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Das Buch fasst die Kindheits- und Jugenderinnerungen von Männern und Frauen der Geburtsjahrgänge 1928 bis 1932 zusammen. Alle wuchsen in der Niederlausitz auf und haben die Berichte selber verfasst. Die Erzählungen sind oft humorvoll, sehr oft tragisch, aber immer wahrhaftig. So unterschiedlich die Personen sind, so verschieden ist die Wahrnehmung der Hitlerzeit. Angefangen wird meist mit der Einschulung 1936, es werden Lehrer charakterisiert und Schulerlebnissen beschrieben. Die Rekrutierung bei den Pimpfen und der Hitlerjugend, die Zeit im Elternhaus wird erzählt. Wie wurde der Krieg erlebt? Was passierte bei Kriegsende mit den 15- bis 17jährigen? Beschrieben werden sehr persönliche Erfahrungen in der Gefangenschaft, aber auch der hoffnungsvolle Wiederaufbau derer, die nicht den Russen in die Hände fielen. Wie ging es dann weiter in der DDR oder BRD? Einige blieben, andere gingen in den Westen. Das Buch endet im Jahr 1951.
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Seitenzahl: 303
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Zwischen 1994 und 2008 trafen sich regelmäßig Altersgenossen der Geburtsjahrgänge um 1930. Die meisten sahen sich beim ersten Treffen nach über fünfzig Jahren zum ersten Mal wieder und entsprechend zäh verliefen anfangs die Gespräche. Doch dann erzählte einer nach dem anderen, wie sein Leben seither verlaufen war, wobei die Erlebnisse in den Kriegs- und Nachkriegsjahren immer besonderes Interesse fanden. Wiederholt wurde vorgeschlagen, diese Berichte aufzuschreiben.
Wir wollen damit unseren Enkeln vor Augen führen, was für eine aufregende und schreckliche Jugend wir hatten. Aber wir sind auch die Generation, die der Einschnitt in die deutsche Geschichte um die Mitte des vorigen Jahrhunderts besonders intensiv betroffen hat. Wir waren es, die als Neun- und Zehnjährige im Erdkunde- und Geschichtsunterricht mit glänzenden Augen auf der großen Europakarte die Gebiete abgesteckt haben, die die Deutsche Wehrmacht erobert hat - jedenfalls so lange sie immer größer wurden. Wir sind uniformiert durch die Stadt marschiert und haben gesungen: „Fort mit jedem schwachen Knecht, nur wer stürmt hat Lebensrecht!“, ohne zu ahnen, welche furchtbaren Verbrechen unter diesem Motto begangen wurden. 1945 wurden uns dann die Augen geöffnet und wir begannen zu begreifen, wieviel Unglück durch unser Volk über die Welt gekommen ist.
Nein,schuldig sind wir nicht geworden. „Kein fühlender Mensch erwartet von denen, die zur damaligen Zeit im Kindesalter waren, ein Büßerhemd zu tragen, nur weil sie Deutsche sind“, das betonte Richard von Weizsäcker in seiner berühmt gewordenen Rede vor dem Deutschen Bundestag am 40. Jahrestag der Beendigung des 2. Weltkriegs. „Aber wir alle, ob schuldig oder nicht, ob alt oder jung, müssen die Vergangenheit annehmen. Wir alle sind von ihren Folgen betroffen und für sie in Haftung genommen. Jüngere und Ältere müssen sich gegenseitig helfen zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung wach zu halten.“
Wach zu halten ist auch die Erinnerung an die Zeit, als unser Land geteilt wurde. Wach müssen wir bleiben, damit so etwas nie wieder passiert.
Finsterwalde, den 24. August 2006
Gerhard Hein *1930 Bau-Ingenieur
In der Schulzeit hatte man vor Lehrern sehr viel Respekt. Sie waren geachtete Personen, deren Wort auch bei den Eltern von großer Bedeutung war. Alle haben versucht, uns etwas beizubringen, aber sie hatten ihre Eigenheiten. Auffallend war damals die ausgeprägte Disziplin in der Klasse und auf dem Schulhof.
Gericke war Rektor und erzählte gerne Geschichten aus dem 1. Weltkrieg. Er wurde deshalb auch LehrerKopfschuss genannt. Im Schirmständer des Rektorzimmers standen seine Schlaginstrumente (Rohrstöcke). Später hatte er dafür auch den untersten Schubkasten im Schrank reserviert, man konnte sich einen Stock aussuchen. Wenn er mit dem Schlüsselbund in der Hosentasche klapperte, war er mit einem Schüler unzufrieden. Die Strafe folgte auf dem Fuße. Nach 1945 wurde er wegen Nazi-Mitgliedschaft entlassen und war noch eine gewisse Zeit Pförtner.
Franz war während des Krieges Chef des Luftschutzes. Im Schloss zeigte er uns des Öfteren die erforderlichen Gerätschaften und erklärte uns die Verhaltensregeln bei einem Angriff. Kant war ein überzeugter Nationalsozialist und las häufig während der Schulstunden aus der ZeitungDas Reich vor. Die Schüler schenkten der Lesung meist wenig Aufmerksamkeit. Die Schularbeiten kontrollierte er recht oberflächlich. Sander wurde von unsMope genannt. Er war ein älterer, ruhiger und guter Lehrer. Seeland ist mir als absoluter Schlägertyp in Erinnerung, der bei jeder passenden Gelegenheit mit dem Rohrstock auf den Po hieb. Mit etwas Glück hatte er auch andere harte Strafen parat, wie z.B. die Verdoppelung der Hausaufgaben. Manchmal handelte er auch im Auftrag vom Rektor.
Mauruschat kam aus Ostpreußen. Manchmal erzählte er von seiner Heimat und den Masuren. Nachdem der Sportlehrer zum Kriegsdienst musste, hatten wir Sport bei ihm. Seine Standardstrafe war es, mit dem Stock über den zusammengedrückten Daumen und Mittelfinger zu hauen.Semisch nannten wirGandhi. Er war unser Naturkunde- und Physiklehrer. Der Schulgarten war sein Reich. Für uns war er ein strenger Lehrer. Wenn er in den Pausen Aufsicht hatte, ging es überaus diszipliniert zu. Mit seiner Haselnussgerte aus dem Schulgarten schlug er unbarmherzig in die nackten Kniekehlen. Schiemenz war auch als Klamottenkönig bekannt. Bei ihm hatten wir Musikunterricht. Er hatte die Angewohnheit, einen Schlüsselbund nach einem Störenfried zu werfen, den er zuvor nicht angeschaut hatte. Strafen gab es auch mit Kopfnüssen.Puhle kontrollierte täglich die Sauberkeit der Hände. 1940 wurde der junge Lehrer zum Kriegsdienst eingezogen. Er ist im 2. Weltkrieg gefallen.
LoreWolf *1932 Studienrätin
Die Engelhardten
Die Klassentür wurde mit energischer Hand geöffnet. Herein kam die Engelhardten, wie wir sie despektierlich nannten. Grauer Kleiderrock, vorn durchgeknöpft, Gürtel um die füllige Mitte, darunter, je nach Jahreszeit, Bluse oder Pullover, auch grau, aber heller als der Rock. Hellblau oder hellgrün kamen auch vor, rosa nie, auch rot nicht oder gar lila. Dezent eben. Die schwarzen, geschnürten Schuhe blank geputzt, das graue Haar straff nach hinten gekämmt, der geflochtene Zopf mit Haarnadeln zum Knoten zusammengesteckt, keine Strähne hing heraus, nichts war verrutscht. So stand sie aufrecht vor der Klasse, den rechten Arm zum Gruß nur leicht erhoben. Sie hatte ihn nie zur Gänze ausgestreckt wie der Biologie- und der Musiklehrer, die in Breeches und SA (Sturmabteilung)-Hemd durch die Schule stolzierten.
„Heitla, setzen“, und damit ging der Arm nach unten, die Geste hatte nichts Feierliches, was vielleicht zu Heil Hitler gehört hätte, aber Heil Hitler hatte sie ja auch nicht gesagt. Dass ihr Gruß etwas Verächtliches hatte, wurde mir erst später klar, durch aufgeschnappte Satzfetzen, wie „Sie mussten mich wieder zurückholen. Sie brauchen jetzt Lehrer, wo so viele an der Front sind“. 1933 war dierote Else, wie man die engagierte Sozialdemokratin in Finsterwalde nannte, zwangspensioniert worden. Die Bezeichnung war abschätzig oder respektvoll, es kam darauf an, in welcher Ecke man saß. „Sie war für die freie Liebe“, wurde erzählt und tatsächlich gab sie mir nach dem Krieg Bücher zu diesen Themen. Die zum Teil aus der avantgardistischen Sowjetliteratur stammenden Werke haben mich als Bürgermädchen sehr verblüfft. In den ersten Oberschulklassen war allerdings bei ihr von ungewöhnlichen Ansichten nichts zu spüren, aber auch nichts von Reformpädagogik, von der Berücksichtigung des Individuums Schüler. Mädchen wie Jungen wurden mit Nachnamen angeredet: „Richter, komm vor“ oder „Linke, Du Gans“. Wenn wir ihr allzu träge vorkamen: „Fenster auf! Aufstehen, setzen, aufstehen setzen!“ Damit hätte das Gehirn wieder mehr Sauerstoff und da wird sie wohl recht gehabt haben.
Wir hatten vor ihr Respekt. Sie war gerecht und ließ sich nicht anmerken, ob sie einen Schüler mochte. Vielleicht merkte man es ein bisschen beim Enkel ihres langjährigen Geliebten, des sozialdemokratischen Bürgermeisters von Finsterwalde. Dazu musste man aber eingeweiht sein, man musste wissen, dass die Engelhardten in ihrerFreie-Liebe-Periode sogar gemeinsam mit dem Geliebten im offenen Wagen durch Finsterwalde gefahren war. Sie wagte, offen zu legen, was nach der herrschenden Konvention hinter der Fassade verborgen zu bleiben hatte. Ein beachtlicher Mut, stelle ich im Nachhinein fest.
Wir lernten die Zeichensetzung gründlichst. Es kam vor, dass sie in die Klasse stürmte und noch vor dem Grußritual rief: „Braun, Komma vor und!“. Die Regeln mussten wie aus der Pistole geschossen aufgesagt werden. Dann Wortart und Satzteilbestimmungen, die Unterscheidungen von Neben-, Subjekt-, Objekt- oder Umstandssätzen. Es war verwirrend und wollte mir nicht in den Kopf. Lesebuchtexte mussten laut vorgelesen werden. Sie wurde sehr böse, wenn wirohne Ausdruck lasen. Gedichte mussten oft auswendig gelernt und dann vor der Klasse stehendmit Ausdruck vorgetragen werden. Dann korrigierte sie so lange herum, bis er oder sie es begriffen hatte. Mit dem einmaligen Auswendiglernen war es nicht getan. War keine andere Hausaufgabe zur Hand, wurde ein Gedicht zur Wiederholung aufgegeben und mit dem gleichen Ritual „Komm nach vorne, steh gerade“ aufgesagt. Meist waren es Balladen oder Naturgedichte. Ich erinnere mich nur an ein einziges vaterländisches, ziemlich kurzes Schmalzgedicht von Heinrich Anacker. Unsere Meinung zu den Gedichten war im Allgemeinen nicht gefragt. Bei diesem aber fragte sie ausgerechnet mich, wie es mir denn gefiele. Es war mir sehr peinlich, denn eigentlich hatte ich gar keine Meinung dazu. Ich antwortete ausweichend, fragte mich, warum sie mich wohl gefragt hatte, las es mehrfach, blieb gleichgültig und sagte ihr dann: „Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll.“ Sie war mit der Antwort zufrieden. Sie hatte ein Samenkorn gelegt, wie gute Lehrer es tun. Und sie war wirklich eine sehr gute Lehrerin.
Paulchen
Herr Paul,Paulchen, gelegentlich auch Master genannt, unterrichtete Englisch, Französisch, Latein und während des Krieges aushilfsweise auch Geographie, wo er uns viele Fotos von seinen weiten Reisen zeigte. Ich frage mich, wie es zu diesem eher zärtlichen Paulchen gekommen ist. Kein Vergleich zu Wuchte für Herrn Wucht oder zu Sacke für den glatzköpfigen, unförmigen, Wickelgamaschen tragenden Geschichtslehrer. An seinem Äußeren kann es nicht gelegen haben. Er trug gut sitzende Anzüge, korrekt gebügelte Hemden, passende Krawatten, passend auch die Socken und die gut geputzten Schuhe. Er wahrte Distanz zu uns, sicher auch zu seinen Kollegen, verteilte sehr selten Ohrfeigen (natürlich nur an die Jungen), wobei er überraschenderweise links zuschlug, wo man den Schlag doch rechts erwartete. Keine lockere Bemerkung kam über seine Lippen, kein Witz, es sei denn, er diente Unterrichtszwecken. „Waiter, when shall I become a cup of tea?“ – „I hope never, Sir.“ Von theoretischen Erklärungen zur Grammatik hielt er nicht viel.
Er hatte sich auf Mustersätze verlegt, die wir wieder und wieder üben mussten. Zu seinen Lieblingssätzen gehörte der berühmte Ausspruch Nelsons vor der Schlacht von Trafalgar. Er begann: „England expects...“ und wir mussten antworten: „every man to do his duty.“ Bei aller Distanz war Paulchen nicht unfreundlich. Ich glaube, er war höflich zu uns. Bei Betrugsversuchen konnte er sehr ärgerlich werden. Abschreiben bei Klassenarbeiten wurde mit Tadel wegen Betrugs und einer Sechs als Zensur quittiert. Einmal erwischte er mich beim Abschreiben. Er sagte nur: „Aber Lore“ und das mit bekümmertem Gesicht. In der gleichen Stunde hatte ein anderer Schüler einen Tadel und die Note Sechs bekommen. Ich bekam keine Strafe, schämte mich sehr und fragte mich lange, ob er mir die Halbjahreszensur nicht verderben oder ob er mich auf diese Weise sehr nachdrücklich bestrafen wollte. In seinen Fächern habe ich nie mehr abgeschrieben, aber in den anderen munter weiter.
Eines Tages kamPaulchen im Unterricht auf Rosa Luxemburg und Clara Zetkin zu sprechen. Es war eine der wenigen Äußerungen, die etwas über ihn sagten. Er bezeichnete Clara Zetkin als glänzende Rednerin, die er einige Male im Reichstag gehört habe. Rosa Luxemburg sei eine bedeutende Frau von scharfem Verstand gewesen. Ich wartete auf eine abwertende Bemerkung: Kommunistin, Jüdin? Ich war ganz und gar verwirrt. Eine Kommunistin eine glänzende Rednerin? Und die rote Rosa bedeutend, eine Jüdin,? Es fügte sich mir nicht zusammen.
Nach dem Kriege erzählte mir die Hurmsche, dass Paul und sie von der damaligen Provinzialschulverwaltung nach Finsterwalde geschickt worden waren, um den linken Flügel an der Oberrealschule zu stärken. Mitglieder der SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands ) waren beide nicht, sonst wären sie 1933 entweder entlassen (wie die Engelhardten) oder strafversetzt worden. AlsPaulchen 60 wurde, ging ich noch zur Schule. Er war müde geworden und hörte nicht mehr sehr gut. Wir mussten ihm sagen, dass es geklingelt hat. In Französisch und Latein ließ er uns lesen und übersetzen, gelegentlich diktierte er uns etwas über die jeweiligen Schriftsteller, was wir uns einprägen mussten. Es war, als käme nichts mehr an ihn heran. In den wenigen Jahren, die ihm noch an der Schule verblieben, wurde es für ihn immer mühseliger. Für den kurzen Weg von seiner Wohnung zur Schule brauchte er lange. Er musste immer wieder stehen bleiben und sich anlehnen. Er hatte schon lange Bluthochdruck und starb an einem zweiten Schlaganfall.
Sacke
Es wurde viel auswendig gelernt, nicht nur Gedichte. Auch englische Texte, französische Texte, die ersten Seiten vom Gallischen Krieg von Julius Caesar, auch Vergil. Außerdem Eselsbrücken jeder Art in Geschichte. Er zog gerne die Schüler an den Ohren aus der Bank oder schlug sie mit einem Schlüssel auf den Kopf. Wir mussten alle deutschen Kaiser und die preußischen Könige von 768 bis zum Reichsdeputationshauptschluss im Jahre 1803 lernen, wobei er uns niemals mitteilte, was ein Reichsdeputationshauptschluss ist.
Schwedeski und die Hurmsche
Bei unserem Religionslehrer Schwedeski wurden Kirchenlieder auswendig gelernt. Nichts haftet in meinem Gedächtnis von seinem Unterricht, bis auf eine Merkwürdigkeit. Er versprach demjenigen 25 Reichspfennige, der am nächsten TageOh Haupt voll Blut und Wunden auswendig und ohne Stocken aufsagen könne. Wenn ich mich recht erinnere, konnte Heinz die schöne Prämie einkassieren. Schwedeski kam nach dem Krieg nicht mehr zurück. Er hat aber, wie ich erfuhr, den Krieg überlebt, obwohl man ihn in das berüchtigte Strafbataillon 999 gesteckt hatte. Es muss 1944 gewesen sein, als man ihn zusammen mit der Hurmschen verhaftete. Die beiden hätten gemeinsam feindliche Sender abgehört. Darauf stand die Todesstrafe. Man sagt, die Hurmsche und er wären aus Eifersucht von der Frau des Religionslehrers denunziert worden, weil sie von einer Affäre der beiden überzeugt war. Die Hurmsche und eine Affäre. Das konnte ich mir gar nicht denken. Ich fand sie alt und hässlich, wusste noch nichts von Anziehung, meinte, Anziehung hätte etwas mit Angezogensein zu tun, mit Eleganz und hohen Absätzen, übereinander geschlagenen schlanken Beinen, mit Augenaufschlägen und lockendem Lächeln, so wie auf den Filmstarpostkarten, die damals gesammelt wurden.
Heinz Wolf *1928 Dr. phil. Studienrat
Die Hurmsche 1948 bis 1950
In Finsterwalde war ich nur 2½ Jahre und das auch nur halbtags zur Schulzeit. Dennoch war diese Zeit prägend für michtumben Tor, der nach fast drei Jahren Unterbrechung (Flakhelfer, Kriegsgefangener, Landarbeiter) zögerlich und unsicher als Achtzehnjähriger in der 10. Klasse antrat, um den Schulabschluss zu machen. Diese Zeit gab mir Richtung und Orientierung, beruflich wie persönlich, legte das Fundament für Grundeinstellungen und Wertvorstellungen, für deren Entwicklung in der Vereinnahmung für Deutschlands totalen Krieg kein Raum gewesen war.
Nicht die Stadt, die Schule als Ganzes und auch nicht die Klassengemeinschaft waren entscheidend, sondern zwei Lehrer. Herr Paul (Paulchen) mit seiner korrekten, pflichtorientierten Haltung, der mich durch die vermittelten fachlichen Inhalte zum Anglistikstudium brachte. Frau Hurm hatte in einem sehr umfassenden Sinn einen lebenslangen Einfluss. Die vier Fächer Deutsch, Französisch, Englisch und Latein machten fast die Hälfte der wöchentlichen Unterrichtszeit der fremdsprachlichen Abteilung der Klasse aus. Beide Lehrer waren täglich präsent. Sie wirkten durch ihre eigenständigen Persönlichkeiten fordernd und fördernd in unserer Klasse, die in den letzten beiden Jahren sehr klein war.
Die Hurmsche, wie wir sie zu ihrem Missfallen nannten, war eine unbestrittene Autorität. Eine kleine grauhaarige Frau mit blitzender Brille, selbstbewusst, sachlich, hellwach, freundlich, öfters aber auch mit aufblitzender Ironie im Blick, rational diesseitig eingestellt, Verquastheiten abhold, selber gescheit und mit großer Neigung zu gescheiten Leuten. So nannte sie z.B. Mehring mit Wärme einenblitzgescheiten Mann. „Man müsse über sich hinauswachsen wollen, damit man nicht unter sich sinke“, zitierte sie einen unserer Klassiker. Sie war hilfsbereit, listig und immer engagiert. Eine Lehrerpersönlichkeit, die den Geist ihrer Schüler in Gang setzen und Spuren hinterlassen wollte. Sie machte nie Dienst nach Vorschrift, erlaubte sich aber auch Schwächen, die sich ein Lehrer eigentlich verkneifen sollte, wie z.B. die unverhohlene, oft entschieden einseitige Sympathie für Personen, die sie interessierten.
Frau Hurm wollte mit angestrengt gutem Willen in der damaligenSowjetischen Besatzungszone ein besseres Deutschland schaffen. Es war wesentlicher Verdienst dieser Frau, dass in unserer Klasse Offenheit und Freimut in weltanschaulichen Fragen selbstverständlich und ungefährlich waren und nicht verbohrte politische Sturheit herrschte wie schon ein Jahr nach unserem Abgang. Frau Hurm war im Herzen Sozialdemokratin. Später wurde sie aus der erweiterten Oberschule verbannt. Aber genau da wäre eine Frau mit ihrer Persönlichkeit am richtigen Ort gewesen.
Ihr Deutschunterricht war beispielhaft für diese Offenheit.Geist der Goethezeit und Edel sei der Mensch von Korff waren Leitfäden für die Klassikerbehandlung. Aufträge zu Schülerreferaten basierten z.B. auf Gundolf, Lukacz, Mehring. Deren konträre und kontroverse Positionen waren Stoffgrundlage unserer Diskussionen. Manchmal schien es, als behandelten wir die Themen ohne ihr wesentliches Zutun, als machte sie es sich leicht. Tatsächlich war sie natürlich der spiritus rector. Sie trat stark hervor, wenn es nötig war, weil wir etwas nicht erfassten, was sie für unverzichtbar hielt. So waren Aussagen in der gemäßen Ausdrucksweise zu rezitieren. Sie war nie mit dem bloßen Hersagen von Sätzen zufrieden, sondern drang auf das Beachten der Sprachmelodie, die richtige Sprechtechnik, den sinngerechten Sprachgestus und immer auf die Hörerbezogenheit, bis in uns eine Ahnung aufdämmerte, dass der Text eine größere Dimension hatte als uns zugänglich war. Das galt übrigens auch für ihren Französischunterricht, z.B. bei der Behandlung der Fabeln Lafontaines. Dass ihr Anspruch manchmal über unser Vermögen hinauszielte, ist mir lebhaft bewusst, wenn ich an meine Hilflosigkeit bei einem Erörterungsaufsatz über eine zugespitzte Sentenz aus SchillersWallenstein denke. Was ich dazu zusammenfaselte, ist mir heute noch peinlich. Ihr Deutschunterricht, mit dem sich ihr Persönlichkeitsbild für mich am engsten verbindet, wirkte auf mich enorm motivierend. Als ich in Finsterwalde antrat, war mein Geist in literarisch-künstlerischer Hinsicht wahrhaft einetabula rasa. Bevor es mit 15½ Jahren zum Dienst fürs Vaterland ging, war mein literarischer Schulstoff mager gewesen Ich hatte Storms Pole Poppenspäler in ganzer und Raabes Schwarze Galeere zur Hälfte gelesen. Das war alles. Danach kam nur Triviales.
Noch bei Schulantritt hatte ich keine Zeile an ernstzunehmender Belletristik gelesen. Die drastische Wende innerhalb von zwei Jahren, die mich zum Germanistikstudium brachte, hat Frau Hurm bewirkt. Vom ersten Tag an gab es keinSchwimmen beim Studium. Für mich hat sie beispielhaft hochschulvorbereitend gewirkt und als Lehrer habe ich mich später in vielem auf sie stützen können. Ihrer List habe ich wesentlich mitzuverdanken, dass ich überhaupt an einer Hochschule angenommen wurde. Ich war jahrelang für den Erhalt vonDeutschlands Größe benutzt worden, so dass ich mich aus allem Politischen und Gesellschaftlichen weitgehend herausgehalten habe. Da mir also ein Ausweis über Tüchtigkeit auf diesem Felde fehlte, solche Tüchtigkeit aber unverzichtbare Voraussetzung für das Studieren war, erschlich sie sich für mich einAktivistenzeugnis der FDJ, ein Dokument, das es garnicht gab. Das war ein kräftiger Rückenwind, mit dem sie mich aus der Schule hinaus und in eine neue Entwicklungsetappe pustete.
Ich habe ihr viel zu verdanken.
Gerhard Hein *1930 Bau-Ingenieur
1936 bis 1939
Am 15. April 1936 wurde ich in die Klasse 8b der Knabenvolksschule eingeschult. Ich bekam neue Schuhe, schmucke Kleidung und die obligatorische Zuckertüte. Wir waren damals 2 Eingangsklassen mit 38 bzw. 40 Schülern. Der Klassenlehrer von 8a war Herr Puhle, der von der Klasse 8b Herr Sander. In den Klassenräumen wurde mit den Schülern und den dazugehörigen Lehrern ein Klassenbild gemacht. Auf ihnen sind die schlichten Räume mit den üblichen Schulbänken zu erkennen. Die Wandtafel war auf der entgegengesetzten Seite. Für die Klassenfotografien hatten meine Eltern damals keine Mark übrig. Bei der Einschulung oder Versetzung in die nächsthöhere Klasse war es üblich, die Schulbücher von Schülern dieses Jahrgangs zu erwerben. So konnte ich bei der Einschulung im April 1936 die Fibel für das 1. Schuljahr von einem Vorgänger übernehmen. Teilweise kauften die Eltern natürlich auch neue Bücher für ihre Kinder. In den ersten beiden Schuljahren wurde mit Schieferstift auf eine Schiefertafel geschrieben. Eine Seite war liniert, die andere enthielt Karos. Für den Transport in der Schulmappe gab es eine Hülle, damit die Hausaufgaben nicht unleserlich werden konnten. Schreib- und Rechenhefte gab es erst ab dem 3. Schuljahr. Wir schrieben mit dem üblichen Federhalter mit auswechselbaren Stahlfedern. Das Eintauchen in ein Tintenfass musste geübt werden, um Kleckse zu vermeiden. In den Pausen konnte man beim Hausmeister Brink im Erdgeschoß Milch in Flaschen für 10 Pfennig oder Milchkakao für 8 Pfennig mit Strohhalm kaufen. Für mich war das trotz des geringen Preises höchsten einmal in der Woche möglich. In dieser Zeit brachte mich meine Mutter immer auf dem Fahrrad in die Schule. Meistens fuhr sie dann weiter zur Arbeit. Nachmittags musste ich in den Kindergarten der Firma neben der Knaben-Volksschule laufen. Abends ging es mit meiner Mutter wieder heim.
Ich hatte im 3. und 4. Schuljahr Lehrer Puhle als Klassenlehrer. Er war sehr auf Reinlichkeit bedacht. In Erinnerung sind mir immer noch die täglichen Überprüfungen meiner Fingernägel geblieben. Das Reinigen war bei unseren sanitären Verhältnissen in einer Wohnlaube ein Problem. Meine Eltern wurden zwar ermahnt, verwendeten aber kaum Zeit für die Reinigung meiner Nägel. Außerdem war mein Schulweg kaum geeignet, die Hände bis zur Schule immer sauber zu halten. Der Spieltrieb tat unterwegs sein übriges.
Es sollte eine Arbeit geschrieben werden. Beim Eintauchen der Federhalter in die Tintenfässer meldeten alle, dass keine Tinte mehr vorhanden sei, obwohl diese gerade erst einen Tag vorher aufgefüllt worden waren. Die Tintenfässer für jeweils 2 Schüler befanden sich, wie damals üblich, in der Mitte der Schulbank. Es waren also 20 Fässer leer. Wo konnte die Tinte geblieben sein? Klassenlehrer Puhle war außer sich. Jetzt wurde gefahndet. Zum Schluss stellte sich heraus, dass einer unserer Schulkameraden scheinbar riesigen Durst auf Tinte hatte. Er hatte ausnahmslos alle Fässer aus der Bank herausgenommen und geleert. Dafür gab es dann die damals übliche Strafe. Im Winter 1938 fuhren mein Schulfreund und ich bei Eis und Schnee etwa 2 Kilometer mit Schlittschuhen in die Schule. Es ging einfach schneller. Einmal waren wir zu faul, die Schlittschuhe vor dem Schulgebäude abzuschnallen und gingen einfach damit bis in unseren Klassenraum im 1. Obergeschoß. Prompt wurden wir von Seelands Mope erwischt. Diesmal war er gnädig, es gab keine Schläge mit dem Rohrstock. Dafür mussten wir 50 Mal schreiben Man darf nicht mit Schlittschuhen in der Schule zum Klassenzimmer laufen. Das hat uns einen ganzen Nachmittag und ein halbes Heft gekostet. Stinklangweilig. Ich glaube, wir hätten in diesem Fall lieber Schläge bezogen.
1936 begannen die Schuljahre mit der 8. Klasse und endeten mit der 1. Das änderte sich mit dem Schuljahr 1939/40. Ab da wurde man in die 1. Klasse eingeschult und aus der 8. Klasse entlassen - wenn man nicht sitzengeblieben war. Dadurch kam bei mir das Kuriosum zustande, dass ich von Klasse 5b nach Klasse 4b versetzt wurde. Die 4b war nach neuer Zählung dann die Klasse 5, also das 5. Schuljahr. So ist die Nummerierung auch heute noch.
Meyers Konversationslexikon 1940 bis 1943
Der Übergang zum Gymnasium nach dem 4. Schuljahr fiel bei mir aus. Meine Eltern konnten das Schulgeld von damals 25 Reichsmark nicht aufbringen. So blieb ich Volksschüler bis zur 8. Klasse. Im 5. Schuljahr wurden die Klassen a und b zur Klasse 5 zusammengelegt. Lehrer Sander war unser Klassenlehrer im Sommerhalbjahr des 5. Schuljahres 1940. Das Winterhalbjahr 1940/41 hatten wir bei Lehrer Cywinski.
Bis 1940 wurde die 1924 an preußischen Grundschulen eingeführte Schreibschrift von Ludwig Sütterlin gelehrt. Dass die Schrift durch einen Willkürakt der nationalsozialistischen Regierung abgeschafft wurde, dürfte heute kaum noch bekannt sein. 1941 wurde die sogenannte Normalschrift, wie die lateinische Druck- und Schreibschrift bezeichnet wurde, eingeführt. Das bedeutete für uns eine nicht unbeträchtliche Umstellung, besonders bei den Schularbeiten. Die Sütterlinschrift ist heute dennoch von Vorteil, wenn man handschriftliche historische Dokumente und Urkunden lesen will. Naturkunde hatten wir bei Lehrer Semisch (Gandhi). Der Schulgarten an der Knabenschule wurde damals von ihm betreut. Der Unterricht fand häufig in diesem Garten statt. Hier wurden uns die einzelnen Pflanzen gezeigt und erklärt. An der Grundstücksgrenze wuchsen Maulbeersträucher. Mit den frisch gepflückten Blättern dieser Sträucher mussten wir unter Aufsicht von Gandhi Seidenraupen bis zum Einspinnen füttern. Dazu wurden die Blätter über die auf Brettern befindlichen Seidenraupen gelegt. Manchmal mussten wir auch sonntags zum Füttern erscheinen.
Die Schule hatte 3 getrennte Treppenhausaufgänge ohne gegenseitige Verbindung. Von einem Treppenhaus in ein anderes gelangte man über den Schulhof. Zum Pinkeln musste man über den Schulhof in ein Nebengebäude. Graffitis gab es an den Wänden genauso wie heute. Nur wurden die Bilder nicht gesprüht, sondern mit Nägeln oder Messern in die Farbe oder den Putz eingekratzt.
Bis zum Beginn des Krieges 1939 hatten wir Turnen bei Papke. Danach bei dem älteren Lehrer Mauruschat. Nach dem Umzug in die Mädchenschule fand das Turnen in der nahe gelegenen Doppeltumhalle statt. Dabei wurde auch Völkerball gespielt, was uns in aller Regel mehr Spaß machte als das Turnen an Geräten. Bei gutem Wetter war auch mal Handball auf dem Platz an der Doppelturnhalle angesagt. Nach meinen Erinnerungen war Herr Mauruschat eigentlich kein echter Sportlehrer, er hat jedenfalls nie etwas vorgeturnt.
Bei ihm machte ich auch meine beiden Schwimmprüfungen im damaligen Schwimmbad an der Schacke. Für den Freischwimmer musste man 15 Minuten Brustschwimmen beginnend mit einem Sprung vom 1m-Brett. Zum Fahrtenschwimmer mussten 45 Minuten in beliebigem Stil geschwommen werden. Mit dem Sprung vom 3m-Brett wurde begonnen. Für diese Leistung bekam man eine bessere Sportnote im Zeugnis. Mauruschat hatte die Angewohnheit, in der Pausenaufsicht auf dem Schulhof mit dem Rohrstock über den zusammengedrückten Daumen und Mittelfinger zu hauen, was regelmäßig zu blauen Fingernägeln führte. In dieser Zeit spielten wir einmal Handball gegen unsere alten Klassenkameraden von der Oberschule. Das Spiel pfiff ein Lehrer der Oberschule und wurde von uns haushoch verloren.
Nach dem Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion am 22. Juni 1941 gab es immer mehr verwundete Soldaten. Es mussten weitere Lazarette eingerichtet werden. Nach den großen Ferien 1941 wurde das Gebäude der Knabenvolksschule Lazarett. Wir wurden in die Mädchenschule verlegt. Es wurde wöchentlich wechselnder Schichtunterricht eingeführt, eine Woche vormittags, die nächste Woche nachmittags. Unter den Schulbänken fanden wir häufiger Post von den Mädchen.
Im 6. Schuljahr war der Konrektor Karl Scholz unser Klassenlehrer. Er war ein sehr korrekter Lehrer, bei dem mir das Lernen richtig Spaß machte. Bei Schiemenz hatten wir Musikunterricht. Das Singen fand immer in der Aula statt. Mit Beginn eines Liedes sagte er mit erhobenen Händen immer: „Zwei, drei, Luft.“ Bei uns in der Klasse hieß es aber Zwei, drei, Luft, Schiemenz hat gemufft. Gesungen wurden in aller Regel Volkslieder wie zum Beispiel Das Wandern ist des Müllers Lust. Ob damals auch die üblichen Marschlieder der Hitlerjugend geübt wurden, ist mir nicht in Erinnerung. Da ich besonders bei mehrstimmigen Stücken nicht die Töne halten konnte, wurden ich und 4 weitere Klassenkameraden durch Richardchen generell vom Singen ausgeschlossen. Bei mir war dadurch eine glatte 6 für Musik im Zeugnis bis zur 8. Klasse vorprogrammiert. Wenn die anderen ihre Lieder probten, konnten wir hinter den singenden Schulkameraden die Hausaufgaben für den nächsten Tag erledigen. Nach dem Gesang wurden dann einfach die Ergebnisse abgeschrieben. Beim Unterricht im Klassenraum saß Schiemenz vorn an seinem Lehrertisch. Wenn er das Gefühl hatte, ein Schüler hört nicht zu oder stört den Unterricht, dann schaute er erst plötzlich nach links und sagte: „Der hat mich noch immer nicht verstanden.“ Und dann flog sein Schlüsselbund nach rechts zum Störenfried. Seine Standardstrafe war dann meistens eine saftige Kopfnuss mit den Fingernägeln.
Ich hatte einen sehr langen Heimweg. Nach dem Unterricht ging ich mit anderen Schulkameraden öfter bei Mommert rein, um ein bisschen Schokoladen- oder Bonbonbruch zu ergattern. Dabei hatten wir nur dann Glück, wenn gerade die Schubfächer und Kästen leer waren und gesäubert wurden. Hatten wir hier keinen Erfolg, wurde bei der Bäckerei Raban ein weiterer Versuch gestartet, um an Kuchenränder zu kommen. Beide Möglichkeiten gingen mit der Verschlechterung der Ernährungslage während des Krieges nach und nach verloren.
In den Herbstferien ging es mit etwa 12 Kameraden der 7. Klasse zum Kartoffeleinsatz. Begleitet wurden wir von einem älteren Hitlerjugend-Führer. Am Bahnhof holte uns ein Bauer ab. Nach dem Frühstück ging es barfuss aufs Feld. Morgens war es manchmal schon empfindlich kalt, so dass wir froren. Untergebracht wurden wir in einem Klassenraum der Grundschule. Der Raum war mit Stroh ausgelegt. Zusätzliche Decken dienten als Unterlage und zum Zudecken. Der Bauer, bei dem wir Kartoffeln lesen sollten, holte uns an der Schule ab. Es wurden Abschnitte eingeteilt, wo immer 2 Jungen zu lesen hatten. Der Kartoffelroder fuhr rund herum, so dass wir uns beeilen mussten, um in einem bestimmten Zeitrahmen alle Kartoffeln zu lesen und auf Kastenwagen zu schütten. Hierbei wurde verbotenerweise auch manche Kartoffel in den Boden getreten. Mittagessen gab es am Rande des Kartoffelackers, Abendessen im Bauernhof. Für jeden Tag gab es 1 Reichsmark. Das Essen, die Unterbringung sowie die An- und Heimreise waren frei. Nach etwa 14 Tagen kamen wir vollkommen kreuzlahm wieder heim. Aber der Verdienst war für mich wertvoll. Ich konnte mir davon zusammen mit anderen Ersparnissen Meyers Konversationslexikon von einem Finsterwalder Privatmann kaufen.
In den Herbstferien 1943 ging es mit etwa den gleichen Kameraden der 8. Klasse wieder zur Lese. Diesmal hängten wir noch 1 Woche dran. Hier hatte ich einen Unfall. Mit der linken Hand fasste ich die Schleuder des stillstehenden Kartoffelroders an. Plötzlich scheuten die Pferde und der Roder fuhr los. Dabei wurde mein Zeigefinger verletzt. Die Hand wurde provisorisch verbunden und in Luckau weiter verarztet. Mit der rechten Hand habe ich dann bis zum Abschluss des Einsatzes noch weiter Kartoffeln gelesen.
Kasernenalltag in der Lehrerbildungsanstalt 1944
Im März 1944 machte Lehrer Semisch von unserer 8. Volksschulklasse auf dem noch schneebedeckten Schulhof der Mädchenschule ein Klassenbild. Anschließend lernten wir, wie man mit der einfachen Kamera fotografiert, den belichteten Film herausnimmt, das Bild auf Papier bringt und fixiert und wie gewässert und getrocknet wird.
Gegen Ende des Krieges gab es Schreibhefte nur noch auf Bezugschein. Wir bekamen von Seelands Mope den Auftrag, in der Aula der Mädchenschule hellblaue Zettel mit einen Stempel und der Beschriftung 1 Heft zu versehen. Ohne einen solchen Bezugsschein bekam man in den Geschäften auch gegen Bezahlung kein Heft. Beim Abschluss der Arbeit wurde die Anzahl der Scheine gezählt. Es kam heraus, dass weniger gestempelte Scheine als vorher leere Zettel vorhanden waren. Viele von uns hatten sich einen oder mehrere dieser nun zu Bezugsscheinen gereiften Papiere beiseite geschafft. Seelands Mope schlug unbarmherzig zu. Im Raum der 8. Klasse in der Nähe des Rektorzimmers im 2. Obergeschoß gab es Schläge nach Strich und Faden. Jeder, der Scheine für sich behalten hatte, musste sich über einen Stuhl legen. Ich weiß noch, dass ich 4 Bezugsscheine hatte. Anschliessend ging ich in das Kartenzimmer. Hier waren schon einige meiner Klassenkameraden versammelt und hielten sich ihren Hintern. Ich bekam 4 Schläge mit dem Rohrstock. Dabei hatte ich Glück, dass der Stock durch die vorhergegangenen Prügel meiner Kameraden kürzer geworden war. Die letzten 1 oder 2 Kameraden sollen wohl ohne Schläge davon gekommen sein. Aus Angst hatten auch einige die Zettel verspeist. Als mein Vater zu Hause die Striemen auf meinem Hintern sah, sagte er nur: „Das geschieht dir recht. Warum machst du so etwas!“
Am 25. März 1944 wurde ich aus der Knabenvolksschule entlassen. Kurz vor dem Ende der Volksschulzeit im März 1944 wurde ich mit meinen Eltern zu einem Besuch bei Rektor Gericke in seine Privatwohnung eingeladen. Als ich mit meiner Mutter bei ihm erschien, schlug er vor, dass ich Lehrer werden sollte. Ich war begeistert, diesen Beruf erlernen zu dürfen und war gleich damit einverstanden. Von der Führung der Hitlerjugend in Finsterwalde bekam ich ein gutes Zeugnis ausgestellt, obwohl ich nur stellvertretender Mitmarschierer war. Anfang April 1944 kam eine Einberufung nach Cottbus zur Aufnahmeprüfung an der Lehrerbildungsanstalt (LBA). Hier wurden fast alle Fächer der Volksschule in schriftlicher und mündlicher Form geprüft. Eine halbmilitärische Übung ist mir noch immer in besonderer Erinnerung. In der Nacht gab es Alarm: „Im Treppenhaus brennt es, alle aus den Fenstern raus.“ Mir war ein bisschen mulmig zumute, zumal wir aus dem 1. Obergeschoß springen sollten. Dabei ahnten wir nicht, dass unten Sprungtücher aufgespannt waren. Ich hatte die Prüfung bestanden und wurde auf die Lehrerbildungsanstalt Paradies geschickt.
Am 24. April ging es mit der Eisenbahn bis zu der kleinen Bahnstation Paradies. Mit mir fuhren noch eine Reihe anderer Jungen. Einige waren schon ein Jahr in Paradies und hatten die Osterferien zu Hause verbracht. Am 25. April 1944 begann meine Ausbildung zum Volksschullehrer in der LBA Paradies. Wenige Tage nach der Ankunft bekam ich den Ausweis, auf den ich damals ganz stolz war. Das Foto muss 1944 in Paradies gemacht worden sein. In Paradies bekam ich auch das erste Mal in meinem Leben eine vollständige Uniform der Hitlerjugend. Paradies war ein altes, mächtiges Zisterzienser-Kloster, das 1236 von Lehnin (Brandenburg) aus in Besitz genommen wurde. 1846 wurde daraus ein katholisches Lehrerseminar. Ab 1939 war es dann eine Lehrerbildungsanstalt mit Internat. Ich kann mich noch an die Grabsteine der dort verstorbenen Lehrer erinnern.
Im April 1944 waren 4 Jahrgänge in der Anstalt. Insgesamt müssen es 250 bis 300 Jugendliche gewesen sein. Die damals 17 bis 18 Jahre alten Schüler im 4. Ausbildungsjahr waren gleichzeitig unsere Hitlerjugendführer. Es fanden jeden Tag halbmilitärische Übungen statt. Wir sangen die damals üblichen Lieder und marschierten durch den benachbarten Ort Jordan. Schießübungen fanden wöchentlich auf einem in der Nähe liegenden Schießstand statt. Außerdem wurde großer Wert auf Sport gelegt und Schwimmen in den vielen Seen der Gegend. Beim Schwimmen ist einmal einer unserer Mitschüler in eine Schlingpflanze geraten und wäre fast ertrunken. Die wenige Freizeit verbrachten wir meistens an einem ganz in der Nähe gelegenen sehr schönen See.
Der Tag verlief wie in einer Kaserne. Wir wurden morgens um 7.00 Uhr mit Fanfarensignalen geweckt. Alles stürzte in den Waschraum, um noch ein Becken zu bekommen. Wer Pech hatte, musste Anstehen. Das kostete Zeit und ging vom Bettenbauen und Spindherrichten ab. Oft ergab die Überprüfung Mängel und man musste Bettzeug und Wäsche noch einmal sorgfältig aufschichten. Dann ging es zum morgendlichen Appell mit Antreten auf dem Pausenhof und anschließend im Marschschritt zur Kantine, die sich in einem besonderen Gebäude befand. Die erste Zeit bin ich nie satt geworden, da ich zu Hause nicht gelernt hatte, mit Messer und Gabel zu essen. Besonders schlimm war es, wenn ich Tischdienst hatte. Zum Toilettengebäude ging es etwa 50 Meter über den Hof. Das wirkte sich nachteilig für die Schüler aus, die nachts mal raus mussten. Erst über die langen Gänge vom Schlafsaal und dann über den mit Bäumen bestandenen Pausenhof. Vormittags fand der Unterricht nach Lehrplan statt, nach dem Mittagessen wurden die Hausaufgaben erledigt, dann kam die Hitlerjugend zu ihrem Recht. So ging das täglich. Ein besonders Ereignis war für uns ein Besuch in Lagow, der angeblich kleinsten Stadt Deutschlands. Ich kann mich noch an die schöne Landschaft mit dem Städtchen am See erinnern. Hier trafen wir auf den Boxer Leo Pinetzki in Wehrmachtsuniform. Den sportlichen Vergleich pflegten wir mit den Schülern einer NAPOLA. Ich denke, dass die in Meseritz war. Ein Handballspiel gewannen wir damals. Ich war froh als die großen Ferien Ende Juli begannen. So einen Drill und Stress war ich nicht gewöhnt.
Nach den großen Ferien Ende August 1944 konnten wir nicht mehr ins Kloster zurück, weil es als Militärmagazin gebraucht wurde. Wir wurden dafür zum Schippeinsatz nach Jordan geschickt. Dort mussten wir nach Anweisung von Wehrmachtsoffizieren mit Schaufel und Spaten Lauf- und Panzergräben ausheben. In einer zugigen Bauernscheune, auf Stroh und mit entsprechenden Decken, fanden wir unser Nachtlager. Ich hatte das Pech, einen Schlafplatz in der Nähe der Scheunentür zu bekommen, wo immer ein leichter Windzug zu spüren war. Dadurch und durch die ungewohnten Bewegungen beim Schippen bekam ich schon nach kurzer Zeit einen Hexenschuss. Ich wurde in das einfache Lazarett von Jordan, eine ungenutzte Volksschule, gebracht. Kaum dort bekam ich auch noch eine doppelseitige Mittelohr-Endzündung. Ich konnte nichts mehr hören und man musste sich mit Hilfe von Handzeichen mit mir verständigen. Diese Krankheit hat bis heute ihre Spuren hinterlassen. Als man mir in dem provisorischen Lazarett nicht mehr helfen konnte, sollte ich mit einem anderen Kranken zur weiteren Behandlung nach Meseritz. Wir wurden beide zum Bahnhof geschickt, um mit dem nächsten Zug zu fahren. Auf dem Bahnsteig war es unheimlich kalt. Der Zug hatte unbestimmte Verspätung, also gingen wir in das Bahnhofsgebäude. Das war ein Fehler, denn als wir wieder nach draußen kamen, waren von unserm Zug nur noch die Schlusslichter zusehen. Also wieder zurück ins Lazarett. Hier bekamen wir einen gehörigen Anschiss. Da wir nichts hörten, konnten wir nur an den Gebärden unserer Vorgesetzten erkennen, dass sie mit uns nicht zufrieden waren. Am nächsten Tag ging ein Aufpasser mit, der dafür sorgte, dass nichts mehr schief lief. Im Lazarett wurden mir beide Ohren mit Rotlicht bestrahlt. Die Verständigung ging anfangs auch hier nur über Gesten und entsprechende Fingerzeige. Nach etwa 14 Tagen lösten sich die Vereiterungen in beiden Ohren. Ich konnte wieder hören. Anfang Oktober bin ich mit der Bahn nach Finsterwalde zurückgefahren. Damit war für mich der Schippeinsatz 1944 beendet.
Zu Hause lag schon ein Bescheid, dass die Ausbildung an der LBA Paradies vorübergehend in Streckenthin in Pommern weitergehen soll. Im Oktober 1944 fuhren wir mit der Bahn nach Latzig/Thuno. Von hier aus ging es im Fußmarsch zum Schloss Streckenthin. Im Schloss des Ritterguts wurden wir zusammen mit nur noch 2 Jahrgängen mit etwa 120 bis 150 Kameraden untergebracht. Das Schloss und auch das dazugehörige Herrschaftshaus lagen landschaftlich sehr schön an einem See. Das Gut mit den Ställen war etwas abseits. Das Schlossgebäude war eigentlich für eine LBA wenig geeignet. In den Schlafräumen waren Doppel-Stockbetten aufgestellt. Die täglichen Streiche in den schmalen Gängen nahmen kein Ende. Häufig flog der obere Schläfer auf den unteren oder auf den Gang, weil jemand heimlich die Auflagebretter entfernt hatte. Und das alles beim Abendappell. Täter wurden gesucht, aber nie gefunden. Die Toiletten hielten der neuen Belastung nicht stand. Verstopfungen der Rohrleitungen und der Beckenabläufe waren an der Tagesordnung. Sehr bald mussten im nahe liegenden Wald Gruben ausgehoben und sogenannte Donnerbalken eingerichtet werden. In den Monaten November und Dezember keine angenehme Angelegenheit. Der Weg war noch länger als in Paradies. Die Räume für nur noch 4 Klassen waren notdürftig für den Unterricht hergerichtet worden. Da es jetzt auch an Lehrkräften mangelte, konnten nicht mehr alle Fächer unterrichtet werden. Außerdem fehlte Lehrmaterial. An den Hitlerjugend-Übungen hatte sich gegenüber Paradies nichts geändert. Die Versorgung mit Lebensmitteln erfolgte aus dem in der Nähe liegenden Gut des Schloss Streckenthin.
Kurz vor Weihnachten 1944 fuhr ich mit der Bahn heim nach Finsterwalde. In Stettin konnte ich noch weiße Finnland-Ski ergattern. Das war sozusagen mein Weihnachtsgeschenk. So konnte ich das letzte Mal vor Kriegsende Weihnachten zu Hause bei meinen Eltern verbringen. Dabei war es mir das erste Mal in meinem Leben möglich mit eigenen primitiven Brettern Ski zu fahren.
Wegen Fahnenflucht erhängt 1945
Am 5. Januar 1945 ging es wieder mit der Bahn und zu Fuß nach Streckenthin. Die Bahn fuhr noch einigermaßen regelmäßig. Im Januar und Februar hatten wir noch Unterricht und den üblichen Hitlerjugend-Drill. Am 31. Januar bekamen wir sogar noch ein Zeugnis für das 1. Halbjahr 44/45.
Jeden Abend wurden die Wehrmachtsberichte über den Verlauf der Kämpfe und die Lage der Frontlinie von einem Schüler im Gemeinschaftsraum verlesen. Ende Februar erreichte die russische Armee die Oder. Am 1 März 1945 teilte uns der Direktor in einer Versammlung mit, dass die gesamte Schule die Flucht antreten muss, um nicht vom Rückweg abgeschnitten zu werden.Zunächst ging es zu Fuß in Richtung Bahnhof Latzig/Thuno. Die Hoffnung auf einen Zug mussten wir aufgeben. Hier trennte ich mich schweren Herzens von einem Holzkoffer, den mein Vater angefertigt hatte. Er war mir einfach zu schwer geworden. Wichtige Sachen wie Zeugnisse, Ausweis, Decke, Zeltplane und etwas zu essen kamen in den mitgeführten Tornister. Wir kamen am 3. März zu Fuß in Kolberg an. Ich sah um die Stadt herum Schützengräben mit wenigen Soldaten. Hier einen Platz auf einem Schiff zu ergattern war ebenso aussichtslos wie das Fortkommen mit der Bahn. Was blieb uns weiter übrig, als den Fußmarsch in Kolonne fortzusetzen. Kolberg wurde am 18.03.1945 von den Russen eingenommen.
Von Kolberg ging es zunächst nach Treptow in eine Lehrerbildungsanstalt. Es gab ein letztes gemeinsames warmes Essen. Beim Essen teilte uns der Direktor mit, dass es keinen Sinn mehr mache, geschlossen weiter zu marschieren. Jeder sollte sich alleine durchschlagen. Nächster Treffpunkt war eine Pension im Kurbad Bansin auf Usedom. Mit einem Kameraden machte ich mich auf den Weg in Richtung Westen. Auf dem Bahnhof Treptow stand ein Eisenbahnzug mit Verwundeten, der nicht weiterfahren konnte. Wir konnten noch sehen, wie hinter uns der Kirchturm zerschossen wurde. Unterwegs hatten wir das große Glück, dass uns ein Tanklaster ein großes Stück mitnahm. Krankenschwestern vom Verwundetenzug rannten um ihr Leben und kamen mit uns. Wir fuhren vorbei an einem endlosen Treck flüchtender Menschen mit Pferdefuhrwerken, Handwagen, auf Fahrrädern und zu Fuß. Später mussten wir von unserm Laster absteigen und zu Fuß oder mit requirierten
