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»Mein Deutschtum ist in dem kosmopolitischen Universum, das Amerika heisst, am richtigsten untergebracht.« Thomas Mann Thomas Mann lebte vierzehn Jahre in Amerika. Diese dramatischste Periode seines Lebens war dem Kampf gegen Hitler und dem Nachdenken über Deutschland gewidmet; er wurde US-Bürger und war gleichzeitig der angesehenste Repräsentant deutscher Kultur. In seiner facettenreichen Studie erhellt H. R. Vaget das politische und kulturelle Umfeld dieser Jahre. Zwei längere Kapitel stellen das Verhältnis zu Thomas Manns wichtigsten Bezugspersonen dar: Präsident Roosevelt und Agnes Meyer, seine Gönnerin. Weitere Kapitel befassen sich mit verschiedenen Aspekten des literarischen und politischen Kontexts. Abschließend wird Thomas Manns Rolle in der deutschen »Vergangenheitspolitik« neu zur Diskussion gestellt.
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Seitenzahl: 941
Veröffentlichungsjahr: 2011
Hans Rudolf Vaget
Leben und Werk im amerikanischen Exil, 1938-1952
Thomas Mann lebte vierzehn Jahre in Amerika. Diese dramatischste Periode seines Lebens war dem Kampf gegen Hitler und dem Nachdenken über Deutschland gewidmet; er wurde US-Bürger und war gleichzeitig der angesehenste Repräsentant deutscher Kultur.
In seiner facettenreichen Studie erhellt Hans Rudolf Vaget das politische und kulturelle Umfeld dieser Jahre. Zwei längere Kapitel stellen das Verhältnis zu Thomas Manns wichtigsten Bezugspersonen dar: Präsident Roosevelt und Agnes Meyer, seine Gönnerin. Weitere Kapitel befassen sich mit verschiedenen Aspekten des literarischen und politischen Kontexts. Abschließend wird Thomas Manns Rolle in der deutschen »Vergangenheitspolitik« neu zur Diskussion gestellt.
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Covergestaltung: hißmann, heilmann, hamburg
Coverabbildung: Keystone/Thomas-Mann-Archiv/George Platt Lynes
© 2011 S.Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-401272-8
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»Ein guter Deutscher – man verzeihe mir’s, wenn ich es zehnmal wiederhole – ist kein Deutscher mehr.«
(Nietzsche, Nachgelassene Fragmente, KSA 11, S. 261)
»Aber obgleich im Begriff, amerikanischer Bürger zu werden, und umgeben von englisch sprechenden Kindern und Enkeln, bin und bleibe ich ein Deutscher, welche problematische Ehre und welch sublimes Mißgeschick das nun immer bedeuten möge.«
(An Ernst Reuter, 29. 4. 1944)
»Hitler hatte den großen Vorzug, eine Vereinfachung der Gefühle zu bewirken, das keinen Augenblick zweifelnde Nein, den klaren und tödlichen Haß. Die Jahre des Kampfes gegen ihn waren moralisch gute Zeit.«
(Die Entstehung des Doktor Faustus; 19.1, 529)
»Jeder Weg zum rechten Zwecke
Ist auch recht in jeder Strecke.«
(Goethe: Zahme Xenien; zitiert in Br. II, 351)
»Geister wie er müssen in ihrem politischen Verhalten kompliziert und unzuverlässig erscheinen, denn die Widersprüche, zu denen die Tagesdebatte sie drängt, finden ihre Aussöhnung und Auflösung erst in der Zukunft.«
(Der alte Fontane, zweite Fassung 1919; 14.2, 385)
Auf seiner vierten Amerikareise, im Frühjahr 1938, entschloss sich Thomas Mann, die amerikanische Staatsbürgerschaft zu beantragen. Sechs Jahre später, in Los Angeles, wurde der Emigrant aus Deutschland offiziell Bürger der Vereinigten Staaten. Er blieb es auch, als er 1952 aus seinem zweiten Exilland in sein erstes, die Schweiz, zurückkehrte. Der Dichter der Buddenbrooks und des Doktor Faustus starb als Amerikaner. Dies ist nur scheinbar und auf den ersten Blick eine quantité négligeable. In Wirklichkeit haben wir es mit einem für die Rezeption, das Werk und die Biographie gleichermaßen gewichtigen Faktum zu tun.
In der Diskussion der ersten Nachkriegsjahre um den berühmtesten und umstrittensten deutschen Emigranten erlangte der Umstand, dass der 1933 aus Deutschland Vertriebene und 1936 seiner deutschen Staatsangehörigkeit Beraubte eine fremde angenommen hatte, ein unverhältnismäßiges Gewicht. Als Thomas Mann seine deutsche Staatsbürgerschaft verlor, konnte er sich glücklich schätzen, die tschechoslowakische zu besitzen und damit einen Reisepass – ein Gut, von dessen Wert man sich in dem Post-Schengen-Europa kaum eine Vorstellung zu machen vermag. In den Augen der Deutschen jedoch war die Episode der tschechoslowakischen Staatsangehörigkeit belanglos angesichts des politisch weit brisanteren Umstands seiner amerikanischen Staatsangehörigkeit, auf die er selbst in seinen ersten Verlautbarungen nach dem Krieg gern und nicht ohne Stolz verwies. Sein neu erworbenes Amerikanertum musste jedoch vielen anstößig erscheinen, weil ihn dies in das Lager einer Siegermacht platzierte – einem Sieger, der es erklärtermaßen darauf abgesehen hatte, die Deutschen zu bestrafen und durch Umerziehung zu bessern.
Da mochte er noch so arglos sein amerikanisches Weltbürgertum hervorkehren und noch so treuherzig versichern, er habe in der Fremde nie aufgehört, sich als deutscher Schriftsteller zu empfinden: Die Überlebenden der Hitler-Diktatur und des Krieges hörten es nicht gern. Seine Hinweise auf seine amerikanische Staatsangehörigkeit belebten alte Ressentiments und nährten neue gegen einen, wie es scheinen musste, vom Glück Begünstigten, der irritierenderweise an Dinge rührte, die man sich zu vergessen und zu verdrängen befleißigte.
Für so manche seiner Kollegen, die im Land geblieben waren und sich zur Inneren Emigration zählten, bot die Thematisierung von Thomas Manns Amerikanertum einen willkommenen Vorwand, seine unwillkommenen Mahnungen an Schuld und Verantwortung beiseitezuschieben und seine Ansichten zu den Ursachen der deutschen Katastrophe zu ignorieren. Indem man ihn als Amerikaner wahrnahm, konnte man ihm jegliche Berechtigung, über Deutschland und die Deutschen zu urteilen, schlankweg absprechen. Noch 1949 fühlte sich eine westdeutsche Autorenvereinigung bemüßigt, gegen die Verleihung des Frankfurter Goethepreises an den »›amerikanischen Bürger‹« Thomas Mann zu protestieren.[1] In solchen Abwehrmanövern manifestierten sich die nicht unbeträchtlichen und langlebigen Reste des Nazigeistes. Diesen hatte 1937 ein Heidelberger Pädagogikprofessor auf den Punkt gebracht, als er erklärte, das neue Deutschland könne froh sein, dass »Thomas Mann aus Deutschland entrümpelt« worden sei, »weil er nie ein Deutscher war«.[2]
Die Abwehr des politischen Thomas Mann war eine Konstante der Bonner Republik und reichte noch weit in die Berliner Republik hinein; die sehr selektive Thomas-Mann-Pflege in der DDR ist ein Kapitel für sich. Bezeichnenderweise markierte das Gedenkjahr 1975, mitten in einer Periode der ideologischen Linkslastigkeit von Universität und Feuilleton, den Tiefpunkt seiner Reputationskurve in Deutschland. Mit dem wachsenden Abstand von den Querelen der ersten Nachkriegsjahre, vor allem jedoch aufgrund der Informationsexplosion in Sachen Thomas Mann in den achtziger und neunziger Jahren – man denke an die Veröffentlichung der Tagebücher und anderer wichtiger Zeugnisse der Exiljahre –, wuchs auch die Akzeptanz Thomas Manns, des Amerikaners, so dass der fünfzigste Todestag 2005 eine weitere wichtige Zäsur in Deutschlands Verhältnis zu seinem bedeutendsten Schriftsteller markierte. Zum ersten Mal ließ ein deutsches Staatsoberhaupt es sich nicht nehmen, den Faustus-Autor zu ehren. Mehr noch, in einer bemerkenswerten Ansprache in der Marienkirche zu Lübeck bekundete Bundespräsident Horst Köhler seine Zustimmung zu einem der kontroversesten Kommentare des Amerikaners Thomas Mann, nämlich die Erklärung in einer der Radiosendungen Deutsche Hörer, dass der Luftkrieg, der deutsche Städte in Schutt und Asche legte, einschließlich seiner eigenen Vaterstadt Lübeck, selbstverschuldet sei, um sodann die moralische Berechtigung von Thomas Manns unbequemen, scheinbar mitleidlosen Sätzen anzuerkennen: »[…] Thomas Mann formuliert nichts weiter als die glasklare Erkenntnis, dass das Volk, von dem so großes Unrecht ausgegangen ist, nicht straflos davonkommt – wie unterschiedlich die Schuld eines jeden einzelnen auch ist.«[3] Konsequenterweise sprach Bundespräsident Köhler von der Bedeutung des Thomas Mann’schen Erbes, auch im politischen Sinn; von diesem hatte man in Deutschland lange Zeit nichts wissen wollen. Er beschloss seine Rede mit einer ebenso sympathischen wie angemessenen Geste: »Wir verneigen uns in Dankbarkeit.« Ein Markstein in der wechselvollen Beziehung Deutschlands zu Thomas Mann!
Der 1929 gekürte Nobelpreisträger war 1933 ein höchst unwilliger Emigrant, der sich in seinem Stolz und seiner Würde schwer getroffen fühlte. Er empfand seine »nationale Exkommunikation«, von der er in seiner Replik auf Hans Pfitzner (XIII, 91) und in dem Briefwechsel mit Bonn (XII, 789) sprach, als absurd und als eine empörende Ungerechtigkeit. Seine Exilantenexistenz war ihm eine »Schicksalsirrtümlichkeit« (XII, 787), ein vom Schicksal verhängter Stilfehler (Tb. 15. 3. 1933).
Gleichwohl, der Exkommunizierte verfolgte die Vorgänge im »erwachten« Deutschland sehr genau; er war entsetzt von der wachsenden Rechtlosigkeit und der Verfolgung von Sozialdemokraten, Kommunisten und Juden. Er versöhnte sich jedoch überraschend schnell mit seinem Schicksal. Er sah die »Notwendigkeit«, sein »Dasein auf eine neue Basis« zu stellen, ein und hieß sie innerlich gut (ebd.). Ahnte er, dass infolge seiner »Ausstoßung« (XIII, 97) in die Fremde seine Existenz eine Erhöhung erfahren und sein Weltruhm nicht nur nicht verblassen, sondern sogar noch wachsen würde? Die kaum verhüllte Ironie, mit der er im April 1934 in dem Brief an das Reichsministerium des Inneren – er bat um die Verlängerung seines deutschen Passes – sein »Außenbleiben« als »Beurlaubung […] aus der Volksgemeinschaft für eine unbestimmte, aber gemessene Frist« (XIII, 105) charakterisierte, ist ein Zeugnis nicht der Verzweiflung, sondern des unbeirrbaren Selbstvertrauens. Mit der Übersiedlung in die Vereinigten Staaten im September 1938 und seiner Ernennung zum Lecturer in the Humanities an der Princeton University nahm die Erhöhung seiner Existenz erste, konkrete Formen an. Entscheidend war jedoch, dass mit dem Eintritt in den riesigen Echoraum der englischsprachigen Welt sein Ruhm als Schriftsteller eine neue Dimension gewann. Er galt nun weithin und praktisch bis zu seinem Tod als »greatest living man of letters« – ein Etikett, mit dem sowohl sein amerikanischer Verleger Alfred A. Knopf als auch sein literarischer Agent Harold H. Peat gern und erfolgreich Werbung machten. Nicht nur in diesem ökonomischen Sinn konnte er Ende 1945 nüchtern und zutreffend konstatieren: »Mir hat die Fremde wohlgetan.« (XIII, 747)
Thomas Manns Exil, das sich immerhin über zweiundzwanzig Jahre erstreckte – vierzehn davon in Amerika, die anderen in der Schweiz –, gereichte ihm in mehrfacher Hinsicht zum Vorteil. Die Übersiedlung in die USA erbrachte zunächst dank des einfallsreichen Mäzenatentums seiner Verehrerin Agnes Meyer, dank aber auch der Tüchtigkeit Alfred Knopfs, die materielle Sicherung seiner aufwändigen Existenz als Haupt einer sechsköpfigen Familie. Wichtiger war ihm, dass sein Weltruhm als Autor nicht etwa schon in der Verleihung des Nobelpreises 1929 kulminiert hatte, sondern im Exil noch wuchs. Ausschlaggebend dafür war ein politischer Gesichtspunkt: seine Hitler-Gegnerschaft. Passioniert und denkwürdig formuliert, wie sie war, verlieh sie seinem literarischen Ruhm eine alle Welt bewegende Aktualität und setzte der literarischen Auszeichnung von 1929 gleichsam eine politische Krone auf. Kein anderer Text hat in dieser Hinsicht nachhaltiger gewirkt als der Briefwechsel mit Bonn. Er gab nicht nur draußen in der Welt dem Bild des Buddenbrooks-Autors ein neues Gepräge, sondern auch in Deutschland selbst, wo, wie das Beispiel des jungen Marcel Reich-Ranicki zeigt, die von Hitler-Deutschland Entfremdeten und Bedrohten sich an diesem Text innerlich aufrichten konnten.[4]
Im Rückblick hat Thomas Mann die Jahre des Kampfes gegen Hitler-Deutschland eine »moralisch gute Zeit« genannt (19.1, 529). Es vereinfachten sich die Gefühle. An die Stelle eines geistigen Habitus des Sowohl-als-Auch trat ein solcher des kompromisslosen Entweder-Oder und machte aus dem Zauderer einen Kämpfer. In den Augen der Amerikaner war der Autor des Magic Mountain, als er 1938 und danach wiederholt das Land bereiste und als Wanderprediger eines militanten Humanismus auftrat, vornehmlich der Feind Hitlers und des Faschismus – der neben Albert Einstein und Arturo Toscanini berühmteste.
Mit einem keineswegs unberechtigten Stolz blickte Thomas Mann auf die moralische Leistung jener Jahre. Es gelang ihm, aus der ihm aufgezwungenen Rolle des Märtyrers etwas Neues, in der Geschichte der deutschen Literatur noch nie Dagewesenes zu machen, indem er die von ihm früh angestrebte Rolle des Repräsentanten der deutschen Kultur trotz seiner »nationalen Exkommunikation« nicht nur nicht behauptete, sondern neu definierte: der Exilant als der weltweit anerkannte Repräsentant eines anderen Deutschland. Der denkwürdige und vieldeutige Satz, den er bei seiner Ankunft in New York am 21. Februar 1938 in die Stenogrammblöcke der Reporter diktierte: »Where I am, there is Germany. I carry my German culture in me«, entsprang nicht zuletzt einer Bereitschaft, Hitler den Nimbus des wahren Repräsentanten der deutschen Kultur streitig zu machen.[5] Die Jahre des Leidens an Deutschland – dies der Titel einer Publikation mit Auszügen aus den Tagebüchern der ersten Exiljahre[6] – mündeten schließlich in einen persönlichen Triumph. Am Ende durfte er sich sehr wohl als Sieger fühlen. Zwar versagte er sich im Tagebuch nach der Kapitulation des Großdeutschen Reiches jeden Ausdruck des Triumphs – »Es ist nicht gerade Hochstimmung, was ich empfinde« (Tb. 7. 5. 1945) –, doch hatte er keinen Zweifel, wer hier obsiegt hatte: »Überleben hieß: siegen. Es ist ein Sieg« (ebd.).
Der bedeutendste Gewinn, den Thomas Mann aus seiner Exilsituation zog, war intellektuellen und moralischen Charakters. Zwar zögerte der 1933 aus seiner Bahn Geworfene drei Jahre lang, bevor er sich zum Kampf gegen Hitler-Deutschland entschloss. Aber als diese Entscheidung gefallen war und vollends nach der Übersiedlung in die USA, wo ihm größere publizistische und propagandistische Möglichkeiten offenstanden, intensivierte sich sein Nachdenken über Deutschland und besonders über die psychischen und mentalen Voraussetzungen der deutschen Katastrophe. Der Faustus-Autor fuhr gleichsam auf der Überholspur der Geschichte. Dort gelangte er zu historischen und politischen Erkenntnissen, die die Daheimgebliebenen, wenn überhaupt, erst viel später und nur widerwillig akzeptierten, darunter die Einsicht, dass die deutsche Katastrophe, die für ihn nicht erst 1945 oder 1939 eintrat, sondern 1933, tiefe Wurzeln in der deutschen Kultur hatte und dass Deutschlands »Aussöhnung« mit der Welt nicht möglich ist ohne die »volle und rückhaltlose Kenntnisnahme entsetzlicher Verbrechen« (XI, 1106). Man wird also Thomas Manns Auseinandersetzung mit Deutschland nicht gerecht, wenn man es so hinstellt, als habe sein Poltern gegen Hitler im amerikanischen Exil nur das eine Ziel gehabt, nämlich »die Beseitigung des nationalsozialistischen Regimes«.[7] Seine historische Neugier, aber auch sein wacher Sinn für die »wechselseitige[] erzieherische[] Verbundenheit von Nation und Autor« (XII, 788) erstreckte sich durchaus auch auf die Antezedenzien der deutschen Katastrophe und auf ihre Folgen.
Nichts hat Thomas Manns politischen Lernprozess im amerikanischen Exil stärker gefördert als die schrittweise Aneignung einer außerdeutschen Perspektive auf Deutschland – die Perspektive der Opfer des deutschen Weltmachtstrebens. Diesem Blickwechsel war das Exil naturgemäß weit förderlicher als die Innere Emigration. Im Verfolg seiner Reflexionen auf Deutschland gelangte er schließlich zu einer höchst zukunftsträchtigen Einsicht: »Das Exil ist etwas ganz anderes geworden, als es in früheren Zeiten war. Es ist kein Wartezustand, den man auf Heimkehr abstellt, sondern spielt schon auf eine Auflösung der Nation an und auf die Vereinheitlichung der Welt. Alles Nationale ist längst Provinz geworden. […] Man gönne mir mein Weltdeutschtum […].« (XIII, 747)
Wie weit ging seine Akkulturation in seinem zweiten Exilland, dem ersten fremdsprachigen? Wie weit hat er sich auf Amerika eingelassen? Nicht sehr weit, ja eigentlich gar nicht, wenn man eine in Amerika beliebte Faustregel zum Maßstab nimmt: »Whoever wants to know the heart and mind of America had better learn baseball.«[8] Thomas Mann hatte nicht nur am amerikanischen Nationalsport kein Interesse, auch die gesellschaftliche und kulturelle Rolle des Sports in Amerika allgemein blieb ihm ein Buch mit sieben Siegeln. Als er sich einmal dazu überreden ließ, auf den Golfplatz mitzukommen und sich mit dem Golfschläger zu versuchen, wurde ihm schlagartig klar, dass das »unrichtig« war (Tb. 5. 7. 1935). Aber auch andere Gebiete der amerikanischen Kultur blieben weiße Flecken für ihn. So etwa ließen ihn, unerachtet seiner Musikbesessenheit, die spezifisch amerikanischen Formen der Musik kalt. Er besuchte, wie schon in Europa, Symphoniekonzerte, lauschte den samstäglichen Übertragungen aus der Metropolitan Opera oder veranstaltete zu seiner eigenen Unterhaltung Plattenkonzerte. Es war das ihm vertraute, kanonisierte Repertoire der klassischen Musik. Zum Jazz oder zu anderen Formen der amerikanischen Folk- und Popmusik hatte er keinen Zugang und suchte auch keinen.
In dieser Hinsicht verhielt sich Thomas Mann nicht anders als nahezu alle deutschen Emigranten, namentlich Theodor W. Adorno, sein musikalischer Berater bei der Arbeit am Doktor Faustus. Das Desinteresse an der amerikanischen Kultur, soweit sie keine deutschen Wurzeln hat – wie etwa jener Johann Conrad Beißel in Pennsylvania mit seinem kuriosen musikalischen Notationssystem, der immerhin Eingang fand in den großen Roman von der deutschen Musik (10.1, 98–103) –, ist ein Charakteristikum der deutschen Emigration insgesamt. Hermann Kesten, einem Mitemigranten der jüngeren Generation, gestand er 1951: »Ich habe mir zu wenig Mühe gegeben, in dieser culture Wurzel zu schlagen, bin zu sehr geblieben, der ich war […].«[9] Hingeschrieben wurde dies in einer dunklen Stimmung, als die Maienblüte seiner Liebe zu Amerika längst verblichen war und die Entscheidung, dem Land den Rücken zu kehren, praktisch schon feststand.
Solche offensichtlichen Fehlanzeigen und Selbstzweifel auf dem heiklen Gebiet der Akkulturation dürfen jedoch nicht überbewertet werden bei einem Autor, der als Dreiundsechzigjähriger ins Land kam. Thomas Mann hat sich überraschend weitgehend auf Amerika eingelassen, jedenfalls in höherem Maße, als man ihm gemeinhin zubilligt. Er tat es weniger aus intellektueller Neugierde oder aus angeborener Zuneigung zu Land und Leuten. Er tat es aus der von der Geschichte verhängten Notwendigkeit, sich mit der Macht zu verbinden, die am ehesten in der Lage war, der Herrschaft Hitlers in Deutschland ein Ende zu bereiten.
Die vierzehn amerikanischen Jahre sind ohne Zweifel die dramatischste und strapaziöseste Etappe in Thomas Manns ebenso glanz- wie leidvoller Laufbahn als Schriftsteller. Der Krieg – früh vorausgesagt, zuletzt herbeigewünscht –, die Niederwerfung des Hitler-Reiches, die unerquickliche Auseinandersetzung mit der Inneren Emigration: Dies waren die Brennpunkte seines Nachdenkens über Deutschland in der Fremde, das, typisch für Exilanten generell, obsessiven Charakter hatte. Mochte der Blick auch auf Washington und die politischen Entscheidungsprozesse dort gerichtet sein, in Gedanken war er stets bei den leidigen deutschen Dingen, die sich durch die Brille des amerikanischen Thomas Mann langsam, doch unaufhaltsam in einem anderen, fahleren Licht darzustellen begannen, als sie sich ihm in dem Land seiner Herkunft und noch in der Schweiz zeigten.
Thomas Mann, der Amerikaner, wie er in den Köpfen der Inneren Emigration existierte und bei deutschen Literaturfreunden teilweise noch heute existiert, stellt sich bei genauerem Hinsehen als ein von Mutmaßungen, Klatsch und Ressentiments überwuchertes Phantom heraus. Verlässliche Fakten und richtige Einschätzungen der Selbstzeugnisse sind Mangelware. In den folgenden Kapiteln wird die Etappe der vierzehn amerikanischen Jahre aufs Neue und im Lichte unbekannter Zeugnisse betrachtet. Dem dabei entstehenden Porträt des späten Thomas Mann Farbe, Tiefenschärfe und Realismus zu verleihen, ist das hauptsächliche Anliegen des vorliegenden Buches. Dem dient als oberster methodischer Grundsatz, Thomas Mann in seinem amerikanischen Kontext zu zeigen, statt ihn lediglich aus seinen eigenen Zeugnissen – dem keineswegs immer verlässlichen Tagebuch oder den situationsbedingten Briefen – auf dem unsicheren Weg der Einfühlung zu rekonstruieren. Der jeweilige Kontext muss in der gebotenen Dichte skizziert und die Reaktion der Amerikaner auf den illustren Exilanten in ihrer Mitte herangezogen werden, wo immer eine solche greifbar ist.
Die ersten drei Kapitel beleuchten die Annäherung des Zauberberg-Autors an Amerika. Sein Weg nach Westen bis hin zum Hausbau am Pazifik und zur Vereidigung auf die amerikanische Verfassung war lang und steinig angesichts der in der deutschen Kultur tief verwurzelten Vorurteile gegen Amerika und seine Kultur. Wie es sich gehört für einen Schriftsteller, war die Literatur das bevorzugte Medium der Annäherung an die angloamerikanische Kultur. Dabei spielten der amerikanische Lyriker Walt Whitman und der aus Polen gebürtige englische Romancier Joseph Conrad eine herausragende Rolle.
Nichts hat den Immigranten aus Deutschland rascher und freudiger zum Amerikaner gemacht als seine Verehrung für Franklin Delano Roosevelt, den 32. Präsidenten der Vereinigten Staaten. Er erlebte diese Ausnahmeerscheinung unter den amerikanischen Präsidenten bei drei Gelegenheiten aus nächster Nähe, zweimal bei Besuchen im Weißen Haus, das andere Mal auf einem Pressebankett. In seiner Verehrung für diesen Politiker paarten sich in einer bei ihm einzigartigen Weise Sympathie und Kalkül. Er betrachtete Franklin Roosevelt als den geborenen Gegenspieler des deutschen Diktators und damit als den Garanten für Hitlers Fall. Er war aber auch angetan und menschlich berührt von der gewinnenden Persönlichkeit des schwer leidenden und doch mächtigsten Mannes der Welt. Fieberhaft verfolgte er die politischen Entscheidungsprozesse in Washington schon vor dem von ihm sehnlichst erwarteten Kriegseintritt der Vereinigten Staaten und vollends während des Krieges. Nur wenn es Roosevelt gelingen würde, das kriegsunwillige Amerika von der Notwendigkeit des Kriegseintritts zu überzeugen, durfte er hoffen, dass der militante Humanismus, wie er ihn zuerst auf seiner großen Vortragstournee im Frühjahr 1938 vertrat, auch Erfolg haben würde. In diesem gemeinsamen Bestreben gründete seine heimliche, imaginäre Waffenbrüderschaft mit dem amerikanischen Präsidenten. Die innere Gewissheit dieses Einvernehmens mit Franklin Roosevelt, der in mehr als einem Sinn »sein« Präsident war, gab seinem eigenen Beitrag zum »war effort« der Alliierten, den über vier Jahre sich erstreckenden monatlichen Radiosendungen Deutsche Hörer, die nötige Selbstsicherheit.
Waren für Thomas Mann die Literatur und die Politik die nächstgelegenen Wege der Annäherung an Amerika, so kam mit der deutschstämmigen Agnes E. Meyer ein besonders wichtiger, persönlicher Faktor hinzu. Die schwärmerische Freundschaft dieser Frau, ihre erstaunliche Hilfswilligkeit, trugen mehr als irgendeine andere Begebenheit dazu bei, dass Thomas Manns Exil in Amerika auf so vielfache Weise von der Emigrantennorm abwich und sich zu einer an Joseph gemahnenden »success story« gestaltete. Agnes Meyer fädelte 1938 die Ernennung zum »Lecturer« an der Princeton University ein, und sie verschaffte ihm 1941 eine gut dotierte Ehrenstellung an der Library of Congess, der amerikanischen Nationalbibliothek. Agnes und Eugene Meyer, Eigentümer und Herausgeber der Washington Post, waren jedoch Republikaner, was dem großen Roosevelt-Verehrer einige Rücksicht auferlegte, wenn er mit seiner mächtigen Washingtoner Freundin politisierte.
Seit wir die Memoiren Katharine Grahams, einer Meyer-Tochter, kennen, wissen wir von dem durchaus leidenschaftlichen Charakter, den die Beziehung ihrer Mutter zu dem Verehrten besaß. Agnes Meyers Liebe blieb unerwidert, musste es bleiben, so dass die spannungsreiche Beziehung zu seiner »Diotime« streckenweise die Züge einer ernsten Komödie bekam.[10] Man täte dieser Beziehung jedoch unrecht, wenn man ihr auf Thomas Manns Seite nichts als utilitaristische Gesichtspunkte unterstellte. Für ihn war »die Meyer« – seine »Fürstin«, seine »Freundin« und sein »Schutzengel« – ein Kapitalereignis seiner Biographie, wie der große, rückblickende Brief vom Februar 1955 erkennen lässt. Sein Briefwechsel mit ihr, der an Mitteilsamkeit alle anderen übertrifft, ist die neben den Tagebüchern wichtigste Quelle unserer Kenntnis des amerikanischen Thomas Mann.
Um sich von der Vielschichtigkeit der amerikanischen Existenz Thomas Manns ein deutliches und klares Bild zu machen, ist es notwendig, von einer strikt chronologischen Darstellung abzusehen und stattdessen ein prismatisches Verfahren anzuwenden. Das heißt, dass die einzelnen Bereiche seiner Tätigkeit separat und in ihrem Zusammenhang betrachtet werden.
Den Anfang machen seine ungeheuer ausgedehnten Vortragstourneen durch den nordamerikanischen Kontinent, die alle ein politisches Programm hatten, nämlich den Amerikanern die Berechtigung und Notwendigkeit des Kampfes gegen Hitler-Deutschland darzulegen. Auf seinen fünf großen Tourneen von 1938 bis 1943 sah Thomas Mann mehr von Amerika und schüttelte mehr Amerikanern die Hand als jeder andere deutsche Emigrant. Diese Vortragstätigkeit wurde gut bezahlt; sie war aber wegen der enormen Entfernungen und trotz der komfortablen Züge auch sehr strapaziös; sobald die Umstände es erlaubten, schränkte er sie mehr und mehr ein, um sich dem literarischen Werk widmen zu können.
Ein eigenes Kapitel stellen sodann die vielfältigen Beziehungen zur akademischen Welt dar, konkret: zu den großen amerikanischen Universitäten. Thomas Mann hatte bereits in Deutschland Verbindungen zu Universitäten geknüpft, namentlich zu Bonn und München, doch diese Konnexionen erlangten in den Jahren des amerikanischen Exils eine neue Dimension. An erster Stelle ist Princeton zu nennen, eine kleine Universitätsstadt in New Jersey, wo die Manns knapp drei Jahre lebten. An dem Lehrbetrieb der Universität nahm er jedoch lediglich drei Semester lang teil, und das auch nur hospitierend. Er hatte die Belastung durch seine universitäre Vortragstätigkeit unterschätzt und war froh, ihrer bald wieder ledig zu sein. Der gesellschaftliche Höhepunkt der Princetoner Jahre war die Hochzeit Elisabeths mit dem bedeutenden italienischen Intellektuellen Giuseppe Antonio Borgese.
Thomas Manns Verhältnis zu den amerikanischen Germanisten war gespannt. Die meisten von ihnen waren Deutsch-Amerikaner; sie gingen zu dem illustren, doch ob seiner politischen Äußerungen anstößigen Exilanten auf Distanz und enthielten sich, behindert durch einen Loyalitätskonflikt, auch der Kritik am Dritten Reich. So fiel Thomas Mann zu, was rechtens die Aufgabe der Professoren gewesen wäre, nämlich Amerika zu erklären, was es mit dem nationalsozialistischen Deutschland auf sich hat. Die beiden auch für Thomas Mann wichtigsten Universitäten waren Harvard und Yale. Die Ehrenpromotion durch die Harvard University, die ihm das von der gleichgeschalteten Universität Bonn aberkannte Diplom mehr als ersetzte, hatte, was der Geehrte kaum ahnte, einen politischen Hintergrund, der hier zum ersten Mal ausgeleuchtet wird.
Die Beziehung zur Yale University hat eine emblematische Bedeutung für Thomas Manns Verhältnis zu Amerika insgesamt. Sie hätte die erfolgreichste sein können, endete jedoch, wie die Beziehung zur Library of Congress, mit einem Missklang. Denn der antikommunistische Furor der McCarthy-Jahre verhinderte den anvisierten Verkauf seines gesamten literarischen Nachlasses an die Yale University für die aus heutiger Sicht unfassbar bescheidene Summe von 30 000 Dollar – zum Glück für die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, der der Nachlass Thomas Manns schließlich per Schenkung zufiel.
Welche Figur machte der deutsche Immigrant im literarischen Leben Amerikas? Welche Autoren kannte er? Und zu welchen hatte er persönlichen Kontakt? Ausgangspunkt für eine einschlägige Bestandsaufnahme ist der große, zweiteilige Artikel von Janet Flanner, Ende 1941 im New Yorker erschienen, mit dem anzüglichen Titel Goethe in Hollywood. Flanner zeichnet ein leicht spöttisches, doch eindringliches Porträt des deutschen Nobelpreisträgers, den sie als ein eigentlich rätselhaftes Phänomen darstellt – rätselhaft, weil es ihm unwahrscheinlicherweise auch in Amerika gelungen sei, seinen Status als eine Legende zu Lebzeiten zu behaupten und sogar auszubauen. Thomas Mann hatte ein gutes kollegiales Verhältnis zu Sinclair Lewis und Upton Sinclair. Einige Kollegen wie John Steinbeck und Tennessee Williams scheint er nur über die Verfilmung ihrer Bücher gekannt zu haben. Zu anderen, wie Willa Cather, hatte er ein Beinahe-Verhältnis. Über dem Verhältnis zu seinem wohl bedeutendsten amerikanischen Zeitgenossem, William Faulkner, waltete jedoch ein Unstern.
Wie er es von Deutschland her gewohnt war, konnte sich Thomas Mann des Zutrauens von jungen, angehenden Autoren und Verehrern erfreuen, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen an ihn wandten. Die herausragendsten waren der Literaturkritiker und Poet Howard Nemerov, der Literaturkritiker und Mythenforscher Joseph Campbell, der Historiker und Poet Peter Viereck, der Dichter Frederick Morgan und, bereits im Backfischalter, der künftige Star auf der amerikanischen Literaturszene: Susan Sontag. Den zweifellos rührendsten Kontakt mit der jungen amerikanischen Literatur gab es mit einem Roman des jungen Gore Vidal. Dessen früher Roman The City and the Pillar, heute ein Klassiker der »gay literature«, zeitigte bei dem Joseph-Autor eine heimliche Ergriffenheit, die zu seinen stärksten Eindrücken von der zeitgenössischen amerikanischen Literatur zu rechnen ist.
Thomas Mann ging in Amerika häufig und regelmäßig ins Kino, zumal nach seiner Niederlassung in der Stadt der Engel, in der die Filmindustrie damals wie heute dem kulturellen und gesellschaftlichen Leben sein eigentümliches Gepräge gab und gibt. In den amerikanischen Jahren erweiterten sich seine Filmkenntnisse beträchtlich, ohne dass ihn dies zu einem veritablen Cineasten gemacht hätte. Auch sein Sehverhalten, das homoerotisch gesteuert war, verfeinerte sich durch die wachsende Vertrautheit mit einer Filmkunst, die nach der Einführung des Motion Picture Production Code von 1930, des sogenannten Hays Code, die Camouflage sexueller Interessen zum Prinzip erhob.
Bereits bei seinem ersten Aufenthalt in Los Angeles im Frühjahr 1938 wurde er von den Granden Hollywoods hofiert. Jack Warner, einer der mächtigen Studiobosse, gab ein Dinner für ihn, dessen Gästeliste das für die Filmindustrie bezeichnende Miteinander von Glamour und Geist eindrucksvoll illustrierte. Nicht nur deswegen, sondern auch aus Gründen der Weltanschauung war Thomas Manns Hollywood-Erlebnis ein anderes als das der meisten deutschen Emigranten, nicht zuletzt das Heinrich Manns, der als Schreiber im MGM-Studio ein Jahr nutzlos absaß und eine Art Überbrückungshilfe empfing, ohne dass es ihm gelang, Fuß zu fassen. Bei den zahlreichen gesellschaftlichen Anlässen sogleich 1938 und später immer wieder, bei den Besuchen der großen Filmstudios und den Begegnungen mit Stars, Regisseuren und Filmagenten, bewegte ihn in erster Linie die Hoffnung auf eine Verfilmung des Joseph. Diese Hoffnung zerschlug sich zu seinem großen Kummer. Gleichwohl zeigte er sich bei drei verschiedenen Anlässen bereit, an Filmprojekten mitzuwirken, die jedoch alle drei ebenfalls im Sande verliefen.
Die Zeitspanne des transatlantischen Exils weist ziemlich genau in ihrer Mitte eine markante Zäsur auf – man könnte es auch einen Wendepunkt nennen –, die die vierzehn amerikanischen Jahre in zwei gleich lange, doch stimmungsmäßig höchst unterschiedliche Hälften teilt. Diese Zäsur trat ein, als am 12. April 1945 Franklin Roosevelt starb. Waren die ersten sieben Jahre von der Sonne seiner Roosevelt-Verehrung erhellt, so verdunkelten sich die folgenden sieben Jahre unter dem wachsenden Einfluss der Roosevelt-Gegner. Thomas Mann ahnte überraschend klar, was nach dem Tod des Präsidenten kommen würde. In seiner Wahlkampfrede im Herbst 1944 warnte er, ohne Namen zu nennen, vor der großen Gefahr, »daß in diesem Lande die Kräfte der Reaktion, des Isolationismus, der rassischen Intoleranz, der verstockten und blinden Renitenz gegen die Notwendigkeit sozialer Veränderungen« (XI, 981) die Oberhand bekommen könnten. Sie bekamen die Oberhand.
Als nach den Kongresswahlen von 1946 im Repräsentantenhaus die Republikaner einen Zuwachs verzeichneten, ging der Vorsitz des Ausschusses zur Untersuchung unamerikanischer Umtriebe an einen republikanischen Scharfmacher. Mit den 1947 medienwirksam inszenierten Anhörungen vor dem gefürchteten HUAC, dem House Unamerican Activities Committee, setzte die erste Welle der Kommunistenverfolgung ein, für die sich später der Begriff des McCarthyism einbürgerte. Als Joseph McCarthy 1952 den Vorsitz des entsprechenden Senatsausschusses übernahm, war Thomas Mann aber wieder in die Schweiz zurückgekehrt. Was er erlebte, war die erste vom HUAC initiierte Welle der Repression. Sie richtete sich zunächst gegen eine Gruppe von Filmschaffenden, die meisten von ihnen linksgerichtete Drehbuchautoren, die als »Hollywood Ten« in die Geschichtsbücher eingingen. Thomas Mann schloss sich spontan dem Protest des liberalen Hollywood an und lieferte für die Radiosendung »Hollywood Fights Back« einen kurzen geharnischten Text. Als er wenig später selbst in die Schusslinie der Kommunistenjäger geriet und zusammen mit 49 anderen Persönlichkeiten als ein »communist dupe« denunziert wurde, musste er von seinen Freunden davon abgehalten werden, sich zur Wehr zu setzen.
Sowohl die Anhörungen vor dem HUAC als auch die steckbriefartige Verfolgung der fünfzig prominentesten angeblichen Mitläufer und nützlichen »Idioten« wären nicht möglich gewesen ohne die Amtshilfe des Federal Bureau of Investigation, das über eine umfangreiche Kartei verfügte und schon seit Jahren belastendes Material über alle verdächtigen Intellektuellen und Künstler sammelte. Thomas Manns Überwachung begann schon 1937 offenbar auf Grund seines aus amerikanischer Sicht vorzeitigen Antifaschismus. Das umfangreiche FBI-Dossier zu Thomas Mann ist bemerkenswert allein wegen seines schlichten »guilt-by-association«-Musters; es enthält keine substantiellen Belege für kommunistische Aktivitäten. Thomas Mann war letztlich nicht gefährdet; im Unterschied zu Bertolt Brecht musste er nicht vor dem HUAC erscheinen.
Gleichwohl war er von der Kommunistenjagd betroffen und angeschlagen. Die Library of Congress sagte seinen 1950 geplanten Vortrag auf Druck des FBI ab, wodurch seine ehrenvolle Verbindung zur amerikanischen Nationalbibliothek de facto beendet war. Darüber hinaus bedeutete das Verstummen in der öffentlichen Debatte eine empfindliche Einschränkung seines in der amerikanischen Verfassung verbrieften Rechts auf freie Meinungsäußerung. Diese Erfahrungen waren schließlich ausschlaggebend für seine Entscheidung, das Land wieder zu verlassen und in sein erstes Exilland zurückzukehren.
Der Vansittartismus – so benannt nach dem englischen Diplomaten und Deutschland-Kritiker Sir Robert Vansittart – ist ein heute obsoletes Schlagwort. In den vierziger Jahren jedoch war es in Emigrantenkreisen heiß umstritten, weil Vansittart die Schuld am Zweiten Weltkrieg nicht allein bei den Nationalsozialisten suchte, sondern auch bei den Deutschen vor Hitler. Der Vorwurf des Vansittartismus war rufschädigend und als solcher intendiert. Bertolt Brechts Attacken gegen Thomas Mann, zumal nach dem Scheitern des Deutschlandmanifests der kalifornischen Emigranten im August 1943, lief auf eben diesen Vorwurf hinaus. Außerdem war die Wahrnehmung Thomas Manns, des Amerikaners, in seinem Herkunftsland lange Zeit dadurch belastet, dass sein Deutschlandbild mit dem Selbstverständnis der Deutschen, der Daheimgebliebenen und größtenteils auch der Emigranten, nicht kompatibel war, weil es auch die Perspektive der Opfer der deutschen Aggression reflektierte. Diese Außenperspektive verdankte sich in hohem Maße der Auseinandersetzung mit Black Record, dem ersten der gegen Deutschland gerichteten Pamphlete des englischen Lords.
Die Klärung seines Deutschlandbildes war jedoch nicht nur im Hinblick auf die Deutschlanddebatten unter den Exilanten dringlich, sie war auch eine arbeitsökonomische Unumgänglichkeit. Ohne ein klares, kohärentes und kritisches Deutschlandbild hätte der Faustus-Roman nicht unternommen werden können. Wie es zu der schrittweisen Artikulation des dem Roman zugrundeliegenden Deutschlandbildes kam, ist an einer Reihe von Lektüre-Erlebnissen nachzuvollziehen. Dazu gehören zwei Titel Erich Kahlers (Israel unter den Völkern, Der deutsche Charakter in der Geschichte Europas), Robert Louis Stevensons klassische Schauergeschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde sowie die Deutschlandanalyse des jungen, gerade aus Berlin geflohenen Sebastian Haffner in seinem Buch Germany. Jekyll and Hyde. Dieser Klärungsprozess lässt sich am besten als der Weg nach Kaisersaschern beschreiben, dem Emblem des Deutschtums im Roman. Somit zeigt sich, dass der Emigrant, während er sich äußerlich zum Amerikaner machte, innerlich unterwegs war zu seinen eigenen Wurzeln und zu einer Auseinandersetzung mit dem, was die Welt als »the German problem« ansah. Sie zeitigte eine Romanstruktur, die den Ersten und Zweiten Weltkrieg als zwei Akte ein und desselben Dramas des deutschen Weltmachtstrebens erscheinen ließen, symbolisiert in dem Streben nach musikalischer Hegemonie. Diese Interpretation der deutschen Geschichte hat sich unter deutschen Historikern erst nach der Debatte um Fritz Fischers Buch über die deutschen Kriegsziele von 1914 durchsetzen können und selbst dann nur mühsam und gegen fest anerzogene und tiefsitzende Vorurteile.[11]
Auch ohne sich in Deutschland wieder niederzulassen, war Thomas Mann, der Amerikaner, noch lange nach 1945 eine irritierende Präsenz in den Köpfen vieler Deutscher. Die Kontroverse, die ausbrach, als er erklärte, warum er Walter von Molos Aufforderung, »als guter Arzt« zurückzukehren, nicht Folge leisten könne, stellt sich im Rückblick als die unerkannte Mutter aller späteren, oft von außen ausgelösten Deutschlanddebatten dar. Dieser Streit des Exilanten mit der Inneren Emigration ist als das Vorspiel zu der auf Beschweigen, Kompromiss und Exkulpation beruhenden Vergangenheitspolitik anzusehen, die ihrerseits das erste Kapitel in der langen sogenannten »zweiten Geschichte« des Nationalsozialismus darstellt – jener Geschichte, die mit der Deutung der deutschen Katastrophe befasst ist.[12]
Wenn aus der auf den folgenden Blättern entfalteten kritischen Betrachtung des amerikanischen Thomas Mann ein mentalitätsgeschichtlich relevantes Fazit zu ziehen ist, so ist es dies: Er ist den Weg der Selbsterkenntnis und Verantwortlichkeit früher und entschlossener gegangen als die große Mehrheit der Deutschen, auch als die große Mehrheit der deutschen Historiker. Daraus darf man folgern, dass der politisch-moralische Reifeprozess, den man der Bonner und der Berliner Republik heute gern und großzügig bescheinigt, vermutlich weniger stotternd und zögerlich vorangekommen wäre, wenn man Thomas Mann, den Amerikaner, das heißt seine im amerikanischen Exil gewonnenen Einsichten, von Anfang an in das Nachdenken über die deutsche Katastrophe einbezogen hätte.
Der Nobelpreis für Literatur war 1948 Thomas Stearns Eliot verliehen worden, dem Dichter des Waste Land. In diesem Zusammenhang las Thomas Mann im Aufbau einen kurzen Artikel über den in England lebenden amerikanischen Lyriker, Dramatiker und Essayisten und notierte sich dazu im Tagebuch: »Neid auf den Vorteil in die englische Kultur u. Sprache hineingeboren zu sein.« (Tb. 16. 11. 1948) Der von Richard Dyck gezeichnete Artikel bietet einige dürre Angaben zu Leben und Werk T. S. Eliots, die Thomas Mann zu seiner eigenen Belehrung festhielt. Die Bemerkung, die ihm vermutlich am meisten zu denken gab, ist Dycks lapidare Feststellung: »Eliots Dichtungen und kritische Prosaabhandlungen haben ohne Zweifel die junge Literatur-Generation Englands und Amerikas und darüber hinaus auch die junge Generation des gesamten westeuropäischen Kulturkreises aufs stärkste beeinflusst.«[1]
Dies musste den Neid des Faustus-Autors erregen, denn kein Kritiker, Engländer oder Amerikaner, wäre damals auf den Gedanken gekommen, Thomas Mann eine dem Dichter des Waste Land vergleichbare, weltweite Wirkung zuzuerkennen. Zwar genoss er in Amerika eine sehr hohe Wertschätzung, aber seine herausragende Reputation als »the greatest living man of letters« galt keineswegs unangefochten. Sie wurde, wie nicht anders zu erwarten, bald aus literarischen, bald aus politischen Gründen angefochten. Was gar England betrifft, so war es sein »ständiger Kummer«, wie er Erich Heller bekannte, dass seine Bücher dort »kein Glück« hatten.[2]
Offenbar erklärte er sich den Vorteil, den Eliot ihm gegenüber hatte, allein aus der weiteren Verbreitung der englischen Sprache, was jedem Englisch schreibenden gegenüber einem Deutsch schreibenden Autor automatisch einen ökonomischen Vorteil verschafft. Der Gesichtspunkt des Innovativen und der Modernität spielte dabei keine Rolle für ihn, denn er zählte Eliot zu den Autoren, die, wie er selbst, das Unerhörte aus dem Vertrauten entwickelten und die Provokation ins Schickliche kleideten. Dies zeigt eine Tagebuchstelle wenige Monate später. Nach der Lektüre einer Rezension von mehreren neuen Büchern über T. S. Eliot konstatiert er bei diesem eine Schreibmethode der Intertextualität avant la lettre, denn in den vielen »Studien und Büchern, die über Eliot geschrieben« worden seien, ginge es im Wesentlichen um das »Auffinden der weltliterarischen Citate, aus denen guten Teils seine Gedichte bestehen.«[3] Dem folgt im Tagebuch eine Beschreibung von Eliots literarischer Physiognomie, die auch auf seine eigene passen würde: »Erinnerungsvoller und immerfort aus der Kultur citierender Revolutionär von konservativ traditionalistischer Haltung. […] Das Evokative statt des Creativen, oder doch dieses stark mit jenem vermischt. Das Resümierende […]. Zeichen der Letztheit, des Endes, des Abschieds oder des Sich besinnens zum Leben?« (Tb. 14. 3. 1949)
Abgesehen von dieser Ähnlichkeit bildete sich Thomas Mann keine besonders günstige Meinung von seinem jüngsten Nobelpreiskollegen. Er las Eliots Notes towards the Definition of Culture und befand, dass ihn dieser neue Essay »nicht wie das Werk eines großen Geistes« anmutete (Tb. 1. 12. 1948). Er hatte erst kürzlich, während der Arbeit am Doktor Faustus in der Person Theodor Adornos einen Menschen von außerordentlichen intellektuellen Kapazitäten kennengelernt und war in dieser Hinsicht etwas verwöhnt. Als es vorübergehend den Anschein hatte, »daß aus dem Oxforder Ehrendoktor nichts wird«, vermutete er misstrauisch und abwegig einen »politischen Hintergrund, und daß man Katholik und Royalist sein muß wie Eliot«, um dieser Ehre teilhaftig zu werden (Tb. 3. 12. 1948). Die Ehrenpromotion in Oxford ging im darauffolgenden Mai über die Bühne. Zu einem Empfang des deutschen PEN-Clubs in London erschien auch Eliot, doch offenbar unterließ er es, Thomas Mann persönlich zu begrüßen, was ihm dieser im Tagebuch als Unhöflichkeit ankreidete (Tb. 19. 5. 1949).
Wenn Eliots Vorteil ihm gegenüber nicht aus einer größeren Avanciertheit des literarischen Handwerks und Verfahrens abzuleiten war, wenn seine Essays nicht gerade von einem großen Geist zeugten und wenn ihm seine politischen Affinitäten suspekt waren, so konnte nur die Sprache, die dem Dichter des Waste Land durch den Zufall der Geburt zur Verfügung stand, zur Erklärung jenes beneidenswerten Vorteils dienen. In der Tat, nach zehn Jahren im angloamerikanischen Sprachraum zeigt sich bei Thomas Mann ein geschärftes Bewusstsein von der Bedeutung der Sprache, deren sich ein Autor bedient, und von dem relativen Nachteil, den, global betrachtet, ein Deutsch schreibender Autor hat – zumal ein im Schatten der deutschen Katastrophe schreibender.
Symptomatisch dafür ist ein Brief an Agnes Meyer, geschrieben wenige Wochen nach der Reflexion im Tagebuch auf T. S. Eliot. Die ersten amerikanischen Rezensionen des Doctor Faustus waren gerade erschienen. Thomas Mann war enttäuscht, zumal nach den überaus ehrerbietigen Rezensionen seines Schmerzensromans, die ihm aus der Schweiz zugegangen waren. Was ihn vor allem bedrückte, war der Vorwurf, dass sein Stil »ponderous« sei – unelegant, schwerfällig.[4] Er behielt seine Niedergeschlagenheit jedoch für sich, denn seine amerikanische Freundin hörte es nicht gern, wenn er sich von Amerika enttäuscht zeigte. Also schrieb er ihr: »Mit der Aufnahme des ›Faustus‹ hier kann und muss ich wirklich noch sehr zufrieden sein. Wie soll denn ein übersetztes Buch, das aller Ueberredungsmittel entbehrt, die es im Original besitzt, seine natürliche und volle Wirkung tun! Es ist ein Wunder, dass es auch so noch einigen Eindruck macht.« (AM, 717) Auch so noch! Soll heißen: in englischer Übersetzung, noch dazu in der Übersetzung Helen Lowe-Porters, zu deren linguistischer Kompetenz er nie volles Vertrauen fasste, weshalb er alle seine Überredungskünste aufgeboten hatte, um Agnes Meyer für die englische Fassung des Doktor Faustus zu gewinnen.[5] Es folgt ein Stoßseufzer, der für das Selbstverständnis und die Befindlichkeit des amerikanischen Thomas Mann höchst aufschlussreich ist: »Wäre ich nur in die angelsächsische Kultur hineingeboren! Ich wollte euch ein Englisch schreiben! – Sans patrie, liebe Freundin; es ist im Grunde ein melancholisches Dasein.«
Im zehnten seiner amerikanischen Jahre manifestiert Thomas Mann somit eine feine Sensibilität für das Echo, das seine Bücher in der großen Englisch sprechenden Welt fanden. Offenbar ahnte er hier schon, dass der amerikanische und englische Literaturbetrieb den globalen Buchmarkt bald in noch größerem Maß dominieren würden, als es bereits 1948 der Fall war. Diese Entwicklung sollte sich in dem darauffolgenden Halbjahrhundert noch beschleunigen. George Steiner hat sich am Ende des vorigen Jahrhunderts einige melancholische Gedanken gemacht über die nachteiligen Auswirkungen des »globalen Erfolgs« des Englischen für alle anderen Literaturen, zumal die aus einem eng begrenzten Sprachraum stammenden. Steiner konstatiert nüchtern und weitgehend zutreffend, dass die englische Übersetzung eines literarischen Werkes heute »wichtiger« sei als das Original. Mehr denn je komme es darauf an, »in den weltweiten Club englischsprachiger Publikation und Rezeption aufgenommen« zu werden, denn nicht anders als für den Naturwissenschaftler, den Banker und den Diplomaten sei das Englische heute auch für den Schriftsteller »das unentbehrliche Fenster zur Welt«. »Unübersetzt zu bleiben« bedeute, »Gefahr zu laufen, der Vergessenheit anheimzufallen«.[6] Umso wichtiger war für Thomas Mann die Qualität der Übersetzungen, und die bereiteten ihm Sorgen. Daher seine frustrierte Wunschphantasie, wie T. S. 6;Eliot in der englischsprachigen Welt wirken zu können. Er war überzeugt, dass niemand seinen Stil »ponderous« finden würde, wenn er imstande wäre, auf Englisch zu schreiben und seinen Stil in englischer Sprache selbst zu formen. Dann würden alle derartigen Beanstandungen verstummen.
Gewiss verdanken sich die Bemerkungen über T. S. Eliot im Tagebuch und der Stoßseufzer in dem Brief an Agnes Meyer zu einem beträchtlichen Teil einer momentanen Verstimmung wegen der enttäuschenden Aufnahme des Doctor Faustus in Amerika. Doch gehen Thomas Manns Äußerungen weit über das vertraute und verständliche Leiden der Autoren an ihren Übersetzern hinaus. Er wünscht sich ja nicht nur, als Englisch schreibender Autor auf die Welt gekommen zu sein. Er wünscht sich mehr, nämlich »in die angelsächsische Kultur hineingeboren« zu sein. Ein verblüffendes und verwirrendes Bekenntnis von einem Autor, der als Meister der deutschen Sprache und als öffentliche Figur eine T. S. Eliot zumindest vergleichbare Vorrangstellung einnahm! Es ist auch ein erklärungsbedürftiges Bekenntnis. Wie hat sich diese Wunschphantasie gerade bei diesem Schriftsteller bilden können? Was hat es zu bedeuten, dass er sich sehr wohl als Englisch schreibenden Autor vorstellen konnte, nicht aber als Französisch, Italienisch, Portugiesisch oder Russisch schreibenden? Und welches Licht wirft es auf sein Selbstverständnis als deutscher Schriftsteller, dass er sich sehr wohl eine Zugehörigkeit zur angelsächsischen Kultur vorstellen mochte?
Für letztere Wunschphantasie liefern die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull einen kleinen, aber aufschlussreichen Beleg. Für seine letzte Selbstprojektion wählte er die Maske eines schottischen Adeligen, Lord Kilmarnock. Was Thomas Manns Persönlichkeit nach seiner Selbsteinschätzung auszeichnete – die gepflegte äußere Erscheinung, vollendete Umgangsformen, Diskretion, Zartsinn und eine Vorliebe für junge Männer –, erfährt hier eine Veredelung durch die Transposition in eine kulturelle Sphäre, die er im Alter für die schätzenwerteste hielt – die angelsächsische.
Der Weg Thomas Manns zu einer Würdigung der angelsächsischen Kultur war lang und steil. Er holte damit in seinem eigenen Leben in komprimierter Form und beschleunigtem Tempo nach, was Heinrich August Winkler als Signum der deutschen Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert herausgearbeitet hat: den langen, hindernisreichen und widerwillig zurückgelegten Weg vom Ende des Alten Reichs bis zur Wiedervereinigung und zur fraglosen Westintegration.[7] Für Thomas Mann war es ein langer Weg, weil die Ausgangsperspektive, weltanschaulich betrachtet, tief und weit gen Osten gerichtet war. Die Verehrung für die, wie es in der autobiographischen Künstlernovelle Tonio Kröger von 1903 heißt, »anbetungswürdige russische Litteratur, die so recht eigentlich die heilige Litteratur darstellt« (2.1, 275), war in den frühen Jahren ein Grundpfeiler seines Selbstverständnisses als Schriftsteller. Tonio Krögers Russophilie war auch die seines Schöpfers, der sie eigentlich nie ganz ablegte. Sie wurde erst langsam und gegen seine innere Anhänglichkeit an die spezifisch russische Menschlichkeit, wie er sie aus der Literatur kannte, aus ihrer dominanten Stellung verdrängt.
Thomas Manns Weg nach Westen, im geographischen wie im übertragenen Sinn, gestaltete sich nicht zuletzt deswegen so mühsam, weil er ihn mit einem linguistischen Defizit beschreiten musste. Heinrich Manns Hinneigung zur französischen Kultur war beflügelt von seiner frühen Beherrschung der französischen Sprache. In dieser Hinsicht konnte und wollte Thomas Mann seinem bewunderten älteren Bruder nicht folgen. Offenbar verspürte er, wie das Frühwerk erkennen lässt, schon in jungen Jahren ein gewisses Interesse an England und an der englischen Kultur, doch vermochte er es nicht mit demselben Elan zu verfolgen, mit dem Heinrich seiner Frankophilie frönte, weil er in der Schule nur wenig Englisch gelernt hatte. Der Englischunterricht, den Hanno Buddenbrook erlebt, spiegelt vermutlich die Erfahrungen des Buddenbrooks-Autors. Dem Lehramtskandidaten Modersohn, der in Hannos Schule mit dem Englischunterricht betraut ist, fliegen Hahnenschreie und andere Tierstimmen entgegen; sie lassen alle pädagogischen Bemühungen des bedauernswerten Mannes zuschanden werden. Der Lehramtskandidat ist hoffnungslos überfordert; seine Schüler bringen sich selbst um die Vorteile, die das Erlernen einer Fremdsprache in jungen Jahren bietet.
Noch als Fünfzigjähriger, als Thomas Mann zum Thema Kosmopolitismus das Wort ergriff, musste er zugeben, dass seine Englischkenntnisse »schlechthin kümmerlich« seien. Er spreche Englisch wie ein Schuljunge und lese es »ohne Bequemlichkeit« (15.1, 1016). Wenn er höre, dass sein französischer Kollege André Gide Englisch gelernt habe, nur um Joseph Conrad im Original lesen zu können, kenne seine Bewunderung und Beschämung keine Grenzen. Seine »Trägheit in Hinsicht auf fremde Sprachen« sei jedoch »unüberwindlich«. Dies alles macht es zur Gewissheit, dass es sich bei dem fremdsprachlichen Feuerwerk, das Felix Krull bei seinem Vorstellungsgespräch im mondänen Hotel Saint James and Albany abbrennt, um eine Wunschphantasie seines Autors handelt. Felix vermag sich allein kraft seiner »natürlichen Anstelligkeit« in einen Franzosen, Italiener oder Engländer zu verwandeln. Von solcher Virtuosität konnte sein Schöpfer nur träumen. Dies tat er immer wieder, denn die Vorstellung, ein anderer zu sein und die ihm von Natur und Kultur gesetzten Grenzen zu überspringen, ist eine Konstante dieses Menschenbildners. Ihn selber hätte die Frage »Do you speak English?« sicher in Verlegenheit gebracht, doch aus seinem verschlagenen Helden lässt er es mit der größten Lebhaftigkeit hervorsprudeln – »säuselnd« und »dünkelhaft«, wie er meint, dass es sich gehört: »I certainly do, Sir. Of course, Sir, quite naturally I do. Why shouldn’t I? I love to, Sir. It’s a very nice and comfortable language […].« (VII, 415) Offenbar war bereits diese Wunschphantasie von einer natürlichen, angeborenen Befähigung zum Englisch-Sprechen mitinspiriert von dem Gedanken, der ihm erst in Amerika zur Gewissheit wurde, dass nämlich einem Englisch schreibenden Autor mit dem Aufstieg des Englischen zur führenden Weltsprache enorm erweiterte Wirkungsmöglichkeiten offenstanden. Darauf verweist die Imponiergeste, mit der Krull sogleich davon plappert, dass in fünfzig Jahren überall auf der Erde Englisch die zweite Sprache jedes Menschen sein werde.
Thomas Mann, der dreiundsechzig Jahre zählte, als er sich in den Vereinigten Staaten niederließ, hat dieses anfängliche sprachliche Handicap auch während seines vierzehn Jahre währenden amerikanischen Exils nicht ganz ablegen können. »Englisch gestümpert« (Tb. 13. 3. 1938) – dies eine für die anfänglichen Sprachprobleme charakteristische Tagebucheintragung. Bei den in Amerika üblichen, ihm aber höchst lästigen Frage-und-Antwort-Spielchen nach Vorträgen und Lesungen, mussten ihm Katia und Erika assistieren. Und vor seinen großen Auftritten in der Library of Congress ließ er sich von Agnes Meyer die Stellen mit heikler Aussprache vorsagen, damit er sie einüben konnte. Er hatte als Redner und Vortragskünstler genug Erfahrung, um zu wissen, dass er seine englischen Texte einüben musste, um gegen die Tücken der korrekten Aussprache gefeit zu sein.
Thomas Mann sprach Amerikanisch mit einem unverkennbar deutschen Akzent, ohne dass die Verständlichkeit darunter litt. Im Unterschied zur Mehrzahl seiner deutschen Mitexilanten brachte er es zu einer passablen Beherrschung der englischen Sprache. Das belegen u.a. die Tonbänder seiner Vorträge in der Library of Congress; sie lassen erkennen, dass er auch auf Englisch effektvoll vortragen konnte. Im Übrigen fühlte er sich nach zehn Jahren seiner Sache sicher genug, um die mangelhafteren Englischkenntnisse und die ungenügende Aussprache an anderen Emigranten zu bemerken. So etwa monierte er im Tagebuch nach einem englischen Vortrag Ludwig Marcuses in Los Angeles die »[s]chlimme Berliner Aussprache, die aber mit völliger Duldsamkeit hingenommen« worden sei (Tb. 25. 4. 1952). Seinem Freund Erich Kahler hingegen, der Englisch nicht nur zu sprechen, sondern auch zu schreiben lernte, machte er dafür ein großes Kompliment: »Sie haben wirklich Ihren Mann gestanden in einer Weise, die sich höchst ehrenvoll von der vollkommenen Untüchtigkeit der meisten Emigranten intellektuellen Typs angesichts der neuen Situation unterscheidet.« (EK, 40) Thomas Mann selbst zählte sich wohl eher zu dem Gros der Untüchtigen. Vielleicht scheute er sich auch vor den potentiell schädlichen Konsequenzen der Zweisprachigkeit und verzichtete deswegen darauf, eine aktive Beherrschung des Englischen auch nur anzustreben.[8] Kahler übrigens zählte die »Vertreibung« aus dem deutschen Sprachraum zu »den fürchterlichen Erfahrungen der Nazizeit […]. Das Exil hat mich aus meiner Muttersprache vertrieben, es hat mich gezwungen, in einer fremden Sprache mich niederzulassen, zu schreiben, vorzutragen, zu unterrichten. Es war das ein schweres, umwälzendes Erlebnis, das tief ins Leben eingreift.« (EK, 283)
Im Mann-Haushalt beherrschten Katia und Erika das Englische weit besser als er. Telegramme und kurze Grußbotschaften ließ er sich von Katia oder Erika korrigieren. Bei längeren Schriftsätzen wie einem Leserbrief oder kurzen Artikeln halfen die jeweils im Haus anwesenden Schreibkräfte. Die Übersetzung von längeren Artikeln oder gar Vorträgen wurde von verschiedenen »native speakers« besorgt.
Alle Anzeichen sprechen dafür, dass er in seinen amerikanischen Jahren, im Gegensatz zu seiner oben zitierten Aussage von 1925, das Englische mit »Bequemlichkeit« las. Das bedeutet jedoch nicht, dass er nun englische und amerikanische Autoren in der Originalsprache las. Im Gegenteil, er zog es weiterhin vor, angelsächsische Literatur – Joseph Conrad etwa – in deutschen Übersetzungen zu lesen, und gegenüber Agnes Meyers gezielten Lektürevorschlägen – Nathaniel Hawthorne zum Beispiel oder Henry James – zeigte er sich merkwürdig resistent.[9]
Thomas Mann pflegte schon in Deutschland die regelmäßige Lektüre von Zeitungen und Zeitschriften. Diese Gewohnheit setzte er in Amerika fort, wo er, abgesehen von der New York Times und der Los Angeles Times, die wöchentlich erscheinende links-liberale The Nation sowie das ebenfalls wöchentlich erscheinende, anspruchsvolle Magazin The New Yorker ziemlich regelmäßig las. Letzteres galt in punkto Stil und korrektem Amerikanisch als normsetzend und gilt es auch heute noch. Das wohl verlässlichste Indiz seiner stark verbesserten Englischkenntnisse ist das Vergnügen, das er in den letzten Jahren seiner amerikanischen Zeit an der Jack Benny Show fand. Dieser Unterhaltungssendung des populären Vaudeville-Komikers Jack Benny, der in Ernst Lubitschs klassischer Antinazi-Komödie To Be or Not to Be seinen größten Erfolg hatte, lauschte er, wie das Tagebuch zeigt, gerne sonntagabends am Radio. Jack Bennys Witz und Humor lebten von den gegenseitigen Sticheleien eines irischen und eines jüdischen Typs und beruhten zum großen Teil auf Wortspielen; dass ihn diese Sendungen amüsierten, zeigt, dass er es zumindest zu einer passiven Beherrschung der amerikanischen Umgangssprache gebracht hatte.
Aber auch in der passiven Beherrschung des geschriebenen Englisch brachte Thomas Mann es relativ rasch auf ein respektables Niveau. Als er im Juni 1942 seine politischen Essays für den Sammelband Order of the Day zu redigieren hatte, schrieb er an Kahler: »Ach die Übersetzung, welche Qual! Ich kann jetzt leider gerade soviel Englisch, um mich verpflichtet zu fühlen, aufzupassen. Es war viel besser, als ich noch garnicht hinsah.« (EK, 51)
Eine noch fundamentalere Erschwernis auf Thomas Manns langem Weg nach Westen waren, jedenfalls anfänglich, die Vorurteile gegen England und Amerika und die Klischeevorstellungen von den Engländern und Amerikanern, die im Wilhelminischen Deutschland mit der neidvollen Bewunderung für das British Empire und mit der Sympathie für die aufstrebenden Vereinigten Staaten in einem nervösen Spannungsverhältnis koexistierten.[10] In dieser Hinsicht war Thomas Mann ein Kind seiner Zeit; er teilte die in Deutschland verbreitete Zwiespältigkeit gegenüber England, das angeblich primär am Handel interessiert sei. Wie Maximilian Harden, dessen Zukunft er ziemlich regelmäßig las, schätzte er die englische Kultur, misstraute aber der britischen Politik. Harden war, wie der Autor der Betrachtungen eines Unpolitischen, ein Verehrer Nietzsches. Dessen notorische Ausfälle gegen England und seinen angeblichen »Mangel an Musik«, der »auch noch am humansten Engländer« beleidige, haben bei dem jungen, von der Musik besessenen Autor deutliche Spuren hinterlassen.[11] Dies zeigen vor allem die Betrachtungen, in denen die herablassende Kritik an England und Amerika in dem größeren Zusammenhang der prinzipiellen Frontstellung gegen den Westen steht.
Die herablassende Einstellung gegenüber den kulturell zurückgebliebenen Amerikanern bestand auch nach seiner Öffnung zum Westen hin, die Anfang der zwanziger Jahre erfolgte, noch lange fort. Dies lässt sich an dem 1929 geschriebenen Vorwort zu Ludwig Lewisohns Roman Der Fall Herbert Crump ablesen. Lewisohn, Kritiker und Romancier, war einer der frühsten Herolde Thomas Manns in Amerika. Dieser bekundet in seinem Vorwort eine bemerkenswerte Aufmerksamkeit für die amerikanische Szene. Mit Blick auf den international aufsehenerregenden Justizskandal um die des Raubmords angeklagten Anarchisten Ferdinando Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti, die beide 1927 verurteilt wurden, erteilt er der Redensart »Jeder kehre vor seiner eignen Tür« eine Absage und plädiert für »eine Art von Gesamthaftbarkeit« der Intellektuellen. Die Welt sei klein und intim geworden, und niemand könne den Gedanken der Gesamtverantwortung in den Wind schlagen, »ohne seine gehässige Rückständigkeit zu erweisen« (X, 703). Was die kulturelle Situation der Vereinigten Staaten anbelange, so gebe es aktuell einen begrüßenswerten Trend zur »Europäisierung Amerikas«, die er als das »Gegenstück zu unserer vielberufenen ›Amerikanisierung‹« betrachtete. An der Europäisierung Amerikas arbeiteten, wie Thomas Mann meinte, abgesehen von Ludwig Lewisohn, so bedeutende Köpfe wie der Kulturkritiker H. L. Mencken, die Schriftsteller Upton Sinclair und Sinclair Lewis und der »brave Richter Lindsey«, womit der Justizreformer Ben Lindsey gemeint ist. Des Weiteren nennt er drei Zeitschriften: den von H. L. Mencken herausgegebenen American Mercury, die Kulturzeitschrift The Dial, für die er von 1922 bis 1925 gehaltvolle Berichte aus Deutschland schrieb, sowie die politische Wochenzeitung The Nation. Ihnen allen sei, wie er meint, an der Europäisierung Amerikas gelegen. Ob und inwieweit diese Diagnose zutrifft, mag hier dahingestellt bleiben.
Dieses zweifellos gutgemeinte Plädoyer für eine amerikanisch-europäische Annäherung enthält jedoch ein empfindlich störendes Element, nämlich einen gönnerhaften und herablassenden Ton, der dem deutschen Bildungsbürgertum allgemein und Thomas Manns persönlicher Einstellung zu Amerika noch lange anhaften sollte. Das zeigt sich besonders deutlich, wenn er schreibt, die genannten Autoren und Zeitschriften hätten es sich zur Aufgabe gemacht, »aus dem schönen, energischen und zivilisierten Kindervolk der Amerikaner erwachsene und reife Menschen von Kultur zu machen« (X, 703). Diese und vergleichbare Äußerungen lassen nicht gerade auf ein brennendes Interesse an Amerika und seinem »Kindervolk« schließen.
Allerdings ist zu bemerken, dass er das »Kindervolk der Amerikaner« auch mit dem Prädikat »schön« versieht. Das ist keineswegs eine leere Floskel, denn es gibt verschiedene Anzeichen, dass sich Thomas Mann schon von früh an instinktiv zu dem angloamerikanischen Menschenschlag hingezogen fühlte – weit eher als zu dem mediterranen oder französischen. Auf dieser Ebene ist eine persönlich gefärbte und erotisch kodierte Sympathie festzustellen, die der kulturell und historisch bestimmten Abwehr und Herablassung entgegenläuft und diese weitgehend neutralisiert.
In den Betrachtungen eines Unpolitischen ist und bleibt »das große England« letztlich »eine außereuropäische und geradezu antieuropäische Macht« (13.1, 468). Das hält ihn jedoch nicht davon ab, von der Attraktivität junger Engländer und Engländerinnen zu schwärmen; sie sind für ihn »noch immer der schönste und stolzeste jugendliche Menschentyp aller Zonen«. Besonders angetan war er von »jene[m] dunkle[n], ästhetizistische[n] Jungfrauen-Schlag, den man von Botticelli sowohl wie von den Engelsbildern der britischen Präraffaeliten her kennt«. Thomas Mann hatte zu jener Zeit noch nichts von England gesehen; sein erster Besuch in London erfolgte 1924. Woher kannte er diesen attraktiven Menschentyp? Offenbar von Florenz her.
Im Frühjahr 1901 verbrachte der damals noch völlig unbekannte Autor mehrere Wochen dort, um sich mit der Stadt Savonarolas bekannt zu machen. Die Stadt am Arno war auch das Ziel vieler Engländer und Engländerinnen, die einen Hauptanteil hatten an dem um 1900 kräftig neubelebten Interesse an der Renaissance.[12] In Florenz nun machte Thomas Mann die Bekanntschaft zweier junger Engländerinnen, Edith und Mary Smith. Letztere, so berichtete er seinem intimen Freund Paul Ehrenberg, sah aus, »alsob sie von Botticelli wäre, nur viel lustiger«. Diese Geschichte mit der »kleinen Engländerin […] war anfangs ein sorgloser Flirt, nahm aber später einen ganz merkwürdig seriösen Charakter an – und zwar (o Staunen!) beiderseits« (21, 168). An anderer Stelle hören wir sogar, dass von einer »eheliche[n] Befestigung« ihres Verhältnisses die Rede war (XI, 117). Doch statt die attraktive, lebhafte und offenbar auch kluge Engländerin zu heiraten – er hatte Bedenken, »die die fremde Nationalität des Mädchens betrafen« (XI, 117) –, widmete er ihr die glänzende novellistische Studie Gladius Dei. Es handelt sich dabei um eine nach München versetzte Savonarola-Phantasie, eine Vorstudie zu seinem Renaissance-Drama Fiorenza. Gladius Dei war im Erstdruck Mary Smith gewidmet: »To M. S. in remembrance of our days in Florence.«
Die geheimnisvolle Mary-Smith-Episode mag als ein frühes Signal dafür angesehen werden, dass schon der junge Thomas Mann sich mit Entgrenzungsphantasien trug, die sich auf die angelsächsische Kultur richteten und erotisch motiviert waren. Einen weiteren Beleg dafür liefert die früheste englische Gestalt in seinem Werk. Es ist Johnny Bishop, die zentrale Figur jener zauberhaften Erinnerung an eine Travemünder Ferienwoche seiner Schulzeit, Wie Jappe und Do Escobar sich prügelten. Die Erzählung beschreibt – so der ironische Schlusssatz – »die ersten Eindrücke von der eigentümlichen Überlegenheit des englischen Nationalcharakters, den ich später so sehr bewundern lernte« (2.1, 500). Johnnys selbstsicheres Auftreten und elegante Kleidung ist jedoch nur die eine Seite; die andere ist der erotische Zauber, der von ihm ausgeht. Johnny mit seinem »lieblichen Lächeln« hat »etwas von einer Frau« und wird mit Amor verglichen. Johnny Bishop erweist sich somit als eine Präfiguration des vollkommen schönen polnischen Knaben Tadzio im Tod in Venedig.
Was jedoch das Verhältnis des jungen Thomas Mann zu Amerika betrifft, so ist zunächst an eine Besonderheit seiner literarischen Bildung zu erinnern. Wie er in der frühen autobiographischen Skizze Kinderspiele bekennt, hat er in seiner Jugend weder James Fenimore Cooper noch offenbar Karl May gelesen. Seine ersten Leseeindrücke gewann er aus Homer, Vergil und Friedrich Nösselts Lehrbuch der griechischen und römischen Mythologie für höhere Töchter. Das heißt, die epochen- und generationsspezifische erste Kontaktnahme mit Amerika durch das Medium von Indianergeschichten fand in diesem Fall nicht statt. Amerika war ihm nicht, wie seinen Altersgenossen, das »Land[] des Lederstrumpfs« (14.1, 81), nicht jener imaginäre Raum von Abenteuer und mannhafter Bewährung, sondern eine Leerstelle. Als es in Königliche Hoheit galt, diese Leerstelle zu füllen, musste er sich mühsam ein Bild der amerikanischen Lebensverhältnisse zusammenlesen und zusammenbasteln – mit zum Teil seltsamen Ergebnissen.[13]
Thomas Manns Weg nach Westen führte in der Hauptsache, wie es einem Schriftsteller angemessen ist, über die Literatur. Von seiner frühen Novellistik bis zum Doktor Faustus ist eine wachsende Präsenz englischer und amerikanischer Elemente festzustellen. Welche Werke und Autoren kannte er? Und was zog ihn daran an?
Gefragt nach dem französischen Einfluss auf sein Werk, bestritt der Buddenbrooks-Autor einen solchen und bekannte in einem kleinen Aufsatz von 1904, dass »nichts in der Welt […] so stimulierend« auf seinen »Kunsttrieb« gewirkt habe wie die Werke Richard Wagners (14.1, 73). Unterhalb dieses Höhenkamms räumt er eine Beeinflussung seiner Erzählweise in einzelnen technischen Details ein sowie einzelne Anregungen ohne eigentliche Beeinflussung. In diesen im Vergleich zu Wagner untergeordneten Kategorien nennt er als einzigen englischen Autor Charles Dickens. Vermutlich ist hier an den Kaufmannsroman Dombey and Son von 1848 zu denken. Die Vergötzung, die seine Buddenbrooks mit der »Firma« treiben, ist wahrscheinlich mit einem Seitenblick auf Dickens’ Roman konzipiert worden. Auch einige prägnante Figuren in der zweiten Reihe wie Bendix Grünlich, Sigismund Gosch und der Bankier Kesselmeyer haben einen gewissen Dickens’schen Zuschnitt.
Deutlicher zu fassen ist die Verbeugung Thomas Manns vor dem amerikanischen Meister der »short fiction«, Edgar Allen Poe. Hanno Buddenbrooks Freund Kai, der Schriftsteller werden will, hat gerade The Fall of the House of Usher gelesen, den frühen Klassiker der Dekadenzliteratur, und bemerkt zu Hanno: »Dieser Roderich Usher ist die wundervollste Figur, die je erfunden worden ist! […] Wenn ich jemals eine so gute Geschichte schreiben könnte!« (1.1, 794) Einer Anregung von Poe verdanken wir offenbar auch den wirkungsvollen Kunstgriff, den Tod Hannos durch eine ausschweifende Wagner-Phantasie am Klavier vorwegzunehmen, denn auch Roderick Ushers Tod kündigt sich in »wild phantasies« auf der Gitarre und in der »fervid felicity of his impromptus« an. Im Übrigen ist auch der unheimliche, stumme Auftritt der Pastorin Höhlenrauch in der Musikszene der Tristan-Erzählung dem stummen Auftritt der Lady Madeline, der rätselhaften Zwillingsschwester Roderick Ushers, nachgebildet. Die Poe-Entlehnungen bieten ein instruktives Beispiel für jene poetische Kultur, die sich der »Schulung des Blicks durch Bücher« verdankt.[14]
Es scheint, dass Thomas Mann die verpasste Lederstrumpf-Lektüre insgeheim doch als einen Mangel empfand, den er auf anderen Wegen zu kompensieren suchte. Als er sich zum ersten Mal offen Amerika und der amerikanischen Literatur zuwandte, rühmte und bewunderte er vor allem ihre Männlichkeit. Das geschah 1922 an unerwarteter Stelle in einer seiner gewichtigsten politischen Stellungnahmen, der Rede Von deutscher Republik. Diese Rede markiert den denkwürdigen Versuch, der deutschen Jugend die Demokratie und damit die ungeliebte Weimarer Republik schmackhaft zu machen. Die Demokratie – dies der Kern seiner Argumentation – biete sehr wohl die Voraussetzungen zum Gedeihen einer neuen, zeitgemäßen Humanität – Voraussetzungen, die zumindest »nicht schlechter« seien als unter der Monarchie.[15]
