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Sommerfrische in Bayern, 1918. Die Familie Thomas Mann hat ein Haus am Tegernsee gemietet. Es sollen unbeschwerte Monate werden – doch die Welt verändert sich dramatisch, und auch der Schriftsteller wird bald ein anderer sein. Die Kinder schwimmen und angeln Rotaugen, der Vater rudert, geht spazieren und besteigt erstmals einen Berg, die Mutter kümmert sich um das neue Baby, und Bauschan, der Hund, döst im Schatten, während ihn Thomas Mann gerade zum Helden seiner Erzählung »Herr und Hund« macht. Ein Idyll, doch den Schriftsteller plagen Sorgen. Die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg steht bevor, Revolution liegt in der Luft, und mit seinem antidemokratischen Manifest »Betrachtungen eines Unpolitischen« sitzt Thomas Mann historisch auf dem falschen Dampfer. Mit seinem Bruder Heinrich hat er sich deswegen überworfen, für die Arbeit am nächsten großen Werk »Der Zauberberg« fehlt ihm die Kraft, und dann fällt ihm auch noch ein Zahn heraus. Kerstin Holzer schreibt mit Wärme und Humor über einen ganz besonderen Sommer im Leben des Literatur-Nobelpreisträgers, über dessen Ängste und Sehnsüchte. Eine federleichte Geschichte über den Mut zur Veränderung und die Kraft der Liebe.
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Seitenzahl: 174
Veröffentlichungsjahr: 2025
Kerstin Holzer
Ein Sommer am See
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Über Kerstin Holzer
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Kerstin Holzer, geboren 1967, studierte Politikwissenschaft und lebt in München. Als Journalistin arbeitete sie u.a. für Focus, die Süddeutsche Zeitung und Madame. Als Buchautorin verfasste sie die SPIEGEL-Bestseller »Elisabeth Mann Borgese – ein Lebensportrait«, gemeinsam mit Léa Linster »Mein Weg zu den Sternen« und zuletzt »Monascella – Monika Mann und ihr Leben auf Capri«.
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Bayern, Sommer 1918: Die Familie Mann hat ein Haus am Tegernsee gemietet. Die Kinder schwimmen und angeln Rotaugen, der Vater rudert, geht spazieren und besteigt erstmals einen Berg, die Mutter kümmert sich um das neue Baby, und Bauschan, der Hund, döst im Schatten, während ihn Thomas Mann gerade zum Helden seiner Erzählung »Herr und Hund« macht.
Ein Idyll, doch den Schriftsteller plagen Sorgen. Die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg steht bevor, Revolution liegt in der Luft, und mit seinem antidemokratischen Manifest »Betrachtungen eines Unpolitischen« sitzt Thomas Mann historisch auf dem falschen Dampfer. Mit seinem Bruder Heinrich hat er sich deswegen überworfen, für die Arbeit am nächsten großen Werk »Der Zauberberg« fehlt ihm die Kraft, und dann fällt ihm auch noch ein Zahn heraus.
Kerstin Holzer schreibt mit Wärme und Humor über einen ganz besonderen Sommer im Leben des Literaturnobelpreisträgers, über dessen Ängste und Sehnsüchte. Eine federleichte Geschichte über den Mut zur Veränderung und die Kraft der Liebe.
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Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KGBahnhofsvorplatz 150667 Köln
© 2025, 2026, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln
Alle Rechte vorbehalten
Covergestaltung Kosmos Design, Münster
Covermotiv © Kosmos Design × Midjourney
ISBN978-3-462-31282-9
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Widmung
Der See atmet
Juli
Wirklich ein reizender Punkt
Und Bauschan lacht
Erziehung ist Atmosphäre
Mein Katjulein
August
Sommerfrischler und Luftschnapper
Die Schwiegereltern, in Gottes Namen
Gemütvoller mit den Jahren
September
Ein Wille zum Abenteuer
Der Zauberberg ruft
Tegernsee lebt noch in mir
Dank
Bibliografie
Für Lion
Am Nachmittag hat es geregnet, nur ein kurzer, resoluter Sommerguss, aber die abschüssige Wiese ist noch nass. Barfuß schlittert der Junge den Hang von der Villa hinunter zum See, fast rutscht er aus. Auch der hölzerne Steg am Ufer ist feucht. Die Stufen ins Wasser sind besonders glitschig, das weiß er genau. Erst gestern ist er in den See gefallen, gleich neben die gelben Seerosen, und von einem Herrn am Nachbarsteg herausgefischt worden. Peinlich! Dabei kann der Neunjährige längst schwimmen, er war nur wieder mal zu verzagt und traute sich nicht, die unnötige Rettung abzulehnen.
Hinter dem Jungen springt ein Hund auf den Steg und setzt sich. Es ist ein kurzhaariger Hühnerhund. Angeblich. Tatsächlich ist er krummbeiniger, kleiner und schnauzbärtiger, als die Züchter fordern, dafür sehr sympathisch mit seinem dunkel gestromten, rötlichen Fell und der schwarzen Nase. Konzentriert starrt er nach vorne, auf den See.
Das gegenüberliegende Ufer der kleinen Bucht liegt so nah, dass man fast den sandigen Strand zwischen Grasbüscheln und hohem Schilf sehen kann. Im dunkelgrünen Wasser spiegeln sich die nahen Berge. Vorne links steht der Wallberg mit seiner flachen Kuppe, daneben der Setzberg, rechts der Ringberg. Tannen und Laubbäume umschließen sie wie fester Lodenstoff. Hoch oben leuchtet weiß Schloss Ringberg, darüber ein paar Fetzen von Blau. Der bayerische Abendhimmel verspricht: Morgen wird’s wieder schön.
Möwen manövrieren zwischen hohen Schilfstangen. Zwei Haubentaucher paddeln umher, entfernen sich voneinander, tauchen getrennt, finden wieder zusammen.
Der Hund erhebt sich, das will er sich näher ansehen, aber dann wirft er den Kopf herum. Von links weht eine temperamentvolle weibliche, recht tiefe Stimme über den See. Geschwindes Reden, eine leisere Antwort, ein Lachen. Von der winzigen Ringseeinsel her nähert sich ein Ruderboot. Der Vater und die Mutter beenden ihre abendliche Fahrt auf dem stillen See, mit der sie hier jeden Tag beschließen.
Ihre anderen Kinder sind im Haus oben, sie lesen, träumen, treiben geheime Spiele, aber unten am Steg wartet der Junge, wie jeden Abend, um den Kahn unters Dach des Bootshauses zu ziehen und festzumachen.
Der Hund springt mit allen vieren auf der Stelle und wedelt. Er hat seinen schnurrbärtigen Herrn erkannt, der die Schultern nach vorne wirft, die Ruder ins Wasser taucht und mit sicheren, eleganten Zügen durchzieht; man sieht, er macht das nicht zum ersten Mal. Jetzt pfeift er zwei Töne, den ersten tiefer, den zweiten höher. Der Hund gerät außer sich, während sich die Frau zum Ufer dreht, den Schal über dem bestickten Leinenkleid mit den bauschigen Ärmeln fester um die Schultern zieht und lächelt.
Das Boot unters Dach lenken, vertäuen, aussteigen. Der Vater erwehrt sich in gespielter Strenge der Freude des Tieres, das an ihm halb hochspringt. Die dunkelhaarige Dame begrüßt der Hund mit formvollendeter Höflichkeit, denn er weiß: Sie duldet ihn eher, als dass sie ihn liebt. Aber sie lieben denselben Menschen, und das verbindet schon auch.
Die Eltern schlendern über die Wiese nach oben zur Villa, deren Fenster im beginnenden Dunkel der Sommernacht leuchten. Das Kind hält sich an seine Mutter, der Vater tätschelt den Kopf des Hundes, der sich an seine Seite geheftet hat.
In den Bergen bereitet sich der Wind auf seine nächtliche Reise über die Hänge ins Tal vor. Unten am Steg steigt feuchte Kühle auf, es riecht nach Schilf, Mädesüß und herber Schafgarbe. Das abendliche Wasser, in Bewegung versetzt vom Zustrom eisiger Gebirgsbäche, schwappt um die Stützbalken, es gluckert, hebt und senkt sich und lässt den üppigen Seerosenteppich sachte schaukeln.
Die Leute im Tegernseer Tal sagen: »Der See atmet.«
Ein Idyll! Danach hat er sich gesehnt in diesem Sommer, das hat er gebraucht nach vier Jahren Krieg. Dem Krieg der Deutschen gegen die Welt, dem Krieg gegen den Bruder, dem Krieg gegen sich selbst.
Angekommen am Tegernsee sind sie am 15. Juli 1918. Aber schon der Aufbruch von Thomas Mann und den Seinen aus München war natürlich wieder: ein unglaubliches Chaos.
Kein Wunder bei der Größe dieses Schriftstellerhaushalts von Vater und Mutter, fünf Kindern zwischen zwölf Jahren und drei Monaten, einer Köchin, einem Haus- und einem Kindermädchen, einem nicht kleinen Hund und einem Gepäckgebirge von Bettwäsche, Garderobe, Büchern. Vor lauter »Abreise-Hetz« war Katia Mann, wie ihre Mutter Hedwig Pringsheim beim Abschiedsbesuch feststellen musste, schon »halb verrückt«.
Eines der fünf Kinder ist ja immer krank, diesmal war es die achtjährige Monika. Wegen ihrer hartnäckigen »Spanischen Krankheit«, womöglich auch nur eine Sommergrippe statt der seit Frühjahr 1918 weltweit wütenden Influenza, war ein Großteil der Familie von Thomas Mann in München festgehalten worden. Nur die älteste Tochter Erika und das »Fräulein« reisten zum geplanten Zeitpunkt mit der Eisenbahn voraus, im Schlepptau das Gepäck.
Der zwölfjährigen Großen konnte man die verantwortungsvolle Aufgabe, das Ferienhaus vorzubereiten und dort ein paar Tage auf den Rest der Familie zu warten, durchaus zutrauen, fand man. Hatte sich »die Eri« in den Kriegsjahren nicht als nervenstark und patent erwiesen? Einmal hatte sie nach der Schule Eltern und Geschwister verstört vor dem Mittagessen sitzend vorgefunden, einer ungenießbaren Pilzsuppe. Erika kostete, salzte kräftig nach, schon war das Kriegsessen essbar. »Die Eri muss die Suppe salzen!«, ruft ihr Vater seitdem, sobald sich eine knifflige Situation auftut.
Nun ist es also vorausgefahren, dieses zähe, schmale Mädchen mit den entschlossenen dunklen Augen, und mit vier Tagen Verspätung standen ebenfalls auf dem Bahnsteig: Familienoberhaupt Thomas, seine mittlerweile sehr erholungsreife Gattin Katia mit Elisabeth, dem heiteren, knapp drei Monate alten Baby auf dem Arm, die elf- und neunjährigen Buben Klaus und Golo, der eine keck, der andere scheu, die frisch genesene Moni, außerdem Hauspersonal, Hund, Handgepäck. »Manns endlich nach Tegernsee«, notierte Großmutter Hedwig Pringsheim kopfschüttelnd in ihrem Tagebuch, »unter peinlichsten Umständen«.
Wie von Thomas Mann, jeglicher Unruhe abgeneigt, befürchtet, war die Reise mit der Eisenbahn zweiter Klasse »höllisch«; ihm hatte ja schon im Vorfeld davor gegraut, während der knapp dreistündigen Fahrt ins bayerische Voralpenland womöglich »stehen zu müssen«.
Am Bahnhof Tegernsee endete die Reise keineswegs: Weiter ging es mit dem Motorboot »Quirinus« hinüber ans gegenüberliegende Seeufer, Richtung Wiessee, zum Bauerndorf Abwinkl. Das eigentliche Ziel ist ein abgeschiedenes Haus am Ufer einer Bucht auf der Südwestseite des Tegernsees, Ringsee genannt. Es liegt von der Anlegestelle Abwinkl immer noch eine Ruderboot-, Kutschfahrt oder einen strammen Fußmarsch entfernt.
Sei’s drum. Nun sind sie endlich da. In der Sommerfrische.
Und wo könnte sie schöner sein als hier? »Dies hier ist wirklich ein reizender Punkt«, schreibt Mann erfreut kurz nach der Ankunft an seinen Vertrauten, den Germanisten Ernst Bertram, »ich fand mich nicht enttäuscht.«
Dieses Fleckchen bayerischer Erde, es ist wirklich ein Idyll. Wenn Thomas Mann auf der Terrasse seiner Ferienvilla steht, die auf einer kleinen Anhöhe thront, blickt er über eine saftig grüne Wiese mit Löwenzahn und Gänseblümchen, über Fliederbüsche, Apfelbäume und einen kleinen Wald, der den abschüssigen und malerisch verwilderten Garten rechts begrenzt, dahinter erhebt sich ein Berg. Nach Süden sieht er weit in die Alpen, und gleich unten am Hang wartet die eigentliche Sensation: Der Tegernsee leuchtet. Zum Anwesen gehören ein schmaler, kiesgesäumter Badestrand (»Lido« nennt Thomas Mann ihn, das klingt mondäner) und ein Steg, ein kleines Bootshaus und ein Ruderboot. Ein eigenes Ruderboot! Die Kinder sind selig.
Für zwei lange Ferienmonate, von Mitte Juli bis Mitte September, hat die Familie Mann die »Villa Defregger« direkt am Ufer des Sees gemietet. Mehrere Jahre hatte sie ein Landhaus in der Nähe besessen, in Bad Tölz, dieses aber 1917 verkauft und den Erlös auf alleinigen Wunsch des patriotischen Schriftstellers, ach je, in Kriegsanleihen gesteckt.
Das gemietete Anwesen am Tegernsee ist ein dreigeschossiger Bau, mit Walmdach, weißen Sprossenfenstern und blumengeschmückten Balkonen herrschaftlich anmutend. Er gehört dem im Felde befindlichen Sohn des Malers Defregger, man kennt sich aus der besten Münchener Gesellschaft. Auch mit dem fünfzig Kilometer südlich von München gelegenen Tegernsee und den ihn umrahmenden Bergen ist man vertraut, zumindest Katia, geborene Pringsheim. Sie hat als Mädchen mit ihrer Familie dort regelmäßig die Ferien verbracht und ihre Mutter, Hedwig Pringsheim, bereits im April nach Abwinkl geschickt, um die Defregger-Villa »zu inspiciren«.
Als Millionärin und stilsichere Eigentümerin eines mit Gobelin-Teppichen und Lenbach-Gemälden eingerichteten Neorenaissance-Palastes in der Münchener Arcisstraße hatte Frau Pringsheim befunden, die ländliche Ferienresidenz sei »bezaubernd gelegen« und lasse sich »wol gut für die Mann’schen Bedürfnisse einteilen«. Soll heißen: Das Anwesen ist nicht nur komfortabel und geschmackvoll möbliert (sogar im Treppenhaus hängen hübsche Stiche), es bietet auch viel Platz und für den Schwiegersohn ein eigenes Schlaf- und Arbeitszimmer, dessen Tür sich entschieden schließen lässt. Das ist wichtig, denn der »Schwieger-Tommy« ist ruhebedürftig, delikat und überhaupt »ein rechter Pimperling«, wie ihn seine spöttische Schwiegermutter heimlich nennt.
In diesem Sommer hat sich seine Empfindlichkeit aufs Äußerste gesteigert. Denn Thomas Mann, gerade 43 Jahre alt, berühmter Autor des Sensationserfolgs »Buddenbrooks«, Verfasser aufsehenerregender Novellen wie »Tonio Kröger« und »Tod in Venedig«, steckt in einer handfesten Krise.
Zu den kleineren Malaisen gehört, dass er in den ersten Tagen am Tegernsee nur schwer in den Erholungsmodus findet. Hinderlich sei, klagt er, dass der See ihn irgendwie aufrege, weswegen er schlecht schlafe. »Unwohl« fühlt er sich, »infolge verfrühter körperlicher Anstrengungen (ohne die Akklimatisation abzuwarten)«. Die »körperlichen Anstrengungen« bestehen aus Rudern und aus therapeutischen, die Seele beruhigenden und das Denken fördernden Spaziergängen, zwei Aktivitäten, die er schon als junger Mann für sich entdeckt hat. Ein großer Schwimmer ist er, im Gegensatz zu seiner Frau, jedenfalls nicht.
Dann das Wetter. Mitte Juli herrscht in Bayern erst »blödsinnige Hitze« (Hedwig Pringsheim), dann ziehen schwarze Wolken auf. Sommer in Oberbayern, das heißt eben auch: Kalt kann es werden, saukalt, so dass über dem abendlichen Ringsee, wenn das Wasser wärmer ist als die Außentemperatur von zehn Grad Celsius, weiße, gespensterhafte Schleier liegen. Und regnen kann es wie aus Kübeln. Hier erlebt man nicht nur Kurzgewitter als Abschluss eines heißen Tages, bei denen ein Platzregen herunterbricht, als wäre oben ein Damm gebrochen – und trotzdem ist anderntags herrlicher Sonnenschein. Nein, es gibt auch den berüchtigten Schnürlregen, einen fiesen, dampfigen, minimaldosierten Spielverderber, der einen auf Tage im Haus gefangen hält. Dann kann man schlecht mit dem Hund vor die Tür, das trübt die Laune.
Auch die katastrophale Ernährungslage beschäftigt nun sogar den Familienvater, der mit den praktischen Dingen des Lebens sonst wenig zu tun hat. Die Not ist groß im Hungerjahr 1918. Dünn sind sie geworden, die Manns, die Erwachsenen wie die Kinder. Klaus’ und Golos Beine ragen aus ihren zu klein gewordenen Lederhosen wie dürre Stecken. Mit ihren Schwestern klauben sie bei Regenwetter dicke Schnecken von der Wiese, um die karge Verpflegung aufzubessern. Die Weichtiere schmecken zwar nicht besonders, doch der Hunger ist größer als der Widerwille. Thomas Mann wird dieser Fleischersatz allerdings nicht vorgesetzt. Er erhält immer das Beste, was seine patente Frau an Essbarem auftreiben kann, bei Bettelgängen zu den umliegenden Bauernhöfen, den mageren, barfüßigen Nachwuchs mit den hungrigen Augen im Schlepptau. Oft hilft auch eine diskret zugesteckte Goldmünze.
Die kriegsbedingten Verpflegungsschwierigkeiten auf dem Land sind enorm. Die Tegernseer »Seegeist«-Zeitung meldet eine Abgabepflicht für Beeren, deren vitaminreicher Saft Lazarettkranken vorbehalten ist, und empfiehlt Rezepte für Brennnesseln (die jungen, hellgrünen Blätter sind essbar, aus den gröberen wird Nesselstoff gewoben). Fleisch lässt sich auf offiziellem Wege kaum ergattern. Selbst primitiver Weißkohl ist für Familie Mann, die sich auch Schwarzmarktpreise leisten kann, so unverschämt teuer geworden, dass der Vater brieflich darüber schimpft.
Aber derzeit kann Thomas Mann sowieso nicht unbeschwert zubeißen. Seit Tagen quält ihn der Schneidezahn, der linke ist es. Zahnschmerzen! Das fehlte noch.
Seine größte Sorge aber dreht sich um das Vaterland. Genauer: um seine Rolle als Autor, der sich in den letzten Jahren ganz in dessen Dienst gestellt hat. Denn seit die militärische Niederlage der Deutschen im Ersten Weltkrieg denkbar wird, wächst in Thomas Mann die Angst, als Schriftsteller demnächst selbst auf der Verliererseite zu stehen. Dann nämlich, wenn im Oktober, nach den Sommerferien also, sein neues Buch »Betrachtungen eines Unpolitischen« erscheint, eine reaktionäre 600-Seiten-Kriegsschrift – und von der Geschichte vielleicht sofort zur Seite gefegt wird.
Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, da war auch er, Thomas Mann, wie das ganze Land, von einer großen Euphorie mitgerissen worden. »Krieg! Es war Reinigung, Befreiung, was wir empfanden, und eine ungeheure Hoffnung. Hiervon sagten die Dichter, nur hiervon.« Deutschlands ganze Tugend und Schönheit, behauptete er damals, »entfaltet sich erst im Kriege«. Und da er selbst nicht ins Feld musste – ausgemustert wegen Magenschwäche und Nervosität –, setzte er sich eben daheim in der Münchener Familienvilla in der Poschingerstraße jeden Morgen hin, um tapfer »Gedankendienst mit der Waffe« zu leisten. Daheim am Schreibtisch, gekleidet in eine graue, militärisch anmutende Litewka-Jacke. Voll Hoffnung auf einen glorreichen deutschen Sieg war er, der dann auch der eigene wäre. Er, der Literat, als siegreicher Debattenautor! Das würde all diejenigen verstummen lassen, die ihn, wie einst der Kritiker Alfred Kerr, als »dünnes Seelchen«, als verklemmt und irgendwie unmännlich geschmäht hatten.
Für die »Betrachtungen eines Unpolitischen« hatte Thomas Mann 1915 sogar die Anfänge des großen Romanprojekts »Der Zauberberg« unterbrochen. »Ich will die Monarchie«, formulierte er stattdessen in seinem Bekenntnisbuch, die anständigste Lebensform sei die des Gutsherrn, der deutsche Volkscharakter der moralisch vollendete. Er verstieg sich sogar zur Behauptung, die Todesnähe im Krieg sei doch eigentlich großartig, da sie den Menschen veredle. »Sympathie mit dem Tode« lautet die radikale Quintessenz einer Haltung, die um jeden Preis die deutsche Kultur verteidigen will.
Drei Jahre hat er sich nun mit diesem Buch geplagt. Leicht kann es nicht gewesen sein, darin sogar die Versenkung des englischen Passagierschiffs Lusitania durch deutsche Torpedos ausdrücklich gutzuheißen. 1198 Menschen kamen dabei ums Leben, darunter 94 Kinder, viele für ihre verzweifelten Eltern unerreichbar gefangen unter Bord, als der Dampfer sank. Und während im Arbeitszimmer in der Poschingerstraße ein Schriftsteller in grauer Pseudo-Militärjacke diese Tragödie von Zivilisten billigte, hörte er durch die geschlossene Tür vielleicht das Rufen und Lachen der eigenen Söhne und Töchter.
Dieses finstere Buch, es ist auch eine Kriegserklärung an den geliebt-gehassten Bruder Heinrich Mann, mit dem er sich politisch völlig überworfen hat und der ihn nun zuweilen im Traum verfolgt. Dass der liberale, kaiserkritische und stattdessen einem Europa aus dem Geist der westlichen Demokratie zugeneigte Heinrich in einem Essay über Émile Zola geschrieben hat: »Sache derer, die früh vertrocknen sollen, ist es, schon zu Anfang ihrer zwanzig Jahre bewußt und weltgerecht hinzutreten. Ein Schöpfer wird spät Mann« – unverzeihlich! Das bin doch ich!, zürnte Thomas, selbst blutjung berühmt geworden. Als ob jedes Talent verdorren müsse, das sich nicht zur Demokratie bekenne! Zu Jahresanfang 1918 gab er sich in einem Trennungsbrief an den Bruder unversöhnlich: »Schmerz? Es geht. Man wird hart und stumpf.« Heinrich, er ist sein Feindbild: der »Zivilisationsliterat«.
Die pazifistisch gesinnte Schwiegermutter Hedwig Pringsheim sieht Thomas ebenfalls als innerfamiliäre Opposition. Sie macht bei ihren, wie er findet, viel zu häufigen Besuchen bei ihrer geliebten Tochter Katia und den Enkeln keinen Hehl daraus, wie sie politisch denkt: dass nämlich dieser verdammte Krieg »ein böser Wansinnstraum« sei und dass sie es »scheußlich« findet, alles: »Sieg und Niederlage, und Blausäure und blutigen Einsatz, und innere Politik und äußere Politik (…) alles und alle scheußlich, unausdenkbar und unaussprechlich scheußlich …«. Zu Weihnachten 1917 hat sie ihrem Enkel Klaus Bertha von Suttners Roman »Die Waffen nieder!« geschenkt, ausgerechnet, und damit den Pazifismus ins Haus des Kriegsvaters geschmuggelt. Das nimmt dieser ihr übel.
Und Katia? Seine Ehefrau hält loyal zu ihm, allen gegenüber. Aber Thomas ist sich bewusst, dass sie insgeheim skeptisch wird, je schlechter die Nachrichten von der Front werden.
Alle wissen, dass die sogenannte Frühjahrsoffensive, die die Deutschen im März 1918 gegen Frankreich und England gestartet haben, inzwischen ins Stocken geraten ist. Genau jetzt, Mitte Juli, setzen die Alliierten an der französischen Marne, Westfront, zur Gegenoffensive an. Unterstützt werden sie nun auch noch von den Amerikanern. Und den Deutschen fehlen Reserven. Die Feldpost berichtet von der totalen Erschöpfung der Truppen in die Heimat. Wegen der Rationierung von Lebensmitteln graben Frauen in der Berliner Innenstadt nach essbaren Wurzeln, Arbeiter und Arbeiterinnen streiken, in München demonstrieren Kriegsgegner. Die Moral sinkt, der Kriegsverdruss wächst. In München haben Soldaten der Kaserne in der Türkenstraße tatsächlich versucht, ihr Abrücken an die Front zu verweigern. Anderswo sind deutsche Militärangehörige beim Transport von der Ost- an die Westfront unterwegs einfach ausgestiegen.
Von solcher Rebellion ist Katia weit entfernt. Aber sie ist mindestens so intelligent wie ihr Mann, deswegen liebt er sie schließlich. Und Katia zweifelt an diesen »Betrachtungen« und deren Kriegshurra. Die Jahre des verbissenen literarischen Kriegsdienstes ihres Mannes und ihr eigenes Wachestehen haben sie mürbe gemacht. Die Kinder, Detektive im eigenen Haus, haben längst gespürt, dass der sonst so liebevolle, foppende Ton zwischen ihren Eltern gereizter geworden ist.
Diese Sommerferien am Tegernsee, sie sind für das Ehepaar, für die ganze Familie so etwas wie eine Flucht ins Idyll. In ein Versprechen von Licht und Leichtigkeit.
Und für Thomas Mann bedeutet auch sein Schaffen eine Flucht: »Arbeit ist schwer, ist oft genug ein freudloses und mühseliges Stochern; aber nicht arbeiten – das ist die Hölle.« Nach den »Betrachtungen« fehlt ihm im Moment noch die Kraft für den großen Zeitroman »Der Zauberberg«, da macht er sich nichts vor. Aber nichts tun, das geht gar nicht.
Ins Ferienhaus hat er nun sein neues Manuskript mitgenommen, mit dem er im Frühling in München begonnen hat und an dem er in diesem Sommer am Tegernsee weiterschreiben will. Es trägt die Sehnsucht nach dem Heilen schon im Titel.
»Herr und Hund. Ein Idyll« heißt das autobiografische Büchlein, und es handelt von Bauschan, Thomas Manns vierbeinigem Begleiter, von dessen feinem Charakter, seiner Jagdleidenschaft, seiner Komik, seinem Stolz. Und von der rührenden Anhänglichkeit an seinen Herrn, mit dem er ein gegensätzliches, aber auch sonderbar inniges Paar bildet.
Eine Hundegeschichte, ist das sein Ernst?
Allerdings. Dass viele auch dieses Werk wunderlich finden werden, nimmt sein Schöpfer selbstbewusst in Kauf: »Es wird ganz lustig und merkwürdig.« Vor allem aber verbindet es den Drang nach Produktivität mit dem Rückzug ins Private. Es ist die beste Lockerungsübung, die er sich im Moment wünschen kann.
Ferien machen, was heißt das anderes, als zu versuchen, so manchem Dunkel zu entwischen und den Kopf mit frischen, beglückenden Gedanken und Eindrücken zu füllen? Womöglich mit: Frieden?
