Vom Wunder zum Alltag - Sabine Hädrich - E-Book

Vom Wunder zum Alltag E-Book

Sabine Hädrich

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Beschreibung

»Thomas wird nie wieder sprechen oder auf zwei Beinen stehen können …«, prognostizierten die Ärzte, »… Sie können froh sein, wenn er irgendwann wieder aufrecht sitzen und eigenständig atmen kann.« Knapp acht Jahre nach seinem Unfall konnte Thomas sich an guten Tagen normal unterhalten, Einkäufe erledigen und einfache handwerkliche Tätigkeiten verrichten. Gleich mehrere Wunder haben meinen Mann und mich dabei unterstützt, eine neue Normalität aufzubauen. In »Vom Wunder zum Alltag« erzähle ich von den neuartigen Herausforderungen, Thomas' zweiter Pubertät, von merkwürdigen Ereignissen, erschütternden Nachrichten und auch solchen, die mich näher an meine persönliche Erfüllung bringen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 129

Veröffentlichungsjahr: 2022

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© 2022 Sabine Hädrich

Softcover: 978-3-347-72396-2

E-Book: 978-3-347-72397-9

Druck und Distribution im Auftrag des Autors: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig.

Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung „Impressumservice“, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Kontakt: [email protected]

Vorwort

„… und jetzt holen wir uns unser Leben zurück“ – diese Worte sprudelten aus meinem Mund. Nur – wie? Es gab keinen Plan, nur den Impuls, mich nicht mehr länger vom Schicksal herumschubsen zu lassen.

Thomas, mein Ehemann, war im Jahr 2015 bei der Arbeit gestürzt und erlitt ein schweres Schädelhirntrauma. In den ersten Stunden wussten wir nicht, ob er den Unfall überhaupt überleben würde. Viele Monate des Bangens folgten, in denen nicht klar war, ob er jemals wieder gehen und sprechen könnte – ein eigenständiges Leben schien nicht mehr möglich. Auch die Ärzte – und Thomas sah einige von ihnen – rieten mir dazu, ihn in gewisser Weise abzuschreiben, als Pflegefall anzusehen und ein „neues Leben“ zu starten – eben ohne ihn. Ein neues Leben? Ja – aber nicht ohne Thomas. Ich glaubte an ihn und die Möglichkeit, dass er zumindest teilweise wieder gesunden kann. Und heute? Sieben Jahre später? Thomas kann wieder einkaufen gehen, mit seinem Smartphone Nachrichten tippen und eigenständig konzipierte Gespräche führen.

Dieser enorme Fortschritt wäre ohne Wunder nicht möglich gewesen, weshalb ich den ersten Teil der autobiographischen Reise „Vom Weh zum Wunder“ genannt habe. In diesem zweiten Band beschreibe ich, wie es weiterging, mit Thomas und mir, unserer Familie, unseren Freunden – und wie wir uns weiter in das Leben zurückgekämpft haben.

Sabine Hädrich, Juli 2022

Die flackernde Glühbirne …

2022. An einem dunklen Januartag ging ich morgens ins Bad, um mich fertigzumachen. Ich schaltete das Licht ein und bemerkte, dass die Glühbirne flackerte. Disco am frühen Morgen … das ging ja gut los.

Thomas war schon immer ein Elektriker mit Leib und Seele – und das würde auch so bleiben, auch wenn er seit seinem Unfall in gewisser Weise „außer Dienst“ war. Er bekam jedenfalls den Arbeitsauftrag von mir, die Glühbirne auszuwechseln.

Ohne zu antworten holte er seinen Werkzeugkoffer und machte sich an die Arbeit. Etwas derart Einfaches beherrschte er wie im Schlaf – und nach wenigen Minuten durfte ich im Bad antreten und ihn loben, wie gut die neue Glühbirne eingedreht war. Der Tag begann vielversprechend, ein glücklicher und zufriedener Thomas sorgte für Entspannung, insbesondere wenn sich weitere Arbeitsaufträge für ihn finden ließen. Und fand ich sie nicht, fand er sie …

Am Abend wollte ich das Abendessen für unseren Kater Obama zubereiten und schaltete in der Küche das Licht an. Oh je – schon wieder flackerte die Glühbirne! Umgehend erteilte ich Thomas einen weiteren Arbeitsauftrag, den er mit großer Begeisterung rasch erledigte. Er rückte mit seinem Werkzeugkoffer an und wechselte die Glühbirne aus – auch dafür durfte ich ihn bewundern. An diesem Abend ging ein mit sich selbst zufriedener Thomas zu Bett.

Am nächsten Morgen jedoch flackerte das Licht im Flur und ich überlegte, ob wir einen Geist im Haus haben. Auch diese Glühbirne wechselte Thomas mit großer Freude aus und holte sich sein Lob ab. Am selben Abend flackerte die Lampe im Wohnzimmer und so langsam kam ich unserem Elektriker auf die Schliche. Aber auch hier durfte unser Hausgeist Thomas die Birne noch einmal auswechseln. Ich sprach Thomas darauf an, ob er die Glühbirne denn nicht wegwerfe, wenn sie flackere. Er antwortete nur: „Sie geht doch noch …!“

Als dann am nächsten Morgen die Lampe im Büro flackerte, tauschte ich die Glühbirne eigenständig aus und entsorgte sie. Und siehe da? Der Hausgeist war plötzlich verschwunden …

Marie

Marie war am Telefon. Ich rief sie an, um Normalität in meinen Alltag zu bekommen. Ich lernte sie 2013 bei der Ausbildung zur Geistheilerin kennen. Wir waren uns sofort sympathisch, vermutlich deshalb, weil wir uns im Wesen ähnlich waren. Jede von uns hat auf ihre Weise Erfahrungen im Leben machen müssen, die uns stärker gemacht und den Ausbildungsweg haben einschlagen lassen, weil wir erkannten, dass die sogenannte Schulmedizin ihre Grenzen hat und nicht alle Fragen beantworten kann. Bis heute sind wir überzeugt davon, dass wir alle mehr erreichen können, wenn wir uns der Gesamtheit aller Heilmethoden bedienen und jeweils das einsetzen, was für den Moment das Richtige und Gute ist.

Für uns war die Geistheilung keine „Modeerscheinung“, was ich deswegen betone, weil wir nach ein paar Monaten der Ausbildung feststellten, dass unser Kurs um die Hälfte der Schüler geschrumpft war. Schnell saßen Marie und ich nebeneinander und wurden gegenseitige Übungspartnerinnen. Von nun an haben wir jeden Montagabend um halb neun eine Übung begonnen: Marie saß bei sich zuhause und ich bei mir. Ich tauchte in eine Welt des Inneren ein, ähnlich wie bei einer Meditation, und schickte Marie Energie. Dabei achtete ich darauf, was ich spürte, fühlte, hörte, sah oder sogar riechen konnte – 20 Minuten lang. Danach notierte ich all diese Eindrücke.

Marie tat zur selben Zeit das Gleiche – und im Anschluss daran telefonierten wir miteinander und tauschten unsere Empfindungen aus. Es war jedes Mal spannend und aufregend, wie viel wir von der jeweils anderen spüren konnten. Selbstverständlich funktioniert das nur, wenn man all diesen Dingen mit einer offenen Geisteshaltung begegnet; schicke ich einem Menschen Energie, der das eigentlich nicht möchte, finde ich auch nur genau das heraus, also dass er energetisch nicht behandelt werden möchte. Es muss niemand Angst haben, dass ich Gedanken lesen oder Geheimnisse aufdecken könnte; mit Marie war diese Übung abgesprochen, sodass wir uns innerlich einander öffneten. Das oberste Gebot ist ohnehin: Ein Patient wird immer nur mit seinem Einverständnis behandelt.

Nach Ende der Ausbildung beschlossen Marie und ich, dass wir uns weiterhin gegenseitig behandeln, montags abends. Nach dem Unfall meines Mannes ist dieses Ritual jedoch vorerst „eingeschlafen“. Nun aber, fand ich, war es Zeit, es wiederzubeleben. Marie freute sich sehr darüber, meine Stimme zu hören, als ich sie anrief. Natürlich wollte sie alles über Thomas wissen und zeigte sich sofort einverstanden, als ich sie fragte, ob wir uns montags wieder gegenseitig behandeln möchten. Wir sprachen auch kurz über Karen, aber auch Marie hatte inzwischen keinen Kontakt mehr zu ihr.

Wir begannen umgehend mit der Behandlung und telefonierten dann noch einmal. Ich notierte mir den kommenden Montag im Kalender für den nächsten Termin, obwohl ich ihn auch so nicht vergessen hätte, trotz Stress und Überforderung. Für mich war das ein wichtiger und großer Schritt in unser altes Leben, ich freute mich sehr auf den kommenden Montag.

*

Diese Freude war nur von kurzer Dauer. Um 21 Uhr begann ich die Sitzung und ich merkte, dass ich nur ganz wenig Zugang zu Marie bekam. Um 21:30 Uhr rief ich sie wie vereinbart an, musste jedoch feststellen, dass sie unseren Termin vergessen hatte. Das erklärte die spärlichen Empfindungen und ich war wirklich traurig.

Wir verabredeten uns für den nächsten Montag, aber auch dort kam Marie etwas dazwischen, wie auch in den darauffolgenden zwei Terminen. Ich bin mir sicher, dass sie es nicht mit Absicht vergaß, musste aber einsehen, dass sie aus irgendeinem Grund nicht bereit war, sich auf unsere Übungsstunden einzulassen – und so ließ ich es traurigerweise wieder einschlafen.

Auch sonst hatte ich keinen Kontakt zu den Menschen, die mit uns die Ausbildung 2013 absolvierten. Vielleicht war dies aber auch nicht mehr mein Weg. Das Wissen hatte ich und wenn ich jemanden behandle, kombiniere ich die Heilmethoden sowieso miteinander. Mein Gefühl sagt mir, welche Heilmethode für den Menschen oder das Tier die Bessere ist, so handhabe ich es bis heute.

Eines war klar: Diesen Teil aus meinem alten Leben konnte ich schon einmal nicht wieder zurück holen …

Die Phase der Wut

Tut man jeden Tag dasselbe, stellt sich irgendwann Routine ein – das würde man annehmen. Für uns stellte jeder Tag eine Herausforderung dar. Thomas machte Fortschritte, die in Summe tatsächlich auffielen. Ich nahm mir vor, ihn immer wieder an Orte zu bringen, die eine Bedeutung für ihn hatten, in der Hoffnung, dass er sich erinnern würde. Anfangs dachte ich, seine „Festplatte“ im Gehirn sei gelöscht, aber irgendetwas sagte mir, dass all die Erinnerungen da sein müssen, nur eben falsch abgespeichert oder „in den Papierkorb verschoben“ – ich müsste sie von dort wieder zum Leben erwecken. So fuhr ich mit ihm zu seiner letzten Arbeitsstelle. Der Fahrstuhl war wieder so eng, dass wir kaum zusammen hineinpassten. Ich sprach kurz mit den Kollegen, doch Thomas reagierte nicht. Noch nicht …

Trotz aller Hürden schob ich ihn durch das Parkhaus, blieb vor den Kassenautomaten und den Schranken stehen, damit Thomas sie sich in Ruhe anschauen konnte, und ich gewann den Eindruck, dass er hier gern länger stehen bleiben und schauen würde.

Beim Einkaufen zeigte ich ihm die Nahrungsmittel, die er früher gern mochte. Ich ließ ihn an der Banane riechen und kaufte ihm eine Apfeltasche.

Einen kurzen Brief schrieb ich ihm sogar! Dabei ging es mir darum, dass er den Briefumschlag mit beiden Händen öffnet und den Brief heraus holt und im besten Fall auch noch liest, was darauf steht. Der Inhalt bleibt unser Geheimnis, der Plan aber ging auf – wenn auch nicht beim ersten Versuch.

Die Krankenkasse genehmigte uns einen Arm- und Beintrainer. Die Arme und Beine werden festgeschnallt und bewegt, ohne dass Thomas aktiv mithelfen musste. Vorne befand sich ein kleiner Computer, an dem man einstellen konnte, ob sich die Arme oder die Beine oder beides bewegen sollten, und auch die Richtung und die Geschwindigkeit waren verstellbar. Thomas war anzusehen, dass er auf diese Übungen keine Lust hatte, aber der kleine Computer weckte sein Interesse. Um daran herumzuspielen, konnte er plötzlich wieder beide Arme bewegen und die Finger benutzen; seine Fingerfertigkeit wurde immer besser. Er begann unbewusst an dem Verbindungsstück von seiner Ernährungssonde zu spielen – bis diese plötzlich abfiel. Oh je! Ich bekam das Verbindungsstück nicht wieder dran. Es wurde unmöglich, die Medikamente zu verabreichen, da sie einfach wieder herausliefen, aber auch die nötige Flüssigkeit, die Thomas nicht zu trinken schaffte. Ich kontaktierte den Pflegedienst, aber sie kannten sich nicht aus. Die Physios nicht, die Ergos nicht – und Alida von der Logopädie ebenfalls nicht. Ich erinnerte mich, dass ich eine Schwester von der Intensivstation kannte, die ihre Kaninchen regelmäßig in meine Tierpension brachte; das war allerdings schon ein paar Jahre her, die Kaninchen waren längst verstorben. Mir kam zugute, dass ich den Tieren und deren Besitzern immer geholfen hatte: Die Schwester kam nach ihrer Schicht bei uns vorbei und versuchte, mir zu helfen. Zunächst hatte sie Probleme damit, das Verbindungsstück wieder dranzustöpseln, aber dann machte es klick und es war wieder dran! Wie genau, wusste sie auch nicht; sie machte mich darauf aufmerksam, dass das „System geschlossen sein“ müsse, damit keine Fremdkörper oder Bakterien über den Schlauch der Ernährungssonde in Thomas’ Körper eintreten können – gefährlich!

Dennoch wurde das Verbindungsstück Thomas’ neues Lieblingsspielzeug, und er schaffte es immer wieder, es abzumachen. Ich bekam jedes Mal Panik, weil ich es nicht wieder dran bekam … ich glaube, dass Thomas all meine Emotionen mitgefühlt hat. Irgendwann kam ich auf die Idee, die Firma, die diese Dinge herstellt, anzurufen und um Hilfe zu bitten.

*

Je näher der Abend kam, desto schwieriger wurde die Situation. Spätestens wenn ich Thomas in den Lifter umsetzen wollte, um ihn ins Bett zu bringen, schlug die Stimmung um und er versuchte nach mir zu hauen und zu treten, er machte sich steif, schubste mich weg und begann sogar damit, mich zu kneifen. Ich war zutiefst erschrocken und wusste mir auch nicht zu helfen. Ich verstand es nicht. Warum machte er das? Ich tue doch alles, um ihm das Leben zu erleichtern, ihn zu fördern, versuche geduldig zu sein und die Hoffnung niemals aufzugeben. Und ich erinnerte mich an die Gespräche vor unserer Hochzeit. Ich hatte ihm bis dahin alles von mir erzählt, auch die geheimsten Geheimnisse, was unsere Beziehung und Liebe nur stärker gemacht hat, doch einen Abend vor unserer Trauung sagte ich zu ihm: „Wenn du mich einmal schlägst, bin ich weg.“ Und jetzt tut genau dieser Mensch, der mir damals geschworen hatte, mich niemals zu schlagen und immer auf mich aufzupassen, genau das. Und es fiel mir unheimlich schwer, mir die Situation vor Augen zu halten und mich zu fragen: „Wer schlägt mich hier gerade? Ist das mein Mann? Oder ist es ein Mensch, dessen Schicksal ihn in eine Situation gezwungen hat, die man seinem ärgsten Feind nicht wünscht?“ Er weiß doch gar nicht, was er da gerade tut und es ist seine einzige Möglichkeit sich verständlich zu machen, dass er etwas nicht möchte. Nach außen habe ich versucht zu lächeln, aber innerlich habe ich geweint, bitterlich geweint – jeden Tag.

Würde ich das aushalten?

Trotz

Die Wutphase hielt einige Wochen an und verschwand wieder. Ich hatte mir angewöhnt, Thomas anzukündigen, was ich tue und ihm Zeit zu lassen, um sich darauf einzustellen. Inzwischen hatte er gelernt, seine Hände einzusetzen. Wenn er etwas nicht wollte, hielt er sich irgendwo fest, sodass er samt Rollstuhl stehen blieb. Dafür eignete sich der Türrahmen, die Heizung, der Tisch – was eben zur Verfügung stand. Warum er das tat, blieb ein Rätsel, doch ich konnte herausfinden, dass er stehen blieb und sich keinen Millimeter bewegte, sobald er in Stress geriet – und zwar so lange nicht, wie ich als seine Bezugsperson nicht zur Ruhe gekommen war. Auf diese Weise lernte ich, mich in Geduld zu üben und den Dingen Zeit zu geben, was mir unheimlich schwer fiel.

Immer wieder hielt ich mir vor Augen, dass Geduld aufzubringen bei weitem nicht so schlimm war, wie die Wutausbrüche eines geliebten Menschen aushalten zu müssen; wobei ich das mit der Geduld bis heute nicht wirklich gelernt habe.

Mit der Logopädin Alida sprach ich viel über all das. Über die Monate haben wir uns angefreundet und auch Thomas mochte sie gern. Sagen konnte er dies nicht, aber man merkte es an seinem Verhalten. Bei anderen fremden Menschen wandte er sich meistens ab, Alida dagegen bekam ein Lächeln, manchmal sogar eine Hand zur Begrüßung, vor allem aber seine Aufmerksamkeit. Und natürlich konnte ich mit Alida versuchen, die Probleme mit Thomas durch Transformation zu lösen. Ich stand mit dieser Art energetisch zu arbeiten noch ganz am Anfang, Alida war bereits ein „alter Hase“.

Zu diesem Zeitpunkt war mir noch nicht bewusst, dass Thomas die Phasen eines Kindes durchlebt, um ins Leben zurückzufinden. Irgendwann auf unserem Weg wurde mir klar, dass er alle Stationen noch einmal durchschritt: der erste eigene Atemzug, das erste Wort, der erste Schritt, „was schmeckt mir?“, Dinge abfühlen, anschauen und herausfinden, was man damit tun kann – und wenn er damit noch nicht fertig war, rückte er es nicht wieder heraus. Durch den Neglect sah er die Dinge auch etwas anders, wie wir sie sehen und damit meine ich nicht nur, dass sein Sichtfeld eingeschränkt war. So hielt er sein Stückchen Brot der Eule, die auf der Tischdecke abgebildet war, hin, aber ein paar Zentimeter neben der Eule. Vielleicht sah er Doppelbilder; er ließ sich jedenfalls nicht davon abbringen, der Eule sein Stück Brot zu verfüttern. Auch stellte ich fest, dass seine Augen unruhig waren, wenn er auf die Tischdecke sah. Ich beschloss, sie durch eine einfarbige Tischdecke zu ersetzen, natürlich in einem frischen hellgrün.

Und dann kam der 9. August 2016.

Thomas erzählte etwas auf thomasisch, was ich nicht verstand. Er fragte nach, was er gesagt hat – und als ich ihm sagen musste, dass ich es nicht verstanden habe, zeigte er mir mit rechts den Mittelfinger … mit rechts!

Die Idee