Was zum Lesen - Anno Dazumal - E-Book

Was zum Lesen E-Book

Anno Dazumal

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Beschreibung

In den kurzen Geschichten geht es um Extreme; Menschen, die irgendwie besonders oder anders sind und deshalb auffallen. Sie haben es nicht leicht, aber auch nicht schwer, sie sind einfach speziell und erleben deshalb Merkwürdiges. Immer wieder versuchen sie, sich selbst neu zu erfinden, um letzten Endes doch wieder bei sich zu landen.

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Seitenzahl: 78

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Anno Dazumal

Was zum Lesen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Der Gläubige(r)

Führer’s coming home

Aus dem Tagebuch eines künftigen Amokläufers

Über Ich

Impressum neobooks

Der Gläubige(r)

Ich war mal wieder am Ende und jener altbekannte, unheimlich vertraute Zustand, rief nostalgische Gefühle in mir hervor. Im Grunde war doch alles gleich geblieben: Ich bekam nie etwas auf die Reihe, war völlig überfordert und überhaupt nicht überlebensfähig. Klar war, daß es so nicht weitergehen konnte und deswegen machte ich mir so meine Gedanken über meine Zukunft. Eigentlich war ich überzeugt davon, daß ich nicht dazu geboren war, unter der Brücke zu leben, doch die letzten Jahre hatten mich eines Besseren belehrt und nachdem der Konkurrenzkampf um die besten Plätze dort immer härter geworden war, hatte ich den Beschluß gefaßt, meine phänomenale Vergangenheit hinter mir zu lassen und ein neues Leben zu beginnen. Doch zunächst hatte ich mich von meinem besten Freund zu verabschieden und das fiel mir wahnsinnig schwer, denn er war mir sehr ans Herz gewachsen und ich hatte viele schöne, wärmende Stunden mit ihm verbracht. Aber es half alles nichts und so schenkte ich meine letzte Schnapsflasche einem Passanten, der zufällig des Weges kam und sich darüber sichtlich freute. Jeden Tag eine gute Tat. Der Weg zum Arbeitsamt fiel mir schwer, denn dort verdrehten die Leute immer die Augen, wenn Gestalten wie ich das Berufsverzeichnis durchblätterten, doch davon ließ ich mich nicht beeindrucken. Allerdings schaffte ich es nicht mal bis ins Arbeitsamt hinein, denn der glatzköpfige Türsteher verhinderte das mit grimmiger Miene, entschlossenem Blick und abweisenden Handbewegungen. Nachdem ich erfolglos versucht hatte, mit ihm in der Gebärdensprache zu kommunizieren, woraufhin er mich verprügelt hatte, suchte ich das Weite. Ich hatte meine Lektion gelernt. Der deutsche Staat wollte nicht, daß ich arbeitete und das rechnete ich ihm hoch an. Auf einmal bemerkte ich in der Fußgängerzone, daß mich ein Mann mit einer Schnapsflasche in der Hand verfolgte. Ich wurde immer schneller, aber er ließ sich nicht abschütteln. Irgendwann gab ich es auf, blieb stehen und drehte mich um. Da stand ein strahlender Mann vor mir und lächelte mir ins Gesicht. Ich erkannte ihn wieder, denn die Flasche hatte er von mir.

„Hallo, ich bin Ansgar und Du bist der beste Mensch, der mir jemals begegnet ist“, ließ er glückselig verlauten. Ich verstand die Welt nicht mehr, doch um ehrlich zu sein, eigentlich hatte ich sie noch nie verstanden, so daß der Satz lauten hätte müssen: Ich verstand die Welt nicht. Alles wie immer. „Was willst Du mir mit Deiner Übertreibung, die jedes Maß überschreitet, sagen?“ forschte ich und er wäre beinahe vor mir auf die Knie gefallen, nur weil ich mit ihm gesprochen hatte. „Jemand wie Du, der gar nichts hat und trotzdem seine letzte Flasche Schnaps verschenkt, ist nicht von dieser Welt. Du bist ein Auserwählter“, stellte Ansgar fest. Zugegeben, das war insgeheim auch meine Meinung, aber das hätte ich niemals laut gesagt. „Na toll. Und was jetzt?“ erkundigte ich mich vorsichtig. „Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn Du die unermeßliche Güte hättest, mich in mein bescheidenes Heim zu begleiten.“ Ich schluckte, denn ich hatte keine Ahnung wohin das noch führen sollte. Das war auch besser so, denn deswegen ging ich einfach mit. Wir marschierten zu einem Parkplatz, wo ein Chauffeur auf uns wartete, der mich merkwürdig ansah. „Egbert, das ist der Auserwählte. Endlich, nach so vielen Jahren der vergeblichen Suche, habe ich ihn gefunden.“ Nach jenen Worten Ansgars war Egbert plötzlich wie verwandelt. Er küßte mir die Hand und deutete einen Knicks an. Die ersten Passanten blieben bereits stehen und schauten uns irritiert oder belustigt zu. Wir stiegen ein und ließen die staubige Stadt hinter uns. Nach einer 20minütigen Fahrt waren wir am Ziel angekommen. Ansgars „bescheidenes Heim“ war eine riesige Villa auf einem Anwesen von gigantischen Ausmaßen und sowohl der große Swimmingpool als auch der stattliche Tümpel für die schwimmsportbegeisterten Tiere stachen mir sofort ins Auge. Dasselbe versuchte eine Wespe, doch Egbert rettete mich, indem er mir ins Gesicht schlug, woraufhin das Tier davonflog. „Egbert, hör bitte damit auf, den Auserwählten zu schlagen“, wies Ansgar ihn zurecht, doch ich klopfte dem Chauffeur anerkennend auf die Schulter und so war alles wieder in Butter. Danach gingen wir zur Villa und traten schließlich sogar ein.

Ich konnte nicht glauben was da geschah, aber es war Realität und das merkte sogar ich. Zugegeben, mein neues Zuhause war kein Palast und es stand kein Harem für mich bereit, aber das dort war schon mal ein vielversprechender Anfang. Sogar eine Frau kam auf uns zu, doch sie fiel nicht mir, sondern Ansgar um den Hals. „Schatz, ich habe den Auserwählten mitgebracht“, bemerkte Ansgar und sie schien zu erstarren. Da erst fiel mir langsam auf, daß ich für jenen Ort vielleicht etwas unpassend gekleidet sein könnte, denn nach wie vor trug ich meine bequeme, aber nicht mehr ganz frische Pennerkluft. Die Frau starrte mich immer noch an, dann wurde sie bewußtlos. Während ich noch darüber nachdachte, ob das mit meinem furchteinflößenden Aussehen zu tun hatte, oder an dem schrecklichen Gestank, den ich verbreitete, lag, verkündete Ansgar feierlich: „Damit ist der letzte Zweifel beseitigt. Dieser Übermensch ist der Auserwählte, denn Dolores ist noch nie zuvor bewußtlos geworden.“ Auf einmal tauchte noch eine Frau auf, die irgendwie zu Egbert zu gehören schien, was mir in den Sinn kam, nachdem sie jenen leidenschaftlich geküßt hatte. „Der da ist der Auserwählte“, flüsterte Egbert ihr ins Ohr und jene Worte schienen ihr Spaß zu machen, denn sie kicherte vergnügt und meinte dann: „Ich glaube, zunächst mal ist er dazu auserwählt, in die Wanne zu steigen.“ Jene Worte wiederum machten mir Angst und ich schaute Ansgar unsicher an. Der jedoch war mir keine große Hilfe, da er mir freundlich zunickte und mir damit zu bedeuten schien, daß er die Worte der Frau durchaus guthieß. Nun ja, mir war im Grunde schon klar gewesen, daß auch ich Opfer würde bringen müssen, aber daß das Ganze gleich mit einer Menschenrechtsverletzung beginnen sollte, stimmte mich nicht unbedingt hoffnungsfroh. Tief in mir drin trug ich die Überzeugung, daß wir als Fische geboren worden wären, wenn wir uns mit dem Wasser beschäftigen hätten sollen, doch jene gut gekleideten und angenehm riechenden Menschen schienen mich in einen der Ihren verwandeln zu wollen. Wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, folgte ich meiner Henkerin, die sich mir als Anneke vorstellte, bevor sie mich allein im Badezimmer zurückließ.

Ich begann am ganzen Körper zu zittern, denn ich hatte große Angst vor dem, was nun kommen würde. Zunächst betrachtete ich mich eine Weile im Spiegel und die Wahrheit öffnete mir die Augen und verschaffte mir beängstigende Klarheit: Ich sah aus wie der letzte Penner. Nein, noch schlimmer: Ich war der letzte Penner! Deswegen das ganze Auserwählten-Gequatsche, nun begriff ich endlich, was da gespielt wurde. Die Reichen hatten die Armut besiegt und nun wollten sie ihren Triumph feiern, indem sie mich in einen gesellschaftsfähigen Menschen verwandelten. Dann waren meine Brüder unter der Brücke also nur hochbezahlte Schauspieler und damit Lock-, aber leider keine Gossenvögel gewesen. Ich war am Boden zerstört, eine Welt brach für mich zusammen. Nur gut, daß ich sie gerade noch rechtzeitig verlassen hatte. Nun galt es, der nackten Wahrheit ins Gesicht zu sehen und das tat ich dann auch. Seit meiner Kleinkindheit hatte ich mich nicht mehr ohne Klamotten gesehen und da sie sehr an mir hingen, war es ein langer und harter Kampf, bis ich sie endlich dort hatte, wo sie hingehörten, nämlich auf den Boden der Tatsachen. So stand ich nackt vor dem Spiegel und konnte nicht glauben, was ich da sah. Ein Skelett, das nicht gerade ein erfreulicher Anblick war. Meine gebückte Haltung hatte ich mir hart erarbeitet und ansonsten sah ich wie der Alptraummann des Jahrhunderts aus. Nur gut, daß ich meine Augen schließen konnte, denn auf die Art und Weise ersparte ich mir den schrecklichen Anblick. Auf einmal nahm ich wahr, daß im Hintergrund Wasser lief und das erinnerte mich an die nächste Grausamkeit, die mir bevorstand. Beim Bade des Proleten! Ich spürte meine inneren Widerstände, doch ich bemerkte auch, daß der Dreck auf meiner Haut bereits eine beachtliche Dicke erreicht hatte. Das sah nach körperlicher Schwerstarbeit aus und davor war ich schon immer zurückgeschreckt. Vorsichtig stieg ich in das warme Wasser und jene ganze absurde Szene kam mir vor wie der symbolische Eintritt in ein neues Leben. Nun gab es kein Zurück mehr. Es kam mir vor wie eine Taufszene aus der Bibel, doch ich ahnte noch nicht, wozu ich bestimmt sein sollte.