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Einen Tag nach seiner Hochzeit wurde der Münchner Soldat Anton Linzer nach Nord-Norwegen an den nördlichsten Einsatzort der Wehrmacht "abgestellt". Schon die Fahrt entlang der verminten Küstengewässer Norwegens geriet zu einem Abenteuer mit Herzklopfen. In den nächsten zwei Jahren leistete er als Funker seinen nervenaufreibenden Dienst und erlebte, wie nahe dem Nordkap der Sommer keine Nacht und der Winter keinen Tag kannte. Seine Ablehnung gegenüber allem Militärischen "bestraften" seine Vorgesetzten mit der Abstellung in die Südukraine, der damals am härtesten umkämpften Front. Damit war er rettungslos verloren. Denn die Russen kesselten die ganze Südukraine ein, um jede Flucht in die Heimat zu unterbinden und deutsche Soldaten als Kriegsgefangene für den Wiederaufbau Stalingrads gefangen zu nehmen. Nach viereinhalb Jahren Kriegsgefangenschaft gelangte er im Oktober 1948 nach Wien, schwer an Tbc erkrankt. Am 20. Oktober schrieb er noch einen hoffnungsvollen Brief an einen Freund. Doch 14 Tage später starb er. Warum, war jahrelang ein Geheimnis. Bis die Autoren plötzlich im Nachlass einen winzigen Zettel aus seinem Geheimtagebuch fanden ...
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Seitenzahl: 469
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Über dieses Buch
Einen Tag nach seiner Hochzeit wurde der Münchner Soldat Anton Linzer nach Nord-Norwegen an den nördlichsten Einsatzort der Wehrmacht „abgestellt“. Schon die Fahrt entlang der verminten Küstengewässer Norwegens geriet zu einem Abenteuer mit Herzklopfen. In den nächsten zwei Jahren leistete er als Funker seinen nervenaufreibenden Dienst und erlebte, wie nahe dem Nordkap der Sommer keine Nacht und der Winter keinen Tag kannte.
Seine Ablehnung gegenüber allem Militärischen „bestraften“ seine Vorgesetzten mit der Abstellung in die Südukraine, der damals am härtesten umkämpften Front. Damit war er rettungslos verloren. Denn die Russen kesselten die ganze Südukraine ein, um jede Flucht in die Heimat zu unterbinden und deutsche Soldaten als Kriegsgefangene für den Wiederaufbau Stalingrads gefangen zu nehmen.
Nach 4 ½ Jahren Kriegsgefangenschaft gelangte er im Oktober 1948 nach Wien, schwer an Tbc erkrankt. Am 20. Oktober schrieb er noch einen hoffnungsvollen Brief an einen Freund. Doch 14 Tage später starb er. Warum, war jahrelang ein Geheimnis. Bis die Autoren plötzlich im Nachlass einen winzigen Zettel aus seinem Geheimtagebuch fanden…
Biografien
Elfriede Altmann-Linzer wurde am 20. Oktober 1942 in München geboren. Ihren Vater, Anton Linzer, sah sie das letzte Mal im November 43. Nach einer Ausbildung an der Riemerschmid-Handelsschule war sie jahrelang Chefsekretärin in einem Industriebetrieb, bis sie 1971 beschloss das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachzuholen. 1975 heiratete sie und 1996 erhielt sie von ihrer Mutter einen Karton mit über 200 Briefen ihres Vaters. Erst der Film „Unsere Mütter, unsere Väter“ motivierte sie 20 Jahre später, die Briefe ihres Vaters zu lesen und diese einzigartigen Dokumente der Zeitgeschichte zu veröffentlichen.
Hans Christian Altmann studierte nach dem humanistischen Gymnasium in Burghausen zuerst BWL und in einem zweiten Studium Geschichte, das er mit dem Dr. phil. abschloss. Danach machte er sich als Management-Trainer und Autor selbständig. Ein Vortrag über den 1. Weltkrieg, den er in München hielt, weckte sein Interesse, auch den 2. Weltkrieg und seine historischen Hintergründe anhand von Zeitdokumenten – den Briefen Anton Linzers – zu erforschen, um so der Wahrheit dieser Jahrhundert-Katastrophe auf die Spur zu kommen.
Dank
Ich möchte mich bei meinem Mann bedanken, der sich viel Zeit genommen hat, die geschichtlichen Hintergründe des Zweiten Weltkriegs und vor allem der Kämpfe in Norwegen und in Südrussland – den Einsatzorten meines Vaters – genau zu beschreiben. Und auch dafür, wie genau er die Briefe meines Vaters entschlüsselt und damit aufgezeigt hat, was die Soldaten schreiben und was sie nicht schreiben durften. Und wie Sie diese Briefe „lesen“ sollten, um die Wahrheit zu erfahren.
Besonders bewunderte ich die Mühe, mit der er die vielen „Zettelchen“ des Geheimtagebuchs mit ihrer winzigen Schrift Stück für Stück mit der Lupe entziffert und ebenso auch alle Briefe der Verwandtschaft und über 250 Fotos aus dem Nachlass meines Vaters und seines Bruders Franzl begutachtet, ausgewählt und in den Text eingearbeitet hat. Ja, dass er trotz meiner anfänglichen Ablehnung, mit Beharrlichkeit die Idee verfolgte, das Buch mit den Fotos aus dem Nachlass meines Vaters und seines Bruders viel anschaulicher und wahrhafter zu gestalten.
Darüber hinaus hatte ich großes Glück, dass Gunther Lekies, erfolgreicher Unternehmensberater, mich bei Format und Satz des Buches optimal unterstützt hat.
Elfriede Altmann-Linzer
Briefe meines Vaters – Hintergründe und Erinnerungen an eine verlorene Generation
Die wahren Hintergründe des Zweiten Weltkriegs
Der Krieg beginnt – Anton Linzer fährt als Beobachter nach Polen
Der finnisch-sowjetische Krieg – eine wichtige Lektion für Russen und Deutsche
Geheimcode, Geheimtagebuch und Originalfotos als Schlüssel der Wahrheit
Vom Traualtar sofort an die Front – nach Nord-Norwegen!
Von der Kaserne in den Krieg: Stationierung in Nord-Norwegen
Auf der Fahrt zum entferntesten Einsatzort der Wehrmacht
Die „verschlüsselte“ Wahrheit in den Heimat-Briefen
Die wahre Aufgabe der Soldatenbriefe: die Stimmung hochzuhalten!
Warum marschierten die deutschen Truppen in Norwegen ein?
Das Wunder von Narvik: ein unerwarteter Sieg für die Deutschen
Das Wunder von Dünkirchen: die unerwartete Rettung der Engländer
Richtung Nordkap – durch die gefährlichsten Küstengewässer
Erster Einsatzort: Lakselv – im Land der Mitternachtssonne
Nach Skoganvarre zum Funker-Lehrgang
Zum Offiziers-Lehrgang in Hammerfest – dem nördlichsten Einsatzort der Wehrmacht
Der Schock: Vom ruhigen Hammerfest an die russische Front!
Anton Linzers stärkste Charaktereigenschaft: seine hohe Resilienz!
Die besten Methoden der Resilienz im Kriegsalltag
Neue Hoffnung: „Ich habe es im Gefühl, dass mir nichts passieren wird.“
War die Abstellung nach Russland wirklich unvermeidlich?
Rätselraten über den künftigen Einsatzort
Ab in die Südukraine – an die gefährlichste Front zu dieser Zeit
Warum in die Südukraine – ins Land der Getreidefelder, Schlammseen und Läuse?
Erster Einsatzort: Cherson – direkt an der Hauptkampflinie
Die Zensur der Wehrmacht: Was jeder Soldat beachten musste!
Wie man ein tödliches Frontgeschehen zur Satire macht
Es wird ernst: „Schickt mir bitte Pistolenmunition!“
Das Kriegsglück wendet sich zugunsten Russlands
Woher kam plötzlich die neue Offensivkraft der Roten Armee?
Die russische Schlussoffensive schlägt endgültig zu!
Erbitterter Endkampf, weil Hitler von der Eroberung der Welt träumte
Anton Linzer gerät in russische Gefangenschaft
Nach zwei Jahren – die ersten (erlaubten) Briefe in die Heimat
Immer wieder vergebliche Hoffnungen auf Heimkehr
Schwerkrank in einem russischen Lazarett in Rumänien
Dreimal sprang er dem Tod von der Schippe – Tod in Wien
Der letzte Brief aus Wien
Fast am Ziel – das Scheitern aller Hoffnungen
Wirkt der Zweite Weltkrieg noch immer in uns nach?
Was sagt die Wissenschaft dazu?
Die letzte Botschaft eines „Verlorenen“
Als der Film „Unsere Mütter, unsere Väter“ 2014 im Fernsehen gesendet wurde, hat mich das Thema sehr berührt. Spontan erinnerte ich mich an die rund 200 Briefe meines Vaters Anton Linzer aus dem Zweiten Weltkrieg. Sie waren in einer sehr schönen Handschrift – jedoch in „Sütterlin“ – geschrieben. Gott sei Dank habe ich in der 1. Klasse Volkschule in München noch die altdeutsche Schrift gelernt und konnte sie daher problemlos „übersetzen“.
In dem Karton mit den Briefen war auch ein kleines blaues Büchlein mit einem Geheimcode in Form eines Zahlenschlüssels dabei. Nur mit ihm konnte meine Mutter die Einsatzorte meines Vaters identifizieren, da ihre Angabe in den Briefen streng verboten war. Aber so wissen wir, wann und wohin er versetzt wurde.
In dem Karton befand sich auch sein Geheimtagebuch. Es war mit winzigen Buchstaben von 1-2 mm Größe beschrieben und dennoch gut leserlich. Ein Kunststück, das wohl nur ein technischer Zeichner wie mein Vater vollbringen konnte. Aber nur durch dieses Format überstand es alle deutschen und russischen Kontrollen. Denn die Wahrheit war zu dieser Zeit weder in Briefen noch in persönlichen Notizen, weder in Kriegsberichten noch bei Abstellungen (so nannte man damals Versetzungen an eine andere Front), weder in Deutschland noch in Russland erlaubt. Erlaubt war stattdessen, die Wahrheit zu verharmlosen, zu verschleiern oder völlig zu unterdrücken.
Dieses Verschweigen der Wahrheit war ein Kainsmerkmal der damaligen Zeit – einer Zeit der Lügen und der Verbrechen. Zu den am stärksten verbotenen Angaben gehörten die Namen der Einsatzorte, der Reiserouten, der Hauptkampflinie (HKL), der Truppenbewegungen, egal ob es vorwärts oder zurückging. Selbst die Nennung der Einheit und der Waffengattung war verboten. Und genauso waren natürlich auch persönliche Notizen der Soldaten über diese „geheimen“ Dinge untersagt, die seine wahren Eindrücke wiederspiegelten. Gerade mal ein großes „R“ in Gänsefüßchen war erlaubt, wenn eine Abstellung nach Russland drohte, aber das konnte ja auch Rumänien bedeuten. Die Konsequenz dieser bewussten Geheimniskrämerei und Täuschung von Millionen von deutschen Ehefrauen war, dass dieser Krieg ohne jede genaue Ortsbezeichnung in einer Art Niemandsland stattfand.
Unfreiwillig sorgte die Wehrmachtszensur oft selbst mit ihrer „Verharmlosungstaktik“ für echte Komik. Da kämpfte der Soldat noch eben inmitten eines mörderischen Kugelhagels gegen übermächtige, russische Truppen an der Hauptkampflinie, was seine Frau natürlich nicht wusste, und dann schrieb er am Abend noch an sie verharmlosend, dass „sich der Iwan wieder etwas bewegt habe“, oder dass „die Luft jetzt wieder etwas eisenhaltiger“ wäre oder „dass drei Jungs seiner Truppe aus Versehen einen tödlichen Unfall erlitten“ hätten. Aber „dass es ihm ansonsten recht gut gehe und sie sich keinerlei Sorgen um ihn machen müsste“. So war es von der Zensur vorgeschrieben. Und kurze Zeit später erhielt sie die Nachricht seines Todes. Weil sich der Iwan doch zu sehr bewegt hatte?
Nur der Soldat, der schon vorab mit seiner Frau einen Geheimcode ausgemacht hatte, befähigte sie, den wahren Einsatzort und Frontverlauf zu erkennen und daraus Rückschlüsse über das Gefahrenpotential zu ziehen statt blind der Propaganda der Wehrmacht zu vertrauen. Aber vor allem behielten sie beide dadurch einen Rest an persönlicher Würde, statt von der Zensur wie Marionetten an unsichtbaren Schnüren gegängelt zu werden.
Diente der Geheimcode dazu, die verborgenen Wahrheiten des Frontgeschehens zu erkennen, so ermöglichte das Geheimtagebuch Anton Linzer nicht nur, sich die belastenden Kriegserlebnisse von der Seele zu schreiben, sondern auch die „Wahrheit“ festzuhalten.
Wie der Geheimcode mit seinem Zahlenschlüssel funktionierte und was Anton Linzer in sein Geheimtagebuch notierte, werden Sie noch genauer kennenlernen.
Die dritte Quelle der Wahrheit sind die 67 Original-Fotos, zumeist geschossen von Soldaten an der Front. Also Fotos ohne jede Überarbeitung oder Retuschierung, die nur das bezeugen, was sie selbst unmittelbar an der Front erlebt hatten. Und ganz sicher waren es keine verlogenen Bilder wie sie im Dritten Reich in den „Wochenschauen“ gezeigt wurden.
Die Bilder aus Norwegen stammen von meinem Vater, die aus Russland von seinem Bruder, Franzl Linzer, der 1941/42 an der Nordfront (vor Petrograd, heute St. Petersburg) gegen die Russen kämpfte. Mein Vater war dagegen 1942 und 43 in Norwegen und ab 1944 bis zu seiner Gefangennahme an der am härtesten umkämpften Front,der Südukraine, stationiert.
Die militärische Laufbahn meines Vaters begann, als er am 14.11.1938 zur 1.N7 (Nachrichtendienst) einrücken musste und endete am 5.11.1948. Einschließlich Krieg und russischer Gefangenschaft kostete ihn das die zehn besten Jahre seines Lebens: vom 21. bis zum 31. Lebensjahr.
Kurz nach Beginn des Wehrdienstes lernte er am 21. April 1940 in der Großgaststätte „Heide-Volm“ in Planegg bei München meine Mutter Elfriede Kaiser bei einer Tanzveranstaltung kennen. Sie war noch keine 17, er noch keine 23 Jahre alt. Knapp zwei Jahre später heirateten sie. Einen Tag später ging es bereits am 1. März 1942 an die Front – nach Nord-Norwegen.
Abbildung 1: Hochzeitstag! Am nächsten Tag, 1. März 1942, ging es mit 1000 Kameraden auf "Hochzeitsreise" ans Nordkap
Als sich mein Vater am Münchner Hauptbahnhof von meiner Mutter verabschiedete, ahnte wohl keiner der beiden, dass sie sich in den kommenden sieben Jahren, vom 1. März 42 bis November 48, nur an 35 Tagen sehen würden. So lange währte ihre „echte“ Ehe! Die andere stand nur auf dem Papier! Und bestand allein aus Briefen.
Am 24. August 1944 geriet mein Vater in russische Gefangenschaft und wurde im Oktober 1948 schwer krank entlassen. Er kam noch in Wien an, doch dann schlug das Schicksal zu...
Meine Mutter und meine Großeltern, bei denen ich aufgewachsen bin, haben nur ganz selten von der Kriegszeit und von meinem Vater gesprochen. Zu unbegreiflich erschien ihnen all das, was in diesem Krieg geschehen war. Sie wollten sich nicht mehr an diese Zeit erinnern und das Erlebte lieber vergessen.
Meine Mutter hat über 200 Briefe meines Vaters aufbewahrt und sie mir erst kurz vor ihrem Tod 1996 übergeben. Auch ich habe unbewusst in den letzten 20 Jahren einen Bogen um diese Briefe gemacht. Erst der Film „Unsere Mütter, unsere Väter“ weckte in mir den Wunsch, meinen Vater näher kennen zu lernen. Umso berührender war für mich die Begegnung mit seinen Briefen.
Hier fand ich auf viele Fragen eine Antwort, aber viele Fragen blieben auch offen. Was aber blieb war, dass mein Vater ein Mann mit vielen Fähigkeiten war, der wunderschöne Liebesbriefe schrieb und der sein Töchterchen aus der Ferne vergötterte. Der nichts mehr wollte, als dass der Krieg endlich vorbei wäre und er mit seiner Familie wieder in Frieden leben könnte. Doch es blieb beim Wunsch, obwohl er von ungewöhnlicher Zuversicht und starker psychischer Widerstandskraft (Resilienz) war. Die Geschichte meines Vaters, die für viele Männer und Frauen aus dieser Generation steht, soll daher nicht vergessen werden. Aber es soll eine wahrheitsgemäße Geschichte werden.
Meine Vater gehörte einer verlorenen Generation an, weil sie von Anfang an belogen und hinters Licht geführt wurde und nicht die geringste Chance hatte, sich dagegen aufzulehnen. Nur ein Beispiel dafür: Hitler sprach davon, im Osten neuen Lebensraum gewinnen zu wollen. In Wahrheit wollte er, so ungeheuerlich es klingt, von Anfang an, die Welt erobern. Mehr dazu später.
Dieses Buch dient dazu, der verlorenen Wahrheit näher zu kommen. Denn Lügen und Täuschungen sind Krebsgeschwüre jeder Gesellschaft. Die verlorene Wahrheit ist daher kein Kavaliersdelikt. Sie verletzt die Würde des Einzelnen und unterminiert auf Dauer jede gesellschaftliche Ordnung.
Um die Rolle meines Vater als Soldat und seine Kriegseinsätze in Norwegen und in der Südukraine (Russland) zu verstehen, habe ich meinen Mann, einen promovierten Historiker, gebeten, über die wahren Hintergründe des Zweiten Weltkriegs und des Geschehens an den beiden Fronten Norwegen und Südukraine zu schreiben. Diese Hintergrundberichte sind mit grauer Farbe unterlegt. Sie sind auch deshalb notwendig, weil in den Briefen meines Vaters kaum etwas über den Krieg steht. Warum? Weil all das geheim bleiben musste.
Daher sind diese Briefe nur selten Dokumente des Kriegsgeschehens, eher Zeugnisse einer berührenden Liebes- und Lebensgeschichte. Die wichtigsten Briefe werden Sie in diesem Buch lesen.
Germering bei München, November 2017
Elfriede Altmann-Linzer
Noch ein Hinweis zur Lesefreundlichkeit: Die Unterstreichungen in den Briefen stammen von meinem Vater. Fettdrucke dienen der Verdeutlichung besonderer Aussagen, Kästen zur Hervorhebung von Geschichten, Landschaftsbeschreibungen und Lebensregeln, kursiv Gesetztes zur Klärung von Aussagen und zusätzlichen Hinweisen.
Haben Sie bitte Verständnis dafür, dass die Original-Fotos in diesem Buch schon 70 Jahre alt sind und daher nicht immer höchsten Qualitätsansprüchen genügen.
Bevor wir auf das Kriegsgeschehen eingehen, sollten wir einen Blick auf die politische Großwetterlage kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs werfen. Wie kam es überhaupt zu diesem Krieg, der alle bisherigen Maßstäbe sprengte? Was waren die Ursachen und Absichten? Und worum ging es an den beiden Einsatzorten von Anton Linzer in Nord-Norwegen und in der Süd-Ukraine?
Der Hauptgrund für diesen Krieg lag wohl darin, dass die neue politische Ordnung, die sich die drei Siegermächte Großbritannien, Frankreich und USA 1919 nach dem Ersten Weltkrieg ausgedacht hatten, alsbald erschüttert wurde. Drei Entwicklungen waren daran schuld:
Erstens: Die harten Verträge, die die Sieger den Verlierern wie Deutschland und Italien diktiert hatten, begünstigten in diesen Ländern faschistische Regime und extreme Rachegedanken.
Zweitens: Die Weltwirtschaftskrise von 1932. Sie steigerte nicht nur die Arbeitslosenrate in nie gekannte Höhen, sondern sorgte auch für enormen politischen und sozialen Sprengstoff.
Drittens: Die inneren Schwächen der westeuropäischen Siegermächte, zu denen ebenso die Appeasement-Politik des britischen Premiers Chamberlain wie auch die Isolations-Politik der USA gehörten. Sie begünstigten eine aggressive Expansionspolitik Deutschlands und Italiens, zu der sich als dritte Nation im Dreimächtepakt auch noch Japan dazugesellte.
Alle drei Länder sahen sich als internationale „Habenichtse“, die sich mit aller Kraft um eine Neuverteilung der Macht- und Einflusssphären, sowie der Rohstoffquellen und Absatzmärkte bemühten. In der Praxis bedeutete das: Deutschland strebte nach einer Weltmachtstellung, Italien nach der Vorherrschaft im Mittelmeerraum und Japan nach der Beherrschung Asiens. Was für eine Hybris! Was für ein Sprengstoff!
Hauptziel Deutschlands im ganzen zweiten Weltkrieg war die Eroberung der UdSSR, um neuen Lebensraum zu schaffen und in der Folge davon, durch die Ausrottung der Juden und die gnadenlose Vertreibung aller nichtarischen Bewohner ein rassereines Reich zu errichten. Zuvor aber plante Hitler, Frankreich in einem Blitzkrieg zu erobern, um sich für den geplanten russischen Feldzug den Rücken freizuhalten, dann Großbritannien als Bündnispartner zu gewinnen und schließlich auch noch Polen zu erobern, um neben der Befreiung ehemaliger deutscher Gebiete wie Danzig... ein breites Aufmarschgebiet für den Überfall auf den Hauptfeind Nr. 1, die UdSSR, zu schaffen.
Um auch beim Blitzkrieg gegen Frankreich den Rücken frei zu haben, schloss Hitler am 23.8.1939 mit Stalin noch schnell einen Nichtangriffspakt, in dessen geheimem Zusatzprotokoll die Teilung Polens und die Ausdehnung der jeweiligen Machtbereiche vereinbart wurden.
Nur eine Woche später, bereits am 1.9.1939, erfolgte der deutsche Überfall auf Polen. Zwei Tage später reagierten Großbritannien nebst den Commonwealth-Staaten Australien, Neuseeland, Indien, Südafrika und Kanada sowie Frankreich mit Kriegserklärungen an Deutschland, ohne allerdings den Polen auch nur einen Soldaten zu Hilfe zu schicken.
Zuletzt beteiligten sich fast alle europäischen Staaten an diesem Krieg. Offiziell neutral blieben nur Schweden, Schweiz, Spanien, Portugal, Türkei und Irland, aber indirekt wurden auch sie in Feindseligkeiten verwickelt.
Der entscheidende Unterschied zu allen bisherigen Kriegen war: Hitler sah diesen Weltkrieg von Beginn an als einen ideologischen und totalen Krieg an, bei dem es letztlich nur um Sieg oder Untergang ging. Das bedeutete: Der Gegner sollte nicht nur besiegt, sondern vernichtet, die Juden nicht nur vertrieben, sondern ausgerottet, das eroberte Land nicht nur militärisch besetzt, sondern laut NS-Rassenideologie und Bevölkerungspolitik vollkommen gesäubert und mit rassereinen Deutschen besetzt werden.
Der erste „Kriegs-Erfolg“: Schon Ende September 1939, binnen 4 Wochen, kapitulierte Polen. Auch für die Alliierten war das ein Schock, denn sie hatten mit einem Jahr (!) Widerstand der polnischen Armee gerechnet.
Beeindruckt von diesem Blitzkrieg ließ auch Stalin schon am 17.9.39 seine Truppen in Ostpolen und den baltischen Ländern einrücken, um sich seinen Teil Polens an dem zuvor ausgehandelten „Teilungsvertrag“ zu sichern. Damit begann ein Domino-Effekt, der den ganzen zweiten Weltkrieg kennzeichnete. Ein aggressiver Einmarsch zog den nächsten nach sich! Diese allgemeine bedenkenlose Aggressivität kam nicht von ungefähr: Denn zwischen 1922 und 1936 gab es in Europa inklusiv Deutschland und Italien 18 (!) Diktaturen, also nicht-demokratische Staaten. Ein Zeitalter zügelloser Gewaltherrschaft war angebrochen.
Doch zunächst steht Anton Linzers erster Einsatz im Herbst 1939 bevor.
Schon in seiner Rekrutenausbildung, also bereits im September 1938 (!), hatte man Anton Linzer – so stand es in seinem Geheimtagebuch – auf den Polenfeldzug vorbereitet. Ein Jahr später, am 1. September 1939, wurde es tatsächlich ernst, begann der Überfall auf Polen und mit ihm der Zweite Weltkrieg. Anton Linzer wurde schon Ende August 1939 mit andern Rekruten per Bahn über Wien, Jablonka, Przemysl nach Janow verschickt. Janow aber liegt im russischen Teil der deutsch-sowjetischen Teilungs-Linie.
Das konnte nur eins bedeuten: Die jungen Rekruten sollten – ohne am Kampf teilzunehmen – die korrekte Einhaltung der Teilung überwachen und auch einmal „Kriegsluft schnuppern“. Briefe aus dieser Zeit liegen keine vor. Schon am 1. Oktober ist er wieder zurück und wird zum Gefreiten befördert. Danach geht die Rekrutenausbildung weiter und 1941 erfolgt die Ausbildung zum Funker, die seine „militärische Laufbahn“ entscheidend beeinflussen sollte.
Während Anton Linzer in München seine Rekrutenausbildung fortsetzte, bahnte sich hoch im Norden der nächste Blitzkrieg an, der von großer Bedeutung für den Einsatz Anton Linzers in Nordnorwegen wurde. Ausnahmsweise erfolgte er nicht durch die Deutschen. Ein anderer Gewaltmensch war schuld daran: Stalin.
Nach dem schnellen Sieg über Ostpolen und die Einflussnahme in den baltischen Staaten fand auch Stalin Geschmack an dieser Art von Blitzsiegen und eröffnete schon zwei Monate später am 30.11.1939 ohne jede Kriegserklärung die Kampfhandlungen gegen Finnland.
Warum aber fiel Stalin plötzlich in Finnland ein? Aus drei Gründen: zum einen, weil Finnland von 1809 bis zur Revolution 1917 bereits unter der Herrschaft der Zaren stand und so wollte Stalin wie Hitler früheres „Reichsgebiet“ wieder heimholen! Zweitens, weil die damalige finnisch-russische Grenze, kaum 30 km von Leningrad (heute St. Petersburg) entfernt war und damit jedem Gegner ein gefährlich nahes Aufmarschgebiet ermöglichte. Und drittens – und das war der entscheidende Punkt – mit diesem Angriff wollte Stalin den Absichten der Alliierten zuvorkommen, unter dem Vorwand, Finnland zu Hilfe zu kommen, das für Deutschland so wichtige schwedische Erzlager Kiruna und die Bahnlinie nach Narvik zu besetzen. Kein Schreibfehler! Damals waren Deutschland und Russland noch „befreundet“.
Wie sehr Stalin die Absicht der Alliierten richtig erahnte, beweist deren Beschluss am 28.3. 1940, die norwegischen Küstengewässer von Kristiansand bis Narvik zu verminen, um so die deutschen Transportschiffe zu zwingen, auf die offene See auszuweichen, wo sie eine leichte Beute der Royal Navy gewesen wären. Das wäre auch das Ende aller deutschen Erz-Hoffnungen gewesen, denn gegen die Royal Navy hatte die deutsche Flotte keine Chance.
Beim Überfall auf Finnland hatten die Russen aus Überheblichkeit – so wie die Deutschen bei ihrem späteren Angriff auf Russland – nicht einmal eine Winterversorgung eingeplant. Und das obwohl der Einmarsch am 1. Dezember 1939 erfolgte! Das sollte sich rächen.
Die Russen holten sich in diesem Krieg eine blaue Nase und verloren in wenigen Monaten über 200.000 Soldaten, während die Finnen nur 20.000 Tote zu beklagen hatten. Das war ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Russen zu dieser Zeit in keiner Weise auf einen Krieg mit Deutschland vorbereitet und als er am 22. Juni 1941 losbrach, völlig ahnungslos waren.
Diese russischen Schwierigkeiten hatten einen gewaltigen Einfluss auf die weitere Entwicklung! Denn es war dieser mühselige Sieg des großen Russlands über das kleine Finnland, durch den Hitler später die deutsche Generalität davon überzeugen konnte, dass Deutschland auch Russland in einem Blitzkrieg von wenigen Monaten besiegen könnte. Nur so konnte Hitler den Generälen auch beweisen, dass die russische Armee zu dieser Zeit auf keinen Fall den deutschen Truppen gewachsen war. Und dass die Schwäche der Russen auch die fehlende militärische Erfahrung Stalins bewies.
Diese These mangelnder militärischer Kompetenz Stalins wurde später im deutsch-russischen Konflikt noch verstärkt, als Stalin, der ewig Misstrauische, sogar den Nachrichten seines Geheimdienstes misstraute, der ihm klare Beweise von dem geplanten Überfall der Deutschen auf Russland vorlegte und Stalin sie mit katastrophalen Folgen für Russland ignorierte.
Natürlich spielte auch die „Säuberung“ der roten Armee von führenden Militärs, die Stalin nicht genehm waren, eine entscheidende Rolle. 3 Marschälle, 13 Armeegeneräle und 62 Korpskommandeure fielen dieser Säuberung 1937 zum Opfer. Kein Wunder, dass die Russen beim Feldzug gegen die Finnen und in den ersten fünf Monaten des deutschen Einmarsches in Russland am 22.Juni 1941 ziemlich „kopflos“ wirkten. Das erklärt auch die ungeheuren Anfangs-Erfolge der deutschen Truppen, die unaufhaltsam vorwärtsstürmten und Hunderttausende von Gefangenen machten.
Doch zurück zum finnisch-sowjetischen Krieg. Trotz dem äußerst erfolgreichen, wenn auch verlustreichen Vorstoß der Russen, kam es am 12.3.1940 in Moskau ganz plötzlich zu einem Friedensvertrag, bei dem Finnland zwar seine Unabhängigkeit bewahren konnte, aber Teile von Ostkarelien (der Ostgrenze Finnlands zu Russland) und der karelischen Landbrücke in Richtung Leningrad (heute St. Petersburg) abtreten und obendrein den Russen auch noch Transitrechte im Petsamogebiet, hoch oben im Norden Finnlands, zugestehen musste. Das Entscheidende an diesen Transitrechten war, dass dadurch die Finnen ihren bisherigen Zugang zum Polarmeer verloren und Russland nun direkt an Norwegen grenzte. Damit konnte es auch blitzschnell nach Norwegen vorstoßen. Genau das ließ die militärische Führung in Deutschland aufhorchen.
So war es klar, dass dieses neue Transitrecht und damit auch der Porsangerfjord (hoch oben an der norwegischen Küste des Polarmeeres), an dessen Südende der kleine Ort Lakselv, der erste Einsatzort von Anton Linzer lag, überwacht werden musste. Es ging darum, rechtzeitig mögliche Angriffe der Alliierten oder der Russen über das Nordpolarmeer in Richtung Porsangerfjord oder zu Land über das Petsamogebiet auf die so wichtigen Eisenerzlieferungen durch die Eisenbahnlinie Narvik–Kiruna (Schweden) aufzuspüren und zu unterbinden. Auf eine solche Abwehr deuten auch Felsenhöhlen hin, die in die Felswände des Porsangerfjords gesprengt wurden, mit dem Ziel, Geschütze aufzustellen und feindliche Schiffe abwehren zu können. Sie sind heute noch zu sehen.
Abbildung 2: Durch das von den Russen eroberte Petsamo-Gebiet wurde Finnland völlig vom Polarmeer abgeschnitten und erreichte Russland eine direkte Grenze zu Norwegen
Das Besondere an dem Geheimcode, den sich Anton Linzer ausgedacht hat, bestand darin, dass er damit die Namen seiner Einsatzorte verschlüsselt seiner Frau mitteilen konnte. Das war von der Wehrmachtszensur streng verboten! Aber da auch seine Frau diesen Geheimcode besaß, konnte sie solche verbotenen Nachrichten problemlos entschlüsseln. Ja, sie konnte damit noch viel mehr erkennen. Mit Hilfe des „Volks-Atlas“ (Ausgabe 1937), der fast in jedem Haushalt vorlag, konnte sie auch die genaue Lage der verschiedenen Einsatzorte feststellen. Damit war es ihr sogar möglich, die Gefährlichkeit des neuen Einsatzortes, etwa die Nähe zur Hauptkampflinie (HKL), einzuschätzen.
Dazu musste sie in seinen Briefen nur auf eine etwas ausführlichere Beschreibung der Kämpfe oder auf einen besonders „verharmlosenden“ Stil achten. Das hieß dann im Umkehrschluss: Je harmloser die Schreibe war, umso näher war der Briefeschreiber an der HKL.
Aber dieser Geheimcode hatte noch einen weiteren, ganz besonderen Vorteil!
Mit ihm konnte seine Frau nicht nur herausbekommen, wo ihr Mann im Augenblick stationiert und wie nahe er an der Front, der HKL, war, sondern auch wie schnell sich die HKL von Cherson am Schwarzen Meer, seinem zweiten Einsatzort, durch die massiven Gegenoffensiven der Russen in Richtung Westen verlagert hatte. Und wenn dann ein paar Monate später plötzlich ein Brief aus Odessa eintraf, das circa 150 km weiter westlich von Cherson lag, und ihr Mann wieder sehr diskret von stärkeren Kampfhandlungen sprach, dann wusste sie nicht nur, dass die neue HKL jetzt bei Odessa lag, sondern auch, dass die Russen in den letzten fünf Monaten rund 150 km weiter in Richtung Westen vorgerückt und die Deutschen zurückgewichen waren. Das alles geschah trotz dem unbedingten Haltebefehl Hitlers, die Front um jeden Preis zu halten und nur mit seiner ganz persönlichen Erlaubnis zurückweichen zu dürfen. Der Erfolg des Haltebefehls wurde in der Presse hochgejubelt. Doch die Realität sah anders aus. Sie hielt sich nicht an Hitlers Haltebefehl. Und so konnte sich seine Frau zu Hause langsam ausrechnen, bis wann der Russe an der deutschen Grenze stand.
Im Gegensatz dazu fand der Krieg für alle Frauen, die nicht über einen solchen Geheimcode verfügten, in einer Art „Niemandsland“ statt. Sie wussten nie wirklich, wo ihr Mann genau stationiert war, wo die HKL lag, und wo der Russe stand.
Dieser Geheimcode war auch deshalb notwendig, weil in den zensierten Soldatenbriefen weder die Einsatzorte noch die Kampfhandlungen, weder die feindlichen Angriffe noch der Verlauf der Hauptkampflinie, weder die Offensiven der Gegner noch die Rückzugsbewegungen der eigenen Truppe, weder die Schwere der Kämpfe noch die Verluste an Soldaten und Ausrüstung mitgeteilt werden durften. Und erst recht nicht die Moral der Truppe. Nicht einmal die Einheit der Soldaten durfte genannt werden. Nichts sollte dem Gegner Aufschluss über die Situation der kämpfenden Truppe geben. Alles sollte geheim gehalten werden.
Um dieses Ziel zu erreichen, wurde den Soldaten in ihren Briefen von der Wehrmachts-Zensur eine ganz bewusste Verharmlosung und Verschleierung der Tatsachen befohlen. So wollte man auch vermeiden, dass die Angehörigen durch die Soldatenbriefe die Wahrheit erfuhren.
Selbst eine Abstellung (so nannte man beim Militär Versetzungen an andere Einsatzorte) und die Reiseroute dahin durften nicht genau angegeben werden, um dem Feind keinerlei Aufschluss über bestimmte Truppenbewegungen zu geben und die Angehörigen zu Hause nicht in Angst und Schrecken zu versetzen.
Wie funktionierte der Geheimcode mit dem Zahlenschlüssel?
Der Geheimcode bestand aus einem kleinen blauen Büchlein: 14,5 cm lang und 9,5 cm breit. Er bestand aus 12 Seiten. Eine kurze Übersicht über die Methode, finden Sie hier.
Auszug aus dem „Geheimcode mit Zahlenschlüssel“
Die Zahlen 1, 2, 3, 4, 3…unter den einzelnen Worten im fett gedruckten Beispiel bezeichnen die 4 verschieden verschlüsselten Reihen von Alphabeten. Z. B.: Die Zahl 1 unter dem ersten zu verschlüsselnden Wort DENKEN weist darauf hin, dass dieses Wort durch das Alphabet der Reihe 1 verschlüsselt wird. (Siehe oberes Beispiel auf S.→!)
Die winzigen Zahlen über den einzelnen Buchstaben des ersten Wortes DENKEN (im Beispiel darunter auf S. →) weisen darauf hin, durch welche Zahlen aus dem Alphabet der Reihe 1 die einzelnen Buchstaben verschlüsselt werden sollten.
So wurde der Buchstabe D mit der Zahl 20, der Buchstabe E mit der Zahl 26, N mit der Zahl 10, K mit der Zahl 36, E mit der Zahl 26 und N mit der Zahl 10 verschlüsselt. Das Komma wurde generell durch einen Gedankenstrich verschlüsselt.
Das zweite Wort WAS“ wurde dann mit den Zahlen aus dem Alphabet der Reihe 2 verschlüsselt, das dritte Wort mit den Zahlen aus dem Alphabet der Reihe 3 und das vierte Wort mit Zahlen aus dem Alphabet der Reihe 4 – wobei die Alphabete der Reihen 2 - 4 hier nicht aufgeführt sind!
Danach ging es wieder zurück: das fünfte Wort wurde wieder mit den Zahlen aus dem Alphabet der Reihe 3 verschlüsselt, das sechste mit den Zahlen aus dem Alphabet der Reihe 2, das siebte mit den Zahlen aus dem Alphabet der Reihe 1 und das achte wieder aufsteigend mit den Zahlen aus dem Alphabet der Reihe 2…
Dieses Auf und Ab der unterschiedlichen Alphabete der vier Reihen von 1 bis 4 setzt sich bis zum letzten Wort fort. Die erste Zeile dieser Botschaft DENKEN, WAS WAHR, UND FÜHLEN, … hätte in der „Geheimsprache“ so gelautet: 20 26 10 36 26 10 – 32 39 11 – 14 29 37 17 - 30 4 26 – 33 37 39 5 26 – …
Auf der S. → sehen Sie in den beiden oberen Beispielen zuerst Hinweise auf die Verschlüsselung der einzelnen Worte und dann der einzelnen Buchstabe Und darunter links: die Verschlüsselung alphabetisch geordnet. Und auf der rechten Seite: die Entschlüsselung numerisch geordnet.
Reihe 1
Es zeugt von der Voraussicht Anton Linzers, dass er seiner Frau schon vor seiner Abreise aus München diesen Geheimen Zahlenschlüssel übergab, mit dem sie nicht nur jeden Ortsnamen in Norwegen oder in der Südukraine, sondern sogar die künftigen Urlaubschancen abschätzen konnte. Denn je weiter weg der Einsatzort lag, umso schlechter waren die Urlaubsaussichten. Wer sich heute eine Militärkarte der Südukraine aus der Zeit um 1943 anschaut, erkennt auf einen Bick die massiven russischen Gegenoffensiven, die darauf abzielten, die ganze Südukraine und West-Rumänien einzukesseln, um so den Deutschen jeden Fluchtweg in den Westen abzuschneiden. Den deutschen Soldaten drohte also nach dem Dezember 1943, genau zu der Zeit, als Anton Linzer nach Cherson versetzt wurde, entweder der Tod auf dem Schlachtfeld oder die russische Gefangenschaft. Das heißt: Sie waren zu diesem Zeitpunkt bereits rettungslos verloren.
Allerdings enthielten seine Briefe im ersten Halbjahr 1944 – je weiter sich die Kämpfe nach dem Westen verlagerten – immer weniger Ortsangaben. Sicher wollte er seiner Frau neben den Bombenangriffen auf München nicht auch noch diese alarmierenden Nachrichten von den immer weiter nach Westen vorrückenden russischen Truppen zumuten. Nur die Zunahme der harten Kämpfe am Ende beschrieb er (zusammen mit der Hoffnung, dass nun bald das Ende des Krieges gekommen sei). Aber natürlich kein Wort von den Nahkämpfen mit Messern und von grauenhaften Gesichtsverstümmelungen. Das vertraute er nur seinem Geheimtagebuch an.
Geheimcode und Geheimtagebuch sind auch deshalb so wichtig, weil sie uns auch die Chance geben, die näheren Umstände seiner Gefangennahme, seiner Strapazen auf dem Weg nach Stalingrad zum Kriegsgefangenenlager, sowie die oft schweren Bedingungen seiner Gefangenschaft kennenzulernen.
Wie sah das Geheimtagebuch aus?
Es bestand aus 10 Zettelchen, die ca. 5 cm breit und bis zu 21 cm lang waren, die auf der Vorder- und Rückseite in winziger 1,5 mm großen Schrift beschrieben und in der Mitte gefaltet waren, um sie besser durch alle Kontrollen schmuggeln zu können. Denn solche versteckten Notizen waren sowohl bei der Wehrmacht wie auch in den russischen Kriegsgefangenenlagern streng untersagt. Lesen Sie nun den folgenden Original-Auszug aus seinem Geheimtagebuch (sofern Ihnen das möglich ist), und dann die Schreibmaschinen-Abschrift, die bis auf kleine Veränderungen zur besseren Verständlichkeit (ausgeschriebene statt gekürzte Wörter) authentisch ist.
Abbildung 3: Die letzten Monate vor der Gefangennahme Anton Linzers in Russland ab Februar 1944, Originalgröße des Geheimtagebuches
Abschrift des obigen Geheimtagebuchs ab dem Februar 44 Mit Hinzufügungen in Klammern und kursiv
Febr. verm Paradies (Name seiner Ortsunterkunft)
9. März zurück. Richtung Nikolajev und Odessa
April Calarasi (Ostern) Mandra St.St. Bessarabien
Mai Balimut
Juni Bergstaffel (Führersch. kl. II) Juli Verm. Cornesti
7. Juni Rgt. 66 (14.) Sanesti, Manzatesti
22. Aug. 19 Uhr zurück nach Valeinetti, ca. 25 km südlich Prutn/
23. Aug. Feindberührung. Harter Abwehrkampf,
Panik, Waldkampf (unvergessliche Nacht 23/24.8.).
Rückmarsch LA (Linzer Anton). Mit 7 Mann durchgeschlagen,
Gluthitze. Ringsum Iwan, Iwan! Auflösung. Flieger, Bomben usw.
24. August 44
19.00 Uhr , „gefangen, gefangen“
(Winkler Walter) Verwechslung.
Zurück barfuß! (Verletzung)
8 Tage lang von früh bis spät marschiert (insges. ca. 300 km)!
Keine einzige Verpflegung
25. Aug. bis 4. Sept. Gluthitze, Durst, 1000de von Gefangenen, Hunger, Hunger - geschlafen dauernd unter freiem Himmel
4. - 9.9. Zwischenlager
10. Sept. In Balti in Zug verladen,
dann 9 Tage Fahrt bis STALINGRAD, am 19.9.
weg. „Gelbsucht“ in einem „Zeltlager“ untergebracht ,
20. Sept. (nach 10 Tagen!) erste Suppe! Panja 3Tg.
LA Krippe (Grippe?)
Sept. Okt. Bunkerbau, …(Notarzt?)
Bekleidung
Nov. - LA Uretritis? H. Kart. Kommissionen provis.
Revier Bk. 5. Nov. Geheilt! 163/4 Bunker 3 …Singer k? …
2.12. 600 (neue Soldaten) angekommen
Eine weitere Abschrift des Geheimtagebuchs von den letzten Monaten Anton Linzers Gefangenschaft in Russland - ab dem Juli 1947
7. Juli „Österreichischer Transp. n. St. Grad. (nach Stalingrad) Lg. 7362/i – sofort arbeiten im Roten Oktober Transp. (Steine, Kohle wie 1945 in 163/4 u. Kamischin Zement Holz, Salz usw. geschleppt August Gr. III 2.OK – Lg.Lz (Lagerlazarett)… 362/a fast 4 Wochen Entrocolic tbc
Erstmalig Dystrophie “LA weit runter”
Sept. 47 „Bald geht’s nach Hause“ Laut Zeitungen: STALIN
Sämtl. Österr. B/M Pers. Im Lg 7362/i – Heimtransport ab „St‘Grad“ (Stalingrad) vom 9.10.47 – 19./20.10.47
LA schwer krank – in Kolomea ausgeladen, dort im behelfsmäßigen Laz. bis 20.12.47 gelegen. (LA viel hohes Fieber -
Tbc Beschwerden (Von) 9.(September) 47 – 2. (Februar) 48
Pneumatorax (-Behandlung) – Besserung!
20.12.47 Weitertransp. nach Maramures Sighet (im heutigen Rumänien, ab 1947 unter russ. Kontrolle) , dort an am
21.12.47 (Panja?) (mit Panja-Schlitten?) – ins. Lg. Revier am 11.1.48
Am 12.1.48 ins Laz. Maramures Sighet – Febr. 48 LA d. Tod nahe!
D(ann) Besserung. Im Mai „Rückschlag“ – Nervenproben!
Für Österreicher kein Transport - „budit“ -
Für die Zeit vom März bis Anfang Okt.48, als endlich der Österreicher-Transport nach Wien abfuhr, liegen keine Eintragungen in dem Geheimtagebuch vor.
Schließlich durfte er auch in der russischen Gefangenschaft keine Einzelheiten nach Hause berichten. Erlaubt waren von den Russen am Anfang sogar nur kurze Kartengrüße, also reine Lebenszeichen. Doch auch hier leistet uns das Geheimtagebuch unschätzbare Dienste. In ihm notierte Anton Linzer alle die Beobachtungen, die ihm am Herzen lagen, die er aber nicht veröffentlichen durfte, die uns aber erst einen Einblick in die harten Bedingungen seiner Kriegsgefangenschaft geben. Es ist deshalb von so besonderem Wert, weil wir nur so die Details seiner Gefangenschaft erfahren: Namen der einzelnen Kriegsgefangenenlager, die Arbeitsbelastungen, die Verpflegungsbedingungen und ihre Folgen wie Hunger, Untergewicht und Mangelerscheinungen, die Krankheiten und Lazarettaufenthalte, die Versetzungen in andere Arbeitslager und andere russische Lazarette, den unaufhaltsamen Verlust seiner Gesundheit sowie die vielen psychischen Belastungen, wie z.B. die Ausladung aus einem anstehenden Heimtransport wegen plötzlicher Transportunfähigkeit (seine Tbc machte sich jetzt immer stärker bemerkbar!), und den letzten und längsten Lazarettaufenthalt in Maramures Sigeth, im damals russisch besetzten Rumänien.
Ebenso beschrieb er in diesem Geheimtagebuch auch seine Lebensphilosophie, seine Lebensregeln und seine Lebensgrundsätze, denen er seine Würde, seinen Gleichmut, seine Gelassenheit, seine Werte und seine hohe Resilienz verdankte, sowie die Rückkehr nach Wien und als letzte und erschütterndste Nachricht, das Drama seines Lebens: den Abschied von seiner Frau ... All das waren deprimierende Symptome einer wahrhaft verlorenen Generation, für die es zuletzt keinen menschenwürdigen Ausweg mehr gab. Was sonst im Mahlzahn der Geschichte rettungslos vergessen worden wäre, oder in Form von Verharmlosungen und Verschleierungen unterdrückt worden wäre, konnte mit Hilfe des Geheimcodes und des Geheimtagebuches dem Vergessen entrissen und ans Tageslicht gebracht werden.
Am 1. März 1942 wurde es ernst für Anton Linzer.
Der erste militärische Einsatzbefehl lag vor und nur einen Tag nach seiner Hochzeit (!) ging es nach Nord-Norwegen (NN)! Der Weg führte ihn zunächst von München per Bahn nach Hamburg und Aarhus, von dort per Schiff nach Kristiansand und weiter per Bahn über Oslo, Lillehammer nach Trondheim. Von dort ging es – wegen den verminten Küstengewässern – über Schweden (!) und die Eisenerz-Bahn nach Narvik. Und weiter per Schiff nach Tromsö und dann noch weiter oben per LKW und zu Fuß nach Skoganvarre und später nach Lakselv, zu seinen Einsatzorten, die weit oben in NN, nahe dem Nordkap lagen. Sie waren nach Hammerfest, seinem dritten Einsatzort in NN, die entferntesten Einsatzorte der Wehrmacht: rund 4000 km weg von München, wenn man den verwinkelten Weg des Truppentransports über Schweden berücksichtigt. Im Vergleich dazu waren es von München nach Stalingrad nur 2300 km.
Seine militärische Aufgabe beschrieb Anton Linzer – weil alles Militärische der Geheimhaltung unterlag – nur ungenau: er war „Nachrichtler“, also einer, der Telefon und Fernschreiber und später auch noch das Funkgerät zu bedienen hatte. Was genau seine Aufgabe war, darüber sprach und schrieb er nie. Nur über den Lärm seiner Arbeitsgeräte ließ er sich näher aus, wenn er davon sprach, „dass die Kiste wieder einmal pausenlos ratterte“. Gemeint ist wohl der Fernschreiber, der oft auch in der Nacht lospolterte und dann seine sofortige Aufmerksamkeit verlangte.
Karte aus Hamburg, 7. März 1942
Meine liebe Friedl!
Ich hab dir ja gesagt, dass du von mir immer ein paar Zeilen bekommst, wenn ich kann und Zeit habe. Wir sind gestern hier in Hamburg angekommen, total ausgefroren nach dieser langen Bummelfahrt, marschierten wir nach einem kleinen Vorort bei Hamburg, wo wir in einer Kaserne untergebracht sind. Man spricht von fünf bis acht Tagen, die wir hier bleiben sollen bis zu unserer Verladung und vielleicht kann ich dann diese „schöne Stadt Hamburg“ etwas genauer besichtigen. Es weht ein eisiger Wind hier…
Hamburg, 8. März 1942 - Sonntag
Meine brave, liebe Frau!
Genau acht Tage sind bis jetzt vergangen, seit mein Schatz mit mir am Hochaltar diese unvergesslich schöne Stunde verlebt hat und wir beide die Ringe getauscht haben. Ich hab heute so viel Zeit gefunden, um mit Liebe daran zu denken und dir zu schreiben. Ich weiß ja, dass du auf meine Brieflein wartest und ich erfüll dir immer gern diesen Wunsch, wenn es mir möglich ist.
Gestern am Nachmittag habe ich das erste Mal mit den anderen Unteroffizieren und Oberleutnants die Stadt so richtig zu sehen bekommen. Die Stadt ist schön! Hafenanlage, Kais, Landungsbrücken, Elbtunnel sind großartig und vor allem die U-Bahn, da ist alles dran. Im Übrigen ist aber mein Eindruck: Hamburg ist eine Hafenstadt mit den dazu gehörigen Lastereigenschaften. Das macht mir aber nichts aus. Von gestern bin ich ja auch nicht, und ich trag ja dich überall im Herzen mit mir herum, da kann mir nichts g’schehn!
In dem größten und besten Haus in Hamburg, dem „Alsterpavillon“, sind wir dann gewesen und haben die 21-Mann-starke Kapelle spielen hören. Da ist das Café Luitpold in München richtig klein und bescheiden dagegen! Die Musik hat mich wieder weich gemacht (meinen Barraskopf, wie du immer sagst), und ich hab Sehnsucht gehabt nach dir. Man sieht etwas neidisch die vielen glücklichen Paare um einen herum, während unser Tisch ein grauer Haufen mit „Gamaschen am Smoking" bleibt.
Abbildung 4: Alsterpavillon
Bald kommt aber auch wieder die Zeit, wo wir beide zusammen ausgehen können. Den Heimaturlaub, der mir noch zusteht, den vergesse ich nicht. In ein paar Wochen oder Monaten, so hoff ich, bin ich dann der erste, der in Urlaub fährt. Wir können dann viel nachholen. Eben kam einer zu mir und sagte, wir müssen zum Appell antreten. (Auch am Sonntag!) Da hat man doch genug! Wir machen später noch eine Hafenrundfahrt mit dem ganzen Haufen; ich glaub, dass das eine schattige Angelegenheit wird.
Die Reeperbahn war natürlich auch unser Ausflugsziel, sonst kennt man Hamburg nicht. Eine Straße ist das, bei der ein Varieté, eine Bude, zahllose Kneipen, Kinos und Automaten nacheinander kommen. Wie auf der Wies’n bei uns im Frieden. Im Panoptikum haben wir dann Tränen gelacht, auch im Spiegelkabinett und in der Folterkammer.
Ich freu mich schon auf Nachricht von dir und bin gespannt, wie es sich das „kleine Etwas“ (damit war ich, seine Tochter, gemeint) überlegt hat. Ich denk oft dran! Wenn’s wirklich so ist, wie du gesagt hast, dass es ein Mädchen wird, freu ich mich auch darüber. Vielleicht sogar noch mehr, als wenn’s nicht so ist; es ist nur schade und macht mich traurig, wenn ich nicht bei dir sein kann, wenn du so harte Monate vor dir hast.
Lass aber den Kopf nicht hängen, mein Schatz!
Du bist ja jetzt schon eine richtige Frau – meine liebe Frau!
Und da gibt’s kein sich gehen lassen und verzagen.
Wenn ich auch ein paar 100 oder 1000 Kilometer von dir sein muss, ich bleib für dich doch immer dein Toni
Rahlstedt, 11. März 1942
Meine liebe Friedl!
Wir sind soeben von einem Gefechtsmarsch zurück in die Kaserne gekehrt und zu meiner großen Freude liegt das Paket von dir auf meinem Bett! Ich danke dir recht schön, mein Engel, es ist so eine kleine Beigabe zu unserem „grässlichen Fraß“ – ganz was Pfundiges.
Das große Paket, an dem ich so schwer geschleppt habe, ist nun fast leer geworden. Auch wenn vorher beim Tragen gemeckert wird, schmeckt dann doch jeder Bissen „nach Heimat“. Deine Platzerl (Kekse) sind durch die lange Fahrt prima weich geworden, nur die Tüte war zu klein. Das heißt nicht, dass du schon wieder welche schicken sollst. Vielleicht kommen wir diese Woche noch weg (oder sogar über Nacht), es kann aber auch noch vier Wochen dauern. Es ist genauso gekommen, wie ich immer gesagt habe, bevor ich München verlassen habe. Das ist doch immer derselbe Krampf! Wie schön wär es gewesen, wenn ich noch Heimaturlaub bekommen hätte, statt hier in diesem gottverlassenen Drecksnest vor den Toren Hamburgs in einer Kaserne, mit sturem Außendienst, die Zeit zu verblödeln!
Wenn keiner Lust hat auf Ausgang, so wie es bei uns augenblicklich ist, dann ist das immer ein schlechtes Zeichen. Rahlstedt (damals Vorort von Hamburg) liegt übrigens so weit weg von Hamburg wie Baierbrunn oder Schäftlarn von München und die Zugverbindung ist schlecht, also passt alles glänzend zusammen. Dafür habe ich abends Zeit, immer schön an dich zu schreiben und das ist für mich die beste Zerstreuung. Und du freust dich auch!
Und du sollst ja immer Freude an deinem Schufti haben. Traurig sein, das darf meine kleine Frau nicht kennen. Denk doch bloß an das „kleine Etwas“. Das darf doch auch nicht traurig in die Welt kommen...(Mein Vater beginnt früh, meine Mutter aufzumuntern, und ihre psychische Widerstandskraft zu stärken.)
Jedenfalls freu ich mich auf dein erstes Brieflein und hoffe, dir bald meine jetzige Feldpost-Nummer geben zu können, auf dass unser Briefleinschreiben hin und her immer fleißig vor sich geht. Bleib gesund, brav und tapfer! Viele Grüße und noch mehr Küsse. Dein Toni.
Rahlstedt (damals Vorort von Hamburg), 12. März 1942
Mein Lieb!
Wie schön das sein kann, mein lieber Schatz, wenn man sich auf ein paar Zeilen von dir von Herzen sehnt und gleich darauf geht die Tür auf und schon ist Post da!!!
Dafür bekommst du später ein paar Küsse in Natur, vorläufig muss ich sie dir eben noch mit dem Brieflein mitschicken für dein fleißiges Antworten auf meine Zeilen.
Du hast ja so lieb geschrieben! Ich kann alles so gut verstehen und mir ist beim Lesen so warm ums Herz gewesen.
Du sorgst dich aber zu viel um mich; deine Zeilen sind ein bisschen zittrig, das darf doch nicht sein, mein Lieb.
Gestern Nacht war alles so schön, als ich dich in Gedanken mit ins Bett genommen habe – und alles war gut im Land der Träume. (Daneben malte er Musikknoten.)
Abbildung 5: Elfriede Kaiser und Anton Linzer grüßen als Verlobte
Doch heute Nacht, ja heute Nacht, da bin ich plötzlich aufgewacht und hab an dich gedacht. Du, mein Schatz, hast traurige, verweinte Augen gehabt, dieses Bild hab ich deutlich vor mir gesehen. Das darf doch nicht sein! Ich hab dich geschimpft dafür und war böse mit dir. Natürlich war ich nicht wirklich böse auf dich!
Aber bitte nicht mehr weinen, das fühl ich doch so schnell!
Und du willst doch deinen Toni nicht auch traurig machen. Denk an was Liebes, an unsere Zukunft und lach wieder, dann gibt’s keine Falten und du bleibst so jung und froh, wie`s sein soll.
Es macht mich ja so froh und glücklich, dass du meine Frau geworden bist und mit mir durch’s Leben gehst, mit mir dein Schicksal verbunden hast. Das macht mich stark! Ich fühle, dass ich ein ganz anderer geworden bin als der, der vor Monaten sich an keine Pflichten binden wollte.
Du baust einstweilen am Nestlein, bis ich komme und dir helfen kann, dann beginnt erst „unser Leben“! Immer kann ich dich hören und weiß, wie du denkst, du bist ja immer bei mir und gehst mit mir. Nie hätte ich geglaubt, dass es sowas gibt und jetzt weiß ich, wie schön das sein kann! Vielleicht habe ich gar nicht so viel des Guten verdient – aber ich kann mir’s ja immer noch verdienen? Sicher dadurch, dass ich, wenn ich heimkomme, in deine Augen offen sehen und sagen kann: Treu war ich dir! Gut, dass du das ...(das folgende Wort wurde von der Zensur geschwärzt)... gekauft hast.
Sich immer gegenseitig eine Freude machen, das ist doch das Wichtigste!
Viele Küsse einstweilen, dein Toni.
Rahlstedt, 14. März 1942
Liebe Friedl!
Schon wieder hat der Spieß „Linzer“ bei der Postausgabe verlesen! Da hab ich natürlich gestrahlt, wo ich doch gewusst hab, meine brave Frau hat sicher geschrieben! (Mancher Kamerad ist schon leise eifersüchtig, aber was man hat, das hat man!) Ich dank dir für dein drittes Brieflein von Herzen – du hast ja so lieb und tapfer geschrieben. So soll es auch immer sein und bleiben, mein Lieb... Wenn ich keine Luft zum Schreiben habe oder nur wenig Zeit, habe ich immer ein schlechtes Gewissen.
Das kleine Etwas macht G’schichten? Ich hab aber gar keine Angst, es macht mich eigentlich ein wenig froh und übermütig, obwohl ich weiß, dass ich allerhand angestellt habe und du die schlimmere Hälfte zu tragen hast. Es gehört aber doch zu unserem Glück, das Kleine. Ich freu mich riesig auf alles und über alles, was uns nach der kleinen Weile voll Kampf und Wahn das Glück schenken wird!
Das kleine Nest Rahlstedt liegt zehn Minuten von der Kaserne weg und war heute unser Ausflugsziel. Der ganze Haufen, so um die 66 Männer, ist im einzigen Kino, das vorhanden ist, auf den besten Plätzen zu finden gewesen. „Menschen im Sturm“ war ein schöner Film und wir sind alle zufrieden und genügsam, wie man mit der Zeit so wird, um 22 Uhr wieder in den Bau zurückgekehrt! Jetzt ist es fast 23 Uhr und mein Schatzilein wird schon schwer „mümmeln“.
Wie gesagt, auch ohne „Hamburg“ vergeht uns die Zeit wie im Fluge.
Erst der verrückte Dienst, dann habe ich heute gewaschen und geflickt wie ein Schneider. Einer hat gesagt, dass ich der erste Unteroffizier bin, den er waschen und flicken sah – oh diese…
Ja weißt du, man muss das Gelump schon in Schuss haben, weil es ja jetzt jeden Tag weitergehen kann. Mitte nächster Woche vielleicht. Wenn du diesen Brief (Nr. 6) bekommst, sind wir wahrscheinlich schon auf hoher See...
Jedenfalls Dienst tun wir noch bis zur letzten Minute; auf dem Schiff geht’s dann weiter. Trotzdem bin ich in den letzten Tagen verdammt weich geworden! Eigentlich sollte ich es gar nicht zugeben.
Ich hab Sehnsucht, was mir sonst ein ganz unbekannter Begriff ist – ich denk dauernd an dich, an daheim, an schöne Stunden!
Viel besser hätten wir alle Tage (und Nächte) ausnützen sollen, so schimpf ich mich im Geheimen! Dafür hab ich jetzt bessere Vorsätze für die Zukunft und deine unschuldige Jugend mit meinen Wünschen vereint, da muss dann ja alles in Ordnung sein.
Unter den gut verheirateten Männern (ich zähl mich natürlich auch dazu), gibt es eine viel schönere Art von Unterhaltung als unter den abenteuerlich gestimmten, ledigen Kumpels, das hab ich heute mit freudigem Erstaunen festgestellt; ich darf auch von Dingen reden und hören, die man vorher nicht verstehen hat können! Du, meine brave Frau, kannst ganz beruhigt sein, dein Toni bleibt dein Mann, wie du ihn lieb hast.
Liebes Schatzilein,
Du darfst nicht traurig sein!
Geht es auch weit hinaus
Gar über Berg und Tal.
Ich denk an dich zu Haus
Viel tausendmal!
Herzliche Grüße, dein Toni
Hamburg, 18. März 1942, 18 Uhr
Meine liebe Friedl!
Heute hatte ich das Glück, in diesen wenigen Stunden, die wir in Hamburg sind, auf ein Postamt zu laufen. Mit einem Ferngespräch wollte ich dir eine Freude bereiten und dich überraschen. Sicher wird es dich auch noch gefreut haben, als dir Fräulein Mia meine Grüße und Wünsche übermittelt hat, die ich dir über den Draht zuschickte. Leider musste ich das Bedauerliche hören, dass du krank bist und nicht im Geschäft zu erreichen warst. Geht es dir nun schon wieder besser?
Hoffentlich! Meine Wünsche sind längst bei dir und mein Eilbrief soll eine liebe Medizin sein für meine tapfere Frau; für die traurigen, harten Stunden, die dir in den letzten Tagen dein kleines Herzlein belastet haben.
Dein erster Brief vom Sonntag war so lieb und in glücklicher Stimmung geschrieben. Aber dein zweiter Brief vom Sonntag, nachdem meine Mutter wieder einmal voll boshafter Eifersüchtelei so blödsinnig auf dir rumgehackt hat, hat mich beunruhigt. Deswegen hatte ich den Einfall:
Gleich meinem Schatzilein zu schreiben und es zu trösten!
Wie wenn ich es geahnt hätte, dass meine Mutter dir das Leben sauer machen würde, so schrieb ich am Dienstag (wo ich noch nicht wusste, was am Sonntag sein würde) einen Brief an meine Mutter und sagte ihr, dass ich nicht hören möchte, dass sie meine Frau anfeindet.
Ich hatte ihr angedroht, dass ich dann keine Zeile mehr an sie schreiben würde! Und schon hat sich wieder meine Vorahnung als Wirklichkeit erwiesen. Wenn ich Zeit habe, werd‘ ich meiner Mutter nochmals klar und deutlich schreiben und dann hat sie es ja selber in der Hand; ich kann auch dickköpfig und hart sein, wenn es nicht anders geht! Du darfst mir auch nie wieder schreiben, ich soll um Gottes Willen erst an meine Mutter schreiben und dann erst an dich!!!
Ich weiß genau, wer zuerst kommt, wen ich geheiratet habe, wer mein Glück und meine Zukunft ist. Du, mein Lieb, nur du allein.
Jetzt pass mal schön auf, mein lieber Schatz: Du darfst das alles nicht so tragisch sehen und dir so zu Herzen nehmen! Freilich ist es ärgerlich (mich ärgert das auch), wenn unser hartes Los durch solch blödes „Altweibergequatsche“, wie das meine Mutter so meisterhaft kann, noch schwerer und härter wird.
Glaub an mich, so wie ich an dich, hör nicht so genau hin, was andere sagen, auch nicht wenn es von meiner eigenen Mutter ist. Du siehst ja, wie wenig Verständnis sie für mich hat, wo doch jeder Soldat an seinem Schicksal mehr als genug zu tragen hat. Sie versteht es, mich zu ärgern, das ist doch auch recht lieb und mütterlich?! Deshalb hat man ja zwei Ohren von Haus aus mitgekriegt! Also bitte nimm nichts mehr so ernst, was so misstönend in deinen Ohren klingt.
Wenn es nach dem gegangen wäre, was ich von meiner Mutter alles schon gehört habe (aber auch gleich wieder vergessen habe), dann wären alle ihre Kinder noch allein. Dann wären wir, die Anni und der Otto und auch der Tobi und die Käthi nie ein Paar geworden. Dem Franzl steht dieses Gesumse noch bevor.
(Anni, Tobi und Franzl sind die Geschwister meines Vaters.)
Die Eifersucht kennt keine vernünftige Überlegung. Es ist eben der „Eifer, der etwas sucht“, was gar nicht stimmt. Deshalb heißt dieses Teufelskraut ja auch „Eifersucht“.
Wie leicht kann ich mir zum Beispiel vorstellen, dass du eines Tages todtraurig sagst: „Die Linzer Mutti hat gesagt, das Kind ist gar nicht vom Toni!“ Mich ärgert dann ja nur, dass man dich geärgert hat (und du dich hast ärgern lassen), weil wir zwei doch wissen, was nur uns zwei ganz allein angeht und ich freu mich ja so auf ein Kind, das uns zwei gehört. Weißt du, dann sind wir schon eine richtige Familie geworden!
Du musst raus an die Luft, spaziergehen, ins Kino und lustig sein, wenn dir danach ist. Traurig sein, das kommt leider immer ganz von selber. Du bist niemand Rechenschaft schuldig über das, was du nach außen hin tust, die anderen geht das nichts an, nur vor dir selber musst du bestehen können und vor dem großen Vertrauen, das ich dir schenke, das mit dir ist und dir immer den richtigen Weg weisen wird. Was andere sagen oder mir zuflüstern, zählt nicht. Nur Tatsachen entscheiden. Und Tatsache wird sein und bleiben: Mein Schatzilein bleibt mein Schatzilein!
Es ist jetzt schon spät in der Nacht. Was ich dir aber von Herzen gern berichten wollte, das hab ich getan. Und du, meine liebe Frau, wirst mich wie immer gut verstehen.
Von Herzen wünsch ich dir eine Besserung deiner Gesundheit und bitte dich, denk immer dran: Nichts in dich hineinfressen!
Herzliche Grüße und viele Küsse von deinem Mann.
Eines wird Sie sofort verwundern, wenn Sie die weiteren Briefe lesen: In ihnen wird der Krieg nur am Rande erwähnt. Anton Linzer beschreibt niemals genau den Namen seines Regiments, die Art seines Einsatzes, die Aufgabenstellung, den Einsatzort, die Hauptkampflinie, die eigenen wie die gegnerischen Kampfhandlungen. Nichts davon. Nicht einmal über seine näheren Lebensumstände lässt er sich aus, geschweige denn über den militärischen Alltag.
In Norwegen gab es für ihn keine militärischen Einsätze. Aber auch nach der Versetzung an die russische Front in der Südukraine, nahe dem Schwarzen Meer, schreibt er selbst beim „Endkampf“ keine Zeile über die erlebten Belastungen, das Sterben hüben und drüben, die Gefallenen, die Verwundeten. Er geht auch nie näher auf die erlebten Strapazen, die schauerlichen Unterkünfte in Erdlöchern, die harten Kampfeinsätze, die strapaziösen Nachtmärsche, den quälenden Hunger oder auf seine Krankheiten und Verletzungen ein. Warum nicht? Weil er sie verdrängen wollte? Beileibe nicht.
Das Rätsel ist leicht zu lösen: Darüber zu schreiben war jedem Soldaten verboten! Der Feind durfte – wenn er per Zufall einen Postsack in die Hände bekam – keinerlei Hinweise auf Standort, Regiment, Mannschaftsstärke, Ausrüstung und Auftrag erhalten. Und erst recht nicht über die Moral der Truppe. Von persönlichem Leid, von Ängsten und Erschöpfung, von Verzweiflung und Tod durfte nichts, absolut nichts berichtet werden. Jeder Brief unterlag der Zensur. Selbst der geringste militärische Hinweis wurde sofort geschwärzt und zog bei schweren Verstößen Konsequenzen nach sich.
Aber nicht genug damit, dass die Soldaten nicht einmal über ihre belastenden Gefühle schreiben durften, auch Erlebnisse, die jedes Vorstellungsvermögen überstiegen, waren tabu oder durften nur mit verharmlosenden Worten beschrieben werden. Wenn etwa schwere Regengüsse im Oktober oder März den Boden in Russland in Schlammseen verwandelt hatten, dann durfte der Soldat nur „knöcheltief“ einsinken. Während er in Wahrheit oft bis zu den Knien im bodenlosen Schlamm versank und zudem noch ein Motorrad unter Einsatz der letzten Kräfte kilometerweit durch diese Schlamm- und Batz-Seen schieben, reißen, heben oder sonst wie vorwärtsbringen musste.
Abbildung 6: Schlamm- und Batz-Straßen in der Südukraine
Warum durfte er all das nicht schreiben?
Ganz einfach: Die Frauen zu Hause durften durch solch belastende Schilderungen nicht über Gebühr beunruhigt werden! Schönfärberei, Verharmlosung oder Schweigen war angesagt. Und dieses Gaukelspiel ging noch weiter. Während der Soldat über die tödlichen Gefahren an der Front nur mit lockeren Sprüchen reagieren durfte, wie z. B. dass jetzt „die Luft wieder etwas eisenhaltiger war“, was in Wahrheit stärkstes feindliches Artilleriefeuer bedeutete, oder „dass sich der Iwan wieder einmal rührte“, was nichts anderes hieß, als dass die russische Gegenoffensive unaufhaltsam näher rückte, oder „dass man wieder einmal in Bewegung kam“, was bedeutete, dass man jetzt ganz nahe an die HKL, die Hauptkampflinie, vorrücken musste – was wohl bei jeder Frau oder Freundin zu Hause spontanes Herzklopfen auslöste. Noch dazu wenn sie – wie es seine Frau in München erlebte – nebenbei noch Dutzende lebensbedrohlicher Bombenangriffe über sich ergehen lassen musste.
