Über die Brücke des Atems - Rut Sigg - E-Book

Über die Brücke des Atems E-Book

Rut Sigg

0,0
6,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Dieses Buch ist nicht erfunden, sondern gelebt worden. Seine Kraft liegt in der Nachvollziehbarkeit des Geschriebenen. Es besticht durch seine einfache, schnörkellose und präzise Sprache. Seine wichtigste Aussage ist für mich, dass es sich lohnt, im Leben vorwärts zu gehen, selbst dann, wenn man lieber stehen bliebe. Doch Stillstand lohnt sich nicht, weil dadurch auch die innere Entwicklung stehen bleibt. Im Alter von achtzehn Jahren öffneten sich für die Autorin die Türen zur Philosophie des Yoga. Diese Lehre des Atems, der Bewegung und des Fliessenlassens der Lebensenergie bildete ein fruchtbares Fundament für ihr Studium am Lehrerinnen-Seminar, begleitete sie durch ihr Gesangsstudium und durch ihre Ausbildung in Modern Dance sowie in Bewegungs- und Atemtherapie. In ihrer beruflichen und künstlerischen Tätigkeit und im zwischenmenschlichen Bereich beweist die Autorin die seltene Fähigkeit, nicht nur die Geschenke des Lebens zu empfangen, sondern auch in stiller Akzeptanz dessen Lasten zu tragen. Dabei ist es ihr gelungen, Lebens- und Leidensmuster zu erkennen, durch sie innerlich zu wachsen, ihre Vorstellung der Hingabe an das Menschsein zu verwirklichen und ihren eigenen, unverwechselbaren Weg zu finden und zu gehen. Die Autorin ist verheiratet, lebt in einem Bauernhaus mit Tieren und Garten, führt in Langenthal ein Yoga-Zentrum und arbeitet aktiv in verschiedenen internationalen Gruppierungen mit. Walter Hess

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 243

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



In tiefer Dankbarkeit für denjenigen Lehrer, der mich in den Yoga einführte,

in tiefer Dankbarkeit für denjenigen Lehrer, der dieses Buch ermöglichte,

in tiefer Dankbarkeit für meinen heutigen Lehrer,

in tiefer Dankbarkeit für die Hilfe so vieler Freunde,

in tiefer Dankbarkeit für meinen Mann

und seine Unterstützung

auf jeder nur möglichen Ebene.

Inhaltsverzeichnis

VORWORT

KAPITEL

KAPITEL

KAPITEL

KAPITEL

KAPITEL

KAPITEL

KAPITEL

KAPITEL

KAPITEL

KAPITEL

KAPITEL

KAPITEL

KAPITEL

KAPITEL

KAPITEL

KAPITEL

KAPITEL

KAPITEL

KAPITEL

KAPITEL

KAPITEL

VORWORT

Das Vorwort zu schreiben ist, wie wenn ich Sie einladen dürfte, über die Schwelle einzutreten in ein privates Haus. Man spürt sofort die Art, in der dort drin gelebt wird. Die Atmosphäre ist davon geprägt, man nimmt sie wahr im Atem.

So wie Räume atmen können, atmet auch dieses Buch. Es atmet Ehrlichkeit. Ich atme sie beim Lesen ein und werde mit der Zeit gewahr, dass ich mich selber sehe, Auge in Auge, in meinem eigenen Spiegel, erkennend, was das Leben in Liebe von mir fordert.

So ist es nichts Privates, zu dem ich eingeladen bin. Es geht um das Geschenk des Lebens, um Einzigartiges, um Allgültiges und um die Chance, die es ist, dem Lehrer zu begegnen.

Dies ist ein ganz besonderes Buch, es ist ein Buch zum Lernen. Es lässt nicht zu, dass mit ihm abgeschlossen wird, wenn es gelesen ist. Mich hat es infiziert. Es ist ein Buch mit Folgen.

Sylvia Püschel

1. KAPITEL

Auf der schwarzen Krete lag dunkelrot der volle Mond wie eine Frucht auf einem Teller. Als er abhob und langsam in den Himmel stieg, glich er einem Luftballon. Je höher er flog, desto leuchtender und heller wurde er. Die Sterne in seiner Nähe wirkten fahl im Gegensatz zu seinem Blenden. Es brannte in den Augen. Und violette und grüne Kringel begannen sich in ihnen zu drehen, wenn ich mich ihm länger aussetzte.

Eine Brise kam auf. Die Nacht roch süß. Im Abkühlen verströmte die Erde Düfte, die betäubten. Die Sommernacht wog schwer. Ich stand still. Vom raschen Aufwärtsgehen war mir heiss geworden. Das Blut pochte in meinen Adern. Lebendigkeit sirrte in jeder Zelle. Ich setzte mich ins Gras. Die Erde wärmte meine nackten Sohlen. Eine Ameise biss mich in den Knöchel. Und plötzlicher Schmerz durchzuckte meinen Körper.

Der Mond hing über mir wie ein goldener Spiegel. Und verlor ich mich in seinem Anblick, schlich leise Beklemmung in mein Herz. Nichts rührte sich in seinem Rund. Schweigen griff nach mir. Und eine Garbe jäher Furcht elektrisierte mein Nervensystem. Meine Alleinheit störte mich auf. Und ich war wieder das kleine Mädchen von einst, das sich über sein Spiegelbild beugt…:

ich stand vor dem Schrank im Zimmer meiner Tante. Die Hände stützte ich auf dem Glas ab und näherte langsam mein Gesicht der silbernen Fläche. Als ich ihr nahe genug war, schwammen meine beiden Augen zu einem einzigen Auge zusammen. Dieser Vorgang faszinierte mich derart, dass ich ihn wiederholte. Ich bog mich zurück und wieder nach vorn. Zurück. Und nach vorn. Schließlich lehnte ich meine Stirne gegen den Spiegel. Ich hatte nun nur noch ein Auge. Es wirkte wie ein Loch in meinem Kopf. Das Weiße darin schimmerte grau. Das Schwarz der Pupille zog mich in sich hinein wie ein Magnet. Unwillkürlich erinnerte ich mich meines Namens und raunte ihn mehrmals. Er formte sich zu einem Trichter, in den ich wie in einen sich abwärts drehenden Wirbel hineingesaugt wurde. Mein Körper dehnte sich in die Länge, gespannt wie eine Sehne. Behutsam zuerst, dann immer schneller drehte er sich um seine Achse. Kurz bevor ich ohnmächtig wurde, durchzuckte mich der Gedanke, ich könnte das Gesicht vom Spiegel wegnehmen. Das tat ich auch und lief zu meiner Tante, die im Garten arbeitete. Sie pflanzte Salatsetzlinge und wies mich an, ihr dabei zu helfen. Mein Körper war noch steif vom eben Erlebten. Und Arme und Beine gehorchten mir nicht sofort. Ich brauchte etliche Minuten, bis ich mich wieder normal bewegen konnte….

Das Licht des Mondes wirkte nun fast zu grell, um direkt hineinzuschauen. Ich stand auf und stieg weiter hügelan. Mein Hund setzte einer Katze nach und blieb abrupt stehen, als ich ihn zurückpfiff. Die Nacht wurde gespenstisch hell. Ein verborgener Zauber ließ Schatten sich ins Unendliche dehnen und Flächen milchig aufschimmern. Ich hielt an. Mit nach hinten gebeugtem Kopf schaute ich dem Mond ins Gesicht. Wieder beschlich mich Furcht. Wer war ich im Angesicht dieser Präsenz? Dieser unausrottbaren Stille? Nichts gab auf diese Frage Antwort. Nur der gewisse Druck meldete sich. Und die Spannung baute sich auf, die allem Standhalten vorauszugehen pflegt. Dieselbe Spannung, die sich aufbaute, wenn ich meinem Lehrer in die Augen schaute und an seinen Atem andockte. Einen Augenblick lang hing ich im Nichts. Dann stießen meine Füße auf Grund. Und das Feuer des Atems wandelte meine Wirbelsäule zum pulsierenden Strom, der mich erdete. Meine Muskeln entspannten sich. Gedanken flossen weg. Und jedes Davonlaufen oder sich Abwenden erwies sich als sinnlos. Die Illusion von Gefahr wurde gebannt. Nichts rührte sich im Blick meines Lehrers. Weder wurde ich davon aufgesogen noch in Bann geschlagen. Ich sah darin nur mich selbst. Begegnete meiner eigenen Autorität und Verantwortung.

Meinen Lehrer traf ich zum ersten Mal als ich fünfundvierzig Jahre alt war. Damals bestand mein Leben aus einem einzigen Scherbenhaufen. Obwohl ich einen Mann hatte, erstickte ich fast an meiner Einsamkeit. Ich vegetierte in einem Kerker aus Schmerz und Ohnmacht dahin, in dem ich weder sitzen, noch stehen, noch liegen konnte. Nichts machte Sinn. Freude kannte ich nicht einmal vom Hörensagen. Und auch physisch fühlte ich mich eher tot als lebendig. Was mich dennoch zum Weitergehen antrieb, war die verzweifelte Hoffnung auf irgendeine Form von Durchbruch. Es musste einfach die Möglichkeit einer Öffnung geben!

Da flog mir ein Seminarprospekt zu, den ich sofort ausfüllte. Da ich nichts zu verlieren hatte, gab es auch keine Fragen zu stellen.

Natürlich packte mich die schiere Panik, wenn ich an das bevorstehende Seminar dachte. Ich kannte Bücher des Lehrers, der es leiten würde. Ich kannte auch Bücher von anderen Lehrern des inneren Wegs. In jedem von ihnen wurde auf zu erbringende Opfer hingewiesen. Grundsätzlich alles müsse ein Schüler des inneren Wegs zurücklassen. Anders könne er keiner Schule beitreten. Kein Lehrer nehme ihn an. Und weder höre er, noch verstehe er, wovon der Lehrer spreche. Sogar von Mutproben war in diesen Büchern die Rede. Einem potenziellen Schüler bleibe nichts erspart, hieß es. Und absoluter Gehorsam dem Lehrer gegenüber verstehe sich von selbst.

All das leuchtete mir zwar ein. Und dennoch war ich bis obenauf mit Entsetzen angefüllt. Ich spürte schreiend deutlich: ich hatte keine Wahl. Es blieb nichts weiter auszuprobieren. Ich hatte das mir Mögliche versucht. Der einzige noch gangbare Weg war der Weg geradeaus. Und dieser Weg führte zum Seminar. Ein Hintertürchen zeigte sich nicht. Halbheiten hasste ich ohnehin. Also fasste ich den verzweifelten Entschluss, mich noch vor Seminarbeginn vollumfänglich zur Arbeit mit dem Lehrer zu verpflichten. Ungeachtet dessen, was auf mich zukommen mochte.

Es existierte in mir drin ein bestimmter Punkt in der Mitte der Brust. Ich entdeckte ihn als Kind. Er stellte eine Art Niemandsland dar. Nichts regte sich dort. Nichts lief ab. Es war ein Ort, der mit mir als Person nichts zu tun zu haben schien. Ich konnte mich dorthin zurückziehen, wenn mir zu Hause die Decke auf den Kopf fiel und wurde dadurch unangreifbar. Oft tat ich das, nachdem ich Prügel bekommen hatte. Oder wenn meine Erwachsenen aufeinander losgingen.

Der Punkt diente aber auch zum Musikhören. Musik fühlte sich dabei an, als werde sie auf Saiten gespielt, die über diesen Punkt gespannt waren. Dadurch hörte ich Musik nicht mit den Ohren, sondern erlebte sie hautnah. Mein Körper selber spielte die Musik. Alles an mir vibrierte im Klang der Musik. Das Innen und das Außen flossen ineinander. Ich als Person verschwand. Und damit verschwanden auch Schmerz, Angst, Ohnmacht.

Doch der gewisse Punkt diente noch zu viel mehr. Ich fand heraus, dass Entschlüsse, die dort gefasst wurden, unglaubliche Kraft enthielten. So als seien sie mit Dynamit gefüllt. Ich selbst brauchte kaum etwas dazuzutun. Der einmal gefasste Entschluss machte sich selbständig. Wie ein Wagen, der aus eigener Kraft bergab rollt. Ich brauchte den Entschluss nur am bewussten Ort zu verankern. Und die Hälfte der Arbeit war getan. Was blieb war, den eingeschlagenen Weg weiterzuverfolgen, ohne dabei nach rechts oder nach links zu gieren.

Das tat ich auch im Fall des bevorstehenden Seminars. Natürlich hatte ich keine Vorstellung von dem, was mich erwartete. Aber ich sah, was mit mir los war. Und ich sah, dass ich so nicht weiterleben konnte. Das nahm ich zum Ausgangspunkt für eine Visualisation. Darauf gab ich mir im Moment, in dem diese Visualisation in meinem Inneren aufleuchtete, ein Versprechen. Das Versprechen, ich würde mich dem Lehrer anschließen. Und ich würde so lange mit ihm arbeiten, bis Licht in Sicht sei. Und das alles ungeachtet der Bedingungen, die er stellen mochte.

Kaum war dieser Schritt vollzogen, fühlte ich mich erleichtert. Ich entschied mich für eine Richtung. Und ein Weg öffnete sich vor mir. Was zu tun blieb war, diesen Weg konsequent unter die Füße zu nehmen. An meinem Entschluss zu zweifeln, verbot ich mir. Das hätte nur Energie gekostet. Und davon hatte ich wenig genug. Ich musste das bisschen, das mir blieb so bündeln, dass ich das Seminar konzentriert antreten konnte.

Dennoch erkannte ich den Lehrer nicht auf Anhieb. Sein Aussehen entsprach nicht meinem Bild von ihm. Er trug eine Kordhose und ein kariertes Hemd, das am Hals offenstand. Seine Begrüßung fiel freundlich, aber scheu aus.

Ich war eine Teilnehmerin unter vielen. Und meine Befürchtung, man sehe mir meinen Zustand an, zeigte sich als unbegründet. Ich entpuppte mich als ein bunter Hund unter anderen. Kaum jemandem ging es besser als mir. Auch wenn es jeder hinter den verschiedensten Masken zu verbergen suchte. Den meisten kamen diese Masken rasch abhanden. Die Art, wie der Lehrer mit uns umsprang sorgte dafür. Er schuf andauernd Situationen der Konfrontation. Einmal scheuchte er uns um drei Uhr nachts aus den Federn, da es im Haus bestialisch stinke. Und wir durften uns erst wieder hinlegen, als der übersehene Abfalleimer geleert war. Oder er schimpfte uns einen Haufen von Idioten, die es versäumt hätten, erwachsen zu werden. Wir nahmen diese Behandlung ergeben hin. Wenigstens vordergründig. Viele der Seminarteilnehmer befanden sich an einem Wendepunkt in ihrem Leben. Die einzuschlagende Richtung lag noch im Dunkeln. Nun hofften sie, im Lehrer denjenigen gefunden zu haben, der ihnen den entscheidenden Stoß verpasste. Jeder von uns erwartete irgendeinen Gewinn. Das Seminar war nicht billig. Dazu putzten Gruppen von uns das Haus täglich, vom Dachstock bis hinunter zu den Kellerräumen. Währenddem andere sämtliche Mahlzeiten kochten. Wieder andere Geschirr spülten. Wäsche wuschen. Oder bügelten. Wir bezahlten dafür, dass wir von morgens bis abends herumgehetzt und dafür noch an den Pranger gestellt wurden. Wir wehrten uns nicht. Verbissen versuchte jeder sein Bestes zu geben. Besonders wenn sich der Lehrer näherte. Dann überboten wir einander an Dienstbarkeit.

Wir gierten nach Lob wie dressierte Hunde. Keiner wollte es wahrhaben. Doch jeder tat es. Der Lehrer verspottete uns deswegen. Wir ließen schuldbewusst die Köpfe hängen. Um am nächsten Tag wieder so zu handeln. Wir konnten nicht anders. Wir hatten diese Rollen ein Leben lang einstudiert. Das sicherte unser Davonkommen. Das machte uns zu sogenannt mündigen Bürgern. Und das weckte in uns auch das Ahnen, es könnte damit vielleicht doch nicht seine Richtigkeit haben. Der Wunsch nach Besserem tauchte auf. Der schickte uns zum Seminar. Und nun waren wir da. Darüber hinaus gab es für die wenigsten von uns Fassbares.

Für mich auf jeden Fall existierte nichts mehr, das der Mühe wert war sich dafür anzustrengen. Nicht dass ich keine Wünsche hegte. Ich wusste genau, was ich mir wünschte. Zuallererst wollte ich dieses nagende Gefühl innerer Unerfülltheit loswerden. Es musste wunderbar sein, nicht mehr alles und jedes zu hinterfragen. Ich fiel deswegen schon zu Hause unangenehm auf. Etwas in mir legte sich stets quer. Weigerte sich, einfach zu funktionieren. Es wollte in Betracht gezogen, ernst genommen werden. Und natürlich verlangte dieses Etwas auch ein Stimmrecht. Dass es andauernd in die Schranken gewiesen und übergangen wurde, kränkte es zu Tode. Ich besaß keinen Funken Selbstwertgefühl. Und wäre doch so furchtbar gerne anerkannt und glücklich gewesen. Unbeschwertes Fröhlichsein im Kreis von Freunden erschien mir als das Paradies. Doch weder war ich fröhlich. Noch besaß ich einen Kreis von Freunden. Ich lebte, als sei ich der einzige Mensch auf Erden. Obwohl ich wusste, dass ich nicht allein war, konnte ich keine Brücken zu Mitmenschen schlagen. Aus dieser Hilflosigkeit heraus verliebte ich mich blind. Meistens wussten diejenigen, die es anging nicht einmal etwas davon. Mit diesen Gegenständen meiner Liebe bevölkerte ich mein liebeleeres Dasein. Ich liebte abgöttisch. Und wohlweislich behielt ich diese Geheimnisse für mich. Bei meinen Eltern hätte ich damit nur Alarm ausgelöst.

Andererseits begegnete ich tatsächlich echter Liebe. Ich erlebte die Liebesgeschichte, wie sie in der Literatur zu finden ist. Ich wurde gewollt. Sogar verzweifelt gewollt. Mein Pech war es, dass im Augenblick höchster Erfüllung bereits der Keim zur Frage lag: „Und was nun?“

Ich stand also mit leeren Händen vor dem Lehrer, den ich schon bald als meinen Lehrer zu sehen lernte. Obwohl ich alles daransetzte, das zu verheimlichen. Ich wollte nicht die Bedürftige sein. Ich hatte immerhin einiges unternommen in meinem Dasein. Hatte Gewisses vorzuweisen. Auch wenn nichts funktionierte. Eine Niemand war ich nicht. Darauf sollte Rücksicht genommen werden.

Während des ganzen Seminars ging es zu wie in einem Irrenhaus. Der Lehrer liess kein gutes Haar an uns. Unser Charakter und unser Verhalten nahm er gnadenlos unter die Lupe. Doch wir wurden nicht gedemütigt. Die Würde wurde uns nicht abgesprochen.

Das war für mich eine einschneidende Erfahrung. Auf diese Weise konnte ich Kritik und Zurechtweisung akzeptieren. Wenn kein Liebesentzug folgte. Nie drohte Liebesentzug in der Arbeit mit meinem Lehrer. Nie wurde mein Menschsein in Frage gestellt. Er zwang mich zu guter Letzt in die Knie. Doch anstatt sie abzuwürgen, vertiefte das die Beziehung zwischen mir und meinem Lehrer noch. Nicht weil mir die Opferrolle behagte. Nicht weil ich mich gerne quälen ließ. Das Geheimnis bestand darin, dass der Lehrer keine Situation zu seinen Gunsten ausnützte. Er respektierte die Sphäre dessen, der sich an ihn um Hilfe wandte. Die Integrität eines Menschen tastete er nicht an. Die Arbeit mit ihm war von Liebe durchdrungen. Was auch geschah, es geschah durch, aus und in Liebe.

Es kam vor, dass wir an gedeckten Tischen saßen, gefüllte Teller vor uns. Doch wir durften nicht essen, da der Lehrer gleichzeitig einen Vortrag hielt. Das Essen erkaltete. Unsere Mägen blieben leer. Und immer noch sprach der Lehrer.

Oder er verlangte nach der Gitarre und sang eines seiner selbstkomponierten Lieder. Ungezwungenheit schien zu herrschen. Der Lehrer erzählte Witze. Erst bei genauerem Hinsehen wurde offensichtlich, dass er uns messerscharf beobachtete. Und brach unter solcher Hochspannung jemand in Tränen aus, war er sofort zur Stelle. Der Weinende wurde zum Mittelpunkt seiner gesamten Aufmerksamkeit. Der Lehrer tröstete ihn nicht, beschwichtigte ihn nicht. Er fing den Zusammengebrochenen einfach auf. Nahm ihm seinen Schmerz gleichsam ab. Psychologie spielte dabei keine Rolle. Der Grund des Schmerzes war unwichtig. Nur die Tatsache des Schmerzes zählte. Erklärungen brauchte es nicht.

Als meine eigene Stunde des Schmerzes kam, geschah das auf dieselbe Weise. Der Lehrer trieb mich mit Anschuldigungen in die Enge, die klangen, als spreche mein Vater. Arroganz wurde mir an den Kopf geworfen. Dummheit und Borniertheit. Der Angriff gipfelte im Ausruf, ich solle mein verfluchtes Geld abholen und mich zum Teufel scheren. Das kam einem Rauswurf gleich. Als ich das erfasste, wich alle Kraft aus meinen Gliedern. Ich war wie gelähmt.

Niedergestreckt lag ich auf dem Tisch, dem Lehrer gegenüber. Er ergriff meine Hände. Und ich riss an seinen Armen wie an Tauen. Ich war nahe daran zu ersticken. Da hörte ich ihn wie aus weiter Ferne sagen: „Atme, atme.“ Doch ich konnte nicht atmen. Erst als sich jemand mit seinem ganzen Gewicht über meinen Rücken legte, zerbrach der Widerstand in mir. Ich hörte es krachen, als würde ich aus Beton herausgezerrt. Totenstille herrschte. Kein Gedanke blieb in mir übrig. Und als ich den Kopf hob und durch meine Tränen in die Augen meines Lehrers schaute, erkannte ich darin das Licht, nach dem ich so lange gesucht hatte.

*********************

2. KAPITEL

Mein Lehrer entstammte einer alten Familie von Gelehrten und Unternehmern. Er wurde in eine weich gepolsterte Wiege hineingeboren. Seine Geburt begleiteten ziemliche Schwierigkeiten, denn sein Vater war schwer krank. Und da man nicht wusste, ob die Krankheit vererbbar sei, beschloss man, das Kind abzutreiben. Dreimal wurde der Versuch unternommen. Dreimal schlug er fehl. Schließlich entschieden die Eltern, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Offenbar wollte dieses Kind um jeden Preis geboren werden. Und es stellte sich als auffallend hübsch und sensibel heraus.

Mein Lehrer wuchs in einem vornehmen Heim heran, das in einem lauschigen Tal lag. Vor den Fenstern des Hauses breitete sich ein kleiner See aus, in dem Wasserlilien blühten. In großzügigen Parkanlagen gediehen von Gärtnern liebevoll gepflegte Rosen, deren Farben und Parfums dem Ort zusätzliche Verzauberung verliehen. Es war ein Paradies. Ein Paradies, zu dem auch ausgedehnte Waldungen gehörten. Die Familie legte Wert auf Stil. Auf Besitz. Werte, die ihre Mitglieder prägten. Man war wer. Und man wusste, wer man war.

Seine Mutter sah mein Lehrer während seinen Jugendjahren nicht oft. Eine Kinderfrau zog ihn auf, die einer Familie von Fahrenden entstammte. An ihrer Hand wagte er die ersten Schritte. Von ihr lernte er die ersten Wörter. Nie schlug sie ihn. Noch stellte sie ihn bloß. Sie beschützte ihn, als sei er ihr eigenes Kind. Und er vertraute ihr blindlings. Was sie sagte, zählte. Denn es entsprang nicht Willkür. Sie war gänzlich unparteiisch. Dazu von einer Reinlichkeit, Zufriedenheit und Fröhlichkeit, die jeden für sie einnahmen. Mein Lehrer fand, sie rieche wie frische Luft.

Und doch ließ ihre Loyalität sie keinen Profit aus des Kindes Anhänglichkeit schlagen. Sie ließ den Kleinen frei aufwachsen, ohne ihn in irgendeiner Weise an sich zu binden. Und der Bub genoss diese Freiheit in vollen Zügen. Er liebte sein Zuhause. Schon als Dreijähriger durchstreifte er den Park und die angrenzenden Waldungen auf eigene Faust. Kannte jeden Baum, jeden Strauch. Jede noch so bescheidene Lichtung. Frühmorgens schon zog er auf Entdeckungsreise. Die Tasche gefüllt mit von ihm über alles geliebten Marmeladebroten. Stundenlang blieb er mit sich allein. Langeweile kannte er nicht. Er lag bäuchlings im Gras und beobachtete Mäuse, Käfer, Würmer. Selbst die unscheinbarsten Tiere riefen helles Entzücken in ihm wach. Das Summen der Bienen in der im Sonnenlicht vibrierenden Luft, klang wie Musik. Er fühlte sich eins mit dem, was ihn umgab. Und das machte ihn unbeschreiblich glücklich. Manchmal packte ihn auch sein Freund, ein älterer Wildhüter, in den Seitenwagen seines knatternden, fauchenden Motorrads. Und sie fuhren zusammen zum Fischen. Er war ein lebenssprühender Bub mit robuster Gesundheit, den auch Regen und Kälte nicht unterkriegten.

Am Leben zu sein empfand das Kind als unglaubliches Geschenk. Am Leben und mit sich allein inmitten Gottes Natur. Die abgestandene Frömmigkeit der Kirche, die er sonntags mit der Mutter besuchte, verabscheute er. Draußen im Wald jedoch betete er freiwillig. Kniete sich freiwillig hin. Er wollte seine Gebete schmecken. Riechen. Mit jeder Faser seines Seins erspüren. Um das Innen der Dinge ging es ihm. Dort fühlte er sich zugehörig. Fassade hasste er. Deshalb setzte es auch stets Szenen ab, wenn er seine Mutter zu Gesellschaften begleiten musste. Er entpuppte sich als regelrechter kleiner Teufel. Schlug um sich und schrie seine Not lauthals aus sich heraus. Er war kein notorischer Neinsager. Er wusste nur nicht, was er an solch steifen Anlässen sollte. Er begegnete dort einer Welt, die ihn nichts anging. Das Geplapper der Leute erschöpfte ihn. Als Hoffnungsträger der Familie begafft zu werden, kränkte ihn. Die Kinder der Freunde seiner Eltern ödeten ihn an in ihrer Angepasstheit. Gar nichts fand sich dort von dem, was ihm selbst lieb und teuer schien. Er erfuhr sich als Außenseiter.

Tatsächlich erfuhr sich mein Lehrer schon früh als Außenseiter. Seine Kameraden interessierten sich für ganz andere Dinge als er selbst. Von seiner Liebe zum Alleinsein verstanden sie nichts. Ebenso wenig begriffen sie seine Verbundenheit mit der Erde, den Tieren, den Vögeln am Himmel. Er kam ihnen unheimlich vor. Es zeigte sich schon früh, dass er Charisma hatte. Das stieß die einen ab. Zog andere an. Neid kam ins Spiel. Neid getarnt als Furcht. Und das weckte Misstrauen. Dass er bei Erwachsenen besonders beliebt war, schmälerte die Begeisterung seiner Kameraden für ihn obendrein.

Mit vier Jahren erhielt der Bub sein erstes Gewehr. Er sollte schießen lernen. Das war er seiner Herkunft schuldig. Und er schoss auf alles, was sich bewegte. Ein Fieber packte ihn. Nichts war vor seiner Flinte sicher. Das führte so weit, dass sein Freund, der Wildhüter, sich gezwungen sah, seinem Tun Einhalt zu gebieten. Er unterzog ihn einem Test. Doch zuerst brachte er ihm bei, Nützlinge von Schädlingen zu unterscheiden. Krähen, zum Beispiel, zählten zu den Schädlingen. Sie abzuschießen, galt als legal. Denn sie gefährdeten die Fasanenzucht.

Vom Wildhüter erfuhr der Bub auch manches über Kaninchen. Davon wimmelte es auf dem Gut. Absicht des Wildhüters war es, dem Kind eine Lektion zu erteilen. Er kannte dessen Intuition. Dessen Einfühlsamkeit. Dort gedachte er den Hebel anzusetzen. Der Bub sollte eigenhändig ein Kaninchen töten. Und damit zu einem neuen Verständnis von Leben und Tod vorstoßen.

Zu diesem Zweck führte ihn der Wildhüter eines Morgens in den Wald. Sie duckten sich oberhalb eines Kaninchenbaus ins Gras. In Gedanken ging der Bub noch einmal genau durch, was zu tun war.

Vorsichtig lugte das Kaninchen aus dem Bau. Es fühlte sich sicher. Robbte ins Freie. Der entscheidende Moment kam. Ohne dass er ihnen den Befehl dazu erteilte, fuhren des Buben Hände los. Er spürte die Wärme des Körpers, das flauschige Fell, den obersten Halswirbel. Das Kaninchen wehrte sich nicht. Des Buben Finger drückten zu. Das Kaninchen erschlaffte. Zusammen mit dem Kaninchen atmete der Bub aus. Und es war, als flössen ihrer beider Leben in eines zusammen. Der Vorfall dauerte nur Sekunden. Doch im Leben des Buben brannte er sich ein wie ein Mal. Setzte seiner Sorglosigkeit ein Ende.

Als ich vom Seminar nach Hause fuhr, weinte ich. Ströme von Tränen flossen über meine Wangen. Ich wollte und konnte ihnen nicht Einhalt gebieten. Einesteils war ich zu erschöpft. Andernteils zu erfüllt vom Erlebten. Während den vergangenen Tagen hatte ich so gut wie nicht geschlafen. Die Zeit dafür reichte kaum. Meistens kamen wir erst weit nach Mitternacht ins Bett. Und lag ich erst im Bett, brauchte ich Ruhe, um noch einmal durch den Tag zu gehen. Ich war nicht neu in dieser Art von Arbeit. Meine Bibliothek beherbergte Dutzende entsprechender Bücher. Doch in solcher Unmittelbarkeit war ich noch keinem Lehrer begegnet.

Ich fürchtete mich davor, in mein sinnentleertes Leben zurückzukehren. Ich wurde zwar erwartet. Und ich wurde auch gebraucht. Nur war der Umgang, den ich zu Hause pflegte himmelweit von dem verschieden, den ich durch meinen Lehrer kennenlernte. Von liebevollem aufeinander Eingehen konnte keine Rede sein. Die gegenseitige Würde wurde laufend in Zweifel gezogen. Ich fühlte mich ungeliebt. Ausgenutzt und hintergangen. War stets versucht zu denken, mir geschehe Unrecht. Unterschwellig wusste ich, dass ich mich mit dieser Annahme auf dem Holzweg befand. Nur mein Stolz tat sich schwer damit. Er hoffte weiterhin zu seinem Recht zu kommen. Und er sann verzweifelt auf Vergeltung.

Desto mehr erstaunte es mich festzustellen, dass Grundlegendes anders war als vor meinem Weggang: meinen Depressionen war das Bodenlose abhandengekommen. Ich sah Farben in einem Licht, das sie früher nicht zeigten. Mein Körper fühlte sich verschieden an. Durchlässiger. Lebendiger. Und mein Leben erschien mir von da an nie mehr als aussichtslos. Immer erkannte ich ein Stückchen Weg vor meinen Füssen. Es gab Möglichkeiten. Mir blieb eine Wahl. Ich konnte Entscheidungen treffen. Und ich spürte die Kraft, mich Konsequenzen zu stellen.

Dazu gehörte ich nun einer Schule an. Wöchentliche Treffen fanden statt. Und ich hatte Gesellschaft auf dem Weg.

Damit ließ sich vorderhand allerdings nicht viel anfangen. Das Verbot mir meine Scheu. Meine Haltung des getretenen Hundes behielt ich bei. Nicht bewusst. Nach außen hin schien ich mein Leben im Griff zu haben. Ich wusste, was richtig und was falsch war. Meine Bildung sprach für sich. Ich konnte mich in Gesellschaft bewegen. Stellte etwas vor. Und ich konnte jeden davon überzeugen, mit mir sei alles in Ordnung.

Wenigstens glaubte ich das. Denn ich war weit davon entfernt wissen zu wollen, wie andere mich erlebten. Was sie von mir hielten. Jemanden danach zu fragen, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Schwächen einzugestehen genauso wenig. Ich gestand mir nicht einmal selbst Schwächen ein. Mein Leben zeigte sich mir in solcher Brüchigkeit, dass ich mir das gar nicht leisten durfte. Ich musste mir etwas vormachen. Die Angst vor einem Zusammenbruch zwang mich dazu.

Mir half, dass mein Lehrer die Ansicht vertrat, Menschen auf dem inneren Weg bedürften der Schonung. Selbst hielt ich mich für ungeheuer mutig. Ich pfiff auf Schonung. Mein Stolz verbot mir Schonung. Er war die Maske, mit der ich meine Verletztheit verhüllte. Schutz, Geborgenheit, Verständnis waren Qualitäten, die ich nicht kannte. Schon als Kind blies mir ein rauer Wind um die Ohren. Ich begriff, dass ich auf mich selbst gestellt war. Aus dieser Erfahrung heraus bastelte ich mir eine Tugend. Nach dem Motto: was ich nicht kenne, brauche ich auch nicht. Und ich liebte diese Haltung an mir. Hätte sie freiwillig nie in Frage gestellt. Um keinen Preis. Das hinderte mich nicht, darunter zu leiden. Doch in gewisser Hinsicht liebte ich sogar mein Leiden. Wenigstens es möblierte meine Einsamkeit. Eine Einsamkeit, die ich mir nur in extremen Stunden eingestand. Ich war gellend einsam. Nichts war mir so vertraut wie die Folter der Einsamkeit. In meinem Leben gab es keine Brücken nach draußen. Alles spielte sich in mir drinnen ab. Dort allerdings hielt ich mich für unermesslich reich. Mein Innenleben hielt ich für fantastisch kostbar. Mit keinem anderen vergleichbar. Ich glaubte, nur ich wüsste, wie großartig ein Innenleben sei. Meines war gefüllt mit unglaublich hochherzigen Idealen. In mir drinnen erkannte ich genau, was Liebe sei. In mir drinnen war ich jeder Situation gewachsen. Strahlend erfolgreich. Eine verkannte Heldin.

Von diesen Ideen ahnte niemand etwas, nahm ich an. Ich sprach nicht darüber. Die Umstände lehrten mich zu schweigen. Wann immer ich versuchte, meine Ideale zu vertreten, warf man mir Überspanntheit und Arroganz vor. Mein Lehrer traf den Nagel auf den Kopf mit seinen Anschuldigungen. Jedermann sah mich so. Und ich selbst konnte nicht für mich einstehen. Von Kommunikation wusste ich nichts. Zu Hause interessierte nicht, was ich dachte, fühlte und erlebte.

Meine Erwachsenen standen dem Leben nicht minder hilflos gegenüber als ich. Zwang und Gewalt gaben den Ton an. Deshalb kannte ich auch keine Sprache, um mich mitzuteilen. Für meine Empfindungen, meinen Schmerz fand ich keine Wörter. Dass mein Lehrer mich in der Folge dazu anhielt, mich zu formulieren, sprechen zu lernen, bedeutete härteste Arbeit. Oft verzweifelte ich an meiner Sprachlosigkeit. Doch er ließ nicht locker. Ohne Kritik, ohne Schuldzuweisung half er mir so, Stufe, um Stufe zu erklimmen. Schale um Schale fiel weg. Und es gelang mir, mich klarer und klarer zu äußern. Das in Worte zu fassen, was mir wichtig erschien. Was ich sah, fühlte und verstand. Der Vorgang glich einer Zangengeburt. Mein Unvermögen quälte mich furchtbar. Ging mir doch Klarheit über alles.

Ich selbst erlebte mich als sehr klar. Erst als ich lernte mich mitzuteilen, dämmerte mir, wie wenig klar ich empfand. Da war so viel Überschwang. So viel künstlich Überhöhtes. Unechtes. Manchmal verließ mich der Mut weiterzumachen. In der Arbeit mit meinem Lehrer jedoch blieb mir keine Wahl. Ich konnte nur vorwärts gehen. Er schubste mich immer wieder an. Ließ mich nicht zur Ruhe kommen. Und vor allem ließ er mich auf keinen Lorbeeren ausruhen. Was mir gelang, bildete stets nur die Vorstufe zu etwas Nächstem. Kein Ziel war in Sicht. Das Lernen. Dieser Weg bedeutete das Ziel.

*********************

3. KAPITEL

Als ich ein halbes Jahr alt war, reiste meine Mutter mit mir zu ihren Eltern. Die Scheidung von meinem Vater rollte an. Meine Mutter musste mich meinem Vater zurückgeben. Und seine Schwester sprang ein, um für mich zu sorgen. Eine, zu jener Zeit unerhörte Konstellation.

Ich galt als glückliches Kind, das viel und gern lachte Man bezeichnete mich als wahren Sonnenschein. Bis zu dem Tag, an dem mich meine Mutter zum ersten Mal bei meinem Vater besuchen kam.

In meiner Erinnerung war es ein grauer, düsterer Nachmittag. Ich wurde ins Zimmer gerufen. Und da saß diese Frau mit dem Rücken zum Fenster auf dem Sofa, dessen Sprungfedern quietschten. Ich witterte sofort Gefahr. Mein Vater wirkte gequält. Meine Tante hantierte auffällig laut in der Küche.