Was vom Tode übrig bleibt - Peter Anders - E-Book

Was vom Tode übrig bleibt E-Book

Peter Anders

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Beschreibung

Er kommt, wenn das Leben gegangen ist

Peter Anders ist Tatortreiniger. Er beseitigt, was der Tod hinterlassen hat. Jetzt schildert er erstmals seine spektakulärsten Fälle. Er erzählt von den Begegnungen mit den Angehörigen, von den Schicksalen, die sich hinter den Wohnungstüren verbergen, vom Geruch des Todes, den man nie wieder vergisst – spannende Kriminalfälle, bewegende Schicksale, Grenzer - fahrungen!

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Seitenzahl: 307

Veröffentlichungsjahr: 2011

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© Kay Blaschke

Peter Anders, geboren 1966, erkannte durch seine Einsätze als Feuerwehrmann bei der Berufsfeuerwehr München den Bedarf an Fachleuten, die den Angehörigen die Tatort-, Leichenfundort- und Unfallortreingung abnehmen. Er gründete seine Firma »asdmünchen« und ist seit 2005 als einer der wenigen Tatortreiniger Deutschlands tätig. Peter Anders ist verheiratet und lebt mit seiner Frau und den zwei Töchtern in München.

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Originalausgabe 06/2011

Copyright © 2011 by Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München

Mitarbeit: Timur Vermes

Redaktion: Johann Lankes, München

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-05694-0V005

www.heyne.de

1. Zement

Es ist eine Sisyphusarbeit. Es ist, als müsste man mit einem winzigen Schraubenzieher im Winter eine zugefrorene Treppe frei schaben. Oder eine gründlich eingebrannte Pfanne mit einem Hölzchen säubern, wie es vom Eis am Stiel übrig bleibt. Und das Dümmste dabei ist: Ich weiß bereits jetzt, dass es Ärger geben wird. Ich bereue, dass ich diesen Job angenommen hab– ich bin manchmal so ein Depp, also wirklich!

Wir knien in unseren weißen Overalls in einem leeren Zimmer. Unsere Gesichter stecken in Atemschutzmasken. Wir haben elektrische Bohrmeißel, und wir bohren sie in den Estrich. Wir schaben ihn ab, in kleinen Streifen, einen, höchstens zwei Zentimeter breit. Den Meißel in den glasharten Zement zu drücken wird nach zehn Zentimetern schwer, nach höchstens 20 Zentimetern ist es unmöglich. Dann rutscht der Meißel nach oben weg, wir ziehen ihn zurück und fangen vorne wieder an.

Wir kratzen den Tod aus dem Boden.

Ich kenne nur den Nachnamen des Mannes, der hier starb. Er ist mit seiner Frau noch Anfang des Jahres in Thailand gewesen, sie ist dort ums Leben gekommen. Wie, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass er drei Monate später fand, er hätte nun wohl ebenfalls lange genug gelebt, und Tabletten genommen hat. Was ich noch weiß, ist, dass er wohl nicht viele Freunde oder Verwandte hatte, die sich um ihn Sorgen gemacht haben. Man hat ihn nach vier bis sechs Wochen gefunden. Er lag auf dem Boden, zwischen dem Bett und dem Fenster. Vielleicht lag er anfangs auch noch im Bett, ich würde es beim Selbstmord ja wenigstens bequem haben wollen, vielleicht wurde er durch die Tabletten nicht ganz so bewusstlos, wie er gern gewesen wäre, aber gestorben ist er auf dem Boden. Deswegen sind wir hier. Es ist sein Blut, das wir aus dem Boden kratzen, und nicht nur sein Blut.

Der Zementstaub dringt mir in die Augen. Ich richte mich langsam auf und frage mich, wie Klaus das durchhält, denn er ist mit seinen 48 Jahren ein paar Jahre älter als ich. Er ist wie ich Feuerwehrmann und Rettungsassistent und extrem vielseitig. Am Anfang hat die Arbeit noch leichter ausgesehen. Da hat Klaus mit der Flex zwei großzügig bemessene Schlitze um die Leichenumrisse in den Boden gefräst, damit wir eine Ansatzkante für unsere Geräte haben, ungefähr zwei Meter lang und einen Meter breit, eine matratzengroße Fläche. Die Flex ist durch den Boden gegangen wie Butter. Aber jetzt… Mit verbissener Entschlossenheit treibt Klaus seinen Meißel in den Estrich, um wieder ein paar Quadratzentimeter loszuschlagen. Ich habe keine Ahnung, womit die Erbauer diesen Drecksboden angerührt haben. In manchen Städten stehen noch alte Flakbunker, die sie nach dem Krieg nicht abreißen konnten, weil die stärksten Sprengstoffe nichts vermocht hätten– hier in den Estrich haben sie vermutlich die Restbestände von diesem Bunkerzement gepresst; ich habe so etwas Granithartes noch nicht erlebt. Ich bin fast dankbar, wenn ich mal die Akkus in meinem Meißel wechseln kann. Ich richte mich auf, greife zum Besen, kehre die Splitter weg, was ich eigentlich nicht machen sollte, denn das Ergebnis ist ernüchternd: Es sieht aus, als hätten wir gerade erst angefangen.

Vielleicht ist das Ganze auch deshalb so tief drin, weil sie uns so spät gerufen haben.

Der Wohnungsbesitzer hat vorher offenbar schon selbst versucht, das Problem zu lösen, das heißt, irgendwelche Handwerker haben sich in seinem Auftrag bemüht. Wir jedenfalls haben nur den nackten Raum vorgefunden und den dunklen Fleck auf dem Boden vorm Fenster. Und die vielen kleinen Duftspender. Zwei blaue, kegelförmige aus dem Supermarkt, einer davon im Flur, einer im Wohnzimmer. Zwei weitere billige Plastikgehäuse stehen auf dem Fensterbrett im Schlafzimmer selbst, solche, die man gerne mal in die Gästetoilette stellt. Es wundert mich fast, dass sie nicht auch noch so ein kleines Bäumchen für den Autorückspiegel irgendwo hingehängt haben, Tannenduft oder Vanille. Die Mischung aus künstlichem Duftaroma und natürlicher Verwesung riecht furchtbar und hat zugleich etwas Rührendes. Als hätte jemand versucht, einen Waldbrand zu löschen, und zwar mit einem ganz, ganz kleinen Gießkännchen.

Sie haben das Zimmer ausgeräumt, ratzekahl. Sie haben den Teppichboden rausgerissen, die Klebstoffspuren sind noch auf dem Estrich darunter zu sehen, das war nicht mal so falsch. Dann haben sie geschrubbt, man sieht es an den Reinigern, die noch immer herumstehen. Sie haben die Fenster aufgerissen, ein paar Tage lang, einige Wochen lang. Und dann haben sie gemerkt, dass der Geruch nicht verschwindet. Sie sind also losgezogen und haben all die Duftmittelchen gekauft, die, die sie wollten, und die, die man ihnen aufgeschwatzt hat. Sie haben nochmal geschrubbt und gelüftet wie die Weltmeister. Und dann haben sie den Geruch nicht mehr ertragen, uns gerufen und gehofft, dass wir ein Wundermittel haben. So läuft das immer.

Aber wir haben auch keine Wundermittel. Ich habe nur meine Nase und meine Erfahrung. Ich weiß eben, dass es nicht so ist, wie viele glauben, nämlich dass wir hier ein Zimmer haben, in dem ein Fleck ist und in dem es nach Tod riecht. Ich weiß, dass es der Fleck selbst ist, der riecht. Und weil nichts auf der Welt den Geruch des Todes neutralisieren kann, knien wir hier. Wir haben zuerst den Raum sicherheitshalber mit Kohrsolin ausgesprüht, einem Desinfektionsmittel. Nicht dass nach vier Wochen das noch nötig gewesen wäre, aber sicher ist sicher. Und dann haben wir begonnen, den Fleck zu entfernen. Mit der einzigen Methode, die wirklich hilft: Wir schlagen ihn aus dem Boden.

Vier Wochen ist der Mann hier gelegen, im Hochsommer. Er lag auf der Seite, mit den Füßen an der Wand, dem Rücken zum Fenster, die Hände neben sich. Man sieht es an den Umrissen. Man kann den Daumen noch im Estrich erkennen, er schaut nur nicht mehr aus wie ein Daumen, sondern ähnelt mehr einem dicken Pilz. Die ganze Hand hat ja einen Umriss hinterlassen wie von einem Baseballhandschuh. Die Leichenflüssigkeit sickert eben aus dem Körper, aus dem ganzen Körper, durch die Kleidung, sie breitet sich aus, sie sickert in den Teppichboden, der sie in die Breite verteilt, dann dringt sie in den trockenen Stein darunter und dehnt sich dabei aus wie ein Tintentropfen auf einem Löschblatt.

Die meisten Leute glauben, Stein wäre eine hermetisch dichte Schicht. Das ist nicht so. Wir sehen es ja beim Meißeln. Im Fernsehen gab es einmal eine Zahnpastareklame, in der eine Kindergärtnerin ein Stück Kreide rundum mit dem schmutzigen Malwasser ihrer Kinder bepinselte und dann das Kreidestück in zwei Teile brach, um zu zeigen, wie weit das Pinselwasser in die Kreide eingedrungen war. Genauso würden die tollen Wirkstoffe der Zahnpasta in den Zahn eindringen. Ob das bei der Zahnpasta stimmt, kann ich nicht sagen, aber beim Estrich stimmt es. Der dunkelbraunrote Fleck auf der Oberfläche setzt sich ein, zwei Zentimeter im Zement fort. Und die müssen raus. Wer den Boden gegen solche Flecken hätte abdichten wollen, hätte eine Edelstahlschicht einziehen müssen. Aber der Estrich ist nicht das eigentliche Problem, und wegen des Estrichs werden wir auch keinen Ärger kriegen. Den Ärger wird uns der Rest der Wohnung bereiten. Ich hab’s gleich gemerkt, als der Hausbesitzer, ein älterer, sehr vorsichtiger, misstrauischer und sparsamer Herr, auf einem sofortigen Kostenvoranschlag noch am Telefon beharrte.

So vernünftig Sparsamkeit manchmal ist: Wie soll ich die Kosten richtig einschätzen, wenn ich den Tatort nicht sehe? Es gibt zig verschiedene Bodenarten, Dutzende Wände, Fugenmassen, Farben, was weiß ich. Wie alt ist das Haus? Wie lang lag die Leiche auf dem Boden? Wer hat bereits am Fundort herumgedoktert?

Er hat mich dann immerhin hineingelassen. Eine Zwei-Zimmer-Wohnung, Küche, Bad, die Leiche wurde im Schlafzimmer gefunden, und ich habe ihm gleich gesagt, dass er die ganze Wohnung reinigen lassen müssen wird.

Nein, hat er gesagt, nur das Schlafzimmer.

Dreimal hab ich ihm erklärt, dass das sein Problem nicht lösen wird. Dass wir das Zimmer zwar sauber kriegen, aber danach wird er feststellen, dass der Rest der Wohnung eben doch riecht. Dass er dann merken wird, dass der starke Geruch im Zimmer nur den etwas schwächeren Geruch im Rest der Wohnung überdeckt hat.

Nein, hat er wieder gesagt, nur das eine Zimmer.

Wenn’s wegen des Geldes ist, hab ich ihm vorgerechnet, soll er sich keine Sorgen machen. Das Zimmer, der Flur, das Bad, das kostet nicht so viel mehr. Viel teurer wird’s, wenn wir extra dafür wieder anfahren müssen.

Nein, hat er gesagt, nur das Zimmer. Achthundert Euro, mehr zahlt er nicht.

Ich hab überlegt, ob ich jetzt noch von den hygienischen Gründen anfange, aber ich hab’s dann gelassen. Der Mann war beratungsresistent. Die Gleichung ging für ihn so: Die Leiche lag nur in einem Zimmer, dann wird auch nur das eine Zimmer gereinigt. Um ihn umstimmen zu können, hätte die Leiche zwischendurch öfter mal das Zimmer gewechselt haben müssen.

Innerlich rollt man da mit den Augen. Wenn’s meine Wohnung wäre, würde ich komplett die Farbe entfernen, die Türstöcke rausnehmen, den Estrich völlig neu machen, weil das auch nicht viel teurer ist, als unsere freigemeißelte Lücke wieder zu flicken. Ich würde die Teppichböden rauswerfen, die Fenster– na ja, die Fenster könnten vielleicht drinbleiben. Aber letztlich hat der Kunde immer Recht. Achthundert Euro, hm. Ich habe überlegt und dann zugesagt. Doch mit so einem Boden habe ich nicht gerechnet. Der Boden kostet uns Zeit, und je länger wir brauchen, desto unrentabler wird für uns der Auftrag.

An der Wand kommen wir mit den Meißeln inzwischen nicht weiter. Hier ist Ende, aus, mir zittern inzwischen auch die Hände. Unter dem Fenster hängt der Beton in der Stahlarmierung des Fußbodens. Wir müssen ihn extra raushauen, mit dem altmodischen Hammer und dem altmodischen Meißel. Zweihundert Kilo Schutt liegen inzwischen im Flur, in schwarzen Plastiksäcken. Das Zimmer riecht noch immer nicht viel besser, weil der ganze aufgewirbelte Staub den Geruch durch die Luft trägt. Im Flur geht’s, wenigstens solange man die Säcke nicht aufmacht. Wir stellen uns ans Fenster und schnappen frische Luft. Ich erzähle Klaus die skurrile Nebengeschichte der Wohnung.

Ursprünglich hat die Wohnung den Eltern der Frau gehört, die in Thailand gestorben ist. Sie haben sie ihrer Tochter überschrieben. Und nach ihrem Tod hat ihr Mann die Wohnung geerbt. Na, dann bringt er sich um, und wer erbt jetzt die Wohnung? Seine Eltern. Die Wohnung wandert somit auf Umwegen von ihren Eltern zu seinen Eltern. Also, wenn meine Tochter mal heiratet, sorge ich dafür, dass so etwas nicht passiert. Wobei ich natürlich nicht davon ausgehe, dass dies geschehen könnte, um Gottes willen, nein, ein Alptraum. Aber falls doch, im Fall der Fälle oder bei einer Scheidung, dann sorge ich dafür, dass die Wohnung wieder an uns fällt.

»Wie bei meiner Exfrau«, sagt Klaus, »da hat’s meine Schwiegermutter genauso gemacht.«

»Ja, sicher«, sag ich, »das sähe ich ja gar nicht ein. So nett kann mein Schwiegersohn gar nicht sein…«

Wir machen uns wieder an die Arbeit. Nachdem wir die belasteten Estrichteile entfernt haben, rühren wir Lösungen aus Chlorbleichlauge an, in unterschiedlicher Konzentration. Sie soll den Geruch bekämpfen, an der Decke, an den Wänden, am Boden. Ganz besonders am Boden, dort, wo die Leiche gelegen ist, nehmen wir sicherheitshalber die höchste Konzentration, weshalb die Luft im Raum wegen der Chlordämpfe schnell unerträglich wird. Wir schrubben den aufgerissenen Estrich, die Wände, die Decke. Es riecht immer noch etwas nach Leiche, aber inzwischen stark vermischt mit dem Geruch von Hallenbad. Langsam lässt auch unsere Urteilsfähigkeit nach, wir wissen jetzt selbst nicht mehr genau, ob eine Stelle noch riecht oder ob wir uns das nur einbilden. Wir bürsten wirklich kräftig, das sollte in jedem Fall genügen. Jetzt müssen wir es einwirken lassen.

Wir beschließen, in der Zwischenzeit zum Griechen eine Kleinigkeit essen zu gehen, und ziehen unsere Overalls aus. Und wir reißen, bevor wir die Wohnung verlassen, die Fenster auf.

Klaus denkt dasselbe wie ich.

»Wirst sehen«, sagt er, »in drei Wochen rufen die uns wieder an, und dann heißt’s: ›Mei, wir haben gedacht, der Geruch ist weg, aber jetzt ist er wieder da.‹«

»Ich weiß«, sage ich, »ich hab’s dem Besitzer auch schon gesagt.«

»Und?«

»Er will’s nicht.«

Klaus schüttelt den Kopf. Der Raum trocknet bereits wieder ab. Ich will gerade aus der Wohnung gehen, als mein Blick noch einmal auf das freigemeißelte Rechteck auf dem Estrich fällt. Es war gleichmäßig hellgrau, als wir die Chlorbleichlauge darauf ausgebracht haben. Die verdunstet jetzt, unterschiedlich schnell, in helleren und dunkleren Bereichen.

Und aus den dunkleren Flecken im Beton setzt sich langsam, aber deutlich ein Umriss zusammen, den ich eigentlich nicht wieder sehen wollte.

Der Umriss der Leiche.

2. Unordnung

Mein Name ist Peter Anders. Ich bin 44 Jahre alt und arbeite als Tatortreiniger. Tatortreiniger sind die Leute, die dem Tod so ähnlich hinterherputzen wie eine Mutter ihrem unordentlichen Kind. Wenn der Tod nicht aufgeräumt hat, bringe ich das Zimmer oder manchmal die ganze Wohnung wieder in Ordnung. Und dass der Tod nicht aufräumt, kommt öfter vor, als man glaubt. Ich muss es wissen, denn ich bin nicht nur Tatortreiniger, sondern Berufsfeuerwehrler, und Feuerwehrler sind die, die die Toten in den meisten Fällen finden.

Rund 240000 Wohnungsöffnungen gibt es pro Jahr in Deutschland, 3000 allein in München, mehrere Hundert davon laufen auf der Feuerwehrwache Westend ein, bei der ich arbeite. Das heißt noch lange nicht, dass wir hinter jeder Tür einen Toten entdecken, meistens ist das sogar nicht der Fall. Manchmal hat jemand nur eine Herdplatte auszuschalten vergessen oder den Müll nicht ausgeleert, bevor er vier Wochen in den Urlaub gefahren ist, und die Nachbarn rufen, sobald sie den Qualm sehen oder den Gestank riechen, die Feuerwehr. Bei der Gelegenheit: Recht haben sie, dafür sind wir da, und selbst wenn wir keinen Toten finden, muss niemand etwas dafür bezahlen. Aber der Tod ist auch nicht gerade selten die Ursache für unseren Besuch: Er ist es in etwa jedem dritten oder vierten Fall, und das geht dann quer durch den Gemüsegarten, das sind Selbstmörder, Verunglückte, Getötete. Dennoch bin ich als Tatortreiniger nicht immer gefordert, normalerweise geht der Tod recht ordentlich vor. Da genügt dann der ganz normale Bestatter. Nur in drei Fällen ist das nicht ausreichend.

Das ist zum einen, wenn Leute sich auf eine eher unschöne Art und Weise umbringen. Beim Suizid sind die Geschmäcker ja verschieden. Selbstmordkandidaten befassen sich mit dem Gedanken an Selbsttötung zwar meistens schon länger, aber den für sich richtigen Weg zu finden ist oft schwer. Wenn sie ihn jedoch gefunden haben, werden sie ihn auch nutzen– und dabei ist ihnen dann völlig egal, wie hinterher die Wohnung aussieht. Und die sieht nun mal bei einem Erhängten anders aus als bei jemandem, der beschließt, sich in den Kopf zu schießen oder sich die Pulsadern im Wohnzimmer zu öffnen oder die alte Handgranate aus dem Zweiten Weltkrieg vom Großonkel in seinem Schoß zu zünden. In einigen dieser Fälle ist es hinterher ganz sinnvoll, einen Tatortreiniger zu rufen.

Der zweite Fall ist ähnlich, betrifft aber Gewaltverbrechen. Morde oder Amokläufe zum Beispiel. Das ist ja auch verständlich: Wenn ein Amokläufer durch eine Schule läuft, Dutzende Leute tötet, anschießt, wer soll denn hinterher die Spuren entfernen? Der Hausmeister, der am Ende genauso traumatisiert ist wie die Kinder und Lehrer? Undenkbar.

Der dritte und für uns gängigste Fall ist allerdings, wenn der Tod seine Arbeit gemacht hat und vergisst, Bescheid zu sagen.

Ein Toter schreit nicht. Er telefoniert nicht und er ruft nicht an. Er stirbt auch nicht immer bei einer lauten Explosion, sondern viel öfter an einem leisen Organversagen. Er sagt vielleicht noch »Upps!« und fällt auf den Boden. Und dabei fällt er auch nicht um wie ein Baum im Wald, mit einem gewaltigen Krachen, sondern eher rumpelig, wie ein Sack Kartoffeln. Das ist ein Geräusch, das in der Mietwohnung darunter gar nicht auffällt. Da sitzt der Mann vielleicht auf dem Sofa oder am Esstisch und sagt zu seiner Frau:

»Hast du was gesagt?«

Und die Frau sagt: »Nein, wieso?«, und dann hat man es schon wieder vergessen.

Und wenn dem Sterbenden schwummrig wird, während er vielleicht ohnehin schon auf einem Sofa sitzt und gerade fernsieht, dann hört man am Esstisch unten drunter überhaupt nichts.

Bei manchen dieser Verstorbenen nehmen dann andere dem Tod das Bescheidsagen ab. Da kommt irgendwann in den nächsten Tagen irgendjemand zu Besuch, das kann die Nichte sein, die Tochter, der Freund. Der Besuch klingelt an der Tür und der Sack Kartoffeln macht nicht auf, dann rufen die Nichte, die Tochter, der Freund an, aber der Kartoffelsack geht auch nicht ans Telefon, da meldet sich höchstens noch der Anrufbeantworter. Und nach einer Woche machen sich die Nichte, die Tochter, der Freund dann Sorgen und rufen die Feuerwehr. Bei manchen Toten kommt auch keine Nichte, keine Tochter, kein Freund, aber da kommt wenigstens der Postbote, oder sie haben vielleicht eine Zeitung abonniert, die nach wenigen Tagen unten den Briefkasten verstopft. Dann hilft dem Tod irgendwann der Hausmeister, wenn er jeden Tag über die Zeitungen stolpert. Aber es gibt eine Menge Leute, die keine Zeitung bekommen und keine Post und rein gar nichts. Die keine Nichte haben, keine Tochter, keinen Kumpel und keine alte Schulfreundin vom Kaffeekränzchen, die alle 14 Tage ihre ausgelesenen Klatschmagazine vorbeibringt. Und wenn das so ist, dann passiert in der Wohnung lange sehr, sehr wenig.

In der Wohnung darunter stört die Stille von oben keinen. Nur irgendwann, nach vier Wochen oder nach sechs Wochen vielleicht, stellt man fest, dass es im Hausflur merkwürdig riecht. Und wenn der Mann morgens zur Arbeit gehen will und die Wohnungstür aufmacht, dann dreht er sich nochmal um und sagt zu seiner Frau: »Also, Schatz, ich weiß ja nicht, wie du das siehst, aber mir kommt es so vor, als wäre in diesem Sommer das mit den Fliegen besonders schlimm.«

Dann dauert das noch ein, zwei Wochen, bis alle anderen Mieter im Haus das ähnlich beurteilen und jemand die Feuerwehr ruft. Was die daraufhin vorfindet, ist mehr, als ein Bestatter abtransportieren kann. Der packt den Leichnam ein, sicher, aber der Leichnam ist in keinem guten Zustand mehr. Da ist das, was von ihm zurückbleibt, manchmal mehr, als das, was der Bestatter mitnimmt. Und von diversen Insekten wollen wir gar nicht reden, die sind nun wirklich nicht der Job des Bestatters.

Und wenn der Hausverwalter dann völlig ratlos neben der Feuerwehr steht, sich die Hand vor die Nase hält und sagt: »Ja, wenn Sie das nicht machen– wer macht denn nun so was?«, dann sagt ihm der Feuerwehrmann oder der Polizist, dass er einen Tatortreiniger braucht und dass er vielleicht unter dem Stichwort mal im Internet suchen sollte.

Und dort findet er unter einigen Anbietern auch mich.

3. Wieso ich?

Es ist komisch, aber ich würde heute nicht Leichenreste aufwischen, wenn ich als Jugendlicher nicht Fußball gespielt hätte. Ich hatte als Torwart beim VfR Garching angefangen. Und letztlich waren alle meine Mannschaftskameraden bei der freiwilligen Feuerwehr. Was in einer Jugendmannschaft fast zwangsläufig bedeutete, dass ich da ebenfalls hinmusste, wegen des Gruppendrucks. Gruppendruck kann ja manchmal zu viel Blödsinn führen, aber in diesem Fall auch zu sinnvollen Dingen. Ich ging also mal probeweise mit, und ich war begeistert: 1983 habe ich dort richtig angefangen. Das war rundum super, da war was los, ich erlebte all die Sachen aus erster Hand, die sonst nur in den Nachrichten zu sehen waren, ich war mit dabei. Blaulicht, Held sein, Adrenalin, besser ging’s ja gar nicht. Und am meisten bewunderte ich die Notärzte. Für mich war jeder Notarzt so was Ähnliches wie John Wayne. Sobald der als Sheriff in den Saloon kommt, geht ein Raunen durch die Menge und man ahnt: Der wird für Ordnung sorgen, jetzt wird alles gut. Und an Unfallorten war es ganz genauso: Wenn der Notarzt kam, atmeten alle auf. Jetzt wird alles gut. So wollte ich auch eintreffen. Leider war ich nur auf der Realschule, ein Abitur war außer Reichweite, und damit auch ein Medizinstudium. Aber bei einem Unfalleinsatz in Garching habe ich dann herausgefunden, dass es noch einen anderen Weg gab, ein wenig wie John Wayne zu sein.

Es war einer meiner ersten Unfälle, und der war wirklich brutal. Es war an einem Freitag, um die Mittagszeit. Ein Fahranfänger hatte ihn verursacht, ein Neuling, der seinen Führerschein erst seit drei Stunden hatte. Er hatte nichts Besseres zu tun gehabt, als im Affentempo mit seinem Auto einen Bus zu überholen. Dabei bekam er zwar noch mit, dass ihm jemand auf der anderen Fahrspur entgegenkam. Aber beim hektischen Einfädeln auf seine rechte Fahrspur verlor er die Kontrolle über seinen Wagen, kam ins Schleudern und rauschte frontal in das entgegenkommende Auto. Ihm selbst ist wie so oft bei Unfallverursachern nicht viel passiert, aber der Fahrer des anderen Wagens war komplett eingekeilt. Wir öffneten die Tür, entfernten so viel Blech wie möglich, aber rausholen konnten wir ihn nicht. Er hatte schwere innere Verletzungen und Blutungen. Also warteten wir auf den Notarzt. Doch John Wayne kam diesmal nicht.

Die Zeit zog sich hin, und dem Opfer lief während der ganzen Zeit das Blut in den Mund. Wir wussten nicht, was wir tun konnten oder tun durften. Wir haben ihm Mut zugesprochen, sicher, aber letzten Endes haben wir nur gehofft, dass der Notarzt rasch käme. Und währenddessen haben wir dem Opfer mehr oder weniger hilflos zugesehen, wie sich sein Mundraum mit Blut füllte. Heute glaube ich zwar, dass er in Wirklichkeit innerlich verblutet ist, aber so, wie er blubberte und röchelte, kam es mir letztlich fast vor, als würde er in seinem Blut ertrinken. 30, 40 Minuten dauerte es, bis der Notarzt endlich kam. Und als er eintraf, war das Opfer bereits tot.

Dass er so lange unterwegs war, muss nicht die Schuld des Arztes gewesen sein; es ist in ländlichen Gegenden auch heute nicht einfach, überall blitzschnell einen Notarzt hinzubekommen, gerade am Freitagmittag, wenn das Wochenende anfängt. Aber in diesem Moment war mir klar, wie ich auch ohne Medizinstudium ein bisschen John Wayne sein konnte. Ich wollte Rettungsassistent werden. Rettungsassistenten sind die Jungs, die den Notarzt zur richtigen Zeit ans Ziel bringen, die ihn fahren und ihm auch bei der Arbeit assistieren. Und das konnte ich werden, das ging ohne Abitur.

Dieses Ziel legte die Etappen meiner Ausbildung fest. Die Rettungsassistenten wurden und werden in München von der Berufsfeuerwehr bestückt. Also musste ich Berufsfeuerwehrmann werden. Aber das kann nicht jeder: Wer zur Berufsfeuerwehr will, muss vorher einen Handwerksberuf lernen, denn die Feuerwehr braucht Leute, die mit ihren Händen was anfangen können, Leute, die wissen, wie etwas funktioniert, wie man es repariert oder zerlegt oder umfunktioniert. Also lernte ich zunächst den Beruf des Kraftfahrzeugmechanikers. Und damit bewarb ich mich 1987 bei der Berufsfeuerwehr. Ich wurde auch prompt genommen. Und nach drei Jahren sattelte ich die Ausbildung zum Rettungsassistenten drauf. Wohin es mich später verschlagen sollte, konnte man da schon ein wenig ahnen: Denn der schönste Tag meiner Ausbildung war für mich der Besuch in der Rechtsmedizin.

Letztlich dient dieser Teil der Ausbildung dazu, einmal einen Menschen von innen zu sehen, sonst ist das ja alles sehr graue Theorie. Und in der Rechtsmedizin geht es schon etwas rustikal zu, das ist keine Schönheitsklinik, die Mediziner dort sind relativ sachlich, da wird der Mensch mitunter komplett ausgehöhlt, dann wird alles wieder reingesteckt, mit etwas Zeitungspapier ausgestopft und mit einer Paketschnur zugenäht. Das schaut manchmal recht bizarr aus.

Uns angehenden Rettungsassistenten haben sie drei Fälle gezeigt. Der erste waren zwei Menschen, die bei einem Verkehrsunfall verbrannt sind. Ein Müll-Laster war an einem Stauende auf einen Pkw aufgefahren, und der Pkw war in Brand geraten. Hier wollten Polizei und Staatsanwalt herausfinden, ob die Opfer nach dem Aufprall noch gelebt hatten – also ob der Aufprall Todesursache gewesen war oder die Flammen. Beantworten kann man diese Frage nur nach einem Blick in die Lunge, denn wer tot ist, atmet nichts mehr ein. War die Lunge rußfrei, mussten die beiden vor dem Brand gestorben sein, war sie verrußt, hatten sie den Brand noch zumindest atmend mitbekommen, wenn auch vielleicht nicht mehr bei Bewusstsein. Wir standen direkt daneben, haben auch ein bisschen mitgeholfen, wie sie die Körper öffneten, den Brustkorb, wie sie in die Lunge guckten und dann zu dem Schluss kamen: Das Feuer war’s.

Schon zu diesem Zeitpunkt ging es einigen aus dem Kurs nicht besonders gut, aber ich war total fasziniert. Wie eine Lunge aussieht, wie das Gehirn aussieht, leibhaftig, das hätte ich ewig ansehen können. Als Nächstes kam ein ähnliches Problem wie bei den Brandopfern vom Unfall zuvor, aber ein Mordfall. Ein Mann war tot mit dem Kopf in einer Toilettenschüssel aufgefunden worden, und die Frage war hier: War er im Toilettenwasser ertrunken oder schon vorher tot? Anschließend wurde ein alter Mann hereingeschoben, der stark aufgedunsen war, eine lange liegende Leiche, eine, die aus einer der Wohnungen hätte stammen können, die ich heute reinige.

Ich konnte mich gar nicht sattsehen. Jedes Mal ein neues Schicksal, eine neue Geschichte, und zusätzlich konnte ich etwas in aller Ruhe betrachten, was ich unter normalen Umständen nie oder nur relativ kurz sehen würde, weil ich mich als Rettungsassistent noch um so viel anderes zu kümmern habe. Zudem faszinierte mich dieser professionelle Umgang mit etwas, das man sonst nur mit viel Distanz behandelt. Die Rechtsmediziner nahmen zum Beispiel beim Kopf das Skalpell, machten einen sauberen Schnitt über die Stirn von Ohr zu Ohr, dann klappten sie die Kopfschwarte hinten und vorne hinunter wie bei einer Banane. Anschließend sägten sie mit einem ganz feinen Allesschneider, einer Art winziger Kreissäge, einmal rundherum um den Schädel, aber nicht ganz durch den Knochen, damit sie das Gehirn darunter nicht beschädigten– das wollten sie ja untersuchen. Darum nahmen sie, nachdem sie diese Sollbruchstelle rund um den Kopf gefräst hatten, einen Hammer und einen Meißel, setzten einmal an der richtigen Stelle an und– plopp!– hatten sie die Schädelkalotte in der Hand, für Nichtmediziner: den Deckel. Dann nahmen sie so eine Art Spargelstecher, mit dem holten sie das Gehirn samt dem verlängerten Rückenmark in einem Griff raus. Und für die abschließende Gewebeprobe, die ja von jedem ihrer Kunden dort aufgehoben wird, schnitten sie mit einem superscharfen Messer aus diesem Gehirn eine schöne, gleichmäßig dünne Scheibe raus. Von Hand übrigens, nicht mit einem Elektromesser. Und diese Proben gibt’s nicht nur vom Gehirn, auch Lunge, Leber und Herz werden aufgehoben, und bei einer Darmprobe wird der Darm ausgepresst wie eine Weißwurst und etwas vom Inhalt aufgehoben. Falls man später einmal neue Untersuchungsmethoden entwickelt, mit denen man aus diesen Proben neue Erkenntnisse gewinnen kann. So sah es für mich jedenfalls aus; Rechtsmedizinern stehen bei meiner Beschreibung vielleicht die Haare zu Berge. Ich jedenfalls hätte da tagelang zusehen können und den Mitarbeitern Löcher in den Bauch fragen. Mein Ausbilder hat schon gesagt: »Tuat’s den Anders von der Leiche weg, sonst schlüpft er noch rein…«

In die Leiche würde ich natürlich nicht schlüpfen. Aber ich will die Zusammenhänge begreifen. Ich will wissen, was wo ist, wo alles in welchem Zustand sein soll und was passiert, wenn das nicht so ist. Die Rechtsmedizin ist für mich etwas Ähnliches wie die Sendung mit der Maus. Wie funktioniert der Mensch? Und das ist ja auch nicht Selbstzweck: Bei den Einsätzen als Rettungsassistent kann ich mich nicht erinnern, dass sich jemand einmal beschwert hätte, weil ich zu wenig über sein Innenleben weiß.

Diese Herangehensweise klingt vielleicht für manche arg handwerklich, fast herzlos, aber ich bin der festen Überzeugung, dass wir gerade bei den Chirurgen mehr Handwerk brauchen. Rettungsassistenten sind öfter zu Gast in Operationssälen, damit sie beispielsweise lernen, wie man intubiert. Da sieht man manchmal Ärzte herumhantieren, dass einem als gewissenhafter Handwerker schlecht wird. Das muss wirklich nicht sein, finde ich. Bei uns muss ein Arzt immer alles können, dabei ist das völliger Unsinn. Wer in der Medizin richtige Diagnosen stellen und erklären kann, aber nicht gut operiert, der soll die Patienten betreuen und beraten, und im OP kann dann der schweigsamste, unfreundlichste Stoffel stehen, der dafür feinmechanisch ein absolutes Ass ist und künstliche Hüftgelenke einsetzt wie der Mechaniker vom Michael Schumacher Motorventile. Und wenn der Patient aufwacht, kann ihn dann ja wieder der freundliche Doktor mit den zwei linken Händen betreuen. Wenn ich einen bestimmten Notarzt fahre, sagt der oft zu mir: »Intubier du mal, du kannst das besser, du machst das öfter.« Ist ja in Ordnung, weil ich es tatsächlich öfter mache als er. Mich freut das Kompliment, ich intubiere gern und entsprechend sicher, und er trifft dafür andere und wichtigere Entscheidungen.

Ich gehe auch heute noch mit Vergnügen in die Rechtsmedizin, um was Neues zu lernen. Weil ich inzwischen Lehr-Rettungsassistent bin und die Themen für die Ausbildung mit auswählen kann, begleite ich meine Schützlinge dorthin. Ich spreche mit den Rechtsmedizinern, mache einen Termin aus, und dann kommen wir mit der ganzen Gruppe zu Besuch. Ich bin auch nach dem Vortrag immer noch der, der am längsten Fragen stellt, während die Auszubildenden schon entweder bewusstlos oder eingeschlafen sind. Auf jeden Fall kann man jetzt vielleicht ganz gut nachvollziehen, warum ich mich so ärgere, dass ich 2003 diese »Körperwelten«-Ausstellung in München verpasst habe, von diesem Professor, der die Toten in Plastik taucht und aufklappt wie ein 3D-Bilderbuch. Faszinierend!

Ich bin letzten Endes also tatsächlich Rettungsassistent geworden, und dabei hätte es von mir aus schon bleiben können und auch sollen. Mit Rettungsassistent und Feuerwehrmann waren schon mal 90 Prozent meiner Träume erfüllt. Und sind es eigentlich auch heute noch. Das können manche Leute gar nicht glauben, wenn ich es ihnen erzähle: dass ich noch immer so aufgeregt und begeistert bin wie vor jetzt fast 20 Jahren, wenn ich in den Feuerwehrwagen steige und das Blaulicht einschalte. Das ist einfach ein sensationelles Gefühl: Man saust durch die Stadt, links und rechts weichen alle aus, man hat die ungeteilte Aufmerksamkeit, mehr Mr Wichtig kann man gar nicht sein. Ich war damals absoluter Feuerwehrjunkie, ich war hauptberuflich in München, ehrenamtlich in Garching und nebenher bin ich auch noch gelegentlich Rettungsdienst für die BRK-Wache in Eching gefahren. Mein Leben war praktisch rund um die Uhr: Feuerwehr und Rettungsdienst. Und ich fand es schade um jeden Einsatz, bei dem ich nicht dabei war, als würde ich dann ganz bestimmt das Abenteuer meines Lebens verpassen. Es fällt mir übrigens auch heute noch schwer, irgendeinen Einsatz nicht mitzumachen. Ich war also glücklich und mit schön viel Feuerwehrerei versorgt, bis dieses Fax kam.

Das muss etwa 1997 gewesen sein. In diesem Fax stand, dass irgendwo in Deutschland ein Schädlingsbekämpfer eine Freiwillige Feuerwehr erfolgreich auf Unterlassung und Schadensersatz verklagt hatte, weil sie ein Wespennest beseitigt hatte. Das bedeutete, dass das mittelfristig auch für uns gelten würde. Im Prinzip ist das auch sehr vernünftig: Wenn in der Nähe ohnehin ein Schädlingsbekämpfer arbeitet, muss die Feuerwehr nicht eingreifen– außer, wenn akut Gefahr droht. Wir öffnen ja auch nur dann Türen, wenn eine Notsituation eingetreten ist oder befürchtet wird. Ansonsten sagen wir Anrufern: »Ja, das ist für Sie zwar unangenehm, aber dafür haben Sie in Ihrer Stadt einen Schlüsseldienst. Und der kommt rund um die Uhr.« Jetzt ist ein Wespennest zwar nicht angenehm, aber auch nicht jedes Mal eine schlimme Bedrohung: Man kann den Leuten in den meisten Fällen also durchaus zumuten, dass sie die Fenster in ihrer Wohnung schließen, bis der Schädlingsbekämpfer bei ihnen eintrifft– was er übrigens häufig genauso rund um die Uhr macht wie der Schlüsselkollege.

Im Sommer gibt es jede Menge Wespen, und ich wusste aus eigener Erfahrung bei der Feuerwehr, dass sehr oft das Anstrengendste bei dieser Arbeit die Anfahrt ist. Dieses Geschäft habe ich den Profis nicht gegönnt, zumal ich ja nicht weniger Profi bin als die. Außerdem ist es ein schönes Gefühl, Wespen zu entfernen: Die Leute sind oft sehr beunruhigt, sehr besorgt, und wenn ich dann komme und die Sache in die Hand nehme, ist das eine richtig schöne kleine Portion Heldentum für zwischendurch– das wollte ich auch weiter machen. Also habe ich 1997 meine eigene Schädlingsbekämpfungsfirma gegründet: »Wespi München«. Und ab da war ich nach Feierabend auch noch nebenberuflicher Wespenjäger. In einem gewissen Sinne sogar Bauunternehmer, weil Wespennesterbeseitigen in Deutschland als Bauleistung gilt, weshalb man bei großen Wohnungsverwaltungen immer noch einen Bauauftrag braucht, bevor man ein Wespennest entfernt. Warum das so ist, weiß ich nicht. Ist halt Deutschland.

Alles andere war 1997 noch viel einfacher. Ich habe ein Gewerbe angemeldet, gesagt, was ich machen möchte, die IHK gefragt, ob ich irgendwelche Voraussetzungen erfüllen muss oder eine Ausbildung brauche. Brauchte ich aber nicht. Ich hab den Wirkstoff, den ich verspritzen wollte, angegeben, das ging alles noch ohne Gefahrstoffverordnung, das konnte damals im Grunde jeder machen, der Beruf war weder geschützt noch sonst was, und ein Feuerwehrler konnte das dann natürlich schon dreimal. Ich hab die Hausverwaltungen angeschrieben und angefangen. Das lief ganz gemütlich an, ist dann aber immer schneller gewachsen, bis ich 2005 sogar die Arbeit bei der Freiwilligen Feuerwehr aufgeben musste. Und es ist auch nicht bei den Wespen geblieben.

Wenn man mit so etwas anfängt, bleibt es nicht aus, dass einen die Leute auch in anderen Fällen um Rat fragen. Hornissen, Ameisen, Silberfischchen, Speckkäfer, Mäuse, Schaben, Ratten. Also sagt man: Warum nicht? Und stellt fest, dass man in manchen Fällen mit verschiedenen Insektiziden hantieren muss und den Nachweis der entsprechenden Sachkenntnis braucht, um sie zu kaufen. Also habe ich verschiedene Fortbildungen gemacht, bei der FHT, der Fachhochschule für Hygienetechnik, und alles gelesen, was mir so unterkam. Ich lese keine Romane, aber in Fachbücher fresse ich mich richtig rein. Ich habe die Fachblätter der Branche abonniert, PestControl und DPS, das ist das Vereinsblatt des Bundesverbands und steht für Der praktische Schädlingsbekämpfer. Ich weiß, was man im Freien einsetzt, was in Innenräumen, was für welche Tierart, und habe mir nach und nach so meine Tricks erarbeitet, wie man welches Tier auch dazu bringt, das passende Mittel einzunehmen. Heute löse ich so ziemlich jedes Problem, das einem als Schädlingsbekämpfer unterkommen kann. Marder, Bienen, Flöhe, einfach alles. Und deshalb kam das Münchner Kriseninterventionsteam KIT auch auf mich zu, als sie 2007 einen 24-Stunden-Notdienst zur Tatortreinigung suchten.

Das KIT hatte seine Arbeit 1994 aufgenommen. Auslöser war ein Münchner Trambahnfahrer gewesen, der einige Zeit zuvor unverschuldet ein Kind überfahren hatte. Einige aufmerksame Sanitäter des Arbeiter-Samariter-Bundes hatten mitbekommen, dass sich zwar alle um die Eltern kümmerten, aber niemand um den traumatisierten Fahrer. Das KIT hat das geändert. Bei Katastrophen oder besonders bedrückenden Ereignissen helfen sie seitdem auch den mittelbar Betroffenen. Und dabei haben sie mit der Zeit gemerkt, dass es niemanden gab, der sich nach Gewalttaten oder Wohnungsöffnungen um die Reinigung kümmerte. Da wurden Gebäudereiniger bestellt oder Hausmeister, Leute, die damit fachlich und seelisch überfordert waren. Gut, wenn jemand in einer Wohnung vier Wochen lang vor sich hin verwest, sollte man nicht den Angehörigen das Reinigen der Wohnung überlassen– aber deswegen sollte man auch nicht den Hausmeister fürs Leben schocken.

Nicht immer muss es in solchen Fällen schnell gehen, mitunter aber doch. Darum wollte das KIT eine 24-Stunden-Bereitschaft. Aus diesem Grund waren die Gebäudereiniger schnell aus dem Rennen: Die bieten das normalerweise nicht an, weil man ein Gebäude genauso gut auch während der normalen Arbeitszeiten putzen kann. Ich aber hatte diesen Service als Wespenentferner und Schädlingsbekämpfer sowieso im Angebot. Und dass ich wenig bis keine Berührungsängste mit dem Tod und seinen Resten hatte, konnten die Leute vom KIT mit Recht annehmen: Die wussten ja, dass ich zudem auch noch Rettungsassistent bin.

4. Was bleibt

Wer einen Leichenfundort reinigen will, muss als Erstes wissen, in welchem Stadium die Leiche gefunden wurde, wie lange sie an dem Ort und worauf sie gelegen hat. Und um aus diesen Angaben die richtigen Schlüsse zu ziehen, muss man wissen, was im Normalfall mit einer Leiche passiert, wenn sie eine Zeit lang irgendwo liegt. Ich versuche das im Folgenden einmal zu beschreiben, deshalb eine kleine Vorwarnung: Im Grunde folgt jetzt ein bisschen Biochemie. Aber schwer wird’s nicht.