Warum wurde Purzel umgebracht? - Pitt - E-Book

Warum wurde Purzel umgebracht? E-Book

Pitt

0,0

Beschreibung

Eine „sich ereignete unerhörte Begebenheit“, meinte Goethe, stehe im Mittelpunkt einer Novelle. Pitt hat sie erlebt, und in der Erinnerung sucht sie den bald Achtzigjährigen heim. Ist der gewaltsame Tod eines Terriers, des Spielgefährten in den Sommerferien des Schülers, heute noch ein unerhörtes Ereignis? Das Rätsel der Täterschaft wurde gelöst, die Frage nach dem Motiv der Tat bleibt brennend. Können wir wissen, warum Purzel umgebracht wurde?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 140

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Rainer Peter

(1941-2004)

gewidmet

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

1

Der große Garten, in dem Purzel umgebracht wurde, liegt vergraben unter Wohnsiedlungen, die mit der Entfaltung des deutschen Wirtschaftswunders begonnen hatten, die Stadtgrenze zu überwachsen, hinüber zum Benther Berg, der in den Augen des Zehnjährigen stattlich gewesen ist, zwischen Kamm und Kegel schwankend, nicht nur die sanfte Erhebung einer bebauten Gegend im Calenberger Land.

Pitt wohnt im Hotel Benther Berg, in einem heimeligen Zimmer des abseits vom Hauptgebäude liegenden Landhauses am Park, der von einer Trauerweide beschirmt wird. Der flache, schlichte Bau erinnert ihn an das weiß verputzte Gartenhaus in dem großen, mit einer Obstwiese verbunden Garten an der hannoverschen Stadtgrenze.

Sie war hier in der Mitte des vorigen Jahrhunderts markant. Eine Zeile von mehrstöckigen Wohnhäusern hatte sich an sie herangeschoben. Exakt auf der Linie, die den hannoverschen Vorort von den Dörfern im Umkreis des Benther Bergs in der Seelzer Gemarkung trennt, stand der Zaun des Obstgartens. Eine graue Hauswand war der Grenzwall zwischen dem städtischen und dem ländlichen Leben.

Pitts Onkel Ludwig, der Pächter seines „großen Gartens“ – so nannte er ihn, anspielend auf den Großen Garten in Herrenhausen, an dessen Rand das Heim seiner Naturfreunde lag –, wohnte in Limmer, und wenn er aufbrach, seinen Garten zu bewirtschaften, zog er einen Handwagen, der in seiner Größe eher ein bäuerlicher Leiterwagen war. Der Weg war lang und nicht ohne Steigungen, und war der Wagen schwer beladen, musste die Tante Wilma ihren Mann mit der Schubkraft ihres massiven Körpers unterstützen. Purzel saß auf dem Wagen, aufmerksam um sich blickend, sehr diszipliniert, überhaupt nicht abgelenkt durch Artgenossen am Wegesrand, absolut gehorsam, denn sein Herr musste sich auf die Bewegung des schwerfälligen Gefährts konzentrieren und konnte sich nicht um einen umherspringenden Hund kümmern. Als helfender Zughund war der Terrier trotz seines stämmig kräftigen Körpers nicht zu gebrauchen. Pitt, der einmal den wenig beladenen Wagen eine kurze Strecke manövrieren musste, hatte die Leine des Hundes wirklich einmal, inspiriert durch die Hundegeschichten Jack Londons, an die Deichsel gebunden, den Versuch aber rasch aufgegeben.

Der Onkel bewirtschaftete zwei Gärten: den Garten mit seinen vielleicht achthundert Quadratmetern hinter der Doppelhaushälfte in Limmer, die ihm gehörte, und den dreimal so großen Garten jenseits der Stadtgrenze („Einen Morgen groß“, sagte er, und so war er für Pitt das Morgenland). Der städtische Häusler nutzte beide Gärten intensiv, vor allem für den Anbau von Äpfeln, Zwetschgen und Quitten, Süß- und Sauerkirschen, Himbeeren, Stachelbeeren, Johannisbeeren, Erdbeeren. Aus dem Boden, der nicht im Schatten von Obstbäumen und Sträuchern lag, wuchsen vor allem Kartoffeln, Karotten, Rosen- und Grünkohl. Sie dienten weitgehend der Deckung des Eigenbedarfs, wohingegen Obst und Beeren Handelsgüter waren. Der Onkel war Frühinvalide und gezwungen, sein Einkommen durch den Verkauf der Gartenprodukte aufzubessern.

Das Morgenland – wie konnte Pitt es anders erleben als sein Paradies? In Kirchrode, einem südöstlichen Stadtteil Hannovers, wohnte er mit seiner Mutter und drei Brüdern in einem Haus mit einem Garten, in dem die noch vollständige Familie allein gewohnt hatte, bis sie – jetzt unvollständig – nach dem Ende des Krieges in die Mansardenwohnung hinaufziehen musste und den Garten nicht mehr nutzen konnte. In den Sommerferien in den Garten des Onkels umsiedeln zu dürfen, empfand Pitt als ein Privileg. Der Onkel war sein Gastvater, die Tante Wilma spielte trotz der größeren verwandtschaftlichen Nähe – sie war eine Schwester seiner Mutter – eine nebengeordnete Rolle.

Gern hätte er im durchaus komfortablen Gartenhaus geschlafen, doch das wurde von den Gasteltern nicht gestattet. Streng verboten war auch der Gebrauch des Luftgewehrs, der „Vogelflinte“, und einer Luftpistole, mit denen der Onkel und sein Sohn Horst in die Kronen der Kirschbäume schossen, wenn die Stare allzu unverschämt die Schnäbel ins Kirschenblut schlugen. In den Händen durfte Pitt Gewehr oder Pistole schon einmal wiegen, sie auch einmal laden, doch schießen durfte er zu seinem Leidwesen nicht, denn Onkel und Vetter hatten ihn eindringlich gewarnt, eine verirrte Kugel könne einen Bewohner des mehrstöckigen Hauses am Rande des Gartens treffen, was bei Kindern zwar nicht ins Zuchthaus, aber doch in die Erziehungsanstalt führe, eine Vorstellung, die für eine der kritischen staatlichen Fürsorge unterworfene Kriegswaise bedrohlich war.

Auch die Tierhaltung des Onkels war beträchtlich. Im großen Garten lebten wohl zwanzig Hühner in einem großen Gehege, das durch einen Gittergang mit der Zelle im Gartenhaus, ihren Hühnerstangen und Legenestern, verbunden war. In einem Anbau des Hauses in Limmer wurden zwei Schweine gemästet. An der Hoffront dieses Hauses stapelten sich hoch die Kaninchenställe, deren zahlreiche Insassen aus den Produkten des großen Gartens unterhalten wurden, einschließlich des Heus der Streuobstwiese. Zwar wurden immer wieder einmal, nicht nur zu den Festtagen, Kaninchen geschlachtet, aber das war nicht der Hauptzweck dieser Tierhaltung. Die Kaninchen waren wertvolle Exemplare einer vielfach preisgekrönten Zucht.

Nicht durch seine halbbäuerliche Tätigkeit beeindruckte der Onkel seinen Neffen, sondern durch seinen Beruf, den er durch einen Unfall, der zu einem nicht kurierbaren Lungenschaden geführt hatte, verloren hatte. Er war Starkstromelektriker und besaß die fabelhafte Fähigkeit, mit Lederriemen und Steighaken an den hölzernen Masten emporzuklettern, bis hinauf zu den Porzellanschellen, an denen die Stromleitungen liefen, die ihr Sirren, zu einem Summen gedämpft, durch die Masten zum Fuß sandten, wo Pitt nicht einmal das Ohr ans geteerte Holz legen musste, um dem Sirenenklang zu lauschen. Die Steigeisen lagen im Gartenhaus, doch Pitt hat es nicht ein einziges Mal geschafft, den Onkel zu bewegen, ihm seine artistischen Fähigkeiten an den beiden Masten, die in der Nähe des Gartens standen, zu zeigen. War er vielleicht einmal abgestürzt aus der Höhe? Vielleicht von einem Schlag getroffen?

Selbst wenn er bereit gewesen wäre, ein Zeugnis seiner bewunderten Meisterschaft am Masten, die Pitt oft bei anderen beruflichen Kletterern an den Straßen erlebte, zu geben, er wäre wohl nicht mehr kräftig genug gewesen, den Aufstieg zu schaffen. Oft schüttelte ihn ein qualvoller Husten, ein nie endender, kein Atemholen erlaubender, den Körper zum Zerreißen spannender Krampf, der in einer sichtbaren Erschöpfung endete, aus der er erst nach Minuten tiefen Atmens seine normale, immer aber matt klingende Stimme zurückgewann. Pitt war aufgefallen, dass Purzel seinen Herrn in einem sich verkürzenden Radius umkreiste, wenn die Attacken ihn packten, nicht aufgeregt panisch, sondern konzentriert aufmerksam, als wollte er sich überzeugen, dass seinem Herrn nichts Auffallendes geschah.

Das Leiden, nahm Pitt an, war wohl die Ursache dafür, dass der Onkel recht mager war, sein Gesicht schmal und erschreckend bleich unter den Jochbeinen in sich zu versinken schien und die Augen groß und flammend aus ihm hervorsprangen. Immer wieder wunderte Pitt sich, dass der Onkel es schaffte, seinem nur aus Knochen und von dicken Adern umwundenen Sehnen gebauten Körper die Arbeitsleistung abzuverlangen, die ein Garten, der intensiv bearbeitet wird, braucht, beim Graben, beim Rechen und Hacken, beim Pflücken zwischen Beeten und Bäumen, beim Holzspalten, beim Mähen des Grases der Obstwiese mit der weitausholenden, häufig gedengelten Sense, oder wenn er seinen oft so hoch beladenen Handwagen zog.

Die Schmächtigkeit seines Körpers wurde betont durch die Mächtigkeit der leiblichen Erscheinung seiner Frau, die über große Kräfte verfügte, ja, fähig war – was Pitt einmal ziemlich fassungslos beobachten konnte – ihren Mann auf den Armen eine Treppe hinauf zum Sofa in der Stube zu tragen, als ihn ein Hustenanfall auf dem Küchenstuhl in verzehrender Wucht getroffen hatte. Zwar überragte der Onkel seine rundlich stämmige Frau um einen halben Kopf, aber wenn das Paar zusammenstand, schien der Onkel in der fragilen Kontur seines Körpers schier zu verschwinden.

Hatte es auch einen körperlichen Grund, dass der Onkel ein wortkarger Mann war? War er gezwungen, mit seinen Kräften so haushälterisch umzugehen, dass er den stimmlichen Aufwand reduzieren musste? Nie war seine Stimme laut, auch nicht, wenn er, was häufig geschah, mit seiner Frau in einen Disput über praktische Dinge des Alltags verwickelt war, und selbst seinen Hund, der ja keinen Namen mit hell befehlenden Vokalen hatte, rief er mit einem Laut, der eher wie ein Seufzer klang. Vielleicht hatte Pitt sich das eingebildet: aber er meinte, Purzels Bellen klänge in Gegenwart des Onkels gedämpfter als im Spiel mit ihm.

Die klettertechnischen Fähigkeiten des Onkels waren in der körperlichen Schwäche allerdings nicht verloren gegangen. Wenn die Leitern, die der Onkel mit Hilfe der Tante in die Höhe balancierte, hinauf in die Kronen der Obstbäume gefahren waren, eilte der Onkel mit der zarten Beweglichkeit eines Eichhörnchens hinauf, achtete nicht auf die Warnrufe seiner Assistentin und trat keck von den Sprossen auf die Äste, die sich unter seinem Gewicht nur sanft senkten. Ja, er verließ den sichernden Grund der Sprossen und trat frei auf die Äste hinaus, wenn sich ihm Früchte in Reckhöhe darboten. Wenn er den Apfelpflücker zur Hilfe nahm, stand er oft im Geäst, ohne sich an einem Ast festzuhalten. Eine seiltänzerische Geschicklichkeit bewies er auch auf der Trittleiter, die er an die Kronen der niedrigen Sauerkirschenbäume stellte: denn auf ihr musste er beide Hände frei haben, weil er die Stiele der Kirschen mit einer Schere durchschnitt – „die verbluten ja“, hatte er gerufen, als Pitt sie unachtsam von ihren Stängeln gerissen hatte.

Als Pitt einmal, Jahrzehnte später, im eigenen Garten zwei mächtige, mit ihrem Geäst über das Dach des Hauses fingernde Birken entfernen lassen musste, war er erleichtert, dass der Baumgärtner über eine Seiltechnik verfügte, die ihm erlaubte, die Bäume von der Krone abwärts Stück für Stück zu fällen. Das hätte dem Onkel gefallen, dachte er, wenn die Säge surrte und Zweige vom Schredder verschluckt wurden.

2

Nur in den Sommerferien durfte Pitt nach Limmer reisen. Reisen? – von einem Vorort der Landeshauptstadt in den anderen – heißt das reisen, selbst wenn das Ziel des großen Gartens über die Stadtgrenze hinauswies? Im Frühjahr und Herbst, meinte die Mutter, sollten Onkel und Tante nicht auch noch vom Neffen behelligt werden. Eine Extrafahrt – von Kirchrode mit der Linie 5 zum Kröpcke, Umsteigen in die Linie 1 nach Limmer – zerstörte die ausgetüftelte Balance des mütterlichen Haushaltsbudgets nur dann nicht, wenn ein Geburtstag in der Familie Heinse in Limmer die Anwesenheit der Schwester und Schwägerin und mindestens eines ihrer vier Jungen verlangte (der nicht immer Pitt war, und manchmal sprach sich die Mutter auch durch eine plausibel begründete Absage frei). Ein Fahrrad gab erst zur Konfirmation, und die Räder der älteren Brüder, die als Lehrlinge auf ihre Räder angewiesen waren, standen ihm später nicht einmal für die Fahrt an einem Feiertag zur Verfügung, weil er sich den berechtigten Vorwurf zugezogen hatte, ein leichtsinniger Radler zu sein. Der Abschied von Purzel am Ende der großen Ferien war immer ein trauriges Adieu für ein langes Jahr.

Pitt hat in einem ziemlich langen Leben das meiste von dem, was er sich als Kind gewünscht hat, nicht bekommen, sei es durch die Ungunst der Umstände, sei es durch klugen Verzicht; dafür hat er viel Gutes bekommen, das er sich nicht gewünscht hat. Zu seinen sehnlichen Wünschen gehörte die Kameradschaft eines Hundes. Als in der Wohnungsnot nach dem Krieg in seinem Elternhaus, das seiner Mutter nicht gehörte, das peinvolle Zusammenrücken mehrerer Familien begann, musste der Hund Fiffi sein Heim verlassen. Fiffi, der Freund. Der wuschelige kleine Kriegskamerad, der sich auch in den langen Bombennächten stets kregel gezeigt hatte, war plötzlich verschollen, denn die Mutter hatte ihn auf einen den Jungen unbekannten Bauernhof gegeben. Er war zwar der Freund aller Brüder, aber wie es ist: der Sechsjährige hatte sich eingebildet, Fiffis Favorit unter seinen brüderlichen Freunden zu sein. Purzel, der Foxterrier, war für Pitt der jüngere Bruder Fiffis, dessen Rasse nicht bestimmbar war, ein Freund für sechs Wochen im Jahr, der Sommerfreund im Morgenland. Die großen Ferien waren das Fest der Wiederbelebung einer Freundschaft.

Mit einer bänglichen Spannung sah der Urlauber seinem ersehnten Wiedersehen mit Purzel entgegen. Würde sein Freund ihn wiedererkennen?

Fiffi war ein Fanatiker der Wiedersehensfreude gewesen. Als ein Funken sprühender, vor einer Explosion stehender Feuerwerkskörper war er jedem seiner Lieben auch nach kurzer Trennung vor den Füßen gesprungen, war er kugelig an ihnen emporgeschnellt, und wenn der erste Rausch des Wiedererkennens erloschen war, kroch er bäuchlings, den Schwanz in erschöpfter Raserei auf den Boden klopfend, dem Ankömmling entgegen. Bei jeder zufälligen Begegnung auf der Straße würde das geschehen, und so hatte denn die Mutter den Familienhund in ein fernes Exil verbannen müssen – weil ein Tyrann, der große Hundefreund, sein Volk in ein improvisiertes Leben auf Trümmern verbannt hatte.

Es war schwierig zu erkennen, ob Purzel nach dem langen, langen Jahr Pitt wiedererkannte. Denn es war seine natürliche Haltung, jedem Menschen in einer formellen Zurückhaltung zu begegnen – wie jene Butler in den Uniformen junger Soldaten, die den Kindern die Tür geöffnet hatten, wenn sie von den britischen Offizieren zu den Weihnachtsfeiern in die okkupierten Häuser eingeladen worden waren. Vielleicht betonte er leicht die schräge Haltung seines Kopfes, aber das konnte auch bedeuten, in einer Begegnung seine forschende Aufmerksamkeit zu schärfen. Die breite Brust des kniehohen Hundes, bekleidet mit dem kurzglatten Haar, wirkte monumental in der Reglosigkeit des Körpers, der von stämmigen muskulösen Beinen – die der Onkel Läufe nannte – getragen wurde. Wenn Pitt später von Purzel erzählte, haben ihm seine Zuhörer – denn sie sind alle Hundekenner – selten geglaubt, dass sich ein Hund so wenig aus der Reserve locken lässt.

Als wollte Purzel seine Emotionen verbergen, lagen die dunklen Augen in zwei schwarzen Halbmasken links und rechts von der Schnauze. Die beiden Felltücher, die von den elegant geknickten, nach vorn fallenden schwarzen Ohren getragen zu sein schienen, waren durch ein weißes Band, das über der schwarzen Schnauze schmal zum Schädel lief, getrennt. Aber die Augen des Foxterriers! Er musste sich ja – das war das Gebot seiner Art – in so statuarischer Ruhe aufbauen vor den Fuchshöhlen und Kaninchenlöchern, um seine Opfer vor der Stöberattacke in Sicherheit zu wiegen. In den Augen liegt das Leben. Sie sind ganz witternde Beweglichkeit, sie scannen in graduell winzigen Schritten den Raum und die Erscheinungen in ihm, sie haben die Blendenweite, die eine Welt erfasst, und eine Tiefe, in denen der Globus versinken könnte.

Purzels Augen wirkten mit den blinkenden Punkten in ihrer Schwärze feurig, sehr lebendig, fordernd eindringlich, ja, sie vermittelten den Eindruck, es mit einem höchst verständigen Wesen zu tun zu haben. Aber war das nicht ein Ausdruck seines kollektiven Erbes, seiner über viele Generationen auf waidmännische Nützlichkeit getrimmten Rasse? Am Ausdruck der Augen glaubte Pitt zu erkennen, dass Purzel ihn wiedererkannte. Lag nicht ein Lachen in ihm? Ein verschwisterndes Lächeln, das nicht zum Rassenerbe gehörte, als Signal der Verständigung, die nur zwischen Individuen möglich ist. Dem Onkel gegenüber mochte Pitt seine Behauptung, Purzel habe ihn wiedererkannt, nicht durch seine Augendiagnose rechtfertigen. Der Hund habe seinen Schwanz – „Rute heißt das!“ – fallen gelassen, wo er doch in seiner stummeligen Keckheit immer in die Höhe strebe. „Das kann viel bedeuten.“

Seinem jüngeren Bruder Rainer, der seine großen Ferien bei seiner Patentante auf einem kleinen Bauernhof im Solling erlebte, schrieb er eine Karte: „Purzel hat mich wiedererkannt.“ Und der Bruder antwortete nach ein paar Tagen: „Ich habe gesehen, wie eine Kuh gekalbt hat“. Zwei sensationelle Nachrichten, des Austauschs würdig, aber Pitt empfand seine doch als eine Spur berichtenswerter.

Im Jahr der ersten Ferien in Limmer und im Calenberger Land musste Pitt die stille Sorge, er könnte Purzel als Fremder begegnen, noch nicht beschäftigen. Noch vergingen die Tage in ewiger Gegenwart, auf die Schatten der Trennung nicht fallen konnten. In diesem Jahr, in der Mitte des Jahrhunderts, hatten sich Pitt und Purzel in einem Urerlebnis verbunden. Im Haus in Limmer lebten drei Generationen: eine uralte Großmutter, Onkel und Tante und der Cousin, wohl fünfzehn Jahre älter als Pitt, mit seiner bezaubernden, etwas jüngeren Frau. Und nun drängte die nächste Generation ans Licht der Welt: ein Kind wurde geboren. In einer Nacht herrschte im Haus eine hektische Geschäftigkeit, Töpfe und Tücher wurden von Zimmer zu Zimmer getragen, eine Frau im weißen Kittel gab resolute Kommandos, der Vetter Horst rannte durch den mondhellen Garten, Pitt und Purzel waren als potentielle Störenfriede in die Stube der Tante, in der Pitt auf dem Sofa nächtigte, eingesperrt worden, was die Unheimlichkeit des Stöhnens und der Schreie, die aus dem Erdgeschoss ins Obergeschoss drangen, erhöhte. Pitt vermutet, dass Purzel ebenso geängstigt war wie er. Er hatte mit den Pfoten an der Tür gescharrt, zur Klinke emporstrebend, und war schließlich mit einem Winsellaut zu ihm aufs Sofa gesprungen und hatte sich an seine Bettdecke gedrängt. Ohne Zweifel hatten die beiden eine gefährliche Situation durchzustehen, die alles in den Schatten stellte, was sie im täglichen Spiel erleben konnten.

Peinigend war dieses gemeinsame Erlebnis, ja, aber nicht peinlich wie das andere, in dem sie wenige Tage