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Der Eindruck Wolfgang Vogels, dass in der deutschen Geschichtsschreibung die ostdeutsche Erfahrungswelt kaum stattfindet, zieht sich wie ein roter Faden durch dieses überaus spannende Buch, das sowohl ostdeutsche wie westdeutsche Lesende zum Erinnern und Nachdenken animiert. Der Autor schildert anhand seiner eigenen Biografie, wie die Wiedervereinigung erlebt wurde, wie jede Reformbewegung innerhalb der DDR ausgetrocknet wurde, welche wirtschaftlichen Folgen die Treuhand hatte und wie das alles das Selbstwertgefühl der Ostdeutschen nach unten zog. Wolfgang Vogel stellt die These auf, dass die gegenwärtigen Ereignisse in Ostdeutschland komplexe und weit in die Geschichte reichende Ursachen haben. Das beständige Unsichtbarmachen ostdeutscher Erfahrungswelten fordert die Suche nach Aufmerksamkeit heraus. Im Moment erhalten Ostdeutsche dann Aufmerksamkeit, wenn sie rechts wählen. Ostdeutsche verstehen, ist etwas anderes, als einverstanden zu sein. Aber es wäre gut, sie mal selbst zu Wort kommen zu lassen.
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Seitenzahl: 108
Veröffentlichungsjahr: 2025
Wolfgang Vogel
Deutsche Geschichte aus ostdeutscher Perspektive
Wolfgang Vogel
Deutsche Geschichte aus ostdeutscher Perspektive
R. G. Fischer Verlag
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
© 2025 by R. G. Fischer Verlag
Sontraer Str. 13, D-60386 Frankfurt/Main
Alle Rechte vorbehalten
Schriftart: Bergamo
Herstellung: rgf/pr/1A
ISBN 978-3-8301-9389-0 EPUB
Für meine Kinder
Im Dezember 1989 kommt eine Familie aus Karl-Marx-Stadt nach Westberlin und will das Begrüßungsgeld ausgeben. Beim nächsten Aldi steht die Familie in einer Warteschlange an der Kasse. Mutti dreht sich zu Vati um und sagt: »Dafür sind wir nicht auf die Straße gegangen, dass wir hier wie zu Hause anstehen!«
Ein Mann vor ihnen in der Schlange dreht sich um und spricht mit türkischem Akzent: »Wir haben euch nicht gerufen!«
Mein jüngster Sohn wurde vor kurzem achtzehn Jahre alt. Wie jedem meiner Kinder schenkte ich ihm ein Buch. Das hieß »Papa erzähl mal«. Darin konnte ich meine Erinnerungen an die eigene Familie festhalten. Daran, wie ich groß geworden bin, wie meine Eltern waren. Ich konnte Erinnerungen aufschreiben, wie er als Kind aufwuchs und woher mein Sohn kommt, wie er der geworden ist, der er ist.
Die Bücher für meine Kinder kamen im Laufe der Jahre von unterschiedlichen Autoren und unterschiedlichen Verlagen. Dabei ist mir aufgefallen, dass die ostdeutsche Erfahrungswelt in diesen Büchern überhaupt nicht auftaucht. Das war zum Beispiel aus den Fragen nach Grundschule und Bundeswehr zu schließen oder auch anhand von solchen Zitaten wie diesem von Detlef Borchers:
»Jede Elterngeneration hat ein Thema, an dem sie zu knabbern hat. In den 50ern waren es der Rock’n’Roll, in den 60ern die freie Liebe, in den 70ern waren es die Drogen und in den 80ern waren es die Kinder, die Börsenmakler werden wollten.«
Bei aller Liebe: Als ich in den 1970er und 1980er Jahren in der DDR aufwuchs, hatten meine Eltern und ich ganz andere Probleme. Nun könnte man sagen, das verschenkte Buch wurde von einem niederländischen Autor verfasst. Das Buch lag mir jedoch nicht im niederländischen Original vor, sondern es wurde übersetzt und auf die bundesdeutschen Verhältnisse angepasst. Ich bin mir völlig sicher, dass das Schulsystem und die Armee in den Niederlanden anders organisiert sind als die bundesdeutschen Pendants.
Ein weiteres Beispiel möchte ich hier anbringen. Ich nehme regelmäßig an Umfragen teil, die von deutschen Universitäten zu den verschiedensten Themen durchgeführt werden. Bei der Frage nach dem höchsten schulischen Abschluss wurde in den vergangenen dreißig Jahren die zehnklassige Polytechnische Oberschule (POS) nur sehr selten aufgeführt. Die POS war die Schulart mit den meisten Schulabgängern. Die Erweiterte Oberschule, die EOS, war denen vorbehalten, die das Abitur machten.
Ich habe den Eindruck, dass in unserer Geschichtsschreibung (außerhalb der Fachwelt) die ostdeutsche Erfahrungswelt kaum stattfindet. Wenn doch, dann wird ausschließlich tendenziös darüber berichtet.
Ziemlich schnell nach der friedlichen Revolution wurden die Montagsdemonstrationen von Menschen okkupiert, die hin zur BRD wollten. Aus »Wir sind das Volk!« wurde »Wir sind ein Volk!«. Das wurde aktiv unterstützt von westdeutschen Politikern. Jede Reformbemühung innerhalb der DDR wurde ausgetrocknet. Das hat viele DDR-Bürger vor den Kopf gestoßen. In der Zeit nach der Wiedervereinigung wurde offengelegt, wie tief eine große Zahl von DDR-Bürgern, insbesondere Politiker oder agierende Personen der friedlichen Revolution, in diesen Staat – sprich die Stasi – verstrickt waren. Damals, als junger ostdeutscher Mann, hatte ich kein Problem damit, dass diese Verwicklungen ans Licht kamen. Ich fand diese Dinge unter aller Sau. Was mich gestört hat, war die Häme, mit der das passiert ist. Die Berichterstattung von Bild-Zeitung oder Spiegel oder wer auch immer sich auf diese Menschen stürzte, hat uns Ostdeutschen vermittelt:
Alles, was ihr gemacht habt, war falsch und absolut nichts wert. Ihr kriegt selbst Reformen nicht auf die Reihe. Selbst diejenigen, die zur Wiedervereinigung beigetragen haben, waren Verbrecher.
Der wirtschaftliche Umbruch, der dann einsetzte, hat zu Angst und Wut beigetragen. Wir Ostdeutschen haben die Treuhand schlicht und einfach als Erfüllungsgehilfe der wirtschaftlichen Interessen der westlichen Bundesrepublik erlebt. Die Treuhand walzte jegliche, ob nun tatsächlich existierende oder auch nur empfundene Konkurrenz nieder. Die Verantwortlichen spielten mit den Ängsten und Hoffnungen der ostdeutschen Menschen. Diese fanden sich vor Herausforderungen gestellt, die sie nicht kannten und denen sie überwiegend machtlos gegenüberstanden. Zusätzlich wurden diese Menschen dann auch größtenteils damit alleingelassen.
Ich selber habe in der eigenen Familie erlebt, was das bedeutete. Nur ein paar Monate nach der Wiedervereinigung wurde mein Vater arbeitslos. Er war damals einundfünfzig Jahre alt und er hat nie wieder Arbeit gefunden. Ich habe gesehen, wie er gekämpft und sich bemüht hat, irgendetwas auf die Beine zu stellen, damit seine Familie versorgt ist. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass er in einer nahegelegenen Gaststätte nach einer Steckdose für seine transportable Tiefkühltruhe fragte und aus dieser heraus Eis verkaufte. Diese Kämpfe hatte ich selber nicht, da ich einen Beruf gewählt hatte, der damals schon gebraucht wurde. Deshalb überlebte ich diese unsägliche Privatisierungswelle, die im Krankenhausbereich einsetzte.
Millionen von ostdeutschen Menschen hatten dieses Glück nicht. Ein jeglicher Lebensplan brach zusammen oder stand zumindest auf der Kippe. Es entstanden Gegenden, in denen Generationen keine oder nur sehr gering bezahlte Jobs fanden. Unsicherheit und Armut prägen Menschen nachhaltig. Jedwede neu heraufziehende Veränderung bringt neue Unsicherheit und damit Angst mit sich. Leider wurde und wird diese Angst von den meisten politisch Tätigen nicht ernst genommen.
Nun ist ein Großteil meiner und der Generation meiner Eltern damit groß geworden, dass man ihnen gesagt hat, was falsch und richtig ist und was sie zu tun haben. Plötzlich wurde ihnen erzählt: Alles, was ihr bisher in eurem Leben gemacht habt, war ein Griff ins Klo und seht zu, wie ihr da wieder rauskommt.
Nun könnte vermutet werden, dies gelte für Großeltern und Eltern. Warum handeln dann die Kinder in gleicher Weise? Meine Antwort ist: So wie die Eltern geprägt sind, sind es auch die Kinder. Das geschieht sehr oft unbewusst. Es bedarf einer ziemlich ref lektierten Eigenwahrnehmung, herauszufinden, welches Verhalten von den Eltern übernommen wurde. Diese Art Selbstref lexion nehmen nur wenige vor. Zum anderen ist es systemisch erklärbar. Wenn Menschen klein gemacht werden, wenn dafür gesorgt wird, dass sie unsichtbar bleiben (wie es uns in Ostdeutschland ergangen ist), ruft das eine Reaktion hervor, die Aufmerksamkeit einfordert. Meine These ist, viele der Leute, die jetzt AfD wählen, möchten einfach gerne wissen, was richtig und was falsch ist. Was habe ich zu tun, was habe ich zu lassen? Und natürlich, wie bekomme ich Aufmerksamkeit? Im Moment ist es so, dass Ostdeutsche die meiste Aufmerksamkeit bekommen, wenn sie rechts wählen.
Schaut euch doch einfach mal die aktuelle westliche Berichterstattung über Ostdeutschland an. Wie oft wird überregional über antifaschistische, über demokratische Bewegungen berichtet? Oder über einfache, positive Dinge, die außerhalb der Leuchtturmprojekte von Landes- und Bundesregierungen laufen? Wie oft werden Menschen vorgestellt, die sich für Flüchtlinge, für Demokratie einsetzen? Wie oft passiert das gerade von den westlichen Medien? Wem gehören diese Medien, selbst wenn sie im Osten angesiedelt sind? Dann setzt einfach mal dagegen, wie oft von AfD-Wählern, von rechtsextrem unterwanderten Protesten berichtet wird. Allenfalls wird sich über Ostdeutsche lustig gemacht. In den meisten Medien wird über die Ostdeutschen gesprochen, wird ihnen erklärt, warum sie so denken oder so handeln, wie sie es tun. Ich habe mir es zur Angewohnheit gemacht, nachzuschauen, woher der Autor oder die Autorin kommt, wenn ich einen Text über das Verhalten der Ostdeutschen lese. Wir ostdeutschen Menschen werden von westdeutschen Medienschaffenden beurteilt wie die indigenen Ureinwohner Amerikas bei der Landung von Kolumbus.
Seitdem das erste Ei an Helmut Kohls Kopf zerplatzte, sind wir die undankbaren Jammerossis oder Witzfiguren und das seit dreißig Jahren. Den Witz vom Anfang des Buches habe ich im Dezember 1989 gehört. Die Ablehnung der ostdeutschen Schwestern und Brüder ist im westdeutschen Bewusstsein tief verwurzelt. Genauso wie die Abneigung der Ostdeutschen gegen die »Wessis«.
Es ist völlig müßig, darüber zu diskutieren, was gewesen wäre, wenn, weil die Geschichte nun einmal so abgelaufen ist, wie wir sie erlebten. Wir müssen mit den Ergebnissen klarkommen. Ich möchte hier in keiner Weise den Jammerossi herauskehren und mich über die Besserwessis beschweren.
Ich möchte auf eins aufmerksam machen: Bei all den Vorgängen in Ostdeutschland gibt es Ursachen, die jenseits der TikTok-Schwarz-Weiß-Diskussion liegen. Eine sehr gewichtige ist aus meiner Sicht das ständige Unsichtbarmachen ostdeutscher Erfahrung. Diese wird außerhalb der Fachwelt schlicht ignoriert, es wird weggehört, gleich gar nicht erst zugehört. Die eigenen Urteile sind gefasst und es wird an ihnen festgehalten. All die Forderungen, doch endlich wieder eine Mauer aufzubauen, damit wir diese schrecklichen Ostdeutschen los sind, die ja sowieso alle nur AfD wählen, sind lediglich die Fortsetzung einer jahrzehntelang gewachsenen Einstellung westdeutscher Menschen gegenüber den Ostdeutschen. Die gegenseitigen Schuldzuweisungen machen jedoch einen Dialog unmöglich.
Das, was ich im Folgenden aufgeschrieben habe, ist meine eigene Beobachtung und aus meiner systemischen Arbeit geschöpft. Es ist in keiner Weise evidenzbasiert und ich beanspruche keinerlei Vollständigkeit. Die folgenden Texte speisen sich aus meiner eigenen Erfahrung, meinen eigenen Erlebnissen. Es ist meine eindeutig ostdeutsche Perspektive, obwohl ich den Frust vernachlässigter westdeutscher Menschen nachvollziehen kann. Ursprünglich habe ich sie als Videobeitrag auf TikTok als Teil der Reclaim-TikTok-Bewegung veröffentlicht. Damit habe ich versucht, den AfD-TikTokern etwas Demokratisches entgegenzusetzen.
Ich sehe das Ganze als meinen Beitrag zum Thema »Einander zuhören hilft einander verstehen«. Verstehen ist etwas anderes als einverstanden zu sein. Das Leben ist bunter, als uns die Propaganda glauben machen will. Ich hoffe, es kommt ein Dialog zustande. Für mich ist es wichtig, dass dieser Text in der Welt ist.
Eigentlich bin ich gelernter Krankenpf leger, gelernter Mobbing-Berater und ich bin gelernter systemischer Berater. Das heißt, ich habe einige Ausbildungen durchlaufen, sie abgeschlossen und ein Zertifikat dafür bekommen. Die in der DDR Geborenen und Aufgewachsenen hatten ebenfalls eine Ausbildung zur sozialistischen Persönlichkeit zu durchlaufen. Sie begann bereits in der Krippe und im Kindergarten. Sie erfolgte in der Schulzeit mit dem Eintritt in die Pionierorganisation und die Freie Deutsche Jugend, verlief weiter in Lehre, Studium und so weiter. Im Idealfall, zumindest aus der Sicht der damaligen Autoritäten in der DDR, endete die Ausbildung mit der Aufnahme in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands. Meine Ausbildung scheiterte das erste Mal, als ich mich weigerte, in die FDJ einzutreten.
Die Floskel »gelernter DDR-Bürger« wurde von meinem Familien- und Bekanntenkreis ironisch verwendet. Damit umschrieben wir den Gegensatz zwischen dem privaten und dem öffentlichen Menschen, der bei den meisten DDR-Bürgern existierte. Im täglichen Leben hatten wir in der DDR Aufgewachsenen durchaus mindestens zwei Meinungen. Eine offizielle, die wir gegenüber Autoritäten der DDR, unbekannten Menschen, oder auch gegenüber Menschen, von denen wir wussten, dass sie bei der Stasi gearbeitet haben, äußerten.
Dann hatten wir eine private Meinung, die wir nur dann äußerten, wenn wir am Stammtisch oder in unserer Stube am Fliesentisch saßen. Beide Meinungen deckten sich mitunter wenig. So ist es zum Beispiel erklärbar, dass wir in der DDR zumindest offiziell Antifaschisten waren und es gleichzeitig Angriffe von Skinheads auf Punk-Konzerte geben konnte.
Meine Ausbildung zum DDR-Bürger begann also im Kindergarten. Ich erinnere mich, wie ich als fünf- oder sechsjähriger Knabe Postkarten für die Freilassung der US-amerikanischen Bürgerrechtlerin Angela Davis malte. Das Interesse der DDR-Politiker an der Freilassung gerade dieser Person speiste sich aus der Tatsache, dass sie eine Führungspersönlichkeit der Kommunistischen Partei der USA war.
In der ersten Klasse wurden wir alle Jungpioniere, ich auch. Damals war ich sechs Jahre alt. Ich bin halt mitgegangen, wie so viele. Ich glaube, die wenigsten sind aus echter Überzeugung dort eingetreten. Es gehörte einfach zum Leben. Vor uns die Kinder wurden es, genauso wie die nach uns Kommenden ebenfalls Mitglieder der Pionierorganisationen wurden. Wir stellten das nie infrage.
Wenn ich mich richtig erinnere, fand die Aufnahme in die Pionierorganisation am 13. Dezember des jeweiligen Jahres statt. Das war der Jahrestag der Pionierorganisation. Diese Organisation hatte einen umfangreichen Einf luss auf unser schulisches Leben. Eigentlich organisierte die Pionierorganisation den Alltag in der Schule. Diese Organisation sollte mit ihren Statuten und Aktivitäten die der bürgerlichen oder kirchlichen Einrichtungen ersetzen. Dazu diente einerseits die Uniform mit dem blauen oder roten Halstuch. Die Uniform, ein weißes Hemd mit dem Pionieremblem am linken Ärmel, wurde meist durch eine dunkle Hose oder Rock ergänzt. Bei offiziellen Aufmärschen trugen die Kinder ein blaues Käppi. Im Schulalltag ist mir diese Kopfbedeckung nicht begegnet. Ich selbst besaß neben dem jeweiligen Halstuch nur die weiße Pionierbluse. Auf alle Fälle wurde das Halstuch getragen – blau als Jungpionier, rot als Thälmann-Pionier. (Ernst Thälmann war der zum Märtyrer stilisierte Führer der Kommunistischen Partei Deutschlands. Er wurde 1944 von den Faschisten ermordet, was der Idealisierung sehr förderlich war. Die gesamte Pionierorganisation trug seinen Namen.)
