Tollkirsche - Cassandra Leuenroth - E-Book

Tollkirsche E-Book

Cassandra Leuenroth

0,0
2,49 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Anstatt mit den Freunden den Jahreswechsel in Eskellem zu feiern, will Viola die Ferien im milden Klima von Altamaris verbringen. Auch ein unerwarteter Besuch im Würfelwinkel ist nicht dazu angetan, sie umzustimmen. Im malerisch verschneiten Zuckerbronn warten auf Mellia überraschende wie auch unheimliche Begegnungen. Viola und Jürgen scheinen neuerdings ein Geheimnis zu teilen, und Knut macht eine Entdeckung, die zum Prüfstein für seine Liebe wird. »Tollkirsche« ist die zehnte Folge der Würfelwinkel-WG. Die Serie erzählt in 26 Teilen von der Feenstudentin Mellia Weiselhain, ihrer märchenhaften Wohngemeinschaft und — ganz nebenbei — auch noch die Vorgeschichte zu »Prinzessin Beribetscha«. Märchenreich, 1961. In der Reichsstadt Demiawiburg gibt es drei Hochschulen, jede Menge Studenten, Exilanten aus den benachbarten Königreichen und der Grauen Welt — und ein Haus im Würfelwinkel Nummer 17, dessen zusammengewürfelte Bewohner sich erst zusammenraufen müssen, um die alltäglichen Herausforderungen in einer märchenhaften Reichsstadt zu bestehen: Hexen, Zwerge, verzauberte Frösche, ein verwunschener Fernsehmoderator, drei Prinzen, die um die Thronfolge wetteifern, und das Problem, wenn man nicht rechtzeitig vor Toreschluss in die Stadt zurückkommt. Zum Glück hält nicht nur Frau Holle ihre schützende Hand über die bunte Schar. Dennoch erfahren Mellias Ambitionen, eine gute Fee zu werden, manche ungeahnte Kehrtwende. Wird sie nach drei Jahren die Abschlussprüfung bestehen?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Cassandra Leuenroth

Die Würfelwinkel-WG

Folge 10: Tollkirsche

Dezember 1961

© CEGL, 2023

Lorichsstraße 28a

22307 Hamburg

 

Umschlagentwurf: TheaDelphia

Lektorat & Korrektorat: Albert Lossat

 

Alle Rechte vorbehalten.

Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf deshalb der vorherigen schriftlichen Einwilligung der Rechteinhaber.

Kapitel 1

Fee oder Hexe, das war nach Meinung von Frau Birnenschein ohnehin dieselbe Sache von zwei Seiten betrachtet.

Und in meinem Fall hatte sie wohl sogar recht damit. Wenn mein Feenleben in der Hauptsache darin bestehen würde, tote Leute einzusammeln, war es vielleicht eine ganz amüsante Abwechslung, zwischendurch singend ums Feuer zu hüpfen. Oder auch nur um ein Tischchen zu wandern.

»Heirerererare …«

Gute Güte, genau so hatte ich es mir doch vorgestellt: Das war meine erste Idee gewesen, als ich vor acht Monaten eine Hexe als Mentorin präsentiert bekommen hatte. Nun war es also soweit.

In ihren seltsamen Singsang vertieft, schlich Frau Birnenschein wie lauernd um eine kleine bemalte Holzschachtel, die auf dem Tisch stand und die sie halb beäugte, halb mit geschlossenen Augen zu erspüren suchte.

Dann richtete sie sich plötzlich auf.

»Und jetzt du.«

»Was jetzt …?« Ich blickte sie etwas verunsichert an. »Heirerererare?«

»Ja, nein — du kannst auch irgendwas anderes sagen, Heire— Ich sage Heirerererare, da komme ich am besten in die richtige Stimmung.«

»Aha.«

»Ja. Es ist ganz einerlei, was du sagst. Darauf kommt es nicht an. Oder doch, schon. Nicht wahr, es ist wichtig, dass es dir hilft.«

Sie drehte eine weitere Runde um den Tisch, die Hände in der Luft um die Schachtel herumfühlend, um mir ihre Art zu zaubern zu illustrieren.

»Heirerererare … Du könntest dir etwas anderes ausdenken oder erst einmal dies nehmen, am besten wirst du ein wenig herumprobieren.«

»Hm.«

Es fragte sich, wo ich das ausprobieren sollte. Bei Helge am Esstisch? Abends mit Viola in unserem Zimmer? Hatte die etwa ähnliche Zauber- und Gesangsstunden bei Frau Doktor Plessers? Ich konnte es mir nicht vorstellen.

»Und was genau bezweckt denn dieses Gesinge?« wollte ich wissen. Vielleicht wollte ich auch nur Zeit schinden.

»Das sage ich dir doch gerade, es dient der Konzentration auf das, was du tun willst. Ich habe übrigens verschiedene Varianten, je nach Art des Zaubers, den ich veranstalten will.«

»Aha.«

»Liebchen, du bist aber heute sperrig. Was ist denn nun? Weißt du nicht, wo anfangen?«

»Wissen Sie, Frau Birnenschein … Also nichts für ungut und seien Sie mir nicht böse, aber das kommt mir doch etwas albern vor.«

»So, das kommt dir albern vor.«

»Ja, ich … Also, ich möchte das eigentlich nicht machen.«

Meine Mentorin betrachtete mich prüfend über ihre Lesebrille hinweg.

»Ja, dann muss ich dich leider entlassen aus meinen Diensten«, sagte sie im Konversationston. »Ich kann der Akademie ein Briefchen schreiben und eine Erklärung, dass du für das Studium nicht geeignet bist und dass du dich freiwillig entschlossen hast, es aufzugeben.«

Ich riss die Augen auf.

»Aber wie, freiwillig entschlossen? Ich habe gar nichts aufgegeben!«

»Doch. Du gibst hier gerade den Unterricht bei mir auf, wenn du alles Mögliche nicht willst und dich permanent verweigerst.«

»Also Frau Birnenschein, das habe ich so nie gesagt. Und alles Mögliche — davon kann doch keine Rede sein! Mit Ihnen ist es aber auch wirklich nicht einfach.«

»Das Kompliment kann ich zurückgeben. Also was ist nun, willst du es einmal versuchen?«

Seufzend brachte ich mich in Stellung, hielt meine Hände über die Schatulle und versuchte, wie Frau Birnenschein es mir gezeigt hatte, den sogenannten inneren …

»Was wollten wir nochmal mit diesem inneren … Zauberdings?«

»Energiekörper. Wir wollen sein Wesen erspüren«, sagte Frau Birnenschein geduldig. »Bevor du in bestehende Gegebenheiten eingreifst, musst du erst einmal an den Gegenstand selbst heranreichen. Du musst wissen, womit du hier eigentlich arbeitest.«

»Aha.«

»Der Energiekörper ist das, was wir verändern wollen, und darum müssen wir ihn zuerst erfassen.«

»Aha.«

»Liebchen, wenn ich noch ein solch desinteressiertes Aha von dir höre, gehe ich gleich an meinen Sekretär.«

»Ist doch schon gut«, murmelte ich.

Dann tat ich es Frau Birnenschein nach und schlich suchend und summend um den Tisch herum, aber wusste dabei nicht recht, was ich eigentlich suchte.

»Heirerererare«, sang ich etwas halbherzig, »hantitanti …«

Ich kam mir unfassbar lächerlich vor und hatte auf einmal eine Ahnung, warum Hexen für gewöhnlich in einsamen Wäldern hausten. Das war ja peinlich, wenn einen jemand hörte. Zum Glück gab es hier keine Nachbarn auf dem zweiten Stockwerk, und bis zu unserer Wohnung unten war mein fabelhaftes Gesinge ja wohl nicht zu hören.

Auch erschien es mir ganz unpassend, Frau Birnenscheins persönliche Formel zu verwenden. Wahrscheinlich gereute es sie schon, dass sie mir ihren urgeheimen Zaubergesang anvertraut hatte, den ich hier ordentlich durch den Kakao zog.

Oder so kam es mir vor. Ich konnte es eben leider nicht ganz ernst nehmen, aber es fiel mir auch nichts Besseres oder Eigenes ein, und ich wünschte mir, ich hätte diesen Kram allein und irgendwo anders ausprobieren dürfen als unter den kritischen Augen meiner Mentorin.

»Heirerererare …«

Ich dachte an Heidelbeeren. Rare Beeren, ja, die gab es im Dezember nicht. Mir fiel mein Besuch im Sommer in Erichshof ein, als Knut mit der Schüssel voller Heidelbeeren hereingekommen war. Ich musste lächeln. Wo war Knut jetzt? Ich dachte ihn mir in unserem kleinen cremefarbenen Haus, also vielleicht …

»Kindchen, wo bist du?«

»Was?«

Frau Birnenschein riss mich am Arm zurück.

»Rotzdreck, verkohlter! Jetzt hätte ich dich doch beinahe verloren!«

»Was ist los?« fragte ich verwirrt. »Und seit wann fluchen Sie denn?«

»Was tust du denn da?«

»Ich? Was habe ich …?«

»Du wolltest wohl verschwinden?«

»Eh …«

Ich schüttelte mich kurz. Sie hatte recht. Ich war gerade auf halbem Weg nach Erichshof gewesen und hatte es nicht einmal bemerkt.

»Kindchen, was ist denn heute nur los mit dir?« fragte sie kopfschüttelnd. »In drei Tagen bist du doch ohnehin zu Hause.«

Und warum sagte sie mir jetzt auf einmal Kindchen? Anscheinend waren wir in eine neue Phase des Mentorinnenverhältnisses eingetreten, wo das Gefälle zwischen ihrem und meinem Wissen so augenfällig wurde, dass man mit Liebchen nicht mehr den richtigen Ton traf. Anders als in meinen bisherigen Schulen rückte ich hier anscheinend nach unten weiter. Mit zunehmendem Lehrstoff und abnehmendem Talent würde ich nach und nach bis in die Krabbelgruppe und irgendwann in die Klasse der Farne und Moose absinken.

Frau Birnenschein seufzte.

»Ich glaube, wir beenden das besser für heute.«

»Nein — lassen Sie es mich noch einmal versuchen«, bat ich.

Sie blickte mich zweifelnd über ihre Brille hinweg an.

»Na, ich weiß nicht recht. Ich habe einmal Sorge, dass du mir beim nächsten Heimwehanfall doch noch davonschwebst und am End in der Stadtmauer steckenbleibst. Jawohl, meine Liebe: Das Glück, das du bei deinem letzten Ausflug hattest, muss sich nicht unbedingt wiederholen, und dann habe nicht nur ich den Ärger, sondern verliere auch noch meine Lehrerlaubnis.«

»Ach, darum sorgen Sie sich«, sagte ich halb im Scherz. »Ob ich in der Mauer feststecke, ist Ihnen dabei nicht so wichtig.«

»Ja, nun. Darum kümmern sich Leute. Was denkst denn du, warum dieser Zauber auf der Mauer liegt? Da wird nicht alle Jubeljahre mal nachgeschaut, ob sich etwas festgesetzt hat, sondern das ist ein Überwachungssystem wie ein Spinnennetz. Sobald sich irgendwo eine Bewegung zeigt, kommt die Spinne angerannt und packt zu.«

»Na, das ist tröstlich. Also gut, lassen Sie mich etwas versuchen.«

Ich ging noch mal daran, sagte aber diesmal gar nichts, was immerhin mehr zur Konzentration beitrug als diese … nein, nicht daran denken. Nichts denken. Den Gegenstand spüren … oder das Drumherum. Doch, ja.

Frau Birnenschein, ganz Geduld, stand irgendwo hinter oder neben mir, ich nahm sie nicht einmal mehr wahr, so konzentriert war ich auf das Kistchen. Einen Energiekörper fand ich dabei nicht.

»Nun, wir wollen es dabei belassen«, sagte sie endlich. »Übe das in den Ferien. Oder nein, besser nicht, sonst kommt nur wieder Unfug dabei heraus. Wir wollen erst einmal nichts verändern.«

»Ja, das habe ich verstanden«, sagte ich etwas beleidigt. »So ganz begriffsstutzig bin ich ja nun doch nicht.«

»Wie schön. Dann kannst du mir vielleicht auch noch folgende Frage beantworten: Seid ihr beide, du und Viola, morgen Nachmittag zu Hause?«

»Eh … also, ich glaube schon. Ich bestimmt, bei Viola bin ich nicht ganz sicher.«

»Es wäre schön, wenn ihr das einrichten könntet. Wie du wohl weißt, ist morgen nämlich eine Gnadennacht.«

»Was ist da morgen?«

Wieder seufzte sie.

»Liebchen, was hast du nur gelernt?«

»Alles das, was Sie mir beigebracht haben«, gab ich etwas vergnulzt zurück.

Frau Birnenschein lachte plötzlich ihr Hexenlachen.

»Ja, aber mehr ist auch nicht da. Nun, in einer Gnadennacht werden gewisse Kräfte freigesetzt, die es unter anderem erlauben, sich in Elementen zu bewegen, die einem sonst nicht zugänglich sind. Mir ist erst einmal wichtig: Kannst du es einrichten, dass ihr beide am späten Nachmittag im Hause seid?«

»Ich denke schon. Sollen wir dann zu Ihnen kommen?«

»Oh, nicht nötig. Das wird auch bei euch in der Wohnung möglich sein.«

»Hm.«

Ich dachte an die Gesichter von Helge und Jürgen, wenn wir mit Frau Birnenschein um den Küchentisch schlichen und seltsame Formeln dahersangen. Ich versprach ihr aber alles, was sie wollte. Sollte doch Viola zusehen, wie sie mit den heillosen Raritäten und ihren inneren Zauberkörpern zurechtkam, in welchen Elementen auch immer.

Wir verabschiedeten uns, und ich hopste die Treppe hinunter nach Hause. Zum Henker, was eine Hitze hier drinnen.

Die Wohnung war still und schien verwaist, aber als ich die Küche betrat, kam mir Viola aus unserem Zimmer entgegen.

»Ich brauche etwas Heißes zu trinken«, murmelte sie schlotternd.

»Etwas Heißes zu trinken?« gab ich zurück. »Schluck mal die Luft hier, da wird es dir gleich heiß.«

»Dein Ernst?« Sie sah mich mit großen Augen an. »Es zieht hier wie verrückt.«

»Ach, du spinnst ja.«

Es war so überheizt hier, dass ich fürchtete, jeden Moment müsste Helge aus seiner Werkstatt gestürzt kommen und ein Donnerwetter an schlechter Zwergenlaune über uns hinweggehen lassen. Aber der war anscheinend gar nicht da.

»Wie kannst du überhaupt merken, dass es zieht? An dich kommt gar keine Luft ran.«

In Wollpuschen mit dicken Sohlen, ihrem dicksten Pullover und noch einer Bettjacke darüber stand sie da, um den Kopf ein doppelt gelegtes Tuch geschlungen. Das war neu.

»Wenn meine Haare offen liegen«, erklärte sie, »kühlen sie mir so den Kopf aus, dass ich nicht denken kann. Ich glaube sogar, um mich herum wird es ein paar Grad kälter, wenn ich sie nicht wegsperre.«

»Was nicht gar«, staunte ich. »Kann man aus solchem Talent nicht was machen?«

Viola warf mir einen Blick zu, der mich wirklich frösteln ließ.

»Und wie war es bei Frau Be?« wollte sie dann wissen.

Ich fuchtelte beschwörend mit den Fingern vor ihrem Gesicht herum.

»Heirerererare!«

»Aha, die Zauberschule! Habt ihr Frösche hypnotisiert?«

»Ja, spotte nur. Ich kam mir entsetzlich albern vor.«

»Reiner Neid«, gab sie zu. »Du weißt sehr wohl, wie gern ich mit dir tauschen würde.«

»Na ja, ich könnte dir zeigen, was wir gemacht haben.«

»Oh ja, bitte!«

»Ja, warum nicht. Vielleicht ist es zu zweit weniger albern. Oder wir können wenigstens übereinander lachen.«

Zum Glück war außer uns niemand da, also wagte ich den Versuch. Ich stellte die erstbeste unserer Tassen auf den Tisch und stellte die Übung nach.

»Es geht darum«, sagte ich das Gelernte auf, »in die richtige Stimmung zu kommen, um sich dann dem jeweiligen Gegenstand so anzunähern, dass man überhaupt etwas damit machen kann.«

»Aha, verstehe. Ich soll mich auf den Becher einstimmen. Und wie geht das?«

»Ja, so eben. Du schleichst um das Stück herum und versuchst seinen — wie war das? — Energiekörper zu erspüren.«

»Ah so.«

Sie brachte sich in Position, machte ihre Fühler klar und versuchte es einmal mit »Heirerererare«, dann mit »Mumumi«, dann verstummte sie ganz und ließ sich vollkommen auf die Sache ein.

Ihre Augen hatten einen seltsamen Glanz bekommen. Wie versunken stand sie vor dem Becher, ließ ihre Hände über sein unsichtbares Drumherum gleiten und schlich dann langsam um den Küchentisch. Endlich richtete sie sich auf und schien wie aus einer fernen Welt aufzutauchen.

»Interessant«, bemerkte sie.

»Was hast du gesehen?«

»Ach … Ich kann es eigentlich nicht mit Worten ausdrücken.« Sie zögerte. »Das ist schon eine andere Ebene, auf der man mit so einer, nun ja, Tasse sich austauscht.«

»Dein Ernst?«

Sie sah ein bisschen verwirrt aus, dann lachte sie.

»Ja, schon irgendwie. Du, und ich überlege … Am Ende ist es genau das, was auch Helge macht, wenn er diese Tassen herstellt. Der spürt da ja auch irgendwas hinein, was er manchmal erst später in den Beschenkten wiedererkennt.«

»Hm. Das ist mal eine These.«

»Und ich frage mich, ob Frau Doktor Plessers von solchen Dingen überhaupt eine Ahnung hat. Oder warum möchte sie nicht, dass ich das lerne?«

»Vielleicht hat sie Angst, dass du sie innerhalb von Wochen überrunden wirst. Mir jedenfalls bist du schon wieder um Längen voraus«, gab ich neidlos zu.

Oder jedenfalls hoffte ich, dass kein Neid dabei war. Vielleicht nahm ich die Sache nicht ernst genug, um Erfolg zu haben — oder meine Talente beschränkten sich eben darauf, Immortellen aufs Dach zu tragen.

»Was macht ihr jetzt so bei der Frau Doktor?« fragte ich dann.

Viola verzog das Gesicht zu einem listigen Grinsen.

»Ach weißt du, ich habe ja nicht nur Herrn Paxfax auf meiner Seite, sondern auch Mona unterstützt mich ganz außerordentlich. Sie kommt nämlich wunderbar mit der Frau Doktor aus und sitzt wie ein kleiner plappernder Puffer zwischen uns. Natürlich sind diese Treffen nicht eine Sekunde meiner Zeit wert, aber was soll ich machen? Nein — sag es nicht, ich warne dich.«

»Schon gut. Aber sollte Mona nicht ausgetauscht werden?«

»Wir bekommen im nächsten Jahr eine neue Florfee, aber Mona hat es durchgesetzt, dass sie bleiben darf. Dann werden wir zu viert im Zimmer sein.«

»Gute Güte. Weiß Helge schon davon?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Er ahnt aber bestimmt was. Sei es drum, damit muss man rechnen, wenn man sich Feenstudentinnen in die Wohnung holt. Er hat uns ja nur Frösche verboten. Im übrigen hege ich die Hoffnung, wenn Mona eine Freundin bekommt, dass die beiden dann mehr zusammen machen und ich frei habe. Am liebsten würde ich allerdings gleich die Frau Doktor austauschen und am Wallring ins Gras stellen.«

»Da steht sie sicher gut. Ach übrigens, das soll ich dir noch sagen: Frau Be möchte uns morgen zu einem Experiment hier haben.«

»Ach ja? Morgen ist Gnadennacht, oder?«

»Du weißt, was das ist?« fragte ich überrascht.

»Mal davon gehört. Sollte Andi je wieder ein Frosch werden, dann kann er an vier Terminen im Jahr wieder er selber sein. Also, auf Anfrage.«

»Ach, wirklich? Frau Birnenschein hat mir irgendwas über Elemente erzählt.«

»Ja, so eine Gnadennacht ist zu allerlei zu gebrauchen. Man kann zum Beispiel prüfen, ob jemand unter einem Zauberbann steht — oder tatsächlich ein Frosch ist.«

»Aha. Und wann sind diese Termine?«

Viola zählte an ihren Fingern ab.

»Dezember, März, Juni und September, also immer zu den Sonnwendnächten und den Tagundnachtgleichen.«

»Ist ja ein Ding. Und warum sagt mir das keiner?«

Sie zuckte die Achseln.

»Haben wir doch bislang nicht gebraucht. Na gut, ich lerne hier ja ohnehin nichts, aber selbst Frau Birnenschein wird nicht die Inhalte von drei Studienjahren in die ersten sechs Monate stopfen.«

Ich seufzte. »Zumal sie bei mir ja auch ständig an Grenzen gerät. Jedenfalls möchte sie uns beide morgen gerne hier haben, aber ich weiß nicht genau, was sie vorhat.«

»Prüfen, ob wir in Wirklichkeit Lebkuchenkinder sind?«

Ich lachte.

»Das wäre es ja noch.«

Kurze Zeit später kam Jürgen herein, der anscheinend die ganze Zeit über in seinem Privatbüro gesessen hatte.

»Habt ihr hier einen Sonnenzauber angestellt?« wollte er wissen.

»Hast du uns gehört?« fragte ich etwas verlegen. »Ich dachte, wir wären allein in der Wohnung.«

»Sind wir doch«, sagte er ungerührt und ging an den Kühlschrank. »Wenn man mal die Myriade von Ameisen im Flur nicht mitrechnet. Gar kein Helge-Eintopf heute?«

»Haben wir Dienstag oder was?« motzte Viola. »Mach den Kasten zu, es wird kalt.«

»Du spinnst doch«, sagte er. »Diese Küche hier ist der reinste Backofen. Ich frage mich, was passiert, wenn ich dir eine Scheibe Käse auf den Kopf lege.«

»Dann kriegst du eine gelangt, das passiert.«

»Vielleicht solltest du dich mal in den Kühlschrank setzen«, schlug er vor. »Danach wird selbst dir die Küche recht warm erscheinen.«

»Danke für den Rat.«

»Helge jedenfalls wird uns deine Heizerei gewiss in Rechnung stellen.«

»Lass ihn nur«, murrte Viola. »Ich übernehme die kompletten Heizkosten. Lasst mich nur nicht frieren.«

Nachdenklich betrachtete ich sie in ihrem wollenen Iglu.

»Du frierst aber doch.«

»Erinnere mich noch daran.«

Ich seufzte, und Jürgen warf mir einen ergebenen Blick zu. Es war wirklich nicht einfach dieser Tage. Viola verkroch sich die meiste Zeit in unserem Zimmer und wäre am liebsten morgens gar nicht mehr aufgestanden — sie, die sonst vor dem ersten denkbaren Hahnenschrei fröhlich in der Wohnung herumwerkte! Es war wie ein Wunder, nur in Schlimm.

Aber auch mit Helge war es in den letzten Wochen merklich bergab gegangen. Immer noch hatte er niemanden für die kleine Kammer gefunden und lamentierte unausgesetzt über die Kosten aller möglichen Angelegenheiten.

Jürgen und ich tappten zwischen den beiden herum wie durch das Land der menschenfressenden Riesen, auf Zehenspitzen und immer darauf bedacht, keinen von ihnen aufzuwecken. An unseren letzten gemeinsamen Fernsehabend konnte ich mich kaum mehr erinnern. Die Goldregenshow war in der Winterpause, aber das fiel kaum auf, weil aus unterschiedlichen Gründen eigentlich niemand mehr Lust darauf hatte.

Ich dachte an unseren stillen Peter: Der hätte hier in diesen Tagen wie ein bunter Zirkusnarr gewirkt.

Während Jürgen weiter die Vorräte inspizierte und Viola sich endlich ihr Heißgetränk machte, verschwand ich in unser Zimmer, wo mir eine noch größere Hitze entgegenschlug. Kein Wunder, dass Viola es in der Küche kalt fand. Ich hatte plötzlich Lust, eines meiner Erichshofer Sommerkleider anzuziehen, von denen ich immer ein paar hier hatte, um mich auf der Heimreise noch im Zug umkleiden zu können.

Auf dem Fensterbrett entdeckte ich Mona, die lang ausgestreckt auf einem ihrer Malvenblätter lag, neben sich ihr winziges Becherchen mit einem ebenso winzigen Strohhalm drin. Es hätte bloß noch die Sonnenbrille gefehlt.

»Na, du lässt es dir ja gutgehen!« rief ich lachend.

»Was soll ich machen?« Sie seufzte theatralisch. »Bei der Hitze kann ja niemand arbeiten. Blätter putzen und so weiter, ich habe es wirklich versucht, aber mir tropft schon alles.«

»Oh weh. Aber du hast ja recht, ich will mich auch gerade umziehen.«

Ich ging an den Schrank und wählte mein liebstes und luftigstes Kleid aus.

»Willst du mir das Fenster aufmachen?« bat Mona dann. »Viola hat alles zugesperrt, aber ich brauche mehr Eis für meine Brause.«

Ich tat ihr den Gefallen und kramte etwas Schnee zusammen, der sich auf der Fensterbank angesammelt hatte. Den gab ich ihr in ein Schälchen und musste noch einmal nachlegen, weil sie sich die Hälfte davon ins Gesicht warf. Dann schloss ich rasch wieder das Fenster, ehe sich Viola aufregen konnte, und ging in die Küche zurück.

Jürgen betrachtete mich mit offensichtlichem Vergnügen.

»So siehst du also zu Hause in Erichshof aus?«

Violas Blick war reine Bitterkeit.

»So sehen wir da im Sommer alle aus. Im Sommer, Mellia! Wie kannst du mich so verhöhnen?«

»Ich verhöhne dich nicht«, gab ich zurück. »Mir ist nur entsetzlich warm.«

»Ha, dann habe ich genau das Falsche für dich«, verkündete Jürgen fröhlich.

Auch er stand nur in kurzen Hemdsärmeln am Herd. Gerade dass er keine Badehose trug, aber ihn hatte ich immer nur tadellos gekleidet gesehen.

»Hier, Viola darf die Kartoffeln stampfen, das macht warm.«

»Danke, mein Lieber. Immer fürsorglich.«

»Muss ich wohl. Bald bist du ja im sommerlichen Altamaris.«

»Na, sommerlich … Jedenfalls ist da kein Frost.«

»Wann fährst du nun?« wollte ich wissen.

»Samstag Nachmittag. Meine Eltern holen mich auf dem Weg hier ab.«

»Aha. Und wohnt ihr wieder bei Andi in der Pension?«

»Nein, das nicht. Aber ich werde ihn sicher mal besuchen.« Sie seufzte. »Am liebsten würde ich ja sofort fahren, nur sind morgen noch diese Bilanzen.«

»Sie meint die Abschlusstreffen für die Sonderseminare«, erklärte ich. »Nachbereitung, Bilanz und Ausblick, was man eben so macht.«

»Und, habt ihr wertvolle Erkenntnisse mitnehmen können?«

»Oh ja«, rief ich eifrig. »Ich habe auf jeden Fall vor, jetzt öfter mal nach draußen zu reisen. Es ist da wirklich interessant, und wir haben ein gutes Rüstzeug bekommen.«

»Ich beneide dich ein bisschen«, gab Jürgen zu.

»Wir könnten dir doch … oh ja!« Plötzlich hatte ich einen lustigen Einfall. »Ich hatte euch doch von dem Märchenpark erzählt, den sie da draußen aufgebaut haben?«

»Wo sie den Grauen Kindern vorspielen, wie es bei uns ist.«

»Genau. Wir könnten etwas Ähnliches auch hier machen: einen Grauen Park für Leute, die sich mal ordentlich gruseln wollen.«

Jetzt lachte sogar Viola.

»Phantastische Idee. Und wie willst du das verkaufen? Die meisten Leute haben von klein auf ein Grauen vor der Grauen Welt. Nicht wahr, deswegen heißt sie so.«

»Stimmt«, sagte Jürgen. »Da will außer mir dann gar keiner rein. Ein Grauer Park ganz für mich, das wäre wirklich was.«

»Grundgütiger«, rief Viola augenrollend. »Dir muss es schlecht gehen, wenn du dir die Graue Welt schön vorstellst.«

»Schön habe ich nicht gesagt. Ich finde sie interessant. So als Lebensentwurf.«

»In dem du nicht lebensfähig bist«, stellte Viola fest.

»Auch das ist richtig. Drum wäre es ja interessant, solch einen Park zu besuchen. Und wie war es bei dir?«

»Hach ja. Eine lange Liste von weiteren Orten, die wir alle nicht mehr haben abhandeln können und mit der auch Hildchen und Harald nie zur Einigung gekommen wären. Tatsache ist, wir haben sogar zwei Listen bekommen.«

Ich lachte. »Also alles beim Alten im Hause Harry und Hildchen. Oder wie hießen die noch hinten, Babbeler und Pfefferkorn?«

»Von Babbeler bitte. Ja, wer weiß. Am Ende ist es das, worüber sie sich nie einigen konnten: wessen Namen sie tragen wollen.«

»Also sind sie doch verheiratet? Aber wird der gemeinsame Name nicht von der Technischen Börse festgelegt?«

»Nicht, wenn die Familien auf derselben Suprematiestufe stehen«, wusste Jürgen. »Dann dürfen beide ihren Namen behalten.«

»Ah. Wie bei Löwenstein-Pavlinek?«

»Wie bei Löwenstein-Pavlinek.«

»Richtig, da war doch auch mal was«, erinnerte sich Viola. »Eine falsche Heirat im Königshaus, und alles war hin.«

»Na, so ähnlich.«

»Immerhin würde das erklären, warum diese Spukdozenten nicht einfach getrennte Wege gehen.

---ENDE DER LESEPROBE---