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Robert K. Wittman

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Beschreibung

Robert K. Wittman ist beim FBI eine lebende Legende und die London Times nannte ihn "den bekanntesten Kunstfahnder der Welt". Er war der Gründer des FBI-Teams für die Aufklärung von Kunstraub und hat als Undercover-Agent Kunstwerke im Wert von Hunderten Millionen Dollar gerettet, darunter Werke von Goya, Rodin, Monet, Picasso und Rembrandt. Er erzählt seine außergewöhnliche Geschichte, die spektakulärsten Undercover-Einsätze beim FBI und seinen abenteuerlichen letzten Fall. Er sollte als Undercover-Agent die Gemälde aus einem der größten Kunstdiebstähle aller Zeiten aufspüren: dem Raub aus dem Gardner Museum in Boston, bei dem Kunstdiebe Werke von Rembrandt, Vermeer und Degas im Wert von rund 222 Millionen Euro erbeuteten. Wird es ihm gelingen, Teile der größten Kulturschätze der Menschheit zurückzugewinnen?

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EPUB
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Seitenzahl: 492

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://d-nb.deabrufbar.

Für Fragen und Anregungen:

[email protected]

1. Auflage 2011

© 2011 by mvg Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Nymphenburger Straße 86

D-80636 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2010 bei Crown Publishers unter dem TitelPriceless: How I went undercover to rescue the world’s stolen treasures.

© 2010 by Robert K. Wittman. All rights reserved.

Abdruck der Fotos des Bildteils mit freundlicher Genehmigung des Autors

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Übersetzung: Martin Bauer, München

Redaktion: Nicole Luzar, Betzenstein

Umschlaggestaltung: Jennifer O‘Connor

Umschlagabbildung: Chris Crisman

Foto Umschlagrückseite: Donna Wittmann

Satz:HJR, Jürgen Echter, Landsberg am Lech

EPUB:Grafikstudio Foerster,Belgern

ISBN 978-3-86413-112-7

Weitere Informationen zum Thema finden Sie unter

www.rivaverlag.de

Gerne übersenden wir Ihnen unser aktuelles Verlagsprogramm.

Meiner Frau Donna und unseren Kindern Kevin,

Inhalt
Impressum
ALLA PRIMA
1. Kapitel South Beach
2. Kapitel Verbrechen an der Geschichte
PROVENIENZ
3. Kapitel Ein Ermittler entsteht
4. Kapitel Die Maske des Mannes mit der ­gebrochenen Nase
5. Kapitel Der Unfall
6. Kapitel Sehen lernen
7. Kapitel Ein neues Leben
Bildteil
SCHAFFENSWERK
8. Kapitel Der Goldmann
9. Kapitel Geschichte verschwindet durch die ­Hintertür
10. Kapitel Ein Bluttuch
11. Kapitel Vertrauen gewinnen, dann verraten
12. Kapitel Der Trickbetrüger
13. Kapitel Ein tolles Blatt
14. Kapitel Das Eigentum einer Lady
15. Kapitel Nationalheiligtum
16. Kapitel Art Crime Team
17. Kapitel Der alte Meister
OPERATION MEISTERWERK
18. Kapitel Mrs. Gardner
19. Kapitel Ein alter Fall
20. Kapitel French Connection
21. Kapitel Laurenz und Sunny
22. Kapitel Verbündete und Feinde
23. Kapitel Ein Feigling hat keine Narben
24. Kapitel Von Misstrauen umgeben
25. Kapitel Endspiel
Anmerkung des Autors
Danksagung
Über die Autoren

ALLA PRIMA

1. KapitelSouth Beach

Miami, 2007

Der platinfarbene Rolls Royce mit schusssicheren Scheiben glitt ostwärts auf den Palmetto Expressway, Richtung Miami Beach. In seinem gepanzerten Kofferraum lagen sechs gestohlene Gemälde.

Großartige Werke von Degas, Dalí, Klimt, O’Keeffe, Soutine und Chagall waren grob aufeinander gestapelt worden, einzeln in dünnes Packpapier gehüllt und mit klarem Packband umwickelt. Der Fahrer, ein Pariser Millionär namens Laurenz Cogniat, stieg kräftig aufs Gas des drei Tonnen schweren Ungetüms. Er wechselte auf die linke Spur und beschleunigte auf 130, dann 140 Stundenkilometer. Der martialische Edelstahlkühlergrill des Fahrzeugs pflügte voran.

An der Interstate 95 bog der schimmernde Rolls nach Süden ab und schoss das auf Stelzen stehende Betonband entlang. Voraus lag die Skyline von Miami. Laurenz nahm die Ausfahrt Martin Luther King Boulevard, machte eine Kehrtwende und fuhr wieder auf die Interstate, weiter südwärts. Seine kalten grünen Augen glitten von der Straße zum Rückspiegel und zurück. Er verdrehte den Hals und überprüfte den kobaltblauen Himmel über Florida. Alle paar Minuten stieg Laurenz auf die Bremse, bremste auf 70, 80 Stundenkilometer herunter, wechselte auf die rechte Spur und stieg dann unvermittelt wieder aufs Gas. Auf dem Beifahrersitz saß ein dicklicher Mann mit strubbeligem Haar und freundlich wirkendem Gesicht. Der Franzose, der sich Sunny nannte, saß mit einer nicht angezündeten Marlboro zwischen den Lippen ungerührt an seinem Platz und hielt ebenfalls nach verdächtigen Fahrzeugen Ausschau.

Auf dem Rücksitz warf ich einen Blick auf meine geborgte Rolex und beobachtete amüsiert, wie Laurenz’ eiförmiger Kopf während der Fahrt hin und her ruckelte. Bei der Geschwindigkeit würden wir zu früh eintreffen – allerdings nur wenn Laurenz uns nicht vorher umbrachte oder die Aufmerksamkeit eines Verkehrspolizisten auf sich zog. Wieder wechselte er so abrupt die Spur, dass ich mich am Griff über der Tür festhalten musste. Laurenz war ein Amateur. Ein gelangweilter Immobilienmagnat in T-Shirt mit V-Ausschnitt, verblichenen Jeans und Sandalen, der sich nach Abenteuern sehnte und so unberechenbar fuhr, wie Gauner unterwegs zu einem großen Deal seiner Ansicht nach fahren mussten. So glaubte er sicherzustellen, dass uns niemand folgte. Genau wie im Kino.

Hinter den dunklen Gläsern meiner verspiegelten Sonnenbrille verdrehte ich die Augen. »Nur die Ruhe!«, mahnte ich. »Fahren Sie langsamer.«

Laurenz schürzte die Lippen und stieg aufs Gas. Ich machte einen zweiten Versuch. »Äh, es ist ein bisschen schwer, der Polizei nicht aufzufallen, wenn man in einem platinfarbenen Rolls Royce Phantom mit 150 Sachen den Highway entlangdonnert.«

Laurenz reagierte nicht. Als Selfmade-Millionär ließ er sich von niemandem etwas sagen. Sunny, der immer noch schmollte, weil ich ihn keine Waffe hatte mitnehmen lassen, ignorierte mich ebenfalls. Er fuhr sich mit den Fingern durch sein dichtes Haar und starrte still zum Fenster hinaus. Ich wusste, dass er nervös war. Es beunruhigte Sunny, dass Laurenz so launisch war, ein Jammerlappen und letztlich ein Angsthase. Ein Typ, der vielleicht mutig und entschlossen wirkte, auf den man sich aber nicht verlassen konnte, wenn es hart auf hart kam. Sunny sprach kaum Englisch, ich nicht viel Französisch, aber wenn wir über Laurenz redeten, waren wir uns in einem einig: Wir brauchten seine Verbindungen. Ich straffte meinen Sitzgurt und hielt die Klappe.

Die zwei Franzosen auf den Vordersitzen kannten mich als Bob Clay. Ich verwendete meinen echten Vornamen, der Grundregel des Lügens folgend: Halte die Zahl der Unwahrheiten so klein wie möglich. Je mehr man erfindet, desto mehr muss man sich merken.

Sunny und Laurenz hielten mich für einen halbseidenen amerikanischen Kunstmakler, der sich sowohl am legalen wie auch am illegalen Markt betätigte, für einen international arbeitenden Vermittler, der lässig Millionengeschäfte tätigte. Meine wahre Identität ahnten sie nicht: Special Agent des Federal Bureau of Investigation und leitender Ermittler der FBI-Abteilung für Kunstdelikte. Sie wussten auch nicht, dass der Gauner, der sich in Europa für mich verbürgt hatte, ein Polizeispitzel war.

Vor allem aber sahen Sunny und Laurenz den heutigen Verkauf von sechs Bildern nur als Vorspiel zu einem späteren Riesendeal.

Über ihre Verbindungen zur französischen Unterwelt verhandelten wir den Ankauf eines Pakets lange verschollener Werke. Es bestand aus einem Vermeer, zwei Rembrandts und fünf Skizzen von Degas. Der Schätzwert dieser großartigen Werke lag bei mehr als 350 Millionen Euro; das Geld für den Kauf sollte von mir kommen. Das Paket war bei Kunstfreunden in aller Welt berüchtigt, denn es handelte sich um Meisterwerke, die 17 Jahre zuvor bei dem größten ungeklärten Kunstraub der Geschichte entwendet worden waren, aus dem Isabella Stewart Gardner Museum in Boston.

Der Gardner-Raub von 1990 beschäftigte die Kunstwelt und zahlreiche Ermittler über Jahre hinweg. Doch noch immer waren die Diebe auf freiem Fuß und die Gemälde verschwunden. Vergeblich hatte die Bostoner Polizei und das örtliche FBI-Büro Hunderte Hinweise überprüft. Jedem noch so windigen Tipp und wilden Gerücht waren sie nachgegangen. Schwindler und Wichtigtuer, die es auf die 5 Millionen Dollar Belohnung abgesehen hatten, bombardierten die Polizei mit ihren Theorien – die sich sämtlich als unhaltbar erwiesen.

Im Verlauf der Jahre tauchten neue Verdächtige auf und alte starben, manche unter verdächtigen Umständen. Das führte zu zahlreichen Verschwörungstheorien: Die Mafia sei’s gewesen; die IRA stecke dahinter; ein ausländischer Millionär habe den Raub in Auftrag gegeben. Die Diebe hätten nicht gewusst, was sie da taten; sie hätten genau gewusst, was sie taten. Die Einbrecher seien schon lange tot; sie lebten in Polynesien. Es sei ein Insider-Job gewesen; die Polizei sei in den Raub verwickelt. Die Beute sei in Irland vergraben; in einem Bauernhaus in Maine versteckt; sie hänge bei einem saudischen Prinzen an der Palastwand; sie sei kurz nach dem Einbruch verbrannt worden. Journalisten und Autoren recherchierten und veröffentlichten ebenso spekulative wie sensationelle Theorien. Filmemacher produzierten Dokumentarfilme. Jahr um Jahr spannten sich mehr Legenden um den Gardner-Raub. Die Beute entwickelte sich zum Heiligen Gral der Kunstszene.

Und nun hoffte ich, das Rätsel innerhalb von Wochen lösen zu können.

Neun Monate mühsamer Undercover-Arbeit waren nötig gewesen, bis ich das Vertrauen von Sunny und Laurenz gewonnen hatte. Das aufwendige Schauspiel, das wir heute auf einer gecharterten Jacht inszenierten, diente nur einem Zweck: den beiden Franzosen zu beweisen, dass ich auf dem Markt für gestohlene Kunst ein großer Fisch war. Die sechs Gemälde im Kofferraum waren Fälschungen, allerdings so gut gemachte, dass Laurenz und Sunny darauf reinfielen. Das FBI-Drehbuch sah vor, dass wir drei uns auf der Pelican mit einem kolumbianischen Drogenbaron samt Entourage treffen und ihm die Gemälde für 1,2 Millionen Dollar verkaufen würden. Bezahlen würde er mit einer telegrafischen Überweisung, mit Goldmünzen und Diamanten. Natürlich waren sowohl der Drogenboss, seine Leibwächter, die heißen Miezen und die Besatzungsmitglieder allesamt Undercover-Kollegen vom FBI.

Als wir uns der Ausfahrt näherten, ging ich das Skript in meinem Kopf noch einmal durch. Ich stellte mir vor, wie gerade die letzten Vorbereitungen auf derPelicanliefen: Der kolumbianische Dealer öffnete den Bordsafe und entnahm ihm eine Handvoll Krügerrand-Münzen sowie einen Beutel Diamanten. Die vier brünetten Puppen, alle Anfang bis Mitte 20 und mit straffen Körpern, packten ihre Pistolen weg und schlüpften in Bikinis. Die Stewards in ihren weißen Leinenuniformen tischten Tortillachips auf, Salsa, rosa Roastbeef und legten zwei Mag­numflaschen Champagner in Eiskübel. Ein missmutiger Ire lümmelte sich auf einem geschwungenen cremefarbenen Sofa und las Kurznachrichten auf seinem Blackberry. Der Kapitän schaltete die versteckten Überwachungskameras ein und drückte den Aufnahmeknopf.

Der Rolls raste ostwärts weiter, auf den MacArthur Causeway, die mächtige Verkehrsader zwischen dem Stadtzentrum und Miami Beach. Fünf Minuten bis zur Ankunft.

Ich dachte an das Telefonat, das ich heute Morgen mit meiner Frau geführt hatte. In den letzten Augenblicken vor einer Undercover-Aktion rufe ich immer Donna an. Ich sage ihr, dass ich sie liebe, und sie sagt mir das Gleiche. Ich frage sie, wie ihr Tag läuft, und sie erzählt mir von den Kindern. Wir halten diese Gespräche immer kurz. Ein, zwei Minuten genügen. Ich sage ihr nie, wo ich bin oder was ich vorhabe, und sie weiß, dass sie gar nicht erst fragen braucht. Diese Gespräche beruhigen mich und rufen mir in Erinnerung, dass ich nicht den Helden spielen darf.

Wir bogen vom Causeway ab und fuhren zum Parkplatz des Hafens. Laurenz hielt vor einem Wachhäuschen mit blau-weißem Vordach. Er drückte dem Mann vom Parkservice einen Fünfer in die Hand, nahm den Parkschein und ging los Richtung Jacht. Laurenz war der jüngste unseres Trios und der fitteste, dennoch überließ er es Sunny und mir, die Bilder auszuladen. Sunny kümmerte das nicht, er unterhielt beste Verbindungen zur Brise de Mer, einer der fünf großen Mafiafamilien in Marseille. Das Markenzeichen dieser kriminellen Vereinigung war der Mord vom Motorrad aus. Sunny spielte in der Organisation keine große Rolle, er war Fußsoldat – und kein besonders erfolgreicher. Über seine Vergangenheit schwieg er sich aus, aber ich kannte sie in groben Zügen. Seit Ende er Sechzigerjahre hatte er im südlichen Frankreich Diebstähle und Gewalttaten begangen. Die Neunziger hatte er in berüchtigten französischen Gefängnissen verbracht. Danach war er weitere zwei Mal wegen schwerer Körperverletzung verhaftet worden und schließlich nach Florida geflüchtet.

Laurenz’ Geschichte war typisch für Immigranten in Florida: Früher hatte er der Pariser Mafia die Bücher geführt und illegale Finanztransaktionen organisiert, bis ihm die Polizei auf die Schliche kam und er als gesuchter Verbrecher aus Frankreich fliehen musste. Mitte der Neunzigerjahre war er mit einer Viertelmillion Euro in Miami angekommen, als der jüngste Immobilienboom gerade begann. Er hatte einen scharfen Blick für Objekte, deren Besitzer in Zahlungsschwierigkeiten waren, und machte mithilfe einiger zinsloser Darlehen und ein paar geschickt platzierter Geldkuverts an die richtigen Kreditgeber den amerikanischen Traum wahr. Das meiste von dem, was Laurenz mir erzählt hatte, entsprach der Wahrheit und auf dem Papier war er so etwa 70 Millionen Euro schwer. Er lebte in einer 1,5 Millionen Euro teuren umzäunten Villa mit Landungssteg an einem privaten Kanal, der in die Bucht von Miami führte. Er fuhr überall hin mit dem Rolls, außer wenn er seine Hunde transportierte. Dann nahm er den Porsche.

Sunny und Laurenz hatten sich erst in Miami kennengelernt. Aber sie hatten in Frankreich ein paar gemeinsame Bekannte, Gangster mit Verbindungen zu den Leuten, die den gestohlenen Vermeer und die Rembrandts in Europa versteckt hielten. Die Abhörprotokolle der französischen Polizei bestätigten, dass Sunny und Laurenz regelmäßig mit bekannten europäischen Kunstdieben telefonierten und während dieser Gespräche über den Verkauf eines Vermeers sprachen. Es gab weltweit nur einen gestohlenen Vermeer und der stammte aus dem Gardner Museum.

Als wir an der Jacht ankamen, erschien mir die ganze Inszenierung ein wenig überzogen: das herzliche Willkommen, die Bikini-Häschen, die wummernde Calypsomusik. Ich fragte mich, ob wir nicht übertrieben hatten. Schließlich waren Sunny und Laurenz keine Idioten, sondern clevere Gauner.

Wir legten ab und kreuzten eine gute Stunde durch den Hafen von Miami. Wir aßen, tranken Schampus und genossen die Szenerie. An Bord herrschte ausgelassene Stimmung, zwei Bikini-Schönheiten turtelten mit Sunny, während Laurenz und ich mit dem Drogenboss plauderten. Mittendrin setzte eine dritte Agentin eins drauf. Sie schnappte sich ein Champagnerglas sowie eine Schüssel Obst und rief: »Erdbeer-ess-Wettbewerb!« Sie flitzte aufs Deck hinaus, legte eine Decke aus und ging auf die Knie. Sie beugte sich weit zurück, ließ eine Erdbeere über ihrem Gesicht baumeln, sprühte Schlagsahne darauf und senkte sie lasziv zwischen ihre gloss-glänzenden Lippen. Sie lutschte verführerisch an ihr herum. Die beiden anderen Frauen machten es ihr nach. All das schien mir als Bordprogramm eines Drogenbosses recht angemessen. Doch dann begingen die Undercover-Agentinnen einen dummen Fehler: Sie erkoren Sunny zum Richter in ihrem Wettbewerb, wodurch er ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte. Das wirkte völlig falsch – das übergewichtige und rangniedrigste Mitglied unserer Truppe bekam die VIP-Behandlung. Sunny fühlte sich sichtlich unbehaglich und zappelte nervös herum. Ich vergrub meine Hände in den Taschen und starrte die Frauen finster an.

Wieder einmal drohte unsere Ermittlung gefährlich vom Kurs abzukommen. Wieder so ein Fall, wo zu viele Leute sich mit zu viel Elan in eine Rolle stürzten. Und ich musste tatenlos zusehen.

Ich hasste dieses Gefühl der Hilflosigkeit. Als der einzige Undercover-Agent des FBI bei Kunstdelikten konnte ich normalerweise völlig frei schalten. Zugegeben, gelegentlich warf man mir vor, ich ginge zu große Risiken ein. Doch dafür verbuchte ich auch schöne Erfolge. In meinen bisher 18 Jahren beim FBI hatte ich Kunst und Antiquitäten im Wert von 150 Millionen Euro wiederbeschafft: Ikonen amerikanischen Geschichte, Klassiker europäischer Kunst und Artefakte antiker Zivilisationen. In meiner Karriere habe ich an so ziemlich jedem Treffpunkt der Kunstwelt Kunstdiebe gefasst, Fälscher und Hehler. In habe an so weit voneinander entfernten Orten wie Philadelphia, Warschau, Santa Fe und Madrid undercover gearbeitet. Ich habe Werke von Rodin, Rembrandt und Rockwell gerettet, außerdem historisch bedeutende Stücke wie den Kopfschmuck des großen Häuptlings Geronimo und ein lange verschollenes Exemplar der Bill of Rights, der berühmten amerikanischen Verfassungszusätze. Und ich stand nur wenige Monate davon entfernt, das Originaltyposkript von Pearl S. Bucks The Good Earth (Die gute Erde) aufzuspüren.

Mir war klar, dass Kunstdelikte anders verfolgt werden mussten als gewöhnliche Koksgeschäfte in Miami oder Raubüberfälle in Boston. Uns ging es weniger um die Täter als vielmehr um die Beute. Wir fahndeten nach unbezahlbaren, unersetzlichen Kunstwerken, Schnappschüssen der Menschheitsgeschichte. Und der Gardner-Raub war der größte ungeklärte Fall von allen.

Keiner der Beamten auf dem Boot hatte je in einem Kunstdelikt ermittelt; nur die wenigsten FBI-Agenten bekommen es mit Fällen dieser Art zu tun. Die meisten amerikanischen Strafverfolgungsbehörden, darunter auch das FBI, fremdeln schlicht und einfach, wenn es um Kunst geht. Sie halten sich lieber an das, was sie am besten können: Bankräuber, Drogenhändler oder Anlagebetrüger einbuchten. Und im Jahr 2007 war das FBI völlig von der Terrorgefahr besessen – fast ein Drittel der 13 000 Beamten hetzte dem Geist von bin Laden hinterher. Lange interessierte sich im FBI niemand recht für Kunstdiebstähle. Das kam mir in den Jahren nach den Anschlägen vom 11. September 2001 oft entgegen: Man ließ mir weitgehend freie Hand. In der Regel waren meine Vorgesetzten beim FBI fähig oder zumindest erträglich. Sie trauten mir zu, dass ich meinen Job erledige, und ließen mich von Philadelphia aus selbstständig operieren.

Doch die Operation Meisterwerk, wie ein anderer Agent den Gardner-Fall getauft hatte, lief anders. Ermittler auf beiden Seiten des Atlantiks gierten danach, am großen Preis beteiligt zu werden. Die Chefs fast aller beteiligten FBI-Außenstellen – Miami, Boston, Washington, Paris und Madrid – verlangten eine Führungsrolle. Denn jeder wollte etwas vom Ruhm abbekommen – wenn der Fall denn einmal aufgeklärt würde. Alle wollten sie ihr Bild in der Zeitung sehen und ihren Namen in der Presseerklärung lesen.

Das FBI ist ein bürokratisches Monstrum. Das interne Protokoll verlangt, einen Fall der zuständigen Abteilung in der betroffenen Stadt zu überlassen. Fachliche Kompetenz spielt bei der Zuordnung keine Rolle. So werden die meisten Kunstdiebstähle von der gleichen Abteilung im FBI übernommen, die sonst normale Eigentumsdelikte verfolgt: der Abteilung für Bankraub und Gewaltverbrechen. Ist ein Fall erst einmal einer Dienststelle zugeteilt, wird er ihr nur in extremen Ausnahmefällen wieder entzogen. Und so kam es, dass die Ermittlung im Gardner-Raub – dem schwersten Eigentumsdelikt in der Geschichte der USA – nicht ans Kunstraub-Team des FBI übertragen wurde, sondern vom Chef der Bostoner Abteilung für Bankraub und Gewaltverbrechen geleitet wurde.

Für ihn stellte der Fall natürlich den Höhepunkt seiner Karriere dar und er wehrte sich mit Händen und Füßen dagegen, dass ihm der Fall weggenommen würde. Er konnte mich nicht leiden, vielleicht wegen meines Rufs, unkonventionell und gelegentlich durchaus mit einem gewissen Risiko vorzugehen. Vielleicht fürchtete er, ich könnte Mist bauen, was wiederum einen Schatten auf seine Karriere werfen würde. Dieser Chef hatte bereits versucht, mich aus der Ermittlung zu drängen. Er hatte eine lange und empörende Aktennotiz geschrieben, in der er meine Integrität anzweifelte – und die später gelöscht wurde. Jetzt durfte ich zwar wieder mitmachen, allerdings hatte der Bostoner Ermittlungsleiter darauf bestanden, einen seiner eigenen Undercover-Agenten in die Aktion einzubringen. Es handelte sich um den missmutigen irischstämmigen Amerikaner, der auf dem geschwungenen Sofa saß und gebannt seine Kurznachrichten las. Ich empfand seine Anwesenheit als störend und überflüssig. Ich hoffte nur, dass die klugen Gauner, Sunny und Laurenz, nicht Lunte riechen würden.

Die zuständigen FBI-Abteilungsleiter in Miami und Paris waren besser als der Bostoner, wenn auch nur geringfügig. Die Agenten aus Miami wären offenkundig lieber einem Kilo Kokain nachgejagt als einem Haufen Gemälde. Sie träumten davon, Sunny zu einem Drogendeal zu verleiten, was die Aktion ebenfalls störte. Die Verbindungsbeamten in Paris wiederum sorgten sich allein darum, ihre Kollegen in der französischen Polizei zufriedenzustellen. Sie drängten darauf, dass die Festnahmen in Frankreich erfolgen müssten, wo sie für großes Aufsehen sorgen würden. Der französische Polizeikommandant hatte mich sogar einen Tag vor dem Treffen auf der Jacht angerufen und gebeten, die Aktion abzublasen. Er sagte, er brauche Zeit, um einen französischen Undercover-Agenten auf dem Boot zu platzieren, und er ersuchte mich, meine Rolle als oberster Kunstexperte herunterzuspielen. Ich unterdrückte den Impuls, ihn zu fragen, warum ich mir von einem französischen Polizisten vorschreiben lassen sollte, wie eine amerikanische Operation in Florida zu führen sei. Stattdessen teilte ich ihm schlicht mit, wir könnten leider nicht länger warten.

Undercover-Aktionen sind ohnehin schon stressig genug, da brauchen sich nicht noch Außenstehende einzumischen, die einem nichts Gutes wollen. Man weiß nie, ob die Bösen nicht einen Hinterhalt planen. Ein Fehler, ein Versprecher genügen und alles kann den Bach runtergehen. Beim Handel mit gestohlenen Meisterwerken geht es um Werte von 10, 20, manchmal sogar 100 Millionen Euro. Der Verkäufer erwartet vom Käufer, dass er ein echter Experte ist.

Bis man als solcher durchgeht, braucht man jahrelange Übung. Man muss zumindest den Eindruck von überragendem Wissen und großer Weltläufigkeit vermitteln. So etwas lässt sich nicht einfach vortäuschen. Und in diesem Fall hatten wir es mit Leuten zu tun, die mit dem organisierten Verbrechen in Verbindung standen, humorlosen Berufskriminellen, die nicht nur Spitzel und Undercover-Polizisten umbrachten, sondern auch deren Familien.

Als der Erdbeerwettbewerb vorüber war und ich die Bilder nach ausgiebigem Theatergefeilsche an den Kolumbianer verkauft hatte, glitt die Jacht ruhig an ihren Liegeplatz zurück. Ich schlenderte zum Heck, allein, ein halb volles Glas Champagner in der Hand. Ich wandte mein Gesicht in die frische Meeresbrise. Das brauchte ich jetzt. Normalerweise bin ich ein gelassener, optimistischer Mensch – von Kleinkram lasse ich michnieaus der Ruhe bringen – aber die letzte Zeit war mir an die Nieren gegangen. Zum ersten Mal überhaupt raubte mir ein Undercover-Fall zeitweise den Schlaf. Warum riskierte ich mein Leben und meinen schwer verdienten Ruf? Ich musste niemandem mehr etwas beweisen. Und ich hatte sehr viel zu verlieren. Ich wusste, dass Donna und unsere drei Kinder meine Anspannung spürten.

Wir alle blickten auf den Kalender. Noch 16 Monate, dann würde ich mit vollen Bezügen in Rente gehen können. Mein Vorgesetzter in Philadelphia war ein alter Kumpel, der wegsehen würde, wenn ich es auf der Zielgeraden lockerer angehen ließ. Ich könnte an der FBI-Akademie Kurse in Undercover-Arbeit geben, viel Zeit mit der Familie verbringen, eine Karriere als Berater anbahnen und einen jungen FBI-Agenten als meinen Nachfolger ausbilden.

Die Pelican wurde immer langsamer, als sie sich dem Causeway näherte. Schon konnte ich das Dock ausmachen und den Rolls, der neben dem Vordach wartete.

Meine Gedanken wanderten zu den verschollenen Meisterwerken und ihren reich verzierten leeren Rahmen, die im Gardner Museum noch heute an den Wänden hingen, 17 Jahre nach jener nebligen Märznacht, in der zwei falsche Polizisten die beiden unglückseligen Wachleute übertölpelten.

Ich musterte Sunny und Laurenz, die am Bug miteinander plauderten. Sie blickten über die Skyline von Miami hinweg auf den sich verfinsternden nachmittäglichen Himmel und die Gewitterwolken, die sich vom Everglades Nationalpark heranschoben. Der korpulente Franzose und sein zimperlicher Freund stellten die seit Langem beste Chance des FBI dar, den Gardner-Fall zu lösen. Unsere Verhandlungen waren schon über das anfängliche Abtasten hinaus. Wir schienen uns im Preis anzunähern und besprachen bereits die schwierige Logistik eines diskreten Austauschs Bargeld gegen Gemälde irgendwo in Europa.

Allerdings wurde ich aus Sunny und Laurenz immer noch nicht recht schlau. Hatten sie uns unsere kleine Show auf der Jacht abgekauft? Und selbst wenn, würden sie ihr Versprechen wahr machen und mich zu den Bildern führen? Oder planten die beiden ihren eigenen ausgefeilten Coup, bei dem sie mich umbringen würden, sobald ich mit einem Koffer voll Geld auftauchte? Und selbst wenn Sunny und Laurenz den Vermeer und die Rembrandts heranschaffen konnten: Würden FBI und französische Bürokraten mich wirklich meinen Job erledigen lassen? Würden sie mir erlauben, den spektakulärsten Kunstraub der Geschichte aufzuklären?

Sunny winkte mir zu. Ich nickte. Laurenz ging hinein, Sunny kam herüber, eine fast leere Champagnerflöte in der Hand.

Ich legte meinen Arm um Sunnys Schulter.

»Ca va, mon ami?«, fragte ich. »Wie geht’s, mein Freund?«

»Très bien, Bob. Sähr gut.«

Das bezweifelte ich. Also log ich ebenfalls. »Moi aussi.«

2. KapitelVerbrechen an der Geschichte

Courmayeur, Italien, 2008

Aus Sicherheitsgründen hatten die Vereinten Nationen die Zimmer in Courmayeur so diskret wie möglich gebucht, 106 Räume im noblen italienischen Wintersportort am Fuß des Mont Blanc. Die internationale Konferenz zum Thema »Organisiertes Verbrechen mit Kunst und Antiquitäten« war für ein ruhiges Wochenende Mitte Dezember angesetzt, zwischen dem Noir Film Festival und der traditionellen Eröffnung der Skisaison. Die UNO kümmerte sich um alles. Sie organisierte die Anreisen aus sechs Kontinenten, Gourmetmahlzeiten und die Transfers von den Flughäfen Genf und Mailand. Als die Busse am Freitagnachmittag von den Flughäfen abfuhren, lagen bereits 30 Zentimeter Neuschnee. Die Fahrer zogen Schneeketten auf dicke Reifen, bevor es in die Berge ging. Bei Einbruch der Dunkelheit kamen die Busse an. In ihnen saßen die weltweit führenden Experten in Sachen Kunstraub. Sie litten noch unter Jetlag, freuten sich aber auf den ersten Gipfel ihrer »Branche«.

Ich war einen Tag vor Beginn der Konferenz angereist und mit der hochrangigen UN-Beamtin von Mailand hergefahren, die das Treffen organisiert hatte. Sie lud mich zu einem frühen Abendessen mit dem stellvertretenden Justizminister Afghanistans ein, einem Oxford-Absolventen. Neben unserem Tisch saß ein hochrangiger iranischer Richter und plauderte mit dem Kulturminister der Türkei. Nach dem Abendessen begab ich mich zur Bar, wo ich mich nach alten Freunden umsah.

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