger und persönlicher sind. Vor allem die Nebenkosten, z.B. für ein Bier oder eine Kleinigkeit zum Essen in der Hotelbar, sind hier erheblich geringer, was das private Budget doch merklich entlastet. Andererseits sind diese Hotels meist nicht berechtigt, die polizeiliche Registrierung vorzunehmen. Dazu müssen sie letztendlich wieder mit einem der großen Hotels kooperieren, um für die Gäste eine Registrierung durchführen zu können. Die Kosten für diese externe Registrierung werden natürlich zusätzlich in Rechnung gestellt, was den zunächst günstigeren Zimmerpreis wieder anhebt.
Nachdem absehbar war, dass ich öfter und länger im Land sein werde, habe ich mir mit Unterstützung meiner Firma eine dauerhafte Registrierung, also praktisch einen Wohnsitz in Tashkent, beschafft. Dafür habe ich sozusagen einen offiziell registrierten Mietvertrag geschlossen und im Gegenzug eine permanente Registrierung in meinen Pass gestempelt bekommen. Diese musste ich dann nur jährlich nach Ausstellung eines neuen Jahresvisums verlängern und hatte kein Problem mehr, mir für jeden Aufenthalt eine neue Registrierung besorgen zu müssen. Damit hatte ich die Möglichkeit, auch in privaten Wohnungen, von denen meine Firma einige bei Bedarf vermitteln konnte, wohnen zu dürfen.
Das Wohnen in normalen Wohnungen war nun natürlich sehr landestypisch und hat mir Eindrücke von Land und Leuten ermöglicht, zu denen man im Sheraton oder Interconti keine Chance hat. Die Unterkünfte waren im Vergleich zu Hotels natürlich viel einfacher – aber sie hatten einige unschlagbare Vorteile: Ich konnte mir Getränke und eine Grundausrüstung an Lebensmitteln in meinen Kühlschrank legen, konnte mir zum Frühstück und auch sonst eine Brotzeit nach meinem Geschmack richten und war nicht bei allem auf die Hotelinfrastruktur oder Restaurants angewiesen.
… und wie als Usbeke?
In Tashkent gibt es – so möchte ich es mal vereinfacht beschreiben – drei verschiedene Arten zu wohnen: In bestimmten Gegenden wohnen die, aus welchen Gründen auch immer, sehr reichen Usbeken in gut bewachten und vor neugierigen Blicken verborgenen Luxus-Villen, deren Ausstattung vermutlich keinerlei internationalen Vergleich zu scheuen braucht. Am Stadtrand liegen Siedlungen aus Einfamilienhäusern. Die Bauweise ist relativ einfach, aber ein kleiner Garten ermöglicht den Anbau von etwas Obst und Gemüse, und man kann sich dort ganz gut einrichten.
In der Innenstadt dominieren riesige Wohnblocks, die nach Einheitsplänen gebaut scheinen. Da die Straßen meist sehr breit angelegt sind, wirken allerdings auch Häuserfluchten von 12 Stockwerke hohen Häusern kaum drückend. Einzelne Hochhäuser sind in Wohnanlagen mit viel Grün angeordnet. So wirkt Tashkent auf mich recht großzügig und freundlich.
Betritt man ein normales Haus, wirkt das Treppenhaus und der Eingangsbereich düster und verkommen und strahlt den Charme eines Rohbaus aus. Rohbetontreppen, verputzte und mit Ölfarbe gestrichene Wände sowie nur teilweise vorhandene Fenster machen es einem schwer zu glauben, dass man da wirklich hin wollte. Am Geruch erkennt man, wenn das Haus über einen Müllschlucker verfügt. Den größten Mut benötigt man dann aber zur Nutzung des Aufzugs, bei dem man sich nur mit der Überlegung beruhigen kann, dass der Aufzug ja nicht ausgerechnet dann seinen Geist aufgeben würde, wenn man selbst damit unterwegs ist.
Dass die Voraussetzungen hier anders sind, als wir sie annehmen würden, wurde mir klar, als ich die Frage stellte, warum man denn in die Lampenfassung im Aufzug nicht wenigstens eine helle, saubere Glühbirne reinschraubt – momentan kämpfte dort nur eine mit roter Farbe beschmierte Glühlampe mit einer gefühlten Leistung von 15 Watt mit wenig Erfolg gegen die Dunkelheit. Die Erklärung, die mir mein Vermieter dazu gab, beschreibt die vorherrschende Einstellung zu Gemeinschaftseigentum treffend: Würde man eine gute Glühbirne einschrauben, wäre diese nach spätestens einem Tag weg, weil sie jemand in seiner Wohnung gebraucht hat. Also macht man sie bewusst für eine andere Verwendung unbrauchbar und hat so eine schlechte, aber immerhin vorhandene Lichtquelle.
Die Überraschung kommt dann, wenn man die üblicherweise mit mehreren Schlössern gesicherte Wohnung betritt. Je nach den finanziellen Möglichkeiten der Eigentümer – Wohnungen sind zum größten Teil Eigentumswohnungen – ist die Wohnung mehr oder weniger aufwändig eingerichtet und bildet so einen erstaunlichen Kontrast zum Treppenhaus. Dahinter steht wohl die Praxis, die Wohnung von außen so arm und unattraktiv wie möglich erscheinen zu lassen, um potenzielle Einbrecher nicht anzulocken. Das Umfeld wird nur nach Zweckmäßigkeit ausgerichtet und in dieser Form akzeptiert; das Bedürfnis, seine Wohnung so schön wie möglich zu gestalten, hört an der Wohnungstüre auf.
Auch ohne warmes Wasser kann man leben
Als besonders kurios habe ich die Praxis empfunden, dass im Frühjahr und im Herbst für jeweils ca. eine Woche die Versorgung mit warmem Wasser abgestellt wird. Die Versorgung mit Heizung und Warmwasser erfolgt allgemein über ein Fernwärmenetz. Die Heizung wird im Herbst ein- und im Frühjahr wieder ausgeschaltet – dazwischen reguliert man die Raumtemperatur überwiegend durch Öffnen und Schließen der Fenster. Im Rahmen der In- und Außerbetriebnahme der Heizung werden Wartungsarbeiten durchgeführt, die auch die Versorgung mit Warmwasser betreffen. Die Folge ist, dass zweimal im Jahr ohne Vorankündigung und Termin an einem Montag früh einfach kein warmes Wasser aus der Leitung kommt. Wenn man Glück hat, dann ist es am Freitag wieder da.
Es gibt mehrere Strategien, mit denen man sich hier behilft. Die einfachste ist, dass man sich in einem großen Topf – den es dafür extra im Haushalt gibt – ein paar Liter Wasser auf dem Gasherd warm macht und sich dieses mit einer Tasse über Kopf und Körper schüttet. Die kommunikativste Art zum Duschen ist, zu einem Bekannten in ein anderes Stadtviertel zu fahren, denn die Abschaltungen werden in den verschiedenen Stadtvierteln zu unterschiedlichen Zeiten durchgeführt. Die aufwändigste ist, sich für diese Zeit extra einen Elektroboiler anzuschaffen, auf den man ggf. umstellen kann.
Was mich aber am meisten überrascht hat ist die Selbstverständlichkeit, mit der man sich mit dieser Situation arrangiert. Wenn ich mir vorstelle, dass in Deutschland die Wasserversorgung für einen derartigen Zeitraum unterbrochen wird, dann würde sowohl eine rechtzeitige Ankündigung sowie auch die Bereitstellung einer entsprechenden Ersatzversorgung erwartet werden. In Deutschland würden einem sofort Begriffe wie „Mietminderung“, „Hotelübernachtung auf Kosten des Versorgers“ usw. in den Sinn kommen. Wobei sich derartige Problemstellungen bei uns sowieso nur auf Ausnahmefälle beschränken würden, eine flächendeckende und regelmäßige Abschaltung diesen Ausmaßes als „Normalfall“ würde in Deutschland wohl sowieso keinem Versorgungsunternehmen in den Sinn kommen.
… bekommt man in Usbekistan auch etwas Vernünftiges zum Essen?
Irgendwie ist das die Befürchtung, die viele Leute mit einem Land wie Usbekistan verbinden. So waren meine Eltern und auch Bekannte und Freunde ernsthaft besorgt, vor allem bei den ersten Reisen. Interessant war aber auch, das Verhalten von Touristen zu beobachten, die eine Pauschalreise an die Seidenstraße gebucht hatten und die besonders in den Sommermonaten zu einem nicht unerheblichen Anteil zur Auslastung der Flugzeuge beitrugen. Hier war bei einigen eine Art „Hamsterverhalten“ festzustellen und auch ich wurde einige Male von anderen gefragt, ob sie die Bestandteile meiner Bordverpflegung, die ich nicht selbst gegessen hatte, mitnehmen dürften.
Aus meiner Sicht waren diese Befürchtungen völlig unbegründet. Ich habe in den meisten Fällen gut bis sehr gut gegessen. Gerade in Tashkent gibt es neben guten einheimischen Restaurants auch die ganze Bandbreite internationaler Küche – von georgisch über russisch, japanisch, koreanisch und chinesisch bis hin zu der mitteleuropäischen Küche mit Wiener Schnitzel & Co. Ich habe auch in den vielen Jahren niemals Probleme mit der Verträglichkeit oder unangenehme Folgeerscheinungen gehabt.
Die einheimische Küche und vor allem auch die Art zu essen hat mir sehr gut gefallen. Anders als bei uns üblich wird sehr viel Wert auf die unterschiedlichsten Vorspeisen und Salate gelegt. Wegen der großen Vielfalt und auch der langsamen und gemütlichen Art zu essen muss man aufpassen, dass man nicht von den Vorspeisen schon satt ist. Typische Hauptgerichte sind der usbekische Plow, ein gebratenes Reisgericht mit Fleisch und einigen anderen Zutaten – am ehesten der spanischen Paella entsprechend, und die verschiedenen Arten von Shashlik. Das Shashlik ist dabei nicht mit den Fleisch-/ Zwiebelspießen aus unserer Imbiss-Bude zu vergleichen. Shashlik ist in Zentralasien der Begriff für auf einem großen Metallspieß über Holzkohle gegrillte Fleisch- oder auch Fischstücke. Es wird mit eingelegten Zwiebelringen, Brot und verschiedenen Saucen serviert und schmeckt köstlich. Von den nicht-usbekischen Restaurants ist mein Favorit die georgische Küche, und ich empfehle jedem, der irgendwo die Möglichkeit dazu hat, die georgischen Gerichte, wie z.B. Satzivi (Hähnchenfleisch in einer Nusssauce) zu probieren.
Es ist allerdings auch erwähnenswert, dass Usbekistan eines der wenigen Länder ist, in denen es keine internationale Systemgastronomie wie McDonalds, Burger King usw. gibt. Einige selbstständige Fast-Food-Restaurants bieten zwar auch Hamburger&Co, aber auch andere Tellergerichte an und sind daher eher mit Selbstbedienungsrestaurants bei uns zu vergleichen. Für den „kleinen Hunger zwischendurch“ ist das aber sicher auch eine schnelle und preisgünstige Alternative zu Restaurants.
Auf jeden Fall bestand für mich nie die Gefahr zu verhungern und niemand, der eine Reise nach Usbekistan unternimmt, muss sich beim Hinflug wirklich ein Lunchpaket mit abgepacktem Streichkäse und Konservenbrot aus dem Bordmenue einpacken.
… und wie sieht’s mit Getränken aus?
Es gab ursprünglich das komplette Sortiment von Coca-Cola. Als das Unternehmen aus irgendwelchen Gründen in Ungnade gefallen ist, wurde landesweit auf Pepsi umgestellt. Es gab hierzu das Gerücht, dass sich der Chef von Coca-Cola Usbekistan von der Tochter des Präsidenten getrennt habe. Ob das richtig ist weiß ich nicht, denkbar sind derartige Abhängigkeiten allerdings schon.
Russisches und internationales Bier ist ein Standardgetränk – ebenso wie es natürlich auch die vielen unterschiedlichen Varianten von Wodka sind. Beim Wodka gibt es eine erhebliche Bandbreite an Qualität und Geschmack, die man bei uns so nicht erwartet. Auch die Flaschen sind vielfach aufwändig und sehr kunstvoll gestaltet. Sehr einfallsreich fand ich z.B. eine Flasche, auf der nach Art eines Adventskalenders von oben nach unten eine Skala mit fortschreitender Uhrzeit dargestellt und dabei jeweils beschrieben ist, wie man sich bei dem entsprechenden Rest-Füllstand fühlt und über welche Themen gesprochen wird.
Es wird in Gesellschaft gerne und viel Wodka getrunken; ein entscheidender Unterschied gegenüber unseren Gewohnheiten in Deutschland ist aber, dass man zu Wodka normalerweise keine anderen Alkoholika zu sich nimmt. Wenn jemand an einem Abend Wodka trinkt, dann entweder mit Säften, Wasser oder Cola, aber nie mit Bier, Wein, Whisky u.ä. Dadurch wird ein guter Wodka erstaunlich gut verträglich – auch wenn in einer Gesellschaft im Laufe eines Abends und zahlreicher Trinksprüche eine größere Menge getrunken wird.
Für den Bierliebhaber gibt es eine Art Bierzelt einer Brauerei, die in Lizenz tschechisches Bier braut, in der man verschiedene Sorten sogar aus Maßkrügen genießen kann. Ein beliebter Treffpunkt für Ausländer, aber auch für die einheimische Jugend.
Mir ist übrigens – entgegen der bei uns oft herrschenden Meinung – nie aufgefallen, dass betrunken gefahren wird. Vermutlich aufgrund der sehr harten Strafen und vielleicht auch etwas wegen der willkürlichen Beurteilung bei Kontrollen wird meinem Eindruck nach mehr als in Deutschland sehr klar entschieden, ob Alkohol getrunken oder Auto gefahren wird.
Zwei landetypische Getränke, die mir völlig unbekannt waren, möchte ich der Vollständigkeit halber noch erwähnen, obwohl ich selbst kein Freund davon bin. Zum einen „Kwas“, eine Art Malzbier, das aus Wasser, Roggen und Malz vergoren wird. Es enthält relativ wenig Alkohol und ist sehr erfrischend. Zum anderen ein überwiegend aus Waldbeeren hergestellter Saft, der unter der Bezeichnung „Mors“ sehr verbreitet ist und als Alternative zu den üblichen Softdrinks auch gerne in Restaurants angeboten wird.
Kehrseite der Gedankenlosigkeit
Ein unvergessliches Erlebnis war für mich der Besuch in einem Getränkemarkt. Ich habe niemals in meinem Leben so viele Plastik-Einwegflaschen gesehen wie dort. Das gesamte Softdrink-Segment wird durch Einweg-Plastikflaschen bzw. zum Teil auch Getränkedosen abgedeckt. Der Müll, der dadurch entsteht, muss gigantisch sein. Und auch die Hemmung, mal eine leere Flasche während der Autofahrt aus dem Fenster zu werfen, hält sich nach meiner Beobachtung sehr in Grenzen.
