Tochter der Feen - A.L. Knorr - E-Book
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Tochter der Feen E-Book

A.L. Knorr

5,0

Beschreibung

Die Töchter der Elemente – Vier Freundinnen mit übersinnlichen Fähigkeiten. Georjayna reist nach Blackmouth Castle in den schottischen Highlands, um ihren Freund Jasher zu besuchen. Doch der Adoptivsohn ihrer Tante ist kaum wiederzuerkennen: Seit ihrem Kuss im letzten Sommer hat er sich um 180 Grad gewendet und scheint eher verwirrt als erfreut über Georjies Besuch. Auch sonst geht in Blackmouth nicht alles mit rechten Dingen zu. Georjie ahnt, dass übersinnliche Mächte im Spiel sind … Und sie kommt dem Rätsel ihrer eigenen Fähigkeiten auf die Spur. Denn in ihr steckt nicht nur die Kraft der Erde. Sondern auch die Magie der Feen.

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Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26

TOCHTER DER FEEN

Die Töchter der

Elemente

Band VII

von A.L. Knorr

Impresssum

Titel: Tochter der Feen

Originaltitel: Bones of the Witch

Autor: Abby L. Knorr

Verlag: VVM

Cover: Damonza

Deutsche Erstveröffentlichung: Berlin 2021

Kapitel 1

Der Geruch von Hopfen, Rauch und gebratenem Essen schlug mir entgegen, als ich das kleine Pub betrat. Gelächter und Gespräche hingen in der stickigen Luft. Ein Kerl mit einer Strickmütze, die so hoch auf seinem Kopf saß, dass sie jeden Augenblick herunterzurutschen drohte, zupfte an einer Fiedel, während ein anderer Musiker auf einer Gitarre spielte. Mehrere Augenpaare richteten sich auf mich, als ich die Tür hinter mir schloss. Zum Glück waren die meisten Blicke freundlich.

„Lass die Tür offen, ja, Schatz?“, rief eine rundliche Frau mit roten Wangen, die mit einem Lappen den Tresen wischte.

Ich nickte und stieß die Tür wieder auf. Das war eine gute Entscheidung, denn der Ort war so feucht wie ein Keller.

Ich suchte die Köpfe nach Jashers dunklem Haarschopf ab und entdeckte ihn in ein Gespräch vertieft an der Rückseite des Raums. Er stand mit dem Rücken zu mir, aber ich hätte seine große, breitschultrige Gestalt überall erkannt. Eine Welle der Verärgerung kam in mir auf. Das war nicht das Gefühl, mit dem ich dieses Abenteuer beginnen wollte. Doch ich konnte es nicht verhindern. Jasher hatte eine Freundin geschickt, um mich vom Bahnhof abzuholen, anstatt selbst zu kommen. Wenn er mit Arbeit beschäftigt gewesen wäre oder aus irgendeinem anderen Grund nicht selbst hätte kommen können, hätte ich damit kein Problem gehabt, aber als seine Freundin vor dem Pub gehalten und mir mitgeteilt hatte, dass Jasher da drinnen sei, war ich verletzt gewesen.

Er konnte mich nicht abholen, weil er hier war, um zu trinken?

Ich holte tief Luft und sagte mir, dass er vielleicht einen nicht offensichtlichen, aber ausgezeichneten Grund hatte und ich meinen Zorn zügeln sollte. Ich schob meinen Rollkoffer unter einen Tisch und schlängelte mich durch die Menge, wobei ich versuchte, mir nicht den Kopf an den unglaublich niedrigen Dachsparren zu stoßen.

Jasher unterhielt sich eifrig mit einem jungen Mann, der einen beeindruckenden Schnurrbart trug.

„Etwas zu trinken, Liebes?“, rief die Dame hinter der Bar und strich sich wilde Locken aus ihrer verschwitzten Stirn.

„Ähm.“ Ich wollte nicht lange bleiben, aber es wäre unhöflich, nichts zu bestellen, zumal der Krug, der auf der Theke vor Jasher stand, noch voll war.

Die Barfrau wartete immer noch auf meine Antwort.

Ich quetschte mich zwischen die Rücken von zwei Männern, die an der Bar standen. Sie strahlten genug Wärme aus, um eine kleine Scheune zu beheizen. Kein Wunder, dass dieser Ort sich wie ein Ofen anfühlte. „Habt ihr Ale?“

„Och, eine Touristin!“, brüllte sie begeistert, als sie meinen Akzent hörte. „Woher kommst du denn, Mädchen?“

„Kanada, aber gerade komme ich aus Polen.“

Ein paar andere hörten mit und schauten mich neugierig an.

„Ich habe einen Cousin, der nach Kanada ausgewandert ist.“ Die Barfrau eilte ans andere Ende und verschwand durch eine Tür. Sie tauchte mit einem Glas wieder auf und schenkte eine braune, sprudelnde Flüssigkeit aus einem Hahn ein. „Du hast dir eine denkbar schlechte Zeit für deinen Besuch ausgesucht, Mädchen. Bis zum Frühling gibt es in dieser Gegend nur schlechtes Wetter und ungewaschene Einheimische.“

Ich lachte. „Ich zähle auch zu den Ungewaschenen. Ich sitze schon den ganzen Tag im Zug.“ Ich legte den Kopf schief. „Und es ist März. Ist das nicht Frühling?“

Diese Aussage war offenbar naiv genug, um den Männern an meinen Seiten und der Barkeeperin ein Lachen zu entlocken.

„Komm in sechs Wochen wieder, wenn du Frühling willst.“ Sie stellte ein tropfendes Glas vor mich hin.

„Danke. Aber ich bin nicht wegen des Wetters hier. Ich besuche einen Freund.“ Ich hob das Glas an und führte es an meine Lippen. Das Ale hier schien wesentlich stärker zu sein, als ich es von zu Hause gewohnt war.

Ich kramte etwas Geld aus meiner Tasche und klatschte es auf die Theke. Ich neigte einen Finger in Richtung meines vergesslichen Freundes und sagte: „Ich habe ihn gefunden. Danke für das Ale.“

Sie zwinkerte mir zu und wandte sich einem anderen Gast zu, der sie in einem so starken Akzent sprach, dass es fast wie eine andere Sprache klang. Der schottische Akzent hier oben in den Highlands war viel stärker als in Edinburgh.

Ich kämpfte mich durch die Menge und schloss den Abstand zwischen Jasher und mir. Trotz meiner Verärgerung flatterten einige Schmetterlinge in meinem Magen umher, als ich ihn nach so langer Zeit direkt vor mir sah.

Jasher und ich hatten keinen einfachen Start gehabt, aber wir waren Freunde geworden. Er war dabei gewesen, als ich zur Weisen geworden war, und das würde uns immer verbinden. Ich freute mich darauf, mehr Zeit mit ihm verbringen zu können. Manchmal ertappte ich mich noch dabei, wie ich an den Kuss dachte, den wir in Irland geteilt hatten – den besten Kuss meines jungen Lebens.

Ich stellte mein Glas direkt hinter ihm auf die Bar und klopfte ihm auf die Schulter. Die Musiker in der Ecke waren viel zu laut, also erhob ich meine Stimme. „Tut mir leid, dass ich störe.“

Jasher hob gerade sein Glas an, als er den Kopf drehte.

„Hallo, Jasher“, sagte ich. Nett von dir, dass du mich am Bahnhof abholen lässt, fügte ich in Gedanken hinzu.

Die Vielzahl an Gefühlen, die sich in seiner Miene spiegelten, war faszinierend. Seine Augen weiteten sich, er presste die Lippen zusammen und runzelte die Augenbrauen fast bis zum Haaransatz. Der Ausdruck des Schocks, der sich schließlich gegen alle anderen Regungen durchsetzte, war so echt, dass mir die Worte fehlten.

Jashers Freund starrte zwischen uns hin und her.

„Georjayna!“, stieß Jasher meinen Namen wie einen Jubelschrei aus und erschreckte sowohl mich als auch seinen Trinkkumpel. Er stellte sein Getränk ab und zog mich in eine heftige Umarmung. Er roch nach Bier, Seife und Holz. Sein Körper fühlte sich so schlank und muskulös an, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Er wich zurück und sah mich an. Sein Gesicht strahlte vor Aufregung. „Was machst du denn hier?“

Ich öffnete und schloss den Mund, als ich seine Frage zu begreifen begann.

„Wie viel hast du getrunken, Jash?“, fragte ich schließlich.

Ich schaute zu seinem Freund, unsicher, ob das Ganze ein abgesprochener Spaß zwischen ihnen war, aber sein Begleiter blinzelte mich nur an.

Mein Blick schwenkte zurück zu Jasher. „Ich habe dir gesagt, dass ich heute ankomme! Ich dachte, du würdest mich am Bahnhof abholen. Deine Freundin hat mich hier abgesetzt. Mein Koffer ist dort drüben, bei der Tür.“ Ich warf einen Blick über meine Schulter und fühlte mich erschöpft, weil ich über die Musik hinwegschreien musste.

Das war kein subtiler Hinweis. Er hatte seinen Spaß gehabt, ich wollte nach Hause.

Jashers Lächeln schwankte und seine Augen weiteten sich wieder. Wir schienen aus den Überraschungen nicht herauszukommen.

„Du hast mir geschrieben?“, fragte er erstaunt.

Ich ertappte mich dabei, wie ich mich krampfhaft an den Inhalt der Briefe erinnerte, die wir ausgetauscht hatten. Mein Besuch war seine Idee gewesen.

Ich beschloss, dass es sich einfach um einen Scherz handeln musste. Ich verdrehte die Augen und lachte, dann richtete ich einen weiteren Blick auf seinen Freund. Er trug ein grünes T-Shirt, auf dem stand: „Do good, die better“. Ich bemerkte, dass er blond war, Mitte zwanzig und genauso muskelbepackt wie Jasher. Ich fragte mich, ob er auch draußen arbeitete.

„Er ist so ein Witzbold“, sagte ich zu seinem Freund.

„Aye“, stimmte der Mann in Grün zu, ein Funkeln blitzte in seinen Augen auf. „Das ist das Erste, was mir aufgefallen ist, als wir angefangen haben, zusammenzuarbeiten.“ Er hob seinen Becher mit Eiswürfeln.

„Georjie.“ Jasher legte mir eine Hand auf die Schulter. „Ich weiß nicht, wovon du redest, aber das ist wirklich eine tolle Überraschung. Ich bin so froh, dass du gekommen bist! Woher wusstest du überhaupt, wo du mich findest?“

Ich starrte ihn an. „Jasher ... deine Freundin hat mich hier abgesetzt. Die Dame, die du geschickt hast, um mich am Bahnhof von Blackmouth abzuholen.“ Ich kramte in meinem Gedächtnis nach ihrem Namen, musste aber zu meiner Beschämung feststellen, dass ich mich nicht daran erinnern konnte. Das musste die Erschöpfung sein. Normalerweise hatte ich ein ziemlich gutes Namensgedächtnis.

Ich konnte praktisch sehen, wie sich die Zahnräder in Jashers Kopf drehten. Es wurde langsam langweilig.

Schließlich wandte sich Jasher an den Mann in Grün. „Entschuldige mich eine Minute, ja?“ Er blinzelte zu mir herüber und überlegte es sich anders. „Nein, eigentlich ... ich denke wir sagen wohl besser gute Nacht.“

Er trank den Rest seines Bieres in vier großen Schlucken und schob das leere Glas nach hinten an die Bar. Dann nickte er dem Mann in Grün zum Abschied zu. „Wir sehen uns morgen früh.“

„Willst du wirklich gehen, ohne mich deiner hübschen Freundin vorzustellen?“, fragte sein Kumpel und schob die Unterlippe vor.

Jasher schlug sich auf den Oberschenkel und ein Hauch von Sägemehl stob auf. Jetzt, wo ich hinschaute, sah ich, dass sein Hemd zerknittert und mit Ölflecken übersät war. Er musste direkt von der Arbeit in die Kneipe gekommen sein.

„Sorry, Kumpel.“ Jasher schüttelte den Kopf. „Sie hat mich ganz schön auf den Arm genommen. Will, das ist Georjayna.“ Er drehte sich zu mir um. „Georjie, das ist Will. Er arbeitet mit mir.“

Will tippte sich mit einem Finger an seine Baseballkappe, sodass sie ein wenig höher auf seinem Kopf saß. „Du gehörst also zur Familie?“ Er sah hoffnungsvoll aus.

„Technisch gesehen nicht“, antworteten Jasher und ich gleichzeitig, dann lachten wir.

„Ihre Mum und meine Adoptivmum sind Schwestern“, erklärte Jasher, während er sein Portemonnaie aus einer Gesäßtasche zog und etwas Geld herausfischte. Er zwinkerte mir zu und die Grübchen, die ich liebgewonnen hatte, erschienen. „Wir haben uns im vergangenen Juni zum ersten Mal getroffen, aber wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Stimmt’s,

Georjie?“

Ich zog eine Augenbraue hoch. Das hatten wir nicht, aber das wollte ich nicht in Erinnerung bringen.

„Adoptierte Cousins also.“ Will stellte seinen Becher auf die Bar und schüttelte mir die Hand. „Willkommen in den Highlands.“

„Schön, dich kennenzulernen.“

„Man sieht sich.“ Will lächelte und hob seinen Drink. Er ließ sich mit dem Rücken an der Wand nieder und wippte mit dem Kopf im Takt der Musik.

Als Jasher und ich uns in Richtung Tür quetschten, brüllte einer der Musiker über die Melodie hinweg: „Sind wir etwa so schlecht?“

„Ja! Ihr habt die einzige Touristin verscheucht, die wir seit Oktober gesehen haben“, krähte die Frau hinter der Bar.

Meine Wangen erwärmten sich, als alle uns beobachteten. Ich fühlte mich, als wären wir unartige Kinder, die sich früh aus dem Unterricht schlichen. An der Tür bückte ich mich, um meinen Koffer zu holen.

„Ich mach das schon.“ Jasher zog den Koffer durch die offene Tür und ich folgte ihm.

„Danke, Jash.“

Jasher machte sich auf den Weg bergab, wobei die Reifen meines Koffers auf dem Kopfsteinpflaster donnerten. Abrupt blieb er stehen und sah sich um, als hätte er sich verlaufen. Schüchtern lenkte er den Koffer herum und ging stattdessen bergauf. „Hier lang.“

„Bist du nicht seit dem Jahreswechsel hier, Jasher? Blackmouth ist noch kleiner als Anacullough. Soll ich etwa glauben, dass du immer noch nicht den Weg vom Pub zur Burg kennst?“

Ich hielt mit ihm Schritt, als wir die schmale, kurvenreiche Straße hinaufstiegen. Der Himmel wölbte sich fast sternenlos schwarz über unseren Köpfen. Hohe Steinmauern trennten einen dichten Wald von der Straße. Ein paar Straßenlaternen boten die einzige Beleuchtung und offenbarten den Weg den Hügel hinauf, der so steil war, dass alles, was dahinter lag, unsichtbar wurde. „Wer war die Dame, die du geschickt hast, um mich abzuholen? Eine Freundin von dir?“

Als ich aus dem Zug gestiegen war, hatte eine Frau mittleren Alters in einem Hauskleid auf mich gewartet. Sie hatte mir mit einem leeren Lächeln einen Namen genannt, an den ich mich nicht mehr erinnern konnte, und mir gesagt, dass sie mich abholte, weil Jasher nicht dazu in der Lage war. Weil ich Jasher nicht hatte anrufen können – er hatte sich vor langer Zeit geschworen, niemals ein eigenes Handy zu besitzen –, war mir nichts anderes übriggeblieben, als ihr zu vertrauen. Ich hatte mich in ihr Auto gesetzt und die kurze, ruhige Fahrt durch das Dorf Blackmouth zu genießen versucht.

Jasher blickte mich an. „Ich habe niemanden geschickt, um dich abzuholen, Georjie. Ehrlich. Ich bin fassungslos, dass du überhaupt hier bist.“

Ich hörte sofort auf zu laufen und starrte ihn an. Uns beiden war das Lachen mittlerweile vergangen.

Jasher blieb ebenfalls stehen. „Ernsthaft. Ich habe keine Ahnung, was du hier machst, Georjie. Aber ich bin froh, dass du gekommen bist. Was für eine tolle Überraschung!“

„Jasher.“ Ich schloss kurz die Augen und suchte meine innere Ruhe. „Ich werde langsam sprechen, damit du es nicht falsch verstehst. Du hast mir einen Brief geschrieben, in dem du mir von deiner Arbeit auf Blackmouth Castle erzählt hast und mich eingeladen hast, für eine Weile zu Besuch zu kommen.“

Stille breitete sich aus und ein Schauer überlief mich. Irgendetwas sehr Seltsames ging hier vor sich. Jasher schien nicht betrunken zu sein, nur ein wenig beschwipst. Es war unmöglich, dass er genug Alkohol getrunken hatte, um den Brief, den er mir geschrieben hatte, komplett zu vergessen.

„Nein, das habe ich nicht“, antwortete er schließlich. „Ich meine ... ich habe dir zwar einen Brief geschrieben, in dem ich dir von dem Job erzählt habe und wo ich bin, aber ich habe dich nicht eingeladen, zu kommen.“ Sein Gesicht errötete. „Versteh mich nicht falsch, ich hätte es getan, aber es ist mir nicht in den Sinn gekommen.“

„Aber ... du hast mich eingeladen.“ Ich war mir sicher, dass er das getan hatte. Es hatte eine Zeile in dem Brief gegeben, in der er mir gesagt hatte, dass ich auf Blackmouth Castle schlafen konnte, da die Burg für die Saison geschlossen war und viele freie Zimmer hatte. Oder etwa nicht? Jasher musste es vergessen haben. Entweder das oder ich verlor den Verstand.

Er warf mir einen Arm über die Schulter und wir stiegen weiter den Hügel hinauf. Meine Gedanken rasten wie Finger über ein Klavier. Hatte ich vielleicht doch etwas missverstanden? Nein, ich war mir sicher.

Wenn Jasher niemanden gebeten hatte, mich abzuholen, wer war dann die Frau gewesen? Moment, war es eine Frau gewesen? Warum konnte ich mich nicht erinnern? Sämtliche Einzelheiten an ihr und die Umstände meiner Ankunft am Bahnhof von Blackmouth fühlten sich jetzt wie ein Traum an – die Details verblassten zu schnell, um sie festzuhalten. Was passierte mit mir?

Meine Zweifel verstärkten sich, als wir den Hügel erklommen und ein Kreisverkehr zu einem Parkplatz führte, der von einem riesigen schwarzen Gebäude überragt wurde. Die Silhouetten zahlreicher Türme reichten bis zu den Wolken und ich riss die Augen auf, um alles in mich aufzunehmen. Von den zahllosen Fenstern waren nur sehr wenige erleuchtet.

„Das Wichtigste ist, dass du jetzt hier bist“, sagte Jasher. „Was auch immer passiert ist, es ist ein glückliches Ereignis und ich hoffe, du bleibst eine ganze Weile.“

Mit dieser süßen, aber unbeholfenen Rede stieß er versehentlich gegen mich und warf mich aus der Bahn. Ich nahm ihn am Ellbogen und korrigierte seine Laufbahn, damit wir nicht in einen Briefkasten liefen.

„Du hast Bonnie und Gavin also nicht gesagt, dass ich komme.“ Ich konnte bereits die Hitze der Verlegenheit in meinen Wangen brennen spüren. Wenn Jasher die Besitzer der Burg nicht gewarnt hatte, dass ich kommen würde, wäre ich ein ungebetener Gast.

„Nein, aber mach dir keine Sorgen. Sie sind die gastfreundlichsten Leute, die du je treffen wirst“, antwortete Jasher und legte einen Arm um meine Schultern. „Ich hätte keine besseren Arbeitgeber finden können.“

Ich schenkte ihm ein schwaches Lächeln, als wir uns Blackmouth Castle näherten.

Zwei Bewegungslichter umrahmten die riesigen Eingangstüren. Instinktiv steuerte ich auf die Türen zu, aber Jasher führte mich stattdessen an die Seite der Burg.

Kies knirschte unter unseren Füßen, als wir an dunklen Fenstern und blattlosen Hecken vorbeigingen. Ein weiteres Bewegungslicht beleuchtete einen Weg aus breiten Steinstufen. Rosenduft wehte vorbei. Der Duft war frisch und ich atmete tief ein, um etwas von der Anspannung des Tages aus meinem Körper zu entlassen.

Ich hatte den Brief von Jasher irgendwo in meinem Koffer. Ich würde ihn ausgraben und ihm zeigen, wie vergesslich ihn das Bier machte. Wenn sein Gedächtnis aufgefrischt war, würde er Bonnie und Gavin von seinem Fehler erzählen und er würde sich an die mysteriöse Freundin erinnern, die er geschickt hatte, um mich abzuholen.

Ein tiefes Gähnen überkam mich. Eines von der kieferbrechenden Art, die meine Freundin Saxony gern ein ‚Katzengähnen‘ nannte.

Morgen. Morgen würde ich den Brief ausgraben.

Jasher öffnete den Seiteneingang und gab mir ein Zeichen, vor ihm hineinzugehen. Er zog meinen Koffer hinter sich her und schloss die Tür. Das Licht erhellte einen makellosen Flur mit sauberen weißen Wänden und einem karierten Teppich. Eine schmale Wendeltreppe verschwand auf der linken Seite, und es war diese Treppe, auf die Jasher jetzt mein Gepäck hinaufhievte. Auf der nächsten Etage schob er sich durch eine Türöffnung in einen weiteren, mit Türen gesäumten Flur. Die Wände waren hier in kühlen Grautönen gestrichen, aber ein Wandleuchter verströmte warmes, gelbes Licht. Ich bewunderte Gemälde von Pferden, Hunden und Landschaftsbildern der Highlands, bis Jasher an eine Tür klopfte.

„Ich bin hier drin, wenn du mich brauchst.“ Er blieb vor der nächsten Tür stehen und öffnete sie. Der Geruch von altem Holz wehte uns entgegen. „Dieses Zimmer ist frei, aber wir können dich morgen in ein größeres Zimmer verlegen, wenn du möchtest. Ich kann Bonnie fragen ...“

„Nein!“, unterbrach ich ihn sofort. „Ich meine, bitte störe sie nicht, dieses Zimmer ist toll. Es reicht völlig aus.“ Ich schnappte mir meinen Koffer und rollte ihn hinein, während Jasher das Licht anknipste.

Zwei ungemachte Betten in antiken Gestellen standen sich gegenüber. Die Außenwand bestand aus Stein, während die Seitenwände mit pfirsich- und mintfarbenen Blumen tapeziert waren. Neben Kommoden gab es kaum Möbel; der Raum war sowohl spärlich als auch altmodisch eingerichtet.

„Hier wird Bettzeug drin sein, denke ich“, sagte Jasher mit leiser Stimme, während er einen Finger in die Tür des Schranks hakte. Er zog gefaltete weiße Laken heraus und legte sie auf das Bett, während ich eine dicke Bettdecke herauszog.

Eine schmale Tür auf der anderen Seite des Schranks fiel mir ins Auge. „Ist das ein begehbarer Kleiderschrank?“

„Das wird die Toilette sein.“ Jasher entfaltete die Laken und machte sich daran, eines der Betten zu beziehen.

„Es gibt ein Badzimmer?“ Ich warf die Bettdecke auf das andere Bett und spähte in den angrenzenden Raum, der tatsächlich ein Bad war. „Haben alle Zimmer ein eigenes Bad?“

„Ziemlich viele. Die Burg wurde in den Sechzigern renoviert.“

Das erklärte die Einrichtung.

Das Badezimmer war winzig und veraltet, aber blitzsauber. Pastellgrünes Porzellan und grüne Bonbonstreifentapete begrüßten mich. Ein blasser Duschvorhang verbarg eine Kastendusche mit einem Duschkopf, an dem ich mir sicher den Kopf stoßen würde. Aber das war mir egal. Es war einfach malerisch: winzige verpackte Seifen auf der Rückseite der Toilette, saubere flauschige Handtücher und Toilettenpapier, das mit pfirsichfarbenen Rosen bedruckt war.

Jashers Kopf erschien im Türrahmen. „Es sieht aus, als hätte Martha Stewart das hier eingerichtet.“ Er zuckte mit den Schultern und schenkte mir ein schiefes Lächeln. „Sie hatten gute Absichten.“

„Ich liebe es.“ Ich knipste das Licht aus. „Wie viele Leute können sagen, dass sie in einer mittelalterlichen Burg in den Highlands übernachtet haben? Selbst wenn das Badezimmer pfirsichfarbene und grüne Streifen hat?“

Wir machten gemeinsam das Bett fertig und ich stellte meinen Koffer auf das andere Bett, öffnete ihn und kramte nach meinem Kulturbeutel.

„Wir sehen uns morgen früh, Georjie“, sagte Jasher und nahm mich zum Abschied noch einmal in die Arme.

Ich lehnte mich an ihn und ließ die Erleichterung darüber, dass mein langer Reisetag hinter mir lag, auf mich wirken.

„Ich muss morgen früh zur Arbeit“, sagte Jasher, als er mich losließ, „aber ich werde Ainslie, der Haushälterin, sagen, dass sie dich zum Frühstück erwarten soll, so gegen ... acht?“

„Danke. Werden die Besitzer da sein?“ Je eher ich sie traf und erklärte, wie ich ohne Einladung in ihrer Burg gelandet war, desto besser würde ich mich fühlen.

Jasher kniff mir leicht in die Wange. „Mach dir keine Sorgen. Ich werde dich vorstellen. Sie werden sich freuen, dich zu sehen, zumal du eine Sutherland bist. Gavin ist verrückt nach dieser ganzen Abstammungssache.“

Ich kniff die Brauen zusammen, als ich ihm zur Tür folgte. „Was hat mein Nachname damit zu tun?“

„Wir befinden uns in der Region Sutherland in Schottland, Georjie.“ Er gluckste über meinen überraschten Blick. „Ich weiß. Ich wusste auch nicht, dass die Sutherlands aus Schottland stammen.“

„Tun wir nicht“, erwiderte ich. „Wir sind Iren.“

Jasher zuckte mit den Schultern. „Gavin wird sich gern mit dir darüber unterhalten. Ich halte mich da raus. Ich muss eine Sprengung organisieren, also werde ich alle Hände voll zu tun haben.“

„Eine Sprengung?“

Er nickte.

„Was wird denn zerstört?“

„Irgendeine Ruine in den Bäumen, die seit Gott weiß wie vielen Jahrhunderten keinen Zweck mehr erfüllt hat. Gavin will an ihrer Stelle ein Häuschen bauen, eine Art Unterkunft für Liebespaare. Du kannst morgen zusehen, wenn du möchtest.“

„Sehr gern.“ Meine Augen begannen zu tränen und ich musste erneut gähnen.

Jasher ging hinaus in den Flur und schaute zurück, kurz bevor ich die Tür schloss. „Ich bin froh, dass du gekommen bist!“

Ich schenkte ihm ein Lächeln und kramte in meiner Tasche nach meiner Zahnbürste und meinem Schlafanzug. Ich duschte schnell und machte mich bettfertig. Dann schlüpfte ich mit einem tiefen Seufzer zwischen die sauberen Laken. Ich schloss die Augen und mein Körper entspannte sich.

Doch nach einigen langen Sekunden sprangen meine Augen wieder auf.

In der Ferne war das fast unmerkliche Geräusch von Trommeln zu hören. Oder bildete ich mir das nur ein?

Ich setzte mich auf, legte den Kopf schief und spitzte die Ohren. Nein, ich bildete es mir definitiv nicht ein. Jemand trommelte, und wenn ich mich nicht täuschte, waren auch Flöten zu hören. Wer machte um diese Zeit noch Musik?

Ich ging zur Tür, um zu lauschen, und spähte hinaus. Der Flur lag im Halbdunkel. Nur Mondlicht erhellte den Teppich und die Türen.

Das Trommeln klang im Flur nicht lauter, aber auch nicht leiser. Es war unmöglich auszumachen, woher das Geräusch kam. Ich warf einen Blick auf Jashers geschlossene Tür und beäugte den Spalt am Boden. Es war kein Licht zu sehen. Wahrscheinlich schlief er schon im Dunst seines Biernebels.

Ich ging zum hinteren Ende des Flurs und spähte durch die Dunkelheit, wo die Halle nach rechts abbog. Ein weiterer dunkler mit Türen gesäumter Gang erstreckte sich vor mir und noch immer klang das Trommeln weder lauter noch leiser.

Ich musste komisch aussehen, wie ich da in meiner Pyjamahose und meinem T-Shirt stand und meine nackten Zehen in den Teppich grub. Ich überlegte, ob ich noch weiter nach der Quelle der Musik suchen sollte, aber ich war zu müde. Und was, wenn ich Gavin oder Bonnie oder einem der Angestellten begegnete? Ich war hier schließlich ein Gast – ein unbekannter noch dazu.

Achselzuckend wanderte ich zurück in mein Zimmer. Das Trommeln würde mich in meinem erschöpften Zustand jedenfalls nicht wach halten. Ich ging zurück ins Bett und verkroch mich unter der Decke.

Kapitel 2

Das Gelächter von Männern riss mich aus dem Schlaf.

Ich hatte geträumt, dass ich mich immer noch in Polen bei Targa befand, und glaubte mich in einem der luxuriösen Betten der Novaks wiederzufinden. Doch das Erste, was ich sah, war eine Kommode aus der Mitte des letzten Jahrhunderts. Blinzelnd und verwirrt setzte ich mich auf. Der Anblick meines Gepäcks, offen und durchwühlt, brachte meine Erinnerung zurück. Ich war in den Highlands und eine der lachenden Stimmen, die von draußen hereindrangen, stammte von Jasher.

Mein Magen gab ein Grummeln von sich, als würde er sich darüber beschweren, dass ich nicht früher aufgestanden war. Ich schnappte mir mein Handy und starrte ungläubig auf den Bildschirm. Es war fast Mittag! Das sanfte Licht, das durch das Fenster fiel, war trügerisch; es war so schwach, dass man es für frühes Morgenlicht halten konnte.

Als ich aus dem Fenster schaute, sah ich grüne Flecken durch das verzogene Glas. Ich öffnete das Fenster und erhaschte einen Blick auf sanfte, bewaldete Hügel und eine blau-graue Fläche am Horizont – die Nordsee. Die Wolken waren dick und hatten die Farbe von Bronze. Ich war überrascht, dass es nicht regnete. Die Luft roch nach Ozon, reicher Erde und ... Rosen. Ich nahm einen tiefen Atemzug und seufzte vor Vergnügen. Schottland mochte kalt sein, aber es roch wirklich herrlich. Es kam mir trotzdem seltsam vor. Welche Rosen blühten so früh im Jahr und so weit im Norden?

Ich kletterte unter die Dusche und wusch mich schnell, dann zog ich eine Jeans und einen schlichten Wollpullover an, schnappte mir meine Laufschuhe und einen Regenmantel und machte mich auf den Weg zu der Treppe, die Jasher mich in der Nacht zuvor hinaufgeführt hatte. Kurz bevor ich unten ankam, erinnerte ich mich daran, dass ich Jashers Brief finden wollte, und lief noch einmal zurück. Ich durchwühlte mein Gepäck nach meinem Papierkram. Endlich fand ich den Briefstapel und blätterte darin herum, bis ich den richtigen Brief hatte.

„Aha!“, rief ich siegessicher. Ich überflog den Brief und suchte nach dem Absatz, in dem Jasher mich einlud, nach Blackmouth zu kommen. Ich überflog den Brief zweimal. Dann las ich ihn gründlich, Satz für Satz. Aber ich fand die Stelle nicht.

Ich las den Brief ein zweites und ein drittes Mal. Mein Magen sackte zusammen.

Wie konnte die Passage nicht mehr da sein? Ich hatte mir die Einladung doch nicht eingebildet! Ich hätte mein Leben darauf verwettet, dass ich es gelesen hatte, schwarz auf weiß. Ich wäre ohne Einladung doch nie nach Schottland gekommen.

Wie gelähmt saß ich auf dem Boden, mit dem Rücken gegen die Bettkante gelehnt, und starrte auf den Brief in meinem Schoß.

Ich wusste nicht, wie lange ich so dasaß, aber als mein Hintern vom Sitzen auf dem Steinboden zu schmerzen begann, stand ich auf und verstaute den Brief. Völlig verwirrt musste ich zugeben, dass ich den Brief falsch gelesen hatte, aber alles in mir rebellierte gegen diese Erkenntnis. Denn ich wusste, was ich wusste: Ich war eingeladen worden. Entweder ging hier etwas wirklich Seltsames vor sich, oder ich war verrückt geworden. Mit aller Macht schüttelte ich diese Sorge ab und verließ mein Zimmer.

Frauenstimmen drifteten die Treppe hinauf. Ich verlangsamte meinen Schritt und schluckte, weil ich mich fragte, ob Jasher den Bewohnern der Burg schon gesagt hatte, dass ich hier war. Ich folgte dem Geräusch des Gesprächs und kam in eine ebenerdige Küche, in der zwei Frauen herumwuselten und zwei Kinder an einem langen Holztisch saßen. Die Küche sah aus wie eine Filmkulisse. Ein großer eiserner Suppentopf stand in einem tiefen Steinkamin. Kupferne Kochtöpfe, Pfannen und Utensilien hingen an der Wand. Getrocknete Kräuter baumelten von einem dicken Balken und ließen den Raum nach Rosmarin und Oregano duften. Ein Gasherd aus der Mitte des letzten Jahrhunderts mit sechs Brennern befand sich neben einem gedrungenen Kühlschrank ohne gerade Kanten.

„Guten Morgen!“, sagte die zierlichere der beiden Frauen, während sie einen Laib Brot aus einem metallenen Brotkasten auf dem Tresen holte. „Gut geschlafen?“

„Ja, danke.“ Ich stieg die letzten paar Stufen hinunter in die Küche. „Ich bin Georjie. Hat Jasher ...?“

„Das hat er, und du bist herzlich willkommen.“ Die größere Frau hatte krauses, kupferfarbenes Haar und ein rotes, aber strahlendes Gesicht. Sie trug einen grauen Poncho und eine Unmenge an Tüchern. „Du wirst sicher hungrig sein?“

„Du hast den ganzen Morgen verschlafen“, mischte sich die Zierliche ein. Sie trug eine altmodische Rüschenschürze und hatte große graue Augen.

Ich zupfte nervös an meinen Haarspitzen. „Es tut mir leid, ich war müde von der Reise.“

Die Größere fuchtelte mit ihrer Hand. „Mach dir nichts draus, Ainslie steht jeden Morgen um fünf auf, ob sie nun arbeitet oder nicht. Sie ist nur neidisch, dass du einen so guten Schlaf hast.“

„Das stimmt“, gab Ainslie zu, während sie dem rothaarigen Mädchen ein Sandwich mit abgeschnittener Kruste vorsetzte. „Wenn man älter wird, gehört Ausschlafen der Vergangenheit an. Setz dich neben Maisie, hier.“

Die großen braunen Augen des Mädchens folgten mir, als ich um den Tisch herumging.

Ich lächelte die Kleine an. „Schön, dich kennenzulernen, Maisie.“

Ich drehte mich zu dem Jungen um. Auch er hatte kupferrote Haare wie seine Schwester. Ich öffnete den Mund, um nach seinem Namen zu fragen, als er mir eine Hand über den Tisch entgegenstreckte.

„Lorne“, stellte er sich vor. Seine Stimme war so ernst wie der Tod. „Ich habe gehört, du bist eine Sutherland?“ Er ergriff meine Hand und drückte sie fest.

Ich lächelte angesichts seiner düsteren Miene und seiner reifen Art zu sprechen, aber er lächelte nicht zurück, also biss ich mir auf die Wange. „Stimmt.“

„Wir sind auch Sutherlands. Auf Dads Seite“, fuhr Lorne fort. „Wir sind wahrscheinlich verwandt.“ Er zog die Augenbrauen zusammen, als wäre die Vorstellung ein wenig beunruhigend.

Ich hatte nicht das Bedürfnis, ihnen zu sagen, dass ich vorhatte, meinen Namen in Sheehan zu ändern - den Mädchennamen meiner Mutter – und einfach noch nicht dazu gekommen war. Ich glaubte nicht, dass das hier gut ankommen würde.

„Ich bin Bonnie“, erklärte die rothaarige Frau. Sie zerzauste Lornes Haare. „Und ihr werdet beide zu spät zu eurem Nachmittagsunterricht kommen, wenn ihr nicht aufesst.“

Ainslie stellte mir ein Sandwich vor die Nase und ich bedankte mich und nahm einen Bissen.

„Kaffee?“, fragte Bonnie.

Ich schenkte ihr ein dankbares Lächeln. „Danke, gern.“

Sie holte einen italienischen Espressokocher aus einem Schrank über der Spüle und ich musste lächeln. Der Espressokocher sah genauso aus wie der, mit dem Targa uns früher oft Kaffee gemacht hatte, als sie und ihre Mutter noch in einem Wohnwagen gelebt hatten. Und jetzt war sie die Erbin eines Millionenunternehmens in Polen ...

Ainslie stellte eine große Bratpfanne auf den Tisch und begann, Kartoffeln zu schälen, mit den geschmeidigen, schnellen Bewegungen von jemandem, der diese Arbeit von Kindestagen an erledigte. „Du bist also aus Edinburgh angereist?“

Ich nickte. „Gestern Abend. Ich muss mich nochmals entschuldigen, dass ich euch so überfalle.“

„Zerbrich dir nicht den Kopf darüber“, sagte Bonnie, während sie sich eine Kaffeetasse schnappte. „Jeder Sutherland ist hier willkommen und genug Platz haben wir allemal. Jasher sagt, du machst dein letztes Jahr an der Highschool per Fernunterricht?“

Ich nickte wieder, den Mund voll Sandwich. Sowohl Lorne als auch Maisie beobachteten jede meiner Bewegungen, Lorne mit der Strenge eines Wissenschaftlers und Maisie mit offenem Mund. Ich zwinkerte ihr zu und wurde mit dem Anflug eines scheuen Lächelns belohnt.

„Hast du die Schule immer aus der Ferne gemacht?“, fragte Bonnie.

Ich schüttelte den Kopf und schluckte. „Nein, erst seit diesem Jahr. Alle meine Freundinnen sind im Ausland, und ich brauchte eine Pause von meiner Heimatstadt.“

„Kann ich die Schule auch aus der Ferne machen?“, fragte Lorne auf seine ernsthafte Art und neigte den Kopf zurück, um seine Mutter anzusehen.

„Lorne, Schatz. Du bist erst acht.“

„Wenn ich älter bin, natürlich.“

„Ich sag dir was.“ Bonnie küsste ihn auf die Wange und kehrte zum Herd zurück, um den Espresso vor dem Überkochen zu bewahren. „Lass uns diese Unterhaltung in acht Jahren führen.“

Lorne runzelte die Stirn. „Ich bin reifer als andere Kinder.“ Er schien in seinem Kopf eine Rechnung aufzustellen. „Sagen wir, in sechs Jahren?“

Ich nahm einen weiteren Bissen von meinem Sandwich, um mein Lächeln zu verbergen. Ich erwischte Ainslie dabei, wie sie in ihren Ärmel lachte, wobei Kartoffelschalen von ihrem Messer fielen.

„Wir werden sehen.“ Bonnie goss den Espresso in meine Tasse ein und sagte mir, ich solle mich selbst bedienen, wenn ich Milch und Zucker wollte.

Als ich mein Sandwich fast aufgegessen hatte, wurden die Kinder von Bonnie aus der Küche geführt. Ich blieb mit Ainslie zurück.

„Sie hat es nicht gesagt“, begann Ainslie, den Blick auf die Kartoffel gerichtet, die unter ihrem flinken Griff ihre Schale verlor, „aber Bonnie Sinclair-Sutherland ist die Dame des Hauses.“

Ich schluckte den letzten Bissen meines Sandwiches hinunter und zog meinen Kaffee näher heran. „Ja, Jasher hat mir ein wenig über Bonnie und Gavin erzählt.“

„Aye. Gavin, der Laird, er ist hinten bei den Männern, auch dein Jasher.“ Ainslies sah zu mir herüber und ich fing die Frage in ihrem Blick auf. Mir wurde klar, dass dieses zierliche Hausmädchen es sich wahrscheinlich zur Aufgabe gemacht hatte, jede Kleinigkeit, die auf der Burg vor sich ging, in Erfahrung zu bringen. Ihre Andeutung war mir nicht entgangen.

„Jasher und ich sind nicht zusammen“, sagte ich offen.

„Ah.“ Ainslie entspannte sich deutlich. „Was denkst du, wie lange du in Blackmouth bleiben wirst?“

Es war eine beiläufige Frage, aber ich fühlte, dass ihr meine Antwort sehr wichtig war.

„Ich bin mir nicht sicher“, antwortete ich langsam. „Wann läuft meine Willkommensphase denn aus?“

„Da musst du die Lady fragen“, sagte Ainslie, „aber Blackmouth ist bis Mai für Touristen geschlossen, also ... wenn du dir ein bisschen Geld dazuverdienen willst, könnte ich von Zeit zu Zeit helfende Hände gebrauchen.“

Ich stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Das war es also, worauf sie aus war. „Sicher, ich würde gern helfen, wenn ich nicht gerade Schularbeiten mache. Aber ich bin kein Profi in Sachen Hausarbeit.“ Zu Hause hatten wir einen Putzdienst, und meine Fähigkeiten beim Kochen endeten bei Spaghetti. „Aber ich lerne schnell.“

Ich brauchte kein Geld, aber ich hatte sie ohne Vorwarnung mit meiner Anwesenheit überrumpelt. Es fühlte sich nicht richtig an, Ainslies Bitte abzulehnen.

Sie strahlte mich mit einem Lächeln an. „Wunderbar.“

Ich nippte an meinem Kaffee, doch als sich die Stille ausdehnte, begann ich mich zu fragen, ob sie jetzt gleich gemeint hatte. Sollte ich ihr anbieten, ihr beim Kartoffelschälen zu helfen? Was ich wirklich tun wollte, war Jasher zu suchen und die Burg bei Tageslicht zu sehen. Vielleicht würde er Zeit haben, mich herumzuführen. Ich stand auf, um meine Bereitschaft zum Aufbruch zu signalisieren. Ich nahm meinen leeren Teller mit zur Spüle und schnappte mir auch Maisies und Lornes Teller. Ainslies anerkennender Blick entging mir nicht.

„Wer hat gestern Abend Musik gespielt?“, fragte ich, während ich die Sandwichreste in den Mülleimer warf und begann, das Geschirr abzuwaschen.

Ainslie hörte auf zu schälen. Sie richtete sich auf. „Musik? Du hast Musik gehört?“

„Ja, ich konnte Trommeln in meinem Zimmer hören. Aus der Ferne.“

Ihr Blick schien zu sagen, dass es einen Höllenärger geben würde, wenn irgendjemand in der letzten Nacht im Schlosspark sein Unwesen getrieben hätte.

„Vielleicht die Nachbarn?“, vermutete ich.

„Die nächsten Nachbarn sind eine Viertelmeile den Hügel hinunter. Wenn sie so laut Musik gespielt hätten, dass du sie hören konntest, hätten sie Besuch vom örtlichen Bobby bekommen. Bist du sicher, dass du nicht geträumt hast?“

Ich hatte nicht geträumt; ich war durch die Gänge gelaufen, aber ich wollte sie nicht verärgern. „Vielleicht.“

Die Falten auf ihrer Stirn glätteten sich etwas.

„Weißt du, wo ich Jasher finde?“, fragte ich, während ich den letzten Teller in den Trockenständer stellte.

„Er wird höchstwahrscheinlich mit Gavin draußen sein“, antwortete Ainslie, den Blick wieder auf ihren wachsenden Kartoffelhaufen gerichtet. „Geh durch den mittleren Weg des Gartenlabyrinths, folge ihm den Hügel hinunter und in Richtung Bäume. Danach wird es ein wenig heikel. Folge einfach den Stimmen der Männer, die solltest du dann schon hören. Hier.“ Sie legte ihr Messer ab und ging zum Tresen, wo sie eine dicke Thermoskanne aus Aluminium nahm und mir hinhielt. „Gavin trinkt am Nachmittag gern ein bisschen Tee.“

Ich nahm die Thermoskanne und versprach, dass ich sie ihm bringen würde.

„Sag den Jungs, dass es um Punkt sieben Abendessen gibt. Sie neigen dazu, sich aufzuhalten und zu spät zum Essen zu kommen.“ Sie zeigte mit der Spitze ihres Messers auf mich. „Ich schufte nicht den ganzen Tag für ein anständiges Mahl, nur damit es kalt wird, bevor die Herren sich überhaupt hingesetzt haben.“

„Ja, Ma’am.“ Ich salutierte vor ihr. „Ich werde die Nachricht weitergeben.“ Ich ging zur Hintertür und schlüpfte in meine Jacke.

Vielleicht würde mir der Gutsherr sagen können, wer hier gestern Abend getrommelt hatte, denn die Haushälterin konnte es offensichtlich nicht.

Kapitel 3

Nachdem ich die Burg durch den Nebeneingang verlassen hatte, ging ich die Steinstufen an der Seite des Gebäudes hinunter. Sie flachten ab und führten mich in den hinteren Garten, wo ich schlagartig stehen blieb.

Ein wunderschön gepflegter Irrgarten aus Hecken, Rosenstöcken und Formgehölzen breitete sich vor mir aus. Die feuchte Luft war schwer von dem stechenden Aroma der blühenden Rosen. In der Mitte des Labyrinths plätscherte ein Springbrunnen und Statuen von herumtollenden Hirschen zierten das Grün.

„Unmöglich“, flüsterte ich und starrte auf das Meer aus weißen Rosen und üppigen, dornigen Sträuchern. Die Luft war so kalt, dass sie zu Nebel kondensierte, wenn ich ausatmete. Es war zu kalt, um ohne Mütze, Handschuhe und Schal draußen zu sein, ganz zu schweigen von einer dicken Jeans ... und doch stand dieses Gartenlabyrinth in voller Blüte.

Ich ging zum nächstgelegenen Rosenstrauch und schaute ihn mir genauer an. Die Blüten waren weiß, mit grünen Adern durchzogen, und korallenrot am Ansatz. Ähnliche Farben wie in meinem Schlafzimmer. Ich beugte mich vor, um zu schnuppern, und stöhnte vor Freude auf. Es waren diese Rosen, deren Duft ich seit meiner Ankunft wahrgenommen hatte. Aber wie konnte es sein, dass sie im Spätwinter blühten?

Unfähig, meine Neugier zu zügeln, schlüpfte ich mit den Füßen aus den Schuhen und zog meine Socken aus. Der Boden war so kalt, dass er mich erschaudern ließ, aber als ich mich an die Kälte gewöhnt hatte, war es nicht mehr so schlimm. Ich schloss meine Augen und stimmte mich auf die Rosen ein.

Es war außergewöhnlich. Der Rest der Gartenpflanzen schlief. Die Kräuter, Sträucher und anderen Blumen befanden sich alle im richtigen Jahreszeitenzyklus. Die Rosen jedoch pulsierten und summten vor Leben. Sie waren so lebendig, dass sie praktisch sangen. Ich schüttelte erstaunt den Kopf und zog meine Socken und Schuhe wieder an, wobei ich mir eine geistige Notiz machte, Bonnie oder Ainslie nach diesem Wunder zu fragen.

Dem Klang von Männerstimmen folgend wanderte ich einen langen, schlammigen Abhang hinunter, der in einem Dickicht aus buschigen Bäumen endete. Die Stimmen kamen von irgendwo aus dem Wäldchen, also ging ich weiter und versuchte, nicht auszurutschen. Die Art von schmalem Pfad, die wir zu Hause als Ziegenpfad bezeichneten, schlängelte sich unter den Bäumen dahin. Brombeersträucher schnappten nach meiner Kleidung und der Boden war übersät mit verrottenden Blättern und feuchten Zweigen. Nachdem ich mich durch das dichte Unterholz gekämpft hatte, trat ich endlich auf eine Lichtung.

Jasher und ein weiterer junger Mann standen mit einem älteren Mann zusammen und diskutierten gestikulierend über etwas, das wie eine wogende Masse aus dornigem Gebüsch aussah.

Ich überquerte die Lichtung und bemerkte, dass sich in dem beeindruckenden Dickicht aus zwei Zentimeter langen Dornen mehrere sehr dicke, abgenutzte Steinmauern befanden. Die Ruine, die Jasher abreißen musste, nahm ich an.

Der Kerl neben Jasher bemerkte mich und hob eine Hand. „Wir haben Besuch.“

„Du hast uns gefunden!“ Jasher winkte mich heran. „Komm, ich stelle dich vor.“

Der große ältere Mann schaute über seine Schulter und lächelte. Er trug einen Kilt. Sein eng gestutzter Bart war von silbernen Strähnen durchzogen und sympathische Falten umkränzten seine Augen. „Das muss deine Freundin aus Kanada sein.“ Er hielt mir eine breite, behandschuhte Hand hin. „Ich bin Gavin, der Gutsherr dieser Ländereien und der Burg. Freut mich dich kennenzulernen.“

Ich schüttelte seine Hand. „Es tut mir leid, dass meine Ankunft eine kleine Überraschung ist.“

„Das ist kein Problem, Mädchen“, antwortete Gavin. „Wir haben viele leere Zimmer, aber wenn du nicht auf Ainslie aufpasst, wird sie dir anbieten, dich in die Freuden des Kartoffelschälens und der Toilettenreinigung einzuweihen.“

Ich lachte. „Das hat sie schon getan. Den Teil mit den Kartoffeln, nicht die ... Toiletten.“

„Und das ist Lachlan.“ Jasher deutete auf seinen anderen Begleiter.

„Schön, dich kennenzulernen, Georjayna. Willkommen in Blackmouth.“

Mein Herz stolperte unerwartet angesichts seiner Stimme, die so warm und tief war wie eine dicke Decke. Augen von der Farbe des Himmels vor einem Sturm funkelten aus einem breiten, anmutig geschnittenen Gesicht. Er war fast so groß wie Jasher, aber breiter und weicher. So, wie er gekleidet war und überhaupt aussah, erinnerte er mich an das romantische Klischee eines Holzfällers. Aber auf eine gute Weise. Lachlan war die Art von Kerl, bei dem man erst auf den zweiten Blick erkannte, dass er attraktiv war, aber wenn man es einmal gesehen hatte, konnte man es nicht mehr ignorieren. Sein Blick blieb an mir haften und ich fühlte mich irgendwie unfähig, wegzuschauen, bis Gavin wieder sprach und unsere Verbindung brach.

„Jasher sagt, dass du eine Sutherland bist?“