der 19. Juni 1954
Sehr geehrter Kornei Iwanowitsch!
Ich wage es ja nicht, Sie lieber zu nennen, was, wenn Sie es Abstoßend fänden, wenn ein Graf von Monte Christo aus der Sowchose Schuscharen Sie lieber nennen würde? Und bloß Kornei Iwanowitsch klingt irgendwie Anmaßend.
Da mir Ihre Moskauer Adresse nicht bekannt ist, werde ich diesen Brief (wenn er fertig ist) als Einschreiben an den Staatsverlag für die Kinderliteratur senden, z. Hd. Großvater Kornei, wie Sie von sämtlichen Sowjetischen Kindern gerufen werden. Als Absender gebe ich Jungpionier Witja Semjonow [gestrichen. – O. J.] … Swerepow Makar [gestrichen. – O. J.] … Klopow Iwan, Sowchose Schuscharen des Puschkinbezirks der Stadt Leningrad an. Schreiben Sie bitte nicht an diese Adresse, im Gegenteil: Schreiben Sie, ich bitte Sie Höflich darum, an die folgende Adresse zurück: L. I. Dobytschin, Sowchose Schuscharen des Puschkinbezirks der Stadt Leningrad, poste restante.
Gestern gab es bei uns in der Planökonomischen Abteilung eine kleine Feierlichkeit: Ich wurde in die Rente verabschiedet. Man schenkte mir ein Damebrett aus wertvollen Holzarten und eine bronzene Hirschfigur mit einer winzigen Glühbirne mittig unter dem Geweih, oder, wie der Finanzfähnrich der Baltischen Flotte a. D., der andere Mann in unserer Abteilung, Genosse Scheluschenko, sagt: zwischen den Hörnern. Ich bleibe dennoch der Sowchose Schuscharen erhalten – auf einer Halben Planstelle als Wirtschaftsstatistiker und auf einer weiteren als Ökonomischer Mitarbeiter der Planungsabteilung.
Jetzt, Kornei Iwanowitsch, bin ich ein sechzigjähriger Greis und achtzehn Jahre älter als Sie, als wir uns kennengelernt haben. Bei uns in der Abteilung gelte ich trotzdem als ein interessanter Mann, interessanter als zum Beispiel Scheluschenko. Wie süß ist unser Leonid Iwanowitsch, ein richtiges Schnuckelchen: so rund, mit einem Zwickerchen! Er sieht ja aus wie der Minister der Staatssicherheit Lawrenti Pawlowitsch Beria, sagt die Putzfrau alias Reinigungskraft, Vera Leskowa. Das heißt: Sie sagte es, bis sich bei uns Ende letzten Jahres eine Politinformation ereignete, die uns politinformierte, dass der Marschall Beria ein Aserbaidschanischer Spion ist. Vera Leskowa verlor im Krieg einen Ehemann und zwei Liebhaber in den Rängen eines Kapitäns und eines Majors des Medizinischen Dienstes, und sie langweilt sich sehr. Sie fuhr als Sanitäterin in einem Spitalzug, wie es im preisgekrönten Buch Weggenossen beschrieben wird. Haben Sie diesen Modischen Roman gelesen? Ich war mit seiner Autorin, Genossin Panowa, und deren kleiner Tochter entfernt bekannt (in Puschkin im Oktober 1941, unter dem Deutschen); den Roman habe ich noch nicht gelesen, denn wir haben eine Warteschlange für ihn. Ich persönlich habe die Nummer 8. Faina Alexandrowna Kolobowa, die Stellvertretende Leiterin der Buchhaltungsabteilung, hat ihn schon ausgelesen und sagt: Fesselt wie Sowjetpartisanen einen Fritzen! Sie kommt aus Odessa, ist klein, mit einem breiten, stumpfnasigen Gesicht. Ihr Mann wurde von den Rumänen erschossen. In ihrem schwarzen Haar hat sie zwei glänzende weiße Strähnen, sie steckt sie hinter die Ohren. Zur Arbeit erscheint sie mit einem kleinen, stumpfnasigen Hündchen namens Mary, das in die Schublade des Arbeitstisches gelegt wird, wo es den ganzen Tag lang schläft und dabei schrecklich seufzt.
Kornei Iwanowitsch, nur seien Sie mir bitte nicht Böse für diese Frage: HABEN SIE ETWAS VON SCHURKA DROSDOW, MEINEM WOHNUNGSNACHBARN, GEHÖRT? Für mich ist es SEHR WICHTIG! Vielleicht traf ihn jemand von den Leningrader Schriftstellern im Krieg oder danach? Oder hat etwas von ihm gehört? Die Slonimskis? Kolja, Ihr Sohn? Kawerin? Ich denke nicht, dass Achmatowa etwas weiß.
Im März letzten Jahres machte unsere Planökonomische Abteilung einen Ausflug nach Leningrad (Lohn für den Zweiten Platz im Sozialistischen Wettbewerb unter den Planökonomischen Abteilungen und Buchhaltungen der Landwirtschaftlichen Betriebe des Puschkinbezirks, auch ich trug mein Geringes durch die Teilnahme an der Dame-Meisterschaft dazu bei). In Manier eines Konspirateurs ging ich durch den Hinteren Ausgang des Kaufhauses Die Passage, Haus des Leningrader Handels (die Arbeitskolleginnen, kundig im Leningrader Leben, nennen es nicht ohne eine gewisse Familiarität HaElHa), um mir das Haus Nr. 62 am Moika-Kai anzuschauen. Ich war in Eile: Für den Fall, dass jemand sich verliefe, war das Allgemeine Treffen der Ausflugsteilnehmerexakt für drei Stunden später festgelegt worden, vor den Mänteln. Weiter standen auf dem Programm das Kaufhaus Gostiny Dwor, die Jausenstation Sewer (ehemals Café Nord, was, unbeschadet der gleichen Bedeutung, für das feine Ohr der Vorgesetzten zu Unrussisch und Imperialistisch klang), die Staatseremitage (erstaunlicherweise nicht in Winterpalastsammlung umbenannt), der Kreuzer Aurora und – als Krönung: das Theater der Musikkomödie (ehemals Operette): Der Zigeunerbaron.
Das Haus an der Moika hatte sich nicht verändert, der Hauseingang war immer noch zugenagelt (Sie sind jetzt Moskauer, Kornei Iwanowitsch, erlauben Sie mir daher ein kleines Einschmeicheln: Die Pforte, wie man in Moskau sagt, war immer noch zugenagelt). Ich trat durch den Hintereingang ein und ging in die Erste Etage, an dem wie eh und je weit offen stehenden Fenster vorbei: Unter der Klingel der Wohnung Nr. 8 gab es den Namen A. P. Drosdow nicht.
Ich denke nicht, dass jemand mich wiedererkannt hätte: Ich hatte eine Mütze aus Kaninchenfell mit Ohren bis zu den Schultern auf und einen Nacktpelz nach Kommissart (wieder Mademoiselle Leskowa) an.
Doch war auch keiner anwesend, der mich wiedererkennen konnte: Die Erwachsenen waren auf der Arbeit, die Kinder in der Schule, die munteren Greisinnen standen in den Schlangen in den Lebensmittelgeschäften, sogar der Hauswart, der Tatare Arkady Semjonow, war nirgends zu sehen. Vor dem Krieg, wenn er nicht gerade mit einem Kehrbesen auf die Pflastersteine einschlug oder mit einer Schaufel in die Schneedünen Durchgänge schnitt, saß er seitlings auf der Oberen von den drei Stufen, die in seine Kellerwohnung führten – man könnte sagen, er tauchte seine Füße in den Keller ein –, und beobachtete: Wer bei wem vorbeischaute, wo man feierte, wem ein Schrank geliefert wurde. Und war immer düster – weil man ihm wenig Trinkgeld gab. Erheiterte sich nur, wenn es in einer der Wohungen Radau gab, mit Zerschlagen des Geschirrs und der Fresse. Aber jetzt war es im Haushof so still, sonnig und verschneit, als ob alle Radaue fortgegangen wären, und mit ihnen Arkady Semjonow. Gestorben?
Hauswarte, habe ich gehört, starben während der Blockade Leningrads nicht so leicht – ihnen standen ja sämtliche verlassenen Wohnungen offen als Kostenfreie Magazine für den Schwarzmarkt. In Pskow (Pleskau nannten es die Deutschen) unter dem Deutschen bewachte eine Tatarenkompanie die Kommandantur. Sie hatten alle solche quadratischen Gesichter wie der Hauswart Semjonow eines hatte, und die Gewehre hielten sie wie Kehrbesen.
In der bis zum Treffen vor den Mänteln gebliebenen Zeit ging ich den Moika-Kai entlang bis zum Haus Nr. 12. Auch da war es menschenleer, allein ein Trupp der Kadetten der Suworow-Schule, angeführt von einer jüdischen Frau in metallicfarbenem Wattemantel (um den Hals lag ein Silberfuchs – willenlose Pfötchen schaukelten unter dem spitzen Frätzchen), war am Abbiegen in die Toreinfahrt der Puschkin-Gedenkstätte. Ihre Stiefel knirschten auf dem Schnee, die kleinen Füße marschierten in Stiefeln. Die Frau, allem Anschein nach Russischlehrerin, deklamierte laut und im Gleichschritt Der Seele herrliche Anflüge.
Ich bitte Sie recht dringend, Kornei Iwanowitsch: Haben Sie selbst von Schurka nichts gehört, fragen Sie bitte die Leningrader, aber: Vorsichtig! Sagen Sie nicht, dass ich es war, der darum gebeten hat, lassen Sie mich quasi als Abwesend und ohne Angabe gelten. Das heißt: keine Feurigen Grüße, weder an die Slonimskis und auch an den Kolja nicht, aber für Nachrichten über manch einen Herausragenden Kulturträger wäre ich Ihnen Außerordentlich verbunden. Über Schenja Schwarz. Über Gennadi Samoilowitsch Gor. Über Rachmanow, wenn’s geht. Hat Soschtschenko seine Fehler eingesehen?
Über Nikolai Makarowitsch Olejnikow habe ich vor dem Krieg in der Zeitung Leningrad am Abend gelesen: Er ist ein Japanischer Spion. Aber wie geht es Alexander Iwanowitsch Wwedenski und Daniil Iwanowitsch Charms? Alexander Iwanowitsch muss es Gott sei Dank gut gehen – zu uns in die Sowchose kam vor Kurzem der Autoladen Kulturwaren und Bücher und verkaufte Alexander Iwanowitschs Buch Und du? mit dem Erscheinungsjahr 1949, veröffentlicht in Riga vom Lettischen Staatsverlag in der Reihe Jungpionierbühne (Texte für Laiendarstellungen und Schulkonzerte). Daniil Iwanowitsch hingegen, befürchte ich, hat Ärger: Seine Bücher wurden seit geraumer Zeit nicht mehr vom Autoladen gebracht.
Nikolai Makarowitsch sagte einmal, Alexander Iwanowitsch, Daniil Iwanowitsch und ich seien, abgesehen davon, dass wir Söhne unserer eigenen Väter namens Iwan sind, auch die Kinder eines Gewissen Gesamtiwans, des toten Recken Iwan, der den Russischen Himmel stützt, und über diesen Iwan sind wir Brüder. Zwillinge!, fügte plötzlich Nikolai Makarowitsch hinzu und fing an, Tränen zu lachen, wobei sein Blick bald den Schönling Alexander Iwanowitsch, bald mein sympathisches Ich, bald den asymmetrischen Daniil Iwanowitsch, der durch die Nase blies, streifte. Deshalb schrieben wir nicht auf Russisch, sondern in Toten Sprachen, jeder in seiner eigenen: Alexander Iwanowitsch auf Alt-Ägyptisch, Daniil Iwanowitsch auf Alt-Griechisch und Leonid Iwanowitsch auf Klassischem Latein, erklärte Nikolai Makarowitsch des Weiteren.
Ich habe mich an diese seine Worte später in Deutschland erinnert: Man hatte mich als Hauswart ans Gymnasium der Stadt Neustadt an der Weinstraße geschickt, und ich vergaß unvermittelt die ganze Deutsche Sprache. Konnte gar nichts sagen, kein einziges Wort! So musste ich mich mit dem Gymnasialdirektor und den Lehrern der Oberen Klassen auf Latein verständigen, das ich mir in Dwinsk eingeprägt hatte (bei Privat von Maman bezahlten Sonderstunden: Diese Sprache gehörte ja nicht zum Programm der Oberrealschule, weil sie Tot, das heißt Irreal war). Jedes Mal wenn ich Ave, Doktor Baumgartnere sagte, erinnerte ich mich an Nikolai Makarowitschs Worte.
Ein Mensch, der klüger, begabter und geheimnisvoller als Nikolai Makarowitsch wäre, ist kaum vorstellbar. Ich würde mich zum Beispiel kein bisschen wundern, wenn sich irgendwann herausstellte, dass er der Verfasser des berüchtigten Stillen Dons ist – und nicht Genosse Scholochow. Die Kommission, die zur Prüfung der Plagiatsvorwürfe gegenüber Genossen Scholochow unter Führung vom Genossen Serafimowitsch gebildet wurde und über deren Schlüsse im Jahre 1929, als ich im Brjansker Statistikamt nebenamtlich für die Verbreitung der Presse verantwortlich zeichnete, die zentrale Prawda berichtete, lag meiner Meinung nach falsch: Genosse Scholochow konnte auf gar keinen Fall der Autor jenes modischen Romans mit all seinen Vorzügen und Mängeln sein: Er war zur Zeit der Abfassung vom Stillen Don zu jung; dazu noch ist er kein Donkosak, der Roman ist jedoch von innen geschrieben, mit intimen Kenntnissen des Kosakenlebens, die ein Nichtkosak sich nirgendwo aneignen könnte. Nikolai Makarowitsch, der aus einer reichen Kosakenfamilie stammte, kannte hingegen das Kosakenleben von innen und nahm an vielen der beschriebenen Begebenheiten teil. Offensichtlich war er von der Idee, ein Rotes Krieg und Frieden zu verfassen, enttäuscht: Egal wie sehr du dich bemühst, am Ende kommt im besten Falle ein etwas verbesserter Serafimowitsch heraus, im schlimmsten – ein verschlechterter Sasubrin. Deshalb ließ Nikolai Makarowitsch das Manuskript des Stillen Dons im Wohnheim der Partei- und Wirtschaftsführungskräfte in der Stadt Bachmut liegen, wo es wahrscheinlich von einem jungen – Arbeiterkorrespondenten? Landkorrespondenten? Ich habe es!: – von dem jungen Jungkorrespondenten Genosse Scholochow aufgelesen wurde.
Den Vater von Daniil Iwanowitsch, Iwan Pawlowitsch Juwatschow, habe ich kürzlich im Buch Die Insel Sachalin getroffen, in unserer Sowchosenbibliothek gibt es keine Warteschlange dafür. Finden Sie nicht, dass es etwas befremdlich ist, Bekannte in einem der Bücher von A. P. Tschechow zu haben?
Die Wirklichkeit ist jedoch noch viel befremdlicher: Bei uns in der Planökonomischen Abteilung haben zwei (!) Mitarbeiter Bekannte in A. P. Tschechows Buch Die Insel Sachalin: Faina Alexandrowna Kolobowa war als Kind mit Sofia Iwanowna Bluwstein alias Scheidla-Sura Lejbowa, Bürgerin der Stadt Berdytschew, oder, wie sie genannt wurde, Sonka das goldne Händchen, einer vor 50, 60 Jahren berühmt-berüchtigten Schwindlerin und Diebin, bekannt. Der Vater von Faina Alexandrowna hatte eine Zahnarztpraxis in der Moldawanka (Sie kommen selbst aus Odessa, K. I., Sie wissen ja, was für eine schlimme Gegend die Moldawanka ist, wie es auch im allseits beliebten Lied Murka besungen wird: da leben Banditen und Falschspieler), wo Sofia Iwanowna hinkam, um sich Goldzähne machen zu lassen. Aber! Futsch ist Faina Alexandrownas Vaters ehrliche Arbeit, das gute vorrevolutionäre Gebiss: Auf Sachalin dokumentierte Dr. Tschechow Sonka das goldne Händchen ganz ohne Zähne, geschweige denn goldne.
Sie fragen sich bestimmt, Kornei Iwanowitsch, wie es mir nach der Versammlung vom 25. März 1936 ergangen ist und wie ich in der Sowchose Schuscharen und nicht in der staatlichen Strömung der Newa landete. Ich erzähle es Ihnen, wenn Sie es nicht weitersagen. Ich werde nicht gesucht, aber ich möchte mein Inkognito, wie Faina Alexandrowna sagt, wahren.
Am 28. März verließ ich bei Tagesanbruch mein Zimmer. Auf der Treppe sah ich im Vorbeigehen mein Profil im offen stehenden Fensterflügel: Das war selbstverständlich das Profil des Todes, das auch vom aufmerksamen Genossen Berkowski bemerkt worden war. Angeschossen hat mich der Kritiker Dobin, den Gnadenschuss gab mir der Literaturwissenschaftler Berkowski. Ich wollte aber nicht in den Eisschlamm der Newa mit den Taschen voller Pflastersteine (ohne solche Beschwerung kann man nicht ertrinken, wenn man schwimmen kann, und ich – Sie wissen es ja! – bin bekannt dafür, dass ich schwimme! In Brjansk nannten mich alle: Leonid Iwanowitsch, der schwimmt). Eine beglaubigte Abschrift meines Arbeitsbuchs hatte ich bei mir, und noch eine Bescheinigung über den Abschluss von sechs Semestern an der Ökonomischen Fakultät des Petersburger Peter-der-Große-Polytechnikums. Meinen Ausweis mit dem Stempel der Leningrader Anmeldung und das Mitgliedsbuch des Schriftstellerverbandes gab ich Wolf Ehrlich, um zu verhindern, dass man nach mir sucht: Wer würde den Ausweis mit dem Stempel der Leningrader Anmeldung und das Mitgliedsbuch des Schriftstellerverbandes abgeben, wenn er weiterleben will? Ich sagte ihm, ich führe nach Brjansk zu Maman, und beginge dort Selbstmord. Tatsächlich schickte ich meine Sachen dorthin, in erster Linie – die Uhr.
Nach Brjansk! Zu Maman! Ins Zimmer mit vier Leuten! In den Gouvernementsberufsrat! Ins Gouvernementsstatistikbüro! In Brjansk gibt es nicht einmal Platz, um mit der Welt abzuschließen, so eng ist es da, obwohl mit der Welt abzuschließen, manchmal wesentlich Einfacher ist, als mit sich selbst. Ich hatte längst alles durchdacht: Würde es nötig werden, zu verschwinden, würde ich mich verpflichten, im Fernen Osten oder Norden zu arbeiten – auf einem Mutterschiff der Fischereiflotte oder in einem Rodungsbetrieb als Wirtschaftsstatistiker. Ich würde erklären, dass meine Papiere und andere Sachen am Bahnhof geklaut worden seien. Das Wichtigste würde sein, dass Maman davon nichts erfährt. Aber Geld für eine Eisenbahnkarte hatte ich keins – alles, was ich schuldete, warf ich mit der Liste der Kreditoren in den Briefkasten von Kolja Tschukowski, den Rest ließ ich auf dem Tisch liegen, für Schurka. Deshalb lief ich zu Fuß.
Ich marschierte die Moskauer Landstraße entlang, allein unter den Löschwagen, die die Schneehäufchen auf der Straße mit Wasser besprengten. Ich lief lange, war bereits beinahe außerhalb der Stadt: Die Hähne schrien. Ist Ihnen, Kornei Iwanowitsch, nicht aufgefallen, dass die Hähne im Leningrader Gebiet nicht auf Russisch schreien? Ich bin mir sicher, bei Ihnen in Peredelkino schreien die Hähne mit russischem Akzent. Ein Finne auf einem Milchwagen mit dem frischen Schriftzug SOWCHOSE SCHUSCHAREN überholte mich, sein Wallach hob seinen Schweif und hinterließ auf der Straße eine grünliche runde Pfütze mit einer Spitze in der Mitte: Hey, Opa, wo willst du hin, setz’ dich, wenn die Richtung stimmt! – Ich will in die Sowchose Schuscharen, sagte ich, in die Planökonomische Abteilung.
Warum eigentlich wird die Konterrevolutionäre Ratte im Spielfilm Der goldene Schlüssel vom Genossen Regisseur Ptuschko Schúschara gerufen, während jeder die Schuscharen mit der Betonung auf dem A ausspricht? Man müsste eigentlich den Roten Grafen Tolstoi als Skriptautor fragen, aber er steht seit dem 23. Februar 1945 nicht mehr zur Verfügung. Vielleicht wissen Sie, Kornei Iwanowitsch, ob hier eine Staatsräson vorliegt? Denn auch Sie würden wahrscheinlich niemandem gestatten, einfach so, ohne Staatsräson, Ihren Räuber Barmaléy den Räuber Barmáley zu nennen!
Haben Sie übrigens diesen Wunderlichen Film je gesehen? Im Jahre 1940, kurz vor Ende des Kriegs mit den Weißfinnen, brachte ihn zu uns in die Sowchose der Landfilmwagen. Ein durchgängiger Hochgenuss, beginnend mit den ersten Worten des Papa Carlo: Mein alter Leierkasten ist kaputt … Jetzt bin ich vollkommen allein …
Herrlich ist der Luftschiffskapitän mit Schnurre und Pfeife, der eine Polarforscherkluft trägt und sich in den Pseudoitalienischen Sommer hinablässt, um dem Bösen Theaterdirektor Carabas-Barabas eine Kopfnuss zu geben. Beim Absenken des Luftschiffs laufen die Einwohner davon, sich bückend und ihre Hüte festhaltend (auch der Wind ist zu sehen) wie beim Absenken eines Helikopters, obgleich es vor dem Krieg keine Helikopter gab. (Heute gibt es sie, auf den Pulkowo-Anhöhen haben sie ihr Nest – fliegen hin und her, kein Hut bleibt auf dem Kopf sitzen. Die Sowchosniks auf dem Felde arbeiten stundenlang nicht mehr: Sie stehen, vom Helikopterwind geschaukelt, eine Hand drückt die Mütze an den Kopf, die andere die Papirossa zum Mund.)
Der Komponist Leo Schwarz steht in seiner Kompositorischen Leistung den Genossen Prokofjew und Schostakowitsch nicht nach. In Märschen, versteht sich. Ist er nicht mit Jewgeni und Anton Schwarz verwandt? Eine begabte Familie!
Malvina, die Prima des Puppentheaters, hat Pantalons an, die ihr unter dem kurzen Rock hervorgucken, sieht in Gesicht und Betragen einer betagten Jüdischen Poetin ähnlich, zum Beispiel Elisabeth Polonskaja.
Der Trödler (welchem Burattino, unser Sowjetischer Pinocchio, sein unnützes Abc verkauft) sieht genauso aus wie Shylock.
Burattino ist märchenhaft dumm. Rafft gar nichts. Überhaupt: Sämtliche Figuren sind märchenhaft dumm. Der einzig Kluge ist der Schreiner Giuseppe, und das allein dadurch, dass er durchgehend voll wie eine Haubitze ist.
Verblüffend sind all diese Holz-, Stoff- und Porzellanwesen, die ständig Hunger leiden.
Warum der Selige Rote Graf seinen Pinocchio Burattino nennt, weiß ich nicht. Hoffentlich gibt es eine Staatsräson dafür.
1946, nach meiner Rückkehr aus Deutschland, verbrachte ich einige Zeit im Kasachischen Ekibastus – quasi zum vollständigen Ersetzen der Ausländischen Luft in meiner Lunge durch desVaterlands Rauch! Dort wurden wir von einer Politinformation politinformiert, dass der Selige Rote Graf Alexei Nikolajewitsch Tolstoi zum dritten Mal den Stalinpreis ersten Ranges bekommen hatte, postum. Als wir den Befehl Rührt euch! entgegengenommen hatten, erzählte der Tolstoianer Engelmacher, der seit dem Jahre 1929 hinter Schloss und Riegel war, über den Grafen Tolstoi, jedoch nicht über den unseren, den Autor des Goldenen Schlüssels und anderer herausragender Werke des Sozialistischen Realismus, und nicht über den Brjansker Gutsherrn Alexei Konstantinowitsch, den Verfasser der furchterregenden Erzählung Der Vampir und Schöpfer des Kosma Prutkow, sondern über Lew Nikolajewitsch, den Spiegel der Russischen Revolution, mit dem er persönlich bekannt war. Allgemein bekannt ist, dass Graf Tolstoi im hohen Alter schustern lernte. Die Stiefel, die bei dieser Beschäftigung herauskamen, verschenkte er an Bekannte sowie an die Bauern des Gutes Jasnaja Poljana. Die Bauern nahmen die Stiefel an, wie hätten sie zu ihrem Gutsherrn Nein sagen können, doch trugen sie die Stiefel nie: Sie drückten. – Bekundet sich nicht gerade hierin die Klassenentität des Tolstoianismus?,fragte den Tolstoianer Engelmacher der Trotzkist Kostromin-Kologriwski: – Wie sehr sich Lew Nikolajewitsch auch anstrengte, Stiefel für den breiten Bauernfuß zu machen, gelangen sie ihm nur für das schmale Adeligenfüßchen … – Vom falschen Fuß Maß genommen!, antwortete Engelmacher düster.
Zweifellos wollen Sie, Kornei Iwanowitsch, mich schon längst fragen: Wie sind Sie, L. I., in die vorübergehend Besetzten Gebiete der Sowjetunion und später nach Deutschland geraten und haben Sie dabei womöglich etwas getan, was meine Antwort und selbst die Lektüre Ihres Briefes verunmöglichen würde? Ich kann Sie beruhigen. [durchgestrichen. – O. J.] Ich erzähle Ihnen alles, wie es war. [durchgestrichen. – O. J.] Davon kann ich erzählen, urteilen Sie selbst. Bei Kriegsausbruch (Kiew wurde bombardiert, uns sagte der Sprecher im Funk: Der Krieg hat begonnen, singt Vera Leskowa beim Putzen) war ich in Puschkin auf einem Halbjährigen Planungslehrgang im Milchinstitut – die Sowchose Schuscharen benötigte Planwirtschafter in viel ausgedehnterem Maße als Statistiker, so war ich zum Erlernen dieser Wissenschaft entsandt, die an Kunst grenzt. Bald wurde auch Puschkin bombardiert. Erstaunlich war die Lautlosigkeit, beinahe Gleichgültigkeit, mit welcher das Publikum die Nachricht über den Kriegsausbruch hinnahm. Die Straßen leerten sich, alles wurde still; es schien sogar dunkler zu werden. Damals las ich das aus der Bibliothek des Milchinstituts entliehene Buch Der General Ismailow und sein Hofstaat. Darin wird genau so eine Lautlosigkeit und Menschenleere in Moskau nach dem Vorlesen des Manifests über die Aufhebung der Leibeigenschaft beschrieben: Das Volk schmiegte sich in seine Winkel und Verschläge, machte die Türen zu, zog Vorhänge vor die Fenster, um diese Änderung seines Lebens in Stille zu durchleben. Genau dies war in Puschkin im Juni 1941 zu beobachten: Lautlosigkeit und Menschenleere. Allein die Polizeiwagen huschten hin und her in schwarzen Wolken. Völlig anders war es, wie Sie und ich noch gut in Erinnerung haben, bei der Erklärung des Imperialistischen Krieges 1914: Das Jubelnde Volk ging auf die Straße mit den Kreuzfahnen und Bildnissen des Monarchen und wandte mit ausgelassener Heiterkeit seine Schritte, um die Deutschen Bäckereien auf der Wassiljewski-Insel zu zertrümmern. Niemals waren in Petersburg Rosinenbrötchen so billig wie im Juli des Jahres 1914.
Am 19. September marschierten die Ersten Deutschen in Puschkin ein. Zurück nach Schuscharen konnte ich nicht mehr: Nun lag die Frontlinie vor den Schuscharen. Es lief ja auch der Lehrgang im Milchinstitut weiter, mit dem gleichen Programm (Planungsgrundlagen in der Landwirtschaft und Melioration), und auch die Zuteilungsration blieb zunächst dieselbe; später verringerte sie sich Täglich. Diejenigen, die sich in die Gemüsegärten zwischen Deutschen und Russischen Schützengraben wagten, wurden gehängt, zur Abschreckung. Überhaupt hängte man oft und gern, Paritätisch mit dem Erschießen. Juden, circa 1.000 Personen, wurden im Alexanderpark gesammelt und erschossen, am 4. oder 5. Oktober. Dann hat man die Essensrationen ganz abgeschafft, ausgenommen das Altersheim und das Säuglingsheim, die aus Humanitären Gründen eingerichtet worden waren. Auch da waren die Essensrationen nicht groß – die Alten, erzählte mir die Sanitäterin Uksusowa im Semaschko-Krankenhaus, wo ich mit Typhus lag, reichten in der Deutschen Kommandantur das Gesuch mit der Bitte um Erlaubnis ein, ihre verstorbenen Mitglieder verspeisen zu dürfen, damit sie nicht umsonst umkämen. Man hat es nicht gestattet – aus Humanitären Gründen. Greise und Greisinnen wurden eilig ins Hinterland evakuiert. Das Hinterland war, nach den Informationen der Sanitäterin Uksusowa, eine Grube in Gattschina. Es kamen die ersten Fröste. Im Wohnheim des Milchinstituts musste man mit Möbeln und Büchern aus den leeren Zimmern heizen. Es wurde erzählt, in den Kellern der Villa des Schriftstellers Alexei Tolstoi, in welche nach seinem Umzug das Haus der Literaten einquartiert worden war, gäbe es Kohle; dieses Haus habe ich jedoch gemieden, um keine Bekannten zu treffen. Jeder wusste, dass man in Leningrad hungert und einander isst, aber keiner begriff, warum man in Puschkin hungert und einander isst, denn Puschkin wurde ja nicht blockiert, sondern blockierte selbst.
[Auf einem Einzelblatt aus einem Schulheft, schräg kariert.
Kreuzweise durchgestrichen. – O. J.]
Übrigens möchte ich Sie fragen, Kornei Iwanowitsch: Welcher Meinung sind Sie bezüglich der Aufrichtigkeit des Genossen Pomeranzew in der Literatur? Kaum kratzte der Wunderbare Georgier ab, um den Ausdruck des Tolstoianers Engelmacher zu verwenden, war die Zeitschrift Neue Welt scharf auf Aufrichtigkeit geworden. Im Dezemberheft selbigen Jahres wurde sie Aufrichtig. Den Aufrichtigkeitsartikel hatte man bei Genossen Pomerantzew zweifelsohne ein halbes Jahr früher in Auftrag gegeben, entsprechend dem Produktionszyklus. Ich glaube: SO KOMMT DER PROLETKULT ZURÜCK. Zu meiner Zeit verlangte man von uns, sich vor der Partei zu entwaffnen und innerhalb von zwei Wochen darüber den Kritikern Awerbach und Jermilow Meldung zu erstatten, in Leningrad dem Schriftsteller Tschumandrin und dem Literaturwissenschaftler Berkowski, demjenigen, der das Profil des Todes gesehen hatte. Doch sagten damals die Vorgesetzten: Wessen Brot du isst, dem du auch Meldung erstattest. Und sie richteten den Schriftstellerverband und die Stalinpreise mit drei Rängen ein. Jetzt ist der Obervorgesetzte tot, und Tschumandrin und Berkowski wollen wieder, dass man ihnen Meldung erstattet und dass es keine Unaufrichtigkeit gibt, sonst wäre es zu kompliziert, die Rechte Anschauung zu bewahren. Ab nun, Kornei Iwanowitsch, werden sie, die Sowjetschriftsteller, doppelt beansprucht: Partei und Regierung werden sich von ihnen die Aufrichtigkeit wünschen (wie sie sich diese seit eh und je gewünscht hatten), als Lohn ihrer Liebe und Sorge, jedoch auch die Fortschrittliche Öffentlichkeit (das heißt unter anderem wiederum sie, die Sowjetschriftsteller) wird ebenfalls von ihnen (das heißt von sich selbst) Aufrichtigkeit verlangen. Im Endergebnis wird sich eine solche Falschheit entwickeln, wie sie selbst zu den Zeiten des Generalissimus nicht anzutreffen war. Noch genauer gesagt: Es wird eine Sonderrasse von Belletristen gezüchtet werden, die bei allem, was sie schreiben, vollkommen aufrichtig sein werden wie die Lydia Sejfullina es war, falls Sie sich an diese in den Dreißigerjahren Modische Proletarische Schriftstellerin erinnern wollen. Allerdings ist das Ganze nur so gesagt, als ein Gedankenspiel. Für einen Wirtschaftsstatiker geht das nicht an.