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Hauptsache schön stehen Bettina Tietjen ist wieder unterwegs – und nimmt uns mit auf ihre schönsten, aufregendsten und lustigsten Campingabenteuer! Ob auf den endlosen Straßen Australiens, in den Bergen Europas oder an der Küste der Bretagne: Mit viel Humor, Charme und einem Blick für das Besondere erzählt sie von skurrilen Begegnungen, kuriosen Erlebnissen und Momenten voller Freiheit. Dabei gibt sie nicht nur Einblicke in das Camperleben, sondern verrät auch ihre liebsten Campingrezepte. Ein Buch voller Fernweh, Lebensfreude und Inspiration für alle, die das Abenteuer lieben – und für alle, die es noch entdecken wollen.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
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© Piper Verlag GmbH, München 2026
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Text bei Büchern mit inhaltsrelevanten Abbildungen und Alternativtexten
Cover & Impressum
Vorbemerkung:
Widmung
Prolog
Am anderen Ende der Welt
Aufbruch mit Hindernissen
Exotik für Anfänger
On the Road
Der Busch brennt
Wildlife
Im Schatten der Pandemie
Nicht ohne meine Maske
Volles Risiko
Balkan, wir kommen!
Sind wir jetzt Senioren?
Volle Plätze, schwache Nerven
Das Leben der Anderen
Freizeitkapitäne
Juwelen am Straßenrand
Blitzbesuch in Montenegro
Immer wieder Korsika
Das Ziel vor Augen
Vertraute Gesichter
Vertreibung aus dem Paradies
Auf zu neuen Sehnsuchtsorten
Zu alt für diese Hitze
Atlantische Wechselbäder
Endlich schlechtes Wetter
Zwischen Crêpes und Meeresfrüchten
Nie wieder Hauptsaison
Menschenskinder
Glutrote Glücksmomente
Nordwärts
Rudelcamping mit Tradition
Die schönsten Orte Dänemarks
Hinterm Deich
Mikroabenteuer vor der Haustür
Nackt am Strand
Schweißgebadet auf dem See
Unter Wölfen
Ende der Saison
Welcome to Saint-Tropez
Parzellengeflüster
Abschied
Meine Lieblings-Campingrezepte
Udos Couscous mit Gemüse und Merguez
Katrins bunter Orecchiette-Salat
Spaghetti mit Thunfischsauce
Tolgas türkische Hack-Kartoffeln
Svenjas eingelegte Zucchini
Svenjas korsische Käse-Ravioli
Marcosalat
Taboulé
Arnes Spaghetti alla Puttanesca
Sabines Mangosalat
Sabines Linsensalat
Corinnas Fischtopf
Zoras Kartoffelsalat
Grill-Päckchen
Tietjen-Burger
Tomaten-Thunfisch-Platte
Fingerfood für die Sundowner-Strandparty
Bruschetta
Zoras Naan-Brot
Baguette-Chips
Annas Schwedenhappen
Anhang: Ich bewerte, also bin ich
Bildteil
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Fast alles, was ich in diesem Buch erzähle, habe ich selbst erlebt – bis auf die eine oder andere Geschichte, die mir Campingfreunde »geschenkt« haben. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind nicht zufällig, auch wenn ich bis auf die Mitglieder meiner Familie und die Prominenten niemanden bei seinem richtigen Namen nenne. Mein Mann, hier auch »der Ingenieur«, behauptet allerdings, ich hätte, seine Person betreffend, an manchen Stellen ganz schön übertrieben.
Für Udo, meinen Mann, der als gelernter Flugzeugbau-Ingenieur handwerklich sehr geschickt ist und beim Campen normalerweise immer alles macht
Ein Uhr nachts und 30 Grad. Unerträglich heiß, diese Sommernacht auf Korsika. Ich liege bei weit offener Schiebetür im Camper und versuche zu schlafen, während Udo, mein Mann, noch draußen sitzt und auf einen Windhauch hofft. Als ich gerade etwas weggedämmert bin, reißt mich ein stechender Schmerz in der Brust aus dem Halbschlaf.
»Aua! Was zum Teufel machst du da?«, schreie ich und versuche blinzelnd zu erkennen, ob es wirklich mein Mann ist, der da auf meinem Brustkorb kniet. Ich höre ein unschönes knirschendes Geräusch und ahne, was es bedeutet. Mein Körper hält dieser Belastung nicht stand.
»Runter da«, keuche ich, »ich glaube, du hast mir gerade eine Rippe gebrochen.«
»Entschuldige, mein Schatz«, sagt Udo erschrocken und rutscht von mir runter. »Ich wollte nur ins Bett und muss ja über dich rüberklettern, um auf meine Seite zu kommen.«
»Aber dazu musst du dich nicht auf mich knien«, zische ich wütend. »Weißt du eigentlich, wie viel du wiegst?«
Der Ingenieur schaut schuldbewusst. »Na ja, du lagst unter der Decke«, sagt er zerknirscht, »und ich dachte, da, wo ich mich hingekniet habe, wärst du schon zu Ende …«
Ich fasse es nicht. Wir sind seit mehr als 33 Jahren verheiratet, und mein Mann kann den Umfang seiner Frau nicht richtig einschätzen!
Viele Entschuldigungen und Streicheleinheiten später bin ich trotz der starken Rippenschmerzen eingeschlafen. Den ganzen Urlaub über kann ich keinen Handgriff mehr verrichten, der mit körperlicher Anstrengung verbunden ist. Das Bett auf- und abbauen, spülen, Hängematte aufhängen, SUP aufblasen – das alles muss der Ingenieur jetzt allein machen. Mein Brustkorb tut zwar weh, aber ich gehe nicht zum Arzt. Eine gebrochene Rippe, habe ich recherchiert, muss langsam heilen, eingipsen kann man sie nicht, da hilft nur Ruhe.
So einen Kollateralschaden wünscht man sich nicht, aber man muss damit rechnen, wenn man zu zweit auf einem 1,40 Meter breiten Bett schläft und das Idealgewicht seit Jahren hinter sich gelassen hat.
»Wir sind einfach zu groß und zu schwer«, jammert mein Mann jedes Mal, wenn er in der Hitze der Nacht wieder ohne meine Hilfe unser Lager herrichten muss.
»Ich liebe dich auch!«, rufe ich ihm zu, während ich entspannt draußen im Klappstuhl sitze und den Sternenhimmel betrachte. Strafe muss sein.
Es sind Erlebnisse wie dieses, die uns immer mal wieder daran zweifeln lassen, ob unser 26 Jahre alter spartanischer Ducato ohne Klimaanlage noch das Richtige für zwei Ü60-Camper wie uns ist. Sollten wir uns nicht doch ein etwas luxuriöseres Wohnmobil zulegen? Eins mit eingebauter Toilette und Dusche und einem schönen breiten Bett mit Federkernmatratze, in das man sich abends einfach hineinlegen kann, ohne es vorher aufklappen und beziehen zu müssen? Aber dann kommen all die Erinnerungen hoch: die vielen wunderbaren Urlaube mit den Kindern und auch später zu zweit, der Blick aus dem Bett aufs Meer durch die geöffnete Schiebetür, die vielen versteckten kleinen Campingplätze, auf denen wir mit einem größeren Auto gar keinen Platz gefunden hätten. Ist dieses Tietjen-Mobil, das wir mit viel Liebe und Arbeit selbst ausgebaut und auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten haben, überhaupt durch irgendetwas zu ersetzen?
Sentimental betrachten wir in solchen Momenten unser altes weißes Schätzchen mit den gelben Streifen, das mittlerweile sogar zum Fernsehstar geworden ist.
»Ich wollte ja nie, dass dieses Auto ins Fernsehen kommt«, sagt mein Mann dann versonnen, »aber jetzt bin ich auch ein bisschen stolz drauf, dass es auf seine alten Tage noch so berühmt geworden ist.«
Hunderte von Kilometern bin ich in den vergangenen Jahren vor laufender Kamera mit unserem zum Camper aufgepimpten Lieferwagen umhergereist. Viele Prominente habe ich für meine Sendung Tietjen campt mit ihm chauffiert, und von Rügen bis zum Gardasee haben wir die Campingplätze zusammen unsicher gemacht. Und wer auch immer sich mit mir auf das Fernseh-Campingabenteuer eingelassen hat, war schockverliebt in meinen Oldie. Was ist schon eine gebrochene Rippe gegen all diese bezaubernden Erlebnisse?
Deshalb rollt und rollt er, der alte Haudegen. Und ich sammle weiter Geschichten, ob auf der Landstraße, beim Outdoor-Frühstück oder am Lagerfeuer. Die schönsten, lustigsten, aufregendsten – mit und ohne Kameras – erzähle ich in diesem Buch.
Draußen sein. Unterwegs sein. Den Ballast unseres durchstrukturierten und gut organisierten Alltags hinter mir lassen – das gelingt mir nach wie vor am besten beim Camping.
Ein Auto, dem die Spuren seines Lebens anzusehen sind, der Ingenieur neben mir, die Welt vor mir – mehr brauche ich nicht zum Glücklichsein.
Erstaunlich, wie lange man um diese frühe Uhrzeit am Flughafen in der Schlange stehen muss. »Wollen die alle nach Australien?«, frage ich meinen Mann, während wir uns mit unseren beiden schweren Koffern abmühen. Es ist sechs Uhr morgens. Wir sind um vier Uhr aufgestanden und haben eine große Reise vor uns: vier Wochen Campingurlaub an der australischen Ostküste. So weit weg von zu Hause waren wir noch nie.
Das Australien-Abenteuer ist ein lang gehegter Traum. Down Under – allein diese beiden Wörter klingen irgendwie cool und verlockend. Ein Land, das ganz unten auf der entgegengesetzten Seite der Erdkugel liegt. Ein Land, in dem es mehr Landschaft als Menschen gibt. Unendliche Weiten. Und erst der Sternenhimmel! Von Australien aus muss er völlig anders aussehen als bei uns. Noch niemals habe ich nachts den Kopf in den Nacken gelegt, ohne irgendwo den Großen Wagen zu entdecken.
Bei der Planung der Tour haben wir uns Hilfe geholt. Nachdem wir diverse Reiseführer gewälzt und mit Leuten gesprochen hatten, die schon dort waren, ließen wir uns von einem Hamburger Reisebüro beraten und arbeiteten zusammen mit einer Mitarbeiterin, die sich sehr gut in Australien auskannte, eine Route aus.
»Reisen Sie Ende Oktober, Anfang November«, riet sie uns, »und am besten von Norden nach Süden die Ostküste entlang. Dann ist es noch nicht zu heiß und auch noch nicht so voll. Die meisten Australier sind im Dezember und Januar unterwegs. Außerdem gibt’s da im Gegensatz zur dünn besiedelten Westküste ein paar schöne Städte zu besichtigen.«
Schließlich stand die Tour fest: von Cairns im Norden über Brisbane und Sydney bis nach Melbourne, immer an der Küste entlang. Insgesamt mehr als 4000 Kilometer.
Wochenlang habe ich überlegt, was ich mitnehmen soll. Die Herausforderung war, Kleidung für mehrere Klimazonen in einen Koffer hineinzubekommen, der nicht zu groß ist, um ihn in einem Wohnmobil verstauen zu können. Wir müssen mit Hitze, aber auch mit niedrigen Temperaturen rechnen, im Norden ist es noch tropisch und im Süden wird’s dann immer kühler.
Wie immer, wenn wir verreisen, sah es beim Packen auf beiden Seiten des Betts (links sein Koffer, rechts meiner) sehr unterschiedlich aus. Rechts Tohuwabohu, links Ordnung. Rechts ein wildes Durcheinander aus Hosen, Schuhen, T-Shirts, Unterwäsche, Bikinis, Strickjacken, Kleidern. Links drei sorgfältig aufgeschichtete schwarze Stapel (der Ingenieur trägt ausschließlich schwarz): T-Shirts, Jeans, Sweatshirts. Ein Stoffbeutel mit Socken, Unterhosen, Badehose. Fertig. Noch um Mitternacht beobachtete er mich von seiner Bettseite aus, wie ich angestrengt versuchte, meine Klamotten zu kleinen Würsten zu verarbeiten (ich rolle alle Kleidungsstücke, damit ich mehr Platz im Koffer habe), und dann feststellen musste, dass der Koffer nicht zuging.
»Wir wiegen den morgen früh«, sagte mein Mann, als ich es endlich geschafft hatte. »Wetten, dass er zu schwer ist?«
Tatsächlich musste ich, während das Taxi schon wartete, um kurz vor fünf noch eine Daunenweste, meine langen Wollunterhosen und eine Strickmütze zurücklassen. Übergewicht.
»Das brauchst du sowieso nicht«, beruhigte mich der Ingenieur, »wir wollen ja schließlich nicht zum Skifahren, sondern zum Schnorcheln.«
Nun stehen wir also da und rücken Meter für Meter auf den Schalter zu. Es scheint fast unwirklich, dass dieser Urlaub, von dem wir so lange geträumt haben, jetzt endlich wahr wird.
»Guten Morgen!« Freundlich nimmt die Dame am Schalter unsere Pässe entgegen. Sie schaut auf den Bildschirm, tippt mit ihren atemberaubend langen silbernen Fingernägeln rasend schnell auf der Tastatur herum, wirft einen Blick auf unsere Pässe, dann auf uns. Wieder ein Blick auf den Computer, jetzt schon etwas irritiert, dann wieder auf uns.
»Ich kann Sie nicht finden«, sagt sie.
»Wie bitte?« Wir sehen uns nervös an. »Das kann nicht sein. Die Reise haben wir vor Monaten gebucht, wir fliegen um sieben Uhr dreißig über Frankfurt nach Singapur«, sage ich.
»Merkwürdig«, sagt sie, »Ihr Name erscheint hier bei mir nicht. Moment mal.« Sie steht auf und geht zum Nachbarschalter, diskutiert kurz mit ihrer Kollegin, die wiederum in ihrem Computer nach dem Fehler sucht. Plötzlich Gelächter.
»Problem gelöst«, rufen die beiden fröhlich zu uns herüber. »Sie fliegen erst morgen!«
Wir sind sprach- und fassungslos. Wie konnte das bitte schön passieren? Der Termin steht doch schon ewig in unseren Kalendern!
»Sind Sie ganz sicher?«, frage ich. »Absolut«, antwortet sie und zupft etwas ungeduldig ihr Jackett zurecht, »wenn Sie dann bitte Ihren Koffer vom Band nehmen würden. Nun gucken Sie nicht so betrübt, Frau Tietjen, besser einen Tag zu früh als einen zu spät.«
Wie zwei begossene Pudel ziehen wir unsere Koffer hinter uns her Richtung Ausgang. Lachen die anderen in der Schlange hinter vorgehaltener Hand über uns oder bilde ich mir das nur ein?
»Was machen wir denn jetzt?«, frage ich den Ingenieur und bin den Tränen nahe. »Wieder zurück nach Hause fahren und auf morgen warten?«
»Ich habe eine Idee«, sagt Udo und nimmt mich in den Arm. »Gegenüber ist doch das Radisson, warum checken wir da nicht einfach ein und machen uns einen schönen Tag in Hamburg? Die Sonne scheint und der Himmel ist blau – schließlich ist heute unser erster Urlaubstag!« Manchmal hat er wirklich gute Einfälle, mein Ingenieur.
Als wir abends im Hotelbett liegen, haben wir zwei Ausstellungen gesehen, die Elbphilharmonie besichtigt, eine Hafenrundfahrt gemacht und im Portugiesenviertel köstlich zu Abend gegessen.
»Ein herrlicher Urlaubsauftakt«, sage ich und gähne zufrieden. »Mal sehen, ob wir morgen wirklich nach Australien fliegen …«
Am nächsten Tag klappt alles reibungslos. Als wir nach vielen Filmen und wenig Schlaf in Cairns aus dem Flugzeug steigen, schlägt uns feuchtwarme Luft entgegen. Der Taxifahrer, der uns zum Hotel bringt (zur Eingewöhnung haben wir zwei Nächte im Hotel und einen Schnorchelausflug zum Great Barrier Reef gebucht), redet ununterbrochen auf uns ein, während wir todmüde wie durch einen Schleier die fremde Landschaft betrachten, die an uns vorbeigleitet.
»Da!«, schreie ich plötzlich aufgeregt. »Kängurus!« Auf einer Wiese neben der Straße hoppeln mehrere große Tiere herum.
»Sind die echt oder ist das eine Fata Morgana?«, frage ich den Ingenieur. Man kann ja nie wissen, welche Streiche das Gehirn einem spielt, wenn man 24 Stunden kaum ein Auge zugemacht hat. Er sieht mich an, als handele es sich bei mir um eine Fata Morgana.
Erschrocken zucke ich in dem Moment zusammen. »Vorsicht! Sie fahren ja auf der falschen Straßenseite«, rufe ich dem Taxifahrer zu und bin jetzt völlig verwirrt.
»Ganz ruhig«, sagt mein Mann und nimmt meine Hand. »Ich glaube, du musst dich mal ausschlafen.«
Im Hotel nehme ich verschwommen den traumhaften Blick aufs Meer wahr und falle nach einem Bier und zwei Melatonin-Tabletten ins Koma. Erst mal ankommen im Paradies.
Was uns in Australien von Anfang an, neben der filmreifen Kulisse aus weißem Sand und tropischen Pflanzen, auffällt, sind Schilder: überall Warn- und Verbotsschilder. Das erste steht im Gebüsch direkt am Hotelstrand, an der Stelle, wo ein kleiner Fluss ins Meer mündet. Ein schwarz-rotes Dreieck mit einem weißen Krokodilkopf, der das Maul weit aufgerissen und beängstigend spitze Zähne hat. »Crocodiles inhabit this area – attacks may cause injuries or death« steht in Großbuchstaben daneben (»Hier leben Krokodile – Angriffe können Verletzungen oder Tod zur Folge haben«).
»Ach du meine Güte«, sage ich, »das geht ja gut los. Wir sind doch hier nicht am Amazonas.«
Der Ingenieur blättert im Reiseführer. »Hier gibt’s anscheinend Salzwasserkrokodile«, sagt er und beobachtet konzentriert das Schlingpflanzendickicht am Flussufer. Es bewegt sich nichts. Trotzdem trauen wir uns nicht, auf dem schmalen Sandweg am Wasser entlangzugehen. Ich möchte nicht schon am Ende des ersten Urlaubstags mit nur einem Bein dastehen …
Die nächste Gefahr lauert in Form von Stingers. So heißen die tödlichen Quallen, die zur Sommerzeit im Pazifik vor der australischen Ostküste unterwegs sind. »Marine Stingers may be present in these waters« (»In diesen Gewässern können sich Würfelquallen aufhalten«) – kein Strand kommt ohne diese Warnung aus. Dass die winzigen Monster mit den langen Tentakeln zu den gefährlichsten Tieren der Welt gehören, ist ja bekannt. Aber das Gefühl, von so einem Killerzwerg erwischt werden zu können, sobald man einen Fuß ins knöcheltiefe Wasser setzt, ist gruselig. Daran ändern auch die ebenfalls flächendeckend aufgestellten »Erste-Hilfe-Säulen« wenig.
»Man soll im Ernstfall den Notruf wählen, steht da«, lese ich meinem Mann vor, »dann, wenn nötig, den Patienten wiederbeleben und die Wunde mindestens 30 Sekunden lang mit Essig einreiben.«
Der Ingenieur verdreht die Augen. »Na, wenn’s weiter nichts ist«, sagt er, »dann viel Spaß in der Brandung!«
Baden ist hier fast überall verboten, was ich als Wasserratte angesichts der tropischen Hitze und des verlockenden Meeres sehr bedaure. Den anderen Touristen scheint das nichts auszumachen. Sie wandern am Strand entlang oder lümmeln lesend in ihren Liegestühlen herum. Weit und breit ist kein Mensch im Wasser. Gegen Abend (die Temperaturen würden auch jetzt noch jeden norddeutschen Hitzerekord in den Schatten stellen) halte ich es nicht mehr aus.
»Pass bitte auf, ob du etwas Verdächtiges siehst«, bitte ich Udo. »Wenn ich mich jetzt nicht mal kurz abkühle, musst du mich auch ganz ohne Quallen-Attacke wiederbeleben.« Kopfschüttelnd sieht er zu, wie ich hektisch ins Wasser laufe. Bis zur Hüfte traue ich mich in die Gefahrenzone hinein, tauche todesmutig unter und stolpere dann schnellstmöglich wieder zurück auf den sicheren Strand zu. Als ich kurz nach unten schaue, sehe ich, wie sich im flachen Wasser auf dem Meeresboden etwas ruckartig bewegt und davonschlängelt. Es sieht aus wie einer dieser kleinen Rochen, die einem angeblich auch Verletzungen zufügen können. Schwer atmend lasse ich mich neben meinem Mann auf die Liege fallen.
»Das ist hier ja fast wie im Dschungelcamp«, stöhne ich, »nur dass wir kein Geld dafür bekommen.«
»Don’t worry about the Stingers« (»Macht euch keine Sorgen wegen der Quallen«), sagt der durchtrainierte Guide, in dessen Begleitung wir am nächsten Morgen auf einem Schnellboot durchs azurblaue Meer pflügen, um im legendären Great Barrier Reef zu schnorcheln. »Die gefährliche Zeit fängt gerade erst an, noch sind nicht viele von denen in der Gegend. Außerdem bekommt ihr von uns Schutzanzüge, da kann gar nichts passieren.«
Mein Blick fällt auf die Mitreisenden: eine greisenhaft wirkende holländische Rentnergruppe (hoffentlich sind sie im Wasser beweglicher als zu Fuß), zwei Chinesinnen, die sich ununterbrochen feixend gegenseitig fotografieren, zwei deutsche Frauen (bestimmt Lehrerinnen), die die ganze zweistündige Fahrt über keinen Blick auf das schäumende Meer und den Himmel werfen, sondern sich neunmalklug erzählen, was sie alles über Australien, das Riff und die Fische gelesen haben.
»Meinst du, der dünne Stoff schützt wirklich vor diesen kleinen Bestien?«, frage ich meinen Mann, als wir uns in die hautengen Ganzkörperanzüge nebst Kapuze, Handschuhen und Flossen gezwängt haben und mit Taucherbrillen ausgestattet in Richtung Riff schwimmen.
Wir paddeln gegen unsere Angst an und werden belohnt durch fantastische Ausblicke auf die australische Unterwasserwelt. Schillernde Fische, exotische Pflanzen, sogar ein Oktopus schwimmt an uns vorbei. Einziger Wermutstropfen sind die Korallen. Große Flächen liegen bleich und abgestorben da. Bei der anschließenden Fahrt mit dem Submarine-Boot bestätigt sich dieser Eindruck, obwohl der Kapitän sich Mühe gibt, uns nur die noch intakten Teile des Riffs zu zeigen. Die Folgen des Klimawandels sind nicht zu leugnen, darüber können auch die elegant um uns herumtauchenden Riesenschildkröten nicht hinwegtäuschen.
»Zum Glück ist uns kein Hai begegnet«, sage ich, als wir abends am Strand zurück zu unserem Hotel laufen, und deute auf die leuchtend blaue Tafel mit der Aufschrift: »Be Shark-Smart«. Sie listet Verhaltensregeln auf, um unangenehme Begegnungen mit den Meeresraubtieren zu vermeiden. »Nicht in der Dämmerung schwimmen«, steht da. »Trübe Gewässer meiden. Keine Fischabfälle ins Wasser werfen. Immer mindestens zu zweit surfen, schwimmen oder schnorcheln.« Sofort verwerfe ich den Gedanken wieder, vor dem Sundowner noch mal kurz abzutauchen.
»Relax«, sagt die sympathische Kellnerin im Strandrestaurant lachend, als ich sie frage, wie oft hier Menschen von Haien angegriffen werden, »so etwas passiert nur alle Jubeljahre. Merkt euch nur eins: Bewegt euch im Meer nie hektisch, das irritiert die Tiere. Immer schööön langsam … das Leben ist lang, ihr habt Zeit.«
»Ach, du meine Güte!«, ruft der Ingenieur, als wir müde und beeindruckt von unseren Erlebnissen auf unserer Terrasse sitzen. Als Nachrichtenjunkie checkt er mindestens einmal am Tag kurz auf seinem Handy die Weltlage. »Da haben wir ja noch mal Glück gehabt!« Ich sehe ihn verständnislos an.
»Hundert Kilometer südlich von hier sind heute bei einem Schnorchelausflug zwei Briten von einem Hai angegriffen worden. Dem einen hat er den Fuß abgebissen.«
Mir läuft es eiskalt den Rücken runter. Von wegen keine Sorge … »Wie gut, dass wir das jetzt erst erfahren«, sage ich entsetzt. »Ich hätte sonst keinen Fuß auf dieses Boot gesetzt.«
Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit gering, beim Australienurlaub von einem Hai oder anderen Raubtieren erwischt zu werden. Trotzdem geraten wir während unserer Reise immer mal wieder in Situationen, die mit Pech schnell hätten übel ausgehen können. Zum Beispiel während eines unserer Spaziergänge durch den tropischen Regenwald, der sich überall im Nordosten parallel zu den Stränden ausbreitet. Es ist eine faszinierende Welt. Links und rechts der angelegten Wege (»Danger! Don’t leave the trail!«/»Gefahr! Verlassen Sie nicht den Weg!«) wachsen Mangroven, Schlingpflanzen, Palmen, Farne – ein in allen Grüntönen schillerndes Geflecht, das geheimnisvoll und auch etwas bedrohlich wirkt, weil man nicht weiß, was sich darin alles verbirgt. Hier und da kreischt ein exotischer Vogel, in den Ästen über unseren Köpfen glitzern Spinnennetze im Sonnenlicht.
»Woher weiß man denn, welche von denen einem den Garaus machen kann?«, frage ich Udo und betrachte mit zusammengekniffenen Augen ein ziemlich großes Spinnenexemplar, das bewegungslos in seinem Fadenkreuz lauert.
»Keine Ahnung«, sagt er, »aber vielleicht gilt bei den Spinnen dasselbe wie bei den Haien: gaaaanz langsam bewegen. Dann stören wir sie nicht bei ihrem Tagesgeschäft.«
Mehrfach entdecken wir im Unterholz schuppige grüne Wesen, die aussehen, als seien sie Jurassic Park entsprungen. Es handelt sich um Riesenechsen, die sich sehr gemächlich bewegen und sich nicht besonders für uns interessieren. Genauso wie die große bräunliche Schlange, die wie aus dem Nichts auftaucht und sich direkt vor uns von links nach rechts über den Trail schlängelt.
»O Gott«, sagt der Ingenieur und starrt auf sein Handy, »laut Google ist das eine Östliche Braunschlange. Die ist extrem giftig.«
In Schockstarre beobachten wir das Tier, wie es ins Dickicht des Regenwalds hineingleitet. Die Schlange steht anscheinend nicht auf Menschenfleisch – Glück gehabt.
Doch keine Panik: Trotz der vielen Warnhinweise lauert in Down Under nicht hinter jedem Busch der sichere Tod. Australien überlebt man auch als Angsthase. Dafür sind wir Tietjens der lebende Beweis.
Nachdem wir die ersten Tage hinter uns und den Jetlag halbwegs im Griff haben, kann das eigentliche Australien-Abenteuer beginnen: unser Camping-Roadtrip.
Wir sind nicht die einzigen Deutschen, die beim Vermieter in Cairns ihr Auto abholen wollen. Nach einer Stunde Wartezeit sind wir endlich an der Reihe. Routiniert und leicht gelangweilt erklärt uns ein junger Mann mit Haardutt, was wir über das Auto wissen müssen. Er sieht aus, als würde er jetzt lieber surfen gehen.
»Wir haben auch so einen«, sagt der Ingenieur, »nur ein bisschen kürzer.« In der Tat sieht der Campervan sehr ähnlich aus wie unser Modell, mit dem Unterschied, dass hinten ein Bett eingebaut ist und man Fahrer- und Beifahrersitz herumdrehen und als Sessel nutzen kann. Außerdem ist die Inneneinrichtung natürlich viel neuer und moderner als bei unserem fast schon antiken Exemplar.
»Und nicht vergessen«, feixt der Beachboy zum Abschied, »in Australien fahren wir auf der linken Seite.«
»Gut, dass er das noch erwähnt hat«, sage ich und beobachte den Ingenieur, wie er hoch konzentriert auf die erste Kreuzung zurollt. Wir sind beide etwas angespannt, denn keiner von uns hat bisher in einem Land mit Linksverkehr hinterm Steuer gesessen. Aber – Respekt – mein Mann meistert das von Anfang an sehr souverän. Leider werden wir uns beim Fahren nicht abwechseln können, weil mir erst im Flugzeug aufgefallen ist, dass mein internationaler Führerschein nicht mehr gültig ist.
»Bist du ganz sicher, dass der noch nicht abgelaufen ist?«, hatte Udo mich noch ein paar Wochen vor unserer Abreise gefragt. Ich war gerade im Stress und vergaß danach, vorsichtshalber noch mal nachzusehen. Möglicherweise war da mein Unterbewusstsein im Spiel. (»Sonst lässt er dich ja auch nicht ans Steuer, warum willst du dir ausgerechnet im Linksverkehr diesen anstrengenden Beifahrer zumuten? Das hat er nun davon.«) Insgeheim bin ich froh, dass ich mich wie sonst auch hier auf meine Kernkompetenzen Routenplanung und Unterkunftssuche konzentrieren kann.
In einem riesigen Woolworth decken wir uns mit Essensvorräten ein, dann ab auf den Highway Richtung Süden. Links und rechts der Straße sehen wir immer wieder Kängurus, allerdings keine lebendigen. Überall liegen Kadaver, offenbar Verkehrsopfer.
»Wie schrecklich, die armen Tiere«, rufe ich. »Warum räumen sie die toten denn nicht weg?«
»Ich habe gelesen, dass die Kängurus hier von vielen als Plage gesehen werden«, sagt mein Mann. »Die kommen in der Dämmerung raus und springen vors Auto wie bei uns die Karnickel. Das lässt die Australier kalt.«
Wir beschließen, immer vor Einbruch der Dunkelheit am Ziel zu sein, um nicht auch irgendwann ein Känguru auf dem Gewissen zu haben.
Unsere Route ist zwar grob geplant, aber wir haben nirgendwo reserviert, denn hier ist ja noch keine Hauptsaison. Deshalb finden wir auch sofort einen Platz in einem Ort mit dem romantischen Namen Hideaway Beach. Der Campground ist klein und gemütlich und liegt an einem breiten, palmenbewachsenen Traumstrand.
»Stellt euch hin, wo ihr wollt«, sagt die Frau in der Holzhütte, die als Rezeption dient, freundlich. Sie hat lange, hennarote Zottelhaare und sieht aus, als hätte sie Woodstock noch persönlich miterlebt. Ich sehe mich um. Alles hier wirkt extrem chillig, inklusive der Besitzerin und ihrem Mann, der Pfeife rauchend in einem Schaukelstuhl sitzt und liest. Neben ihm steht ein Regal mit Büchern und Zeitschriften, es gibt ein paar Stühle und einen Kühlschrank mit Getränken.
Wir suchen uns einen Platz im Schatten. Außer uns sind hier nur wenige Camper, die meisten sehen aus, als würden sie dauerhaft in ihren in die Jahre gekommenen Trailern wohnen.
»Herrlich!«, rufe ich, » genau so habe ich mir das vorgestellt. Was für eine traumhafte Ruhe.«
Als wir müde und glücklich von einem ausgedehnten Spaziergang an dem menschenleeren Strand zurückkommen, kann von Ruhe keine Rede mehr sein. Direkt neben uns hat sich eine australische Familie mit Wohnwagen, Zelt und drei Kindern niedergelassen. Aus ihrem Pick-up haben sie eine ausziehbare Küche hervorgezaubert. Es gibt Burger und danach werden Marshmallows gegrillt. Die Kinder begleiten das Happening mit abwechselnd fröhlichem Kreischen und wütendem Streiten.
»Jetzt sind sie im Bett«, flüstert mein Mann gegen 22 Uhr und schiebt sich die letzte Gabel Spaghetti in den Mund. Kurz darauf hören wir laute Maschinengewehrsalven aus dem geöffneten Wohnwagenfenster.
»Und die Eltern machen es sich anscheinend bei einem romantischen Film gemütlich«, stöhne ich. Auch der abgelegenste Winkel schützt eben nicht vor ungebetenen Nachbarn.
Der Nachthimmel entschädigt allerdings für jede Lärmverschmutzung. Es ist unfassbar, was da oben los ist! So viele dicht an dicht funkelnde Sterne habe ich niemals vorher gesehen. Die Milchstraße leuchtet über diesem Teil der Erde noch viel heller und spektakulärer als bei uns.
Die letzte Herausforderung des ersten Roadtrip-Tages ist, in mein Bett hineinzukommen. Ich brauche mehrere Anläufe, um mich auf die Matratze zu hieven, denn das Bett ist so hoch eingebaut, dass ich es ohne Hilfsmittel nicht erklimmen kann.
»Du musst dich zuerst auf die Holzverkleidung knien«, ruft der Ingenieur mir lachend von oben zu, »dann am Schrank festhalten und dich nach oben ziehen.« Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie ich diese sportliche Challenge meistern werde, wenn ich im Stockdunkeln zur Toilette muss …
Familie Marshmallow reist zum Glück am nächsten Tag wieder ab und wir beschließen, noch ein bisschen zu bleiben und zu entspannen, bevor die Reise gen Süden weitergeht. Wir verbringen die Tage mit Lesen, am Strand entlangwandern, gelegentlichem Sekundenbaden im knietiefen Wasser – so fühlt sich Erholung an.
Am letzten Abend geraten wir bei der Suche nach einem Restaurant in eine Halloween-Party am Strand. »Where are you guys from?«, ruft uns ein als Vampir verkleideter Australier zu. »Hamburg«, antworte ich vergnügt, »that’s in the North of Germany.« Dann mische ich mich mit einem Bier in der einen und Udo an der anderen Hand unter die Tanzenden. Umringt von leicht angetrunkenen Monstern, Gespenstern und Untoten genießen wir das Gefühl, schon fast Einheimische zu sein.
»Irgendwas stimmt nicht mit der Automatikschaltung«, sagt Udo, als wir zum nächsten Ziel aufbrechen. »Man kriegt den Gang nicht richtig rein. Es hört sich an, als wäre da was kaputt.« Kein angenehmes Gefühl. Schließlich sind wir erst ein paar Tage unterwegs, und das Auto muss noch lange durchhalten. Ich versuche den Vermieter in Cairns zu erreichen. Es läuft immer nur ein Band.
»Ich schreibe mal eine Mail an das Hamburger Reisebüro«, sage ich, »vielleicht können wir den Wagen ja irgendwo austauschen.«
Erst mal fahren wir jedoch weiter. Einen Roadtrip entlang der Ostküste muss man sich so vorstellen: Stundenlang cruist man über Highways und Landstraßen durch einsame, sich ständig verändernde Landschaften. Vorbei an riesigen Zuckerrohrplantagen, Weinanbaugebieten, an Feldern mit Kühen und gelegentlich vorbeisprintenden Emus. Die Erde ist streckenweise trocken und steppig und teilweise feuerrot. Und ab und zu kommt man durch verschlafene, sehr amerikanisch anmutende Ortschaften mit Saloons, Supermärkten und Motels. Während Udo sich auf die Fahrbahn konzentriert (»diese Lkws fahren verdammt dicht auf«), betrachte ich alles, was sich links und rechts der Straße tut. Baustellen mit Arbeitern, die sich aus Schutz vor der Sonne total vermummt haben, lebendige und leider auch tote Kängurus, Ranger, die sich mit verstaubten Boots und Cowboyhüten an ihren Pick-ups und Geländewagen zu schaffen machen. Es fällt mir auf, dass die meisten großen Autos mit seitlich angebrachten schnorchelartigen Rohren ausgestattet sind.
»Wozu dient das denn?«, frage ich den Ingenieur.
»Das sind Ansaugschnorchel«, sagt er, »die schützen den Motor. Bei den Überschwemmungen müssen die Farmer ja manchmal richtig tiefes Wasser durchqueren.« Bei der momentanen Trockenheit kann man sich kaum vorstellen, dass die Australier regelmäßig von extremen Regenfällen heimgesucht werden. Ich sehe auch Skurriles: eine Gruppe von alten Frauen, die direkt neben dem Highway ihre Hunde im Kinderwagen spazieren fahren. Einen Baum, an dessen Ästen lauter bunte Flip-Flops hängen. Von einem Pub-Schild baumeln mehrere BHs in Übergröße. Die Leute hier scheinen einen schrägen Humor zu haben. Ich könnte ewig so weitergondeln und aus dem Fenster sehen.
Auf Anraten der sympathischen Alt-Hippies in Hideaway Beach wollen wir uns die legendäre Insel Fraser Island ansehen. Dort gibt es den größten auf Sand gewachsenen Regenwald der Welt zu bestaunen. Einer der Campgrounds, von denen aus man starten kann, befindet sich zwischen Straße und Strand. Die betonierten Stellplätze liegen relativ dicht nebeneinander, sind mit Wasser- und Stromanschluss ausgestattet und haben alle Meerblick. Ähnlich wie bei uns in Europa gibt es auch in Australien sehr unterschiedliche Campingvarianten – von einsam und völlig naturbelassen bis zum überfüllten Touri-Hotspot ist alles möglich.
»Good morning guys«, begrüßt uns morgens um halb acht gut gelaunt der Fahrer des knallgelben Busses mit der Aufschrift »Fraser Explorer«, der uns am Campingplatz abholt und zum Hafen bringt. »My name is Murray, I’m your guide today.« Er ist im Rentenalter, wirkt aber sehr fit und sportlich und sieht mit seiner beigen Ranger-Uniform und dem Tropenhut wie ein Australier aus dem Bilderbuch aus. Bei schönstem Wetter (hier scheint offenbar immer die Sonne) setzen wir mit einer kleinen Fähre zur Insel über und steigen zusammen mit den anderen Touristen aus aller Herren Länder in einen robusten Bus mit Allradantrieb um. Den braucht man hier auch, wie sich schnell herausstellt. Murray fährt uns in einem Affenzahn über schmale Sandpisten durch dichten Regenwald. Ich weiß nicht, was mich an unserem Guide mehr beeindruckt – der Fahrstil oder sein immenses Wissen über die Geschichte von Fraser Island. Routiniert und sehr unterhaltsam erzählt er uns durchs Mikrofon, warum diese größte Sandinsel der Welt so einzigartig ist. Wegen ihrer außergewöhnlichen Landschaften, ihrer Süßwasserseen und ihrer Regenwälder gehört sie zum UNESCO-Weltkulturerbe. Außerdem ist sie einer der letzten Orte, wo noch Dingos leben, wilde australische Hunde.
»Wenn ihr einen seht, haltet Abstand«, sagt Murray, »sie sehen harmlos aus, können aber aggressiv werden.«
Völlig durchgerüttelt erreichen wir schließlich den unendlich breiten, mehr als 70 Kilometer langen Strand und rasen am Meer entlang weiter. Rechts die wilden, schäumenden Pazifikwellen, links hohe Dünen, über uns der unwirklich blaue Himmel – kein Wunder, dass die Indigenen diese Insel »K’gari« nennen, das Paradies.
»Wir hätten hier auch über Nacht bleiben können«, sage ich zu meinem Mann und zeige auf die Jeeps mit Dachzelt, die vereinzelt in den Dünen stehen, »die kann man mieten.«
»Ich weiß«, sagt Udo, »aber ich möchte mir nicht vorstellen, wie es ist, sich mitten im Regenwald im Sand festzufahren. Und schon gar nicht, was los wäre, wenn du nachts beim Pinkeln von einem Dingo angegriffen würdest.«
Murray hält gelegentlich an und lässt uns die Sehenswürdigkeiten von Fraser Island besichtigen: Spuren der ersten Siedler, ein riesiges Schiffswrack, ein kristallklarer Bach, auf dem man sich mit Schwimmreifen treiben lassen kann. Schließlich bahnen wir uns einen Weg durch den Wald, um den berühmten Lake McKenzie zu besichtigen. Dieses eisblaue klare Wasser! Dieser schneeweiße Sand! So ähnlich muss es tatsächlich ausgesehen haben, das Paradies.
Als wir näher kommen, holt uns allerdings die touristische Wirklichkeit wieder ein.
»Das sieht hier ja aus wie bei uns zu Hause im Freibad«, sagt mein Mann stirnrunzelnd. Tatsächlich drängen sich am Seeufer die Jugendgruppen. Die Insel scheint an Wochenenden auch für Einheimische ein beliebtes Ausflugsziel zu sein. Wir schlängeln uns zwischen aufblasbaren Einhörnern und Boomboxen durch bis zum Wasser und baden in dem garantiert quallenfreien Wasser.
Erfüllt von unseren Erlebnissen verabschieden wir uns von unserem Guide, als er uns in der Abenddämmerung wieder am Campingplatz absetzt.
»Was für ein Tag«, flüstere ich meinem Mann zu, als wir uns in unserem Hochbett aneinanderkuscheln, »ich glaube, das ist der schönste Urlaub meines Lebens!«
Einziger Wermutstropfen: Das Auto schwächelt mehr und mehr. Jedes Mal, wenn wir den Highway verlassen, um über eine sandige Piste zu einer der viel gepriesenen Traumbuchten zu gelangen, haben wir Angst, liegen zu bleiben. Ich habe mit der Vermietungsfirma verabredet, dass wir in Brisbane den Wagen austauschen.
»Ich habe das Gefühl, das Auto macht es nicht mehr lange«, sagt mein Mann, als wir auf den Hof des Vermieters rollen. Als wir an der Reihe sind, stellt sich schnell heraus, dass er recht hat.
»O my God«, sagt der junge Typ, der unseren Wagen vom Parkplatz in die Garage fahren soll, »der springt gar nicht mehr an.«
Nicht mehr unser Problem, denke ich und beglückwünsche den Ingenieur zu seinem umsichtigen Fahrstil. »Da haben wir ja gerade noch mal die Kurve gekriegt.«
Wir packen alles in das neue Auto um. Leider merke ich erst am Abend, dass ich meine Lieblings-Sneakers in einem versteckten Fach im Boden des anderen Campers vergessen habe. Als ich beim Vermieter anrufe und frage, ob sie die Schuhe nicht nach Deutschland schicken können, lacht er schallend.
»Das kannst du vergessen«, sagt er, »wir können nicht jedes zurückgelassene Teil durch die Welt schicken. Tröste dich damit, dass deine Schuhe von jetzt an kreuz und quer durch Australien reisen werden. Denen wird nicht langweilig.«
Das neue Auto fährt super und ist sogar noch besser ausgestattet als das erste. Wir fahren jetzt Richtung Sydney und machen unterwegs an verschiedenen Stränden Halt, einer breiter, menschenleerer und weißer als der andere. Es ist unglaublich. So viel Wunderschönes zu sehen, macht uns dankbar und glücklich.
Eigentlich wollen wir im legendären Surfer- und Party-Ort Byron Bay anhalten, aber als wir dort ankommen, ist uns schnell klar: Das wird nichts. Hier hätten wir unbedingt reservieren müssen. Auf den Campingplätzen in Ortsnähe werden wir nur mitleidig angelächelt.
»Aber da vorne sind doch noch Plätze frei«, sage ich trotzig.
»Ja, Madam«, sagt der Surferboy an der Rezeption und sieht mich gelangweilt an, »aber die sind reserviert für Campervans.«
»Wie?«, frage ich verdutzt. »Aber wir haben doch einen Van!«
»Nein«, sagt er und deutet auf ein kleines giftgrünes Auto in der Größe eines VW-Busses. JUCY steht in großen Buchstaben auf der Schiebetür. »DAS ist ein Campervan, euer Auto bezeichnen wir als Campingcar.«
»Die spinnen doch, die Australier«, sagt Udo, als wir resigniert wieder in unser Wohnmobil steigen. Tatsächlich ist es nicht das letzte Mal, dass wir dieses Problem haben. Die besten Plätze mit Blick aufs Meer sind oft für die kleineren Fahrzeuge reserviert.
Zum Glück finden wir abends noch einen Platz auf einem Campground im benachbarten Lennox Head. Inmitten von Einheimischen parken wir ein und bekommen als Erstes gesagt, dass wir unseren Müllbeutel besser im Inneren des Autos unterbringen sollen.
»It’s because of the turkeys« (»wegen der Truthähne«), erklärt uns der Nachbar mit dem Cowboyhut auf dem Kopf, der zusammen mit mindestens zehn identisch gekleideten Männern um einen riesigen Grill herumsteht. »Sie plündern hier nachts alles, was nach Essen riecht. Die sind schlimmer als die Bären in Kanada.«
Wir bedanken uns für den Tipp, trinken noch ein Feierabendbier und betrachten das Campingleben um uns herum. Viele sehen aus, als kämen sie regelmäßig hierher, und die meisten scheinen sich zu kennen.
»Moment mal«, sagt der Ingenieur und verschwindet im Wohnmobil. Als er wieder herausklettert, hat er einen olivfarbenen Ranger-Hut auf dem Kopf. »Den habe ich mir gekauft, als du gestern im Supermarkt warst«, sagt er grinsend. »Jetzt bin ich von den Einheimischen kaum noch zu unterscheiden.«
»Aber nur, wenn du nicht sprichst«, antworte ich lachend.
Es schneit. Wir sitzen beim Frühstück auf einem kleinen Campingplatz irgendwo auf dem Weg nach Sydney, als plötzlich jede Menge kleine weiße Flocken auf uns herabrieseln.
»Was ist das denn?«, frage ich meinen Mann und fische mit dem Finger eins der seltsamen kleinen Teile aus meiner Kaffeetasse. »Schnee ist bei 35 Grad im Schatten ja wohl ausgeschlossen.«
»Sieht aus wie Asche«, sagt er, »seltsam.«
Als wir unsere Handys checken (wir hatten zuvor tagelang keinen Empfang), begreifen wir: Es brennt! Und wie! Wir finden eine Flut besorgter WhatsApp-Nachrichten von Freunden und Familie vor. »Wie geht es euch? Hat euch das Feuer schon erwischt? Müsst ihr eure Reise abbrechen?«
Erschrocken lesen wir in den News: Nördlich von Sydney wüten die schlimmsten Brände seit Langem, Menschen müssen evakuiert werden, Straßen sind gesperrt, riesige Waldgebiete sind bereits niedergebrannt, Hunderte von Tieren verendet. Wir sind schockiert.
»Was machen wir denn jetzt?«, frage ich Udo.
»Lass uns doch mal bei der Rezeption fragen«, sagt er. »Wahrscheinlich müssen wir unsere Route ändern.«
»Abwarten«, sagt der Ranger hinter dem Empfangstresen und zeigt mir auf einer Karte, wo es überall brennt. »Der Highway Richtung Süden ist gesperrt. Am besten ladet ihr euch die Warn-App von der Feuerwehr runter. Da werden alle Gebiete angezeigt, die man meiden sollte.«
Wir sehen uns stündlich die Nachrichten an und realisieren, wie ernst die Lage ist. Der Himmel über uns wird zusehends dunkler, alles ist diesig und merkwürdig orange verfärbt. Von oben kommen immer mehr Ascheflocken. Es ist gespenstisch.
»Meinst du, wir müssen die Reise abbrechen?«, frage ich meinen Mann. Allmählich bekomme ich Angst. Wenn die Straßen weiterhin gesperrt bleiben, müssen wir den Umweg übers Outback nehmen. Das kann tagelang dauern und bringt unseren ganzen Zeitplan durcheinander. Wir machen einen Spaziergang und tauschen uns mit anderen Campern aus. Bis auf die Australier (»Keine Panik, hier brennt’s jedes Jahr«) sind alle genauso beunruhigt wie wir. In meinem Kopf spielen sich Schreckensszenarien ab. Ich male mir aus, wie wir am Helikopter hängend aus dem Gefahrengebiet gerettet werden müssen. Als wir uns zur Nervenberuhigung am einzigen Imbiss in der Umgebung zwei Cheeseburger holen, kommen wir mit dem jungen Mann hinterm Tresen ins Gespräch. Das Feuer kümmert ihn nicht, dafür ist er umso interessierter an Germany.
»Great country«, sagt er und erzählt uns, dass er mal für zwei Monate in Berlin gewesen ist. »Ich durfte in einem Lamborghini mitfahren.« Er kann sich vor Begeisterung über die unbegrenzte Geschwindigkeit kaum einkriegen. »250 Stundenkilometer! Crazy, crazy«, sagt er kopfschüttelnd und reicht uns unsere Burger.
Gegen Abend kommt dann zum Glück die befreiende Nachricht: »Highway re-opened.« Wir können also losfahren.
Was wir auf der Weiterreise zu sehen bekommen, ist schlimmer als das, was die Nachrichtensendungen vermuten ließen: Alle Bäume entlang der Straße sind schwarz verkohlt, es qualmt, an manchen Stellen schwelen noch glühende Brandherde, die von der allgegenwärtigen Feuerwehr überwacht werden. Ich muss die ganze Zeit an die armen Koalas denken, die wahrscheinlich in diesen niedergebrannten Wäldern ums Leben gekommen sind. Viele Tiere konnten nicht mehr gerettet werden. Und in weiten Teilen dieser Region brennt es weiter, Wohngebiete mussten komplett geräumt und die Bewohner in Schulen und Turnhallen untergebracht werden.
»Irgendwie habe ich ein schlechtes Gewissen«, sage ich zu Udo. »Wir machen hier fröhlich Urlaub, während andere ihr Zuhause verlieren und Tiere jämmerlich verenden.«
»So ist das Leben«, sagt er. »Wenn wir jetzt unsere Ferien abbrechen, ist damit auch niemandem geholfen.«
Next Stop: Sydney. Ich habe einen Platz für uns auf einem Campingplatz in der Nähe der Stadt gebucht, von dem aus man mit Bus und Boot problemlos in die City fahren kann. Aber erst mal müssen wir ihn finden. Sydney ist eine Millionenstadt, das merkt man bereits in den Vororten: Die Häuser, Menschen und Autos nehmen kein Ende. Wir verfahren uns mehrmals, und der Ingenieur ist gestresst, obwohl ich nach Kräften versuche, ihn zu unterstützen. Endlich haben wir es geschafft. Der Platz ist sehr großzügig und schön angelegt. Als wir aussteigen, schlägt uns allerdings eine fast unerträgliche Hitze entgegen, das Thermometer zeigt 35 Grad an. Zwischen den Wohnmobilen spazieren exotische Vögel mit langen, gebogenen Schnäbeln herum. Teile des Platzes sind mit rot-weißen Bändern und Schildern abgesperrt. »Vorsicht, Nistgebiet!«, steht darauf.
Nebenan hat sich eine Großfamilie installiert, ein junges Paar mit vier kleinen Kindern plus Großeltern.
»Ich komme aus den Niederlanden«, erzählt mir die Frau in fließendem Deutsch, als wir uns im Sanitärgebäude treffen. »Vor zehn Jahren habe ich mich unsterblich in Steven verliebt. Er war damals als Backpacker auf Europareise.« Sie lacht, streicht sich mit der nassen Hand eine hellblonde Haarsträhne aus der Stirn und gibt dem Baby, das sie im Tuch vor dem Bauch trägt, einen Kuss aufs flaumige Köpfchen. »Und jetzt haben wir vier Kinder und sind schon seit einem Jahr auf Rundreise durch Australien. Er kann seinen Job am Computer von überall aus machen. Und die Großeltern helfen uns mit den Kindern.« Einerseits finde ich das beneidenswert. Andererseits stelle ich mir dieses Unterwegssein mit der Familienkarawane auch ganz schön anstrengend vor: von Ort zu Ort mit zwei Autos, zwei großen Wohnwagen, Vorzelten, Außenküche, Fahrrädern und all dem Kinderspielzeug. Trotzdem machen alle einen zufriedenen Eindruck.
Auf nach Sydney! Schon die einstündige Fahrt mit der Fähre ab Manly Beach ist ein atemberaubendes Erlebnis. Der Blick auf die Harbour Bridge, die Oper, die Skyline vor dem strahlend blauen Himmel – als unser Boot langsam in den weltberühmten Hafen tuckert, fühlen wir uns wie die Hauptdarsteller in einem Imagefilm.
»Guck mal, sollen wir das auch machen?«, frage ich den Ingenieur. Über uns hangeln sich im Stahlgerüst der Harbour Bridge in schwindelerregender Höhe Menschen an Seilen von Plattform zu Plattform. »Der Blick von da oben muss gigantisch sein!«
»Hör bloß auf«, sagt mein Mann, »dafür sind wir zu alt. Ich habe Höhenangst und du bist zu unsportlich.«
Stattdessen erwandern wir uns die Sehenswürdigkeiten der Stadt in altersgerechtem Schritttempo. Die Stimmung ist extrem entspannt: Jogger mischen sich mit Geschäftsleuten, junge Backpacker mit elegant gekleideten Opernbesucherinnen, zwischen den mit Einkaufstüten beladenen Passanten schlängeln sich junge bezopfte Typen auf Longboards hindurch. Die Menschen sehen nicht so gestylt und hip aus wie in London oder New York, aber sie wirken lässig und gut gelaunt. Und sie gehen freundlich miteinander um. Im Bus zum Beispiel wird man beim Einsteigen stets nett vom Busfahrer begrüßt. Und kein Passagier steigt aus, ohne sich beim Fahrer für den Transport zu bedanken.
Als wir am weltberühmten Bondi Beach ankommen, bietet sich ein Bild wie aus einem Hipster-Reiseprospekt: Die Surferboys und -girls, die sich im weißen Sand und in den meterhohen Wellen vergnügen, sehen alle aus, als wären sie von einer Model-Agentur gecastet. An der autofreien Promenade mit gepflegtem Grünstreifen (natürlich mit einem Hinweisschild: »Please don’t walk on the lawn«; »Bitte den Rasen nicht betreten«) reiht sich eine coole Bar an die andere und überall läuft gute Musik – es ist eine fast unwirklich perfekte Kulisse. Genau der richtige Moment, um sich einen »Flat White« zu genehmigen. »Den müsst ihr in Sydney unbedingt trinken«, hat man uns mit auf den Weg gegeben. »Der beste der Welt!«
»Ich kann den hier auf der Weinkarte nicht finden«, sage ich zum Ingenieur. »So berühmt scheint er ja nicht zu sein.« Als ich den Kellner, der aussieht, als wäre er gerade der GQ entsprungen, frage, ob es den Flat White auch als offenen Wein gibt, sieht er mich an wie ein seltenes Tier. »I’m sorry?«, fragt er mit hochgezogenen Augenbrauen und deutet auf die Tafel an der Wand. »Coffee and Tea« steht da, und tatsächlich finde ich zwischen all den Kaffeespezialitäten einen Flat White für 5 Dollar. Der Kaffee mit Milchschaum, den der Model-Kellner mir bringt, schmeckt tatsächlich köstlich.
Ich lache noch über meinen Fauxpas, als wir schon auf der Fähre zurück nach Manly sitzen und die Skyline vor dem orangeroten Abendhimmel langsam immer kleiner wird.
»Wir sollten morgen früh aufbrechen«, sagt Udo, als wir wieder auf dem Campingplatz sind und dem Gitarrenspiel zweier junger deutscher Touristinnen lauschen. »Das Feuer ist uns auf den Fersen. Ich habe bei Spiegel Online gelesen, dass in Sydney schon Vorbereitungen getroffen werden, weil sie damit rechnen, dass es irgendwann hier ankommt.«
Die Vorstellung, dass es hier in den nächsten Tagen brennen könnte, ist surreal. Vor allem, weil die Temperatur plötzlich – innerhalb weniger Stunden – extrem abgestürzt ist. Jetzt sind es nur noch 14 Grad, dazu weht ein kalter Wind vom Meer. Ich fröstele und bedaure, dass ich meine Daunenweste in Hamburg zurückgelassen habe.
Wir sind im Cape-Hillsborough-Nationalpark, der berühmt für seine hohe Dichte an Kängurus ist. Um halb fünf klingelt der Wecker. Wir sollen pünktlich sein, hat man uns an der Rezeption eingeschärft, denn die Tiere kommen immer bei Sonnenaufgang.
»Es riecht schon überall nach ihnen«, flüstere ich meinem Mann zu, als wir losgehen. Es ist noch ziemlich dunkel. Rechts und links von uns knistert es im Gebüsch.
