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Extremsport-Events erfreuen sich zunehmend großer Beliebtheit. Länge – höher – weiter – gefährlicher – immer bis an die Grenzen gehen und auch darüber hinaus, keine Herausforderung ist den Teilnehmern an diesen Veranstaltungen zu groß. Unfälle und Verletzungen sind an der Tagesordnung oder auch Zusammenbrüche, weil Teilnehmer sich überschätzen und ihren Körperüberfordern. Was treibt die Menschen an, sich solchen Strapazen zu stellen und immer wieder die Grenzen ihres eigenen Ichs auszuloten? Hierfür mag es mannigfaltige erklärende Antworten zu geben, doch in diesem Buch stellt sich die Frage: Was bewegt einen fast blinden Sportler, sich zur Teilnahme am härtesten Hindernislauf Deutschlands zu melden und sich den außerordentlichen Strapazen zu stellen? Harald Lange gibt in diesem Buch – niedergeschrieben von seiner Biographin Daniela Preiß – Antworten: Extremsport ist meine größte Leidenschaft. Als ich mit den Jungs vom Laufverein zusammensitze, erzählt einer von der BraveheartBattle, dem härtesten Hindernislauf Deutschlands: Kann ich es wagen, dort an den Start zu gehen? Und vielleicht bei der Bundeswehr trainieren? Ich bin stark sehbehindert, aber Inklusion wird ja immer propagiert … Nur: Gelingt es mir beim Wettkampf, durchs Feuer zu springen, zu robben oder muss ich doch scheitern?
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Veröffentlichungsjahr: 2014
UB – Universum Bücherei Band 2
Daniela Preiß - Willensstark
1. eBook-Auflage – Dezember 2014
© Universum Bücherei im vss-verlag Hermann Schladt
Titelbild: Armin Bappert
Lektorat: Chris Schilling
Willensstark
Daniela Preiß
Bücher zu schreiben ist nicht nur mein Beruf, sondern vor allem meine Leidenschaft. Und die Zusammenarbeit mit Harald Lange hat mich besonders inspiriert.
Kennen lernen durfte ich ihn vor gut einem Jahr, als ich Interviewpartner für meine Doktorarbeit suchte. Über die jeweilige Behinderung kamen wir schnell ins Gespräch - Harry ist stark sehbehindert, ich bin von Geburt an blind. Da gibt es schon viele Gemeinsamkeiten. Aber wir haben bald festgestellt, dass uns noch mehr miteinander verbindet und so sind wir mittlerweile gute Freunde geworden.
Ohne Zweifel zählt Harry zu den wenigen Personen, an denen ich mich in schlechten Phasen aufrichten kann. Die Einschränkungen, die seine Behinderung mit sich bringt, empfindet er manchmal als lästig. Doch halten sie ihn nicht davon ab, seine Pläne zu realisieren, ja Träume zu leben.
Wie Harry mit der gegebenen Situation umgeht und was er daraus macht, verleiht mir persönlich jede Menge Kraft. In der Hoffnung, diese Quelle an andere Behinderte weiterzugeben, habe ich ihn gefragt, ob ich nicht ein Buch über ihn schreiben könnte. Danach habe ich mehrere Interviews mit Harry geführt, ihn zur BraveheartBattle begleitet und Stück für Stück ein Manuskript entworfen, das, nach meinem Empfinden, vielen Betroffenen Mut machen sollte. Denn Harry zeigt, nicht zuletzt durch seine Leistungen als Sportler, wie viel ein Mensch erreichen kann, wenn er es nur wirklich will.
Um näher am Geschehen zu sein, haben wir für den Text seine Perspektive gewählt. Obwohl ich die Probleme und Erlebnisse als Autorin aufgezeichnet habe, ist es Harrys Geschichte und deshalb fühlt es sich auch besser an, wenn er zu Ihnen, den Lesern, spricht.
Ich danke Harald Lange für seine Unterstützung, die Zeit, die er sich für das Buch genommen hat und die schnellen und ausführlichen Antworten, wenn ich einmal nicht weiter wusste oder etwas nicht sofort verstanden habe. Seine Fachkompetenz und Geduld bilden sicher den Herzschlag unseres Projekts.
Außerdem danke ich meinem Freund Oliver Dietrich, der mich immer wieder mit guten Ideen, aber auch durch seine Tatkraft unterstützt und mir seit Monaten privat wie beruflich den Rücken stärkt.
Nicht zuletzt geht ein besonderer Dank an meinen Verleger Hermann Schladt, weil er das nötige Vertrauen in mich setzt und die Veröffentlichung von Willensstark realisiert.
Daniela Preiß, im Oktober 2014
März 2013, Halbmarathon bei Spiridon Frankfurt. Nach dem Rennen saß ich noch mit anderen aus dem Verein zusammen, als Markus das Interesse auf sich zog.
„Hey Leute, ich habe vor ein paar Tagen bei der BraveheartBattle mitgemacht. Das war echt phantastisch!“
Nur dass ich keine Ahnung hatte, was genau er damit meinte. Aber meine Neugierde war bereits geweckt, weil sich Markus so begeistert zeigte. Sofort bestürmte ich ihn mit Fragen: BraveheartBattle, was ist das überhaupt? Wo findet dieses Rennen statt? Und was machen die da? Wie läuft denn das ab?
Außerdem informierte ich mich im Internet. Wo ich Sprüche fand wie „No Pussylanes“. Oder Fragen in der Art: „Hast du genug Mumm in den Knochen?“ Darauf konnte es doch nur eine Antwort geben. Ich fühlte mich angestachelt, herausgefordert und noch bevor ich richtig begreifen konnte, was ich da eigentlich tat, hatte ich mich für die nächste Veranstaltung angemeldet. BraveheartBattle am 8. März 2014 in Münnerstadt, das liegt bei Bad Kissingen. Dort würde ich hinkommen mit Bus und Bahn, trotz meiner Sehbehinderung konnte mich keiner daran hindern. Auch zwischen Arbeit und Privatleben würde ich das gut auf die Reihe kriegen. Ich musste nur noch mit meiner Frau Claudia darüber sprechen. Und was die von der Sache hielt, war dann bald klar – in erster Linie nichts.
„Warum“, wollte sie wissen, „musst du eigentlich bei jedem Scheiß dabei sein?“
Ganz einfach: Weil es Spaß macht!
Claudia kann ohne Einschränkung sehen, aber sie ist nicht sehr unternehmungslustig. Während ich, als blinder Mann, immer wieder das Abenteuer suche. Und die BraveheartBattle ist ein Hindernislauf der besonderen Art. Da erwarten die Sportler ungefähr 50 natürliche und künstliche Hindernisse. Zu den natürlichen gehören beispielsweise der Fluss, Gestrüpp oder ein Hügel. Künstlich wäre dagegen ein Haufen LKW-Reifen. Die Teilnehmer müssen unter Stromzäunen durchkriechen, aber auch eine sechs Meter hohe Mauer überwinden.
Veranstalter ist das PAS-Team, Power, Action and Survival. Dieses Team arbeitet in Krisengebieten mit dem Militär zusammen und organisiert im Rahmen dessen einen extremen Hindernisparcours. Joachim von Hippel, der Masterchief, baut regelmäßig alle Elemente ein: Feuer, Wasser, Luft und Erde. Oder Schlamm, besser gesagt. Manche Hindernisse sind so angelegt, dass einer alleine daran scheitern würde. Zum Beispiel bei Schlammgruben, da könnte sich ohne Unterstützung keiner wieder raus ziehen. Und Hilfsmittel sind nicht erlaubt. Denn es ist gewünscht, dass sich die Läufer gegenseitig helfen, weil das den Teamgeist fördert. Natürlich kann jeder als Einzelstarter kommen, aber dann wird er als Teil einer großen Familie das Feld wieder verlassen. Und dieses Miteinander, diese Vorstellung von Teamarbeit gefällt mir.
Vor uns 28 Kilometer, die möglichst schnell zurückzulegen sind. Doch bei Braveheart läufst du nicht nur, sondern es ist viel mehr als das: Du überlebst! Und die Beine reichen nicht aus, um dieses Rennen durchzustehen. Im Gegenteil, wer sich darauf einlässt, muss kriechen können, robben und klettern. Der muss seine ganze Konzentration einsetzen, seine Kraft und die mentale Härte. Bei Braveheart wird der Körper voll beansprucht und das sollte für mich eine neue Herausforderung sein. Wie ich sie immer wieder suche, da es mich antreibt, noch mehr aus mir herauszuholen. Marathon? Klar ist das gut, aber nicht alles. Die BraveheartBattle bietet einen außergewöhnlichen Reiz. Weil sich das nicht jeder traut und das macht die Sache interessant.
Ich schätze einerseits Events, die ich nicht jeden Tag bekommen kann, während mich auf der anderen Seite die Kommerzialisierung gewisser Sportarten nervt. Oder überhaupt, wie mit ihnen umgegangen wird. Bestes Beispiel: der Marathon. Gerade diese Distanz von 42,195 Kilometern ist für viele Leute das Absolute. Bewältigt jemand einen Halbmarathon oder zehn Kilometer, wird er nie dasselbe Hallo ernten wie beim Marathon. Dass aber auch zehn Kilometer erst einmal gelaufen werden müssen und es genauso darauf ankommt, wie ich sie zurücklege, scheint niemand zu verstehen. Aber es macht einen Unterschied! Laufe ich zehn Kilometer auf Anschlag, dann tun sie weh, auch wenn es „nur“ zehn Kilometer sind. Ich persönlich gehöre zu den Langstrecklern. Das heißt, dass ich Rennen favorisiere, die einen Halbmarathon überschreiten. Die Daten können abweichen, aber ich habe, aus der Perspektive des Langstreckenläufers, einmal gelernt, dass die Langdistanz ungefähr bei 30 Kilometern beginnt. Bei 21,1 Kilometern sprechen wir von der Mitteldistanz. Und was weniger beträgt, ist eine Kurzdistanz. Langstreckenläufer hassen diese Variante sogar, gerade weil sie so weh tut und weil sie so hart gelaufen werden muss. Während ich mir, für eine lange Distanz, die Kraft anders einteile. Ich laufe diese Strecke ruhiger. Und beginne niemals so schnell wie bei einem spritzigen Zehner.
Doch solche Dinge passieren nicht von heute auf morgen. Die muss man lernen, verinnerlichen und sich hart erarbeiten. In kontinuierlichem Training werden die Läufer langsam herangeführt. Aber nicht, wenn die großen Citymarathons ihre Anfängerprojekte fahren, in einer einzigen Geldmacherei. Wenigstens kommt mir das manchmal so vor. Für Hunderte von Euro bekommen die Debütanten da ihr Training und können am Marathon teilnehmen, mehr oder weniger aus der kalten Hose heraus. Ohne dass man individuell den Einzelnen sieht, seine Leistung und seine Möglichkeiten. Stattdessen geht es darum, den Citymarathon mit Volkssportlern aufzufüllen und Geld in die Kassen zu spülen, damit sich die große Elite finanzieren lässt. Am Ende zählen ja nur Athleten, die weit vorne stehen. Der kleine Volkssportler soll sich besser freuen, dass er mitmachen darf. Und dafür tief in die Tasche greifen. In Frankfurt, wo ich wohne, hält sich das noch in Grenzen. Zwar sind die Sachen, die auf der Messe verkauft werden, meiner Meinung nach zum Teil der letzte Husten, aber wenigstens liegen die Startgebühren nicht allzu hoch. Für einen Marathon in Berlin zahlst du vorweg 100 Euro. Ohne Shirt und Pastaparty. In New York kostet dich die Startnummer sogar 400 Euro und hier werden die Preise noch angezogen, weil jeder Depp dabei sein möchte.
Ein gut trainierter Sportler kommt normalerweise auch sicher ins Ziel. Mit ausreichender Vorbereitung können auch Anfänger einen Marathon unter vier Stunden laufen. Wenn sie vier Stunden und 20 Minuten dafür brauchen, haben sie, meiner Auffassung nach, noch immer überzeugt. Ich finde es allerdings nicht mehr in Ordnung, wenn jemand bei einem Marathon sechs Stunden auf der Strecke ist. Ich spreche hier nicht vom Rentner, der es noch einmal wissen will, der jahrelang etwas getan hat und jetzt einfach locker durchläuft oder spaziert. Ich spreche von denjenigen, die sechs Stunden brauchen, weil ihnen die Kondition fehlt und sie halb tot über die Ziellinie taumeln. Daran erkenne ich doch, dass der Läufer nicht ausreichend trainiert hat. Und mit so einer Zeit richtet er mehr Schaden an, als sich etwas Gutes zu tun. Schnell steigt danach die erleuchtende Erkenntnis auf, wie schlimm doch Marathonlaufen ist und wie ungesund das doch ist und dass man das ja nie wieder machen wird, so schlimm ist das.
Ein normal trainierter Läufer sollte ohne Probleme einen Kilometer in weniger als sechs Minuten schaffen. Und das auch konstant. Vorausgesetzt, dass er sich lange genug vorbereitet. Selbst Herbert Steffny, der weltweit bekannt ist als erfahrener Läufer, Trainer und Buchautor, spricht hier von bis zu zwei Jahren Lauferfahrung.
So habe ich mich an meinen ersten Marathon heranführen lassen. Ich lief bereits über ein Jahr kontinuierlich, wenn auch nur einmal pro Woche und kurze Distanzen. Dazu muss ich allerdings sagen, dass ich schon immer in irgendeiner Weise trainiert hatte. In diesem ersten Jahr trainierte ich Kampfsport und regelmäßig im Fitnessstudio. Außerdem fuhr ich immer wieder Fahrrad, zum Beispiel mit dem Mountainbike auf den Feldberg. Oder ich hielt mich beim Snowboarden fit. Zum Ausgleich wollte ich laufen, maximal zehn Kilometer pro Einheit.
Dann, wieder länger als ein Jahr, intensivierte ich mein wöchentliches Laufpensum. Ich erhöhte es stetig und achtete dabei weniger auf Tempo, sondern mehr auf die Ausdauer. Ich bewegte mich ruhig, damit ich lange durchhalten konnte.
Im Oktober 2011 würde ich beim Frankfurt Marathon starten. Um dort zu bestehen, entschied ich mich für drei Laufeinheiten die Woche. Zusätzlich absolvierte ich jedes Wochenende einen langen Lauf von mindestens 25 Kilometern, nie über 30 Kilometer. Einmal wöchentlich ergänzte ich eine kleinere Runde für die Spritzigkeit. Weil ich einen Marathon anstrebte, stand das Laufen jetzt klar im Vordergrund. Dadurch bekam ich eine solide Grundlagenausdauer. Als Kompensation ging ich noch zum Boxen und plante jede Woche ein bis zwei Mal Krafttraining ein.
Daneben zählten die Wettkämpfe, wo ich die Atmosphäre erlebte und meine körperliche und mentale Verfassung testen konnte. Ich meldete mich jeden Monat zu einem kleineren Rennen an. Meistens waren das zehn Kilometer, maximal ein Halbmarathon. Darüber stellte ich mich noch besser auf meinen ersten Marathon ein. Ungefähr sechs Wochen vor dem Event überprüfte ich meine Fähigkeiten bei einem 30-Kilometer-Lauf. Als der Frankfurt Marathon noch einmal drei Wochen näher war, schloss ich einen weiteren an.
