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Mit dem Bergpfarrer hat der bekannte Heimatromanautor Toni Waidacher einen wahrhaft unverwechselbaren Charakter geschaffen. Die Romanserie läuft seit über 13 Jahren, hat sich in ihren Themen stets weiterentwickelt und ist interessant für Jung und Alt! Toni Waidacher versteht es meisterhaft, die Welt um seinen Bergpfarrer herum lebendig, eben lebenswirklich zu gestalten. Er vermittelt heimatliche Gefühle, Sinn, Orientierung, Bodenständigkeit. Zugleich ist er ein Genie der Vielseitigkeit, wovon seine bereits weit über 400 Romane zeugen. Diese Serie enthält alles, was die Leserinnen und Leser von Heimatromanen interessiert. Die siebenundzwanzigjährige Bettina Blechschmidt fuhr auf den Parkplatz des Hotels ›Zum Löwen‹ in St. Johann, stellte den Motor des Wagens ab und stieg aus. Sie schaute umfassend in die Runde. Der Eindruck, der sich ihr aufgedrängt hatte, als sie auf der Hauptstraße entlanggefahren war, bestätigte sich nicht nur, sondern verstärkte sich. Denn was sie sah, gefiel ihr ausnehmend gut. Da waren die Häuser mit der ersten Blumenpracht des Frühlings an den Balkonen und auf den Fensterbänken, die allesamt im alpenländischen Stil mit viel Holz erbaut worden waren und von denen viele an den Fassaden kunstvolle Lüftlmalereien aufwiesen. Da war darüber hinaus das geradezu südländische Flair, das von den Außenservicebereichen der Cafés, Eisdielen und Restaurants zu beiden Seiten der Hauptstraße, die sehr gut besetzt waren, ausging. Ein Gewirr von Stimmen und Gelächter erreichte das Gehör Bettinas, vermischt mit leiser Musik aus den Lautsprechern. Und da war die Bergwelt rings um das Tal. Den zerklüfteten Bergketten des Hochgebirges mit einigen Zweitausendern, die wie versteinerte, vorsintflutliche Riesengeschöpfe das Tal zu bewachen schienen, waren bewaldete Berge vorgelagert. Die Wälder waren dunkelgrün und vermittelten einen gesunden Eindruck. Oben, in den Schattenfeldern des Hochgebirges, lag noch Schnee vom vergangenen Winter. Über allem entfaltete sich ein endlos blauer Himmel. Es war Mittagszeit und die Maisonne stand senkrecht über dem Wachnertal. Obwohl sie erst angekommen war, spürte Bettina ein wohliges Gefühl. Die Atmosphäre war wie Balsam für ihre Seele. Sie ging ins Hotel. In der Rezeption saß Susanne Reisinger, die älteste Tochter der Inhaberfamilie. Sie arbeitete am Computer. Jetzt nahm sie die Hände von der Tastatur, hob den Blick, lächelte und grüßte: »Guten Tag.
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Seitenzahl: 135
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Die siebenundzwanzigjährige Bettina Blechschmidt fuhr auf den Parkplatz des Hotels ›Zum Löwen‹ in St. Johann, stellte den Motor des Wagens ab und stieg aus. Sie schaute umfassend in die Runde. Der Eindruck, der sich ihr aufgedrängt hatte, als sie auf der Hauptstraße entlanggefahren war, bestätigte sich nicht nur, sondern verstärkte sich. Denn was sie sah, gefiel ihr ausnehmend gut.
Da waren die Häuser mit der ersten Blumenpracht des Frühlings an den Balkonen und auf den Fensterbänken, die allesamt im alpenländischen Stil mit viel Holz erbaut worden waren und von denen viele an den Fassaden kunstvolle Lüftlmalereien aufwiesen.
Da war darüber hinaus das geradezu südländische Flair, das von den Außenservicebereichen der Cafés, Eisdielen und Restaurants zu beiden Seiten der Hauptstraße, die sehr gut besetzt waren, ausging. Ein Gewirr von Stimmen und Gelächter erreichte das Gehör Bettinas, vermischt mit leiser Musik aus den Lautsprechern.
Und da war die Bergwelt rings um das Tal. Den zerklüfteten Bergketten des Hochgebirges mit einigen Zweitausendern, die wie versteinerte, vorsintflutliche Riesengeschöpfe das Tal zu bewachen schienen, waren bewaldete Berge vorgelagert. Die Wälder waren dunkelgrün und vermittelten einen gesunden Eindruck. Oben, in den Schattenfeldern des Hochgebirges, lag noch Schnee vom vergangenen Winter. Über allem entfaltete sich ein endlos blauer Himmel. Es war Mittagszeit und die Maisonne stand senkrecht über dem Wachnertal.
Obwohl sie erst angekommen war, spürte Bettina ein wohliges Gefühl. Die Atmosphäre war wie Balsam für ihre Seele.
Sie ging ins Hotel. In der Rezeption saß Susanne Reisinger, die älteste Tochter der Inhaberfamilie. Sie arbeitete am Computer. Jetzt nahm sie die Hände von der Tastatur, hob den Blick, lächelte und grüßte: »Guten Tag. Ich vermute, Sie sind die Frau Blechschmidt aus Iggelheim.«
Bettina erwiderte das freundliche Lächeln, nickte und erwiderte: »Sehr richtig. Ich habe ab heute für zwei Wochen ein Einzelzimmer bei Ihnen gebucht.«
Ein paar Mausklicks, ein Blick auf den Monitor des Computers, und Susanne sagte: »Halbpension. Bis zum Freitag der kommenden Woche haben S‘ das Zimmer gebucht. Sie können es sofort beziehen. Ich darf sie im Wachnertal, namentlich im Hotel ›Zum Löwen‹, herzlich willkommen heißen, Frau Blechschmidt.« Susanne nahm einen Schlüssel aus dem Fach und legte ihn auf den Tresen. Er trug einen Anhänger mit der Nummer hundertzwölf. »Sie finden das Zimmer in der ersten Etage. Ihr Gepäck haben S‘ gewiss noch im Auto. Wenn S‘ Hilfe benötigen, sag‘ ich meinem Verlobten Bescheid.«
»Vielen Dank«, erwiderte Bettina. »Es ist nur ein Koffer, und den schaffe ich alleine. Sie haben doch einen Aufzug?«
»Neben der Treppe zum Obergeschoss«, antwortete Susi. »Ich darf Ihnen vielleicht noch einen erholsamen und geruhsamen Urlaub wünschen, Frau Blechschmidt. Jemand, der die Ruhe sucht, ist hier richtig. Sie werden es bereits festgestellt haben, dass wir hier schon sehr viele Touristen haben. Es sind zumeist ältere Leute ohne Kinder, denen wir das, was sie haben möchten, bieten, nämlich Erholung, Beschaulichkeit und sehr viel Natur.«
»Ja, das ist mir sofort aufgefallen«, versetzte Bettina. »Ich habe mich auch gleich pudelwohl gefühlt hier. Schon, als ich über den Pass gefahren bin und den Blick in das Tal frei hatte, sagte ich mir, dass ich hier richtig bin. Ich suche nämlich genau das, was Sie hier zu bieten haben. Ruhe! Hinter mir liegen einige turbulente Wochen, und nun versuche ich, mein inneres Gleichgewicht wiederherzustellen und zu mir zu finden.«
»In diesem Fall sind Sie bei uns hundertprozentig gut aufgehoben«, bestätigte Susi lächelnd.
Bettina nahm den Zimmerschlüssel. »Dann hole ich mal meinen Koffer. Sie glauben ja gar nicht, wie sehr ich diesen Urlaub herbeigesehnt habe.«
»Mir bleibt es dann nur, Ihnen zu wünschen, dass Sie sich entspannen, die Turbulenzen der zurückliegenden Zeit ausschalten, und ihr Innerstes so sortieren können, damit Sie, wenn der Urlaub zu Ende ist, mit dem Gefühl heimfahren, dass die Zeit hier ein voller Erfolg war. Ich drück‘ den Daumen, Frau Blechschmidt.«
»Danke.«
Bettina ging wieder nach draußen, holte ihren Koffer aus dem Kofferraum ihres Autos, zog ihn ins Hotel und fuhr mit dem Aufzug in die erste Etage. Sie fand das Zimmer, bezog es. Nachdem sie ihren Koffer ausgeräumt und alles, was sie an Habseligkeiten dabeihatte, an Ort und Stelle gebracht hatte, stellte sie sich unter die Dusche. Mehr als vierhundert Kilometer Autofahrt lagen hinter ihr. Sie hatte zwar zwei kurze Pausen eingelegt, doch die stundenlange Fahrt war nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Nach der Dusche aber fühlte sie sich wie neugeboren. Sie legte sich, bekleidet mit einem weißen Bademantel, eine Stunde aufs Bett, schloss die Augen und döste, dann zog sie sich an, richtete die Haare und verließ das Zimmer. Zum einen verspürte sie Hunger, zum anderen wollte sie den Ort erkunden. Sie setzte sich in den Biergarten des Hotels. Heidi, die zweitälteste Tochter des Sepp Reisinger und seiner Gattin Irma, bediente. Bettina bestellte sich ein Zanderfilet mit mariniertem Gemüse und ein Glas Mineralwasser. Nachdem sie gegessen und getrunken und ihre Zeche bezahlt hatte, machte sie sich auf Erkundungstour durch den Ort.
An der Hauptstraße gab es neben den Gastbetrieben eine Reihe von Geschäften. Bettina schaute in die eine oder andere Auslage und erreichte schließlich den Pfarrplatz mit seinen alten Linden und Kastanienbäumen. Auf der einen Seite stand die Pfarrkirche St. Johann, ihr gegenüber, auf der anderen Seite des großen Platzes, war das Pfarrhaus errichtet worden. Wenn man am Pfarrhaus vorbeiging, erreichte man nach etwa dreißig Schritten die Friedhofspforte. Das schmiedeeiserne Tor stand offen.
Die Kirche wurde im Reiseführer und auf der Homepage der Gemeinde als die Sehenswürdigkeit schlechthin angepriesen. Also wollte Bettina sie sich zu Gemüte führen. Sie wandte sich dem Eingang des Gotteshauses zu. In diesem Moment kam ein großgewachsener Mann, der derbe Arbeitskleidung trug, durch das Friedhofsportal auf den Pfarrplatz. Er ging mit gesenktem Kopf und schien in sich gekehrt zu sein. Als spürte er, dass Bettinas Blick auf ihn gerichtet war, hob er den Kopf und sein Blick kreuzte sich mit ihrem. Er nickte ihr zu, und der Anflug eines freundlichen Lächelns spielte um seinen Mund. Auch Bettina nickte, konzentrierte sich wieder auf das Portal der Kirche und ging weiter.
Als sie hinter sich Stimmen hörte, schaute sie über die Schulter, und sie sah, dass der Mann, der eben den Friedhof verlassen hatte, vor dem Pfarrhaus mit einem anderen Mann sprach, der mit einem schwarzen Anzug bekleidet war. Bettina tippte, dass es sich um den Gemeindepfarrer handelte, der wohl wenige Augenblicke zuvor das Pfarrhaus verlassen und den Mann in der Arbeitskleidung in ein Gespräch verwickelt hatte.
Sie ging in die Kirche, durchquerte den Vorraum, in dem die Bank mit den Opferkerzen und ein Regal mit Prospekten, Flyern und Postkarten standen, drückte die Glastür auf und betrat das Kirchenschiff.
Was sie sah, war überwältigend. Die Kirche war in der Zeit des Spätbarocks errichtet worden und Zeugnis einer handwerklichen Kunst, die ihresgleichen suchte. Die Fresken an der Decke und an den Wänden, die kunstvollen, bleiverglasten Fenster mit Motiven aus dem Alten und dem Neuen Testament, der Stuck, der Altar und die Kanzel, die Seitenaltäre ...
Bettina hielt für einige Sekunden den Atem an. Diese Pracht war in der Tat atemberaubend.
*
Die Siebenundzwanzigjährige war regelrecht verzaubert und konnte es fast nicht glauben, dass dies alles Menschen in einer Zeit geschaffen hatten, in der es keine Computer, keine Präzisionsmaschinen und keine künstliche Intelligenz gegeben hatte, in der die alten Meister mit den einfachsten Arbeitsutensilien ans Werk gegangen waren. Was dabei herausgekommen war, konnte man nach Jahrhunderten noch bestaunen.
Langsam schritt Bettina auf dem Mittelgang entlang. Vorne, beim Altar, hantierte ein älterer Mann. In den Bänken saßen oder knieten verstreut eine Handvoll Gläubiger. Jemand hüstelte, und es mutete durch die besondere Akustik in dem Kirchenschiff überlaut an. Das Geräusch schien von den Wänden regelrecht zurückgeworfen zu werden.
Nun kam durch die Tür zur Sakristei ein weiterer Mann in den Altarraum. Es war jener Mann im schwarzen Anzug, den Bettina vor wenigen Minuten schon vor dem Pfarrhaus gesehen hatte und den sie für den Pfarrer hielt. Er gab dem älteren Mann – es handelte sich um Alois Kammeier, den Mesner -, ein paar leise gesprochene Anweisungen, dann erregte die junge Frau auf dem Mittelgang scheinbar sein Interesse, denn er verließ den Altarraum und lenkte seine Schritte auf sie zu.
Bettina hatte angehalten und erwartete ihn. Sie staunte. Sie musste augenblicklich das Bild, das sie von den Priestern im Kopf hatte, revidieren. Bei dem Geistlichen, der sich ihr näherte, handelte es sich um einen stattlichen, sehr gutaussehenden Mann mit dunklen, gelockten Haaren, blauen Augen und einem männlich markanten Gesicht. Seine Figur war die eines austrainierten Sportlers. Unwillkürlich hatte Bettina das Bild von Rock Hudson, dem vor vielen Jahren schon verstorbenen amerikanischen Schauspieler, im Kopf.
»Habe die Ehre, junge Frau«, grüßte Sebastian, als er zwei Schritte vor ihr anhielt. Er sprach gedämpft, um die Andacht der Handvoll Gläubigen in den Bänken nicht zu stören.
Bettina erwiderte den Gruß, und schon sagte der Pfarrer: »Ich bin der Gemeindepfarrer von St. Johann. Mein Name ist Trenker. Machen S‘ Urlaub bei uns, oder haben S‘ nur einen Ausflug ins Wachnertal unternommen?«
»Ich mache zwei Wochen Urlaub, Herr Pfarrer. Heute Mittag bin ich angekommen. Jetzt bin ich dabei, mir die örtlichen Gegebenheiten ein wenig zu erschließen. An Ihrer Kirche kommt man natürlich nicht vorbei, ohne nicht einen intensiven Blick hineingeworfen zu haben. Die Verfasser des Reiseführers und der Homepage haben nicht übertrieben. Diese Kirche muss man gesehen haben.«
»Danke«, sagte Sebastian lächelnd und neigte etwas den Kopf. »Das sind Aussagen, die mich, der in dieser Kirche wirken darf, mit Stolz erfüllen. - Im Reiseführer und auf der Website wird auch auf die Madonnenskulptur und das Bild ›Gethsemane‹ hingewiesen. Die Madonna finden S‘ beim linken Seitenaltar, das Bild mit dem Porträt des Gottessohnes neben der Tür zur Sakristei. Auch die Bilder des Kreuzwegs sind es wert, betrachtet zu werden. Der Maler ist leider unbekannt, aber er war ein Meister seines Fachs.«
»Ich werde mir alles ansehen«, versicherte Bettina. »Ich will mir nach und nach auch die anderen Sehenswürdigkeiten, vor allem die Kachlachklamm und den Themenpfad, erschließen. Und ich habe vor, ausgedehnte Wanderungen zu unternehmen. Es gibt eine ganze Reihe von Wanderzielen im Tal selbst und auch auf den Bergen ringsum.«
»Das hört sich an, als hätten S‘ vor, zwei Wochen lang alle fünfe gerade sein zu lassen und nur das zu tun, was Ihnen beliebt. Wenn S‘ das umsetzen, dann fahren S‘ in zwei Wochen total tiefenentspannt heim. Das garantier‘ ich Ihnen. Sie werden schon bemerkt haben, dass es bei uns keine – hm, Attraktionen wie in anderen Touristenhotspots gibt; keine Seilbahnen, keine Sessellifte, keine Open-Air-Bühnen und was sonst noch so alles in den Touristenzentren geboten wird. Bei uns ist die Welt noch in Ordnung. Ruhe und Beschaulichkeit, das sind die Attribute, mit denen wir werben. Und wie Sie ja selbst schon feststellen konnten – das Angebot wird angenommen.«
»Ja. Den vielen Menschen nach zu schließen, die die Cafés und Eisdielen an der Hauptstraße frequentieren, kann man zu gar keinem anderen Schluss kommen«, erklärte Bettina. »Mir behagt es hier. Ich glaube, eine bessere Wahl hätte ich gar nicht treffen können, als ich den Urlaub plante.«
»Dann will ich Sie auch net länger aufhalten, Frau ...« Sebastian schaute Bettina fragend an.
»Blechschmidt«, stellte sich Bettina vor. »Ich komme aus Iggelheim. Das ist einer von zwei Ortsteilen der Gemeinde Böhl-Iggelheim im Rhein-Pfalz-Kreis und liegt in der Nähe von Speyer.«
»Ah ja, Rheinland-Pfalz«, murmelte Sebastian. »Ich hab‘ den Namen der Stadt, in der Sie leben, zwar noch nie gehört, aber Speyer kenn‘ ich. Der Dom zu Speyer ist weltberühmt. - Auf Wiedersehen, Frau Blechschmidt. Hat mich gefreut, Sie kennengelernt zu haben. Ich wünsch‘ Ihnen einen angenehmen, erholsamen Urlaub hier bei uns im Wachnertal.«
»Wenn der Eindruck, den ich mir bis jetzt gebildet habe, hält, was er verspricht, dann werden das zwei wunderbare Wochen, Herr Pfarrer. Ich habe das Gefühl, im Paradies gelandet zu sein.«
Sebastian lachte. »So ist Ihre Einschätzung, nachdem Sie erst ein paar Stunden hier sind. Die meisten Einheimischen sehen das Paradiesische am Tal und der das Tal umgebenden Landschaft wahrscheinlich schon gar nimmer. Für die ist der Anblick Alltag.«
»Ich hoffe, dass es in den zwei Wochen, die ich hier bin, nicht so weit kommt«, versetzte Bettina lächelnd. »Ich will doch die Eindrücke, die ich hier sammle, mit nach Hause nehmen.«
»Das werden Sie ganz bestimmt«, sagte Sebastian im Brustton der Überzeugung. »Ich wünsch‘ Ihnen einen schönen, erholsamen Urlaub. Und schauen S‘ sich ruhig noch ein bissel um in unserem Kircherl. Sie werden’s net bereuen.«
»Danke, Herr Pfarrer. Ich bin überzeugt, dass der Urlaub schön und erholsam wird.«
»Noch ein Hinweis zur Kachlachklamm«, sagte Sebastian. »Es ist net ratsam, um diese Jahreszeit ohne die nötige Bergerfahrung zu ihr aufzusteigen. Oben, auf den Bergen, liegt noch eine Menge Schnee, der immer schneller schmilzt. Das Schmelzwasser macht den Weg tückisch und gefährlich. Sollten S‘ also zur Klamm aufsteigen, dann rat ich Ihnen, einen kundigen Bergführer anzuheuern.«
»Ich werde mir das zu Herzen nehmen«, beteuerte Bettina.
Sebastian wandte sich ab und kehrte in den Altarraum zurück, Bettina aber begab sich zum linken Seitenaltar, um die Skulptur der Mutter Gottes zu besichtigen und zu bewundern.
Als sie am späten Nachmittag ins Hotel zurückkehrte, saß Susanne, wie fast immer, in der Rezeption. Sie richtete den Blick auf Bettina, lächelte und fragte: »Na, haben S‘ sich einen ersten Eindruck von unserer Gemeinde gebildet, Frau Blechschmidt?«
»Sehr wohl. Ich bin beeindruckt. In dieser Gemeinde scheint alles aufeinander abgestimmt zu sein. In der Kirche bin ich dem Pfarrer begegnet. Ein angenehmer Mensch, wenn ich mich nicht irre. Er geht auf die Leute zu und ist überaus freundlich.«
»Der Pfarrer Trenker hat das Herz auf dem richtigen Fleck«, verriet Susanne. »Mit dem können S‘ Pferde stehlen. Zu ihm kann man mit jedem Problem kommen. Er findet immer eine Lösung. Net umsonst nennt man ihn den guten Hirten von St. Johann.«
»Interessant«, murmelte Bettina. »Er hat mich gewarnt, weil er meint, es wär‘ für mich zu gefährlich, alleine zur Kachlachklamm aufzusteigen. Es ist wegen der Schneeschmelze oben auf den Bergen, meint er. Ist das wirklich so gefährlich. Gibt es denn da hinauf keinen ordentlichen Wanderweg?«
»Ja, es ist gefährlich«, erklärte Susanne. »Der Weg ist vom Schmelzwasser ausgewaschen, außerdem spült das Schneewasser Sand und kleines Geröll in die Risse und Mulden. Der Untergrund, auf den man tritt, ist oftmals net fest und man hat keinen Halt. Es gibt viele sehr steile Stellen, und wenn man auf so einem Steilhang stürzt, dann geht es sehr schnell ein paar Meter in die Tiefe. Man muss also aufpassen.«
»Kann man in St. Johann denn einen Bergführer mieten?«, fragte Bettina.
»Ja, und zwar bei der Touristeninfo. Die finden S‘ im Rathaus. Ich schließ‘ natürlich net aus, dass alle Bergführer ausgebucht sind. Aber dann setzt man Sie auf eine Warteliste.«
»Dann werde ich mir morgen wohl zuerst einmal dieses ehemalige Jagdschloss Hubertusbrunn und vielleicht den geologischen Lehrpfad anschauen«, erklärte Bettina. »Ich denke, dass das gefahrlos zu bewältigen ist.«
»Nein, da müssen S‘ keine Angst haben, auszurutschen und einen Steilhang hinunterzustürzen«, lachte Susanne. »Soll ich mal wegen eines Bergführers in der Touristeninfo nachfragen?«
Bettina überlegte kurz, dann erwiderte sie: »Nicht notwendig. Ich werde mich übermorgen Vormittag selber drum kümmern.«
»Wie S‘ meinen, Frau Blechschmidt.«
Bettina begab sich auf ihr Zimmer, zog die Schuhe aus, legte sich aufs Bett, schaltete per Fernbedienung den Fernseher ein und zappte einen Nachrichtensender her ...
*
Am folgenden Tag fuhr Bettina nach Hubertusbrunn. Das ehemalige Jagdschloss gehörte einmal dem Freiherrn von Maybach. Nachdem der Freiherr und seine Gemahlin tödlich verunglückt waren, kam die kleine Tochter, Baroness Michaela, in die Obhut ihrer Kinderfrau Maria Engler. Als sie erwachsen war, heiratete sie den Landwirt Markus Anstetter. Dessen Vater war zunächst gegen die Hochzeit, doch Pfarrer Trenker war es gelungen, den alten Bauern umzustimmen. Zum Dank schenkte ihm Michaela das Schlösschen.
Der Pfarrer errichtete auf Hubertusbrunn eine Begegnungsstätte für Jugendliche aus aller Welt, die hier für ein bis zwei Wochen zusammenkamen und friedlich miteinander lebten. Das kleine Idyll lag im Ainringer Wald.
