Unter Bären und Tigern - Reno Sommerhalder - E-Book

Unter Bären und Tigern E-Book

Reno Sommerhalder

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Beschreibung

Seit bald dreißig Jahren lebt der Schweizer Bärenexperte und Wildnis-Guide Reno Sommerhalder mit Grizzlys in den wildesten noch intakten Ökosystemen unserer Erde. Seine Sehnsucht nach unberührten Landschaften zieht ihn auch immer wieder in die Wildnis Russlands. Dieses Mal begleitete Reno seinen russischen Biologenkollegen Sergey Kolchin in die ussurische Taiga, wo die zwei Männer einen Sommer lang verwaiste Asiatische Schwarzbären und Ussurische Braunbären auswilderten. Den Jungbären die Freiheit zurückgeben zu können, die ihnen von Wilderern genommen wurde, war laut Reno Sommerhalder ein wunderbares Erlebnis. Der große Nervenkitzel dieses Projektes bestand aber nicht nur in den täglichen Spaziergängen mit den Jungbären in die freie Wildbahn, sondern in der einmaligen Gelegenheit, sich mit der größten aller Großkatzenarten auseinanderzusetzen, den Sibirischen Tigern. Reno Sommerhalder spürte die mächtige Präsenz der Amurtiger, von denen nur noch 350 durch die Wälder des fernen Ostens Russlands streifen, täglich - und ein paarmal hautnah!

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Seitenzahl: 243

Veröffentlichungsjahr: 2014

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RENO SOMMERHALDER

Unter Bärenund Tigern

Mein Abenteuer in dersibirischen Taiga

In Zusammenarbeit mit Andrea Pfeuti

Das Buch:

Seit bald dreißig Jahren lebt der Schweizer Bärenexperte und Wildnis-Guide Reno Sommerhalder mit Grizzlys in den wenigen noch intakten Ökosystemen unserer Erde. Seine Sehnsucht nach unberührten Landschaften zieht ihn auch immer wieder in die Wildnis Russlands. Dieses Mal begleitete Reno seinen russischen Biologenkollegen Sergei Koltschin in die ussurische Taiga, wo die zwei Männer einen Sommer lang verwaiste Asiatische Schwarzbären und Ussurische Braunbären auswilderten. Den Jungbären die Freiheit zurückgeben zu können, die ihnen von Wilderern genommen wurde, war laut Reno Sommerhalder ein wunderbares Erlebnis. Der große Nervenkitzel dieses Projektes bestand aber nicht nur in den täglichen Spaziergängen mit den Jungbären in die freie Wildbahn, sondern in der einmaligen Gelegenheit, sich mit der größten aller Großkatzenarten auseinanderzusetzen, den Sibirischen Tigern. Reno Sommerhalder spürte die mächtige Präsenz der Amurtiger, von denen nur noch 350 durch die Wälder des fernen Ostens Russlands streifen, täglich – und ein paarmal hautnah!

Alle Rechte vorbehalten, einschließlich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe

© 2014 Wörterseh Verlag, Gockhausen

Rewriting: René Staubli, Zollikon

Lektorat: Claudia Bislin, Zürich

Korrektorat: Andrea Leuthold, Zürich

Umschlaggestaltung: Thomas Jarzina, Holzkirchen

Fotos Umschlag: Georgios Kefalas, Basel (Reno) – Sergei Koltschin, Russland (Bären) – Wildtierkamera Koltschin/Sommerhalder (Tiger) Fotos Bildteil: Reno Sommerhalder, Kanada (andere Quellen sind gekennzeichnet)

Karten: Rich Weber, Luzern

Layout, Satz und herstellerische Betreuung:

Rolf Schöner, Buchherstellung, Aarau

Lithografie: Tamedia Production Services, Zürich

Print ISBN 978-3-03763-052-5 E-Book ISBN 978-3-03763-565-0

www.woerterseh.ch

Für Mama und Papa Sommerhalder,für Mama und Papa Pfeuti.Für ein Aufwachsen in Freiheit, Liebe und Vertrauen… auch wenn Ihr über jede erneute Abreise von uns froh wart!

Reno und Andrea

»Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nationkann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandelt.«

Mahatma Gandhi

Inhalt

Kanada, meine neue Heimat

Große Liebe, große Herausforderung

Im russischen Camp

Unbeschreibliche Gefühle

Faszination Tiger

Vorbereitung der Expedition

Ein dramatisches Erlebnis

Glück und Sorgen in der Wildnis

Freiheit für Nyura, Nora und Urs

Bären spielen Tarzan

Wenn Tiger attackieren

Abstecher nach Kamtschatka

Ein toter Tiger, Zecken und Spatzbienen

Mit Ara im Camp

Begegnung mit dem Tiger

Die reinste Mutprobe

Ängste

Erkenntnisse

Herbst im Durmintal

Tiger fressen Bären

Die jungen Tiger sollen leben

Tiere haben Gefühle

Abschied

Gute und schlechte Nachrichten

Nachwort

Thank you

Naturkundlicher Anhang

Fotos von Reno Sommerhalder

Kanada, meine neue Heimat

Vor bald dreißig Jahren bin ich nach Kanada ausgewandert. Soweit ich mich erinnere, habe ich mich in der Schweiz nie wirklich zu Hause gefühlt. Stets verspürte ich eine innere Unruhe, Unzufriedenheit und Rastlosigkeit; ich benahm mich zusehends wie ein Außenseiter. Aufgewachsen bin ich in Kloten, zusammen mit meinen zwei Brüdern. Sport war meine große Leidenschaft. Beim Fußball, Skifahren, Tennis und Squash wurde ich meine überschüssige Energie am besten los. Nach der Schule machte ich in der ETH-Kantine in Zürich eine Lehre als Koch, doch auch diese Arbeit verschaffte mir die ersehnte Befriedigung nicht. An freien Tagen oder während meiner Zimmerstunde war ich am liebsten im Wald unterwegs, möglichst weit weg vom Lärm der Zivilisation. Der Wald wurde zu meiner Rückzugsoase, dort fühlte ich mich am wohlsten.

Als meine Mutter nach einer Reise von der ungezähmten Natur Kanadas schwärmte, machte ich mich selber auf den Weg in dieses große, unbekannte Land. Damals war ich zwanzig Jahre jung und noch ziemlich naiv. Mit zwei gleichaltrigen Kollegen reiste ich sechs Monate lang quer durch den Norden Amerikas. Kurz bevor mein Visum ablief und ich wieder in die Schweiz zurückkehren musste, zog es mich nochmals allein hinaus in die Weite des Jasper-Nationalparks, wo ich illegal campierte. Unwissend, wie ich war, bewahrte ich mein Essen im Zelt auf. Mitten in der Nacht wurde ich von einem Schwarzbären geweckt, der mit seiner Pranke die Seitenwand meines Zelts herunterriss und den Kopf neugierig zu mir hereinstreckte. Diese erste, hautnahe, erschreckende und gleichzeitig magische Begegnung mit einem wild lebenden Bären veränderte mein Leben für immer. Durch jenes schicksalhafte Zusammentreffen habe ich letztlich zu mir selber und zu meiner Berufung gefunden.

Seither bin ich hauptsächlich dort anzutreffen, wo Bären leben. Während des Sommers führe ich Bärentouren in Russland, Alaska, Kanada und Europa. Daneben beteilige ich mich an Wildtierstudien, betreibe Verhaltensforschung an den von mir beobachteten Bären und leite Workshops zum sicheren Umgang mit ihnen. Im Winter, während die Bären in ihren Höhlen schlummern, halte ich an Schulen Vorträge, um Kindern ein sensibleres Bewusstsein gegenüber der Natur mit auf den Weg zu geben. Ich bin auch oft in der Schweiz, um den Menschen mit multimedialen Präsentationen das Thema Bär und Umweltschutz näherzubringen.

Natürlich erzähle ich dann auch von meinem Leben in Kanada. Mein erster Wohnort befand sich nicht zufällig dort, wo ich meinem ersten Bären begegnete. Nachdem ich eine Arbeitsbewilligung erhalten hatte, stellte mich die Jasper Park Lodge im Herzen des gleichnamigen Nationalparks als Koch ein. Kaum waren die Herdplatten nach der Arbeit abgekühlt, lockte mich die Natur. Ich setzte mich auf mein Mountainbike mit dem auf dem Gepäckträger festgebundenen Stativ und düste damit auf Waldpfaden in der Gegend herum – immer auf der Suche nach Wildtieren, vor allem nach Bären. An meinem Werdegang als künftiger Starkoch zweifelte ich schon bald. Nach drei Jahren wurde mir definitiv bewusst, dass ich nicht weiterhin stundenlang in der Küche stehen wollte. Ich musste eine neue Beschäftigung finden – etwas, das mir erlaubte, mich hauptsächlich in der Natur aufzuhalten, eine Tätigkeit, die meiner wahren Leidenschaft gerecht wurde. In der Folge verbrachte ich sechs Monate pro Jahr irgendwo in der Wildnis, umgeben von Bären. Finanziell gesehen, waren das magere Zeiten. Ich lebte mehr oder weniger im Busch und ernährte mich, soweit es mein damals limitiertes Wissen erlaubte, von der Natur. Überlebenskurse in Britisch-Kolumbien und in den USA verhalfen mir zum notwendigsten Wissen. Den Rest lernte ich von neuen Freunden und aus unzähligen Büchern, die ich gierig verschlang. Mit der Zeit fing ich an, Familienmitglieder, Freunde und Freunde meiner Freunde auf Trips nach Alaska und Kanada mitzunehmen. Die große Freude, welche diese Exkursionen bei meinen Reisekameraden auslöste, brachte mich auf die Idee, meinen Lebensunterhalt als Guide zu verdienen. Ich absolvierte zwei Ausbildungen der ACMC (Association of Canadian Mountain Guides). Von da an durfte ich Kunden gegen Bezahlung in die Wildnis führen und sie dort mit der Welt der Bären bekannt machen.

In jener Phase hatte ich ein folgenschweres Erlebnis: Zum ersten (und letzten) Mal aß ich Bärenfleisch, welches ich mir zusammen mit Wildgepflücktem zubereitet hatte. Sie werden denken: Ein Bärenfreund, der Bärenfleisch isst, wie passt denn das zusammen? Ich hatte es von einem Kollegen geschenkt bekommen. Es stammte von einem Bären, der auf Nahrungssuche immer öfter in Schuppen eines Dorfes eingebrochen war und deshalb als potenziell gefährlich galt. Er wurde von einem Dorfbewohner erschossen. Ich machte das Beste draus: ein Festmahl bei Kerzenlicht ganz für mich allein – zu Ehren des Tieres. Seither weiß ich zumindest, wie Bärenfleisch schmeckt: überraschend neutral. Nach dem Essen spürte ich zunächst keine Folgen, doch einige Tage später, als ich in einem marokkanischen Restaurant ein halbes Glas Rotwein trank, brach ich mit einem epileptischen Anfall zusammen. Was sich in meinem Körper genau abgespielt hatte, konnte mir anschließend niemand mit Sicherheit sagen. Möglicherweise war es zu einer chemischen Reaktion des Schwefels im Wein mit dem Zyanid der wilden Pflanze Triglochin maritima gekommen, die ich als Beilage verspeist hatte. Wie dem auch sei: Im Spital lernte ich Mireille kennen, die dort als Krankenschwester arbeitete. Im Jahr 2000 wurde unsere Tochter Isha geboren. Die Beziehung hielt allerdings nicht lange, wir lebten uns auseinander, fanden aber eine gute Betreuungslösung: Heute verbringt Isha ein halbes Jahr bei mir und meiner Lebensgefährtin Andrea in Banff bei Calgary und das andere Halbjahr bei ihrer Mutter in Quebec.

Fast auf den Tag genau zur selben Zeit, als Mireille und ich uns trennten, beendete auch Andrea ihre Beziehung mit ihrem damaligen Partner Michael – 13000 Kilometer von mir entfernt in Afrika. Was Andrea und mich zusammenbrachte, war ein kurzer Artikel mit Foto in der Pendlerzeitung »20 Minuten«. Das Bild zeigt vier meiner Bärenschützlinge von der russischen Halbinsel Kamtschatka, wo ich 2004 mit dem kanadischen Bärenforscher Charlie Russell einige Monate gelebt und Bären ausgewildert hatte. Die Bären blicken frontal in die Kamera, von mir ist nur der Rücken zu sehen. Ein paar Tage später erhielt ich eine E-Mail von einer mir unbekannten Frau namens Andrea. Sie dankte mir für meine Arbeit und schrieb, ihr gefalle, dass auf dem Foto die Bären im Zentrum stünden und nicht der Mensch; sonst sei das meistens umgekehrt. Offenbar gehe es bei meiner Tätigkeit nicht in erster Linie um mich, sondern primär um die Sache der Bären und der Natur. Die herzliche, unvoreingenommene Art, mit der Andrea meiner Arbeit begegnete, bewegte mich. Ich erfuhr, dass sie mit Michael zwei Jahre durch Afrika gereist war. Unterwegs merkten sie, dass es mit ihrer Beziehung haperte. Sie trennten sich als Paar, reisten jedoch gemeinsam weiter durch den Schwarzen Kontinent. In Sambia arbeiteten sie spontan auf einer Affenauffangstation für verwaiste Schimpansen und Gorillas mit und lernten dadurch auch den bekannten Tierschützer Karl Ammann kennen, der dort auf Besuch war. Der Schweizer Ökonom lebt seit vierzig Jahren in Kenia, und seine Filme und Bücher illustrieren unmissverständlich den unaufhörlichen Wahnsinn der Abschlachtung von Tieren und den Schmuggel mit ihnen – nicht nur in Afrika. Andrea und ich schrieben uns häufig und stellten fest, dass wir uns nahestanden und sich unsere Ansichten und Wertvorstellungen weitgehend deckten. Es dauerte jedoch zwei weitere Jahre, bis wir uns erstmals persönlich begegneten.

Große Liebe, große Herausforderung

Werde ich ihn sofort erkennen? Soll ich ihm die Hand geben, ihn umarmen oder gleich küssen? Soll ich hier sitzen bleiben oder ihm lachend entgegenlaufen? Wie sehe ich aus? Meine Nervosität am Tag unseres ersten Treffens steigert sich von Minute zu Minute – fast bis ins Unerträgliche. Ich sitze auf einer Bank im Thuner Bahnhof, bin nervös, rastlos, innerlich aufgewühlt, versuche aber, möglichst ruhig zu wirken, während ich die Menschenmenge wie mit einem Radar absuche. Mehr als zwei Jahre lang haben wir uns zahllose E-Mails geschrieben, nun werden wir uns zum ersten Mal sehen. Der Funke zwischen Reno und mir ist irgendwann zwischen »Posteingang« und »Gesendet« gesprungen – je mehr ich von ihm erfuhr, desto intensiver fühlte ich mich zu ihm hingezogen. Dass wir uns endlich treffen, erscheint mir surreal.

Plötzlich entdecke ich einen schwarzen Wuschelkopf. Dieser lässige, wild aussehende Mann sticht aus der Menge heraus, irgendwie passt er überhaupt nicht ins Bild und sieht aus, als wäre er am falschen Ort ausgestiegen. Er ist kleiner und dünner, als ich ihn mir vorgestellt habe; ich hatte einen Bären von einem Mann erwartet! Er sieht mich, lacht, wir laufen uns entgegen und schließen uns in die Arme. Eine wohltuende Vertrautheit vertreibt meine Aufregung innert Sekunden. In den ersten zwei Tagen, die wir miteinander verbringen, verwandeln wir uns in »Lovebirds«. Wir sind über beide Ohren ineinander verliebt; schon der Gang zur Toilette fühlt sich wie eine Trennung an, die Tage vergehen wie im Flug. Dann muss Reno wieder weg, um in Zürich seine Vortragsreihe zu beenden; auf mich wartet meine Arbeit als medizinische Praxisassistentin. Noch ahne ich nicht, dass dieser Mann zu meiner großen Liebe – und gleichzeitig zu meiner größten Herausforderung werden wird. In der Folge explodiert die Punktesammlung auf unseren Air-Miles-Konten. Entweder reise ich zu Reno nach Kanada oder er zu mir in die Schweiz. Wir leben wie Zigeuner. 2008 lerne ich Isha kennen, Renos damals achtjährige Tochter. Ich erinnere mich noch gut, wie sie bei ihrer Zürcher Großmutter Claire unter dem Türrahmen stand, als wir uns zum ersten Mal sahen. Durch Renos Erzählungen wussten wir bereits viel voneinander.

Zwei Monate nach unserem Treffen zeigt mir Reno in Alaska meine ersten Bären. Wir paddeln mit den Kajaks über einen fünf Kilometer breiten Meeresarm in eine Bucht. Lange bevor wir mit unseren Plastikbooten das Ufer erreichen, halten wir Ausschau nach Lachs fischenden Bären und müssen nicht lange warten. Das Wasser spritzt auf, wenn die mächtigen Tiere ihrer glitschigen Beute nachjagen. Ich bin beeindruckt von ihrer Geschicklichkeit, Kraft und Schnelligkeit. Reno weiß unglaublich viel über sie zu erzählen. Einige Bären sind talentierte Fischer und fangen ihren Lachs innert kürzester Zeit, andere verschwenden dabei so viel Energie, dass man sich wünschte, sie würden grad einem Walfisch begegnen.

Wir ziehen unsere Kajaks weit an Land, denn zwischen Ebbe und Flut kann die Differenz bis zu sechs Metern betragen. Was jetzt noch im Trockenen steht, wird in ein paar Stunden tief unter Wasser sein. Kaum angekommen, entdecken wir einen Braunbären, der sich langsam auf uns zubewegt. Reno ermahnt mich, still zu sein, keine hastigen Bewegungen zu machen und – wichtig! – keinesfalls schreiend davonzulaufen. Wir setzen uns zwischen zwei große Steine und beobachten den Bären aufmerksam. Je näher er kommt, desto heftiger klopft es in meiner Brust. Mein Adrenalinspiegel steigt und beschert mir einen Höhenflug der Gefühle. Besser denn je kann ich mir in diesem Moment vorstellen, dass nicht jeder die Nerven behält, wenn so ein Tier direkt auf ihn zusteuert! Der Braunbär zottelt nur wenige Meter an uns vorbei, wir scheinen ihn nicht zu interessieren.

Reno zeigte mir in Alaska auf eindrückliche Weise, dass die Bären – ob jung oder alt, mit oder ohne Junge – tolerante Tiere sind. All die Märchen und Schauergeschichten, mit denen ich aufgewachsen bin, verlieren durch diese Erlebnisse ihre prägende Wirkung. Nach einigen weiteren positiven Begegnungen traue ich mir den Weg von unserer abgelegenen Hütte durch den märchenhaften Regenwald bis ins drei Kilometer entfernte Dorf auch ohne Renos Begleitung zu. Ich weiß nun einigermaßen, worauf ich zu achten hätte, wenn ich einem Bären begegnen würde.

Renos Denk- und Lebensweise, seine Achtung vor den Tieren und die Wertschätzung der Natur lerne ich nicht nur auf unseren Ausflügen und Reisen kennen. Auch im Alltag spielen diese Faktoren eine wichtige Rolle. Reno träumt von Bären, liest über Bären, philosophiert über Bären, sorgt sich um die Bären, schreibt über Bären, fliegt zu den Bären, spricht über Bären, fotografiert Bären, isst wie ein Bär – und er sieht auch aus wie einer. Man könnte sagen, er sei ein Besessener. Manchmal schaue ich kritisch in den Spiegel, um zu überprüfen, ob ich mich inzwischen ebenfalls mit dem Bären-Virus angesteckt habe und mir Barthaare wachsen!

Nicht selten ergeben sich aus Renos totaler Naturverbundenheit auch Meinungsverschiedenheiten. Wenn jemand versucht, mir seine Überzeugungen aufzudrängen, bringt mich das in Rage; ich kann dann ziemlich stur reagieren. In Banff, wo wir wohnen, benutzt Reno das Auto nur selten. Er geht meist zu Fuß oder fährt mit dem Velo. In das nächste Dorf Canmore fährt er nur, wenn er unbedingt muss. Das Geschirr wäscht er genau nach seinem Wassersparplan ab. Sein grauer Pullover, den er das ganze Jahr über trägt, ist in der Zwischenzeit ziemlich löchrig – und noch immer fragt er nach Flickmöglichkeiten. Im Haus wird die Temperatur tief gehalten, um Energie zu sparen. Reno hat eine starke Vorstellung davon, wie die Dinge ablaufen sollten, während mich seine fixen Ideen auf die Palme treiben. Sie sind für mich auch eine Art Umweltverschmutzung.

Ob wir Freunde treffen oder neue Leute kennen lernen, es dauert selten lange, bis wir beim Thema Bär, Mensch und Umwelt angelangt sind. Die meisten hören sich die Geschichten staunend oder gar mit Bewunderung an. Manche sagen, sie hätten auch schon davon geträumt, ihrem geregelten und nicht selten einengenden Leben den Rücken zu kehren. Oftmals staunen sie, dass Reno überhaupt noch lebt, wo er den Bären doch dauernd so nahe kommt. Seit dem Dokumentarfilm »Die Suche nach Sky« im Schweizer Fernsehen und seinem ersten Buch »Ungezähmt« wird er in der Öffentlichkeit immer wieder angesprochen. »Ah, der Bärenmann!«, tönt es, oder: »Ich habe deinen Film gesehen!« Wir erleben das selbst in den Ferien im Ausland, was nicht immer angenehm ist. Jede Medaille hat eben auch ihre Kehrseite.

Dabei war der Weg zur Bekanntheit ziemlich beschwerlich. Bevor Reno in der Schweiz seine Vorträge hielt, fuhren wir jeweils mit unserem vollgepackten kleinen Auto von Ort zu Ort, klebten Plakate an die Wände und verteilten stapelweise Flyer. Wir gingen fest davon aus, dass die Säle voll sein würden und sogar Leute draußen bleiben müssten. Die Realität sah freilich anders aus: In Chur stand Reno vor einem Publikum, das aus sieben Personen bestand! Das war der absolute Tiefpunkt. Zu meinem Erstaunen reagierte er mit Humor auf die deprimierende Situation. Als wir wieder im Auto saßen, sagte Reno zu Isha und mir, der Bergsteiger Ueli Steck präsentiere am selben Abend im Kirchgemeindehaus seine Show, er sei gespannt, wie viele Tickets er verkauft habe. Also fuhren wir hin. Reno ging hinein, während wir müde im Auto sitzen blieben. Minuten später kam er zurück und schilderte uns niedergeschlagen, wie ihm in der Eingangshalle der tosende Applaus der zahlreichen Zuschauer entgegengeschlagen habe. Anschließend strömten Hunderte von strahlenden Besuchern aus dem Saal. Diese Erfahrung wurde zum Wendepunkt. Reno suchte die Zusammenarbeit mit Stefan Pfander vom Atelier Terra. Mit ihm produzierte er eine professionelle Full-HD-Multimedia-Show, die zu einem vollen Erfolg wurde. Von da an füllten sich die Säle.

In jener Zeit verspürte ich immer stärker den Wunsch nach einem eigenen Kind. Zum einen, weil ich bald vierzig wurde, vor allem aber auch, weil Reno diesbezüglich ein Verlangen in mir weckte, das ich vorher so nicht gekannt hatte. Das Problem war, dass sich Reno vor Jahren hatte unterbinden lassen. Er unterzog sich im Berner Inselspital einer Rückoperation, doch die Ärzte sagten, wir sollten uns nicht zu große Hoffnungen machen. Die Erfolgsquote liege nur etwa bei dreißig Prozent.

Damals liefen die Vorbereitungen für die zwei geplanten Exkursionen nach Alaska und nach Kamtschatka auf Hochtouren. Fünf Fotografen hatten Reno als Guide für die Alaskareise gebucht, um an Nahaufnahmen von Braunbären zu kommen. Vor Ort bezogen Reno und ich eine kleine, rustikale Hütte am Strand mit phänomenaler Sicht auf die Bucht. Vom Mittagstisch aus konnten wir Buckelwale beobachten. Welch ein Spektakel, als die Wale in der Gruppe Krill jagten! Sie bilden unter Wasser ein aufsteigendes Luftblasennetz und konzentrieren auf diese Weise ihre Beute (»bubble net feeding«). Beim rasanten Aufstieg filtern die Riesen die Nahrung aus dem Wasser. Keuchend rannten wir am Strand hin und her. Die kreisenden Vögel verrieten uns, an welcher Stelle die Wale das nächste Mal durch die Wasseroberfläche schießen würden.

Bevor die Fotografengruppe mit dem Wasserflugzeug eintraf, putzten wir die arg vernachlässigte Hütte. In einer Ecke stand ein altes, verdrecktes Klo, und im Schrank fanden wir vergammelte Mäusenester. Als wir den Boden wischten, fühlten wir uns wie in einem Sandsturm in der Sahara. Immerhin verwandelte sich die Hütte allmählich in eine bewohnbare Unterkunft. Während Reno mit den Fotografen unterwegs war, sorgte ich auf den Abend hin für unser kulinarisches Wohl.

Danach ging es weiter nach Kamtschatka, wo eine neue Gruppe von enthusiastischen Bärenliebhabern auf Reno wartete. In Petropawlowsk verbrachten wir die ersten Tage bei seiner Geschäftspartnerin Martha Madsen. Martha, die vor bald zwanzig Jahren aus Alaska dorthin gezogen ist und Bed & Breakfast in gemütlicher Umgebung anbietet. Nach einem Großeinkauf und umfassender Planung stiegen wir mit den Exkursionsteilnehmern in einen kolossalen, orange-blauen russischen Helikopter vom Typ Mi-8 mit fünf großen Rotorblättern. Diese einzigartige Erfahrung kann ich wärmstens empfehlen. Die Gesichter der Passagiere klebten an den runden, zum Teil offenen (!) Fenstern. Hier und da ragten Vulkane aus dem berüchtigten Kamtschatka-Nebel. Wir saßen im vollgepackten Laderaum; während des ganzen Flugs rüttelte die Maschine uns und die Fracht durch. Nach einer Stunde erreichten wir die Hütte. Sie liegt direkt am Kambalnoy-See unterhalb des 2161 Meter hohen gleichnamigen Vulkans. Es war ein unglaubliches Gefühl, nach all den Erzählungen selber hier zu stehen! Die Region ist atemberaubend.

Während Reno mit den sieben Bärenliebhabern durch die Gegend tourte, kochte ich meistens. Das Wasser holten wir unten am See. Ein Erdloch in einem Plastikzelt hinter dem Haus diente uns als Toilette. Abends saßen wir gemütlich zusammen, und die Teilnehmer erzählten begeistert von ihren Erlebnissen mit den Bären. Dass ich immer so müde war, schrieb ich dem ungewohnten Tagesablauf zu, und dass ich zuweilen erbrechen musste, schien mir nebensächlich.

Dann galt es einmal mehr, Abschied voneinander zu nehmen. Während Reno neue Kunden in den kanadischen Rockies hatte, musste ich zurück in die Schweiz, um zu arbeiten. Die Wochen verstrichen nur langsam, und die Arbeitstage schienen endlos; ich fühlte mich die meiste Zeit ausgelaugt und träge. Nach einem weiteren mühseligen Morgen in der Praxis verkroch ich mich über Mittag mit einem Schwangerschaftstest in der Toilette, denn inzwischen hatte ich Verdacht geschöpft. Als ich das Resultat sah, blieb mir vor Freude fast das Herz stehen – ich war schwanger!

Wie gern wäre ich Reno um den Hals gefallen! Ich wusste, dass er möglicherweise bereits mit Schweizer Klienten im Helikopter unterwegs war, um in ein abgelegenes Gebiet zu fliegen, und fand mich mit der Tatsache ab, mindestens eine Woche warten zu müssen, bis ich ihm die große Neuigkeit erzählen konnte. Reno ahnte nicht das Geringste von meinem Zustand. Oder doch? Wegen ungünstiger Wetterverhältnisse verzögerte sich der Abflug seines Hubschraubers. Reno nutzte die Gelegenheit, um mich nochmals anzurufen. Welch wunderbare Fügung! Nun stand auch seine Welt auf dem Kopf. Später sagte er mir, er habe noch nie so viele Regenbogen wie an diesem Tag gesehen. Wir deuteten sie als gutes Omen für unsere Zukunft.

Unser Kind sollte Anfang Mai 2011 zur Welt kommen. Trotz guter Blutwerte und Ultraschalluntersuchungen, die keinerlei Probleme vermuten ließen, nagten Zweifel an mir, ob alles gut gehen würde. Man konnte ja überall lesen, welche Risiken in meinem Alter mit einer Schwangerschaft verbunden waren. Mein Bauch wuchs – und mit ihm meine Sorgen. Reno fehlte mir, ich fühlte mich alleingelassen. Mir war monatelang übel, und wochenlang fiel ich nach der Arbeit in der Praxis völlig geschafft ins Bett. Mir soll niemand weismachen, die Schwangerschaft sei die schönste Zeit im Leben einer Frau – für mich war sie es definitiv nicht. Anfang Winter kehrte Reno nach seiner letzten Tour wieder zu mir zurück. Um mich zu unterstützen, chauffierte er mich morgens von Thun nach Bern zur Arbeit und holte mich abends wieder ab. Zu Weihnachten schenkte er mir eine Reise nach Marokko, die uns guttat. Meinen Mann zu seinen Referaten zu begleiten, brachte mir zudem willkommene Ablenkung.

Seinen nächsten Abflug nach Alaska plante Reno mit einem genügend großen Zeitpuffer, drei Wochen nach dem berechneten Geburtstermin. Wir kalkulierten mit ein, dass es bei Erstgeburten manchmal etwas länger dauern kann. Zudem wünschten wir uns, die ersten Tage zu dritt ungestört genießen zu können. Kugelrund und unbeweglich wartete ich auf das große Ereignis. Die Tage verstrichen, einer nach dem anderen. Allmählich gerieten wir in Zeitnot. Nach zwei Wochen befürchtete ich, ewig schwanger zu bleiben. »Alles, nur nicht das Kind allein zur Welt bringen!« – dieser panische Gedanke kreiste wie ein Geier über mir. Als die dritte Woche verstrich, verschob Reno seinen Flug um zwei Tage – mehr lag nicht drin, denn seine Kunden erwarteten ihn in Alaska. Am Sonntag, dem 29. Mai, kam Ara um vier Uhr morgens auf die Welt – gesund und wunderschön. Am Tag darauf saß Reno im Flieger und überquerte den Atlantik …

Trotz seiner beruflichen Erfolge in der Schweiz bemerkte ich Renos stilles Heimweh nach Kanada, wann immer er hier war. Er stand nur mit einem Bein in seiner alten Heimat und verspürte nicht einmal Lust, Spaziergänge zu machen, geschweige denn, auf einen Berg zu steigen. Auch sozial schien sein Interesse nicht halb so ausgeprägt zu sein, wie ich es von ihm in Kanada gewohnt war. Die Schweiz ist ihm einfach zu gezähmt. Seiner Seele fehlt die Nahrung. Über unsere Beziehung breitete sich eine gewisse Schwere aus. Mir wurde klar, dass unsere gemeinsame Zukunft in Kanada lag, alles andere würde nicht funktionieren.

Anfänglich besuchte ich Kanada jeweils so lange, wie das Touristenvisum es erlaubte. In der Schweiz arbeitete ich temporär auf meinem Beruf, und sobald ich genug Geld zusammengespart hatte, kaufte ich mir ein Ticket Richtung Reno. Meine Eltern mahnten mich oft, dass ich mit dieser Lebensweise auf keinen grünen Zweig kommen würde. Trotz ihrer Bedenken standen sie immer zu hundert Prozent hinter mir und unterstützten mich, wo sie konnten. Nach der Geburt von Ara sehnten sich Reno und ich nach mehr Stabilität, und wir beantragten in Kanada meine Einbürgerung.

Heute leben wir im Herzen der Rocky Mountains. Mir sind noch keine Barthaare gewachsen, doch das ansteckende Virus der Wildnis hat inzwischen auch mich befallen. Jeden Tag zieht es mich hinaus, zum Spazieren, Velofahren, auf die Ski oder einfach nur, um die Schönheit der Berge zu bewundern. Fahren wir aus den Rockies hinaus, kehren wir am liebsten schnell wieder dorthin zurück.

Im russischen Camp

Im Frühling 2011 erzählt mir ein langjähriger Freund und Biologe aus Kanada von der amerikanischen Wildlife Conservation Society. Die WCS studiere im fernen Osten Russlands seit mehr als zwanzig Jahren den Sibirischen Tiger, der nach dem größten Fluss in der Region auch Amur-Tiger genannt wird. Er habe mit den WCS-Leuten im Sichote-Alin-Reservat gearbeitet und dabei den jungen russischen Biologen Sergei Koltschin kennen gelernt. Hauptsächlich beschäftige sich Sergei mit dem Auswildern von Bärenwaisen in einem Tal namens Durmin, das einige hundert Kilometer nördlich des Sichote-Alin-Reservats liege. Mein Freund fragt mich, ob ich Interesse daran habe, mir das Tiger-Projekt vor Ort anzusehen und anschließend Sergei zu besuchen. Ich bin sofort Feuer und Flamme. Es reizt mich, das Reservat und meinen russischen »Bärenkollegen« kennen zu lernen.

Im August komme ich in Ternei an, einem abgelegenen Dorf an der Küste des Japanischen Meers. Auf der Fahrt ins Schutzgebiet wird mir die Weitläufigkeit der Taiga bewusst: Mit dem Bus bin ich auf den holprigen Straßen geschlagene zwanzig Stunden unterwegs. Vor Ort begrüßt mich der Projektleiter Dale Miquelle. Mit amerikanischen und russischen Biologen durchstreife ich in den folgenden Tagen die Täler, um nach Tigern Ausschau zu halten. Die Suche dient dem Zweck, weitere Raubkatzen mit Senderhalsbändern auszustatten, um ihr Verhalten zu erforschen. Da ich der Überzeugung bin, dass das Besendern von Wildtieren (mit Ausnahmen) oftmals mehr Schaden anrichtet als Nutzen, bin ich erleichtert, dass wir nicht fündig werden. Anschließend fliege ich nach Chabarowsk, um Sergei Koltschin zu treffen. Seine Englischkenntnisse sind nicht viel besser als mein Russisch – trotzdem verstehen wir uns auf Anhieb, denn Sergeis Herz schlägt bezüglich Umweltschutz wie meines. Im Laufe des Gesprächs wird mir eindrücklich bewusst, wie schwierig die Lebensbedingungen selbst für studierte Menschen in diesem Land sind: Die Lebenshaltungskosten sind hoch, und obwohl Sergei bereits dreißig ist, wohnt er noch immer bei seinen Eltern. Die meisten Menschen leben in kleinen Wohnungen, oftmals zusammen mit Verwandten, Geschwistern und manchmal sogar mit deren Kindern. Hauptsächlich unterhalten wir uns über Bären, die verschiedenen Auswilderungsmethoden und über unsere Faszination für intakte Naturlandschaften. Beim Abschied versprechen wir einander, in Kontakt zu bleiben.

Sechs Monate später, im Februar 2012, meldet sich Sergei bei mir mit einem Hilferuf. Eine internationale Organisation habe eine bereits zugesicherte Geldsumme zurückgezogen, klagt er. Er könne deshalb keine weiteren Bärenwaisen aufnehmen und suche verzweifelt nach Lösungen. Nach einigen Abklärungen entschließe ich mich, Sergei finanziell zu unterstützen. Obwohl ich kaum Erfahrung mit Spendenaktionen habe, gelingt es mir, innert kurzer Zeit rund 25 000 Franken aufzutreiben, die ich ihm im Sommer überweise. Mit dem Geld könnte Sergei bis zu einem Dutzend Bärenjunge in Obhut nehmen. Aus Verantwortung den Spendern gegenüber, aber auch aus Eigeninteresse will ich mir selber vor Ort ein Bild machen und reise deshalb im Oktober zum zweiten Mal nach Chabarowsk.

Am Flughafen holt mich Platon ab, Sergeis Projektleiter. Er ist ebenfalls Biologe, groß und schlank, ein quirliger Typ. Von der Stadt aus managt er die ganze Logistik, obwohl er viel lieber mit den andern draußen im Wald arbeiten würde. Zusammen mit seiner Frau Valerie und ihren drei kleinen Kindern lebt er etwas außerhalb von Chabarowsk in einem Häuschen, wie es Tausende davon in der Gegend gibt. Die Zimmer sind klein und einfach eingerichtet. Die handwerklichen Fertigkeiten von Platon scheinen nur gerade für das Nötigste auszureichen. Ohne die farbigen Kinderzeichnungen an den Wänden würde die Wohnung noch kahler erscheinen. Im Schlafzimmer hängt eine Glühbirne verloren an einem krummen, schwarzen Elektrokabel. Fließendes Wasser gibt es nicht, und als Bett dient mir eine schmale Matratze am Boden. Vielleicht schlafe ich gerade deswegen zufrieden ein.

Nachdem wir große Mengen Lebensmittel eingekauft haben, fahren wir zum Camp im Durmintal. Es liegt knapp 250 Kilometer südöstlich der Stadt. Platon steuert den VW-Bus, der für die löchrigen, matschigen Holzfällerstraßen denkbar ungeeignet ist. Für den Weg benötigen wir sieben Stunden. Das ist mir egal, denn meine Vorfreude auf das bevorstehende Abenteuer ist immens. Kurz vor dem Basislager, inmitten der Wildnis, steht Sergei auf der schlammigen Waldstraße und winkt uns zu. Noch während ich aussteige, um ihn zu begrüßen, deutet er auf einen Abdruck im tiefen Boden: eine Tigerspur! Welch eine Freude! Zum ersten Mal halte ich mich in einem Ökosystem auf, in dem nicht der Bär König ist, sondern der Tiger.