Tindergarten - Anna B. - E-Book

Tindergarten E-Book

Anna B.

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Beschreibung

Denn eine Dating-App das erste Mal zu öffnen, glich im Prinzip dem Betreten einer Primark-Filiale: Man hatte das Gefühl, dass theoretisch alles möglich war, man alles haben konnte. Man hegte die stille Hoffnung, DAS Teil in spitzenmäßiger Qualität zu einem unschlagbaren Preis zu finden, mit einem nur unterschwellig vorhandenen schlechten Gewissen wegen der Herkunft des guten Stücks und der leisen Befürchtung, dass es womöglich doch keine Anschaffung fürs Leben sein könnte. Schonungslos offen, selbst- und gesellschaftskritisch. So beschreibt Anna B. ihr literarisches Debüt, in dem sie den fragwürdigen Trend des Online-Datings anhand ihrer eigenen Erfahrungen und Erlebnisse beleuchtet und ihre durch ihn geprägte Entwicklung mit der nötigen Portion Humor reflektiert.

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Seitenzahl: 309

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Die Beschreibungen aller Erlebnisse, Personen und Orte beruhen auf wahren Begebenheiten. Jede Übereinstimmung mit real existierenden Personen ist nicht beabsichtigt und wäre rein zufällig.

Für meine Schwester, meine Beste, meine Tassen und Frau Lieblingsschlampe. Danke für alles.

Für alle Nutzerinnen von Dating-Apps, die sich beim Lesen an ähnliche Erlebnisse erinnern.

INHALT

HERUNTERLADEN

DAS PROFIL

DAS SCHREIBEN

ERSTES DATE

VON EX-FREUNDINNEN…

…UND ALKOHOLIKERN

DIE WINTERDEPRESSION

DIE ZAHNSTOCHER-ERFAHRUNG

GUTE ZEITEN, SCHLECHTE ZEITEN

ES LIEGT NICHT AN DIR!

VON ANNA UND IHRER APP

LÖSCHEN?

Why are you single? A lot of guys are trying to date you!

A lot of guys are trying to fuck me, there’s a difference.

HERUNTERLADEN

Hello, nice to match you! Na, wie geht’s dir? Was machst du so? Woher kommst du? Was genau suchst du hier?

Kommt dir diese Art von schriftlicher Begrüßung bekannt vor? Dann gehörst du wohl zu den knapp neun Millionen Menschen in Deutschland, die Dating-Apps benutzen oder sie zumindest schon einmal ausprobiert haben.

Die Frage, inwieweit diese Art des virtuellen Kontakteknüpfens und/oder Kennenlernens unsere Gesellschaft beeinflusst, vor allem im Hinblick auf Schnelllebigkeit, Anonymität im Netz, Bindungsunfähigkeit und Möglichkeitenvielfalt, werde ich mir im Folgenden anhand meiner eigenen, ehrlich wiedergegebenen Erfahrungen immer wieder stellen und versuchen, sie zu beantworten.

Du darfst und solltest sie dir jedoch auch selbst stellen, natürlich unabhängig davon, ob du die obige Frage mit ja beantwortet hast.

In erster Linie geht es mir aber darum, dich mitzunehmen; auf die Reise durch meine Erlebnisse der vergangenen Jahre und darum, dich an meiner persönlichen durch sie geprägten Entwicklung teilhaben zu lassen.

Obwohl diese unbestritten notwendig war, dass an sie so viele schmerzvolle Erfahrungen geknüpft sein würden, dass ihr Weg einmal ein ganzes Buch füllen würde, hätte ich zu Beginn nie für möglich gehalten.

Genauso wenig, dass ich mich auf diesem Weg, ohne es zu merken, zeitweise derart verlaufen, in einem Meer aus Oberflächlichkeit versinken und den Blick für das Wesentliche verlieren würde.

Umso wichtiger deshalb, dass man sich, so lang und beschwerlich ein Weg auch ist, die Fähigkeit zur Selbstreflektion erhält und dass man, so vielen falschen Menschen man auf ihm auch begegnet, von den richtigen begleitet und unterstützt wird; egal, wie wenig nachvollziehbar er für Außenstehende auch sein mag.

Ich nehme dich also mit in eine Welt, in der die Zukunft noch ganz weit weg scheint. In eine Welt der Unbeschwertheit, schier grenzenlosen Vielzahl an Möglichkeiten, des Spielens und (Aus-)Tobens, in der alles neu und spannend ist, in der Spaß zu haben und Erfahrungen zu sammeln im Vordergrund stehen und in der niemand Gesagtes so richtig ernst nimmt. Woran erinnert dich das? Genau, an den Tindergarten.

I DAS PROFIL

An das Ende einer Beziehung sollte sich idealerweise eine Phase der Selbstfindung anschließen. Ein Zeitraum, der zum Trauern, Austoben und Nachholen genutzt wird. Diese Aufzählung erhebt weder Anspruch auf Vollständigkeit noch gibt sie eine Reihenfolge vor. Ein Dreier mit zwei Männern, verheulte Prosecco-Orgien während eines Nicholas-Sparks-Films oder ein Urlaub auf Malle mit den Kumpels. Alles, was guttut und über den Trennungsschmerz hinweghilft, ist erlaubt, solange danach dann wirklich ein neuer Lebensabschnitt beginnen kann, weil man sich darüber klar wurde, wer man ist, was man möchte oder eben was man auf gar keinen Fall (mehr) möchte.

Man hat die Vergangenheit verarbeitet, sich seine Gedanken darüber gemacht, welche Wünsche man für den nächsten Lebensabschnitt hegt und schmiedet Zukunftspläne.

Dass sich auf Online-Dating-Portalen, deren eigentlicher Sinn es sein soll, den passenden Partner für eben genau diese Zukunftspläne zu finden, Menschen herumtreiben, die entweder noch mitten in dieser Selbstfindungsphase stecken oder sie noch gar nicht begonnen haben, ist ein offenes Geheimnis.

Dabei spielt es im Endeffekt keine Rolle, ob dieser Schritt deshalb aussteht, weil die letzte Beziehung (noch) gar nicht beendet ist oder deshalb weil die Trennung noch zu frisch ist. Denn eines ist in jedem Fall sicher: Diese Menschen sind nicht die potenziellen Partner, auf die man dort zu treffen hofft, wenn man als mustergültiges Beispiel eines Nutzers die oben beschriebene Phase tatsächlich erfolgreich abgeschlossen hat und nun voll viel zu hoher Erwartungen das erste Mal die sagenumwobene App mit der Flamme öffnet.

Ich war es nämlich tatsächlich, so ein mustergültiges Beispiel. Meine letzte Beziehung war anderthalb Jahre her. Die Prosecco-Orgien hatte ich ebenso hinter mir wie den obligatorischen Mallorcaurlaub; ich hatte mich viel mit mir selbst beschäftigt, hatte es genossen, mir an Weihnachten keine Gedanken über ein Geschenk für die Schwiegermutter in spe machen zu müssen, hatte nur getan, worauf ich Lust hatte. Meine Freitagabende hatte ich nicht mehr gezwungenermaßen auf US-Car-Treffen, sondern mit meinen Mädels verbracht und es war eine Erleichterung gewesen, einmal ungestört ganze Tage lang fürs Examen lernen zu können, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich im Zeitalter des Internets noch auf Gesetzestexte in Buchform zurückgriff.

Ich hatte getrauert, dabei sogar erheblich abgenommen, und sämtliche sexuellen Fantasien ausgelebt, die sich in der letzten Partnerschaft nicht hatten verwirklichen lassen, wobei ich zugeben musste, dass sich im Nachhinein nicht mehr zweifelsfrei feststellen ließ, ob meine Gewichtsabnahme auf das viele Heulen oder den vielen Sex zurückzuführen war. Wenn mich jemand darauf ansprach und als Antwort „Ich habe eine Trennung hinter mir“ zu hören bekam, stimmte das jedenfalls.

Doch wie das bei einem mustergültigen Trennungsphasenverarbeitungsbeispiel so ist, irgendwann kam er, der Tag, an dem ich sonntagmorgens nicht mehr gerne alleine aufstand, an dem die Vorstellung von Schwiegermuttergeschenken ihren Schrecken verloren hatte und an dem ich anfing, die Vergangenheit ein Stück weit zu verklären.

Vergessen waren die überall verstreuten Sportsocken, das nächtliche Schnarchen und der unvermeidbare Kaffeetausch bei Starbucks, weil der, den ich für mich bestellt hatte – oh Wunder – natürlich viel besser schmeckte. Was übrigblieb, waren die Zärtlichkeiten, die Vertrautheit und die von Sacre Coeur aus beobachteten Sonnenuntergänge.

Ich fing an, mich wieder nach einem Partner an meiner Seite zu sehnen. Nach jemandem, der sich kümmerte, wenn es mir schlecht ging, dessen Interesse das an meinen Körperöffnungen überstieg und der nicht nur samstagnachts betrunken anrief. Ein mir bekannter, seine Freundin offenkundig betrügender DJ gab einmal zu, dass er vor allem dann eine Freundin brauche, wenn es Winter sei und der erste Schnee falle. Außerdem habe er gerne jemanden, der sich um ihn kümmere, wenn er krank sei. Zur Wiesn und in der fünften Jahreszeit, da sei er lieber Single.

Tja. Das Oktoberfest war eine Weile vorbei, ein langer, kalter Winter inklusive Grippewelle stand bevor und ein Karnevalsjeck war ich trotz rheinländischer Wurzeln väterlicherseits noch nie gewesen. Die Zweifelhaftigkeit seiner Aussage einmal dahingestellt, ein Fünkchen Wahrheit steckte vielleicht auch für mich darin.

Ich war jung, – wie man mir oft sagte – attraktiv und sehr gepflegt, da ich alles, was mein Äußeres betraf, auch beziehungsunabhängig für mich selbst tat. Ich hatte mein Diplom seit kurzem in der Tasche, einen Job in einer neuen Stadt angetreten, war fürs Erste übergangsweise in eine zentrumsnahe WG gezogen und voller Energie. Ich war stolz auf meine Familie, die bedingungslos hinter mir stand, und meinen Freundeskreis, der im Wesentlichen sogar noch derselbe wie in der fünften Klasse war. Ich hatte Yoga für mich entdeckt, unternahm Wochenendreisen, hatte ein Faible für Kosmetik und war modebegeistert.

Was mein Glück jetzt perfekt machen sollte, war wieder ein Mann an meiner Seite. Ich gehörte also nicht einmal zu den Singles, die sich jemanden wünschen, der sie glücklich macht, sondern zu denen, die gelernt hatten, dass ein Partner sie nur glücklicher machen sollte.

Kurzum: Man hätte meinen sollen, dass meine Auswahl groß genug war. Dass ein Fingerschnipsen mir einen neuen Freund hätte bescheren können.

Leichter gesagt als getan, wenn man in einer Studentenstadt lebte, gleichaltrig mit den dauerfeiernden Studenten jedoch einen Vollzeitjob mit den unumgänglichen Arbeitszeiten des öffentlichen Dienstes hatte. Wenn die Kollegen alle gefühlt hundertjährig oder verheiratet waren. Wenn die Geschichte von der Supermarktkasse oder Käsetheke sich als fieses Märchen herausstellte. Wenn die meisten der Freunde vergeben waren und man am Wochenende daher öfter übrigblieb. Wenn einem beim Überqueren der Straße Autos hinterherhupten, sich aber nie jemand traute, einen ernsthaft anzusprechen.

Kein Grund zum Verzagen aber in einem Zeitalter, in dem Smartphones unsere treuen Begleiter voll elektronischer Hilfsmittel geworden sind. Neben Apps fürs Eierkochen und fürs Routenplanen gab es ja zum Glück auch welche, die dem Nutzer mit roter Flamme oder buntem Herzchen bebildert versprachen, mit ihnen den Partner fürs Leben finden zu können.

Ich beschloss, es zuerst mit der roten Flamme zu versuchen.

Man gab das Geschlecht, das Wunschalter und einen Kilometerradius vor, innerhalb dem gesucht werden sollte, und legte sich ein Profil mit sorgsam ausgewähltem Fotorepertoire an.

Da ich es mir angewöhnt hatte, öfter Fotos von meinen Outfits zu machen und auch sonst bestrebt war, mein Gesicht und mein Leben so oft wie möglich fotografisch festzuhalten, war es für mich nicht weiter schwierig, passende Profilbilder zu finden. Zwei vom Gesicht, zwei vom Körper (bewusst die Post-Trennungs-Figur betonend), eines, aus dem man schließen konnte, dass ich ein Familienmensch war, eines, aus dem man schließen konnte, dass ich Freunde hatte, und eines, auf dem ich mich einfach besonders gut getroffen fand.

Dazu schrieb man optional noch ein paar Zeilen über sich selbst. Etwa die Körpergröße, was man sich im Besonderen wünschte oder eine gewollt tiefsinnige Lebensweisheit.

Ich beließ es bei der Option.

Die Erkenntnis, dass sich nicht jeder Nutzer bei der Fotoauswahl so große Mühe gab und ich dort viel zu oft Größenangaben unter 180 cm, Wünsche wie „Unrasiert brauchst du gar nicht erst zum DVD-Abend kommen“ oder Weisheiten à la „Nach mir die Ginflut“ lesen würde, stand mir noch bevor.

Denn eine Dating-App das erste Mal zu öffnen, glich im Prinzip dem Betreten einer Primark-Filiale: Man hatte das Gefühl, dass theoretisch alles möglich war, man alles haben konnte. Man hegte die stille Hoffnung, das Teil in spitzenmäßiger Qualität zu einem unschlagbaren Preis zu finden, mit einem nur unterschwellig vorhandenen schlechten Gewissen wegen der Herkunft des guten Stücks und der leisen Befürchtung, dass es womöglich doch keine Anschaffung fürs Leben sein könnte.

Was dann folgte, war stundenlanges Wischen über das Smartphone-Display.

Das Profil eines potenziellen Traumprinzen wurde angezeigt. Er gefiel: Wisch nach rechts. Er gefiel nicht: Wisch nach links. Hatte ich nach rechts gewischt und der Glückliche, dem mein Profil im Gegenzug angezeigt wurde, auch, bekamen wir beide mit einem Glückwunsch angezeigt, dass wir ein „Match“ hatten und nun über das Privileg verfügten, uns Nachrichten schreiben zu dürfen. Yay!

Was musste aber auf dem Profil eines Mannes zu sehen sein, damit es bei einer dreiundzwanzigjährigen Akademikerin ohne Tattoos aus einem Bilderbuchvorort mit einer Bilderbuchkindheit, die sich zu jung für die „Singles mit Niveau“ fühlte, zu einem Wischen nach rechts führte?

Der springende Punkt dieses und vergleichbarer Portale ist ja, dass allein der erste Eindruck zählt. Subjektiv-oberflächlich wird anhand einiger fotografischer Eindrücke und/oder Wörter geurteilt. Hop oder Top. Top oder Flop. Hot or not. Das Aussehen und die Selbstinszenierung sind die Schlüssel zum Weg nach rechts und im besten Fall zu einem Match.

Natürlich, makellos ist niemand von uns. Jeder hat seine Macken, das kann mitunter ja auch sehr charmant sein. Eine zwischenmenschliche Beziehung ist immer auch ein Kompromiss. Dabei geht es aber weniger um objektive Attraktivität; Aussehen ist immer Geschmackssache. Deshalb sollte der Abstrich hier nicht allzu groß sein. Man selbst muss seinen Außerwählten hundertprozentig attraktiv und anziehend finden, sich mit ihm zeigen wollen. Wie ihn der Rest der Menschheit findet, ist zunächst zweitrangig. Allerdings wächst die Attraktivität in vielen Fällen auch erst mit dem Kennenlernen, ins Unermessliche spätestens dann, wenn Gefühle ins Spiel kommen. Mimik, Gestik, Dialekt, Geruch, all das sind Faktoren, die einen ersten Online-Eindruck revidieren könnten, ins Positive und auch ins Negative. Damit es dazu aber kommen kann, muss das Profil diesem überhaupt standgehalten haben. Ein Teufelskreis. Ich möchte gar nicht darüber nachdenken, wie viele passende Männer ich durch eine einzige Fingerbewegung habe an mir vorbeiziehen lassen. Womöglich war er dabei? Diese Frage musste ich allerdings ebenso ausblenden, wie den Ärger, wenn ich eine Millisekunde nicht aufgepasst und versehentlich in die falsche Richtung gewischt hatte. In diesem Fall blieb allein die Hoffnung, dass das Profil durch einen Systemfehler oder einen anderen glücklichen Zufall ein zweites Mal angezeigt werden würde.

Auf der anderen Seite darf man aber auch nicht unterschätzen, wie bequem es ist, allein durch besagte Fingerbewegungen eine Vorauswahl treffen zu können. Natürlich kommt man an den Punkt, an dem man großzügiger wird, über anfängliche Kleinig- und Kleinlichkeiten hinwegsieht. An diesem Punkt aber war ich noch nicht. Ich sollte und durfte wählerisch sein. Ich wurde richtiggehend dazu verführt, wenn nicht gezwungen. Das kostete ich in vollen Zügen aus.

Ohne mir anfangs darüber klar gewesen zu sein, hatte ich ein knallhartes Schema.

Ich bin und war nicht festgelegt, was Augen- oder Haarfarbe angeht und die Optik betreffend waren meine Ansprüche nicht übertrieben hoch. Außergewöhnlich gutaussehende Männer sind sich ihrer Attraktivität meist sehr bewusst, was sich selten positiv auf ihr Verhalten gegenüber Frauen auswirkt. Sie wissen, dass sie die Wahl haben. Warum sich dann mit einer Frau begnügen und die anderen Chancen ungenutzt verstreichen lassen? Die richtig hübschen Männer hat frau nie für sich alleine. Zu perfekt wirkende Modeltypen wurden also nach links geschoben.

Andererseits war ich selbstbewusst genug, um zu wissen, was ich zu bieten hatte. Nicht mehr und nicht weniger erwartete ich auch von einem Mann. Ich wollte nie an den Punkt kommen, an dem ich mich unter meinem Wert verkaufen, nur aus purer Verzweiflung und Torschlusspanik den nehmen würde, den ich haben konnte, obwohl mir sein Aussehen nicht gefiel, weil er eine Stirnglatze hatte, schielte und einen Kopf kleiner war als ich.

Denn die Größe war natürlich auch so ein Thema. Viele sagen, sie sei nicht wichtig, auf den Größenunterschied komme es nicht an. Stimmt wahrscheinlich auch, wenn man das große Ganze betrachtet (man beachte aber, es heißt das große Ganze). Dass der Mann unbedingt groß und sehr viel größer als ich sein musste, war mein persönlicher Spleen. Wahrscheinlich weil ich sehr gerne hohe Schuhe trage, mit eins siebzig an sich schon keine kleine Frau bin und einfach darauf stehe, wenn ein Kerl auch optisch einer ist. Zudem hatte ich die Erfahrung gemacht, dass kleine Männer sehr oft unter Komplexen leiden, die sie an anderer Stelle durch Macht- oder Führungspositionen zu kompensieren versuchen. Ich hatte es wirklich probiert, aber ich konnte kleine Männer nicht so ernst nehmen, wie ich gerne gewollt hätte. Mein Pech, würden viele sagen, denn das führte schon zu einem vermehrten Wischen nach links, vor allem weil die Körpergröße bei vielen Profilen gar nicht angegeben war und ich anhand der Bilder mutmaßen musste. Dann ließ ich es im Zweifel lieber nicht darauf ankommen, bevor ich am Ende vielleicht enttäuscht worden wäre. Ähnlich ging es mir mit extremen Tätowierungen oder im Gesicht sichtbaren Piercings. Es kam immer auf den Einzelfall an, entspricht aber eigentlich beides nicht meinem Geschmack. Genau wie Männer, die zu exotisch wirkten. Wenn ein unaussprechlicher Vorname das Profil zierte, war der Weg für meinen Daumen nach links vorprogrammiert.

Als sehr gefährlich empfand ich persönlich auch Mützen und Sonnenbrillen. Beides für sich alleine genommen war schon schwierig, aber in Kombination waren diese Teile sozusagen das Make-Up eines Mannes. Mit Mützen ließen sich Geheimratsecken, lichtes Haar und seltsame Gesichtsformen tadellos kaschieren und es gab – geschlechterunabhängig – wohl kaum jemanden, dem eine Sonnenbrille nicht schmeichelte. Sonnenbrillen verdeckten zudem das für mich persönlich Wichtigste an einem Gesicht: die Augen. Mit schönen Augen ließ sich einiges ausbügeln und wettmachen. Schöne Augen gewannen bei mir. Gab es also auf einem Profil nur Bilder mit Sonnenbrille, am besten noch mit Mütze kombiniert, ging es schnurstracks nach links. Denn man bekam ja auch automatisch das Gefühl, derjenige hatte etwas zu verbergen, wenn er seine Augen so vehement versteckte. Der Anzahl an Sonnenbrillenfotos nach hätten dann allerdings sehr viele Nutzer sehr viel zu verbergen. Hatten sie vielleicht sogar tatsächlich.

Unabhängig von Aussehen, Körpergröße und Kopfbedeckung fielen bei mir auch Männer durch, deren Fotos sie ausschließlich auf Reisen zeigten. Besonders schlimm fand ich dabei das Posieren mit Affen auf der Schulter, vor der Golden-Gate-Bridge oder inmitten einer Gruppe grinsender afrikanischer Kleinkinder. Warum wollte mir ein Mann, noch bevor ich ihn kennengelernt hatte, demonstrieren, wie weit gereist, sozial engagiert und weltoffen er doch war? Zumal gerade diese Reisefotos in neunundneunzig Prozent der Fälle mit einer Profilbeschreibung à la #traveller, #traveltheworld oder „Who wants to travel with me?“ gepaart waren, was sicher aus der Masse herausstechen sollte, aber leider nur in der Masse anderer Reisender unterging.

Bilder, die bei mir ebenfalls grundsätzlich zu einem Dislike führten, waren solche, auf denen Monsieur im Saufurlaub mit seinen Kumpels zu sehen war, womöglich stilecht mit Sangria-Eimer am Strand – was in diesem Urlaub sonst noch gelaufen war, wollte ich gar nicht wissen. Ebenso solche, auf denen er seine Katze streichelte – ich war schon immer ein Hundemensch gewesen – und solche, auf denen neben ihm nur ganz knapp eine ganz eindeutig weibliche Person abgeschnitten worden war. Wäre es die Schwester oder die Cousine, hätte das Foto ja bedenkenlos unbeschnitten belassen werden können, oder? Wer dagegen provokativ Bilder mit Frau einstellte, der hatte entweder nichts zu verbergen oder versuchte es wohl gar nicht erst. Bilder von nackten Ober- und/oder Unterkörpern, ohne Gesicht selbstverständlich, sprachen dieselbe Sprache.

Wenn ein Profil nur ein einziges Foto aufwies, auf dem zwei oder mehrere Männer abgebildet waren, lehrte mich meine Erfahrung schnell, dass ich hier gar nicht zu pokern brauchte: Das Profil gehörte nie dem attraktiveren von beiden beziehungsweise dem attraktivsten.

Mich wunderte es immens, wie viele Nutzer sich dessen gar nicht bewusst zu sein schienen, dass die Profilfotos das wichtigste Urteilskriterium waren und wie viel sich aus ihnen schließen ließ.

Aber auch Profilbeschreibungen waren ein heikles Thema. Hierbei galt: Gar keine wirkte auf mich besser als eine abstoßende. Manche waren ehrlich und verkündeten, dass sie nur auf der Suche nach One-Night-Stands waren. Andere, dass sie auf keinen Fall welche wollten. Sie machten einem die Wisch-Entscheidung, davon abhängig, was man gerade suchte, ziemlich einfach.

Lustige Sprüche oder Zitate wie „Er war Jurist und auch sonst von mäßigem Verstand“ (Schade, dass Ludwig Thoma nicht selbst gewischt hat…) trafen bei mir natürlich voll ins Schwarze und schafften es teilweise, eine mittelprächtige Bildergalerie erheblich aufzuwerten. Das Gegenteil war aber genauso gut möglich. Pauschale Nullachtfünfzehn-Weisheiten, zum Beispiel „Träume nicht dein Leben, sondern lebe deine Träume“, ließen mich auch beim größten, schnuckeligsten Mann meine Wischgeste genau überdenken.

Gleiches galt für Rechtschreibfehler und mangelnde Zeichensetzung. Ja, dahingehend war ich ein Korinthenkacker!

Wie schon erwähnt, durfte man(n) bei mir auch gerne männlich sein. So leid es mir für die süßen Kälbchen und Schweinchen tat, Fleischessen gehörte für mich irgendwie dazu. Jedes Mal über mich selbst bestürzt, darüber, wie antiquiert und intolerant meine Denkweise war, wurde jeder schnell weggewischt, aus dessen Beschreibung hervorging, vegetarische oder gar vegane Ernährung zu bevorzugen. Raucher übrigens auch.

Dinge, die mich bei meinen Freunden niemals gestört hätten, die mir nicht einmal negativ aufgefallen oder von mir bewertet worden wären, stellten eine unüberwindbare Hürde auf dem Weg zum Match dar, schienen auf einmal wichtig. Der Grund dafür ist mir bis heute schleierhaft.

Die Profilbeschreibungen einiger Nutzer hingegen bestanden aus einer Aufzählung von Voraussetzungen, die eine Frau ihrer Meinung nach mitzubringen hatte oder sie anderenfalls gar nicht erst nach rechts wischen sollte. Sie wählten die offensive Variante und legten ihre Kriterien offen. An sich stellte das eine Erleichterung dar, etwa wenn man nur als Nichtraucherin oder Vegetarierin in Frage kam. Manchmal gab es allerdings zu viel Auslegungs- und Interpretationsspielraum. So proklamierte ein Mann beispielsweise ganz offen, eine schlanke Frau zu suchen und schloss seine Profilbeschreibung mit den Worten „Bitte nur sportlich aktive Frauen mit schmalen Hüften“. Ich verstand, worauf es ihm ganz offensichtlich ankam und worauf er Wert legte, aber wo genau zog er die Grenze? Bedeutete schlank bei ihm dünn oder vollschlank? War frau aktiv genug, wenn sie ohne Atemnot die Treppen ins dritte Obergeschoss steigen konnte oder musste sie für den Triathlon trainieren? Und wie schmal sollten die Hüften sein? Bestimmt wischten viele Nutzerinnen diesen Mann lieber nach links, aus der Befürchtung, ihren Umfang womöglich fälschlicherweise als schmal einzustufen.

Ich persönlich wollte weder meine eigene Profilbeschreibung so gestalten, dass sie vielleicht die Ausnahmen abschreckte, die meine Regeln bestätigt hätten, noch das Risiko wagen, mich zu unrecht in den Forderungskatalog eines Mannes einzuordnen.

Waren alle eben beschriebenen Ausschlusskriterien auf den ersten Blick nicht ersichtlich, entschieden letztendlich Geschmack, Bauchgefühl und Daumen darüber, ob Aussehen, Outfits und Gesamteindruck Gnade vor meinen Augen fanden.

Ob da überhaupt noch Männer zum Nach-rechts-Wischen übrigblieben? Ich als unverbesserliche Optimistin hoffte es.

II DAS SCHREIBEN

Tatsächlich, öfter als ich gedacht hätte, fand mein Daumen seinen Weg nach rechts und in den allermeisten Fällen wurde mir nur einen Wimpernschlag später die frohe Botschaft angezeigt, ein Match zu haben. Trotzdem wählte ich immer ohne zu überlegen die Option „Weitersuchen“ statt „Nachricht senden“.

So emanzipiert und fortschrittlich ich in vielerlei Hinsicht auch dachte, für mich war klar: Der Mann schreibt die Frau an.

Es funktionierte. Dabei merkte ich aber, dass ich komischerweise die Männer interessanter fand, bei denen es nicht sofort funktionierte. Offensichtlich galt auch in der virtuellen Welt das Prinzip „Mach dich rar, sei ein Star“. Was unweigerlich zur Folge hatte, dass dann auch ich bis zu meiner Antwort etwas Zeit verstreichen ließ.

Ich sollte noch lernen, dass diese Methode für mich nur genau so lange funktioniert, wie mir ein Mann gleichgültig ist.

Warum diese Spielchen? Warum hinterfragt man offensichtliches, ehrliches Interesse argwöhnisch und unterstellt, dass der andere es todsicher nötig hat und so verzweifelt ist, dass er sofort schreibt? Wünschen wir Frauen uns nicht immer, dass der Mann so fasziniert und angetan von unserem bloßen Anblick ist, dass er uns von Sekunde eins an zu Füßen liegt und uns das auch sehr deutlich zeigt? Wir behaupten das zwar, sollten es aber besser wissen. Der Mann soll absolut hingerissen und gleichzeitig cool genug sein, seine Begeisterung spielend verbergen zu wissen. Das wiederum verunsichert uns so sehr, dass wir glauben, uns umso mehr ins Zeug legen zu müssen, um bei ihm landen zu können. Wir dürfen uns unserer Sache nie hundertprozentig sicher sein, wollen ihn erobern und von unseren Vorzügen überzeugen müssen. Das macht die ganze Sache ungemein spannend, den Typen ungemein interessant („Worauf bildet der sich so viel ein, dass er meint, nicht mehr zurückschreiben zu müssen?!?“).

Wer leicht zu haben ist, ist langweilig, wer die „hard-to-get“-Schiene fährt, ist abgehoben. Demnach ist klar, was wir Frauen uns insgeheim wünschen: die perfekte Mischung aus Hündchen und Arschloch.

Ein paar Begrüßungsfloskeln später sah die Sache dann schon anders aus. War das Gespräch erst einmal im Fluss, durfte auch sofort zurückgeschrieben werden. Sofern sich die Unterhaltung überhaupt über ein „Wie geht’s?“ hinaus entwickelte. So paradox es auch klingt, manchmal merkte man schon der Frage nach dem Befinden an, ob die schriftliche Chemie stimmte.

Womöglich scheiterten manche Gespräche aber auch an der schlichten Unwissenheit darüber, wie es nach dem „Danke gut. Und dir?“ weitergehen sollte. Dann wurde mir einfach gar nicht mehr zurückgeschrieben.

Oft war es allerdings auch so, dass ich diejenige war, die nicht mehr antwortete. Was sollte ich auf „Ich würd dich so unfassbar geil lecken, das glaubst du gar nicht!“ anstelle einer Begrüßung auch schreiben?

In diesen Momenten fragte ich mich dann, wo hier eigentlich meine Präferenzen lagen. Wie wollte ich überhaupt angeschrieben werden? War ein schlichtes „Hey“ okay? Ich kam zu dem Schluss, dass es das auf jeden Fall war; trat die seltene Situation ein, in der ich offline angesprochen wurde, fuhr der Mann damit ja wohl auch besser als mit der Frage danach, ob meine Eltern Terroristen seien, weil ich ja angeblich so scharf wie eine Bombe sei.

Nicht gerade ausgefallen und einfallsreich also, aber „Hey“ war in Ordnung, genauso wie „Hi“, „Hallo“, „Guten Morgen“ (sofern die Nachricht auch wirklich am Morgen und nicht erst nachmittags verfasst wurde) und „Guten Abend“. Wurde hinter die jeweilige Begrüßung noch mein Name gesetzt, hatte der Verfasser schon halb gewonnen. Natürlich schadete es auch nicht, wenn noch ein Kompliment hinterherkam. Selbst die flachsten schmeichelten mir insgeheim, auch wenn „Deine Augen sind der Hammer!“ natürlich leider mit jedem Mal ein bisschen mehr an Wirkung verlor.

Hört man Komplimente zu oft, läuft man erstens leicht Gefahr, sich etwas auf sie einzubilden, und zweitens hat man es irgendwann satt, auf Äußerlichkeiten reduziert zu werden. Als Nutzer eines Systems, das oberflächlicher nicht sein könnte, geht man dieses Risiko zwar mehr oder weniger bewusst ein, ich für meinen Teil wünschte mir aber vielmehr Komplimente meine Persönlichkeit betreffend. Ein „Geiler Arsch, Süße“ beseitigte schließlich nicht die Leere auf der Betthälfte neben mir. Oder allerhöchstens sehr vorübergehend.

Ich tröstete mich damit, dass das bestimmt noch kommen würde und ich dafür eben erst einmal die Oberflächlichkeit in Kauf nehmen musste. Nach einer gewissen Zeit regte ich mich über Rückschlüsse von gut ausgewählten Fotos auf eine ohne Zweifel ausgeübte Modeltätigkeit auch nur noch wenig bis gar nicht mehr auf.

Es waren dann auch eher die Rückschlüsse von meinem Aussehen auf Arroganz und/oder mangelnde Intelligenz, die mich ärgerten. Als blonde Frau hatte ich es da zwar generell schwer, aber mir fiel öfter auf, dass viele Menschen Achtsamkeit in Bezug auf das äußere Erscheinungsbild mit Überheblichkeit gleichsetzten und dass auf eine von mir gewählt formulierte Nachricht oder auf die von mir mitgeteilte Information, bereits erfolgreich ein Studium absolviert zu haben, keine weitere meines Gesprächspartners mehr folgte.

Ob es an der Überforderung, den Sinn des Geschriebenen zu verstehen, oder an der Angst, nicht mithalten zu können, lag, würde ich nie herausfinden. Viel zu oft hatte ich mich nämlich schon gefragt, ob mein Mangel an Männerbekanntschaften im „wahren“ Leben auf eine ähnliche Angst zurückzuführen war. Auf die vor einem Korb.

Die Jungs in meinem Freundeskreis jedenfalls hatten angedeutet, dass sie bei gutaussehenden Frauen immer davon ausgingen, dass sie sowieso vergeben seien oder wenn nicht, zwangsläufig irgendetwas mit ihrem Charakter nicht stimmen könne. Zum Beispiel, dass ihre Ansprüche astronomisch hoch seien und sie die dann ja sowieso nicht erfüllen könnten. Na toll.

Ich würde es nie nachvollziehen können, dass man den Weg des geringsten Widerstandes ging und die Herausforderung scheute, sich lieber mit weniger zufrieden gab, als nach dem Maximum zu streben. Und dass meine Ansprüche übertrieben hoch waren, konnte ich auch nicht behaupten.

Ich wünschte mir schlichtweg einen Mann, der mich mit seinem Gesamtpaket überzeugte: Der mitten im Leben stand, wusste, was er wollte, mich zum Lachen bringen konnte und mich nahm, wie ich war. Der gepflegt und modebewusst war. Der selbstständig genug war, mich nicht nur als Köchin und Putzfrau zu brauchen. Der wusste, in welchen Situationen er ein Gentleman und in welchen genau das Gegenteil sein sollte.

Der zwar einfühlsam war und seine Gefühle nicht versteckte, aber trotzdem Manns genug war, mir auch einmal eine Ansage zu machen; bei dem ich trotz meiner vor allem beruflich geforderten Stärke auch einmal die Schwache sein konnte. Er durfte auch gern entscheidungsfreudig sein, da ich es überhaupt nicht bin. Auch Unternehmungslust war vorteilhaft. Ich wollte keinen Nerd, der unentwegt Zahlenkolonnen vor sich hin brabbelte, aber doch gerne jemanden mit einem dem meinen ähnlichen Bildungsniveau. Es ist schließlich wissenschaftlich erwiesen, dass Partnerschaften, in denen bei beiden ein vergleichbarer Bildungsstand herrscht, glücklicher und langlebiger sind. Außerdem wollte ich mich in dieser Hinsicht dem Mann auf gar keinen Fall überlegen fühlen. Ich fand es eher schön, wenn ich zu ihm aufschauen konnte. Mit Niveauflexibilität konnte man(n) bei mir aber auch punkten; überragend, wenn man gemeinsam „Bauer sucht Frau“ und anschließend die Tagesthemen anschauen konnte. Er sollte zudem offen, ehrlich und ein Familienmensch sein. War das insgesamt zu viel verlangt? Waren das wirklich übertrieben hohe Ansprüche? In manchen Punkten war ich schließlich auch durchaus kompromissbereit.

Und dennoch waren die Aussagen meiner Kumpels leider ehrliche Worte, die wenig rosige Aussichten versprachen, aber – wie ich hoffte – nur für die Welt außerhalb der App Geltung besaßen. Schließlich empfand man einen virtuellen Korb als weniger schlimm, schon alleine, weil das nächste Match ja zum Greifen bzw. Wischen nah war.

Andererseits merkte ich leider, dass mir oftmals trotzdem Misstrauen entgegengebracht wurde: „Was suchst du hier, das hast du doch gar nicht nötig?“, „Wo ist der Haken bei dir?“, „Dein Profil ist todsicher ein Fake, du siehst viel zu gut aus.“

Schlimm genug, dass mir gutes Aussehen negativ ausgelegt und quasi zum Verhängnis wurde, noch weniger konnte ich es aber eben leiden, wenn die Männer im gleichen Zuge gar nicht erst die Herausforderung annahmen, sondern mir ihre Zweifel offenbarten: „Einen wie mich willst du dann bestimmt nicht.“ Zwar wollten sie in diesem Moment ganz sicher das Gegenteil hören, aber sie hatten Recht; das war für mich das K.O.-Kriterium. Einbildung konnte ich genauso wenig leiden, aber sobald ein Mann sich vor mir kleinmachte, war ich raus.

Diese Erfahrungen und Reaktionen glichen die Komplimente jedenfalls aus und verhinderten, dass ich mir etwas auf sie einbildete. Ich lernte, dass Attraktivität also auch beim Online-Dating in vielen Fällen wohl eher eine Erschwernis als eine Erleichterung darstellte.

Anstelle von Komplimenten gab es aber auch kreativere Versuche: „Ich halte fünf Geiseln in einer Bank fest. Ich verlange eine Million Euro in bar, einen Helikopter und ein Abendessen mit dir.“ Hier verhielt es sich ähnlich wie mit dem sofortigen An- beziehungsweise Zurückschreiben. Ausgefallen sollte eigentlich besser von mir bewertet werden als einfallslos, aber ein ungutes Gefühl hinterließen solche Nachrichten dennoch auf eine Weise. Als hießen sie automatisch, der Mann wollte damit von einer gravierenden Schwäche ablenken. Als wüsste er selbst, dass bei ihm ein „Hi“ nicht reichen würde, um mich zu überzeugen. Dann erwischte ich mich dabei, unbewusst und unwillkürlich an ihm den Haken zu suchen. Es handelte sich schließlich um Online-Dating, bei den Männern musste also irgendetwas faul sein, sonst hätten sie das ja wohl nicht nötig. Obwohl ich ja eben auf gar keinen Fall wollte, dass die Männer umgekehrt so über mich dachten und im Bewusstsein, absolut ungerechterweise mit zweierlei Maß zu messen, konnte ich es nicht abstellen. Ich redete mir ein, dass ich mit dieser Einstellung wenigstens nicht blauäugig an die Sache heranging und nicht enttäuscht werden würde.

Schlussendlich stellte ich dann fest, dass es nahezu egal war, wie mich der dazugehörige Mann anschrieb, wenn mir sein Profil gefiel. Dann machte die Freude über die Nachricht deren Einzelheiten unwichtig, ausgenommen die Rechtschreibung, wo ich über gravierende Fehler, die nicht auf flüchtiges Vertippen oder falsche Autokorrektur zurückzuführen waren, einfach nicht hinwegsehen konnte. Es war ja wohl auch nicht zu viel verlangt, dass eine Nachricht vor dem Abschicken eventuell noch einmal durchgelesen wurde, schließlich wollte der Verfasser mich doch von sich überzeugen? Da konnte es dann schon passieren, dass ein Match von mir kurzerhand wieder aufgelöst wurde. Glücklicherweise stellte die App auch diese Funktion als Option zur Verfügung.

Ein anderer Grund, aus dem Unterhaltungen einschliefen, war zweifelsohne, dass ein anderes Match dazwischenfunkte. Ich merkte ja selbst, dass ich nur eine gewisse Zeit den Überblick behielt. Mich mehreren Männern gleichzeitig zu widmen, war extrem anstrengend. Ich wusste irgendwann nicht mehr, wem ich welche Information mitgeteilt hatte und wer hinter welchem Profil steckte. Irgendwann war die Überforderung oder die Langeweile da. Das ging schon damit los, dass am Anfang eines jeden Chats immer die gleichen Fragen standen. Allen voran die nach dem Job. Mein Wirken in der Justiz betont witzig umschreibend bekam jeder Mann darauf von mir „Ich sperre böse Jungs ein“ gefolgt von einem Zwinker-Smiley zur Antwort. Dass meinem Gesprächspartner dann wahrscheinlich ganz von alleine ein Bild in den Sinn kam, in dem er, ich und Handschellen eine nicht unwesentliche Rolle spielten, dafür konnte ich nichts. Es war ja schließlich irgendwie die Wahrheit und diente primär dazu, das Bild einer spießigen und prüden Beamtin im Keim zu ersticken. Hatte ich eine solche Antwort aber einige Male innerhalb kurzer Zeit gegeben, fing ich schon an, mich selbst zu langweilen. Und dieses Gefühl wuchs mit jeder mehrfach gegebenen Antwort und doppelt behandelten Thematik. Gerade bei Fragen, die sich nur schwer in zwei Sätzen beantworten ließen, waren die Möglichkeiten „Copy“ und „Paste“ da sehr verführerisch. Ich fühlte mich schäbig dabei, befand aber, dass es sich hierbei um eine Grauzone an Legitimität handelte. Schließlich merkte der andere das ja nicht und ich war überzeugt, dass er es im Zweifel nicht anders mit mir machte. Trotzdem fand ich es auf eine Art unfair, immerhin konnte sich hinter jedem meiner Matches theoretisch mein zukünftiger Traummann verbergen und so sollte auch die virtuelle erste Begegnung etwas Besonderes sein. Er hatte es dann auch verdient, dass ich ihm meine volle Aufmerksamkeit schenkte, mir Mühe gab und nicht das Feuer mit den anderen Eisen darin weiter schürte, nur um des Erhalts der Auswahl willen. Das wünschte ich mir ja auch umgekehrt.

So versöhnte ich mein Gewissen damit, dass im Anschluss an die ersten paar (für mich persönlich notwendigen) Selektionsfragen nach Wohnort, Größe und Beruf zwingend die Entscheidung für einen Spitzenkandidaten anstand. Es gab schließlich immer einen Mann, der vorne lag, den ich besonders gut fand. Das Ranking konnte sich dann im allerersten Gesprächsverlauf durchaus noch verändern, aber einer stach immer hervor. Mit dem befasste ich mich dann auch gerne intensiv weiter und empfand hinsichtlich der abgehängten Bewerber nur leises Bedauern. Denn es bestand die sehr beruhigende Möglichkeit, an sie später nochmals anknüpfen zu können, falls sich der Auserwählte als Flop entpuppen sollte. Dadurch, dass ich meine Wahl praktischerweise nicht verkünden musste, sondern mit den übrigen Matches (vorerst) einfach nicht mehr weiterschrieb, war diese Methode auch durchaus praktikabel. Oft genug merkte ich, dass es umgekehrt von den Männern genauso gehandhabt wurde und ich nach einigen Tagen Funkstille plötzlich wieder von ihnen hörte.

Hatte ich für mich diese Entscheidung getroffen, stand ich jedoch direkt vor der nächsten: Wie lange schrieb man vor dem ersten Date?

Es gab natürlich Nutzer, die die App allein zum Wischen missbrauchten (Profilbeschreibung: „Füße hoch, ich wische hier nur kurz durch!“) oder denen es ausreichte, immer jemanden zum Schreiben zu haben; die sich davor fürchteten, auf ihr Smartphone zu schauen und keine neue Nachricht vorzufinden, die aber zumindest angeblich mit ihrem Single-Dasein ganz zufrieden waren. Diese schwarzen Schäfchen hatte ich im besten Fall aber schon entlarvt und aussortiert. Denn das eigentliche Ziel eines Matches sollte ja ein persönliches Treffen und Kennenlernen sein. Die App stellte den Kontakt her, schaffte, was heutzutage leider nur noch selten auf der Straße passiert. Es wurden feierlich die Telefonnummern getauscht und per WhatsApp oder SMS weitere Kommunikationsbemühungen unternommen. Tagelang? Wochenlang?

Der Vorteil, sich länger nur auf schriftlichen Kontakt zu beschränken, lag eindeutig darin, dass man sehr viel über den anderen herausfinden, gezielt K.O.-Kriterien ausschließen und Gemeinsamkeiten abklopfen konnte, bevor man sich im Endeffekt vielleicht umsonst die „Mühe“ eines Treffens machte.

Legte man Wert auf die Stimme und war mutig genug, konnte man auch telefonieren oder Sprachnachrichten verschicken.

Man hatte so die Möglichkeit, frühzeitig Dinge über sich selbst zu erzählen, die den anderen vielleicht hätten abschrecken können. Wollte er sich dann dennoch treffen, erlebte er auch keine böse Überraschung mehr.

Gerne greife ich an diesem Punkt auf ein Telefonat vor, nach dem ein Treffen für mich ganz klar ausgeschlossen war. In breitestem Dialekt schilderte mir ein Mann, der sich zuvor in WhatsApp sehr eloquent und bedacht auszudrücken gewusst hatte, die Folgen seines kürzlich operierten Leistenbruchs: „Seitdem spür ä do unne gar nix mehr. Figge kannsch voll vergesse!“ Hier wurde deutlich, wo die Grenze für zu viel Information lag. Alles musste man ja nicht direkt erzählen.

Durch längeres Chatten ging allerdings auch ein Stück weit der Zauber des Kennenlernens und manchmal auch sehr viel Gesprächsstoff verloren.

In Glücksfällen konnte man beim Date noch stundenlang ohne Unterbrechung quatschen, obwohl oder gerade weil man sich schon die komplette Lebensgeschichte geschrieben hatte. Aber man verlor den Blick für das Wesentliche: für die Bedeutung von Gefühlen. Nur weil es in der Theorie perfekt gepasst hatte, stellten sich nicht automatisch auch in der Praxis welche ein. Dass es sich beim Schreiben richtig anfühlte, musste nichts heißen und war keine Garantie. Bilder konnten verfälscht oder geschönt sein, die Realität ganz anders aussehen. Man musste sich wortwörtlich riechen können. Das fand man erst beim Date heraus. Ein Kribbeln stellte sich nicht allein dadurch ein, dass man im Vorfeld möglichst viele Gemeinsamkeiten festgestellt hatte. Schön, wenn beide gern italienisch aßen, verliebte Blicke über den Tellerrand hinweg musste das in der Zukunft trotzdem nicht bedeuten. Viel schöner war es doch, wenn der eine vor einem Nudelteller, der andere vor einer Sushi-Platte saß, aber beide dabei Herzchen in den Augen hatten. Gewisse Gegensätze zogen sich ja auch sprichwörtlich an und konnten durchaus reizvoll sein; sie waren nicht unbedingt ein Hindernis für ein Funken. Das weiß ich heute.

Demnach war ein reales Treffen wohl spätestens dann sinnvoll, wenn ich mir sicher war, meinen Chatpartner ernsthaft kennenlernen zu wollen. Wenn ich das Gefühl hatte, dass es gut werden könnte, ich schlichtweg zu neugierig auf den Menschen hinter dem Profil war, als es weiter beim Schreiben belassen zu können. Sonst würde womöglich die Enttäuschung am Ende auch umso größer ausfallen, wenn ich den positiven Eindruck virtuell weiter verstärkte, mich an den permanenten Kontakt und Austausch gewöhnte und am Ende vielleicht leider doch würde feststellen müssen, dass die Wirklichkeit ganz anders aussah.

Was für mich der richtige Weg war, sollte die Zeit zeigen.

III ERSTES DATE