Thorsten stiller Kummer - Britta Frey - E-Book

Thorsten stiller Kummer E-Book

Britta Frey

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Beschreibung

Die Kinderärztin Dr. Martens ist eine großartige Ärztin aus Berufung, sie hat ein Herz für ihre kleinen Patienten, und mit ihrem besonderen psychologischen Feingefühl geht sie auf deren Sorgen und Wünsche ein. Die Kinderklinik, die sie leitet, hat sie zu einem ausgezeichneten Ansehen verholfen. Kinderärztin Dr. Martens ist eine weibliche Identifikationsfigur von Format. Sie ist ein einzigartiger, ein unbestechlicher Charakter – und sie verfügt über einen liebenswerten Charme. Alle Leserinnen von Arztromanen und Familienromanen sind begeistert! Fröstelnd zog die junge Frau die Schultern hoch und sah hinauf zu dem wolkenverhangenen Himmel. Der November ging langsam seinem Ende zu, und bald würde wohl der erste Schnee fallen. Hatte sie sich richtig entschieden, gerade diese Jahreszeit zu wählen, um für immer in die Hei­mat zurückzukehren? Camilla Drewes war eine attraktive junge Frau von sechsundzwanzig Jahren. Nach einem großen Streit hatte sie, als sie noch nicht ganz neunzehn gewesen war, ihren Vater und damit ihr Elternhaus verlassen und war zu Tante Hetty, einer entfernten Ver­wandten, nach Frankfurt gefahren. Bei Tante Hetty, die allein in der großen Stadt wohnte, hatte sie liebe­volle Aufnahme gefunden. Auch als sie Tante Hetty nach ein paar Wochen gestanden hatte, daß sie ein Kind er­wartete, fand sie viel Verständnis, denn sie hatte vor dem Streit mit dem Vater eine Beziehung beendet und wollte, auch des Kindes wegen, das sie erwartete, auf keinen Fall zurück. Thorsten wurde geboren, und er erinnerte sie mit jedem Tag, mit jeder Woche und mit jedem Jahr, das ver­ging, an seinen Vater. Karsten, wie sehr und wie bedin­gungslos hatte sie ihn geliebt, und wie sehr war sie damals von ihm ent­täuscht worden. Das Schlimmste war jedoch, daß Thorsten kein Kind wie alle anderen war. Er war nicht gesund. Ihren Jun­gen behinderte ein Hüftleiden, das bei der Geburt übersehen worden war. Ein Gebrechen, das ihn als einsames Kind aufwachsen ließ, denn vor allen Dingen Kinder konnten sehr grausam sein. Seine heile Welt waren nur sie, seine Mutter und Tante Hetty gewe­sen. Während Tante Hetty Thorsten über Tag versorgt hatte, hatte Camilla den Beruf der Krankenschwester er­lernt und in einem Krankenhaus gear­beitet. Soweit hatte alles seinen ge­wohnten und geregelten Gang ge­nommen, bis Tante Hetty ihr vor eini­ger Zeit gestanden hatte, daß sie über all die Jahre mit dem Vater in Verbindung gestanden hatte, und daß es ihm gesundheitlich nicht gerade gutging. Fast zwei Monate war das nun schon her, und Camilla hatte lange mit sich gekämpft, ehe sie sich dazu entschloß, in die Lüneburger Heide zurückzukehren. Das waren die Gedanken, mit denen sich Camilla beschäftigte, während sie langsam den oberen Mainkay entlangschritt. Sie zögerte, heim zu Tante Hetty zu fahren. Was würde die Gute dazu sagen, wenn sie von ihr erfuhr, daß sie mit Thorsten zurück in die Heide fahren wollte, um wieder in ihrem Elternhaus zu leben und für den Vater zu sorgen?

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Seitenzahl: 139

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Kinderärztin Dr. Martens Classic – 34 –Thorsten stiller Kummer

Warum konnte ihm bisher kein Arzt helfen?

Britta Frey

Fröstelnd zog die junge Frau die Schultern hoch und sah hinauf zu dem wolkenverhangenen Himmel. Der November ging langsam seinem Ende zu, und bald würde wohl der erste Schnee fallen. Hatte sie sich richtig entschieden, gerade diese Jahreszeit zu wählen, um für immer in die Hei­mat zurückzukehren?

Camilla Drewes war eine attraktive junge Frau von sechsundzwanzig Jahren. Nach einem großen Streit hatte sie, als sie noch nicht ganz neunzehn gewesen war, ihren Vater und damit ihr Elternhaus verlassen und war zu Tante Hetty, einer entfernten Ver­wandten, nach Frankfurt gefahren.

Bei Tante Hetty, die allein in der großen Stadt wohnte, hatte sie liebe­volle Aufnahme gefunden. Auch als sie Tante Hetty nach ein paar Wochen gestanden hatte, daß sie ein Kind er­wartete, fand sie viel Verständnis, denn sie hatte vor dem Streit mit dem Vater eine Beziehung beendet und wollte, auch des Kindes wegen, das sie erwartete, auf keinen Fall zurück.

Thorsten wurde geboren, und er erinnerte sie mit jedem Tag, mit jeder Woche und mit jedem Jahr, das ver­ging, an seinen Vater.

Karsten, wie sehr und wie bedin­gungslos hatte sie ihn geliebt, und wie sehr war sie damals von ihm ent­täuscht worden.

Das Schlimmste war jedoch, daß Thorsten kein Kind wie alle anderen war. Er war nicht gesund. Ihren Jun­gen behinderte ein Hüftleiden, das bei der Geburt übersehen worden war. Ein Gebrechen, das ihn als einsames Kind aufwachsen ließ, denn vor allen Dingen Kinder konnten sehr grausam sein. Seine heile Welt waren nur sie, seine Mutter und Tante Hetty gewe­sen.

Während Tante Hetty Thorsten über Tag versorgt hatte, hatte Camilla den Beruf der Krankenschwester er­lernt und in einem Krankenhaus gear­beitet. Soweit hatte alles seinen ge­wohnten und geregelten Gang ge­nommen, bis Tante Hetty ihr vor eini­ger Zeit gestanden hatte, daß sie über all die Jahre mit dem Vater in Verbindung gestanden hatte, und daß es ihm gesundheitlich nicht gerade gutging.

Fast zwei Monate war das nun schon her, und Camilla hatte lange mit sich gekämpft, ehe sie sich dazu entschloß, in die Lüneburger Heide zurückzukehren.

Das waren die Gedanken, mit denen sich Camilla beschäftigte, während sie langsam den oberen Mainkay entlangschritt.

Sie zögerte, heim zu Tante Hetty zu fahren. Was würde die Gute dazu sagen, wenn sie von ihr erfuhr, daß sie mit Thorsten zurück in die Heide fahren wollte, um wieder in ihrem Elternhaus zu leben und für den Vater zu sorgen? Wie wohl der Vater reagieren würde, wenn sie plötzlich mit ihrem Sohn vor ihm stehen würde?

Camilla zog erneut fröstelnd die Schultern hoch und sah auf ihre Uhr. Es wurde langsam Zeit, den Heimweg anzutreten. Tante Hetty war immer gleich so besorgt, wenn sie mal länger ausblieb. Eine weitere halbe Stunde verging, bis Camilla die große Wohnung erreichte, in der sie mit Tante Hetty und Thorsten lebte.

Hetty Schreiber atmete erleichtert auf, als Camilla endlich die Wohnung betrat.

»Wo warst du nur so lange, Camilla? Ich habe mir schon Sorgen gemacht.«

»Ich war ein wenig spazieren, Tante Hetty. Mir geht in letzter Zeit soviel im Kopf herum, ich mußte ein wenig allein sein und noch einmal alles überdenken. Ich habe einen Entschluß gefaßt und möchte heute abend, wenn Thorsten schläft, mit dir reden.«

Prüfend betrachtete Hetty die mittelgroße, schlanke junge Frau. Das schmale Gesicht mit den dunklen Augen wirkte so ernst. Es mußte schon etwas Wichtiges sein, was Camilla so beschäftigte.

»Gut, Camilla, ich warte bis heute abend, obwohl du mich sehr neugierig gemacht hast. Hat es mit deiner Arbeit im Krankenhaus oder mit dem Jungen zu tun?«

»Nicht nur, Tante Hetty, frag mich jetzt bitte nicht weiter. Wo steckt Thorsten überhaupt?«

»Er spielt in seinem Zimmer, Camilla. Du weißt ja, er ist kaum aus dem Haus gekommen. Es ist immer wieder das gleiche mit ihm.«

»Ich sehe sofort nach ihm, Tante Hetty.«

Als Camilla das kleine Zimmer betrat, das sie und Tante Hetty liebevoll für Thorsten eingerichtet hatten, blickte sie zärtlich auf ihren Jungen, der so sehr in sein Spiel mit seinen Autos vertieft war, daß er sie nicht sofort bemerkte. Wie sehr sie den kleinen Buben doch liebte. Er war ihr ein und alles, und daran würde sich auch niemals etwas ändern. Einen Moment betrachtete sie ihn schweigend. Die dunklen Locken fielen ihm beim Spielen in die Stirn.

Er schien ihre Blicke zu spüren, denn bevor sie etwas sagen konnte, sah er hoch und war schon auf den Beinen.

»Mutti, wie schön, ich habe schon auf dich gewartet. Wo warst du nur so lange?«

»Ich habe noch einen Spaziergang gemacht, mein Liebling. Jetzt bin ich ja da«, antwortete Camilla weich.

Liebevoll zog sie den Siebenjährigen in ihre Arme und hauchte einen sanften Kuß auf seine Stirn.

»Schau mal in meine Tasche, ich habe dir etwas mitgebracht. Es wird dir ganz bestimmt gefallen«, sagte sie lächelnd.

»Was denn, Mutti?«

»Ich habe doch gesagt, du mußt in meiner Tasche nachsehen.«

Einen Moment später fiel Thorsten seiner Mutti jubelnd um den Hals.

»Ein neues Auto, Mutti, wie schön. So eins wollte ich schon so lange. Danke, Mutti, vielen, vielen Dank. Darf ich gleich damit spielen?«

»Natürlich, Liebling. Ich geh dann wieder zu Tante Hetty ins Wohnzimmer. Wenn du zum Spielen keine Lust mehr hast, kommst du auch zu uns herüber.«

Thorsten gab schon keine Antwort mehr darauf. Er hatte nur noch Augen für sein neues Spielzeug.

Einen Moment sah Camilla dem Kleinen noch mit einem weichen Lächeln zu, danach ging sie zu Hetty zurück.

*

Nach dem Abendbrot, Camilla hatte Thorsten zu Bett gebracht, saßen sie und Hetty im Wohnzimmer.

Mit forschenden Blicken sah Hetty Camilla an und fragte:

»Wolltest du heute abend nicht mit mir über einen wichtigen Entschluß, den du gefaßt hast, reden, Camilla?«

»Ja, Tante Hetty, das habe ich vor. Ich weiß, was ich dir zu sagen habe, wird dich traurig stimmen, doch du kannst mir glauben, daß ich sehr lange über alles nachgedacht habe.«

»Bitte, Camilla, rede nicht länger drumherum, sondern sag mir klar und deutlich, was los ist.«

»Es geht um meine und Thorstens Zukunft, und es geht um meinen Vater, Tante Hetty. Seit du mir gesagt hast, daß es meinem Vater gesundheitlich nicht gutgeht, finde ich innerlich keine Ruhe mehr. Er ist doch nicht mehr der Allerjüngste, und ich kann und darf nicht vergessen, daß er jetzt vielleicht meine Hilfe braucht. Es sind so viele Jahre vergangen, seit ich ihn nach unserem Streit verlassen habe. Ich möchte endlich einen Strich unter die Vergangenheit ziehen. Es geht mir aber nicht allein um meinen Vater. Ich muß an erster Stelle an Thorsten denken. Du weißt genauso gut wie ich selbst, daß er die kurze Zeit, die er jetzt hier die Schule besucht, nicht mit den Kindern zurechtkommt, die ihn ständig verspotten und hänseln. Bei uns in der Heide, in Wismor, würde es für den Jungen nicht so hart sein, denke ich. Also, Tante Hetty, ich habe mich dazu entschlossen, mit Thorsten in mein Elternhaus zurückzukehren.«

»Ist das wirklich dein Ernst, Mädel?«

»Ja, Tante Hetty, ich denke es muß sein. Du darfst nicht so traurig sein. Wir werden einen Weg finden, daß du nachkommen kannst, damit wir auch in Wismor zusammen sein können.«

»Das wäre zu überlegen, Camilla, denn ich werde dich und den Jungen ganz schrecklich vermissen. Du und Thorsten seid in den vergangenen Jahren meine Familie geworden. Es wird also ohne euch für mich recht einsam werden. Doch ich werde dir nicht dreinreden. Du mußt das tun, was du für richtig hältst. Hast du schon mit Thorsten über dein Vorhaben gesprochen?«

»Nein, Tante Hetty, das werde ich erst morgen nachmittag tun. Ich wollte es zuerst dir sagen.«

»Und deine Arbeit im Krankenhaus, Camilla?«

»Ich habe schon gekündigt, Tante Hetty. Wenn du erst bei uns in der Heide bist, werde ich mir dort in der Nähe etwas suchen. Vielleicht kann man mich in der neuen Kinderklinik in Ögela gebrauchen. Immerhin habe ich hier lange genug auf der Kinderstation gearbeitet. Doch um schon neue Pläne zu schmieden, dazu ist es noch viel zu früh.«

»Alles soweit schön und gut, Camilla. Deine guten Absichten sind anerkennenswert. Doch hast du dabei auch bedacht, daß es keineswegs sicher ist, ob dich dein Vater mit offenen Armen empfängt?«

»Daran habe ich selbstverständlich gedacht. Ich kann nur für mich wünschen, daß auch er in den vergangenen Jahren Abstand gewonnen hat. Thorsten ist doch sein Enkelkind! Ich muß das Risiko in Kauf nehmen, sollte ich mich irren. Es wird schon alles gutgehen. Wichtig für mich ist, daß du mir nicht böse bist. Du warst mir während der letzten Jahre wie eine Mutter, die ich vorher nicht hatte.«

»Ich bin dir nicht böse, Camilla, denn ich habe dich sehr liebgewonnen.«

»Ich habe dich auch sehr lieb, Tante Hetty, und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Ich verspreche dir, daß du hier in der großen Stadt nicht lange allein zurückbleiben wirst.«

»Da ist aber noch etwas, Camilla. Was wird sein, wenn du in deiner Heimat Thorstens Vater begegnest?«

»Daran darf ich nicht denken, Tante Hetty. Das ist der einzige Punkt, vor dem ich mich fürchte. Doch vielleicht lebt er schon längst in einer anderen Stadt, und meine Sorge, ihm zu begegnen, ist umsonst.«

»Du liebst ihn aber noch immer, nicht wahr?«

»Ja, Tante Hetty, ich liebe ihn noch immer und werde es immer tun. Doch er darf es niemals erfahren. Thorsten ist mein Kind, er gehört mir ganz allein. Bitte, laß uns nicht weiter über diese Dinge reden.«

»Verzeih mir, Camilla, ich wollte dir mit meinen Fragen nicht weh tun. Du solltest es nur bedenken. Wie ist es, hast du noch Lust zu einer Runde Rommé?«

Camilla nickte zustimmend. Nur zu gern ließ sie sich ablenken. An diesem Abend konnte sie jedoch lange nicht einschlafen, als sie allein in ihrem Zimmer im Bett lag.

*

Hetty erschrak, als sie Thorsten die Wohnungstür öffnete. Mit tränenverschmiertem Gesicht humpelte er an ihr vorbei und ging sofort in sein Zimmer.

»Thorsten, Junge, so warte doch. Was ist denn schon wieder mit dir los?« wollte sie wissen und folgte ihm in sein Zimmer.

»Willst du mir nicht sagen, was passiert ist?« Liebevoll nahm sie die schmale Jungengestalt in ihre Arme.

Er befreite sich aus ihrer Umarmung und sagte mit trotziger Stimme, während ihm dabei erneut die Tränen über die Wangen rollten:

»Ich gehe überhaupt nicht mehr in diese doofe Schule. Sie sind alle so böse. Der Andy und der Peter rufen immer Opa Hinkelbein hinter mir her, und alle lachen mich aus. Ich will nicht mehr in diese Schule, und ich geh nicht mehr hin. Bitte, bitte, Tante Hetty, sag du es doch der Mutti.«

»Komm, mein Schatz, setz dich einmal zu mir.«

Hetty setzte sich auf die Bettkante und zog Thorsten neben sich. Liebevoll legte sie einen Arm um ihn und sagte weich:

»Ich verstehe ja, daß dich die bösen Worte deines Schulkameraden traurig machen. Wenn einer so etwas zu dir sagt, dann darfst du einfach nicht zuhören. Wer so etwas sagt, ist ganz dumm, der weiß nicht, daß du trotzdem ein ganz normaler Junge bist. Du darfst nicht zeigen, daß es dir weh tut. Du hast doch noch Mutti und mich. Wir beide haben dich sehr lieb.«

»Und die doofe Schule, Tante Hetty?«

»Ja, mein Junge, in die Schule mußt du schon gehen. Die Schule ist etwas, was für dein späteres Leben wichtig ist. Du lernst für dich ganz allein. Jetzt bist du noch klein und verstehst das nicht richtig. Wenn es noch einmal vorkommt, tu so, als ob es dir überhaupt nichts ausmacht. Du bist ein lieber und kluger Junge, du weißt doch von der Mutti, daß es Kinder gibt, die nicht so gut dran sind. So, und nun werden die Tränen getrocknet, damit wir essen können. Nach dem Mittagessen gehen wir zwei zum Fluß hinunter. Haben wir uns verstanden?«

»Ja, Tante Hetty, du bist ganz lieb. Ich will jetzt auch nicht mehr traurig sein.«

*

Als Camilla an diesem Tag vom Dienst heimkam, galt wie immer ihre erste Frage ihrem Jungen.

»Wo steckt er, Tante Hetty? Spielt er in seinem Zimmer?«

»Er spielt nicht, er schläft, Camilla. Wir waren den ganzen Nachmittag unterwegs. Es hat ihn ermüdet. Mir ist es aber ganz recht, daß ich dich allein sprechen kann. Thorsten kam ziemlich am Boden zerstört aus der Schule zurück. Die alte Geschichte, du weißt schon.«

»Ich verstehe das nicht, Tante Hetty. Ich habe mich doch darüber schon mit Frau Borgemeister, seiner Klassenlehrerin, unterhalten. Sie hat mir fest versprochen, daß sie dafür sorgen wird, daß solche Dinge in Zukunft unterbleiben. Ob ich noch einmal bei ihr vorspreche?«

»Ist das für dich wirklich noch so wichtig, Camilla? Immerhin hast du vor, in Kürze Frankfurt zu verlassen. Ich finde, das Problem löst sich damit von ganz allein. Nur, du solltest sofort darauf achten, daß dort in Wismor nicht das gleiche Problem auftaucht. Du weißt ja selbst, wie übersensibel und verletzlich der Junge ist.«

»Ich werde darauf achten, Tante Hetty. Ich werde schon vor dem Abendessen mit Thorsten reden und ihm sagen, daß wir nicht mehr lange hierbleiben werden. Es wird seinen Kummer bestimmt etwas verringern. Wenigstens für den Augenblick. Vielleicht freut er sich auch.«

»Ganz bestimmt. Ich glaube, der Junge ist wach, ich habe gerade die Tür oben gehört.«

In diesem Moment wurde die Küchentür geöffnet, und mit verschlafenem Blick kam Thorsten herein.

»Ausgeschlafen, mein Junge?« fragte Camilla lächelnd und begrüßte ihn liebevoll.

»Ich bin immer noch müde, Mutti, aber ich habe Durst.«

»Ich hole dir sofort etwas aus dem Kühlschrank. Schlafen kannst du heute abend nach dem Essen. Gleich zeigst du mir deine Hausaufgaben, und danach möchte ich dir etwas sagen.«

»Was denn, Mutti? Sag doch schon jetzt. Meine Schularbeiten hat Tante Hetty nachgesehen. Ich habe alles richtig gemacht, ganz ehrlich «

»Trotzdem möchte ich sie auch sehen. Zuerst hole ich dir aber ein Glas Orangensaft.«

Thorsten trank seinen Saft und holte anschließend seine Hausaufgaben Es war noch nicht viel, was die Kinder in der ersten Schulzeit daheim machen mußten, aber Thorsten gab sich große Mühe, und auch Camilla hatte nichts auszusetzen.

»Nun sag schon endlich, Mutti«, drängte er.

»Gut, Thorsten. Komm, setz dich zu mir und Tante Hetty an den Tisch, dann sollst du alles hören.«

Erst als Thorsten saß, sagte Camilla zu ihm:

»Was würdest du dazu sagen, mein Junge, wenn wir von hier fortziehen würden? In einen kleinen Ort in der Lüneburger Heide bin ich groß geworden. Da wohnt auch noch

immer mein Vater, also dein Opa.

Wir würden da in einem Haus wohnen, das uns ganz allein gehört. Du müßtest dann aber auch in eine andere Schule gehen. Nun, was meinst du?«

»Ich habe ganz wirklich noch einen Opa, Mutti? Warum hast du es mir noch nie gesagt? Habe ich denn auch eine Oma?«

»Nein, die Oma ist schon lange im Himmel. Und warum ich nie von Opa erzählt habe, will ich versuchen, dir zu erklären. Weißt du, es gibt manchmal Situationen bei erwachsenen Menschen, da streiten sie sich und sind ganz böse aufeinander. Ich hatte mit dem Opa so einen Streit und bin dann einfach zu Tante Hetty gefahren und auch bei ihr geblieben, als du auf die Welt kamst. Jetzt ist der Opa nicht mehr ganz gesund und braucht jemanden, der ihm hilft. Darum habe ich beschlossen, daß wir beide schon sehr bald zu Opa fahren werden.«

»Und Tante Hetty, kommt sie denn nicht mit uns mit, Mutti? Ich will nicht, daß sie hier ganz allein ist.«

»Ich komme später nach, Thorsten, das habe ich schon mit der Mutti besprochen«, sagte nun Hetty und lächelte dem Jungen aufmerksam zu.

»Au ja, dann fahre ich auch mit, Mutti. Ich freue mich ganz riesig auf meinen Opa. Laß uns gleich morgen fahren, Mutti«, kam es nun begeistert über Thorstens Lippen. Er schob seinen Stuhl zurück und umarmte seine Mutti stürmisch.

»Halt, halt, so schnell geht das nun auch wieder nicht, Junge. Warum hast du es auf einmal denn so eilig?«

»Dann brauch ich doch hier nicht mehr in die olle Schule zu gehen, Mutti.«

»Ach so, darum also. Wir können frühestens in einer Woche in die Heide fahren. Bis dahin muß ich noch jeden Tag ins Krankenhaus. Eine Woche wirst du es schon noch hier in der Schule aushalten, oder?«

»Meinetwegen, Mutti. Weiß der Opa denn schon, daß wir zu ihm kommen?«

»Nein, wir wollen ihn überraschen.«

»Prima, Mutti, das machen wir. Der Opa wird vielleicht Augen machen. Aber vielleicht mag er mich überhaupt nicht. Er hat mich ja noch nie gesehen. Hast du gehört, Tante Hetty? Ich habe einen richtigen Opa. Du mußt aber nicht traurig sein und ganz schnell zu uns kommen. Ich habe dich doch lieb.«