Wiener Geschäfte - Alex Günsberg - E-Book

Wiener Geschäfte E-Book

Alex Günsberg

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Beschreibung

Der Literaturpreisträger Alex Günsberg erzählt in diesem Buch 13 aussergewöhnliche und erotische Episoden aus seinem Leben als Goldwarengrosshändler in Wien und Immobilienmakler im Wallis und in Florida. Ein spannendes Insiderbuch für alle, die reich werden und Erfolg bei Frauen haben wollen. Ein literarischer Leckerbissen!

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Seitenzahl: 284

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Alex Günsberg

Literaturpreisträger

Wiener Geschäfte

Erotische und geschäftliche Episoden aus meinem Leben in Wien

und seinem Hinterland bis zum Golf von Mexiko

Eine literarische Anleitung für alle, die viel Geld verdienen und

Erfolg bei Frauen haben wollen

Schon beim Eintreten sah ich die bildhübsche junge Frau. Sie sass in Stöckelschuhen und nur mit einem Bademantel bekleidet, der halbgeöffnet war und mehr entblösste als verdeckte, auf dem Sofa, hatte die nackten Beine aufreizend übereinandergeschlagen und rauchte eine Zigarette.(Seite 40)

«Wissen Sie Herr Günsberg, hat drüben aufgemacht Geschäft Zibojski Josef von Polen. Passen Sie auf, verkaufen Sie ihm keine Ware. Bezahlt er nie. Will ich Sie nur warnen vor diese Betrüger. Ist grosse Gangster und Verbrecher. Eigene Tochter hat er vergewaltigt, ist zehn Jahre gesessen in Gefängnis. Jetzt die Russen sind sie hereinmarschiert in Polen. Habe ich überhaupt gar nichts gegen Polen. Wie steht schon in Bibel geschrieben, sind wir alle gleiche Menschen. Aber diese Polen, sind sie doch keine Menschen. Die Schuhputzers waren sie bei uns. Jetzt haben sie, was verdienen sie». Ich konnte das Lachen nur schwer unterdrücken und versprach, sehr vorsichtig zu sein, sollte Josef Zibojski je Ware bei uns bestellen.(Seite 63)

© 2016 Alex Günsberg

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN Paperback: 978-3-7345-6341-6

ISBN Hardcover: 978-3-7345-6342-3

ISBN e-Book: 978-3-7345-6343-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Episode 1 : Am Anfang stand der Tod

Episode 2 : Goldene Kritzeleien

Episode 3 : Die Hure

Episode 4 : Wiener Besonderheiten

Episode 5 : Ein Wiener im Clan des Dogen

Episode 6 : Evelyne

Episode 7 : König der Schmuggler

Episode 8 : Die Entführung

Episode 9 : Die PLO-Connection

Episode 10 : Wien in guten und in bösen Zeiten

Episode 11 : Ein Wiener Unterwäschefabrikant auf Abwegen

Episode 12 : Ein Wiener in Super-Nendaz

Episode 13 : Cathy, Erika, Corina und ein Guru

Vorwort

Im Gegensatz zu meinen beiden anderen, dieses Jahr erschienenen Bänden (‘Geschichten von Liebe, Krieg und Schach’ und ‘Von der Liebe und vom Teufel’) ist dieses Buch keine Sammlung von Kurzgeschichten, sondern eine chronologisch geordnete Abfolge von 13 Episoden aus meinem spannenden Geschäfts- und Liebesleben von 1976 bis 1983.

Sie beginnt mit dem unerwartet frühen Tod meines Vaters, der mich von meinen geruhsamen Studien an der Uni Basel ins chaotischen Leben eines Wiener Goldwarengrosshändlers beförderte und endet mit meiner Etablierung als Immobilienmakler im Wallis und zeitweilig auch in Florida. Dazwischen liegen sieben aufregende Jahre. ‚Wo Geld ist, sind auch hübsche Frauen‘, hatte schon mein Vater gesagt, und zudem war ich damals ein nicht gerade unattraktiver Mann im die Frauen besonders interessierenden Alter von vierundzwanzig bis einunddreissig Jahren.

Sie können sich also auf packende autobiographische Erzählungen mit viel Herzklopfen und Erotik freuen, die dem wirklichen Leben und nicht der Feder und ausufernden Phantasie schüchterner Schreibtisch-Möchtegernplayboys entstammen. Der Untertitel ‘Eine Anleitung für alle, die viel Geld verdienen und Erfolg bei Frauen haben wollen’ ist absolut gerechtfertigt, auch wenn die Episoden aus meinem Leben nur als Beispiel dienen und nicht als Lehrbuch, wie man zu diesen, von den meisten Menschen heissersehnten Zielen gelangt.

Für weibliche Leser gilt die Anleitung allerdings nur bedingt. Ihr Erfolg bei Männern ist einerseits leichter, anderseits aber auch schwerer zu erlangen. Viele von ihnen glauben, nicht hübsch genug zu sein, zu dick oder zu dünn, zu jung oder zu alt, um sich einen tollen Mann zu angeln und die grosse Liebe zu gewinnen. Da irren Sie in mehrfacher Hinsicht, meine lieben Leserinnen. Unbestritten ist, dass uns Männern das hübsche Äussere einer Frau gefällt und sie nicht viel tun müssen, um angesprochen werden, doch oft gefällt sich die hübscheste Frau selbst nicht und verbaut sich damit das Liebesglück. Zu Illustration mag ein kleines Erlebnis dienen, das ich in jungen Jahren bei einem Ball in Zürich hatte, demjenigen der Eidgenössischen Technischen Hochschule, den kaum ein Schweizer nicht kennt. Ich tanzte engumschlungen mit einer reizenden Kommilitonin, worum mich alle beneideten. Jeder wäre gerne mit ihr auf diese Art auf dem Tanzparkett und anderswo gewesen. Als ich ihr während des Tanzes Komplimente über ihre Schönheit machte, antworte sie immer nur: «Aber meine Finger, aber meine Finger, schau her, ich habe doch viel zu kurze Finger»! Mit der Zeit sahen alle Männer, die sie zuvor so bewundert hatten, nur noch ihre kurzen Finger und sie musste im Gegensatz zu den meisten anderen Studentinnen unbegleitet nach Hause gehen und die Nacht alleine verbringen. Und nehmen Sie nur all die vielen Millionen Frauen, die ein glückliches Leben mit dem Mann ihrer Träume führen. Glauben Sie, dass das auf körperlicher Schönheit beruht? Der Erfolg von Frauen hängt mehr von ihrer Ausstrahlung, Selbstsicherheit und nicht zu vergessen ihrem Lächeln ab, als nur von schönen Beinen oder Brüsten. Merken Sie es sich, liebe Leserinnen: Keine Frau, die lächelt, ist hässlich!

Aber dieses Buch handelt nicht nur von Schweizern, sondern vor allem von Wienern, besonders von einem, nämlich von mir, obwohl ich nun auch schon seit über dreissig Jahren den begehrten roten Pass besitze und Bürger von Basel bin. Daneben kommen aber auch ein paar Italiener, Deutsche und Amerikaner in den Episoden vor und sogar ein afrikanischer Staatspräsident, der aber leider oder Gott sei Dank, je nachdem durch welch Brille man es betrachtet, nicht lange Staatspräsident blieb. Sie alle sind aber nur Zeugen dafür, wie weit das Hinterland Wiens in die ganze Welt hineinreicht.

In der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts, zu den unseligen Zeiten Kaisers Karls V, nannte man das Habsburgerreich dasjenige, in dem die Sonne nie unterging. Es erstreckte sich von Südamerika bis Indien. Mein geschäftliches und erotisches Reich, das seinen Mittelpunkt ebenfalls in Wien hatte, dehnte sich im Osten nur bis Ungarn aus, im Westen jedoch bis an die Gestade des Golfs von Mexiko. Das ist doch auch etwas, oder nicht?

Aber egal, wie gross mein Reich in jenen Tagen war, es war immer und überall aufregend, sodass ich bei der Niederschrift mit Freuden an die vielen, ganz unterschiedlichen Abschnitte meines Lebens zurückgedacht habe, nicht aber mit Wehmut, wie es manche Menschen tun, wenn sie über ihre Vergangenheit berichten, denn ich habe das Glück, auch in meinem fortgeschrittenen Alter von vierundsechzig Jahren noch mit einer wunderhübschen, fünfundzwanzig Jahre jüngeren Frau verheiratet zu sein und einen vierjährigen Sohn zu haben, den wir zur Erinnerung an unsere eigenen Väter Max-André Victor genannt haben. Am erhabensten tönt sein Name auf italienisch: Massimo-Andrea Vittorio. Ich hoffe, er wird einst auf ein ebenso spannendes Leben wie ich zurückblicken können und seinen vielen Schwestern und Brüdern - der älteste ist bereits vierzig - ein Ansporn dafür sein, bis zum letzten Atemzug das Gute der Welt auszukosten und das Schlechte zu verbessern versuchen, und sei es auch nur, wenn er es wie ich öffentlich an den Pranger stellt.

Episode 1

Am Anfang stand der Tod

Mein Vater starb 1976. Er war nur 56 Jahre alt geworden. Am Genfer Automobilsalon bekam ich die Nachricht von der Gehirnblutung, die er erlitten hatte, und fuhr sofort nach Wien. Er lag im Spital und war nicht mehr ansprechbar. Die Blutung hatte seine ganze linke Gehirnhälfte zerstört. Ich versuchte ihm zu sagen, dass sein erster Enkel unterwegs war - meine Frau war im vierten Monat schwanger - drückte seine Hand, strich ihm übers Gesicht, aber meine Worte und Berührungen drangen nicht mehr zu ihm durch. Er war an keine lebenserhaltenden Apparate angeschlossen, sträubte sich aber trotz der fehlenden Gehirnhälfte noch mehr als eine Woche mit der ganzen Kraft seines jungen, muskulösen Körpers gegen den Tod. Sein starkes Herz widersetzte sich dem Ende, solange es konnte und wollte nicht zu schlagen aufhören. Der Arzt sagte mir, ich solle auf die Pupillen achten. Sobald sie sich weiteten, würde der unvermeidliche Todeskampf beginnen.

Das ganze Leben meines Vaters, das so früh zu Ende ging, war Kampf gewesen, von der Geburt 1920 im Wien der Hyperinflation nach dem ersten Weltkrieg, als eine Semmel am Morgen zehn Millionen Schilling kostete und am Nachmittag zwanzig Millionen, über die Wirren des Austrofaschismus in den Dreissigerjahren, den Einmarsch Hitlers am Vorabend seines 18. Geburtstags, die seine glänzende Fussballerkarriere vorzeitig beendete, die Flucht in die Schweiz, die Nachricht von der Ermordung seiner Eltern und Schwestern durch die Nazis, die Ausweisung aus der Schweiz nach acht Jahren härtester Arbeit in Steinbrüchen und beim Strassenbau, bei der er sich eine Staublunge geholt hatte, die misslungene Einwanderung nach Israel und schliesslich die Rückkehr nach Wien über eine ebenfalls missratene Zwischenstation in Italien, die Scheidung, der Krieg um die Kinder und das Damoklesschwert des finanziellen Ruins, das ständig über ihm schwebte. Er starb so, wie er gelebt hatte, im Kampf ums Überleben. Als ich acht Jahre alt war, schrieb er mir ins Tagebuch: ‘Das Leben ist ewiger Kampf - nur der Stärkere gewinnt’. Nur dass den letzten Kampf auch der stärkste Mann verliert, daran dachte er nicht. Ja, er war ein überaus starker Mann gewesen, hatte trotz allem Leid, das ihm widerfahren war, seit der Rückkehr nach Wien eine Schmuckgrosshandelsfirma aufgebaut, mitgeholfen, das österreichische Fernsehen zu gründen, Jekami-Veranstaltungen organisiert, von denen die ganze Stadt sprach und bei denen spätere Film- und Musikstars zum ersten Mal die Bretter betraten, die die Welt bedeuten, und sogar den Liebling aller Wiener gemanagt, den ungarischen Boxeuropameister Laszlo Papp, der die Menschen in der Stadthalle regelmässig zur Begeisterungsstürmen brachte. Wenn er einen Raum betrat, richteten sich alle Augen auf ihn. Wenn er sprach, verstummten alle. Wenn er am Tisch sass, war es ein Fest für jedermann. Nur schon seine Anwesenheit war ein Ereignis. Er war einer der besten Schachspieler Österreichs, ging aber nie in einen Schachclub. Die Meister kamen zu ihm, um die Ehre zu haben, gegen ihn verlieren zu dürfen. Er hatte mir Schach spielen beigebracht und mir das Schachfieber eingeimpft, das bis heute anhält, aber natürlich verlor auch ich jede Partie gegen ihn, bis auf eine einzige, die wir frühmorgens um drei nach einem opulenten Mahl in einem Hotel in Italien spielten. Daran werde ich mich mein Lebtag erinnern. Mir war, als hätte ich Bobby Fischer besiegt. Er schüttelte mir minutenlang die Hand. Nie aber sprach mein Vater von seiner Vergangenheit. Er dachte immer nur an die Zukunft, aber auch die sollte ihm vom Sensenmann genommen werden.

Ich war allein in seinem Krankenzimmer, sass an seinem Bett und hielt seine Finger, als sich nach tagelangem Warten die Pupillen schliesslich immer mehr zu weiten begannen. Wie von Sinnen massierte ich sein Herz, beatmete ihn direkt in den Mund, in der Hoffnung auf ein Wunder. Doch das Wunder trat nicht ein. Die Kurven auf dem Bildschirm des Herzschlagmessers verflachten und gingen in eine gerade Linie über. Mein Vater war tot. Er war wie ein Halbgott für mich gewesen, auch wenn wir jahrelang getrennt gewesen waren - ich hatte in der Schweiz gelebt, er in Wien. Ich liebte ihn mehr als mich selbst, mehr als meine Mutter, mehr als meine Frau, mehr als jede künftige Geliebte. Mein Herz schlug schneller, wenn ich ihn sah. Er war mein Vorbild, mein Fels in der Brandung des Lebens. Ich hörte in seinem Sterbezimmer stundenlang nicht zu weinen auf. Weder der Arzt, noch meine Stiefmutter Gerlinde oder mein kleiner Bruder Gerhard, die ins Totenzimmer gekommen waren, konnte mich beruhigen.

Zu seinem Begräbnis auf einem christlichen Friedhof im Wienerwald kam mein Bruder Georg aus Zürich. Er sprach das jüdische Kaddischgebet für den Vater, den er seit der Scheidung von seiner Mutter vor 16 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Mein Schwiegervater spielte ein Requiem auf der Geige. Ich hielt die Abschiedsrede. Die Augen aller waren voller Tränen. Sogar meine Mutter, die in zweiter Ehe mit einem Schweizer verheiratet war, sagte mir später, sie hätte nie einen Mann mehr als meinen Vater geliebt und auch wie ein Hund geweint, als sie von seinem Tod erfuhr. 1945 hatte er sie bei der Behandlung seiner Staublunge in einem Schweizer Spital kennengelernt. Sie wog gerade noch 35 Kilo. Seit Monaten, als sie vom schrecklichen Ende ihrer geliebten Eltern, Grosseltern, Geschwister, Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen, Neffen und Nichten in Ungarn erfahren hatte - sie wurden alle in Ausschwitz vergast – hatte sie nichts mehr gegessen, musste künstlich ernährt werden. Nur dank der Liebe zu meinem Vater überlebte sie. Alle, die die beiden damals kannten, berichteten mir, es sei die grösste Liebe, die innigste Zweisamkeit und Verbundenheit gewesen, die sie je bei einem Paar erlebt hätten. Um es mit Jossi Grünbaum zu sagen, dem legendären Gründer des Wiener Cabarets Simpl, dem die Nazis nach dem Einmarsch Hitlers 1938 die Zunge herausschnitten: «So etwas hat die Welt noch nicht gesehen».

Wie erwähnt, hatte mein Vater eine Schmuckgrosshandelsfirma gegründet und geleitet. Er war der Chef, der alles wusste, alles leitete, alles plante, alles organisierte. Die Angestellten, ja selbst meine Stiefmutter waren in die wichtigen Dinge nicht eingeweiht, kannten die italienischen Lieferanten kaum, schon gar nicht die Konten und Schulden der Firma, und wussten über unsere finanzielle Lage so gut wie nichts. Zwei Wochen nach dem Begräbnis, als ich wieder in der Schweiz war, rief mich Gerlinde aufgeregt an.

Die Banken hatten die Kredite fällig gestellt. Sie könne so viel Geld unmöglich in kurzer Zeit auftreiben. Das würde den Ruin der Firma und den Verlust des gesamten Erbes meines Vaters und auch des Hauses bedeuten, in dem sie und mein kleiner Bruder lebten. Ich solle sofort nach Wien kommen, um ihr beizustehen. Meine Mutter, für die Gerlinde immer die Frau war, die ihr den Mann weggenommen hatte, beschwor mich, ja nicht hinzufahren und mich keinen Fall auf ein geschäftliches Abenteuer einzulassen, von dem ich nichts verstünde. Ich solle das Erbe ausschlagen und mich auf die Beendigung meines Studiums, meine Ehefrau und die Produktion des von ihr heiss ersehnten Nachwuchses konzentrieren, statt mein Studium hinzuschmeissen und mir die Zukunft mit einem kränkelnden Geschäft und unbezahlbaren Schulden zu verbauen.

Doch meine Abenteuerlust war geweckt. Nach vier Jahren an verschiedenen Universitäten, allen möglichen Studentenjobs und dem jungen Eheleben, bei dem wir jeden Franken mehrmals umdrehen mussten, bevor wir ihn ausgaben, sah ich die Chance, endlich aus dem Pariadasein auszubrechen und in die unbekannte und spannende Welt der Geschäftsreisen, Konferenzen und Verhandlungen mit Fabrikanten, Kunden, Bankiers und tausend anderen Menschen einzutauchen. So fuhr ich denn tatsächlich mit meinem kleinen Wagen, einem uralten, winzigen Fiat 500 nach Wien und fand meine Stiefmutter völlig am Boden zerstört vor. Sie war allein in der grossen Firma, die sich im Parterre und im Untergeschoss des Hauses meines Vaters im 23. Wiener Gemeindebezirk befand, genauer gesagt im schönen Mauer, wo ich als Kind auch meine Internatszeit verbracht hatte (siehe dazu die Erzählung ‘Ein Besuch in der Kirche’ im 1. Band der ‘Geschichten über Liebe, Krieg und Schach). Da die Banken den Kredithahn nach dem Tod meines Vaters zugedreht hatten, hatte sie alle Angestellten entlassen müssen. Die Vertreter hatten die Kollektionen zurückgebracht und waren von selbst gegangen. Das Aus der Firma stand ganz offensichtlich bevor. Ich sah mir zuerst einmal die Ware an. Mehrere überdimensionale Panzerschränke waren bis oben gefüllt. Auf unzähligen Tablars lagen Unmengen von Halsketten, Colliers, Armbändern, Broschen, Ringen, Anhängern und Uhren aus 14-karätigem Gold, viele davon mit Brillanten, Smaragden, Rubinen, Saphiren oder Perlen besetzt. Geschliffenes Glas, das man heute hochtrabend ‘Zirkonia’ oder etwas profaner ‘Swarovskisteine’ nennt und das für teures Geld in den Geschäften verkauft wird, gab es damals noch nicht.

«Das ist doch ein Vermögen wert», sagte ich staunend zu meiner Stiefmutter.

«Ja, aber das ist alles mit Bankkrediten finanziert und die Zinsen und Rückzahlungsraten sind horrend. Wir haben kaum noch Geld in der Kasse, die schwere Ware Deines Vaters ist seit der Ölkrise von 1973 und der enormen Goldverteuerung unverkäuflich geworden, und ohne Vertreter geht eh nichts mehr», antwortete sie resigniert.

Ich hatte im Leben noch nie irgendwelche Geschäfte gemacht und verstand von Handel und Kommerz etwa gleich viel wie von Bienenzucht oder chinesischer Keramik, nämlich null komma nichts. Zwar hatte mich mein Vater ein paar Mal auf Geschäftsreisen eingeladen und aus der Schweiz nach Italien mitgenommen, aber die waren für mich hauptsächlich Anlass, das wunderbare Land zu sehen, gut essen zu gehen und die italienische Lebensart zu geniessen. Und doch sollte mir die Bekanntschaft, in vielen Fällen gar Freundschaft mit den italienischen Fabrikanten noch von unschätzbarem Dienst sein. Zuerst aber mussten wir die Sache mit den Banken regeln. Wenn sie auf der sofortigen Kreditrückzahlung bestünden, so müssten wir schweren Herzens das Erbe ausschlagen, denn woher die vielen Millionen nehmen, wo wir doch nur auf einem Berg Ware sassen, den niemand wollte. Für Gerlinde stand viel auf dem Spiel. Wenn sie das Erbe nicht annahm, würden sie und mein zwölfjähriger Bruder nicht nur die Firma, sondern auch ihr Heim verlieren und stünden mittellos auf der Strasse. Für mich war die Sache einfacher. Ich hatte nichts zu verlieren. Deswegen ging ich viel gelassener als sie in die nächste Sitzung mit dem Bankenkonsortium, das schon zwei Tage später in den Räumlichkeiten einer Wiener Grossbank stattfand.

Die Bänker waren vollzählig versammelt, stellten sich vor und machten alle grimmige Gesichter, bis auf einen. Er hiess Lembacher, war Direktor der jüdischen Volksbankfiliale ‘Agudah’ und lächelte mich als einziger freundlich an. Er war viel kleiner und älter als die anderen. Der viel zu grosse Anzug schlotterte an seinem dünnen Körper. Er trug ein schwarzes Beret auf dem Kopf und hatte im Gegensatz zu den anderen keine Krawatte umgebunden, sondern den obersten Hemdknopf geschlossen. Äusserlich erinnerte er mich an die DDR-Funktionäre und Bösewichte, die man im Fernsehen sah. Doch innerlich fühlte ich mich mit ihm nicht mehr alleine den Hyänen der anderen Banken ausgesetzt. Wir setzten uns an einen grossen Konferenztisch. Am Kopf des Tisches stand ein etwa vierzigjähriger, breitschultriger, in einen dunkelblauen Anzug gekleideter Mann auf und ergriff das Wort. Es war Franz Löffler, seines Zeichen Kreditchef der CA, der grössten österreichischen Bank Creditanstalt-Bankverein. Nach einer kurzen Begrüssungsformel kam zu er gleich zur Sache:

«Meine Damen und Herren», sagte er, «wir sind heute hier, um das Problem der Firma Günsberg GmbH Goldwarengrosshandel zu lösen. Wie wir alle wissen, ist der Firmeninhaber Herr Max Günsberg leider vor kurzem unerwartet verstorben. Die Kredite der Firma in Höhe von dreissig Millionen Schilling - das waren damals umgerechnet rund dreieinhalb Millionen Schweizerfranken, ein Klacks für eine Schweizer Grosshandelsfirma, aber ein sehr hoher Betrag für eine österreichische - sind mit den Goldwaren abgesichert, wurden aber auch von ihm persönlich verbürgt. Da der Bürge nun weggefallen ist, müssen von den Erben der Firma, die die neuen Kreditnehmer sind, entweder andere Sicherheiten beigebracht werden oder sie müssen den Kredit zur Gänze zurückbezahlen».

Bis auf Herrn Lembacher und natürlich meine Stiefmutter und mich nickten alle Anwesenden zustimmend.

«Was sagen Sie dazu, Herr Günsberg Junior», wandte sich der Redner an mich. «Welche der beiden Lösungen bevorzugen Sie»?

Mit betonter Langsamkeit stand ich auf. Die Bankfritzen sollten nur nicht glauben, ich liesse mich zu irgendetwas drängen. Meine Stiefmutter rutschte derweil nervös auf ihrem Stuhl hin und her, wusste sie doch, dass keine der beiden Vorschläge des Bankers auf nur im entferntesten im Bereich unserer Möglichkeiten lag. Ich liess mich von Ihrer Nervosität jedoch nicht anstecken, sondern sagte ruhig aber bestimmt:

«Zuerst einmal Grüezi, meine Herren».

Ich wollte sie sofort daran erinnern, dass ich aus der Schweiz kam. Aus meiner Kindheit in Österreich wusste ich, dass die Schweiz für Österreicher, ganz speziell für Geschäftsleute und Bänker, das erstrebenswerte Vorbild und Ideal in allen wirtschaftlichen Belangen darstellte. In Ihren Augen waren Schweizer seriös, kompetent, tüchtig und hatten in allem Erfolg, was sie unternahmen. Ich fuhr fort, wobei ich absichtlich meinen Schweizer Akzent hervorkehrte, obwohl mir der Wiener Akzent im Hochdeutschen viel näher lag:

«Herr Löffler, Ihre beiden Vorschläge sind unrealistisch. Es gibt weder einen Ersatzbürgen, noch das Geld zur vollständigen Kreditrückzahlung. Wenn Sie darauf bestehen, schlagen meine Stiefmutter und ich das Erbe aus und sie können die ganze Ware haben. Sie hat einen theoretischen Verkaufswert von nicht nur dreissig Millionen Schilling, sondern von mindestens hundert Millionen Schilling. Sie wissen selbst, dass das stimmt. Denn wenn das nicht der Fall wäre, hätten Sie meinem Vater nie den Kredit gewährt, auch nicht gegen seine Bürgschaft. Die Schwierigkeit für Sie wird nur, die Ware zu liquidieren, um zu Ihrem Geld zu kommen. Sie wissen ja auch, dass sie infolge der massiven Goldpreiserhöhung der letzten drei Jahre völlig unverkäuflich geworden ist. Sie müssten dann den ganzen Aufwand auf sich nehmen, die Ware zu zerstören, die Edelsteine und Perlen herauszubrechen, das Gold einzuschmelzen und die Edelsteine und Perlen zu verkaufen versuchen. Bekanntlich handelt es sich um 14 Karat Goldschmuck. Beim Einschmelzen verlieren Sie also nicht nur den gesamten Herstellungswert, sondern auch noch rund einen Drittel des Materialwerts. Machen Sie die Rechnung. Sie werden sehen, dass Sie am Schluss - zusätzlich zum gesamten Aufwand - nicht einmal die Hälfte des Kreditbetrages lösen werden. Natürlich können Sie auch eine andere Grosshandelsfirma mit der Liquidation beauftragen. Dann müssten Sie aber nicht nur weitere Millionen an Kosten vorschiessen, sondern - und das garantiere ich Ihnen hier und heute - lösen Sie nicht einmal einen Viertel des Kreditbetrages und müssten erst noch viele Jahre darauf warten».

Mit finsterer Mienen und zusammengekniffenen Lippen schüttelten die Bänker die Köpfe. Herr Löffler protestierte lautstark:

«Herr Günsberg - plötzlich nannte er mich nicht mehr Herr Günsberg Junior - wir lassen uns nicht drohen oder durch Schwarzmalerei beeindrucken. Was schlagen Sie vor»?

Auf diese Frage war ich nicht gefasst, musste auf die Schnelle einen Vorschlag machen.

«Ich schlage Ihnen vor, den Kredit ganz einfach wie bisher weiterlaufen zu lassen», antworte ich.

«Ohne neue Bürgschaft oder Sicherheit ist das unmöglich», wandte ein Bänker ein, der bisher geschwiegen hatte. Es war Herr Norbert Kraus, der äusserst korpulente und immer stark schwitzende Kreditdirektor der Ersten Österreichischen Sparkasse. «Ich könnte mir vorstellen, dass meine Bank mit einer Rückzahlung des Kredites in drei Raten einverstanden wäre die erste sofort und die nächsten in 6 und 12 Monaten».

«Eine tolle Idee», erwiderte ich, «nur haben wir die zehn Millionen für die erste Rate nicht in der Kasse. Wenn Sie eine Rückzahlung in Raten wünschen, so schlage ich Ihnen 50.000 Schilling im Monat vor. In diesem Fall wäre ich bereit, die Erbschaft anzunehmen und die Schulden meines Vaters zusammen mit meiner Stiefmutter zu übernehmen».

Ich hatte keine Ahnung, wie auf diesen Einfall gekommen war. Die Worte sprudelten einfach aus mir heraus, ohne dass ich im voraus über sie nachgedacht hätte. Meine Stiefmutter war viel zu nervös, um überhaupt etwas zu sagen und überliess mir die Verhandlungsführung. Der Bänker der Ersten Allgemeinen ereiferte sich:

«Das ist völlig unseriös. So kommen wir nie zu einem Resultat. Wenn Sie das Angebot nicht erhöhen, beantragen wir die Liquidation Ihres Geschäftes»!

«Erhöhen Sie Ihr Angebot auf 200.000 im Monat und wir diskutieren darüber», kam es von einem anderen, von Herrn Walter Kiesmayer von der Raiffeisenbank.

Doch ich blieb hart, auch allen weiteren Forderungen der Bänker gegenüber, und war bereit, das Erbe auszuschlagen. Ich wusste genau, dass wir uns kaum die von mir in den Raum gestellten 50.000 leisten konnten, wenn die Verkäufe nicht anzogen.

«Sie werden schon sehen, was Sie davon haben, Herr Günsberg», sagte Herr Löffler von der CA, verabschiedete sich und ging, ohne auch nur zu grüssen. Die anderen taten es ihm gleich. Meine Stiefmutter sah mich wie ein geschlagener Hund an.

«Du hast alles kaputtgemacht», flüsterte sie mir zu und schluchzte, «jetzt müssen wir aus dem Haus».

Als letzter der Bänker verabschiedete sich der alte und schmächtige Herr Lembacher mit dem schlotternden Anzug und dem Beret auf dem Kopf. Beim Hinausgehen blieb er stehen, nahm meine Hand, sah mir fest in die Augen und sagte:

«Gut gemacht, Alex. Dein Vater hat mir viel von Dir erzählt. Du bist sein würdiger Nachfolger, auch wenn Du vielleicht nicht so gut Schach spielst wie er. Mit Banken verhandeln kannst Du aber auf jeden Fall noch besser als er. Mach Dir keine Sorgen und beruhige Deine Stiefmutter. Ich werde mich dafür einsetzen, dass Dein Vorschlag akzeptiert wird. In spätestens drei Tagen bekommt Ihr Bescheid».

Nach drei Tagen rief er an. Das Bankenkonsortium hatte mein Angebot angenommen. Wohl oder übel musste ich die Erbannahmeerklärung unterzeichnen und mich ins Abenteuer des Geschäftslebens stürzen, von dem ich keine Ahnung hatte und das mein ganzes bisheriges Leben auf den Kopf stellen sollte.

Episode 2

Goldene Kritzeleien

Nachdem die Banken zum allergrössten Erstaunen meiner jungen Stiefmutter Gerlinde auf meinen Vorschlag zur Kreditrückzahlung in minimalen monatlichen Raten eingegangen waren, nicht zuletzt dank der Fürsprache und sicher auch gewisser finanzieller Zugeständnisse von Herrn Lembacher, von denen ich jedoch nichts wusste, dem einzigen mir damals bekannten jüdischen Bankier im immer noch vom Antisemitismus der Nachhitlerzeit vergifteten Wien, sass ich am grossen Schreibtisch meines vor kurzem verstorbenen Vaters und Firmengründers und zermarterte mir das Gehirn, wie um Himmels willen wir zu Einnahmen kommen könnten. Der ganze schwere Goldschmuck in unseren Safes, den die Leute in den vergangenen Zeiten des billigen Goldpreises nicht zuletzt auch als sichere Rücklage für künftige harte Zeiten gekauft hatten, über zweihundert Gramm wiegende Colliers, massive breite Teppicharmbänder, die gut und gerne hundertzwanzig Gramm auf die Waage brachten, lange Halsketten, die mehr wogen als drei grosse Silbermesser zusammen und viele andere Brocken in unserem Lager waren nach dem drastischen Goldpreisanstieg infolge des arabischen Ölembargos von 1973 derart teuer geworden - der Preis der Schmuckstücke hatte sich mit einem Schlag mehr als verdreifacht - dass sie kein Juwelier in ganz Österreich mehr kaufte. Jeder hatte selbst derart viele alte Stücke vorrätig, dass er sie in zehn Jahren nicht würde verkaufen können und ihm die Zinsbelastung für die überlange Lagerhaltung die pekuniäre Atemluft zu nehmen drohte. Alle Anrufe und Besuche bei Kunden, Sonderangebote, Preisrabatte und Spezialkonditionen nützten nichts. Im Goldwarenverkauf herrschte der absolute Stillstand, vergleichbar einer totalen Windstille bei einer Segelregatta oder der gähnenden Leere in einer konkursiten Fabrikhalle. Gerlinde weinte sich die Augen aus. In wenigen Monaten würde das wenige Bargeld, das wir noch in der Kasse hatten, durch die täglichen Ausgaben und die monatlichen Kreditrückzahlungsraten aufgezehrt sein, auch wenn diese noch so niedrig waren. Der Konkurs schien unvermeidlich.

Ich hatte alle Hoffnung auf ein gutes Ende meines Wiener Abenteuers aufgegeben und kritzelte unbewusst auf dem Papier herum, das vor mir auf dem Schreibtisch lag und auf dem ich eigentlich ein Konzept zur Firmensanierung und Ankurbelung der Verkäufe entwerfen wollte. Weltversunken formte ich mit dem Kugelschreiber kleine Herzchen, Kügelchen und Sternchen, Tierchen und Halbmonde, ohne es wirklich zu merken. In Gedanken war ich ganz woanders. Als ich mir irgendwann das vollgekritzelte Blatt besah und dabei die schwere Goldware in unseren Safes und meinen Entschluss, nach Wien zu kommen, zum Teufel wünschte, kam mir plötzlich ein Einfall. Warum eigentlich nicht diese kleinen Dinger, die ich aufs Papier gekritzelt hatte, in Gold anfertigen lassen? Sie würden doch kaum etwas kosten und wir könnten sie zu nie dagewesenen Preisen als Ohrstecker, Ringe, Anstecknadeln oder auch als Anhänger für Halsketten und Armbänder anbieten. Das war es! Die Leute würden darauf anspringen wie hungrige Hunde auf fette fleischige Knochen. Seit drei Jahren hatte praktisch niemand mehr in Österreich Goldschmuck gekauft, weil dieser viel zu teuer geworden war. Kostete ein Goldarmband vor der Ölkrise von 1973 einen Monatslohn einer Sekretärin, so waren es danach deren drei oder vier. Wer konnte es sich schon leisten, drei oder vier Monatslöhne für ein Goldarmband auszugeben? Doch mittlerweile lechzten die Frauen sicher bereits nach Goldgeschenken. Drei Jahre lang hatten sie keine mehr bekommen. Diese neuen Dinger würden kaum einen Zehntel, vielleicht gar nur ein Zwanzigstel eines Monatslohns kosten. Fast jeder Mann könnte sie bezahlen. Aufgeregt lief ich ins Gerlindes Büro, die wie immer mit Buchhaltungsarbeiten und ihrer Rechenmaschine beschäftigt war, und hielt ihr stolz das vollgekritzelte Blatt Papier vor die Nase. Doch sie war alles andere als begeistert davon.

«Was soll der Bledsinn»? fragte sie mich auf wienerisch, unserer geliebten Umgangssprache.

«Schau doch amal genau hin», forderte ich sie auf.

«I hab Besser’s z’tun, als Dei G’schmier anz’schaun», erwiderte sie.

«Das is ka G’schmier», sage ich. «Das is unsere Zukunft».

Sie lachte laut auf und sagte:

«I glaub, Du bist überg’schnappt, willst Du jetzt Papier verkauf’n»?

Gerne übersetze ich die Fortsetzung dieser geschäftsentscheidenden, beinahe hätte ich gesagt, kriegsentscheidenden Unterhaltung in eine Sprache, die auch Nichtwienern geläufig ist, etwa Berlinern oder anderen Deutschsprachigen, die zu meinem grossen Bedauern in weniger schönen, weniger völkerdurchmischten und weniger theater-, kabarett- und musikverwöhnten Städten als Wien leben müssen:

«Nein, ich will kein Papier verkaufen», sagte ich «aber Herzchen, Sternchen, Kügelchen, kleine Monde, Hasen, Elefanten und Äffchen».

«Bettelarmbänder haben wir genug, die will auch niemand mehr», sagte sie resigniert.

«Weil die Armbänder und die Anhänger viel zu schwer und zu teuer sind», rief ich aus.

«Schrei nicht so», ermahnte sie mich.

«Sorry», sagte ich, aber mein Eifer war ungebrochen. «Es geht nicht um Bettelarmbänder, sondern um Ohrstecker, Anhänger, Ringe und vielleicht auch um dünne Hals- und Armkettchen, die fast nichts wiegen und kaum etwas kosten».

«Jetzt bist Du total verrückt geworden», antwortete sie. Sie hatte meine Idee immer noch nicht verstanden. «Das kauft doch niemand».

«Im Gegenteil, alle werden das kaufen, Du wirst sehen, Gerlinde. Seit drei Jahren hat praktisch kein Mann in Österreich seiner Frau mehr Schmuck gekauft, weil er unbezahlbar geworden ist. Wenn wir jetzt neue, moderne Stücke zu Spottpreisen auf den Markt bringen, werden sich die Leute nur so darauf stürzen. Das ist so sicher wie das Amen im Gebet»!

«Naja», sagte Gerlinde, «ich weiss nicht so recht».

Meine Argumente erschienen ihr nicht so falsch, aber sie war von Natur aus ein vorsichtiges und allem Neuen gegenüber äusserst misstrauisches Wesen, das auch nur das kleinste Risiko scheute. Kein anderer Grossist in Österreich bot derartige Ware an. Warum waren unsere Konkurrenten nicht schon auf die Idee gekommen, wenn sie wirklich so gut war, wie ich behauptete? Nein, wir konnten unmöglich die ersten sein, die so etwas wagten. Doch hatte sie mein Auftreten bei den Banken sehr beeindruckt. Nie hätte sie geglaubt, dass ich damit Erfolg haben würde, aber trotzdem hatte ich es geschafft. Wer sagte ihr, dass ich nicht auch diesmal Erfolg haben würde? Sie glaubte nicht an meine Idee, zweifelte aber auch an ihren eigenen Bedenken, schwankte zwischen der Angst, etwas Neues zu wagen, und der Furcht hin und her, womöglich die Rettung des Geschäfts zu verpassen.

«Und wie soll das gehen»? fragte sie. «Wo sollen wir das Geld hernehmen, Deine Herzchen, Kügelchen und Sternchen fabrizieren zu lassen? Wir haben doch nicht einmal mehr genug, um auch nur ein Kilo Feingold zu kaufen»!

Sollten Sie, lieber Leser, aus unerfindlichen Gründen nicht selbst Goldwarengrosshändler sein, so müssen Sie wissen, dass Grossisten, nicht nur österreichische, sondern solche aus der ganzen Welt, Feingold in Barrenform in der Schweiz, genauer gesagt bei Schweizer Banken zu kaufen pflegen und sie den italienischen Fabrikanten zollfrei zur sogenannten ‘passiven Veredelung’ senden. Die vorwiegend in der Region Vicenza nahe Venedig beheimateten Fabrikanten unterhalten selbst kein Feingoldlager, das würde viel zu viel Kapital erfordern, sondern verarbeiten die von den Grossisten angelieferten Barren zum gewünschten Schmuck in 14 oder 18 Karat, in letzter Zeit auch in 6 oder 9 Karat. Die Grossisten bezahlen dafür nur die Verarbeitungskosten, natürlich inklusive der Gewinnmarge des Fabrikanten und dem sogenannten ‘Calo’, ein paar Prozent Goldverlust, der durch die Bearbeitung unvermeidlich ist. Der Endpreis der fertigen Ware an die Juweliere in den verschiedenen Ländern setzt sich dann aus dem Tagespreis des Goldes, den Verarbeitungskosten, dem Calo, den Kosten für Transport, Zoll und Mehrwertsteuer und der Marge des Grossisten zusammen, die jedoch die geringste in der Kette aller Beteiligten ist. Beim Detailhändler, also beim Juwelier, bei dem Sie, lieber Leser, das glänzende Schmuckstück schlussendlich kaufen, um es Ihrer Frau zu Weihnachten oder zum Geburtstag zu schenken oder auch Ihrer neuen Geliebten, um sie leichter ins Bett zu bekommen, bezahlen Sie dann mindestens das Doppelte des Einstandspreises, ob sie es glauben oder nicht. Am meisten an den glitzernden Preziosen verdient also der Juwelier, der das geringste Risiko und am wenigsten Arbeit damit hat. «So ist das Leben», wie der berühmte jüdische Kabarettist der Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts Karl Farkas immer sagte, wenn wir ihn im ‘Simpl’, dem legendären, von seinem Vorgänger Fritz Grünbaum lange vor dem Einmarsch der Deutschen und der Machtübernahme durch die Nazis 1938 gegründeten Cabaret in der Wiener Wollzeile bewunderten. Gerlindes Einwand war aber nicht von der Hand zu weisen. Wir hatten tatsächlich nicht mehr das Geld, um einen einzigen neuen Goldbarren zu kaufen. Doch wir hatten altes Gold und benötigten gar kein Geld. Das war es Ei des Kolumbus, des Rätsels Lösung, der Kern der Sache und der springende Punkt. So antwortete ich ihr:

«Wozu brauchen wir Geld, Gerlinde, warum müssen wir überhaupt Gold kaufen? Wir haben doch mehr als genug in unseren Safes! Statt den unverkäuflichen Schmuck verrotten zu lassen und jeden Monat den Banken Unsummen an Zinsen dafür zu bezahlen, lassen wir ihn einschmelzen und machen neue, gut verkäufliche Artikel daraus».

«Was für eine wahnsinnige Idee», antworte Gerlinde, völlig entsetzt. «Weisst Du, was uns die Fabrikation des ganzen Schmucks gekostet hat? Wenn wir ihn einschmelzen lassen, verlieren wir alles, was wir dafür bezahlt haben. Nein, da mache ich nicht mit».

«Denk einmal nach», versuchte ich sie für meinen Vorschlag zu gewinnen, «wenn der alte Schmuck noch Jahre in unseren Safes liegen bleibt, kostet er uns an Bankzinsen glatt noch einmal so viel wie die Fabrikationskosten und in ein paar Monaten machen wir dann eh bankrott. Die Fabrikationskosten sind in jedem Fall verloren. Wir müssen sie ein für allemal abschreiben und wenigstens vom Goldwert profitieren, der im alten Schmuck steckt, und zwar so rasch wie möglich. Je früher wir uns dazu entschliessen, desto mehr Überlebenschancen hat unsere Firma».

Mir schien das so klar wie Meerwasser in Sizilien oder Mineralwasser in Bad Vöslau. Doch meine Stiefmutter war immer noch nicht überzeugt.

«Und wer sagt Dir, dass Deine neuen, leichten Artikel überhaupt Anklang finden werden? Was ist, wenn nicht, wenn wir unseren ganzen alten Schmuck wirklich einschmelzen und den neuen niemand kauft? Dann machen wir noch schneller Konkurs, als wenn wir den Schmuck ganz einfach in den Safes belassen, weil wir unser letztes Geld den Fabrikanten für die Herstellung unsinniger Ware bezahlt haben».