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Tristan Massey hatte nicht vor, der Alpha des Fraser Lake Werwolfrudels zu werden. Er wollte sich nur ein Auto ausleihen. Aber er konnte die gefährliche Richtung, in die sich sein geliebtes Rudel bewegte, nicht ignorieren. Der Tigerwandler Jake Trenton hat ein Geheimnis, das viel bedeutender ist als die unerwiderte Liebe zu seinem besten Freund. Ein Geheimnis, das er um jeden Preis verbergen will. Selbst wenn das bedeutet, tausende Meilen von allem, was er je geliebt hat, wegzuziehen. Eine Nacht der Leidenschaft führt zu einem Fehler, der die beiden ein Leben lang aneinander bindet, und endet in einer Katastrophe. Während Tristan mit den Konsequenzen kämpft, die sein Kontrollverlust nach sich zieht, muss Jake entscheiden, ob er sein wahres Wesen zeigen – und akzeptieren – kann. Ein homoerotischer Liebesroman für Erwachsene mit explizitem Inhalt. Jeder Band dieser Reihe geht auf die romantische Beziehung eines anderen Paares ein. Um die gesamte Handlung sowie die Geschichte aller Figuren zu erfahren, empfiehlt es sich, alle Bände in der Reihenfolge ihres Erscheinens zu lesen. Die Reihe „Das Fraser Lake-Rudel“ ist ein Spin Off der „Pack Mates“-Reihe und Figuren aus beiden Reihen sowie Teile von deren Geschichte tauchen auch in der jeweils anderen Reihe auf. Länge: rund 57.700 Wörter
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
ÜBER LYNN TYLER
LESEPROBE:
Versehentlich Gefährten
Tristan Massey hatte nicht vor, der Alpha des Fraser Lake Werwolfrudels zu werden. Er wollte sich nur ein Auto ausleihen. Aber er konnte die gefährliche Richtung, in die sich sein geliebtes Rudel bewegte, nicht ignorieren.
Der Tigerwandler Jake Trenton hat ein Geheimnis, das viel bedeutender ist als die unerwiderte Liebe zu seinem besten Freund. Ein Geheimnis, das er um jeden Preis verbergen will. Selbst wenn das bedeutet, tausende Meilen von allem, was er je geliebt hat, wegzuziehen.
Eine Nacht der Leidenschaft führt zu einem Fehler, der die beiden ein Leben lang aneinander bindet, und endet in einer Katastrophe. Während Tristan mit den Konsequenzen kämpft, die sein Kontrollverlust nach sich zieht, muss Jake entscheiden, ob er sein wahres Wesen zeigen – und akzeptieren – kann.
Ein homoerotischer Liebesroman für Erwachsene mit explizitem Inhalt. Jeder Band dieser Reihe geht auf die romantische Beziehung eines anderen Paares ein. Um die gesamte Handlung sowie die Geschichte aller Figuren zu erfahren, empfiehlt es sich, alle Bände in der Reihenfolge ihres Erscheinens zu lesen. Die Reihe „Das Fraser Lake-Rudel“ ist ein Spin Off der „Pack Mates“-Reihe und Figuren aus beiden Reihen sowie Teile von deren Geschichte tauchen auch in der jeweils anderen Reihe auf.
Länge: rund 57.700 Wörter
LYNN TYLER
Versehentlich Gefährten
Das Fraser Lake-Rudel 1
Ein homoerotischer Liebesroman für Erwachsene
ME AND THE MUSE PUBLISHING
www.meandthemuse.com
Copyright © der englischen Originalausgabe „Accidentally Mated“:
Lynn Tyler
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe und veröffentlicht von:
Me and the Muse Publishing – Sage Marlowe
Hohenstaufenring 62, 50674 Köln, 2018
Copyright © Cover Design: Sinfully Sweet Designs
Übersetzt von: Jutta E. Reitbauer
URHEBERRECHTLICH GESCHÜTZT:
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Alle in diesem Buch vorkommenden Personen und Handlungen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit zu realen, lebenden oder verstorbenen Personen ist rein zufällig. Sofern Namen real existierender Personen, Orte und Marken verwendet werden, geschieht dies in einem rein fiktiven Zusammenhang.
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„Hast du etwas gefunden?“ Chris’ Stimme drang von der Veranda zu ihm herunter.
Mit finsterer Miene schüttelte Tristan den Kopf. „Nichts, nicht einmal einen Hasen. Ich kann ehrlich nicht glauben, wie wenig Wild hier ist. Wenn die Leute nichts zu jagen haben, werden sie unruhig.“
Er stapfte die Treppe hinauf und griff nach den Klamotten, die er auf der Schaukelbank auf der Veranda zurückgelassen hatte. Sein Shirt und seine Hose hatten sich verwickelt. Seine Unterwäsche war nirgends zu sehen.
„Hast du meine verdammten Sachen angefasst?“
Chris lachte, was Tristan nur noch mehr aufregte. „Mann, Tristan. Du brauchst einen Aufpasser. Nein, ich habe deine Sachen nicht angefasst. Hast du sie ausgeschüttelt und zusammengelegt, ehe du dich verwandelt hast?“
Tristan gab den Versuch auf, seine Klamotten zu entwirren, und warf sie auf den Boden. Sie landeten mit einem dumpfen Geräusch, und er trat sie beiseite. Dann ließ er sich neben seinem besten Freund auf die Schaukel fallen und brachte sie dadurch zum Schwingen.
„Nein“, musste er zugeben.
Einige Sekunden lang herrschte angenehmes Schweigen zwischen ihnen. Die meisten Menschen hätten sich in so einer intimen Situation unwohl gefühlt, dicht nebeneinander auf einer kleinen Hollywoodschaukel, noch dazu war einer von ihnen splitterfasernackt. Doch Werwölfe waren eine ganz eigene Art. Seit ihrer Kindheit war ihnen Nacktheit vertraut, und sie hatten jedes Unbehagen gegenüber diesem Konzept verloren.
„Hast du wirklich nichts gesehen?“, fragte Chris erneut.
„Was? Meinst du, dass ich dich anlüge? Ich weiß, dass der Alpha gesagt hat, dass wir jede Menge Wild im Wald haben. Doch ich habe seit Wochen keine Tiere dort gesehen.“
„Das ist nicht gut. Bald ist Vollmond. Falls es während der Rudeljagd keine Beute gibt, was sollen wir dann tun?“
Tristan zuckte mit den Schultern, sah zum Himmel hinauf und betrachtete die Wolkenberge, die träge vorbeizogen. „Keine Ahnung. Ich wünschte, der Alpha würde mich einen Blick auf die Aufzeichnungen des Rudels werfen lassen. Ich will unbedingt herausfinden, wann er das letzte Mal den Wildbestand hat zählen lassen. Und falls dieser schon eine Weile so niedrig ist, will ich wissen, warum er nicht weitere Beutetiere beschafft hat.“
Chris drückte die Ferse gegen die hölzerne Veranda und brachte die Schaukel erneut zum Schwingen. „Ich frage mich, ob das Rudel in finanziellen Schwierigkeiten steckt. Ich kann mir nicht vorstellen, aus welchem anderen Grund die Dinge hier momentan so mies laufen.“
Tristan seufzte und blickte sich um. Chris hatte recht. Seit einigen Jahren lebten sie nicht mehr auf dem Rudelterritorium, da sie beide auf die Uni gegangen waren. Das Haus des Alpha wies untrügliche Anzeichen von Vernachlässigung auf, etwas, das in der Vergangenheit nie zugelassen worden war. Die Straßen, die aufs Gelände führten, waren mittlerweile so schlecht, dass sie mehr aus Schlaglöchern als Asphalt bestanden. „Das ist irgendwie schockierend, nicht wahr?“
„Ja. Ich war wirklich überrascht, als wir nach Hause gekommen sind. Vielleicht hätten wir öfter herkommen sollen.“
Im Stillen stimmte Tristan ihm zu. Sie waren in Ontario auf einer der besten Wirtschaftshochschulen des Landes gewesen. Daher hatten sie nicht einfach jedes Mal, wenn ihnen danach war, in ein Flugzeug springen und den fünfstündigen Flug auf sich nehmen können. Außerdem hätten sie ohnehin nichts ändern können. Was sollten zwei Studenten schon tun?
„Hast du eine der örtlichen Firmen dazu bringen können, sich unser Angebot anzuhören?“, fragte er stattdessen und wechselte somit das Thema zu etwas, das nur geringfügig weniger aufreibend war.
Chris’ Miene erhellte sich sofort. „Ja. Für übermorgen habe ich Termine mit zwei potentiellen Kunden. Aber wir müssen schon einen Tag früher los. Beide Firmen sind in Vancouver.“
„Scheiße. Selbst bei gutem Wetter dauert die Fahrt elf Stunden“, beschwerte sich Tristan.
Chris zog die Augenbrauen hoch und warf ihm einen ungläubigen Blick zu. „Verarschst du mich jetzt? Wir müssen irgendwie unser Geschäft zum Laufen bringen. Du hast von Anfang an gewusst, dass die meisten unserer Kunden in der Stadt sein würden.“
„Ich weiß. Wie sollen wir nach Vancouver kommen? Mein Auto schafft das nicht. Zum Teufel, wahrscheinlich kann es uns nicht einmal in die nächste Stadt bringen, und die ist nur zwanzig Minuten entfernt. Und fang erst gar nicht mit deinem Auto an.“
Chris schürzte die Lippen und trommelte sich mit einem langen Finger aufs Kinn. „Hm. Daran habe ich gar nicht gedacht. Vielleicht können wir den Alpha bitten, ob er uns sein Auto leiht. Er scheint gewillt zu sein, es auch alle anderen benutzen zu lassen.“
Das war zumindest einen Versuch wert. „Frag du ihn“, sagte Tristan. „Er hat dich lieber als mich.“
Sein Freund verdrehte die Augen. „Das liegt daran, dass du beinahe genauso dominant bist wie er. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, kann es sein, dass du sogar dominanter bist. Du bist wirklich zu einem echten Mann herangewachsen.“
Tristan schnaubte und zeigte mit einem Finger auf seinen besten Freund. „Du klingst wie meine Mom.“
„Oh nein. Das hast du nicht gerade gesagt. Ich liebe deine Mutter, das weißt du. Allerdings ziehe ich eine Grenze, wenn ich mit einem winzigen Dynamo verglichen werde. Um Himmels willen, sie hat blaue Augen und rote Haare.“
Tristan schnaubte. Chris war groß und afrikanischer Abstammung und sah seiner Mutter überhaupt nicht ähnlich. Abgesehen davon hatten sie viel gemeinsam. Wie ständig an ihm herumzunörgeln. In ihrer Kindheit hatte Chris beinahe so viel Zeit in Tristans Haus verbracht wie in seinem eigenen. Seine Mutter und sein bester Freund hatten sich sehr gemocht, und Tristan wusste, dass Chris der Vergleich insgeheim schmeichelte. „Egal. Wenden wir uns wieder dem aktuellen Problem zu. Wann willst du den Alpha fragen, ob wir uns wieder sein Auto leihen können?“
Chris ächzte. „Willst du mich wirklich dazu zwingen? Bist du ein feiges Huhn oder was? In einem Kampf könntest du ihn leicht besiegen. Na ja, vielleicht.“
„Danke für dein Vertrauen, Kumpel. Ehrlich gesagt glaube ich, dass ich jetzt ein bisschen dominanter bin als er. Das letzte Mal, als ich ihn gesehen habe, war er total sauer auf mich. Ich möchte nicht aus dieser Gegend weg. Es gefällt mir hier total gut, also wäre es mir lieber, wenn ich nicht verbannt werde, falls du nichts dagegen hast.“
„Schön. Ich rufe ihn in ein paar Minuten an. Wahrscheinlich werde ich ihm versprechen müssen, dass du nicht in sein Auto pinkelst.“
„He“, protestierte Tristan, konnte sich ein Grinsen allerdings nicht verkneifen. „Das ist nur ein einziges Mal passiert, und ich war stockbesoffen. Seitdem war ich nicht mehr betrunken.“
„Trotzdem ist das nichts, was man so einfach vergisst. Deinem Vater hat es größtes Vergnügen bereitet, allen von deinem Fehler zu erzählen.“
Bevor sich Tristan weiter verteidigen konnte, drang ein scharfer Geruch in seine Nase. Er setzte sich auf, hob die Nase und versuchte Genaueres zu erschnüffeln. „Hast du das gerochen?“
Chris sah ihn an, als ob er den Verstand verloren hätte. „Nein …“ Seine Stimme verklang, als die Brise den Geruch erneut zu ihnen trug, diesmal deutlicher und mit größerer Dringlichkeit unterlegt als zuvor. „Ja.“
Angst. Ihr Geruch war unverkennbar. Es reichte, um Tristans Lungen einfrieren zu lassen, obwohl die Frühlingsluft warm und feucht war. „Was ist hier los?“
„Irgendwas stimmt nicht“, bemerkte Chris, stand auf und ließ den Blick über ihre Umgebung schweifen. „Es riecht nach menschlicher Angst.“
Das tat es wirklich. Es stank nach extremer Panik mit der bitteren Schärfe von Urin. Angst war eine Untertreibung. Wer auch immer diesen Geruch absonderte, hatte Todesangst.
Mit gerunzelter Stirn wandte sich Tristan an seinen Freund. „Da ist mehr als nur einer.“
„Das ist schlecht“, sagte Chris, und seine Augen verwandelten sich in die seines Wolfs. „Sehr schlecht. Jeder Werwolf in der Nähe wird den Drang verspüren, sie zu jagen.“
Tristans Wolf lief in seinem Hinterkopf auf und ab und bettelte darum, freigelassen zu werden. „Ich weiß. Kommst du klar?“
Für gewöhnlich hätte sich Tristan keine Sorgen um seinen Freund gemacht. Chris hatte nicht genauso viel Kontrolle über sein Tier wie er, aber trotzdem mehr Kontrolle als die meisten Werwölfe. Dennoch hatte der Mangel an Beutetieren seinen Wolf vermutlich ruhelos werden lassen.
„Mir geht’s gut“, antwortete Chris und zog sich bereits aus.
Da Tristan sich überhaupt nie angezogen hatte, begann er sofort mit seiner Verwandlung. Es dauerte nur ein paar Sekunden, und er wartete ungeduldig darauf, dass sein Freund fertig wurde. Normalerweise hätte er alleine nach den Menschen gesucht, aber vor ein paar Jahren waren sie angewiesen worden, paarweise zu suchen. Wanderer trugen wegen der Bären in den Wäldern oft Gewehre bei sich. Und verängstigte Menschen schossen oft zuerst und stellten danach Fragen.
Endlich sprang ein riesiger, schwarzer Wolf behände von der Veranda und jaulte kurz.
In Wolfsgestalt war der Geruch noch viel stärker. Er brannte in Tristans Nase, bis er dem verführerischen Duft von Verletzlichkeit folgen und angreifen wollte. Er schüttelte den Kopf und schlug mit einer Pfote nach seiner Schnauze.
Chris sah nicht viel besser aus. Der andere Wolf knurrte leise und lief auf dem Rasen vor dem Haus auf und ab. Tristan trabte zu ihm, stellte sich direkt vor seinen Kopf und öffnete den Kiefer, um seine Zähne zu zeigen. Langsam verschwand der verschleierte, irre Ausdruck aus den Augen seines Freundes.
Tristan wartete noch einige Sekunden, bis er sicher war, dass Chris sein Tier völlig unter Kontrolle hatte, ehe er in die Richtung des Geruchs lief. Sie brauchten nicht lange, um die Quelle der Angst zu finden, und er musste kein Genie sein, um sich denken zu können, was passiert war.
Zwei Teenager, ein Junge und ein Mädchen, waren von nicht weniger als fünf riesigen Wölfen umgeben. Die Tiere knurrten, und Speichel tropfte von ihren gebleckten Reißzähnen.
Es war der Junge, der sich in die Hose gemacht hatte. Der dunkle Fleck auf der Vorderseite seiner Jeans breitete sich langsam zu seinem Bein aus. Das Mädchen hatte sich nicht angepinkelt, zitterte allerdings heftig. In ihren aufgerissenen Augen spiegelte sich Entsetzen wider. Es war die Art von Furcht, die an die Kehle griff und am Herzen zerrte.
Tristan kam schlitternd hinter dem größten Wolf zum Stehen. In ihm erkannte er den Typen, der schon in der Schule alle schikaniert hatte, und knurrte. Er war weit dominanter als jeder dieser Wölfe. Hoffentlich steckten sie nicht zu tief im Blutrausch, um das nicht mehr zu erkennen.
Bei seiner Warnung machten zwei kehrt und verschwanden zwischen den Bäumen. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Chris nach ihren Hinterläufen schnappte, und konzentrierte sich wieder auf die drei anderen Raubtiere. Erneut knurrte er, diesmal lauter, und bleckte die Reißzähne.
Zwei weitere Wölfe lösten sich von der Gruppe und liefen in den Wald. Tristan hielt den Blick auf den letzten verbliebenen Gestaltwandler gerichtet. Als der Wolf sich weigerte, zurückzuweichen, stellte sich Tristan direkt vor ihn. Wieder knurrte er, sprang vor und legte die Zähne leicht um die Kehle des Wolfs. Endlich wich das Tier zurück und neigte den Kopf eine Spur, um seine Unterwerfung zu zeigen.
Die beiden Jugendlichen konnten sich lange genug aus ihrer Erstarrung lösen, um in die entgegengesetzte Richtung davonzulaufen. Falls Tristan in seiner menschlichen Gestalt gewesen wäre, hätte er sie angebrüllt, bis er heiser wäre. Jedermann wusste doch, dass man vor einem Raubtier nicht davonlief, weil man es so nur zur Jagd anstachelte.
Er hielt die Zähne um die Kehle des Wolfs geschlossen und wandte den Blick zur Seite, um sicherzugehen, dass Chris die anderen unter Kontrolle hatte. Als niemand den Teenagern nachlief, ließ er den Wolf los und verwandelte sich zurück in seine menschliche Gestalt.
„Habt ihr den Verstand verloren?“, schrie er. „Jagd auf Menschen? Was zum Teufel ist in euch gefahren?“
Als er keine Antwort bekam, verlor er die Nerven.
„Kommt sofort raus!“, brüllte er und gab etwas von seiner strengen Selbstbeherrschung auf.
Chris hat ihm einmal gesagt, dass sich Tristans Macht wie ein elektrischer Schauer anfühlte, wenn er seine Schilde senkte. Er konnte nur vermuten, wie es sich jetzt anfühlte, wo er die Mauern ohne Vorwarnung hatte einstürzen lassen.
Die vier Wölfe, die zwischen den Bäumen verschwunden waren, gehorchten seinem Befehl und kehrten mit gesenktem Kopf und eingezogenem Schwanz in Sichtweite zurück. Alle vier rollten sich auf den Rücken und zeigten ihren verwundbaren Bauch. Der fünfte Wolf, der sich als letzter unterworfen hatte, war der einzige, der sich nicht auf den Rücken legte.
Das reichte nicht. Tristan ließ seine Schilde zur Gänze fallen und zeigte das ganze Ausmaß seiner Dominanz. Hinter ihm winselte einer der Wölfe, doch er ignorierte es. Seine zögernde Haltung stand dem anderen Wolf ins Gesicht geschrieben, als seine Läufe einknickten und er sich langsam auf den Rücken rollte.
„Verwandelt euch“, befahl Tristan.
Ungeduldig wartete er, bis alle Wölfe inklusive Chris sich in ihre menschliche Gestalt zurückverwandelt hatten. Ohne den Blick von dem dominantesten der Jäger zu nehmen, sprach er die ganze Gruppe an. „Nun? Beantwortet meine Frage.“
Der Befehl löste weiteres Winseln aus, und er nahm seine Macht zurück, um sie antworten zu lassen.
„Sie sind unbefugt auf unser Gelände eingedrungen“, presste schließlich einer von ihnen hervor.
„Also habt ihr beschlossen, sie zu verfolgen?“, fragte Chris.
„Wir konnten nicht anders“, sagte jemand. „Seit Monaten haben wir hier keine Beute gesehen oder gerochen. Zuerst waren wir nur neugierig. Ich meine, überall gibt es Betreten verboten Schilder. Wir wollten nur sehen, wer dämlich genug war, um sie zu ignorieren. Und dann war da die Angst …“
Tristan brauchte den Rest der Erklärung nicht. Er wusste genau, was der Geruch von Angst einem Raubtierwandler antat, der seit Monaten keinen Jagderfolg mehr gehabt hatte. Allerdings glaubte er nicht, dass die gleiche Erklärung auf alle zutraf.
„Was ist deine Ausrede, Bobby?“, fragte er und starrte dem größten der fünf Wölfe ins Gesicht.
Bobby, der Tyrann, lächelte ihn überheblich an. „Du meinst, dass du mich durchschaut hast, nicht wahr, Tristan?“
„Du bist nicht wirklich schwer zu durchschauen, weißt du. Seit der Grundschule bist du ein offenes Buch für mich.“
Bei dem Grinsen, das über Bobbys Gesicht huschte, richteten sich die feinen Härchen auf Tristans Nacken auf. „Die Dinge haben sich geändert, als du und dein Schwuchtel-Freund fort wart, um eure ach so wichtigen Uniabschlüsse zu machen.“
„Falls du uns sagen willst, dass du die Nummer Eins vom Alpha bist, solltest du dich besser darauf gefasst machen, dass ich dir das Licht ausknipse“, fauchte Chris hinter ihnen. „Er konnte dich schon als Teenager nicht ausstehen, und er kann dich jetzt auch nicht ausstehen.“
„Ehrlich?“, sagte Bobby leise. „Hast du je mit dem Mann geredet, seit du nach Hause gekommen bist, du Tunte?“
Chris versteifte sich. „Habe ich. Und er hat mir genauestens erklärt, wie abstoßend er dich findet.“
Bobbys Grinsen wurde breiter. „Das liegt daran, dass er mich nicht mehr kontrollieren kann. Ich bin dominanter.“
Schnaubend machte Tristan eine wegwerfende Geste. „Es fällt mir schwer, das zu glauben. Wie auch immer, ich werde diesen kleinen Zwischenfall sofort dem Alpha berichten. Ihr könnt nicht herumlaufen und Menschen jagen.“
„Wir hätten ihnen nichts getan“, meinte einer der anderen Wölfe. „Wir wollten ihnen nur ein bisschen Angst einjagen.“
„Meinst du, dass ein Mann sich anpinkelt, nur weil ihr ihm ein bisschen Angst eingejagt habt? Ich weiß genau, wie kurz davor ihr wart, sie anzugreifen, also komm mir nicht damit. Ihr habt nicht genug Kontrolle, um diese Art von Spielen zu spielen“, antwortete er.
„Ist doch jetzt egal“, sagte Chris und trat an seine Seite. „Diese Teenager sind längst verschwunden. Gehen wir einfach zum Alpha und melden diese Clowns.“
Tristan nahm sich einen Moment, um den Geisteszustand der anderen Wölfe abzuschätzen. Jetzt, wo ihre Beute erfolgreich geflüchtet war, hatten sie ihre Instinkte wieder unter ausreichender Kontrolle. Er versuchte, ihre Gesichter zuzuordnen, damit er dem Alpha Namen nennen konnte. Doch außer Bobby erkannte er niemanden.
„Ihr seid neu“, sagte er.
Die vier Fremden nickten gleichzeitig. „Vor ein paar Jahren hat der Rat unser Rudel aufgelöst.“
Tristan wartete auf weitere Erklärungen, aber die Wölfe waren nicht wirklich mitteilsam. Hinter der Geschichte musste mehr stecken, als sie verraten hatten. Kein Rudel wurde grundlos aufgelöst.
Sie waren nicht gewillt, ihm weitere Informationen zu geben.
Irgendetwas kam ihm seltsam vor, aber er kümmerte sich nicht weiter darum.
„Geht nach Hause“, befahl er und sah zu, wie sie im Wald verschwanden. Als er sich Bobby zuwandte, der ihn weiterhin anknurrte, zeigte er erneut seine Zähne. „Du hast nur einen Bruchteil meiner Macht gespürt. Verschwinde, bevor ich völlig die Beherrschung verliere.“
Der überhebliche Ausdruck verschwand von Bobbys Gesicht, und ohne ein Wort ging er davon.
Tristan und Chris blieben, wo sie waren, und sahen den Männern zu, bis sie außer Sichtweite waren. „Ich schätze, wir müssen mit dem Alpha über mehr reden, als uns nur sein Auto auszuleihen“, sagte Chris.
„Komm mit“, sagte Tristan und bedeutete seinem Freund, ihm zu folgen. „Wir können das genauso gut gleich hinter uns bringen.“
Auf zwei Beinen dauerte der Spaziergang viel länger. In den vergangenen Stunden hatte er sich viermal verwandelt. Er mochte mächtig sein, aber selbst er hatte Grenzen, wie oft am Tag er sich verwandeln konnte.
„War das dein Ernst?“, fragte Chris, als sie die Hälfte des Weges zum Alpha-Haus zurückgelegt hatten.
„Was?“ Das Geschehen, dessen Zeuge er gerade geworden war, verdrängte völlig sein Missfallen, wie weit sie zu ihrer Geschäftsbesprechung reisen mussten. Er war so sehr darauf konzentriert, wie er dem Alpha davon berichten sollte, dass er keine Ahnung hatte, wovon Chris redete.
„Nun, als du aufgehört hast, deine Macht abzuschirmen, war es verdammt beeindruckend. Es hat sich so angefühlt, als hätte ich einen heftigen elektrischen Schlag bekommen. War das dein Ernst, als du gesagt hast, dass das nur ein kleiner Teil deiner Macht ist?“
„Nein, ich hab ihn total verarscht. Ich war im Wald trotzdem der dominanteste Wolf, aber ich weiß nicht, ob ich es geschafft hätte, es mit allen fünf aufzunehmen.“
Den Rest des Weges brachten sie schweigend hinter sich. Als sie es schließlich zum Haus des Alphas geschafft hatten, fielen Tristan all die negativen Veränderungen auf, die in seiner Abwesenheit geschehen waren. Die Gebäude zeigten Anzeichen von Vernachlässigung. Der Verputz blätterte von den Häusern ab, in der Nähe der Verandas hing der Geruch von verfaulendem Holz schwer in der Luft, und Rasen und Vorgärten waren zugewachsen und überwuchert.
Der Alpha stand vor dem Haus auf seiner Veranda und starrte auf sie hinab. Tristan nahm an, dass Bobby-Boy sein Handy in der Nähe abgelegt haben musste, von wo aus er und seine Gefolgsleute die Jugendlichen verfolgt hatten. Er musste den Alpha angerufen und ihn gewarnt haben, dass sie auf dem Weg waren.
„Freut mich, euch zu sehen, Jungs“, sagte der Alpha mit angespanntem Lächeln.
Tristan rutschte das Herz in die Hose. Wenn der Alpha sie erwartete, bedeutete das, dass er bereits wusste, was geschehen war oder zumindest eine Ahnung davon hatte. Und wenn er auf seiner Veranda stand, statt Bobby aufzuspüren, hatte er eindeutig nicht die Absicht, etwas deswegen zu unternehmen.
„Nun“, sagte der Alpha. „Wollt ihr mich gar nicht begrüßen?“
„Hallo, Alpha“, sagte er, um den Frieden zu wahren.
„Das ist schon besser“, sagte der Alpha. „Ich habe dich seit deiner Rückkehr noch nicht gesehen. Wo hast du dich versteckt?“
„Ich habe mich nicht versteckt“, sagte er und achtete darauf, dem Mann nicht in die Augen zu sehen. „Seit meinem Umzug zurück nach Hause habe ich bereits ein paar Mal mit dir telefoniert.“
„Das ist nicht das Gleiche, und du weißt es. Warum bist du nicht hergekommen, um mich persönlich zu begrüßen? Das ist im Rudel so üblich.“
Tristan zerbrach sich den Kopf, was er sagen sollte, doch ihm fiel nichts ein. Es gab keine unverfängliche Antwort auf diese Frage.
Der Alpha musste spüren, wie stark Tristan geworden war. Er war fünf Jahre lang fort gewesen und seine Dominanz war beträchtlich gewachsen. Er war zuversichtlich, dass er an einem Tag, an dem er sich nicht so oft verwandelt hatte, den Alpha bei einer Herausforderung besiegen könnte. Doch er war erst dreiundzwanzig Jahre alt, viel zu jung, um ein Rudel zu führen. Falls er verlieren sollte, riskierte er seine Verbannung.
Statt die Frage des Alphas zu beantworten, lenkte er mit einer Gegenfrage ab. „Weißt du, was Bobby und seine Gefolgsleute getan haben?“
Er hielt den Blick weiter auf das Kinn des Mannes gerichtet, obwohl der Drang, dem Alpha in die Augen zu sehen, mit jeder verstreichenden Sekunde stärker wurde.
Der Alpha seufzte und sah zu Chris. „Wie läuft die Jagd nach Kunden?“
Chris verlagerte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen und trat nach einem vertrockneten Stück Rasen. „In dieser Gegend gibt es nicht allzu viele Leute, die Sachverständige für Wirtschaftsprüfungen brauchen. Übermorgen haben wir einige Besprechungen in Vancouver.“
Tristan unterdrückte das Verlangen, seinem Freund auf die Schulter zu klopfen. Chris’ Stimme verriet, dass dieser die Antwort nur zögernd von sich gegeben hatte. Sein Freund war nicht ganz so dominant wie er, und es wäre Selbstmord gewesen, eine Antwort zu verweigern.
Er konnte das Geschehene nicht einfach auf sich beruhen lassen. „Alpha?“, sagte er mit seinem respektvollsten Tonfall und hoffte, so eine Konfrontation zu vermeiden. „Weißt du, was vor einigen Minuten passiert ist?“
Eine plötzliche Welle der Dominanz schwappte über ihn, und er fragte sich, wann er seinen Finger in eine Steckdose gesteckt hatte. Es vermittelte ihm eine gute Vorstellung davon, was andere spürten, wenn er seine Schilde senkte und seine ganze Macht zeigte.
„Spuck es aus, Tristan“, knurrte der Alpha.
Das war es. Tief in seinem Inneren wusste er es. Heute Nachmittag würde einer von ihnen das Rudel verlassen. Entweder würde Tristan wegen seiner dämlichen Entscheidung, seinen Rudelführer infrage zu stellen, verbannt werden, oder er würde der neue Alpha werden.
In der Hoffnung, die Situation noch zu retten, senkte er den Blick weiter, bis er auf die Brust des Alphas starrte. Wie sollte ein arbeitsloser Buchhalter ein Rudel führen?
„Ich habe Bobby und ein paar der neuen Wölfe entdeckt, wie sie zwei Jugendliche umringt haben. Sie haben ihnen höllische Angst eingejagt. Ich habe sie gezwungen, sich zurückzuziehen, frage mich aber, ob so etwas schon einmal passiert ist. Einer von ihnen hat erwähnt, dass der Mangel an Beutetieren seinem Wolf seit einiger Zeit zusetzt.“
„Ich möchte, dass du bei dieser Sache wegsiehst, Tristan“, knurrte der Alpha.
Abscheu wallte in ihm auf. „Ich soll wegsehen, wenn fünf Gestaltwandler ein paar menschliche Teenager quälen? Alpha, du hast nicht gesehen, was passiert ist.“
Der Alpha krümmte die Finger, und Tristan sah, wie die Spitzen seiner Krallen sich zeigten. „Unschuldige Kinder? Sie haben widerrechtlich Privatgrund betreten. Abgesehen davon ist niemand verletzt worden. Ich verstehe nicht, warum das so eine große Sache ist.“
Tristan konnte seinen Zorn und seine Ungläubigkeit nicht zügeln. Beides brach sich Bahn und ließ Worte aus seinem Mund kommen, noch ehe er darüber nachgedacht hatte. „Das ist nicht dein Ernst“, sagte er und war sich völlig im Klaren, dass seine Stimme keinerlei Respekt mehr enthielt. „Hat Bobby dir gesagt, dass ein paar dieser Wölfe kurz davor gestanden haben, diese Menschen anzugreifen? Was wäre dann passiert? Was hättest du den Behörden wegen der wilden Killer-Wölfe erzählt, die auf deinem Grund und Boden herumrennen?“ Er redete weiter, und es war ihm egal, dass seine nächsten Worte als indirekte Herausforderung der Autorität des Alphas ausgelegt werden könnten. „Du musst diese Wölfe unter Kontrolle bekommen. Warum sind sie überhaupt hier? Was zum Teufel ist passiert, während wir weg waren?“
Zu seiner Überraschung beantwortete der Alpha die Fragen. Tristan hatte einen plötzlichen Angriff und kein Gespräch erwartet. „Sie sind aus einem sehr zerrütteten Rudel zu uns gekommen. Es überrascht mich nicht, dass sie diese Kids fast umgebracht hätten. Jahrelang haben sie untätig zugesehen, wie ihr Alpha und ihre Betas eines ihrer eigenen Rudelmitglieder gequält haben. Sie kennen nichts anderes.“
„Das ist keine Entschuldigung“, entgegnete Tristan. „Diese Wölfe sind gefährlich und brauchen einen Alpha, um sie in ihre Schranken zu weisen.“
Noch ehe er den Satz zu Ende gesprochen hatte, wurde ihm die direkte Herausforderung in seinen Worten bewusst.
„Alpha“, sagte Chris plötzlich und hielt in einer beruhigenden Geste die Handflächen hoch. „Tristan hat sich heute bereits viermal verwandelt. Das wäre kein fairer Kampf.“
Tristan wusste Chris’ Versuch zu schätzen, den Alpha dazu zu bringen, den unvermeidlichen Kampf um die Vorherrschaft zu verschieben. Doch er bezweifelte ernsthaft, dass der Alpha ihm einfach durchgehen lassen würde, was Tristan gerade gesagt hatte. Abgesehen davon befahl ihnen ihr Wolfsinstinkt, den Feind dann anzugreifen, wann er am schwächsten war.
„Dann hätte er es besser wissen sollen, als mich herauszufordern. Ich gebe dir fünf Minuten, um dich zu verwandeln.“
Fünf Minuten? Tristan brauchte keine fünf Minuten, um sich zu verwandeln. Zum Teufel, selbst wenn er sich während der letzten vierundzwanzig Stunden andauernd verwandelt hätte, würde er keine fünf Minuten brauchen.
Schnell wurde offensichtlich, dass der Alpha ihm nicht aufgrund von fehlgeleitetem Mitleid fünf Minuten gegeben hatte. Tristan stand längst auf vier Pfoten, während der Mann sich noch immer mitten in der Verwandlung befand. Falls Tristan ein echter Wolf gewesen wäre, hätte er in diesem Moment angegriffen, als der Alpha völlig wehrlos war.
Doch er war kein echter Wolf. Seine menschliche Seite hatte die völlige Kontrolle, und er wartete, bis der Alpha seine Verwandlung abgeschlossen hatte, ehe er attackierte.
Seine Zähne streiften eine pelzige Schulter, und der Alpha wich zur Seite aus, ehe Tristan ihn packen konnte. Erneut bewegte er sich vorwärts, entschlossen, keinen Zentimeter zu weichen.
Knurrend warf er sich auf den Alpha und riss ihn zu Boden. Doch wieder entwischte der Alpha seinem schnappenden Kiefer, da er sich im letzten Moment zur Seite rollte.
Scharfe Krallen erwischten einen seiner Hinterläufe, und er spürte, wie etwas Warmes daraus spritzte. In seiner menschlichen Gestalt hätte er eine lange Reihe von Flüchen ausgestoßen. Es tat weh, doch was ihn noch viel mehr störte, war die Tatsache, dass der Alpha das erste Blut für sich verbuchen konnte.
Tristan wirbelte herum, zog die Lippen zurück und bleckte die Reißzähne. Er weigerte sich zurückzuweichen und umkreiste den Alpha, während seine Gedanken rasten. Aufgrund seines verletzten Beins würde der Alpha erwarten, dass Tristan es um jeden Preis schützte. Wahrscheinlich würde es den Mann überraschen, falls er ihn mit seiner geschwächten Seite zuerst angriff.
Er wich einer Attacke aus und griff im Gegenzug sofort an. Diesmal schaffte er es, die Kehle des Alphas mit den Zähnen zu packen.
Jeder Instinkt in ihm kreischte ihn an, den Wolf zu töten. Doch seine menschliche Seite schrie lauter, und er verdrängte das Verlangen nach Blut und zwang stattdessen den Alpha auf den Rücken.
Das Fleisch in seinem Maul begann Wellen zu werfen. Das Fell zog sich in die Haut des Mannes zurück.
Tristan gab die Kehle des ehemaligen Alphas frei, verwandelte sich aber nicht. Er hätte gern geglaubt, dass der Ex-Alpha ein ehrenwerter Mann war. Andererseits hatte er auch gedacht, dass dieser Folter an Menschen nicht dulden würde.
Erst als der Mann sich verwandelt hatte und keuchend vor Erschöpfung vor ihm lag, wich er einen Schritt zurück.
„Glückwunsch“, sagte er zu Tristan, stemmte sich hoch und holte ein Bündel Kleidung von der Veranda.
Auch wenn es ihn enorme Konzentration kostete, schaffte Tristan es, sich zum sechsten Mal zu verwandeln. Er konnte Chris jetzt in seinem Kopf spüren, ebenso wie das leise Summen eines Bewusstseins, das vorher nicht da gewesen war.
Wenn Chris nicht an seine Seite geeilt wäre und ihm eine Hand auf die Schulter gelegt hatte, hätten die neuen Eindrücke ihn in die Knie gezwungen.
Der alte Alpha ging zu seinem Auto und sperrte es auf. „Keine Sorge. Du gewöhnst dich daran. Viel Glück.“
„Warte“, sagte Tristan, als ihm endlich klar wurde, dass der ältere Mann in seinen Wagen gestiegen war, um wegzufahren. „Wo willst du hin?“
Er lächelte Tristan traurig an und deutete auf das Haus. „Das gehört jetzt dir. Ich kann nicht im Rudel bleiben. Nicht, nachdem ich besiegt worden bin.“
„Wo gehst du hin?“
„Ich werde den Ältestenrat anrufen und um Rat bitten. Vielleicht haben sie einen Zufluchtsort für Ex-Alphas. Ich weiß es nicht.“
Endlich hatte Tristan verstanden, was geschehen war. Der alte Mann wollte nicht länger die Verantwortung für so ein labiles Rudel tragen. Wahrscheinlich hatte er das Ganze geplant.
„Sag mir eins“, fragte Tristan verbittert, „war mein Sieg rechtmäßig? Habe ich überhaupt eine Chance, dieses Rudel in den Griff zu bekommen?“
Der Mann lächelte wieder und sah diesmal nahezu väterlich aus. „In der Sekunde, in der ich deine Stimme am Telefon gehört habe, habe ich gewusst, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis du Alpha wirst. Ich hätte dich nicht besiegen können. Dein Anspruch auf die Position des Alphas ist absolut rechtmäßig. Wenn du nicht durch die vielen Verwandlungen so geschwächt gewesen wärst, hätte ich gar keine Chance gehabt. Ich bin stolz auf dich, Sohn.“
Ohne ein weiteres Wort schlug er die Autotür zu, startete den Motor und setzte in der Auffahrt zurück.
Tristan sah dem ehemaligen Alpha nach, als dieser wegfuhr, während das sanfte Summen des Bewusstseins zunahm, bis es nahezu schmerzhaft war. Gott, was hatte er getan? Es stand ihm nicht zu, Alpha zu sein, zumindest jetzt noch nicht.
Das Alpha-Haus starrte auf ihn herab, als ob es über die Lage spottete, in die Tristan sich gebracht hatte. Die abblätternde Farbe und der Sprung in einer Fensterscheibe zeigten, wie tief dieses Rudel gesunken war.
Scheiße. Er musste bald in dieses Haus gehen und sich überlegen, wie er ein Rudeltreffen einberufen konnte, damit er alle von dem Führungswechsel unterrichten konnte. Er musste auch die alten Unterlagen durchgehen und herausfinden, ob es irgendwelche finanzielle Aufzeichnungen gab, damit er wusste, was zum Teufel hier los war. Er musste auch eine Möglichkeit finden, wieder Beutetiere in den Wäldern anzusiedeln.
„Tja, Scheiße“, sagte Chris hinter ihm.
Tristan rieb sich den Nacken und nickte. Er war froh, dass Chris der Ernst der Situation bewusst war.
„Er hat das Auto genommen“, beschwerte sich Chris. „Ich schätze, wir werden einen anderen Weg finden müssen, um nach Vancouver zu kommen.“
„Du solltest fahren, Tris. Selbst wenn es nur für das eine Wochenende ist“, sagte Chris von der anderen Seite des Zimmers.
Tristan starrte auf die E-Mail auf dem Computermonitor. Es war eine Einladung, einen Omega-Wolf zu treffen, der anscheinend einem anderen Rudel beitreten wollte. „Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Uns wurde immer gesagt, dass Omegas nur ein Mythos sind.“
„Was hast du zu verlieren?“, entgegnete Chris. „Ich meine, falls es Omegas wirklich gibt, dann denk nur, wie gut es wäre, einen für unser Rudel zu haben. Ein dominanter Wolf, der nicht die gleiche Aggressivität wie wir spürt? Jemand, der die Emotionen unserer Rudelmitglieder spürt und sie beruhigt, falls es nötig ist? Scheiße, Tristan. Du weißt, was sie sagen – ein Omega ist das Rückgrat eines Rudels.“
Tristan rieb sich die Stirn, starrte noch eindringlicher auf den Bildschirm und versuchte die E-Mail durch Kraft seiner Gedanken dazu zu bringen, ihm die Wahrheit zu enthüllen. Sein Freund hatte recht. Falls es Omegas tatsächlich gab, würde es dem Rudel verdammt guttun, einen zu haben.
Solange er denken konnte, hatte der Ältestenrat die Existenz von Omegas immer als lachhaft abgetan, also wusste er nicht, was er glauben sollte.
Chris gab nicht so leicht auf. „Falls es eine Möglichkeit gibt, uns bei der Kontrolle des Rudels zu helfen, solltest du dir das auf jeden Fall ansehen.“
Das war ein gutes Argument. Die Wölfe, die während ihrer Zeit auf dem College sich dem Rudel angeschlossen hatten, waren sehr schwer zu führen. Sie waren rastlos und unnötig aggressiv. Er hätte ihnen zugetraut, in Wolfsgestalt durch die nahegelegene Stadt zu laufen, einfach nur, um die Menschen zu erschrecken.
