Monascella - Kerstin Holzer - E-Book

Monascella E-Book

Kerstin Holzer

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Das berührende Porträt der unterschätzten Tochter Monika Mann, Tochter von Thomas Mann, stand immer im Schatten ihrer schillernden Geschwister und galt als fauler, untalentierter Sonderling, traumatisiert von einem schweren Schiffsunglück im Zweiten Weltkrieg. Haltlos irrte sie durch ihr Leben, bis sie in den 50ern den Sehnsuchtsort Capri für sich entdeckte – dort erfuhr sie in der innigen Beziehung zu Antonio Spadaro, Sohn einer Fischerfamilie, die Geborgenheit, die ihr die Familie zeitlebens verwehrte. Gestützt auf bislang unveröffentlichte Briefe, erzählt Kerstin Holzer erstmals von Monika Manns wohl glücklichsten Jahren, von der Selbstfindung einer Missachteten, ihrer Anerkennung als Feuilletonistin, vom großen Mutter-Tochter-Drama und der heilenden Kraft der Liebe. »Spannend geschrieben, kunstvoll komponiert, psychologisch brillant: Die Odyssee einer Frau durch ein Leben von Heimatlosigkeit, Verlust und skandalösem familiären Ausgestoßensein, die in der Abgeschiedenheit eines mediterranen Inselparadieses doch noch Poesie und Liebe fand. Die Lektüre hat mich elektrisiert bis zur letzten Zeile.« Frido Mann »All die Frauen, die im Schatten der ach so großen Männer stehen: Holen wir sie endlich ans Licht! Kerstin Holzer schenkt Monika Mann eine hochinteressante, ihre Persönlichkeit anerkennende Würdigung.« Mareike Fallwickl

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 225

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Über das Buch

In der Familie des berühmten Schriftstellers Thomas Mann stand Tochter Monika schon als Kind im Schatten ihrer schillernden Geschwister Erika, Klaus, Golo, Elisabeth und Michael und galt später als fauler, untalentierter Sonderling, traumatisiert von einem Schiffsunglück im Zweiten Weltkrieg. Lange Zeit irrte Monika Mann ziellos durch ihr Leben, bis sie in den 50er-Jahren den Sehnsuchtsort Capri für sich entdeckte. Dort verliebte sie sich in Antonio Spadaro, Sohn eines Maurers und Fischers, und blieb 31 Jahre lang, bis zu seinem Tod. In der abgelegenen Villa Monacone schuf sie sich eine Insel auf der Insel und den Raum, innerlich zu heilen und ihre Stimme als Feuilletonistin zu finden.

Kerstin Holzer erzählt zum ersten Mal die Geschichte von Monika Mann auf Capri. Auf Basis bislang unveröffentlichter Briefe und Gesprächen mit Zeitzeugen zeichnet sie ein feines, facettenreiches Porträt eines verletzten Menschen und rückt die ungeliebte Tochter der »amazing family« in ein bisher unbekanntes, neues Licht.

Kerstin Holzer

Monascella

Monika Mann und ihr Leben auf Capri

 

 

 

 

»… man mag von den schlimmsten Schlägen getroffen werden, der Felsen der Existenz ist stets derselbe.«

Monika Mann, New Yorker Tagebuch

Danach

Es ist der 15. Mai 1986, ein feiner Frühlingsnachmittag auf Capri, und Monika Mann bekommt schon wieder Besuch. Seit 31 Jahren lebt sie vollkommen zurückgezogen auf der Mittelmeerinsel, in der Villa Monacone, Via Pizzolungo 7, dem Panoramaweg entlang der Steilküste am Ortsrand. Auf der Piazzetta Capris mit ihren Bars hat man Monika Mann in all der Zeit nur selten gesehen, und Gäste in der Villa Monacone hat sie bisweilen ersehnt, doch meistens erfolgreich verhindert.

Aber vor wenigen Monaten ist ihr capresischer Lebensgefährte Antonio Spadaro gestorben, mit dem sie hier seit ihrer Ankunft auf der Insel zusammenlebte, und seitdem klingelten an der Gartentüre: Antonios Arzt, die Menschen vom Beerdigungsinstitut, der aus dem schweizerischen Kilchberg herbeigerufene Bruder Golo, die Familie Spadaro, der das Anwesen gehört, ein Architekt aus Neapel, der Monikas Wohnung erwerben will, sowie ein Schriftsteller, der Monika Mann, immerhin Tochter des berühmten Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann, für eine italienische Zeitung porträtieren möchte.

Heute wird Helga Schalkhäuser erwartet, eine Journalistin aus Monikas Heimatstadt München, die ein Portfolio interessanter Interviewpartner von Sophia Loren bis Riccardo Muti vorweisen kann, sie ist eine Zufallsbekanntschaft vom letzten Jahr. Das Besondere: Monika Mann hat sie persönlich eingeladen. Mit diesem Besuch nämlich verbindet sie eine Hoffnung.

Als die Journalistin sich der weiß getünchten Villa Monacone mit ihren Säulen und Bögen nähert, wartet Monika Mann im Gärtchen neben einer rosa Gartenliege. Das weiße Haar der 75-Jährigen ist zu einer immer noch üppigen Hochsteckfrisur arrangiert, das Gesicht ungeschminkt, aber gepflegt – bis auf die sonderbar deformierten Vorderzähne, die machen ihr seit Jahrzehnten Ärger. Beim Lachen, selten genug, hält sie deswegen eine Hand vor den Mund. Sie trägt ein rot-schwarz gemustertes Hemd, dazu schwarze Hosen und flache Schuhe, damit kann sie gut gehen auf den vielen schmalen Treppen am Haus.

Man begrüßt sich, steigt die Stufen zur glyzinienumwucherten Veranda im ersten Stock zu Monikas Wohnung herauf, dann erstmal: innehalten und die Aussicht bewundern. Sie ist wirklich spektakulär, ein Anblick, den man auch in weiteren 31 Jahren nicht müde würde zu bestaunen. Genau vis-à-vis von der Terrasse, auf der zwei Schmetterlingsstühle mit Leinensitzen und ein runder Holztisch Platz finden, ruhen die hundert Meter hohen Faraglioni-Felsen im Blau des Mittelmeers. Weiße Möwen umfliegen die Klippen, in denen sie ihre Nester bauen. Tief unten ziehen ein paar Touristenboote ihre Bahnen, am Himmel leuchtet ein Kondensstreifen. Es ist still, an der Villa führt nur der Spazierweg entlang. Unterhalb des Hauses Macchia mit gelbem Ginster, in der Luft die Würzigkeit von Salbei und Salz. In den Steineichen verfängt sich der Wind.

Auf Capri hat die Saison eben begonnen, doch für Monika Mann geht sie zu Ende. Schon in wenigen Wochen wird sie die Insel verlassen. »Ich war all die Jahre auf Capri ein Fremdkörper und bin es für die Menschen hier immer geblieben«, sagt sie. Freunde? Hatte sie hier keine. Es gab nur Antonio, auch ohne Trauschein Lebensmensch über drei Jahrzehnte, kein Intellektueller, aber »ein Philosoph«, auch wenn er beruflich Holzschiffchen für Touristen baute.

Ohne ihn ist Capri keine Heimat mehr.

Am Teetisch vor dem offenen Kamin krempelt Monika Mann ihre Hemdsärmel auf. Sie hat gerade erst angefangen zu erzählen, und weiter berichtet sie, mit ihrer etwas atemlosen Stimme: von der Emigration der Familie Mann, davon, wie ihr Ehemann während der Flucht aus dem Kriegseuropa 1940 bei einer Schiffskatastrophe ertrank. Wie wenig Rückhalt ihr die Mutter Katia geschenkt habe, wie wenig der Vater Monika vor deren Ausbrüchen schützte. Drei der sechs Geschwister seien tot, mit den zwei verbliebenen, Elisabeth und Golo, sei das Verhältnis mehr schlecht als recht. Trotzdem kehre sie jetzt zurück zu den »letzten verkümmerten Familienwurzeln«, ins Elternhaus in Kilchberg. Golo plane dort allerdings grimmig eine »Berliner Mauer«, um die Wohnbereiche voneinander zu trennen. Und ihre Arbeit, die könne sie auch nicht mehr trösten: Kein Blatt interessiere sich noch für ihre Feuilletons.

Die Journalistin hat schon einige dramatische Lebensbilanzen gehört, das gehört zu ihrem Job, aber jetzt ist sie bestürzt. Monika Manns bitterste Bemerkungen über die Mutter, nimmt sie sich insgeheim vor, wird sie im Text später glätten, die glaubt ihr sowieso keiner. Dass Monika nicht das erfolgsverwöhnte Lieblingskind dieser Familie war, kann sich zwar jeder denken, der die bis dahin erschienenen Tagebücher Thomas Manns und Meine ungeschriebenen Memoiren seiner Frau Katia gelesen hat, aber dass es so schlimm steht? Etwas betreten bekundet die Journalistin ihr Mitgefühl. Antwort von Monika Mann: »Man muss sich verhärten, sonst geht man kaputt.«

Anschließend besichtigen die beiden die zwei schlicht möblierten Zimmer. Ein Schreibtisch auf Steinboden, vor einer Liege ein Juteteppich, über dem Stuhl eine gelbe Wolldecke. Viele Bücher, Bilder, Schallplatten. Wie auf einem Hausaltar steht auf dem Kaminsims die Gesamtausgabe von Thomas Mann, davor Familienbilder in silbernen Rahmen. Das Erbstück in der Vitrine, eine Tasse aus feinem Porzellan, darf nicht berührt werden.

Mehrere Stunden sind vergangen. Jetzt, endlich, trägt Monika Mann ihr Anliegen vor, mit eindringlichem Blick aus ihren braunen Augen: »Wollen Sie nicht ein richtiges Buch über mich schreiben? Über meine Familie weiß man so viel, und über mich fast nichts.« Am Geld solle es nicht scheitern, sie zahle ein anständiges Honorar. Die Journalistin könne währenddessen hier im Haus wohnen, dann ist es bis zum endgültigen Auszug nicht so still, denn auch darum geht es: Monika Mann wünscht sich Gesellschaft.

Ein interessantes Angebot. Aber es wird nichts daraus. Helga Schalkhäuser arbeitet schon jetzt für mehrere Magazine und dreht außerdem für das deutsche Fernsehen. Es tue ihr leid, aber sie müsse ablehnen, leider, sie habe einfach keine Zeit.

Im Hinausgehen wirft sie noch einen flüchtigen Blick in den Wohnraum. Überall Bilder von Katia Mann. Ihre dunklen Augen blicken einen aus einer Reproduktion des Kindergemäldes an, das Franz von Lenbach gemalt hat, aus einem am Regal lehnenden Porträt, aus Schwarz-Weiß-Fotos mit den sich anschmiegenden Kindern.

Auf dem Schreibtisch steht ein kleines geschnitztes Flaschenbötchen, mit seinem rot bemalten Korpus und gehisstem weißem Segel schwebt es im Glas. Es ist so filigran, dass man es leicht übersehen könnte.

Der Wind hat mich hergetragen

Capri im Winter, das ist jedenfalls keine »verfluchte blaue Limonade«, wie Bertolt Brecht die Insel einmal geschmäht hat. Als die Fähre aus Neapel in den Hafen Marina Grande einläuft, lässt der Fahrtwind auf Deck nach. Monika Mann sieht Felswände, die sich in den grauen Himmel recken, unten am Strand eine lang gezogene Häuserfront. In den offenen Werkstätten im Erdgeschoss, den magazzeni, liegen umgedrehte Boote und ein Haufen Fischernetze. Am Kai wartet das lokale Empfangskomitee von Trägern und Abholern auf die Ankömmlinge. Viele sind es nicht. Wer fährt schon Anfang Dezember nach Capri, außer beinharten Romantikern und Heimatlosen?

Monika Mann gehört offiziell der zweiten und heimlich der ersten Kategorie an. Sie reist mit wenigen Taschen und mit schwerem seelischen Gepäck. Hinter ihr liegt das Jahr 1954, in ihrem von Tiefschlägen nicht verschonten Leben eine besonders trübe Phase. Das »arme Mönle«, wie man sie in ihrer Familie mal mitleidig, mal gehässig nennt, steckt wieder mal in einer handfesten Lebenskrise. Diesmal kann sie sich damit nicht einmal zu Weihnachten in den Schoß der Familie retten. In den letzten Jahren hat man sich selten gesehen. Schon 1953nach einem Besuch bei den Eltern fand Mutter Katia, das »elende Kind Moni« sei als Hausgast »wirklich eigentlich unvorstellbar in ihrer ablehnenden Muffigkeit. Wenn wir zurück sind, muss sie das Feld räumen.« Stillschweigend ist man nach dieser missglückten Visite übereingekommen, sich derzeit besser aus dem Wege zu gehen.

Aber Heiligabend alleine in Rom, wo sie seit 1952 lebt? Unvorstellbar, da muss sie raus, sofort. Weihnachten, das hat für sie den kindlichen Trost des »Alles ist gut«, und wenn nicht alles gut ist, schmerzt es am meisten an den Feiertagen. Monika will weg aus der Einsamkeit inmitten von Häusern, Autolärm und urbanem Chaos, wenigstens für die emotional anstrengenden Wochen des Jahreswechsels. Dann wird man sehen, aber eigentlich ist ihr die Stadt schon eine ganze Weile zu viel.

Der in Rom lebende Maler und Schriftsteller Rolf Schott hat ihr die Insel Capri empfohlen, einen landschaftlich reizvollen Flecken, der könnte ihr gefallen. Und in der Villa Monacone, heißt es, hätten schon viele Künstler residiert, unter anderem Oskar Kokoschka, der dort seinen Alma-Mahler-Furor mit Wandgemälden verarbeitete. Italien ist Sehnsuchtsziel der Deutschen in den Fünfzigerjahren, aber Capri gilt als regelrechtes Künstlerrefugium. Es ist also durchaus standesgemäß für eine Tochter des Schriftstellers Thomas Mann.

Rom war eine von Monikas ersten europäischen Stationen seit der Emigration in die USA. Amerika, das ist seit der hetzerischen McCarthy-Ära für die Mann-Familie vorbei. Mit Ausnahme des jüngsten Bruders Michael sind sie alle nach dem Zweiten Weltkrieg nach Europa zurückgekehrt. Auch der geliebte große Bruder Klaus, auf traurige Weise: Er hat sich 1949 in Cannes mit einer Überdosis das Leben genommen.

Die Eltern Thomas und Katia haben sich 1954 im schweizerischen Kilchberg niedergelassen, in ihrem Schlepptau das älteste Kind Erika, die »Tochter-Adjutantin«, unentbehrlich als Beraterin für den Vater und als Vertraute der Mutter. Golo, wie Monika eines der mittleren der sechs Geschwister, reüssiert als Historiker, der jüngste Bruder Michael hat seine Musikerlaufbahn, seine Frau Gret und zwei Söhne. Die ebenfalls jüngere Schwester Elisabeth lebt in Florenz, zwar frisch verwitwet, aber doch mit ihren beiden kleinen Töchtern, und leitet ein Kulturmagazin.

Alle haben ihren Platz und ihre Aufgabe, nur Monika weht umher wie ein Blatt im Wind. Die Rückkehr aus dem Exil, »the whole business of ›come back‹«, ist für sie »rather terrifying«.

In Rom hat sie in einer Pension immerhin einen Platz für ihr »fahrendes Haus« gefunden, wie sie die Reste eines provisorischen Haushalts nach der Emigration 1933 nennt, nach Stationen in Italien, England und Amerika. In Rom hat sie auch Zugang zu Künstlerkreisen, sie hat Heinrich Böll und Ingeborg Bachmann von der Schriftstellervereinigung »Gruppe 47« kennengelernt.

Ja, es gibt sogar Verehrer. »Hofmacher« nennt sie diese in einem Brief an den Schriftsteller Hermann Kesten, dem sie sich in der letzten Zeit sehr anvertraut hat. Ihm hat sie kürzlich geschrieben, dass sie hier genug »Hofmacher« habe, »aber Du weißt ja, es ist nicht das!« Sie, seit 1940 verwitwet, sucht »das«, was ihr Halt und Sicherheit gibt, die innige Verbundenheit mit einem zuverlässigen Menschen.

Kurz hoffte sie, ehrlicherweise ohne realistische Grundlage, der Journalist Richard Raupach könnte ihr dies geben. Ihn hat sie bei einem Interview in München kennengelernt, ihrer Geburtsstadt. Im Frühling 1954 erst hat sie ihm einen brieflichen Antrag gemacht, denn sie weiß nicht: »Wohin soll ich gehen?« Sie schreibt »aus einem Tiefpunkt oder einer Wirrnis heraus«, sie möchte einfach »›Sein, in der Nähe eines Menschen, dem ich traue.‹ Ich traue Ihnen. (…) Halten Sie mich?« Um nicht ganz so erbärmlich zu klingen, prahlt sie mit römischen Abenteuern, mit russischen Malern und italienischen Dichtern, sie hat es schließlich nicht nötig, zu betteln, und wahrscheinlich macht ihm genau diese Mischung aus Scheinsouveränität und Flehen Angst. Er traut sich jedenfalls nicht, schon gar nicht, seit er einen unheimlichen Brief von ihr erhalten hat, in dem sie einen düsteren Geist für sich sprechen lässt: »Dir fehlt die Phantasie, Dir vorzustellen, wies gewesen wäre (…) nie wirst Du diese Chance, nämlich die Nähe dieser Monika wieder finden. Du hast sie verscherzt.«

Auch die amerikanischen Freunde Charles und Vivian Neider und Hermann Kesten, die sie alle aus dem Familienkreis kennt und die ihr zugetan sind, wissen nicht, wie sie auf Monikas immer verzweifeltere Frage reagieren sollen: »I don’t know where to go. Do you know advice?« Sie haben sie gern, wirklich, aber ein wenig übergriffig wirkt sie eben doch. Monika hält mit ihrer Enttäuschung brieflich nicht hinter dem Berg: »Ich zähle auf überhaupt keinen mehr.«

Ach ja: Beruflich weiß sie auch nicht, wie weiter. Sie hat es mit der Musik probiert, ohne Pianistin zu werden, mit Zeichnen, zuletzt mit dem Schreiben. Ein paar Artikel, die das Entwurzeltsein des Emigranten thematisieren, hat sie in Zeitungen unterbringen können. In der Familie spricht man aber hinter ihrem Rücken von einer »künstlerischen Oberflächenbegabung« (der Vater) und ihrem »Halbtalentchen« (die Mutter). Im Gegensatz zu den publizierenden Geschwistern Klaus, Erika und Golo gilt es bei ihr als anmaßend, dass sie sich ausgerechnet im Familiengeschäft versucht hat.

Nun ist sie 44 Jahre alt, ohne Job, ohne Mann und Kinder, ohne eigenes Zuhause. Ihren Unterhalt bestreitet sie von der familiären Apanage. Die Lebensperspektiven einer Frau in mittleren Jahren schwinden, auch wenn sie aus deutschem Bildungsadel stammt.

In dieser Verfassung also wird Monika Mann an diesem Dezembertag 1954 in Capri an Land gespült: »Der Wind hat mich hergetragen.« Wahrscheinlich wird sie vom Hafen abgeholt, alleine ist der Weg zum Haus kaum zu finden. Also los über den Kai zum Fahrkartenschalter der Drahtseilbahn, vorbei an Fischern, die die Hände in die Taschen ihrer blauen Jacken gestopft und die Krägen gegen den Winterwind hochgestellt haben, an Trägern, die Koffer auf Rollwagen wuchten, und dann mit der funicolare in wenigen Minuten hoch in den Ort Capri.

Oben geht es nur zu Fuß weiter. Zuerst auf die Piazza Umberto I., im Sommer ein quirliger, doch überschaubarer Platz mit vielen Tischchen und Stühlen, jetzt leer. Rechts die Kirche, links der Glockenturm aus dem 12. Jahrhundert, darunter ein Zeitschriftenkiosk. Durch einen Mauerbogen in die Via Camerelle, links abbiegen, die Via Tragara weiter bis zur Aussichtsterrasse, ein enges Treppchen hinunter, dann beginnt der Spazierweg durch Bäume und Macchia, die Via Pizzolungo. Hier an der Steilküste steht nur eine Handvoll Häuser in exklusiver Lage, und eines der ersten ist die Villa Monacone.

Monika sieht das einladende, fast herrschaftliche Haus, die Säulen und Veranda, die »riesige Aussicht« auf Meer und Felsen, sie spürt Ruhe und Weite. Diese Weite! Zum ersten Mal seit Langem kann sie frei atmen. Keine Nachbarn, keine Beobachtung, wohltuende Distanz zur erfolgreichen Emsigkeit der Anderen. Alles heißt sie willkommen, sogar die im Wind segelnden Möwen rufen ihr eine Begrüßung zu. Sie ist gekommen, um zu bleiben, aber das weiß sie noch nicht. Was sie aber weiß: Es ist eine »Liebe auf den ersten Blick«, wie sie das später nennen wird. Und die schließt auf Anhieb und explizit den Mann mit den lachenden Augen mit ein, der sie hier erwartet.

Antonio Spadaro heißt er. Seiner Familie gehört die Villa, er wohnt im Parterre unter ihrem Apartment und wird ihr Mitbewohner sein. Er ist drei Jahre älter als sie, also 47, ein schlanker Mann mit feinem Gesicht. Wie viele Italiener trägt er seinen Pulli und das Sakko darüber mit lässiger Eleganz, die Hornbrille auf der kühnen Nase verleiht ihm etwas Kluges. Etwas seltsam, dass er Junggeselle ist, denn bei Frauen kommt er ausgesprochen gut an. Er ist ja auch unverschämt gutaussehend, das fällt Monika sofort auf, dafür hat sie schon immer einen Blick gehabt. Und am schönsten ist sein freundliches Lächeln.

Sie gefällt ihm anscheinend auch. Er führt die »Signora« die Treppe hinauf und in die kleine Wohnung im ersten Stock. Da ist die winzige Küche, hinter der Fliegengittertür draußen eine Terrasse mit Pergola, und wo ist das Bad? Ah, hier. Es gibt außerdem zwei Räume, im kleineren steht eine schmale Liege mit darübergebreiteter Wolldecke. Zwei Stufen führen hinunter ins Wohnzimmer mit Steinboden aus dunkelroten und weißen Fliesen. Geheizt wird mit offenem Kamin und Gasofen, und von den Fenstern und der vorderen Veranda aus ist das Meer zu sehen, wie Antonio ihr zeigt. Da er kein Englisch spricht, verständigen sich die beiden auf Italienisch, das Monika passabel beherrscht. Es klingt ziemlich deutsch, und demnächst wird sich noch ein neapolitanischer Dialekt dazugesellen, wie er auf der Insel gesprochen wird – ein kurioser Mix.

Wie nimmt diese Liebe zweier nicht mehr ganz junger Menschen ihren Lauf? Was wir wissen: Außer zum Metzger, dem Bäcker, dem Obstmann, den Leuten vom Tabacchi, der Post und der Bar hat Monika in diesen ersten Wochen auf Capri nur zu zwei Menschen Kontakt: zu einem »Antonio 1«, eine flüchtige Bekanntschaft, und zu »Antonio 2«, Sohn des Hauses, ihrem attraktiven Mitbewohner. Der eine sei reich, der andere arm, schreibt sie in einem Brief: »Antonio 2«, der Ärmere also, gefalle ihr natürlich viel besser. Er nutzt die Winterzeit zum leider nicht ganz lautlosen Renovieren der anderen Zimmer des Hauses, die an Feriengäste vermietet werden. Wahrscheinlich steht er stets für Empfehlungen zur Verfügung, wer denn sonst: wo man spazieren gehen kann, wo man einkauft und wo besser nicht, wo man seinen Espresso trinkt.

Vielleicht macht er sie auch darauf aufmerksam, dass die 1880 gebaute Villa nach einem der vier berühmten Faraglioni-Felsen benannt ist, und zwar nach dem kleinsten und unbekanntesten Stein. Der Monacone-Felsen liegt buchstäblich im Schatten der »Großen Drei« Stella, Mezzo und Scopolo, die von ihrer Terrasse aus zu sehen sind. Den Monacone-Felsen aber kennt kaum einer, man muss den Wanderweg schon ein paar Schritte weiter zu einer Aussichtsterrasse gehen, um ihn zu Gesicht zu bekommen.

Dass Monika Mann aus Monaco di Baviera jetzt also in einer Villa Monacone wohnt, die nach einem unterschätzten Felsen benannt ist, ist ein hübsches Zeichen dafür, am rechten Platz zu sein.

Trotzdem, am Anfang fremdelt sie. Kurz vor Weihnachten 1954 schreibt sie ihrem Freund Schott ein paar Zeilen nach Rom: »Das ist überhaupt kein Brief, sondern nur eine Geste, ein Zittern, ein fernes Geflüster, damit Sie wissen, dass ich bin.« Irgendwie lebe sie neben, über, unter der Villa Monacone, nicht darin. Sie ist noch nicht ganz angekommen. Weihnachten, das sie so liebt, steht vor der Türe, und sie ist hier allein gestrandet, da macht sie sich nichts vor. Als Kind in München war dies für sie eine Zeit, die wie verzaubert verstrich, mit Basteln, Stricken, Komponieren und Dichten, voller Ungeduld und Vorfreude, ausgerichtet auf den kindlichen »Glücksrausch« der Bescherung. In ihrer Kindheit, meint sie, lebte man »im tiefsten Grunde das ganze Jahr auf das Weihnachtsfest hin: alle Sehnsucht, alle Erfüllung lag in diesem lichten Ziel. Was konnte es Besseres geben, als am Himmlischen teilzuhaben – das sich mit Tannenduft und Glanz uns offenbarte –, ja des Himmlischen teil zu sein?«

Auf Capri gibt es keine verschneiten Tannen oder Frost, höchstens regnet es mal so stark, dass das Nass die Via Camerelle hinunterströmt und die Keller der Boutiquen unter Wasser setzt. Es gibt kein München mit festlich geschmückten Geschäften, sondern ein Dorf, in das man immerhin 15 Minuten zu gehen hat, in dem jetzt alles still und ziemlich melancholisch wirkt, es wartet auf belebtere Zeiten. Es kommen zu dieser Jahreszeit, der stagione morta, kaum Touristen auf die Insel. Auch finden sich wenig »Angesiedelte«, und die wenigen haben alle einen »Stich«, meint Monika. Dafür hat sie einen Blick wie für attraktive Männer.

Sie findet, auch die Capreser seien eigentlich »Sonderlinge. Die ›Insel‹ frägt einen besonderen Typ.« Aber ob sie da nicht ganz gut aufgehoben ist? Nennt man sie in der Familie, träumerisch und einsiedlerisch, wie sie sein kann, nicht auch einen Sonderling?

Zumindest das Wetter zeigt sich in diesem Winter von seiner freundlichen Seite. Brieflich berichtet Monika: »Auf Regengüsse folgen Sonnenküsse.« Immer wieder ist es so warm, dass man draußen sitzen, die Jacke ausziehen und das Gesicht mit geschlossenen Augen in die Sonne halten kann.

Monika unternimmt Spaziergänge, die direkt vor ihrer Haustüre beginnen. Der kürzeste führt in Serpentinen hinunter zu den Faraglioni-Felsen, in gut zehn Minuten ist man da. Dort klettert sie am Fuße der zerklüfteten Steinbrocken herum und schaut hinaus aufs Meer. Auf einem Foto aus dieser Zeit hält sie sich mit den Händen an Felsvorsprüngen fest, eine hübsche Frau mit dunklen Haaren, schlank und beweglich in Hose und Hemd.

Am Fuße der Faraglioni-Felsen: Monika Mann an der Küste Capris

Sie blickt mit verhaltenem Lächeln in die Kamera, die Stirn skeptisch gekräuselt. Dabei hat sie da unten sicher ihre Ruhe, viel kann zu dieser Jahreszeit nicht los sein. In den grauen Stein hat man zwar vor ein paar Jahren ein Restaurant mit Badestelle gebaut, aber das »La Fontelina« befindet sich jetzt in Winterpause und wappnet sich für die bevorstehenden Sommer, in denen es zum Hotspot des internationalen Jetsets werden wird. Alle blaugestreiften Schirme und Sonnenstühle sind noch gut verpackt.

Die Spaziergänge helfen ihr, Fuß zu fassen. Ein anderer Weg folgt dem schmalen Panoramapfad nach links zum Arco Naturale, einem natürlichen Bogen aus Stein, und zur Casa Malaparte, die, provozierend rot und mit segelartiger Mauer aus weißem Stein, auf einem vorgelagerten Felsen im Meer liegt wie ein Schiff. Man sieht sie vom Wege aus. Von unten glänzt das Meer durch die Bäume, in tiefen Tönen von Smaragd bis Indigo.

Überhaupt, findet Monika, sind die Ausblicke auf dieser Seite der Insel »erschütternd schön«. Wenn sie auf ihre Terrasse tritt, hört sie nur das Meeresrauschen, das sich im Winter zum Brausen steigert. An rauen Tagen klatscht das Wasser laut gegen die Felsen, und die Gischt sprüht bis nach oben zum Haus. Die Möwen kreischen und liefern Flugshows vor ihrer Veranda hoch über den Faraglioni. Sie beobachtet sie oft, bald kennt sie die Vögel beim Namen. Etwas »Wildes, Heiseres, Ödes und Schwermütig-Eintöniges« liege im Wesen der Möwen, hat Thomas Mann 1918 in der Erzählung Herr und Hund geschrieben. Aber eben auch etwas unbedingt Starkes. Womöglich ist es das, was Monika an Möwen so fasziniert, dass sie sie immer wieder erwähnt.

Vielleicht ist das erste Weihnachtsfest auf der Insel auch nicht so traurig wie befürchtet. Gegen die Einsamkeit helfen die Begegnungen mit Antonio. Natürlich hat man der Familie Spadaro zugetragen, wen sie hier beherbergt: die Tochter des wahrscheinlich größten lebenden deutschen Literaten. Trotzdem, das Verhalten von Antonio wirkt keineswegs verkrampft, sondern von Anfang an heiter und natürlich. Er erklärt ihr die Rituale der Capreser, die das Fest mit feierlichen Prozessionen, historischen Krippen in den Kirchen und bunten Lichtern feiern. Am Weihnachtsmorgen tragen sie lebende Aalweibchen nach Hause, um sie dort, in Scheiben geschnitten, paniert und in sprudelndem Öl frittiert, zum traditionellen Weihnachtsgericht capitone zuzubereiten.

Als beglückend empfindet Monika das Kochen überhaupt, dem sie sich, die Restaurants meidend, derart intensiv widmet, dass sie nach eigenem Bekunden bald so gut kocht »wie Rossini«. Oft gibt es saisonales Gemüse von der Insel: Zurzeit sind es Artischocken, die sie mit Olivenöl, Zitrone und einer Prise Kräutersalz genießt; der Essplatz befindet sich direkt vor dem offenen Kaminfeuer. Schlichte Gerichte sind ihr am liebsten: »Kompliziertes nützt sich ab, Einfaches nicht.«

Im Kilchberger Elternhaus gibt es derweil Bowle und Geschenke. Trotzdem herrscht an diesem Weihnachten 1954 nicht eitel Sonnenschein. Thomas Mann vermerkt in seinem Tagebuch »leichte Schneedecke« und schwere Belastung durch die älteste Tochter Erika, die mit dem »Extremismus ihres Hasses« gegen, in diesem Fall, Journalisten, aber schon seit Längerem gegen so ziemlich alle, darunter ihre eifersüchtig beäugten Geschwister, die Mutter Katia quält. Beide Eltern wagen allerdings nicht, ihre Älteste um Mäßigung zu bitten. An Heiligabend telefoniert man mit Elisabeth in Florenz. Von Michael ist in dem Eintrag nicht die Rede, der hat seinem Vater mit dem inzwischen 14-jährigen Lieblingsenkel Frido längst das größte Geschenk gemacht: Und Frido feiert Weihnachten in Kilchberg.

Dass die abwesende Monika nicht erwähnt wird, verwundert nicht. Wie notierte Hedwig Pringsheim, Großmutter mütterlicherseits, schon zu Weihnachten 1929 unverblümt in ihrem Tagebuch: »Das übliche Weihnachtsfest, (…) mit netter Musikproduktion der Kleinen, gutem Essen, etwas Grammophon, halt wie immer, das einzig fehlende Kind Moni fehlte ja nicht.«

Ja, sie fehlt nicht, wenn sie nicht da ist.

Aber auch Antonio Spadaro, glaubt sie zu merken, ist in seiner Familie ein Außenseiter, und das zieht sie neben seinem sensiblen Wesen, seinem Lächeln und dem erfreulichen Äußeren besonders zu ihm hin: Womöglich ist er ein Seelenverwandter? Gebildet ist er zwar nicht, denn er hat nur die rudimentäre Insel-Erziehung von ein paar Jahren Grundschule genossen. Von Thomas Mann hat er natürlich nichts gelesen. Aber er stammt aus einer alten capresischen Familie. Der Vorfahre Francesco Spadaro galt mit seinem langen Rauschebart und einer gehäkelten Mütze auf dem Haupt als Inbegriff der Capri-Fischer, nutzte das lukrative Image und präsentierte sich fotografierenden Touristen und Malern. Antonios Vater, der Fischer und Maurer Ciro Spadaro, wurde zwar nicht von Malern porträtiert. Er hat aber die Villa Monacone erbaut und zu einem Insidertipp für Weltflüchtige gemacht, die dort, mal länger, mal kürzer, Station machen.

Sein Nachfahre kann dem nicht nacheifern. Schon als junger Mann ist Antonio herzkrank. Die traditionellen Erwartungen an einen Mann erfüllt er auch nicht gerade. Antonio ist weder verheiratet, noch hat er Kinder. Dabei gilt er im Ort keineswegs als schrullig, sondern als gewinnender Charakter, sogar als »Casanova«. Beruflich ist der gelernte Maurerpolier ungeeignet für schwere Arbeiten, deshalb verkauft er in einer improvisierten Bar zu Füßen der Villa Monacone Limonade an die vorbeiflanierenden Touristen, außerdem Souvenirs wie selbstgeschnitzte Flaschenschiffe und Nachbildungen der Blauen Grotte en miniature.

Ist das nun unmännlich? Monika findet: nein. Sie sieht vor allem, wie beliebt und geachtet Antonio ist, der jeden Tag über die Via Tragara in den Ort geht, mit Freunden Karten spielt, mit Leichtigkeit neue Bekanntschaften schließt, und wie er sich arrangiert mit dem, was das Leben ihm bietet. Er beweist guten Stil, ohne ihn an teuren Privatschulen erworben zu haben, und zwar nicht nur in seiner äußeren Erscheinung, sondern auch in seinem zurückhaltenden Auftreten. Monika bewundert seine Gelassenheit. Außerdem ist sie kein Snob, wollte es jedenfalls nie sein. Hat sie sich nicht schon in ihrer Kindheit, im Münchener Elternhaus in der Poschingerstraße, gerne mit dem Personal im Souterrain aufgehalten und sich von der Köchin zeigen lassen, wie man Schnitzel brät?

Wenn man an den Winterabenden einen Spaziergang durchs Dorf macht, geht man durch die engen, mittelalterlichen Gassen in eine friedvolle Ruhe hinein. Außer an Silvester. Da gibt es ein knatterndes Feuerwerk, Kinder flitzen auf der Piazzetta herum, und die Erwachsenen treffen sich auf ein Glas Wein und tanzen die Tarantella in roten Gewändern, die wie Piratenkostüme aussehen. Eine Kapelle spielt und aus den offenen Türen der Bars dringt Radiomusik, italienische canzoni und Schlager.

Zu den Top-Hits 1954 zählen in Italien Teddy Renos »Un Bacio Ancor« – und der schmelzende Song »Pretend« von Nat King Cole. Bloß nicht die Hoffnung verlieren, ruft Nat King Cole allen Einsamen zu: »You’ll find a love you can share (…) Just close your eyes she’ll be there. You’ll never be alone.«

Sich einen Schubs geben, wieder glücklich sein – oh ja, das will Monika, als das neue Jahr beginnt. Ihr unerschütterlicher