Verlag: Hanser, Carl Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

Willkommen in Wellville E-Book

T. C. Boyle  

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E-Book-Beschreibung Willkommen in Wellville - T.C. Boyle

Dr. John Harvey Kellogg, Erfinder von Cornflakes, Erdnussbutter und 75 weiteren gastrisch einwandfreien Lebensmitteln, ist angetreten, den uralten Traum der Menschheit vom ewigen Leben zu erfüllen. Zu seinem Tempel der Gesundheit wallfahrtet die gesundheitsbewußte Oberschicht Amerikas. Während eine kuriose Gruppe von Gesundheitsaposteln, Körnchenfressern und Sonnenanbetern sich um das Wohl der Patienten bemüht, versuchen Abenteurer und Scharlatane aller Couleur ebenfalls von dem gesunden Wahn zu profitieren und den Rahm des Geschäfts mit der Magermilch abzuschöpfen. Das Buch wurde 1994 von Alan Parker mit Anthony Hopkins in der Hauptrolle verfilmt.

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E-Book-Leseprobe Willkommen in Wellville - T.C. Boyle

Hanser E-Book
T. Coraghessan Boyle
WILLKOMMEN IN WELLVILLE
Roman
Aus dem Amerikanischen von Anette Grube
Carl Hanser Verlag
Die Originalausgabe erschien 1993 unter dem Titel The Road to Wellvillebei Viking Penguin in New York.
ISBN 3-446-24527-3
© T. Coraghessan Boyle 1993
Alle Rechte der deutschen Ausgabe
© Carl Hanser Verlag München Wien 1993
Satz: Fotosatz Reinhard Amann Aichstetten
E-Book-Konvertierung: Beltz Bad Langensalza GmbH
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Das Leben ist ein zeitweiliger Sieg über die Ursachen, die zum Tode führen.
Sylvester Graham Vortrag über epidemische Krankheiten
Rosemary Post 1923–1981

INHALT

ERSTER TEIL DIAGNOSE
1. VON FLEISCH UND SÜNDE
2. MÜLLSCHLUCKER DES MEERES
3. SEARS’-WHITE-STAR-ALKOHOLENTZIEHUNGSKUR
4. VATER FÜR ALLE, VATER FÜR KEINEN
5. DER ZIVILISIERTE DARM
6. DIE GRÖSSTE KLEINSTADT IN DEN USA
7. SYMPTOMITIS
8. DIE FLORA WIRD VERÄNDERT
9. PER-FO
10. EIN DANKBARER VOGEL
ZWEITER TEIL THERAPEUTIK
1. ES WEIHNACHTET
2. DIE NIEDEREN BEGIERDEN
3. INNEN BLUTIG
4. DAS REKLAMESPIEL
5. KELLOGGS STICH
6. BESCHEIDENE ANFÄNGE
7. ORGANISIERTE ERHOLUNG OHNE ENNUI
8. DER TAG DES WALDMURMELTIERS
DRITTER TEIL PROGNOSE
1. FRAGEN, FRAGEN, FRAGEN
2. DER BRIEF UND DIE NACHRICHT
3. FREIKÖRPERKULTUR
4. STRENGE KONTROLLE UND ANDERES
5. DIE PER-FO-FABRIK
6. EIN SCHWERT AUS FEUER
7. GOGUAC LAKE
8. DAS VERHÄNGNISVOLLE MITTAGESSEN
9. FEUERWERK
10. HELDENGEDENKTAG
KODA
DANKSAGUNG
ERSTER TEIL DIAGNOSE

1. VON FLEISCH UND SÜNDE

Dr. John Harvey Kellogg, Erfinder von Cornflakes und Erdnussbutter, ganz zu schweigen von Malzkaffee, Bromose, Nuttolene und ungefähr weiteren fünfundsiebzig gastrisch einwandfreien Nahrungsmitteln, hielt inne, um den Blick auf die schwergewichtige Frau in der ersten Reihe zu richten. Er konnte kaum glauben, was er gerade gehört hatte. Ebenso wenig die Zuhörerschaft, dem fassungslosen Staunen nach zu urteilen, das sich ausbreitete, nachdem sie die Hand gehoben hatte, schwankend aufgestanden war und gefragt hatte, was an einem guten Porterhousesteak so sündhaft sei – den Pionieren sei es schließlich gut bekommen, oder etwa nicht? Und ihrem Vater und dessen Vater auch.
Der Doktor schob nachdenklich sein flottes weißes Brillengestell nach oben. Dem Anschein nach war er ein Musterbeispiel an Konzentration, ein Wissenschaftler, der über seine Antwort nachsann, aber in Wahrheit versuchte er verzweifelt, sich an ihren Namen zu erinnern – wie hieß sie nur? Er wusste es doch, oder? Die Nase, die Augen … er kannte sie alle, kannte ihre Namen, war stolz darauf … und dann, mit einem Schlag, fiel es ihm ein: Tindermarsh. Mrs. Violet. Befund: Fettleibigkeit. Zugrunde liegende Ursache: Autointoxikation. Tindermarsh. Natürlich. Er konnte eine kurze Aufwallung selbstgefälligen Stolzes nicht unterdrücken – fast eintausend Patienten, und er konnte sich jeden einzelnen ins Gedächtnis rufen, als läge sein Krankenblatt offen vor ihm … Aber genug davon – das Publikum wurde unruhig, eine monolithische Kraft, eine einzige große nackte Psyche, die auf die Hand wartete, die sie kleiden würde. Dr. Kellogg räusperte sich.
»Meine liebe Mrs. Tindermarsh, ich möchte Ihnen ausdrücklich für Ihre Frage danken«, begann er, kaum in der Lage, seine zierlichen Füße am Herumtänzeln zu hindern, selbst dann noch, als ihm die hieb- und stichfeste Entgegnung über die Lippen kam, »aber ich frage mich, wie viele dieser übermäßig Fleisch essenden Pioniere älter als vierzig wurden.« (Gemurmel im Publikum, als die kollektive Vision eines Mannes im Waschbärenfell mit bloßgelegtem Knochengerüst, der an gepökeltem Schweinefleisch und Pfannkuchen zugrunde gegangen war, vor aller Augen aufstieg.) »Und wie viele von ihnen, Ihre eigenen verehrten Vorfahren nicht ausgenommen, gingen am Abend ins Bett und fanden auch nur eine Minute Schlaf, die nicht unter dem Unstern von Dyspepsie und Alpträumen fleischlichen Verfalls stand?« Er hielt inne, um diesen schrecklichen Gedanken wirken zu lassen. »Ich sage Ihnen, Mrs. Tindermarsh, und allen Damen und Herren im Publikum, und ich sage es aus tiefster Überzeugung« – Pause, zwei Herzschläge lang –, »ein Steak wirkt ebenso tödlich wie eine Revolverkugel. Schlimmer noch. Wenn sich jemand den Revolver an die Stirn setzt und abdrückt, kommt das Ende gnädigerweise schnell, aber ein Steak – ah, die subtilen und immerwährenden Agonien des Fleischessers! Sein Dickdarm ist verstopft mit verwesender Last, sein ganzes Blut strömt in den Eingeweiden zusammen, in seinem anfälligen Herzen nistet die Wut des Karnivoren – ein Steak tötet Tag für Tag, Minute für Minute, indem es aus dem ganzen Leben ein Martyrium macht.«
Jetzt hatte er sie in der Hand – er konnte es an der Angst und dem Widerwillen in ihren Augen ablesen, den grimmig zusammengebissenen Zähnen, als sie stumm die Steaks und Würste, die Koteletts und Hühnchen und Gänse zusammenzählten, die sie im Lauf der gierigen, ahnungslosen Jahre verschlungen hatten. »Aber glauben Sie mir nicht einfach blind«, sagte er und breitete die Arme aus, »wir wollen wissenschaftlich vorgehen. Schließlich ist unser Sanatorium der wahren biologischen Lebensweise und der wissenschaftlichen Analyse geweiht, es ist die Hochschule der Gesundheit. Wir wollen hier ein kleines Experiment durchführen – hier in diesem Raum, einer Eingebung des Augenblicks folgend.« Er trat aus dem Licht des Scheinwerfers und rief plötzlich mit Stentorstimme. »Frank? Dr. Frank Linniman?«
Unruhe am anderen Ende des Auditoriums, Bewegung, dreihundert Hälse drehten sich um, und mit einem Mal schritt der herbeigerufene Assistent flott den Gang entlang, das Kinn gereckt, die Haltung tadellos. Das Publikum erkannte auf den ersten Blick, dass es sich hier um einen Mann handelte, der sich unerschrocken von einer Klippe hinunterstürzen würde, sollte sein Boss es von ihm verlangen. Vor dem Podium blieb er stehen und sah hinauf in das blendende Licht. »Ja, Doktor?«
»Kennen Sie die Post Tavern? Das beste Wirtshaus in Battle Creek – oder, wenn wir schon dabei sind, das beste in unserem schönen Staate Michigan?« Das war Routine, ein bisschen Schauspielerei, das der Doktor schon dutzendmal durchexerziert hatte, aber noch immer erhob sich Charlie Posts Bild – unverbindlich gutaussehend, unbeschwert groß, ein Judas von einem Mann – vor ihm wie die Klinge eines Meuchelmörders und verdarb ihm ein ganz klein wenig seinen Auftritt.
»Ich kenne es, Doktor.«
Dr. Kellogg selbst war ein kleiner Mann. Das lag nicht so sehr daran, dass er einfach klein gewachsen war, es lag vielmehr daran – so beliebte er es auszudrücken –, dass seine Beine nicht lang genug waren. Saß er auf einem Stuhl, war er so groß wie jeder andere auch. Natürlich, als er die fünfzig überschritten hatte, war er im horizontalen Bereich etwas in die Breite gegangen, aber das war durchaus in Ordnung – es verlieh ihm eine Aura stattlicher Gesundheit und Autorität, und er vergrößerte den Effekt noch, indem er sich ganz in Weiß kleidete. An diesem Abend war er, wie immer, ein wahres weißes Wunder, ein Weihnachtsmann der Gesundheit, von den makellosen weißen Schnürstiefeln bis zu der Spitze seines Spitzbarts und dem feinen, bleichen Haar, das an seinem Haupt klebte. Er hielt einen Augenblick inne, um an seinem Glas mit Wasser zu nippen und den Geschmack von Charlie Post hinunterzuspülen.
Er stellte das Glas wieder ab, blickte kurz auf und sah, dass das Publikum gebannt jede seiner Gesten verfolgte; ein halbes Dutzend Zuhörer gaffte ihn regelrecht an. Er bedachte sie mit einem wissenden Blick und wandte sich dann seinem Assistenten zu. »Frank, ich will, dass Sie zum Küchenchef in die Post Tavern gehen – ein Koch von internationalem Ruf, wie mir gesagt wurde, ein Feinschmecker, den Mr. Post aus Paris hat kommen lassen, ein gewisser Monsieur Delarain, so heißt er doch, nicht wahr? –, und ich will, dass Sie das beste Steak kaufen, das sie dort haben, und es hierherbringen, hierherauf auf dieses Podium, damit wir es uns genau ansehen können.«
Verhaltenes, leises Lachen, Scharren von Stuhlbeinen.
»Nun, gehen Sie, Frank – fliegen Sie. Worauf warten Sie noch?«
»Ein Steak, Sir?« Frank kannte die Prozedur, Gott segne ihn, einen so verlässlichen Souffleur fand man nicht so schnell ein zweites Mal.
»Nicht irgendein Steak, Frank – das beste, das man für Geld kaufen kann.«
Franks Miene war ein offenes Buch. Er war arglos, so verblüfft wie die Zuhörerschaft, sein einziger Wunsch war, es seinem Boss recht zu machen. »Ich bin im Handumdrehen zurück«, kündigte er an, und schon wandte er sich ab, machte sich bereit, den Gang entlangzuflitzen, als der Doktor erneut sprach.
»Und noch was, Frank«, sagte er und zog die Worte in die Länge, »Frank, würden Sie mir einen weiteren großen Gefallen tun?«
Schweigen. Im ganzen Saal atmete niemand aus.
»Würden Sie beim Mietstall vorbeischauen und von dort eine Probe anderer Art mitbringen – damit wir vergleichen können?« Der Doktor kicherte gutmütig, onkelhaft, herzlich, der Inbegriff von Freundlichkeit und Vernunft. »Ich meine, ein bisschen, also, Pferdeexkrement« – erstauntes Gelächter, das sich ausbreitete, Lachsalven, so lautstark, dass der Nachsatz kaum mehr zu hören war –, »ungefähr fünfhundert Gramm, um genau zu sein … will sagen, von der Größe eines guten einpfündigen Steaks.«
Es war ein typischer Montagabend im Battle-Creek-Sanatorium, der Bastion korrekten Denkens, vegetarischer Lebensart und Schulung, der Zitadelle der Mäßigung und eines reformierten Bekleidungsstils und – kein Zufall – der gesündeste Ort auf Erden. Die Frauen ohne Korsetts, die Männer mit locker sitzenden Hosenträgern, verdauten beide Geschlechter in aller Ruhe ihre Ladung giftfreien Abendessens in einer von Tabak, Alkohol, Corned Beef, Lammkoteletts und koffeinbedingter Nervosität gesäuberten Atmosphäre. Mit vollen Bäuchen und ruhigem Gewissen hatten sie sich im Großen Empfangssaal versammelt, um sich von ihrem Boss instruieren zu lassen in Sachen körperlichen Wohlbefindens und dessen positiver Begleiterscheinung, Langlebigkeit. Sie hätten sich auch in Baden-Baden oder Bad Wörishofen oder Saratoga aufhalten können, aber sie hatten sich hier eingefunden, im Gefrierschrank Südmichigans – und sie zahlten einen hübschen Preis für dieses Privileg –, weil kein anderer Ort auf der Landkarte diesem gleichkam.
Während seiner einunddreißig Jahre als Direktor hatte Dr. Kellogg das San, wie es liebevoll genannt wurde, von einem Hospiz der Adventisten, das sich auf Grahambrot und Wasserkuren spezialisiert hatte, zu dem Tempel der Gesundheit umgewandelt, der es jetzt war, einem Ort, der in ganz Amerika gefeiert wurde – und jenseits des großen, weiten, wogenden Atlantiks in London, Paris, Heidelberg und in noch entfernteren Orten. Jährlich schritten zweitausendachthundert Patienten durch seine Portale, und eintausend Angestellte, darunter zwanzig vollbeschäftigte Ärzte und dreihundert Krankenschwestern und Verantwortliche für die Bäder, kümmerten sich um ihre Bedürfnisse. Sechs Stockwerke hoch, mit einer luxuriösen Eingangshalle, halb so groß wie ein Fußballfeld, mit vierhundert Zimmern und Behandlungsräumen für eintausend Personen, mit Aufzügen, Zentralheizung und Klimaanlage, hauseigenen Schwimmbädern und einer ganzen Reihe therapeutischer Ablenkungs- und gesundheitsfördernder Unterhaltungsmöglichkeiten, war das San das Sine-qua-non des Kurgeschäfts – Luxushotel, Krankenhaus und Heilbad in einem.
Und der Impresario, der Boss, der über allem herrschende Geist war John Harvey Kellogg. Indem er diätetischer Zurückhaltung und dem einfachen Leben das Wort redete, führte er übergewichtige Hausfrauen und dyspeptische Geschäftsmänner auf den Pfad der Aufklärung und Genesung. Ernste Fälle – an Krebs Erkrankte, dem Tode Geweihte, geistig und körperlich Behinderte – wurden abgewiesen. Die Patienten des San tendierten dazu, einer bestimmten Klasse anzugehören, und sie hatten keinerlei Interesse daran, beim Essen Hinz und Kunz gegenüberzusitzen oder solchen Leuten, die so wenig Anstand besaßen, dass sie ernsthaft und lebensbedrohend erkrankten. Nein, sie kamen ins San, um zu sehen und gesehen zu werden, um sich unter die Berühmten und Reichen und die Superreichen zu mischen, um positiv zu denken, um vernünftig zu essen und um ihre Leiden mit einem achtbaren, gehörigen, rechtschaffenen Quantum Verhätschelung, Enthaltsamkeit und Ruhe zu kurieren.
Zu diesem Zeitpunkt, im Herbst 1907, gehörten zu den Gästen im San Berühmtheiten wie Admiral Nieblock von der Amerikanischen Marineakademie, Upton und Meta Sinclair, Horace B. Fletcher und Tiepolo Cappucini, der große italienische Tenor, sowie ein paar bundes- und nationalstaatliche Gesetzgeber, Industriekapitäne, Unterhaltungskünstler und ein Sortiment Herzöge, Gräfinnen und Baronets. Am Horizont zeichneten sich Besuche von Henry Ford, Harvey Firestone, Thomas Edison, Admiral Richard M. Byrd und des dickleibigen William Howard Taft ab. Dr. Kellogg war kein Dummkopf, und er zog so viel Nutzen wie nur möglich aus der Anwesenheit dieser Würdenträger, sowohl, was förderliche Reklame anbetraf, als auch schlichte Gaben von Bargeld. Er wusste, dass eine Kost, bestehend aus Protose-Filets, dem Kraut Roter Bete und Brühe mit Nussgeschmack, kombiniert mit dem Verbot künstlicher Stimulanzien und mit langen, ununterbrochenen meditativen Zeitspannen, sich als, nun ja, langweilig für die an ein Leben im großen Stil Gewöhnten und für die Männer und Frauen der Tat unter seinen Patienten erweisen konnte. Und deshalb sorgte er für Beschäftigung mit einem Programm, das aus sportlichen Übungen, viel Bewegung, Ruhe und Anwendungen bestand, und er sorgte auch für Unterhaltung. Es wurden Konzerte organisiert, Vorträge, Schlittenfahrten, ausgedehnte Wanderungen und Gesangsveranstaltungen. An einem Abend mochten die Jubilee Singers auftreten, und am nächsten hielt George W. Leitch, der zwanzig Jahre in Indien gelebt hatte, einen Lichtbildervortrag. Oder »Professor« Sammy Siegel, ein zugkräftiger Varietékünstler, der die Saiten seiner Mandoline melkte, gab eine Vorstellung, oder die Tozer Twins mit ihren abgerichteten Dackeln produzierten sich. An Montagabenden jedoch ergriff ausnahmslos der Boss persönlich vom Podium Besitz, und zweieinhalb Schnellfeuerstunden lang klärte er seine Schützlinge auf, erbaute sie und versetzte sie, sosehr er nur konnte, in Angst und Schrecken.
Während der Viertelstunde, die Frank Linniman brauchte, um zur Post Tavern und wieder zurück zu trotten, beantwortete der Doktor zwei weitere Fragen. Die erste kam von einem Herrn weit hinten (Mr. Abernathy, nicht wahr? Gicht, Auszehrung und Nerven?), der über die Gefahren informiert werden wollte, die modebewusste Frauen eingingen, wenn sie sich, zur Erlangung einer »Wespentaille«, die Körpermitte unnatürlich fest einschnürten. Der Doktor wiederholte die Frage für diejenigen weiter vorn, die sie möglicherweise nicht gehört hatten, und dann, nachdem er einen Augenblick lang über seinen seidigen weißen Bart gestrichen hatte, streckte er einen mahnenden Zeigefinger in die Höhe. »Mein lieber Herr Abernathy, ich muss ohne Übertreibung feststellen: Wenn die Zahl der jährlichen Todesfälle, die auf die eitle Praxis des Einschnürens zurückzuführen sind, ordnungsgemäß registriert würde, dann wären Sie wahrhaft entsetzt. Als Assistenzarzt im Bellevue hatte ich Gelegenheit, der Autopsie solch einer unglücklichen Frau beizuwohnen – einer Frau, möchte ich hinzufügen, die noch keine dreißig war. Wie auch immer, zu unserem großen Erstaunen stellten wir fest, dass ihre inneren Organe vollkommen verrutscht waren, die Leber war hinauf in die Lunge gedrückt worden und der Darm so wirksam blockiert, als hätte man ihn mit einem Korken verschlossen.« Er schüttelte müde den edlen Kopf und stieß einen Seufzer aus, der bis in die letzte Reihe zu hören war. »Ein Jammer«, sagte er mit leiser Stimme. »Ich muss Ihnen gestehen, dass ich Tränen in den Augen hatte.«
Die zweite Frage stellte eine große und überaus auffallende junge Frau in der fünften Reihe, deren Haut, leider, leicht grünlich schimmerte. (Muntz, Miss Ida; Bleichsucht, Autointoxikation.) Sie stand auf, sichtlich aufgeregt angesichts all der neugierigen Blicke, die auf ihr ruhten, und räusperte sich. »Doktor«, fragte sie in wehleidigem, zimperlichem Tonfall, »könnten Sie uns Ihre Meinung mitteilen hinsichtlich des heutzutage von jungen Frauen, natürlich nur in privatem Kreis, praktizierten Rauchens von Zigaretten?«
Dr. Kellogg legte die Stirn in Falten. Er war wütend, erzürnt, ein Bollwerk rechtschaffener Standhaftigkeit und Empörung. Er wartete mit der Antwort, um die rückfälligen Zigarren- und Zigarettenraucher im Publikum mit einem strengen Blick zu bedenken. »Madame – oder Mademoiselle? –, Mademoiselle Muntz, dazu habe ich nur folgendes zu bemerken, und es gilt gleichermaßen für beide Geschlechter. Tabak« – und an dieser Stelle ließ sich der Doktor von einem langen Schauder durchfahren –, »Tabak zerstört die Geschlechtsdrüsen.«
Jemand schnappte nach Luft. Miss Muntz sank, schwer getroffen, auf ihren Stuhl. Der Doktor blickte weiterhin steinern. »Und das«, sagte er, »ist eine medizinisch erwiesene Tatsache.«
Genau in diesem Moment schoss Dr. Linniman durch die rückwärtige Tür, eine Aura atemloser Dringlichkeit um sich; er trug zwei identische, in weißes Metzgerpapier eingewickelte Pakete wie eine Opfergabe vor sich her.
»Ah«, rief der Doktor aus und rückte seine Brille zurecht, »Dr. Linniman.« Und dann hob er den Kopf, um sich wieder dem ganzen Publikum zuzuwenden. »Und jetzt kehren wir, wenn es Ihnen recht ist, zu Mrs. Tindermarshs Frage bezüglich des Porterhousesteaks und seines Werts als Nahrungsmittel zurück –« Er unterbrach sich kurz, beugte sich nach vorn, um Dr. Linniman, der jetzt vor ihm stand, weitere Instruktionen zu geben: »Frank, würden Sie bitte die Waage überprüfen, die beiden Proben wiegen und zwei Scheiben von genau dem gleichen Gewicht vorbereiten? Danke.«
Gemurmel im Publikum. Vereinzelt Gekicher und Applaus.
»Meine Damen und Herren, ich werde Sie gleich mit zwei Kostproben konfrontieren, die, so hoffe ich inständig, Sie für immer von diesem widerwärtigen und unnatürlichen Nahrungsmittel abbringen werden. Ich sage ›widerwärtig‹ wegen seines hohen Gehalts an Bakterien – er kommt, das werde ich Ihnen vorführen, dem von Pferdekot gleich oder übertrifft ihn sogar –, und ich sage ›unnatürlich‹, weil Fleisch als Nahrungsmittel ein korrumpierendes Novum für den modernen Menschen ist, dessen Vorfahren, das haben bedeutende Forscher wie von Freiling in Deutschland und Du Pomme am Pasteur-Institut in Paris bewiesen, sich ausschließlich pflanzlich ernährten. Und ich werde zudem geltend machen, dass solche Nahrungsmittel in der Tat ›sündhaft‹ sind, wie Mrs. Tindermarsh sich auszudrücken beliebte, nicht nur in dem Sinn, dass es eine Sünde ist, anderen Geschöpfen das Leben zu rauben – und ich möchte annehmen, dass das erbärmliche Blöken der Herden, die zur Schlachtbank geführt werden, in den Ohren eines jeden Fleischessers klingen werden, sobald er abends den Kopf aufs Kissen bettet –, sondern dass wir natürlich die schwerste Sünde überhaupt begehen, indem wir den Tempel des menschlichen Körpers verunreinigen.«
Das Publikum war jetzt mucksmäuschenstill, es saß hingerissen und reglos auf den orthopädischen Stühlen, die der Doktor selbst entworfen hatte. Irgendjemand – war das Mr. Praetz aus Cleveland? – unterdrückte ein Husten.
»Frank?« Der Doktor wirbelte rasch herum zu Dr. Linniman, der hinter ihm auf das kleine Podium getreten war. »Sind wir so weit?«
Ein schlichter Kiefernholztisch stand direkt hinter ihm; darauf lagen, gut sichtbar, das Rindersteak aus der Post Tavern und die körnige, stinkende Kostprobe aus dem Mietstall. Zwischen den beiden Ausstellungsobjekten hatte Dr. Linniman zwei identische Mikroskope plaziert und eine kleine, nackte, grelle Glühbirne, um den Tisch zu erleuchten. »Ja, Sir«, antwortete er. »Alles bereit.«
»Gut.« Während er sich wieder dem Publikum zuwandte, ließ Dr. Kellogg seine Zähne in einem Lächeln aufblitzen und rieb sich genüsslich die Hände. »Nun, jetzt benötigen wir einen unvoreingenommenen Zeugen – gibt es Freiwillige? Nein? Wie steht’s mit Ihnen, Miss Muntz?«
Kurzes Luftschnappen, Kichern, und dort, in der fünften Reihe, saß Miss Muntz, die sich auf entzückende Weise verfärbte.
»Nur keine Schüchternheit vorschützen, Miss Muntz, das alles dient ausschließlich der Wissenschaft.«
Aufmunterndes Gemurmel, und im nächsten Augenblick raffte Miss Muntz ihren Rock, bahnte sich einen Weg den Gang entlang und stieg voller Anmut die drei Stufen zum Podium hinauf.
»Nun, Miss Muntz«, setzte der Doktor an und vergaß momentan seinen Gedankengang, als er bemerkte, wie hoch sie vor ihm aufragte – sie war hübsch, ja, sie bot zweifellos einen appetitlichen Anblick, Bleichsucht hin oder her, aber er hätte um Himmels willen daran denken sollen, jemanden mit etwas weniger Bein auszuwählen. Er verlor einen Augenblick lang den Faden, was höchst untypisch für ihn war, und wiederholte sich: »Miss Muntz. Miss Muntz, ich möchte Sie bitten, die zwei Scheiben unter den Mikroskopen in Augenschein zu nehmen und uns zu beschreiben, was Sie sehen, und dabei ständig im Kopf zu behalten, dass nur Dr. Linniman weiß, bei welcher der beiden Proben es sich um Mrs. Tindermarshs Rindersteak handelt und bei welcher um das, nun« – Gelächter im Publikum –, »das Abfallprodukt eines Tieres, das dem sehr ähnlich ist, das um des perversen Geschmacks der Schlemmer in der Post Tavern willen geopfert wurde.«
Der Augenblick war unübertrefflich, das Mädchen beugte sich graziös über das Mikroskop, die Männer rutschten auf den Stühlen nach vorn, um besser sehen zu können, die Frauen lächelten verstohlen, der Doktor war sich wie immer seiner Autorität bewusst, seines Wohlwollens, seiner Weisheit – er war der Hirte seiner Herde. »Und würden Sie uns beschreiben, was Sie in der ersten Kostprobe erkennen können, meine Liebe?«
»Hm, sie ist schwarz – oder nein, jetzt sehe ich …«
»Ja?«
»Winzige Dinger. Die sich bewegen. Wie … wie Strohstückchen oder Reiskörner – nur dass sie lebendig sind.«
»Gut, sehr gut, Miss Muntz. Das sind Bakterien« – der Doktor wandte sich dem Publikum zu –, »und sie sind an den Enden stumpf wie Reiskörner, wie Sie sagen, weil es hinterhältige Bakterien sind, B. welchii, B. coli und Proteus vulgaris, die wir so oft im Stuhl neu hier im Sanatorium eingetroffener Patienten finden. Und könnten Sie die Bakterien für uns zählen, Miss Muntz?«
Sie wandte jetzt den Kopf, sah ihn aus hellen, kristallklaren Augen an und stieß einen leisen, erstaunten Schrei aus. »O nein, Doktor – es sind viele Hunderte und Aberhunderte.«
»Und würden Sie uns jetzt den großen Gefallen tun, Miss Muntz, und sich die Probe unter dem zweiten Mikroskop ansehen?«
Rockrascheln, ein schneller, prüfender Griff zu Frisur und Hut, und Miss Muntz beugte sich über das zweite Mikroskop.
»Würden Sie uns beschreiben, was Sie sehen, Miss Muntz?«
»Ja, Doktor, es sieht … es sieht ziemlich gleich aus –«
Das Publikum atmete aus, ein Kräuseln, das zu einer Flutwelle anschwoll.
»Und könnten Sie die Bakterien in dieser Probe zählen?«
»O nein, Doktor –«
»Aber können Sie sagen, ob es weniger oder mehr sind als beim ersten Beispiel?«
Das Auge noch immer auf die Öffnung der Linse gedrückt, spielte Miss Muntz, ohne es zu merken, mit einer losen Haarsträhne und senkte nachdenklich die Stimme. »Hier sind es … sind es mehr. Viel mehr.«
»Würden Sie sagen, dass es um die Hälfte mehr sind als in der anderen Probe?«
»O ja«, hauchte Miss Muntz, nahm das Auge von der Linse und richtete sich auf, um den Doktor und die Menge, die reihenweise gaffend hinter ihm saß, anzusehen. »Ja, mindestens, Doktor – um mindestens die Hälfte mehr …«
»Sehr gut. Dr. Linniman, würden Sie jetzt dem Publikum die Identität der beiden Proben enthüllen?«
Franks Miene war vollkommen gefasst – wunderbar, wunderbar, dachte der Doktor, eine Welle des Triumphs überschwemmte ihn. Wie sehr er dieses Leben doch liebte! »Die erste Scheibe –«
»Ja?«
»– stammte von der Probe aus dem Mietstall.«
Daraufhin explodierte das Publikum. Gejohle, Gelächter, Rufe der Überraschung und Verwunderung und schließlich ein nicht enden wollender Applaus, der im Großen Empfangssaal widerhallte. Es klang wie der ständige Wellenschlag des Meeres gegen einen Kiesstrand, und es dauerte eine Weile, bis der Doktor die Menge strahlend und mit hocherhobenen Händen beruhigen konnte. »Ich bitte jeden einzelnen von Ihnen«, übertönte er das ersterbende Gejohle, »hier heraufzukommen, nachdem wir für heute fertig sind, und Miss Muntz’ Beobachtungen zu bestätigen. Und Ihnen vielen Dank, Miss Muntz – Sie können wieder Platz nehmen –, und auch Ihnen Dank, Dr. Linniman.«
Ein Augenblick ging vorüber, die Menge war noch immer unruhig, als Dr. Linniman der jungen Dame vom Podium half, sie zu ihrem Stuhl begleitete und selbst einen Platz in der ersten Reihe fand. Der Doktor spürte, wie der Puls der Zuhörer sich allmählich wieder normalisierte, nachdem der Höhepunkt überschritten war, zu dem er sie geführt hatte, und er wusste, dass sie jetzt verwundbar waren, Wachs in seinen Händen: Es war Zeit für die pièce de résistance. »Meine Damen und Herren«, rief er, »ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Ziehen Sie selbst die Schlussfolgerungen aus dem, was Sie eben gesehen haben«, fügte er listig hinzu. »Allerdings haben wir hier noch ein kleines Problem … Was sollen wir mit Mr. Posts Porterhousesteak machen?« Er hob eine Hand, um das einsetzende Gelächter zum Verstummen zu bringen. »Ich schlage eine zweite kleine Illustration der Sanatoriumsprinzipien vor …« Dr. Kellogg blickte erneut ans andere Ende des Auditoriums. Das Publikum in den vorderen Reihen wendete schon wieder die Hälse. »Ist Dr. Distaso bereit?«
Ein barsches, zustimmendes Bellen mit französischem Akzent erklang ganz hinten im Raum, und da war Dr. Distaso, der Bakteriologe von Rang, den Dr. Kellogg vom Pasteur-Institut weggelockt hatte, und führte seinen Schützling den Gang entlang. Bei diesem handelte es sich um eine uralte, schlecht riechende und noch schlechter gelaunte Schimpansin namens Lillian, ein Tier, das der Doktor ein paar Jahre zuvor von einem Zirkus erworben hatte und für Auftritte wie diesen im San hielt. Als das Publikum Lillian erblickte, die normalerweise in einem Käfig in einem der unterirdischen Labors verwahrt wurde, erscholl allgemeines beifälliges Geschrei. Ein paar Zuhörer standen tatsächlich auf, um besser sehen zu können, und zwei ältere Damen in einer der mittleren Reihen klatschten in die Hände wie Schulmädchen. Der Doktor fixierte vor allem einen Mann (Jennings, Bigelow; chronische Blähsucht, partieller Verlust des Gehörs), der dermaßen lachen musste, dass seine Augen in Tränen schwammen und sein Gesicht auf die doppelte Größe anschwoll. Inmitten des Höllenlärms nahm Dr. Kellogg Dr. Distaso Lillians Leine ab und führte sie auf das Podium, wo sie – sie kannte ihren Part so gut wie Dr. Linniman den seinen – in einer Ecke auf einen Stuhl kletterte und dem Doktor ihre ungeteilte Aufmerksamkeit widmete. Dr. Kellogg streckte die Hände hoch über den Kopf und bat um Ruhe.
Diesmal dauerte es noch länger, bis sich das Publikum beruhigte, aber sobald es etwas stiller geworden war, erhob der Doktor seine Stimme und hielt schnell eine kurze Rede über die Geißel Fleisch und wie sehr es der Natur des Menschen zuwiderlaufe, es zu verzehren. »Um Ihnen das zu illustrieren«, sagte er, »werde ich unserer Verwandten hier – nämlich Lillian, und sie sieht niemandem aus meiner Familie ähnlich« – Pause für das Gelächter –, »werde ich ihr die Wahl lassen zwischen Mr. Posts bestem Rindersteak und dem Inhalt dieser Tüte.« Und er holte eine braune Papiertüte von irgendwo hinter dem Podium. »Wir werden sehen, was ihr lieber ist.«
Er trat ein paar Schritte zurück und zog die Handschuhe an, die für ihn auf dem Tisch bereitlagen. Dann griff er nach der tropfenden Fleischscheibe, hielt sie kurz hoch, damit alle sie sehen konnten, und warf sie lässig Lillian zu. Die Schimpansin kannte das Spiel. Mit ihrer spinnenartigen Hand fing sie das Fleisch in der Luft und hielt es sich an die Nase, wobei sie ein hüstelndes Geräusch von sich gab und die Lippen über den Zähnen zurückstülpte. Die Zuschauer waren aufgeregt, stießen einander an, lachten leise. Perplex berührte Lillian mit der Zungenspitze die Fleischoberfläche, verzog geringschätzig das Gesicht, so dass sie aussah wie ein Wasserspeier, und warf das Ding, ohne Zögern und ziemlich kraftvoll, zurück zum Doktor, der es geschickt auffing. Er legte das Steak weg, holte eine Banane aus der Tüte, rief »Voilà!«, und warf sie der Schimpansin zu, die sie sofort schälte und aß. »Huh huh«, brummelte sie und bedachte ihn mit einem Blick reiner und unvergänglicher Liebe aus ihren schokoladenbraunen Augen.
Dr. Kellogg warf ihr eine weitere Banane zu, und plötzlich war das Publikum auf den Beinen, jubelte und pfiff mit vor Begeisterung verzückten Gesichtern; Krankheiten, Schmerzen, Zuckungen und Anfälle schienen vergessen. Donnernder Applaus. Dr. Kellogg verbeugte sich tief, und als Lillian die zweite Banane gierig in den weitgeöffneten Schlund steckte und seine Patienten mächtig jubelten, schritt er winkend zur Tür hinaus auf den Korridor, getragen vom Hochgefühl des Augenblicks.
Draußen, zwischen den Topfpalmen, stand sein Sekretär Poultney Dab, ins sanfte Licht der elektrischen Lampen getaucht. Dab hatte geduldig gewartet, eine Hand umklammerte unbeholfen ein Bündel Papiere, die andere eine Aktenmappe.
»Hören Sie sie, Poult? Heute Abend haben wir sie ein paar Dinge gelehrt, die sie so schnell nicht wieder vergessen werden, he?« Der Doktor eilte bereits mit seinen kurzen, flinken Schritten den Korridor entlang, spuckte die Worte über die Schulter in Dabs großes, beflissenes Gesicht. »Sorgen Sie dafür, dass Lillian heute noch eine Extraration bekommt und dass der neue Mann, wie heißt er doch gleich, Murphy?, ihren Käfig sauber macht – er war diesbezüglich etwas nachlässig –, und ich brauche eine zweite Abschrift des Berichts der Treuhänder, wie ich Ihnen, glaube ich, bereits sagte, und, ach ja, jemand im fünften Stock hat sich über Küchengerüche beschwert – Mrs. Crouder, Zimmer 519, glaube ich –, sehen Sie zu, dass Sturman sich drum kümmert, und seien Sie Punkt elf Uhr zum Diktat in meinem Büro, ja?«
Dab war ein kleiner, korpulenter Mann, der unglücklicherweise watschelte; je schneller er hinter seinem Boss herlief, umso auffälliger watschelte er. »Dr. Kellogg«, sagte er. Seine Stimme klang rauh und atemlos, und es haftete ihr eine gewisse unangenehme Dringlichkeit an, »Dr. Kellogg –«
Der Doktor blieb mitten in dem breiten, hell erleuchteten Korridor stehen, der sich einhundertundsiebzig Meter lang vom Großen Empfangssaal bis zur Eingangshalle zog und mit fleckenlosem italienischem Marmor ausgelegt war, von ihm selbst ausgesucht, und drehte sich um zu seinem Sekretär. Über Dabs Schulter sah er, wie die Leute aus dem Großen Empfangssaal herauskamen, eine Parade der Berühmten, der Erfolgsmenschen und der Reichen. Eine Gruppe Krankenschwestern ging vorüber, alles hübsche Mädchen, die scheu lächelten. »Guten Abend, Doktor«, murmelten sie. »Guten Abend, Mädchen«, erwiderte er würdevoll. »Also, Poult, was in Gottes Namen ist los, dass Sie sich so aufregen?«
Aber der Doktor musste nicht auf die Antwort seines Sekretärs warten – da war er, lässig und krumm gegen die Wand gelehnt, keine vier Meter von ihm entfernt, da war er und starrte ihm ins Gesicht. Auf der Stelle zerbrach seine gute Laune wie eine Fensterscheibe. Er spürte, wie ihn die Wut übermannte. »Wie kannst du es wagen!«, presste er heraus und stürmte auf die zerlumpte Gestalt zu, die an der Wand lehnte. »Hab’ ich dir nicht gesagt –?«
Aber die Gestalt bewegte sich und sprach und unterbrach ihn. Die Worte schienen tief aus ihrem Inneren zu kommen, auch dann noch, als das glanzvolle Publikum durch die Türen des Großen Empfangssaals herausströmte und sich ihnen als Knäuel näherte; die Worte wurden ausgespuckt wie ein Fluch, die Lippen verzerrt im unrasierten Gesicht, herausgezwungen aus stinkenden Lumpen und fiebrigen Augen: »Hallo, Vater. Willst du mich nicht vorstellen?«

2. MÜLLSCHLUCKER DES MEERES

Ohne die kleine, zierliche, dreizackige Gabel zur Kenntnis zu nehmen, hob Charlie Ossining die Auster an den Mund, brachte die Schale in Schräglage und verleibte sich das Weichtier mit einem raschen, geübten Schürzen der Lippen ein. Vor ihm, auf einem Bett aus zerstoßenem Eis, lagen elf weitere Austern, schimmernd im Saft des Lebens. Er nahm sich die zweite vor, würzte sie mit einem Spritzer Cocktailsoße und Zitronensaft, bevor er sie zu ihrer Schwester ins Bett schickte; der Augenblick steigerte sich durch ein warmes gastrisches Glühen, als er genüsslich an seinem Pommery & Greno, Jahrgang 96, nippte und den ansprechenden grünen Flaschenhals betrachtete, der aus der eisigen Krippe herausragte. So macht das Leben Spaß, dachte er und tupfte sich die Lippen mit einem Tuch aus schneeweißem Leinen ab, dann ließ er den Blick müßig in die funkelnde Tiefe des Waggons schweifen.
Die Landschaft, die draußen an den Fenstern vorbeizog, war so kalt und freudlos wie die Speiseröhre einer Auster – hatten Austern Speiseröhren?, fragte er sich kurz, bevor er die nächste verschlang –, aber hier, im sanft beleuchteten Speisewagen, war alles Mahagoni und Kristall. Wirklich erstaunlich. Kaum zu glauben, dass sie mit nahezu vierzig Meilen pro Stunde dahinschossen – der Waggon bebte kaum merklich, der Champagner schwappte nicht über den Rand des Glases, auch nicht, wenn die Topfpalme gelassen über seinem Tisch schwankte. Er konnte die vibrierenden Gleise spüren, selbstverständlich, aber das war nichts als ein weit entferntes Pochen; es kam ihm vor, als ob seidene Fäden ihn durch die trostlose Landschaft zögen.
Er hatte die Platte mit den Austern halb geleert – sechs nackte Schalen, sechs volle –, als der schwarze Kellner den Gang entlang auf ihn zustolzierte, zwei Speisekarten an die Brust gedrückt, ein ausgezehrtes Paar im Schlepptau. Charlie sah sich schnell um und musste zu seinem Entsetzen feststellen, dass sein Tisch der einzige für vier Personen war, an dem nur ein Gast saß, und außerdem musste er feststellen, dass sie direkt auf ihn zusteuerten. So viel zu einsamen Vergnügungen.
»’Tschuldigung, Sir«, sagte der Neger und senkte besänftigend den Kopf, dann rückte er der Frau den Stuhl gegenüber Charlie zurecht (sie war in den Dreißigern, zu blass, zu dünn, hübsche Augen, ein dreistöckiger Hut, schief wie der Turm von Pisa, verziert mit künstlichem Obst, Spitzen, Bändern, einem Sortiment Tand und einem kleinen, bleichen toten Vogel mit Glasaugen, der auf einem Zweig aus Draht thronte) und den Stuhl neben ihr für den Mann (zu große Nase, widerspenstiges Haar, gekleidet wie ein Prinz auf dem Weg zur Oper). Charlie waren sie augenblicklich unsympathisch, aber dann wurde er etwas milder gestimmt; war wie immer gewillt, den Reichen Konzessionen zu machen.
»Guten Abend«, offerierte Charlie. Er trug einen Anzug aus blauer Serge – ein bisschen fusselig vielleicht, aber das rosa-weiß gestreifte Hemd hatte er höchstens drei- oder viermal getragen, und die Manschetten und den Kragen hatte er erst am Morgen gekauft.
Die Frau lächelte – sie hatte auch hübsche Zähne. Und Lippen. »Abend«, murmelte der Mann und reichte dem Kellner die Weinkarte zurück, als wäre es Abfall, dann legte er die Speisekarte verkehrt herum auf den Tisch, ohne auch nur einen Blick hineinzuwerfen. Er fixierte Charlie mit einem kaum merklichen Silberblick, sah ihn vielleicht einen Augenblick zu lange an und brach in ein Grinsen aus. Plötzlich schoss eine fleischlose Hand, gefolgt von einem knochigen Gelenk, über den Tisch, und Charlie nahm sie überrascht in die seine. »Will Lightbody«, sagte der Mann mit einer vor übermäßiger Begeisterung dröhnenden Stimme.
Charlie nannte seinen Namen, entzog ihm die Hand und wandte sich der Frau zu.
»Mr. Ossining«, sprach Will, und seine Stimme klang jetzt seltsam hohl, als spräche er vom Grund eines Brunnens, »darf ich Ihnen meine Frau vorstellen, Eleanor.«
Der hoch aufragende Hut erbebte unter seinen Auswüchsen, ein Paar scharfer, spöttischer Augen hielten Charlie fest wie eine Pinzette, und Eleanor Lightbody murmelte einen Standardgruß. Es folgte Schweigen, Eleanor blickte auf ihre Speisekarte hinunter, Will grinste unangemessen, hemmungslos, ein dreißigjähriger Schuljunge mit einem neuen Spielzeug. Charlie begann sich zu fragen, ob er nicht ein wenig gestört sei.
»Austern«, sagte Will plötzlich. Eleanor sah von der Speisekarte auf.
Charlie blickte auf das halbe Dutzend Schalentiere auf seinem Teller und dann auf Wills grinsendes Pferdegebiss. »Ja. Bluepoints. Sie sind köstlich, richtig süß … Möchten Sie eine probieren?«
Das Grinsen erlosch. Wills Unterlippe schien zu zittern. Er sah zum Fenster hinaus. Es war Eleanor, die diesmal das Schweigen brach. »Es ist wegen seines Magens«, sagte sie.
Sein Magen. Charlie zögerte, überlegte, welches die angemessene Reaktion sei. Mitgefühl? Überraschung? Eine geistreiche Apologie der verdauungsfördernden Eigenschaften der Austern? Er sah wehmütig auf seinen Teller – die Atmosphäre musste bereinigt werden, bevor er die nächste Schale in Angriff nehmen konnte, so viel stand fest. »Dyspepsie?«, fragte er sich laut.
»Ich habe seit drei Wochen nicht mehr geschlafen«, sagte Will. Er fummelte an den Ecken der Speisekarte herum und fing an, unter dem Tisch nervös mit dem Fuß auf den Boden zu klopfen. Ohne das vorteilhafte Grinsen war sein Gesicht länger und schmaler, die Augen hatten sich in ihre Höhlen zurückgezogen, und unter den Backenknochen zeichneten sich zwei ausgeprägte Einbuchtungen ab. Er sah aus, als stünde er mit einem Bein im Grab.
»Wirklich? Was Sie nicht sagen.« Charlie blickte von Mann zu Frau und wieder zurück. Sie hatte auffallend schöne Augen, wirklich, aber der spöttische Glanz war daraus verschwunden, erloschen wie das Grinsen ihres Mannes. »Drei Wochen?«
Will schüttelte betrübt den Kopf. »Leider. Ich liege im Bett und starre zur Decke hinauf, und mein Magen ist wie eine Dampfmaschine, wie ein kochender Kessel, und dann sehe ich im Dunkeln diese Visionen …« Er beugte sich vor. »Pasteten, Orangen, Steaks – und alle haben Arme und Beine, tanzen durchs Zimmer und machen sich über mich lustig. Verstehen Sie, was ich meine?«
In diesem Augenblick kam der Kellner wieder, blieb vor ihrem Tisch stehen, den Bestellblock in der Hand, und ersparte Charlie die Peinlichkeit einer Antwort. »Haben Sie sich entschieden, Sir? Madame?«
Jenseits der Fenster wurde es Nacht, der tote graue Himmel senkte sich auf die tote graue Landschaft herab, die Schatten vertieften sich, Bäume gerieten in Vergessenheit, der Fluss wurde schwarz. Plötzlich bemerkte Charlie sein Spiegelbild, das ihm entgegenstarrte – er sah einen hungrigen Mann in einem fusseligen blauen Anzug, der vor einem Teller mit Austern kauerte. Er nutzte die momentane Ablenkung, ließ hastig eine Auster seine Kehle hinuntergleiten, leerte sein Glas und füllte es erneut; der kalte Flaschenhals fühlte sich angenehmer an als irgendetwas, was er je gehalten hatte.
»Die Suppe«, sagte Eleanor, »sie ist doch mit Lauch, nicht wahr?«
»Ja, Madame.«
»Keine Rinder- oder Hühnerbrühe –« Ihre Stimme hatte einen warnenden Tonfall angenommen, den der Kellner sofort erkannte.
»O nein, Ma’am – reine Gemüsebrühe.«
»Ja. In Ordnung. Die Hauptgerichte kommen alle nicht in Frage – würden Sie mir bitte verschiedene Gemüse bringen? Vermutlich servieren Sie es nicht roh?«
Dem Kellner war unbehaglich zumute. Er trat von einem Bein auf das andere. Sein weißes Jackett war so hell, dass es zu glühen schien. »Ich versichere Ihnen, wir haben hier nur das Beste vom Besten, Ma’am …« Er stockte. »Ich werde beim Koch nachfragen.« Und dann, nachdem er sich einen Augenblick suchend auf dem Boden umgesehen hatte, fügte er hinzu: »Wir haben heute Abend einen hervorragenden Gurkensalat.«
Eleanor seufzte gequält. »Also gut, den Gurkensalat. Und ein Glas Wasser.« Als sie sich vorbeugte, um dem Kellner die Speisekarte zu reichen, schien ihr noch etwas anderes einzufallen. »Ach«, sagte sie, »und eine Schale Kleie. Um sie auf den Salat zu streuen.«
»Kleie?« Der Kellner blickte verwirrt drein. »Ich werde sofort beim Koch nachfragen, Ma’am.«
Sie machte ein leises, paffendes Geräusch mit den Lippen. »Ach, nein«, sagte sie. »Nur die Suppe und den Salat.«
Der Kellner wirkte erleichtert, als er die Speisekarte entgegennahm, sich vorneigte und aufmerksam in Will Lightbodys zur Decke gewandtes Gesicht sah. »Und für den Herrn?«
Als Charlie eine weitere Auster nahm, konnte er nicht umhin, den Ausdruck von Panik zu bemerken, der sich in den kaum merklichen Silberblick seines Tischgesellen geschlichen hatte. Will winkte beiläufig mit der Hand ab, als wäre er überhaupt nicht zum Essen hergekommen, als handelte es sich nicht um den Speisewagen der Twentieth Century Limited, des modernsten Zugs der Welt, der sich der besten Küche und des besten Service der Welt rühmte. »Oh, für mich nichts. Etwas Toast vielleicht.«
»Toast, Sir?«
»Toast.«
Während der Kellner über diese Bestellung nachdachte, herrschte Schweigen. Man befand sich in einer Ära herzhaften und kultivierten Essens, zwölfgängiger Menüs, von Suppen, Soßen und Bratensaft, von drei Fleischgängen und einem Fischgang, ganz zu schweigen von den Strömen aus Wein – Sherrys, Bordeaux, Portweine, Zinfandel und Niersteiner – und einer reichen Folge deftiger Desserts. Die Küche ächzte unter Rippenspeeren, gebratenen Gänsen und Wildschlegeln, die Köche knackten pausenlos Austernschalen und pochierten Stör, die Kellner schwankten unter der Last schwerbeladener Tabletts den Gang entlang, und hier saß Will Lightbody und bestellte Toast. Das Schweigen dauerte an, und Charlie wurde sich des fernen Ratterns der Schienen bewusst. Am Nachbartisch stieß eine in Pelz gehüllte Frau ein silbriges Lachen aus als Antwort auf etwas, was ihr Begleiter – ein alter Mann mit einem gewaltigen Schnurrbart – in gedämpft knurrendem Tonfall gesagt hatte.
»Und, äh, wie möchte ihn der Herr?«
Charlies neuer Bekannter schien beunruhigt. »Wie möchte ich was?«
»Ihren Toast, Sir.«
»Ach so. Getoastet, bitte.« Will blickte seine Frau unsicher an. »Und dazu einen Teller Brühe«, fügte er im selben Atemzug hinzu, als fürchtete er, dass ihm die Zunge aus dem Mund gerissen würde, bevor er die Worte ausgesprochen hätte.
»Keine Brühe«, konterte Eleanor ebenso schnell, und ihr Tonfall duldete keinen Widerspruch: Der Kellner strich die »Brühe« so prompt wieder aus, wie er sie notiert hatte. »Voller Kreatin«, erklärte sie und sah dabei Charlie mit einem Blick an, aus dem er nicht recht schlau wurde.
»Ist das alles?«, fragte der Kellner, faltete die Hände wie zum Gebet und nickte kurz und servil.
Will sah ihn scharf an. »Ja, ja. Das ist alles.«
Der Kellner zog sich zurück, die Frau am Nachbartisch lachte wieder, und die Nacht wurde noch etwas dunkler, so dass die Gäste die Landschaft, die an ihnen vorbeirauschte, nicht mehr erkennen konnten. Charlie neigte den Kopf, um sich die nächste Auster einzuverleiben.
»Müllschlucker des Meeres«, sagte Will plötzlich.
Eleanor lächelte, ein schwaches Zusammenpressen der Lippen. Ihre Augen blickten wieder durchdringend.
»Wie bitte?«, entgegnete Charlie und hob das Glas an die Lippen, während noch das weiche Fleisch der Auster seine Zähne berührte und sie sich einen Weg die Kehle hinunter zu ihren Artgenossen bahnte.
»Austern«, sagte Will und wandte sich seiner Frau zu. »Stimmt doch, Liebling? Nennt sie dein Dr. Kellogg nicht so?«
Irgendwo war hier ein Witz versteckt – Charlie sah es ihren Augen an –, und er schien auf seine Kosten zu gehen. Sie legte den Kopf etwas schief, so dass die dumm glotzenden Glasaugen des Vogels auf ihrem Hut gespenstisch im Licht aufblitzten. »Ja, liebster Will«, sagte sie und starrte dabei Charlie an, »und er hat nur allzu recht damit. Austern sind nun mal schmutzig. Sie leben im Schlick und Dreck und ernähren sich davon. Und der Saft der Austern, so sagt er, ist nicht mehr und nicht weniger als Urin.«
Charlie sah hinunter auf die drei jämmerlichen Schalenhälften, die noch auf seinem Teller lagen. »Urin?«
Ihr Lächeln wurde breiter. »Pisse«, sagte sie, »um es volkstümlicher auszudrücken. Wissen Sie, wenn man Wasser lässt.«
Will grinste ihn jetzt auch wieder an, seine Augen eingebettet in ein filigranes Netz aus Runzeln und Lachfalten; er sah aus wie ein Wasserspeier, der anzüglich von einem Giebel heruntergrinst. »Ich würde keinen Müllschlucker essen, Sie etwa?«
Charlie spürte, wie sich ihm die Nackenhaare aufstellten. »Eigentlich –«, setzte er an, aber Eleanor schnitt ihm das Wort ab.
»Dr. Kellogg hat sich aus diesem Zug eine Kostprobe kommen lassen, wussten Sie das?«, sagte sie und drohte ihm nachdrücklich mit einem behandschuhten Finger. »Er ließ sie als Frachtgut vom Bahnhof in Chicago nach Battle Creek bringen und hat sie dann in den Labors des San analysiert …« Sie hielt inne, um dem nächsten Satz mehr Gewicht zu verleihen. »Und er hat herausgefunden, dass der Saft der Austern nahezu identisch ist mit einem Teelöffel voll, tja, menschlichem Urin.«
Charlie hatte seine Austern eigentlich verteidigen wollen – Urin oder nicht, sie waren die idealste Möglichkeit, einen Abend zu beginnen oder zu beenden, die er sich vorstellen konnte –, aber ein neuer Aspekt war in der Unterhaltung aufgetaucht, und er stürzte sich auf ihn. »Battle Creek? Sagten Sie Battle Creek?«
Eleanor nickte. Will wackelte mit dem Kopf.
»Aber dort will ich hin – Battle Creek. Ich bin nach dorthin unterwegs. Sobald wir in Chicago ankommen, steige ich in die Michigan Central Line um.« Er liebte den Klang von Michigan Central Line – dabei fühlte er sich weltmännisch, weit gereist, als bedeutender Mann, der bedeutende Dinge tut. Unerheblich, dass er bislang nicht weiter nach Westen vorgedrungen war als bis zu den Jersey Palisades und mit Nachtzügen nichts weiter zu tun gehabt hatte, als ihnen nachzusehen, wenn sie, bis zu den Fenstern vollgepackt mit ihrer wohlhabenden Ladung, aus dem Bahnhof rollten.
Er wollte sich darüber auslassen, über Fahrpläne, Gepäckträger und Anschlusszüge, alles sagenhaft exotische Dinge für ihn, aber er konnte nicht fortfahren. Die Lightbodys waren beide in schallendes Gelächter ausgebrochen, und Eleanor klatschte sogar in die Hände wie ein kleines Mädchen auf einer Party. »Aber das ist ja großartig«, sagte sie prustend. »Was für ein wunderbarer Zufall.«
»Sie etwa auch?«, mutmaßte Charlie.
»Ja«, sagte Will, und sein Grinsen wurde um ein, zwei Grad weniger breit, »wir sind unterwegs ins Sanatorium – zur Kur.« Er zögerte, und seine Miene wurde erneut freudlos: Er war gehetzt, war am Verhungern, vor der Zeit verdammt. »Ich bin noch nie – noch nie dort gewesen«, gestand er, »aber Eleanor –«
»Das wird mein dritter Aufenthalt«, verkündete sie und langte anmutig hinauf an den Hut, um ihn zurechtzurücken. »Ich fürchte, ich bin zu einem dieser ›Battle Freaks‹ geworden, über die man in der Zeitung liest.«
Charlie konnte nicht anders, er unterzog sie einer raschen Musterung: schlanke Arme und zierliche Hände, die weiße Wölbung der Kehle über dem eng anliegenden Kragen, der mit einer Nadel geschmückt war, die Schwellung des Busens. Und was fehlte ihr? Sie wirkte gesund – ein bisschen angespannt und blass vielleicht, aber nichts, was eine Woche auf dem Land nicht kurieren würde. Der Mann war ein Klappergestell – er sah aus, als könnte er alle Hilfe brauchen, die er bekommen konnte –, aber die Frau, die Frau faszinierte ihn. Er wollte die Frage in Worte fassen, überlegte, wie er sie formulieren sollte, als der Kellner mit zwei Gläsern Wasser auftauchte und sie schwungvoll vor den Lightbodys auf den Tisch stellte. »Ist der Herr fertig?«, murmelte der Kellner und machte eine Handbewegung auf die verbleibenden Austern zu.
Charlie blickte in Eleanors spöttische Augen und dann auf Will, der ihm einen trübseligen Blick von der Seite zuwarf. Er winkte ab, und die Austern verschwanden.
»Sagen Sie, Mr. Ossining«, sagte Will, »wenn ich fragen darf – was führt Sie nach Battle Creek? Rekonvaleszenz? Geschäfte? Vergnügen?«
Charlie war etwas aus dem Gleichgewicht, seitdem sich die Lightbodys zu ihm gesellt hatten – die Leute waren merkwürdig, daran gab es keinen Zweifel –, aber er wusste nur zu gut, dass Merkwürdigkeit ein Vorrecht der Reichen war und sein Job und Auftrag darin bestand, das nach bestem Vermögen auszunutzen. Er spürte ein plötzliches Aufwallen seines alten Selbstbewusstseins. »Geschäfte«, antwortete er. »Das Frühstückskostgeschäft. Hier ist meine Karte« – er kramte in seiner Westentasche –, »ah, hier ist sie.« Er reichte sie Will, der, während er sie in Empfang nahm, in seinem Dinnerjackett schon nach seiner eigenen suchte.
»Welche Firma ist es, Mr. Ossining?« Eleanor beugte sich vor, um auf die Karte zu spähen, die ihr Mann in der Hand hielt. »Nullo-Fruto? Tryabita? Force? Vim?«
Charlie war ihr gefällig, indem er eine zweite Karte – er war ungeheuer stolz auf seine Visitenkarten – vor ihr auf den Tisch legte:
»Beeindruckend«, murmelte Eleanor, und Charlie war nicht sicher, ob sie es ernst meinte.
»Sehr beeindruckend«, stimmte ihr Will zu.
»Ich – Sie verzeihen hoffentlich, wenn ich es offen gestehe –, ich hätte nicht gedacht, dass Sie ein Befürworter wissenschaftlicher Ernährung sind, Mr. Ossining«, sagte Eleanor. »Und dieser Passus – ›entlastet den Darm‹ – ist einer von Dr. Kelloggs Wahlsprüchen. Allerdings verwendet er ihn auf reflexive Weise, indem er darauf besteht, dass sich der Darm selbst entlasten muss.«
Charlie spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. Er nippte an seinem Glas, um seine Aufregung zu kaschieren. »Ja«, sagte er schließlich, »oder vielmehr, ich weiß es nicht. Ich hab’s in einer Zeitschrift gelesen.«
Aber in der Zwischenzeit war Eleanors Gurkensalat eingetroffen und Wills Toast – zwei Scheiben trockenes Weißbrot, ordentlich diagonal aufgeschnitten und ohne Rinde. Der Kellner drehte fachmännisch das Tablett und stellte Charlies zweiten Gang vor ihm ab – eine mit Deckel verschlossene weiße Porzellanschüssel, aus der es dampfte. Mit gelerntem Kellnerschwung nahm er den Deckel ab und enthüllte eine heiße, sahnige Flüssigkeit: Austerneintopf.
Will betrachtete mürrisch seinen Toast. Er schien seine eigene Karte vergessen zu haben, die er schließlich doch noch aus einer Tasche gefischt hatte und jetzt zwischen Daumen und Zeigefinger hielt, während er hinunterstarrte auf den bröseligen, braunen, ungebutterten Toast auf dem Teller vor ihm. Plötzlich hellte sich sein Blick auf, und er sah rasch zu Charlie auf. »Und wie lange sind Sie schon im Geschäft, Mr. Ossining?«
Charlie bearbeitete den Eintopf mit dem Löffel in der Hoffnung, die geriffelte Anatomie der Müllschlucker der Tiefe verbergen zu können, die hie und da aus dem sahnigen Schlag Kartoffeln, Zwiebeln und Karotten herausragten. (Na gut – und wenn er nun Austern mochte? War das ein Verbrechen? Woher sollte er wissen, dass der Verzehr einer Auster der Einnahme eines Teelöffels des eigenen Urins gleichkam?) Eleanor war mit ihrem Gurkensalat beschäftigt, bestreute ihn eifrig mit irgendwelchen Flocken, die sie einer braunen Papiertüte entnahm. »Ach«, sagte Charlie, überrascht von der Frage, »na ja, äh, eigentlich, ich meine, eigentlich haben wir die Firma vor kurzem erst gegründet.«
Will zog die Augenbrauen hoch.
»Das heißt« – er stocherte zwischen den Austern herum, als wären sie seine eingeschworenen Feinde –, »wir sind gerade dabei, sie zu gründen, äh, morgen Nachmittag.«
»Ich verstehe«, sagte Will. Seine Lippen waren zusammengekniffen, zwei dürftige Fleischlappen in einem ansonsten fleischlosen Gesicht. »Sie sagen ›wir‹ – haben Sie Geschäftspartner?«
Das Bild Goodloe Benders, in seinem auffälligen Anzug und den hochglanzpolierten Lederschuhen, stieg kurz vor Charlies Augen auf. Bender würde ihn in Battle Creek erwarten, er sollte die Ausrüstung gekauft, Arbeitskräfte angeheuert, Bestellungen aufgenommen haben. In einem halben Jahr würden sie Millionäre sein. »Ja.« Er lächelte.
Eleanor halbierte mit der Gabel eine Gurkenscheibe und sah auf. »Haben Sie denn genügend Kapital, wenn ich fragen darf?«
»Ja, o ja. Selbstverständlich.« In diesem Augenblick hätte sich Charlie der Brieftasche nicht bewusster sein können, die flach gegen seine Brust drückte und sich anfühlte, als wäre sie zur Größe eines Aktenkoffers angeschwollen. Sie enthielt achthundertneunundvierzig Dollar in bar – mehr Geld, als er je zuvor in seinem Leben auf einem Haufen gesehen hatte – und einen Scheck über dreitausend Dollar, unterschrieben von Mrs. Amelia Hookstratten aus Peterskill, New York. »Unsere größte Investorin ist eine bekannte Dame der Gesellschaft aus dem Distrikt Westchester –«
»Westchester?« Wieder sprang ihm Wills Stimme entgegen, und das Grinsen, das sein Gesicht völlig veränderte, erhellte seine Züge. »Aber da kommen wir her – bestimmt kennen Sie Peterskill?«
Jetzt war Charlie dran. »Also, das ist aber ein Zufall. Wirklich wahr. Unsere Investorin – ich meine, unsere wichtigste Investorin – lebt in Peterskill. Kennen Sie eine Mrs. Hookstratten?«
Der Himmel öffnete sich, Trompeten erschallten, Rufe der Verwunderung und des Erstaunens brachten das Gespräch am Nebentisch und an der Hälfte aller anderen Tische im Wagen zum Verstummen. »Amelia Hookstratten?«, rief Will aus. »Ob wir sie kennen?« Er wechselte einen komplizenhaften Blick mit seiner Frau, die nicht weiteraß und deren Augen plötzlich leuchteten.
Charlie grinste dämlich. Der ältere Mann mit dem Schnurrbart starrte sie unverfroren an. Man hörte das leise Rattern des Zuges.
»Also«, dröhnte Will mit seiner hohl klingenden Stimme, »sie ist die beste Freundin meiner Eltern – die allerbeste Freundin, die meine Mutter auf der Welt hat. Ob wir sie kennen?« Und sein Lachen verwandelte sich in ein hohes, würgendes Wiehern.
Charlie fühlte sich mit einem Mal gut, sehr gut, großartig. Auf der anderen Seite seiner Karte, der Seite, die die Lightbodys erst noch lesen mussten, stand eine bescheidene Ankündigung und eine Postfachadresse in Manhattan: »Vertrauenswürdige Investoren können ein kleines Aktienpaket erwerben.« Es war jetzt nicht der richtige Augenblick, sie darauf hinzuweisen, aber natürlich würden die anfänglichen Kosten von Per-Fo nicht unerheblich ausfallen – das behauptete Bender zumindest immer wieder –, und sie brauchten alle Investoren, die sie auftreiben konnten.
Er trank die Flasche Champagner aus, lächelte seinen neuen Bekannten ununterbrochen zu, diesen wunderbaren und reichen Menschen – er roch, dass sie Geld hatten, so wie ein Wiesel ein Huhn riecht, ja wirklich –, diesen wunderbaren Menschen, den Lightbodys aus Peterskill, New York. Peterskill. Der Ort war eine Goldmine – vielleicht sollten sie dort eine Getreideflockenfabrik gründen. In Buffalo gab es eine, oder? Er wollte gerade auf ihre Gesundheit anstoßen – die letzten Tropfen seines Champagners gegen ihr schlichtes, enthaltsames Wasser –, als sich der Kellner erneut näherte, das Tablett geschickt auf einer Schulter balancierend, und Charlies erstes Fleischgericht servierte, als wäre es ein Geschenk des Sultans von Marokko: Porterhousesteak, halb durch und in einem See seines eigenen nahrhaften, blutigen Saftes schwimmend.

3. SEARS’-WHITE-STAR-ALKOHOLENTZIEHUNGSKUR

Spät in dieser Nacht, lange nachdem die letzten Teller gewaschen und die Herde erkaltet waren, lange nachdem sich der Salonwagen geleert hatte und der letzte erschöpfte Schaffner in den Schlaf des Vergessens gesunken war, lag Will Lightbody in seinem dunklen Abteil auf dem Bett und sah zu, wie die Stoppelfelder des östlichen Ohios am Fenster vorbeizogen. Eleanor hatte darauf bestanden, ein separates, wenn auch angrenzendes Abteil zu belegen. Zu Hause schliefen sie noch gemeinsam in einem Bett, in einem uralten Himmelbett, das Wills Urgroßmutter aus Bournemouth mitgebracht hatte, eine dunkle Festung von einem Bett, in dem sechs Personen nebeneinander schlafen konnten und immer noch Platz blieb für ein, zwei Hunde. Aber seitdem Eleanor das Baby verloren und sein Magen Konkurs angemeldet hatte, gab es keinen nennenswerten körperlichen Kontakt mehr zwischen ihnen. Zuerst hatte er protestiert, aber sie hatte sich auf ihren angegriffenen Zustand berufen – und auf seinen. Außerdem, hatte sie hinzugefügt, wenn wir erst mal im San sind, werden wir für diese Art von Beschäftigung keine Zeit mehr haben – und auch keinen Grund. Dr. Kellogg, so schien es, hielt auch nichts von Sex.
Will schloss die Augen. Er hatte gehofft, dass ihn das sanfte Schaukeln des Zuges einschläfern würde, wie ein Kind, das in seiner Wiege geschaukelt wird, aber es war zwecklos. Seit Stunden lag er jetzt wach, war so erschöpft, dass selbst das Einschlafen als eine zu große Anstrengung erschien. Es lag an seinem Magen, natürlich. Der Schmerz war stark und rotglühend, schraffierte die Ränder seiner Schlaflosigkeit mit einem heißen Pinsel. Und an der Wurzel, irgendwo tief unten, da lag der Toast. Harmlos, trocken, zweimal getoastet und fade. Aber da war er, versengte seine Eingeweide, bis er glaubte, einen Humpen Säure hinuntergestürzt zu haben, stieg auf in seine Kehle und entzündete seine Mandeln, nur um dann wieder hinabzufahren und auch noch sein anderes Ende zu attackieren. Kein Wunder, dass Eleanor nicht mehr mit ihm schlafen wollte, die Luft erfüllt mit pestilenzialischen Gerüchen, sein Körper von Konvulsionen gebeutelt, die Laken verdreht zur Schlinge eines Henkers … Herr im Himmel, was würde er nicht für eine paar Minuten Frieden geben …

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