Unendlichkeit des Lebens - Jens Fitscher - E-Book

Unendlichkeit des Lebens E-Book

Jens Fitscher

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Beschreibung

Nachdem immer mehr rechtskonservative, osteuropäische Staaten ihre Grenzen wieder aufbauen und sich von der EU und Europa zurückziehen, erzeugt dies neue, bilaterale Spannungen nicht nur auf wirtschaftlicher Ebenen. Die Nuklearmächte USA und Russland schaukeln sich gegenseitig in einen neuen Kalten Krieg, der nur noch von einer Vielzahl von terroristischen Attentaten an der Zivilbevölkerung Europas überboten wird. Die atomare Aufrüstung läuft auf Hochtouren. Die gesamte Welt scheint am Abgrund zu stehen. Die 23-jährige Sly wird Zeuge eines terroristischen Überfalls. Mit einem Mal erwachen in ihr recht merkwürdige Anschauungen und Überlegungen. Sie beginnt, die Welt mit anderen Augen zu sehen und zu begreifen. UFOs werden gesichtet. Ist eine außerirdische Rasse auf das Sonnensystem der Erde aufmerksam geworden? Oder befinden sich bereits Aliens auf der Erde und bestimmen das Leben der Menschen seit Jahrhunderten mit?

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Seitenzahl: 345

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Unendlichkeit

des

Lebens

Jens Fitscher

© 2026 Jens Fitscher

Illustration: S. Verlag JG

Verlag: S. Verlag JG, 35767 Breitscheid,

Alle Rechte vorbehalten

Vertrieb: epubli ein Service der neopubli GmbH, Berlin

2.Auflage

ISBN: 978-3-565152-34-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Welt zwischen Himmel und Erde ist unendlich. Wir glauben zwar, alles zu sehen, alles wahrnehmen zu können und alles zu begreifen, aber das stimmt nicht. Der Mensch ist zu materialistisch eingestellt, um zu begreifen, dass es noch mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als das, was er mit seinen fünf irdischen Sinnen wahrzunehmen in der Lage ist.

Unsere Urahnen wussten mehr, als wir heute denken, es zu tun. Sie waren noch viel stärker verbunden nicht nur mit der Schöpfung, mit der Mutter Erde und der Weltenmacht. Sei auf der Hut, du armes kleines Menschlein, wenn eines Tages etwas Großes auf dich zukommt.

Inhalt:

Prolog : Geistige Alchemie

Vergangenheit

Terror

Unvollkommen

Die neue Verbundenheit

Gegenwart der Allmacht

UFO

Zwischen den Fronten

Eskalation der Gewalt

Botschafterin Sly

Der Königsbussard

Mysterien der Welt

Steigende Verantwortung

Botschafter der ‘Schöpfung’

Welt am Abgrund

Außerirdische Präsenz

Phönix aus der Asche

Sein oder Nichtsein

Entführt

Eskalation der Gewalt

In den Händen der Separatisten

Die raue Wirklichkeit

Macht der geistigen Alchemie

Sklavin Sly

Haakons Erfolg

Die junge Entität

Commander Rak’les Plan

Quaoarie, der junge Planet

Die neue Macht der geistigen Alchemie

Einsatz der ORANIA

Offene Konfrontation

Der Fenistra-Clan

Der Rat der Tongva

Prinzessin Sly

Prolog : Geistige Alchemie

Die ägyptischen Mysterienweisheiten sind uralt, erleben aber auch noch heute ihre Existenzberechtigung. Neben dem Corpus Hermeticum befasst sich auch der Tabula Smaragdina mit den Grunderkenntnissen des Lebens, der Entstehung des Lebens, der Gestalt des Kosmos sowie die menschliche und göttliche Weisheit.

Die esoterischen Lehren gipfeln in den sogenannten „Hermetischen Prinzipien“. Sie bezeichnen sich selbst als eine Art geistige Alchemie und nicht selten wurden und werden sie wie Geheimlehren behandelt.

Die schon vor Jahrtausenden erkannte kosmische oder göttliche Ordnung in der Schöpfungsvielfalt des Lebens hat immer noch Gültigkeit.

Vor über 3500 Jahren hat der Mensch bereits eine grundlegende Struktur in seiner eigenen Daseinsberechtigung entdeckt. Es entstanden die sieben Prinzipien einer kosmischen Ordnung, der wir unterliegen und in die wir eingewoben sind.

Es ist eine Matrix des Lebens , die über das normale Weltbild nicht nur hinaus geht, sondern auch eine neue Dimension unserer eigenen Schöpfungsgeschichte offenbart. Das Leben ist universell.

Es unterliegt aber einer mentalen Grundstruktur, die wir in einem bestimmten Maße mitbestimmen können.

Wir müssen uns nur an die kosmischen Gesetze halten, die eine göttliche Ordnung wiedergeben, der eine universelle Bedeutung zukommt. Achte auf deine Gedanken, sie können schaffen aber auch zerstören.

Alles im Leben, in der Schöpfung ist Geist. Sei gewiss, alles, was du tust, kommt auf dich zurück, ob im Guten oder im Bösen. Es gilt das Prinzip des „Actio est Reactio“.

Die Matrix der Schöpfung ist in Übereinstimmung mit dieser Gesetzmäßigkeit aufgebaut.

Glück und Zufall sind nur Synonyme für dieses nicht erkannte Prinzip. Die Schöpfung basiert auf der Grundlage der Gegensätze. Jedes Ding hat seinen Gegenpart. Hell hat Dunkel, Groß hat Klein, Außen hat Innen. Sei dir gewiss, wenn du dich veränderst, wird sich auch alles um dich herum mitverändern.

Die Matrix des Lebens ist in ihrem Wirken anders als eine elektrische Ladung in der Physik aufgebaut; Gleiches zieht hier Gleiches an und Ungleiches stößt sich ab.

Bist du negativ eingestellt, so wirst du Negatives anziehen, in Depressionen verfallen und Schmerzen erleiden. Ein weiteres Prinzip ist das Geben um zu bekommen, „Do ut des“.

Das Leben ist im Fluss und strebt nach Ausgleich. Bereichere dich nicht auf Kosten anderer, denn du musst alles bezahlen, was du bekommst.

Fängst du an zu Horten und festzuhalten, dann entsteht ein Stau im kosmischen Energiestrom und kann zu Krankheit und Tod führen. Öffne dich für den Fluss deines Lebens und lebe in ständiger Wechselwirkung mit deiner Umwelt, mit der Schöpfung, zu der natürlich auch andere Menschen gehören.

Gebe Freude, Harmonie und Liebe, so wirst du Glück, Erfolg und Fülle zurückerhalten.

Sei flexibel und überwinde deine Starrheit. Sei ausgewogen und finde deine Mitte, so wirst du die Matrix der Schöpfung spüren und sich ihrer Bedienen können.

Beachte die Polaritäten in deinem Leben. Gleich und Ungleich ist dasselbe nur mit entgegengesetzten Vorzeichen. Urteile und werte nicht, sondern erkenne auch die Gegenmeinung an.

Finde deine Harmonie und die Schöpfung wird dich finden. Eines Tages wirst du dann von ihr angesprochen werden. Sie wird sich dir offenbaren und ein neues Kapitel deiner Wirklichkeit wird sich für dich öffnen.

Vergangenheit

Sie erwachte von einem spitzen Schrei, den sie selbst ausgestoßen hatte. Sie durchlitt noch für mehrere Minuten eine Höllenangst, bis dass ihr Bewusstsein nachvollziehen konnte, dass sie aus einem Albtraum aufgewacht war.

Die ersten Sonnenstrahlen kämpften sich ihren Weg durch die Lamellen des halb heruntergelassenen Fensterrollladens und erhellten den Schlafraum nur wenig.

Trotzdem hatten sie etwas Weiches, Liebevolles und Natürliches an sich, das Sly sofort beruhigte.

Sie atmete noch einmal tief durch und schaute den Sonnenstrahlen entgegen.

Die Silhouetten, die das Licht erzeugten, waren überhaupt nicht mehr angsteinflößend. Früher als Jugendliche, hatte sie sich vor dem beginnenden Morgen immer gefürchtet, wenn die ersten Sonnenstrahlen eine Mischung aus vor den Augen verschwimmenden, grau erscheinenden Umrissen der Möbel und unsichtbarer Dämonenfratzen erzeugten.

Damals, in den ersten Jahren nach dem Tod ihrer Mutter, war es besonders schlimm gewesen.

Es hatte sehr lange gedauert, bis sie sich von den Albdrücken und der Angst alleine zu sein, langsam befreien hatte können. Sly van Gelden hatte ihre Mutter bei dem Attentat am 22. März 2016 am Brüsseler Flughafen verloren. Sie hatte den damaligen terroristischen Anschlag nicht überlebt.

Da ihr Vater schon sehr früh gestorben war, lebte sie nach dem Tod der Mutter bei der Großmutter.

Vor Kurzem war sie in ein kleines Appartement am Rande der Stadt gezogen. Trotz des guten Abiturs und dem Zureden der Großmutter zog Sly eine kaufmännische Ausbildung dem Studium vor.

Sie wollte schnellstmöglich auf eigenen Beinen stehen und von niemandem abhängig sein. Jetzt, nachdem sie nach der Ausbildung auch eine feste Anstellung gefunden hatte, war sie endlich ungebunden und frei.

Vor einem Monat war sie in ihr eigenes Reich gezogen. Man schrieb den 30. April 2023 und die terroristische Gefahr in Europa war so groß, wie noch nie zuvor.

Immer wieder ereigneten sich an den unmöglichsten Plätzen der Großstädte extremistische Gewaltakte. Man konnte sich nirgends mehr sicher fühlen und die Angst wurde zu einem ständigen Begleiter.

Sly van Gelden arbeitete in der Vertriebszentrale eines großen Elektrokonzerns mitten im Bankenviertel der europäischen Hauptstadt.

Von ihrem Appartement bis zur Arbeitsstätte waren es genau 23.5 Kilometer. Diese legte sie mit ihrem erst kürzlich erworbenen Cross Citycar Elektroauto zurück.

Die Werbung hatte den kleinen, eiförmigen Zweisitzer als faltbaren Kleinwagen ohne Parkprobleme angepriesen.

Das nur 2,5 Meter lange Elektroauto konnte seine Räder einzeln lenken und damit auf der Stelle drehen und sich zum Parken auf 1,50 Meter Länge zusammenschieben.

Während der Fahrt legte sich die eiförmige Passagierkabine waagrecht und beim Einparken schob sich die Hinterachse nach vorne, sodass sich die Kabine aufrichtete.

Man stieg, wie bei der BMW Isetta, durch eine Klappe an der Front ein und aus.

Sly hatte sich sofort in den kleinen Flitzer verliebt, als sie die Werbeanzeige gelesen hatte.

Am Anfang dachte sie noch darüber nach, sich für ein Carsharing anzumelden. Aber nachdem ihre Großmutter signalisierte, dass sie einen Großteil des Anschaffungspreises für ein Cross Citycar übernehmen wollte, gab es für sie keine andere Alternative mehr.

Das kleine Raumwunder bekam sogar von ihr einen eigenen Namen. Sie nannte das Fahrzeug ELTON.

Wie sie auf diesen Namen gekommen war, konnte sie später nicht mehr sagen. ELTON hatte eine smaragdblaue Lackierung, welche in der Dämmerung sogar noch etwas nachleuchtete.

Sly begann langsam ihren Albtraum zu verdrängen. Sie gähnte nochmals ausführlich und stand auf. Vor der gläsernen Zwischenwand zu ihrem kleinen Bad en suite blieb sie kurz stehen.

„Radio an!“

Sofort begann leise Musik das Zimmer zu durchdringen, während eine versteckte Beleuchtung das Bad mit indirektem, warmem Licht erhellte. Slys Appartement war mit einem Chatbot ausgestattet.

Über diese kleine, elektronische Einheit, die ein Programm enthielt, das in der Lage war, eine Konversation mit Menschen zu führen, konnte man entsprechende Befehle in Aktionen umsetzen. Seit zwei Jahren gab es die Chatbots fast für jede Lebenslage.

„Dialog statt App“ hieß der Slogan. Was zunächst für Internetplattformen und für das Smartphone entwickelt worden war, wurde mittlerweile in allen nur denkbaren Variationen angeboten.

Sly genoss die morgendliche Dusche, als plötzlich die Musik verstummte und eine etwas lautere Männerstimme zu hören war.

„Wir unterbrechen die laufende Sendung für eine Kurznachricht. Wie wir soeben erfuhren, ist der Machthaber des vereinten Korea gerade zu einem offiziellen Staatsbesuch in der Türkei eingetroffen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass der türkische Präsident eine wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit beider Staaten anstrebt. Es steht zu erwarten, dass die Türkei mit Hilfe von Korea zu einer Atommacht aufsteigt. Die EU und die NATO haben bereits interveniert und massive Gegenschritte angekündigt, sollte Ankara atomar aufrüsten.“

Sly hatte kurz innegehalten. Nachdenklich geworden stieg sie aus der Dusche und nahm sich ein Handtuch zum Abtrocknen.

Sie interessierte sich nicht wirklich für Politik. Aber trotzdem hatte sie den Eindruck, dass in den letzten Jahren die Welt sich stark verändert hatte.

Das einstige Europa zerfiel mehr und mehr, ausgelöst durch die Flüchtlingskrise 2015.

Immer mehr rechtskonservative, osteuropäische Staaten bauten ihre Grenzen wieder auf und zogen sich von der EU und Europa zurück.

Die Nuklearmächte USA und Russland schaukelten sich gegenseitig immer stärker in einen neuen Kalten Krieg hinein, der nur noch von einer Vielzahl von terroristischen Attentaten an der Zivilbevölkerung Europas überboten wurde.

Sly erinnerte sich noch genau an die schrecklichen Bilder vor zwei Jahren, als durch einen terroristischen Selbstmordanschlag einer Gruppe nordkoreanischen Agenten inmitten der Millionenstadt Seoul über 10 Millionen Menschen ausgelöscht worden waren.

Sie hatten tatsächlich eine Atombombe gezündet.

Daraufhin hatte das damalige Nordkorea das führungslos geworden Südkorea in einer Nacht und Nebelaktion übernommen, noch bevor die restliche Welt aus ihrer Schockstarre erwacht war.

„Radio aus!“ Ihre Laune war auf einem Tiefpunkt angelangt. Jetzt half nur noch ein starker Kaffee, hoffte sie jedenfalls.

Die Zukunft sah überhaupt nicht so rosig aus, wie der Alltag es glauben ließ. Die gesamte Welt spielte anscheinend total verrück und sie war genau zwischendrin.

Aber was konnte schon passieren? Im schlimmsten Fall war sie wieder mit ihrer Mutter vereint, irgendwo da oben im Himmel.

Sly hatte sich in ihren jungen Jahren noch nicht wirklich Gedanken über das Leben im Besonderen gemacht.

Sie meinte zwar, es müsste zumindest irgendetwas nach dem Tod geben, denn das Leben der anderen ginge ja auch weiter, aber mit dem Glauben an einen Gott haderte sie.

„Wenn es ihn wirklich gibt, warum hat er den Tod meiner Mutter zugelassen?“ Dies war für sie ein Faktum, an das sie nicht mehr so einfach herumkam.

Unbewusst machte sie damit Gott selbst für den Tod ihrer Mutter verantwortlich.

Mit ihrer Großmutter konnte sie über ihre Gefühle nicht sprechen. Sie verstand zwar, dass man eine gewisse Zeit trauerte, aber dann musste das Leben eben weitergehen.

Obwohl auch für sie es nicht leicht gewesen war, die einzige Tochter zu verlieren, schien sie sich damit leichter abgefunden zu haben als Sly. Jedenfalls sprach sie nicht mehr darüber und wann immer das Gespräch auf Slys Mutter fiel, blockte sie regelrecht ab und wechselte das Thema.

In letzter Zeit sprach ihre Großmutter viel über die etwas länger zurückliegende Vergangenheit.

Sly saß dann schweigend neben ihr und hörte ihr nur zu. Ab und an erzählte sie dann auch Geschichten über ihre Mutter, als diese noch ein Kind gewesen war. Dann wurde Sly besonders nachdenklich und die Sehnsucht nach ihrer Mutter besonders groß.

Versonnen hielt sie die große Tasse schwarzen Kaffee in der Hand und blickte durch das bodentiefe Fenster mit dem französischen Balkon aus Edelstahl hinunter auf die kleine Fußgängerzone, die direkt vor ihrer Wohnung begann. Es war noch früh an diesem Montagmorgen.

Bis auf einen streunenden Hund war kein lebendes Wesen zu sehen.

Die wenigen Geschäfte, die sich hier aneinanderreihten, waren noch geschlossen.

Die heruntergelassenen Schaufenstergitter vor den Auslagen ergaben einen verlassenen und trostlosen Anblick.

Sly setzte sich vor den kleinen Bistrotisch, der direkt vor dem Fenster stand. Bevor sie noch stärker anfangen konnte, ins Grübeln zu kommen, begann die einzige dunkle Wolke, die sich vor die langsam aufgehende Sonne geschoben hatte, sich aufzulösen und gab den blauen Himmel wieder frei.

Dicke Sonnenstrahlen trafen nicht nur auf die wie frisch poliert wirkenden Edelstahlgitter an den Schaufenstern, sondern erhellten ebenfalls das kleine Appartement von Sly bis in den letzten Winkel.

Die erst kürzlich mit frischen, hellen Farben renovierten Wandflächen strahlten ihr freundlich entgegen und verkündeten einen harmonischen Tagesbeginn, den sich auch Sly nun nicht mehr entziehen konnte.

Ein zögerliches Lächeln umspielte ihre Lippen.

Heute sollte der erste Tag sein, an dem sie mit ELTON ins Büro fuhr.

Bis zur letzten Woche musste sie morgens eine Stunde früher aufstehen, um den Bus zur nächsten U-Bahn-Anbindung noch rechtzeitig zu bekommen.

Nachdem sie nun den kleinen Stadtflitzer besaß, konnte sie nicht nur länger schlafen, sondern der zeitliche Aufwand bis zu ihrer Arbeitsstätte würde sich sogar halbieren.

Außerdem war ein kleiner, aber feiner Nebeneffekt, dass sie morgens von den ersten Sonnenstrahlen begrüßt wurde und nicht noch im Dunkeln das Haus verlassen musste. Das galt jedenfalls in den Sommertagen und diese lagen jetzt noch vor ihr.

Terror

Ich befand mich auf dem Weg ins Büro. ELTON lief wie geschmiert und ich hörte Alan Walker mit Faded, meinem absoluten Lieblingssong.

Er handelte zwar von dem verschwundenen Atlantis, aber ich hatte den Text mehr auf meine Mutter projiziert.

Ich hatte mich damals so verloren wie nie zuvor gefühlt, mit meinen sechszehn Jahren. Faded begleitete mich seitdem und gab mir immer wieder ein gutes Gefühl, sooft ich mir den Song anhörte.

Es war ein herrliches Wetter mit blauem Himmel und die Sonne schien bereits und tauchte die Fassaden der näherkommenden Hochhäuser in Goldgelb und Silber strahlende, riesige Gebilde, die mich einladend begrüßten.

In diesem Moment vermisste ich überhaupt nichts. Das Leben schien mich regelrecht anspringen zu wollen und ich musste es nur noch zulassen.

Verschwunden war die düstere Stimmung von heute Morgen. Ich hatte gerade die Innenstadt erreicht, als mein Song unterbrochen wurde.

ELTON blendete mit großen und rot leuchtenden Lettern eine Warnung im digitalisierten Tacho ein. Dort stand ‚TERRORWARNUNG‘.

Fast zeitgleich aktivierte sich der Radiosender FM Brussel, der in einem eigenen Kanal über die aktuelle terroristische Bedrohungslage berichtete.

Noch bevor der Kommentator zu Wort kam, hörte ich die synthetische Stimme meines kleinen Cross Citycar Chatbots: „Die Hauptverkehrsstraße Richtung Bürostadt wurde gesperrt. Eine Umleitung ist noch nicht autorisiert. Bitte verlassen sie die Straße in 200 Metern Entfernung und parken Sie auf dem zugewiesenen Stellplatz.“

Im Navigationsdisplay wurde die Abfahrt dargestellt und mein Wagen bekam gleichzeitig die Kontrollnummer 235BI zugewiesen.

Das fing ja gut an mit ELTON. Ich bekam schon wieder düstere Vorahnungen.

„Liebe Hörer von FM Brussel. Wir müssen Sie leider darüber informieren, dass sämtliche Zufahrtsstraßen sowie Anbindungen von Bus und Bahn Richtung Gare du Nord von den Sondereinsatzkräften der Polizei gesperrt worden sind. Es besteht eine akute Terrorwarnung. Wir halten Sie ständig auf dem Laufenden und informieren Sie umgehend über die aktuelle Lage.“

Der Nachrichtensprecher schwieg und ich bog gerade von der Hauptverkehrsstraße ab, als das computergesteuerte Park and Ride System mit ELTONs Chatbot Kontakt aufnahm.

Sofort wurde auf der Display-Frontscheibe der zugewiesene Parkplatz sichtbar und ich brauchte nur noch den synchron eingeblendeten Wegweiser Pfeilen zu folgen.

Vor und neben mir fuhren andere Pendler mit ihren großen Wagen und sie hatten sichtbar mehr Probleme, dem doch relativ engen Zufahrtsstreifen zu folgen, noch dazu, da es ebenso Gegenverkehr gab.

Ich hatte mittlerweile den zugewiesenen Parkplatz mit der Nummer 235BI gefunden und schaltete den Elektromotor in den Stand-by Modus.

Ich wollte gerade über die Freisprecheinrichtung meine Kollegin Amaury anrufen, um im Büro Bescheid zu sagen, dass ich von hier nicht fortkam, als ein dumpfer Knall zu hören war.

Mittlerweile waren die Parkplätze um ELTON herum alle belegt und einige der Fahrer waren ausgestiegen.

Sie blickten alle in eine Richtung. Sollte ich ebenfalls aussteigen?

Was für ein doofes Gefühl, nur dazusitzen und nicht genau zu wissen, was eigentlich geschieht.

Vielleicht sollte ich von Brüssel wegziehen und mir eine andere Beschäftigungsmöglichkeit suchen.

Die Stadt schien den Terrorismus regelrecht anzuziehen. Es verging kein Jahr, indem nicht mindestens zwei bis drei Anschläge verübt wurden.

Andererseits fühlte ich mich meiner Mutter gegenüber verpflichtet und ebenso meiner Großmutter. Ich schaute in den Himmel, als dort Motorengeräusche zu hören waren.

Zwei riesige Bananenhubschrauber flogen im Tiefflug zwischen den Hochhäusern hindurch.

„Noch ist die Lage nicht geklärt. Sicherheitskräfte durchkämmen den gesamten Bezirk. Gemäß den uns vorliegenden Informationen ist es bisher noch zu keinem Anschlag gekommen. Die Gefahrenlage bleibt aber weiter sehr hoch. Die Polizei bittet um Ihr Verständnis. Bleiben Sie an Ihrem jetzigen Aufenthaltsort. Wir informieren Sie, sobald uns neue Informationen vorliegen. Unser Außenteam befindet sich zurzeit inmitten der Einsatzkräfte. Wir erwarten jede Minute ein Live-Interview mit Commander Meijer. Bleiben Sie dran!“

„Witzbold“, dachte ich. Was blieb mir schon anderes übrig, als hier zu warten.

Ich hatte mir den heutigen Tag wirklich etwas anders vorgestellt. Ich zuckte erschrocken zusammen, als es an der Fahrertür klopfte. Ein junger Mann, etwa in meinem Alter, stand dort und lächelte mich an.

„Hallo, ist alles in Ordnung?“

Ich ließ die Seitenscheibe herunter und antwortet: „Ja, wieso fragen Sie?“

Er stand einfach nur da und zuckte kurz mit den Schultern.

„Einen schönen Wagen haben Sie. Ist das einer dieser neuen Cross Citycars mit integriertem Chatbot?“

Er war einen Schritt zurückgetreten und schaute sich jetzt den Wagen mit sichtlichem Interesse an.

„Achtung, eine neue Durchsage“, erklang es in diesem Moment aus dem Radio.

„Lauter!“ Mein Wunsch wurde sofort von ELTON umgesetzt und die Stimme des Ansagers ertönte mehrere Meter weit: „Die Stufe TERRORWAHRNUNG wurde auf TERRORGEFÄHRDUNG herab gesetzt. Folgen Sie den Anweisungen Ihres Car Chatbots oder dem Park and Ride Systems, das Ihnen entsprechend der aktuellen Lage die Richtung weißt.“

„Na also, alles halb so schlimm gewesen!“

Ich hörte noch ein „Schade“ von dem jungen Mann, als sich die Seitenscheibe ohne mein Zutun schon hob. Er musste glauben, dass ich es getan hatte.

„Kontaktdaten wurden übernommen. Bitte folgen Sie dem Richtungspfeil.“

ELTON hatte selbstständig den Motor wieder gestartet und ließ mir überhaupt keine Zeit, mich zu verabschieden.

Ich blickte noch kurz in zwei traurige Augen, dann musste ich bereits losfahren, da der Abstandswarner hektisch zu blinken anfing und ELTONs Stimme mich aufforderte, in den Verkehr einzuordnen. Eigentlich schade.

Da war tatsächlich ein gut aussehender, junger Mann auf mich aufmerksam geworden und schon war die Terrorwarnung aufgehoben und mein eigenes Auto zwang mich, ihn einfach so stehen zu lassen und davonzufahren. Was für eine Welt war das bloß.

In langsamer Fahrt ging es den Highway hinunter in die Bürostadt hinein. Immer wieder sah ich die schwarz gekleideten Sicherheitskräfte am Straßenrand stehen, teilweise mit Gesichtsmasken vermummt.

Sie klammerten sich an den Griff ihrer Maschinenpistolen, die sie an einem Gurt hängend, quer über den Bauch trugen, als müssten sie jeden Augenblick davon Gebrauch machen. Man konnte fast glauben, dass man sich in einem Kriegsgebiet befand.

Lediglich die Zerstörungen im Umfeld fehlten, oder besser gesagt fehlten noch.

Wer wusste schon, was in den Köpfen von Terroristen vorging. Etwa mulmig war mir schon zumute.

Ich schaute mehr zur Straßenseite hin, als auf die Fahrbahn und erwartete jede Minute, dass dort geschossen wurde oder ein Attentäter sich in die Luft sprengte.

Was für eine verkehrte Welt. Schlussendlich erreichte ich doch unangefochten den Eingang der Tiefgarage im Tethys Tower.

Ich fuhr im Schritttempo auf die geschlossene Schranke zu, als ELTON den Kommunikationskanal mit dem Chatbot des Park Gates öffnete. Der Dialog war sehr kurz, aber erfolgreich.

Die Schranke öffnete sich sofort geräuschlos, als der Computer den gesendeten Erkennungscode akzeptiert hatte.

Eine ganze Reihe von Sensoren, die sich in und am Rande der Zufahrt zur Tiefgarage befanden, wurden von ELTON erkannt und mein kleiner Stadtflitzer schaltete auf autonom.

Jetzt agierte ELTON aufgrund seiner Außensensorik vollständig selbstständig. Ich brauchte mich weder um das Finden eines freien Abstellplatzes noch um das korrekte Einparken zu kümmern.

Nach genau drei Minuten stand ELTON wie eine Eins auf dem Stellplatz Nummer 45 und ich konnte aussteigen.

Auf dem Weg nach oben überprüfte ich, ob sich, wie in der Betriebsanleitung des kleinen Cross Citycars hinterlegt, ELTON auch tatsächlich nach dem Verlassen des Wagens auf meinem Handy gemeldet hatte.

Tatsächlich leuchtete mir sein Avatar, ein mit Pastellfarben gemaltes Abbild von ihm, auf der App entgegen.

„Wagen gesichert. Keine weiteren Beanstandungen“, meldete der Chatbot.

Ich schob das Handy zurück in meine Tasche und betrat das Großraumbüro. Außer mir war tatsächlich noch niemand anwesend. Das war der Vorteil, den ich als Besitzer eines halbautonomen Autos genoss.

Nicht nur, dass viele Funktionen über die sprachliche Steuerung ausgeübt werden konnten und eine direkte Konversation entstand, sondern das System genoss auch das Privileg, im städtischen Verkehr bevorzugt behandelt zu werden, insbesondere bei der Abwicklung von verkehrsrelevanten Ausnahmesituationen.

Mein ELTON bekam durch den schnellen und ständig aktiven Datenabgleich mit dem Städtecomputer sozusagen überall Vorfahrt, oder wie die Werbung es ausdrückte: „Eingebaute Vorfahrt garantiert!“

Die Kollegen trudelten nach etwa einer weiteren halben Stunde nach und nach ein.

Das Großraumbüro füllte sich und es wurde entsprechend lauter. Jetzt wusste ich jedenfalls, wie schön es wäre, in den Genuss eines Einzelbüros zu kommen.

Andererseits konnte man sich aber auch ungezwungen privat unterhalten, ohne dass es groß auffiel.

Niemand sprach über die Sperrung der städtischen Zugangsstraße an diesem Morgen.

Mittlerweile waren Terrormeldungen schon an der Tagesordnung und man begann sich daran zu gewöhnen.

Solange man nicht selbst Opfer solch eines Anschlags wurde, war das wohl oder übel auch anders nicht zu verkraften.

„Der Mensch gewöhnt sich an vieles“, hatte meine Großmutter mir einmal gesagt. Ich hatte mich aber nicht an den frühen und unnützen Tod meiner Mutter gewöhnt und würde es auch wohl niemals tun.

Unvollkommen

Das Eiskaffee war an diesem frühen Nachmittag am 01. Mai des Jahres 2023 mehr als gut besucht. Im Innenraum konnte man fast nicht mehr stehen und sämtliche Tische im Außenbereich, den ein weißer, etwa einen halben Meter hoher Staketenzaun vom Bürgersteig abgegrenzte, waren ebenfalls belegt.

Sly hatte tatsächlich den letzten freien Platz ergattert, nachdem sie eine halbe Stunde früher ihr Büro verlassen hatte.

Es war ein sonniger, Frühnachmittag und die Temperatur hatte die zwanzig Grad Grenze überschritten. Die warme Luft flirrte leicht, was man normalerweise nur im Hochsommer beobachten konnte.

Es roch irgendwie nach frisch geschnittenem Gras, durchsetzt von einem Hauch Ozon.

Viele der jungen Leute, die ihr begegneten, waren Studenten. Etwas unsicher beobachtete sie ihre lässige Art. Sie schienen das Leben regelrecht zu genießen, ohne Zeitdruck und ohne Stress. Dass dieser Anschein trog, das wusste sie von ihrer Freundin Sibylle.

Sie studierte hier in Brüssel Grafik-, Medien- und Kommunikationsdesign. Sly konnte sich nicht wirklich etwas darunter vorstellen, auch wenn Sibylle ihr es mehrfach versucht hatte, zu erklären.

Jedenfalls saß sie am Wochenende von morgens früh bis spät in die Nacht an ihrem Laptop und selbst während der Woche war es schwer, sich mit ihr zu verabreden.

Ständig kamen irgendwelche Seminare und Vorlesungen dazwischen. Nein, im Nachhinein war es die richtige Entscheidung gewesen, nicht zu studieren, sondern eine Ausbildung zu machen. Sie verdiente jetzt ihr eigenes Geld, hatte eine hübsche, kleine Wohnung und war unabhängig.

Sly blickte versonnen auf ein junges Pärchen, das am Nebentisch saß und sich verliebt in die Augen blickte, während sich beide an den Händen hielten.

„Dieses eine fehlt mir noch, um wirklich glücklich zu sein“, dachte sie etwas melancholisch.

„Vielleicht hätte ich als Studentin mehr Chancen gehabt, den Mr. Right zu finden?“

Sie gab sich einen Ruck und griff nach dem Kaffee to go Pappbecher, als ihre Aufmerksamkeit abgelenkt wurde.

Sly war eigentlich mit ihrer Kollegin Amaury verabredet gewesen, aber sie war bisher nicht aufgetaucht, noch hatte sie sich per Handy gemeldet.

Das war normalerweise nicht ihre Art und Sly machte sich schon etwas Sorgen. Ihr Blick fiel auf zwei merkwürdig gekleidete Personen, die gerade versuchten, die gut befahrene Straße vor dem Kaffee zu überqueren.

Mehrere vorbeifahrende Wagen hupten laut und versuchten ihnen auszuweichen. Fast wäre es sogar zu einem Zusammenstoß gekommen.

Andere Gäste wurden jetzt ebenfalls aufmerksam. Die beiden Männer hatten schon fast die andere Straßenseite erreicht, als im letzten Moment der etwas Größere von ihnen doch noch von einem PKW erfasst wurde.

Mit quietschenden Reifen kam das Fahrtzeug zum Stehen, nachdem der Mann über die Kühlerhaube geflogen war und seitlich auf dem Bodenbelag des Bürgersteigs aufschlug.

Es waren etwa zwanzig Meter Luftlinie zwischen dem Angefahrenen und Sly, die gebannt und wie unter Schockstarre, auf die sich jetzt abspielende Szene starrte.

Deutlich konnte sie den Waffengurt und die Maschinenpistole erkennen, die unter dem schwarzen Mantel zum Vorschein kamen, als der Mann sich benommen aufrappelte. Laute Schüsse und grell pfeifende, davonheulende Querschläger rissen Slys Blick zurück zu dem Unfallwagen.

Die Windschutzscheibe des Wagens, sowie die Scheibe der Fahrertür waren von Einschusslöchern regelrecht durchsiebt. Der Fahrer lag blutüberströmt mit dem Oberkörper auf dem Lenkrad, wobei von seinem Kopf nicht mehr viel zu erkennen war.

Direkt neben dem Wagen stand der zweite Mann und hatte immer noch die Maschinenpistole im Anschlag.

Jetzt rannte er mit weiten Schritten auf seinen Begleiter zu, der sich bereits vom Bürgersteig wieder erhoben hatte.

Erste Schreie wurden hörbar, als die nur wenige Meter entfernt sitzenden Gäste des Eiskaffees panikartig aufsprangen, und versuchten über die Zaunabsperrung zu fliehen, während einer der beiden Attentäter seelenruhig seine Maschinenpistole auf sie richtete.

Sly blickte direkt in den sehr kurzen Lauf der Waffe des Mannes, der eben noch den Fahrer kaltblütig umgebracht hatte.

Sie konnte sich immer noch nicht bewegen. Mit einem Mal war es ruhig um sie herum. Die ganze Welt reduzierte sich auf die letzten kostbaren Sekunden in ihrem Leben.

Sie bekam von der einsetzenden Panik nichts mehr mit. Ihr letzter Gedanke war: „Wird es sehr wehtun?“

Dann hörte sie wie einen Donnerhall das leise Geräusch des Schlagbolzens nachhallen, als dieser auf die leere Kammer traf. Das Magazin war leergeschossen.

Das verblüffte Gesicht des Attentäters konnte sie schon nicht mehr sehen, denn sie ließ sich mit einem unterdrückten Aufstöhnen einfach dort, wo sie saß, zu Boden fallen, wobei sie den kleinen Bistrotisch mit sich umriss.

Sie glaubte sich schon in Sicherheit, als mehrere schwere Explosionen die unmittelbare Umgebung erschütterten und den gusseisernen Tisch mit übermäßiger Wucht gegen ihren Oberkörper schleuderten.

Der Explosionsdruck der Handgranaten, die von den Extremisten auf die flüchtenden Menschen geworfen wurden, war dermaßen stark, dass sie selbst davon zurückgeschleudert wurden.

Sie flogen im hohen Bogen zurück auf die stark frequentierte Straße.

Davon bekam Sly jedoch nichts mehr mit. Sie lag zusammengesunken zwischen den zerfetzten Überresten des Gartenzauns und dem völlig demolierten Bistrotisch.

Zwei spitze Holzstücke steckten im linken Oberschenkel und die Wunde begann bereits stark zu bluten. Sie bekam auch nicht mehr mit, wie ein 40 Tonnen schwerer Tanklastzug die beiden Attentäter erfasste und unter sich begrub. Sie waren sofort tot.

„Schwester Anna, geben Sie mir bitte den Krankenbericht. Wie ich sehe, ist die Patientin wieder stabil. Sie hat die Nacht überstanden, gut, gut. Wir lassen Sie noch einen Tag hier auf der Intensiv. Sollten keine weiteren Komplikationen eintreten, wird sie morgen auf die normale Station verlegt!“

Doktor Quentin Vink von der Uniklinik von Leuven nahm den Bericht entgegen. Die Patientin Sly van Gelden hatte man mehr Tod als lebend gestern Abend vom Militärkrankenhaus in Neder-Over-Heembeek nach Leuven gebracht.

Die meisten Opfer des gestrigen Anschlags waren zunächst in das Militärkrankenhaus eingeliefert worden, da diese Klinik im Norden von Brüssel eine auf Brandopfer spezialisierte Station hatte, die darauf ausgelegt war, schnell viele Menschen aufzunehmen und deren weitere Behandlung zu koordinieren.

Die Erstversorgung der Patienten erfolgte dort in einer großen Notaufnahmehalle.

Sie wurden nach der Schwere ihrer Verletzungen eingeteilt und teils direkt in andere Kliniken verlegt. Doktor Vink war seit gestern Morgen ununterbrochen im Einsatz.

Er hatte mittlerweile mit seinen Kollegen Non Stopp alle Arten von Brandverletzungen und Verletzungen durch umherfliegende Splitter bei über einhundert Verwundeten behandelt.

Es lagen immer noch zwölf Schwerstverletzte auf der Intensivstation.

Einigen unter ihnen hatte die Wucht der Explosionen ganze Gliedmaße abgerissen.

Die Patientin van Gelden hatte diesbezüglich noch Glück gehabt, sah man von der Splitterwunde am Oberschenkel ab. Andererseits war ihr Gehirn in starke Mitleidenschaft gezogen worden. Ein Bruch der Schädelfraktur war festgestellt worden.

Die Magnetresonanztomografie machte die geschädigten Knochen und die betroffene Gehirnregion deutlich sichtbar.

Er blickte kurz von dem Bericht auf die ruhig daliegende Patientin. Man hatte sie in ein künstliches Koma gelegt, um den Stoffwechsel und den Sauerstoffbedarf des Gehirns zu reduzieren.

Damit wurde verhindert, dass die Nervenzellen zu schnell abstarben und die Schwellung und der Hirndruck weiter steigen.

Doktor Vink hatte das Blutgerinnsel in Slys Kopf in einer Not-OP gestern Abend entfernt.

Nun kam es darauf an, den Stress für das Gehirn schnellstmöglich zu reduzieren.

Sly van Gelden war zwar noch nicht auf dem Weg der Genesung, jedoch waren ihre Körperfunktionen zumindest stabil und durch das eingeleitete künstliche Koma war zunächst für die Patientin alles Notwendige getan.

Doktor Vink steckte die Krankenakte zurück in die dafür vorgesehene und am Bettgestell befestigte Kunststoffhülle. Gerade ging wieder sein Piepser und verkündetet einen weiteren Notfall. An Schlaf war zumindest in den nächsten Stunden noch nicht zu denken.

Es war kalt, sehr kalt. Ich fühlte nur immerwährende Kälte. Dann stellte sich schlagartig die Panik der letzten Minuten wieder ein und die Furcht verstärkte nochmals die Kälte.

Wieso war es nur so kalt? Die Temperaturen lagen bei 20 Grad Celsius, das wusste ich genau.

Als ich das Büro verließ, hatte ich auf den Außenthermometer geschaut, der am Eingangsbereich des Gebäudes angebracht war.

Dieses Kältegefühl begann zunehmend mein gesamtes Denken zu beherrschen. Dabei gab es doch wirklich ganz andere Probleme. Wie Schuppen viel es mir von den Augen.

Die Schreie der anderen Gäste, das ausbrechende Chaos, die bellenden Schüsse und die Explosionen ließen mich nach Luft schnappen.

Dabei bemerkte ich, dass ich überhaupt keinen Mund mehr hatte. Ich hatte überhaupt kein Körpergefühl mehr, und als ich meine Blickrichtung veränderte und an meinem Körper hinunterschauen wollte, sah ich nur einen weißen Boden, aber nicht meinen Körper.

Erst jetzt wurde mir mein Umfeld richtig bewusst. Ich befand mich in einem weißen Nichts.

Ich konnte nichts anderes als die Farbe weiß wahrnehmen. Lediglich der Boden unter mir grenzte sich davor etwas ab, aber ich konnte nicht sagen, wie.

„Tod!“

Der Gedanke überschwemmte mein gesamtes Denken und verstärkte die immer noch vorhandene panikartige Grundstimmung.

Ich war im Bistro gestorben! War ermordet worden, wie zuvor meine Mutter vor sieben Jahren!

Meine Gedanken wirbelten mit einem Mal unfassbar schnell durcheinander.

Ich konnte keinen Einzigen mehr richtig fassen, konnte mich nicht mehr konzentrieren.

Ich verlor jegliches Zeitgefühl und blickte immerzu auf die weiße Fläche, die mich umgab.

„Cogito ergo sum“, blitze mit einem Donnerschlag ein Gedanke durch mein Bewusstsein, der nicht von mir zu kommen schien.

„Ich denke, also bin ich.“ Es war der erste Grundsatz des Philosophen René Descartes, der da sagte: „Da es ja immer noch ich bin, der zweifelt, kann ich an diesem Ich, selbst wenn es träumt oder fantasiert, selber nicht mehr zweifeln.“

Neue Hoffnung keimte in mir auf.

Dasselbe musste auch gelten, wenn ich dächte, ich wäre Tod; folglich war ich es nicht.

Meine geistige Konzentration und die damit verbundene Fähigkeit, mich mit einer ganz bestimmten Sache zu beschäftigen, kam so schnell zurück, wie sie verschwunden war.

Mich erschreckte zuerst noch dieser absolut fremde Gedanke, der mich aufgerüttelt hatte.

Immer wieder versuchte ich mir den genauen Wortlaut, die Betonung und Semantik aber auch das Gefühl, das ich dabei hatte, als ich die Worte vernahm, in meine Erinnerung zurückzuholen.

„Cogito ergo sum“, hörte ich immer wieder die Stimme in mir sagen, aber ich konnte sie nicht zuordnen. Einzig und allein das Wissen, dass ich es nicht war, der die Worte von sich gegeben hatte, machte mich fast kirre.

In meinem tiefsten Innern wusste ich genau, dass hier der Schlüssel zu meinem normalen Leben lag.

Mit aller mir zu Verfügung stehenden geistigen Kraft klammerte ich mich an diese Vorstellung.

Die Worte Cogito ergo sum waren der Schlüssel! Nicht der Sinn hinter diesen Worten war momentan unsagbar wichtig für mich, sondern vielmehr die Frage, von wem sie kamen.

Es war definitiv nicht mein eigener Gedanke gewesen. Meine Konzentration ließ mit einem Mal stark nach und meine Gedanken schweiften ab. Ich trieb in einem Meer von Nichts.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen war, als ich mich wieder besinnen konnte. Ohne Umschweife formulierte ich gedanklich die Frage: „Wer ist da? Sprich mit mir!“

Ich versuchte mir vorzustellen, dass jemand anders Zugang in meinen Kopf hatte, zu meiner ureigensten Gedankenwelt.

Vielleicht lag ich gerade im Krankenhaus, bewusstlos und ein Arzt sprach zu mir. Aber wie konnte ich ihn dann überhaupt hören? Verflixt, ich schweifte schon wieder ab.

Übersinnliche Wahrnehmung, so etwas gab es doch überhaupt nicht. Ich war voll und ganz Realist; schon immer gewesen. Trotzdem war ein fremder Gedanke in meinem Kopf erschienen.

„Wer ist da, melde dich bitte. Ich brauche Hilfe!“

Ich konzentrierte mich so fest ich konnte auf die Bitte um Hilfe und stellte mir bewusst das Vorhandensein eines anderen, denkenden Wesens vor. Es hatte zu mir gesprochen, also war es auch da. Ich wiederholte immer wieder denselben Gedanken: „Wer ist da, melde dich bitte. Ich brauche Hilfe!“

Mein ganzes Sinnen und Trachten war nur auf diesen einen Gedanken gerichtet.

Ich weiß nicht, wie lange und wie oft ich diesen gedanklichen Hilfeschrei wiederholt habe. Ich versuchte nicht aufzugeben, aber irgendwann wurden meine Gedanken immer träger und ich kam der Verzweiflung immer näher.

Plötzlich glaubte ich, ein Aufblitzen in dem immerwährenden Weiß der Umgebung bemerkt zu haben.

Ich versuchte etwa genauer auf diese Stelle zu blicken. Unvermittelt überkam mich ein Wohlgefühl, eine Art Glückseligkeit, die ich bis dahin in dieser Form noch nicht gekannt hatte.

Die Kälte war verschwunden und genau in dem Moment, als ich es bewusst wahrnahm, hörte ich wieder die Stimme, den Gedanken, der nicht mein eigener war: „Du gehst zurück in deine Welt. Ich folge dir!“

Es blitzte vor meinen Augen hell auf und ich spürte, wie warmes Sekret aus meinen Augen über die Wangen floss.

Ich blinzelte etwas verwirrt und versuchte die helle Silhouette, die jetzt aus dem Weiß heraus stach, mit dem Blick zu fixieren.

Gleichzeitig mit den Konturen, die sich zunehmend verdichteten und Farbe annahmen, überkam mich eine starke Übelkeit.

Mit dem Einsetzen meines Gehörs kamen die Kopfschmerzen. Ich stöhnte auf und wollte mit den Händen an den Kopf fassen, was aber nicht ging. Laute, donnerartige Geräusche, die sich Stück für Stück als gesprochene Worte herausstellten, malträtierten meinen Gehörnerv und verstärkten meine Kopfschmerzen.

„Doktor Vink, schnell die Komapatientin wacht auf. Das ist doch unmöglich. Sie sollte noch mindestens eine Woche im künstlichen Koma liegen. Die Instrumente spielen verrückt!“

Die Zimmertür wurde aufgerissen und Doktor Quentin Vink stürmte zusammen mit einem Assistenzarzt in das Krankenzimmer.

„Was geht hier vor, Schwester?“

Mit einem routinemäßigen Blick hatte Doktor Vink bereits die Geräteanzeigen wahrgenommen und prüfte sofort die angehängten Infusionen.

Es war alles so, wie es auch hätte sein müssen, mit nur einem Unterschied, die Patientin war aufgewacht und blinzelte im entgegen.

„Ich weiß es nicht. Es kam ganz plötzlich. Die Herzfrequenz stieg sprunghaft an, dann war die Patientin bereits bei Bewusstsein, obwohl die Narkotika weiterhin intravenös zugeführt wurden.“

Doktor Vink winkte ab. Schwester Anna konnte man keinen Vorwurf machen. Zunächst musste er sich jetzt um die Patientin kümmern, danach konnte er immer noch Ursachenforschung betreiben.

Er reduzierte die Zuführung von Narkotika auf das absolute Minimum, um lediglich den Schmerzpegel zu reduzieren und beugte sich leicht über Sly.

„Es ist alles in Ordnung. Sie sind bei uns in guten Händen.“

Er versuchte ein freundliches und beruhigendes Lächeln aufzusetzen, während er mit einer kleinen Lampe die Augenreflexe überprüfte.

„Es ist alles in Ordnung!“ Ich vernahm die leisen Worte und versuchte so langsam wie möglich zu atmen.

„Von wegen alles in Ordnung“, dachte ich noch, dann klärte sich meine Sicht und ich blickte in das recht ansehnliche Gesicht eines Mannes, der mich freundlich anlächelte.

Der Kopfschmerz reduzierte sich auf einen verträglichen Wert und die Übelkeit war nur noch unterschwellig zu spüren.

Langsam klärten sich auch meine Gedanken.

Mir kam es vor, als wäre ich aus einem Albtraum erwacht, obwohl nicht alle Erinnerungen von dem, was ich anscheinend im Unterbewussten erlebt hatte, verschwunden waren.

Meine Zunge fühlte sich schwer und trocken an. Ich versuchte zu sprechen, aber es kam nur ein Krächzen aus meiner Kehle.

Meine Arme fühlten sich an, als würden sie vollkommen aus Blei bestehen.

Dankbar trank ich einen Schluck Wasser aus dem Glas, das mir die Schwester an den Mund hielt.

Sofort musste ich schwer schlucken und ein Hustenanfall schüttelte mich heftig durch.

Jetzt verstärkten sich die Kopfschmerzen auch wieder und ich spürte am linken Oberschenkel einen heftigen, spitzen Schmerz, der mich nochmals zusammenzucken ließ.

Die Schwester hatte gerade noch rechtzeitig das Glas von meinem Mund zurückgezogen, um es nicht zu verschütten, und hielt es jetzt wieder hin.

„Ganz langsam. Nur einen kleinen Schluck. Das wird schon wieder.“

„Danke“, hauchte ich lediglich, dann schloss ich vor Schwäche die Augen und fiel trotz Schmerzen sofort in einen unruhigen Schlaf.

Wüste Gedanken jagten durch meinen Geist. Eine böse dreinblickende, dunkle Nebelgestalt versuchte mir immer wieder Angst einzuflößen.

Ich sah im Fiebertraum Bilder von schwer verletzten Menschen, teilweise mit abgetrennten Extremitäten und überall war Blut; es floss regelrecht in Strömen.

Alles spielte sich merkwürdigerweise vollkommen still und absolut geräuschlos ab. Eine hinterhältige Kälte überkam mich mit einem Mal und versucht mein gesamtes Denken in Besitz zu nehmen.

Ich war ihr vollkommen hilflos ausgeliefert.

Meine Gedanken, mein Ich trieben in seltsamen Wogen aus Eis und abgeschnittenen Gliedmaßen dahin, als ein Donnerschlag gefolgt von einem sonnenhellen Blitz mitten in das Geschehen fuhr.

„Der Weg ist offen. Gehe ihn mit bedacht und fordere deine Aufgabe ein!“

Ich hatte das Gefühl, das mich aus der kurzen, grellen Erscheinung des Blitzes heraus Augen angeschaut hatten.

Dann folgte bereits der fremde Gedanke und ein warmes Wohlgefühl verdrängte Kälte und Schmerz.

Sofort war ich hellwach und ich blickte etwas verstört an die gegenüberliegende Wand des Krankenhauszimmers.

Mein Gehör vernahm das leise, regelmäßige Piepen der Geräte.

In meinem Geist hörte ich immer noch die Worte einer fremden Stimme, eines fremden Gedankens und wiederholte immer wieder die letzten Worte: „Fordere deine Aufgabe ein!“

„Aufgabe, welche Aufgabe?“

Plötzlich meldete sich mein Magen mit einem sonoren und anhaltenden Brummen. Ich hatte Hunger.

Ich musste grinsen. Wie sagte meine Oma immer, wenn du Hunger spürst, ist die schlimmste Krankheit überstanden und du befindest dich auf dem Weg der Besserung. Tatsächlich fühlte ich mich, als könnte ich Bäume ausreisen.

Mit wachsendem Interesse schaute ich mich um. Aus zwei Infusionsbeuteln, die an einem Ständer hingen, tropften irgendwelche Flüssigkeiten durch transparente Schlauchleitungen, die mit meinem rechten Arm verbunden waren.

Ich lag alleine im Zimmer, das auch nur mit einem Bett belegt war.

Helles Sonnenlicht fiel durch die zur Hälfte heruntergelassene Jalousie. Das Fenster befand sich auf der rechten Seite und nahm die ganze Wand ein.

Da es bodentief war, konnte ich sogar noch ein Stück grünen Rasen erkennen.

Das Zimmer befand sich demnach im Parterre. Das Gras zog mich regelrecht magisch an und ich konnte nur mit einem gewissen Widerwillen den Blick wieder davon wenden.

Ich glaubte sogar, Vogelstimmen zu hören, obwohl das Fenster geschlossen war.

Ich fühlte mich wie neu geboren. Als die Zimmertür aufging, war ich noch vollkommen in meinen Gedanken versunken.

Ich bemerkte die Schwester erst, als sie neben den Infusionsbeutel stand und mich, wie es aussah, schüchtern anlächelte. Sie war noch sehr jung. Ich schätze ihr Alter höchstens auf neunzehn Jahre.

„Ich bin Schwesternschülerin Beatrice. Guten Morgen. Wie geht es Ihnen heute?“

„Gut“, kam es mir mehr unbewusst über die Lippen.

„Kann ich den behandelten Arzt sprechen?“

Ich wollte so schnell wie möglich Gewissheit über meinen Gesundheitszustand bekommen.

Dokter Vink operiert gerade. Ich denke, er wird aber danach nochmals bei Ihnen vorbeischauen.“

„Wie lange bin ich schon hier?“

„Ich weiß nicht genau. Moment, der Einlieferungstermin müsste in der Akte stehen.“

Schwesternschülerin Beatrice ergriff die am Fußteil des Bettes hängende Akte und sagte: „Sie sind vor zehn Tagen eingeliefert worden.“

Ich blickte sie etwas erschrocken an. Das hätte ich jetzt nicht gedacht.

Die neue Verbundenheit

„Schwester, blate umpf…“

Ich versuchte die Tasse Tee zurück auf das Tablett zu stellen und wollte die Schwester gerade um ihre Hilfe beim Aufrichten bitten, aber ich bekam kein klares Wort mehr über die Lippen.

Gleichzeitig fiel mir die Tasse aus der Hand und zersprang auf dem Boden in mehrere Stücke. Mein Blickfeld verschwamm und es setzten rasende Kopfschmerzen ein.

Mit einem lauten, Seufzer ähnlichen Geräusch, ließ ich mich zurück in das Kopfkissen fallen.

Der Raum begann sich zu drehen. Dunkle Schatten tanzten vor meinen Augen und ich fühlte eine Berührung in meinem Gesicht.

„Schnell, wir benötigen Heparin in hoher Dosierung. Hängen Sie die Infusion um. Die Symptome deuten auf eine Sinusthrombose hin“, vernahm ich die Worte des Arztes in unmittelbarer Nähe, konnte ihn aber nicht sehen.

Vor meinen Augen tanzten nur Schatten.

„Schwesternschülerin Menges, was wissen Sie über Sinusthrombosen.

Mehr unterbewusst hörte ich eine zweite Stimme sagen: „Als Sinusthrombose wird das Auftreten von Blutgerinnseln in den großen venösen Zusammenflüssen des Gehirns in der harten Hirnhaut, den venösen Sinus durae matris, bezeichnet. Sinusthrombosen können einen Schlaganfall des Gehirns auslösen.“

„Bravo. Ich sehe, sie haben Ihre Hausaufgaben gemacht.“

Trotz dieser Worte wurde die Angst, die mich angesprungen hatte, vollkommen durch ein beruhigendes Gefühl verdrängt.

Es stellte sich das bereits bekannte Wohlgefühl ein und eine innere Ruhe überkam mich. Es würde alles gut werden, davon war ich überzeigt.

„Ich kann nur hoffen, dass sich der Eingriff im Kopf nicht entzündet hat, sonst müsste ich nochmals operieren.“

Das wollte ich auf keinen Fall. Ich hatte eigentlich gedacht, dass sich mein Gesundheitszustand rapide verbessert hätte und nun das.

„Werde eins mit deinem Körper und hilf ihm bei der Heilung!“

Ich fühlte, dass ich nicht mehr alleine war. In meinem Geist vernahm ich wieder einen fremden Gedanken und spürte die Anwesenheit von etwas großen, alles umspannenden und mächtigen Wesen.

Ich konnte es nicht ausdrücken, aber fühlen konnte ich es genau.

„Konzentriere dich auf die Stelle des Übels und reis es heraus!“

Der Gedanke war nicht bestimmend, eher als guter Rat gemeint. Ich warf alle meine bisherigen Vorurteile über Bord und stellte mir geistig die Stelle in meinem Kopf vor, die besonders schmerzte.

Ich konzentrierte mich, sah vor meinem geistigen Auge etwas Dickes, Rotes und versuchte es, in einer bildlichen Vorstellung, gewaltsam mit einem scharfen Messer herauszuschneiden und in den nächstbesten Mülleimer zu werfen.

Immer wieder versuchte ich diese bildliche Vorstellung in meinem Geist zu wiederholen.

Es ging zunächst nicht so gut. Das Bild wurde unscharf oder ich verlor die Konzentration und musste wieder von vorne anfangen.

Aber je länger ich es versuchte, umso besser bekam ich es in den Griff. Ich weiß nicht, wie viel Zeit tatsächlich vergangen war, als ich endlich in einen erschöpften Schlaf fiel.

Ich schlief traumlos, jedenfalls konnte ich mich, als ich wieder aufwachte, an keinen Traum erinnern.

Heller Sonnenschein fiel ins Zimmer und ich hatte keine Kopfschmerzen mehr. Ganz im Gegenteil tat mir die morgendliche Helligkeit gut.

Mein Blick wanderte durch das bodentiefe Fenster hinaus auf den beginnenden Morgen, oder war es schon Mittag?

Jedenfalls konnte ich den grünen Rasen sehen und zwei kleine Laubbäume, die mir mit ihren saftig, grünen Blättern, regelrecht entgegen sprangen.

„Halbstamm“, kam mir die Bezeichnung für den Wuchs in den Sinn. Meine Großmutter hatte mir sehr viel über Pflanzen erzählt.

Das Blattgrün der Blätter erschien mir heute besonders stark zu strahlen. Sie stachen richtiggehend von dem blauen Himmel und der grauweißen Fassade des Krankenhauses ab. Ich glaubte sogar, durch die geschlossene Fenstern Vogelstimmen zu hören.

Die Natur zog mich wie magisch an. Mein Blick begann sich zu verklären, als ich eine leise Frauenstimme vernahm.

„Hallo Sly!“ Sie klang relativ verhalten, sodass ich mich neugierig in ihre Richtung umdrehte.

In der geöffneten Zimmertür stand eine junge Frau. Ich brauchte eine Weile, um sie zu erkennen.

Es war tatsächlich Amaury de Wit, meine Arbeitskollegin. Sie lächelte etwas zaghaft, und als sie langsam auf mich zuging, stiegen mir tatsächlich Tränen in die Augen.

Ihr Lächeln verschwand sofort wieder, und als sie neben mir stand, fragte sie: „So schlimm?“

Sie stellte den kleinen, weißen Keramikübertopf mit der Primel vorsichtig auf den Tischwagen neben dem Bett.

„Nein, nein, es geht schon wieder. Ich hatte ganz vergessen, dass ich noch ein Leben außerhalb des Krankenhauses habe. So doof das auch klingen mag, aber ich bin momentan ziemlich mit mir selbst beschäftigt. Manchmal denke ich, dass der Überfall schon Monate zurückliegt und nicht erst zwei Wochen.“

„Sly, ich soll dir auch liebe Grüße von den Kollegen überbringen. Wir hoffen alle, dass du schnell wieder gesund wirst.“

Ich nickte ihr zu. „Danke. Das werde ich, da bin ich mir ganz sicher!“